"Unter uns die Nacht" von Becky Chambers

FISCHER TOR

Leseprobe: Unter uns die Nacht (Becky Chambers)


Hier könnt ihr in die ersten Seiten von "Unter uns die Nacht" reinlesen: 


Darum geht's in »Unter uns die Nacht«: Seit Jahrzehnten lebt die Menschheit im Exil: Die Siedlerschiffe der Exodus-Flotte kreisen um eine neue Sonne, und das Leben mit begrenzten Ressourcen ist der neuen Generation längst zur Gewohnheit geworden.

Doch nicht jedem gefällt ein Dasein unter künstlichen Bedingungen, und je weiter sich dieExodaner der Galaktischen Union öffnen, desto mehr geraten die alten Traditionen unter Druck. Und so stehen auch Kip, Tessa, Sawyer, Isabel und Eyas vor der Frage: Ist ihr Alltag auf der Asteria alles, was das Leben für sie bereithält?

 

***Leseprobe***

Teil 1 - VON ANFANG AN

FEED:                  Institut für interstellare Migration Reskit (allgemeiner Nachrichtenfeed)

ARTIKEL:              Der moderne Exodus – Teil 1

AUTOR:                Ghuh’loloan Mok Chutp

VERSCHLÜSSELUNG:         0

TRANSLATIONSPFAD:        [Hanto:Kliptorigan)

TRANSKRIPTION:    0

NETZ-ID:               2310-483-38, Isabel Itoh

[Systemmitteilung: Bei dem von Ihnen gewählten Feed handelt es sich um eine Übersetzung aus dem geschriebenen Hanto. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, gehört zum geschriebenen Hanto die Notation von Gesten, für die es in anderen Sprachen der GU keine symbolischen Entsprechungen gibt. Die auf Ihrem Scribus installierte Übersetzungssoftware war daher nicht in der Lage, das folgende Material direkt zu übersetzen. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine modifizierte Übersetzung, die für den durchschnittlichen Kliptorigan-Leser nachvollziehbar sein sollte.]

Seien Sie gegrüßt, lieber Gast, und willkommen! Ich bin Ghuh’loloan Mok Chutp, und dies sind meine Worte. Ich hoffe, dass ich mich Ihnen hinreichend verständlich machen kann, damit die Zeit, die Sie auf diesem Feed verbringen, ser Mühe Wert ist. Ich werde meine Fähigkeiten nach bestem Vermögen einsetzen, mit dem Ziel, Sie zu informieren und zu unterhalten. Sollte ich mit diesem Anliegen scheitern, so akzeptieren Sie bitte meine aufrichtige Entschuldigung und seien Sie versichert, dass der Fehler allein bei mir liegt und nicht auf meinen Arbeitgeber, meine Ausbilder oder meine Familie zurückgeht.

Für den Fall, dass Sie mit meiner Arbeit nicht vertraut sind, erlauben Sie mir, mich Ihnen kurz vorzustellen. Ich bin Ethnographin am Institut für interstellare Migration in Reskit. Ich bin seit zweiundzwanzig Standards auf diesem Gebiet tätig, und mein Schwerpunkt sind die nicht sesshaften und orbital lebenden Gesellschaften der Gegenwart. Mit einigen wenigen Ausnahmen bin ich bisher stolz auf meine Arbeit. Ich bin der Überzeugung, für die Aufgabe, die ich Ihnen kurz erläutern werde, qualifiziert zu sein, und hoffe, dass Sie mir zustimmen werden.

Woran denken Sie, lieber Gast, wenn von der Exodus-Flotte die Rede ist? Man könnte den Begriff wörtlich definieren: die Gesamtheit aller Schiffe, in denen die Überlebenden der menschlichen Spezies ihren untergegangenen Planeten verlassen haben. Vielleicht sehen Sie in der Flotte ein Symbol der Hoffnungslosigkeit, der Armut oder der Zähigkeit. Leben Sie in einer Gesellschaft, in der es auch Menschen gibt? Kennen Sie Personen, die in einem dieser altertümlichen Gefährte zur Welt kamen? Oder entstammen Sie einer homogeneren Gesellschaft und sind dementsprechend überrascht, dass die Flotte immer noch bewohnt wird? Vielleicht stellt Sie das ganze Konzept Flotte vor ein Rätsel. Vielleicht empfinden Sie es als geheimnisvoll oder aufregend. Womöglich sind Sie auch selbst ein Mensch, lieber Gast, und betrachten die Flotte als Ihr Zuhause – oder aber als einen Ort, der Ihnen ebenso fremdartig erscheint wie uns allen.

Was immer Ihr Hintergrund auch sein mag, die Flotte macht alle neugierig, die nicht persönlich mit ihr verbunden sind. Sofern Sie keine enge Freundschaft mit einem Menschen pflegen oder im Fernhandel tätig sind, ist es unwahrscheinlich, dass Sie sie besucht haben. Obwohl die Zahl der Menschen, die in GU-Territorien und Planeten-Kolonien leben, die der Exodaner insgesamt übersteigt, ist und bleibt die Flotte der Ort, wo man diese Spezies außerhalb des Sol-Systems in ihrer höchsten Konzentration antrifft. Und auch wenn viele Menschen nie einen Fuß in die großen Wohnschiffe gesetzt haben, ist der Zug der Flotte doch eine Geschichte, die fest in ihrem kollektiven Bewusstsein verankert ist. Ungeachtet ihrer jeweiligen Gründungsphilosophie ist jede moderne menschliche Gesellschaft elementar von dieser Abstammung geprägt. Auf die eine oder andere Weise hat sie Einfluss darauf, wie die Menschen sich selbst sehen und wie wir anderen sie wahrnehmen.

Und wie kann man sich die Raumflotte heute vorstellen? Wie leben diese Leute? Welches Bild haben sie von der GU? Warum halten sie an ihrer Lebensweise fest? Das sind die Fragen, auf die ich in der nächsten Zeit eingehen möchte. Ich, Ghuh’loloan, werde selbst ein Gast sein. Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich unterwegs zur exodanischen Flotte, wo ich acht Tagzehnte bleiben werde. Ich werde an Bord eines exodanischen Wohnschiffs leben, mit exodanischen Bürgern sprechen und mich mit ihrer Kultur vertraut machen. Zwar wurde schon viel über den Zustand der exodanischen Flotte nach der Zeit des Erstkontakts und bis zum Eintritt in die GU geschrieben, doch seither wurde nur wenig über sie berichtet. Ich fürchte, man betrachtet die Präsenz der Menschen in multispeziären Gemeinschaften als Beweis dafür, dass sie sich in unsere vielfältigen Gesellschaften integriert und ihre alte Kultur aufgegeben haben. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich durchquere nun die Galaxis, um mich auf die Suche nach einer wahrheitsgemäßeren Geschichte zu machen.

Es ist meine Hoffnung, lieber Gast, dass Sie sich mir dabei anschließen werden.

TESSA

EMPFANGENE NACHRICHT

VERSCHLÜSSELUNG:         0

TRANSLATIONSPFAD:        0

VON:                   Ashby Santoso (Pfad: 7182-312-95)

AN:                     Tessa Santoso (Pfad: 6222-198-00)

 

Hey Tess,

ich weiß zwar nicht, ob du die Feeds gelesen hast, aber wenn ja: Mir geht’s gut. Falls du sie nicht gelesen hast: Auf Hedra Ka sind ein paar schlimme Sachen passiert, aber mir geht’s, wie gesagt, gut. Das Schiff hat zwar schwer gelitten, aber es ist stabil, und wir sind nicht in unmittelbarer Gefahr. Fürs Erste habe ich alle Hände voll mit den Reparaturen und meiner Crew zu tun und melde mich über Sib, sobald ich kann. Dad schicke ich auch gleich noch eine Nachricht.

Mehr demnächst, versprochen. Knuddel die Kinder von mir.

Ashby

 

Getreu der alten Tradition sämtlicher Geschwister auf allen Welten hätte Tessa ihren Bruder am liebsten umgebracht.

Natürlich nicht richtig. Nur ein bisschen spacen, damit ihr Anliegen durchdrang, gefolgt von einer schnellen Wiederbelebung und einer heißen Tasse Tee. Das, würde sie dann sagen, während er schlotternd auf dem Fußboden saß und seine Tasse umklammerte, so wie früher, als er noch klein war. Das ist es, was du uns jedes Mal antust, wenn du von der Landkarte verschwindest. Wir alle halten den Atem an, bis du wieder da bist.

Tessa warf ihren Scribus auf den Schreibtisch und rieb sich mit den Fingerspitzen die Augen. »Scheiße«, flüsterte sie, voller Wut und Erleichterung. Sie hatte die Feeds gesehen. Darin hatte natürlich nicht gestanden, welches Zivilschiff die Toremi bombardiert hatten, aber Tessa hatte gewusst, wohin Ashby im letzten Standard geflogen war und welchen Auftrag er gehabt hatte. »Du blödes …« Sie atmete aus, ihre Augen brannten. »Es geht ihm gut.« Sie holte Luft, und ihre Stimme hörte auf zu zittern. »Es geht ihm gut.«

Sie war sofort in die Frachtstation gegangen, als der Nachrichtenfeed eintraf, obwohl ihre Schicht erst in zwei Stunden anfing und obwohl ihr Vater fand, sie solle zu Hause bleiben, bis klar sein würde, ob sie sich entspannen konnten oder ein Begräbnis vorbereiten mussten. Tessa ertrug es nicht, wie Pop mit der Situation umging: wie er vor dem Pixelprojektor Wache hielt und sich in Dauerschleife sämtliche Feeds ansah, bis ein neuer hochgeladen wurde. Wie er dabei ununterbrochen rauchte und vor sich hinmurmelte und mit wilden Theorien um sich warf. In ihren Augen war es sinnlos, herumzusitzen und auf Nachrichten zu warten, insbesondere da kein Mensch wusste, wann sie eintreffen würden. Also war sie mit der Angst, die ihr die Brust einschnürte, auf ihre eigene Weise umgegangen. Sie hatte Aya aus dem Bett geholt und Ky einen Minikuchen gegeben, damit er nicht quengelte, weil sich der gewohnte Tagesablauf geändert hatte. Anschließend hatte sie auch Aya einen Minikuchen gegeben, damit sie sich nicht über die Ungleichbehandlung beschwerte, und zu Pop gesagt, er solle sie über Vox benachrichtigen, falls es etwas Neues gab.

Wenn du zu Hause bleiben würdest, würdest du es selbst mitbekommen, hatte er gegrummelt, während er sich dicke Brocken Rotschilf in die Pfeife stopfte. Doch sie hatte sich nicht erweichen lassen, und dieses eine Mal hatte er sie nicht weiter bedrängt. Sie hatte ihm die Schulter getätschelt und die Kinder hinüber zu den Parks geschickt, die, wie Tessa bereits vermutet hatte, noch schliefen – aber dafür waren Hexgefährten schließlich da.

Auf dem Weg zur Haustür hatte Aya sie Schritt für Schritt mit Fragen gelöchert. Wieso stehen wir so früh auf? Wieso kann ich nicht hierbleiben? Muss ich in die Schule? Wieso war Opa böse auf dich? Ist mit Dad alles in Ordnung?

Deinem Dad geht es bestens, hatte Tessa gesagt. Das war die einzige Frage, die sie direkt beantwortet hatte. Auf alle anderen erwiderte sie nur: »Weil ich es sage.« Oder: »Das erzähle ich dir später.« Nie und nimmer konnte sie einer Neunjährigen erklären: »Onkel Ashbys Schiff wurde möglicherweise von Aliens in die Luft gejagt, und das ist meine Art, damit umzugehen.« Und nie und nimmer würde eine Neunjährige darauf in einer Weise reagieren, die ihren zweijährigen Bruder nicht ebenfalls in Panik versetzte. Sollten die Kinder einen ruhigen Vormittag haben; die Erwachsenen machten sich schon genug Sorgen für alle.

Tessa bog auf ihrem Schreibtischstuhl den Rücken nach hinten durch, um die Verspannungen zwischen Wirbelsäule und Brustkorb zu lösen. Dann drehte sie den Kopf in Richtung Wandvox und sagte: »224-246.« Zwitschernd bestätigte die Vox eine Privatadresse. »Pop, ist dein Scribus an?«

»Nein«, rief ihr Vater. Er hatte nie ganz begriffen, dass er, obwohl sich die Vox auf der anderen Seite des Zimmers befand, nicht schreien musste, wie bei den früheren Modellen. »Wieso?«

Tessa schnitt eine Grimasse. Wieso, fragte der Mann, der sich den ganzen Vormittag über die Feeds in Endlosschleife reinzog. »Ashby hat geschrieben. Es geht ihm gut.«

Aus der Vox drang ein tiefer Seufzer, gefolgt von einem leisen »Scheiße«. Dann hob er erneut die Stimme. »Was ist mit seinem Schiff?«

»Stabil, meint er. Er hatte nicht die Zeit, viel zu schreiben, nur dass es ihm gutgeht.«

»Ist er noch an Bord? Stabil kann sich sehr schnell ändern.«

»Ashby wird schon wissen, ob sein Schiff noch sicher ist.«

»Diese Toremiwaffen, von denen in den Feeds die Rede war, die können wirklich …«

»Pop, hör auf, dir die Feeds anzuschauen. Okay? Die wissen auch nicht, was los ist, und wollen nur Sendezeit füllen.«

»Ich wollte ja nur sagen, dass …«

»Pop.« Tessa kniff sich in den Nasenrücken. »Ich muss wieder zur Arbeit. Geh doch in die Gärten oder so, ja? Geh ins Jojo’s, iss was.«

»Wann kommst du nach Hause?«

»Weiß ich nicht. Kommt drauf an, wie der Tag läuft.«

»Okay.« Er schwieg kurz. »Ich hab dich lieb.«

Pop war zwar nicht verstockt, aber diese Worte kamen ihm nicht oft über die Lippen. Tessas Herz schmolz. »Ich hab dich auch lieb.«

Als die Vox ausging, atmete sie erneut aus. Sie blickte aus dem Fenster der Werkstatt in die Frachtstation hinüber, wo lange Regalreihen standen, die bis obenhin mit Drähten und allerlei Plunder vollgestopft waren. Sie wurden von einem Rudel Hochleistungsbots überwacht, die jeden Befehl ausführten, den Tessa in ihr Terminal eintippte. Außerdem gab es mehrere Stapel mit Metallteilen, die zu groß für die Regale waren. Niemand fand die Zeit, sie kleinzuschneiden.

Das hier war ihr Reich, ihr Projekt. Sie kontrollierte die Warenein- und -ausgänge und sorgte dafür, dass alles registriert, gewogen und verschlagwortet wurde. Außerdem behielt sie die Übersicht über alles, wofür die Händler und die Gießerei noch nicht bereit waren. Und sie beaufsichtigte die hirnlosen Maschinen, die sämtliche Materialien von dort, wo sie waren, dahin brachten, wo sie gebraucht wurden. Es war ein komplexer Job, aber er überforderte sie nicht, und die meisten Arbeitstage verliefen so, wie sie es sich beim Aufstehen gedacht hatte. Was sie in Anbetracht des ständigen Chaos zu Hause durchaus zu schätzen wusste.

Als sie mit Anfang zwanzig im Lager angefangen hatte, war Frachtstation acht ein ordentlicher Ort gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an die aufgeräumten Materialbehälter und die Importkisten mit den spannenden, in mehreren Alien-Alphabeten beschrifteten Etiketten. Zwanzig Jahre später suchte man diese Dinge hier vergeblich. Importgüter und verarbeitete Vorräte lagerten jetzt woanders. Frachtstation acht war eine von drei auf der Asteria, die sich ausschließlich mit den Überbleibseln der Oxomoco befassten.

Alle Wohnschiffe waren gleich aufgebaut: In der Mitte befand sich ein riesiger Zylinder. Er enthielt alle wesentlichen Systeme und war von einem flachen Ring aus Tausenden von Wohnungen umgeben. An seinem hinteren Ende hing eine Traube klobiger Antriebsmotoren. Die Oxomoco sah mittlerweile nicht mehr so aus. Zum Teil war sie eine zerfetzte Hülle, die sich weit aus der Flotten-Umlaufbahn entfernt hatte, aber immer noch da draußen war und jedem eine Heidenangst einjagte, der ihre Fratze durch ein Shuttlefenster erblickte. Die andere Hälfte war ein Trümmerhaufen, den man einsammelte und in Frachträume wie ihren stopfte. Anstatt mit Alien-Kisten hatte sie es nun also mit einem nicht enden wollenden Strom von Stützstreben, Fußbodenplatten und leeren Sauerstofftanks zu tun. Dinge, die einmal lebenswichtig gewesen waren und die man für unkaputtbar gehalten hatte. Doch es waren nur ein einziges schadhaftes Shuttle, eine falsche Flugbahn und ein Schott mit Materialermüdung nötig gewesen, um mit dieser Vorstellung aufzuräumen. Eine unglückliche Verkettung von lauter Kleinigkeiten also, die zum Tod von mehreren zehntausend Menschen geführt hatte – und zu Frachträumen, die nun bis obenhin mit allem vollgestopft wurden, was von ihrer früheren Behausung noch übrig war.

Pops Worte gingen ihr nicht aus dem Sinn. Stabil kann sich ganz schnell ändern.

»Alles in Ordnung, M Santoso?«

Tessa hob den Kopf. Kip lugte durch die Tür, und sein pickliges Gesicht wirkte besorgt.

Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Ja«, sagte sie. »Ja, es geht mir gut.«

Er sah sie weiter forschend an. Ausweichende Antworten, die bei einer Neunjährigen funktionierten, griffen bei einem Sechzehnjährigen offensichtlich zu kurz. Tessa setzte ein schuldbewusstes Grinsen auf und winkte ihn zu sich herein. »Nur die Familie. Gießt du mir etwas Mek ein?« Sie hielt inne. »Nimm dir auch welchen, wenn du magst.«

Der Junge hob die Augenbrauen. »Meine Schicht ist noch nicht zu Ende.«

Tessa schenkte ihm ein ironisches Lächeln. »Du hast nur noch zwei Tage bei mir, und wir wissen doch, dass du hier keine Ausbildung machen wirst.«

Kip grinste verlegen und zapfte zwei Tassen Mek aus dem Brauer in der Ecke. »Ach kommen Sie, M, so schlecht bin ich auch wieder nicht.«

»Keineswegs«, sagte Tessa. »Du könntest sogar ein ganz passabler Lagerist werden, wenn du dir Mühe geben würdest. Du verfügst über das logische Denkvermögen, das man zum Sortieren braucht. Aber wir wissen doch beide, dass das hier nichts für dich ist.« Sie nickte ihm zu, als er ihr die Tasse reichte, und versuchte gleichzeitig, sich nicht andauernd vorzustellen, wie sie ihrem Bruder Ashby gegen das Schienbein trat. »Aber das ist schließlich der Sinn eines Praktikums, oder? Du musst etwas finden, was zu dir passt. Wie sollst du wissen, was du magst und was nicht, wenn du nicht alles einmal ausprobiert hast. Bei mir warst du fleißig und hast nicht geschlampt.« Nicht sehr jedenfalls, fügte sie in Gedanken hinzu.

Kip setzte sich. Im Moment war er noch eine schlaksige Gestalt mit zu langen Gliedmaßen und ungleichmäßigem Bartwuchs. In ein bis zwei Jahren würde er ein gutaussehender Junge sein, doch bis dahin hatte er noch mit der Pubertät zu kämpfen. »Wo haben Sie Ihr erstes Praktikum gemacht?«, fragte er.

»In der Fischzucht meines Dads«, sagte Tessa. »Dort habe ich volle drei Tage durchgehalten.«

»Weil Sie die Fische nicht töten wollten?«

»Nein, damit hatte ich kein Problem. Aber Pop und ich sind uns dauernd in die Haare geraten.« Sie trank einen Schluck Mek und dachte dabei ausnahmsweise nicht an Ashby. »Hast du schon mal überlegt, es mit den Lebensmittelfarmen zu probieren?«

»Ich war bei den Insekten«, sagte Kip.

»Und?«

»Ich wollte sie nicht umbringen.«

Das überraschte sie kein bisschen. »Aber du isst sie schon, oder?«

»Ja«, sagte er und lächelte immer noch verlegen. »Ich hab’s nur lieber, wenn jemand anders … Sie wissen schon. Es tut.«

»Schon klar«, sagte Tessa. Insgeheim fand sie diese Einstellung albern. Wenn man kein Problem damit hatte, etwas zu essen, dann musste man ihrer Meinung nach auch imstande sein, es zu töten. Aber Kip war ein netter Junge, und sie wollte nicht, dass er sich für sein weiches Herz schämte. »Irgendeine Idee, was du als Nächstes versuchen willst?«

»Glaub nicht. Nicht so richtig jedenfalls.«

»Du hast ja noch Zeit. Und außerdem kannst du noch jede Menge andere Sachen ausprobieren. In der Flotte gibt es schließlich immer was zu tun, was?«

Kips Mund verzog sich zu einem Lächeln, aber es erreichte nicht seine Augen. »Ja«, sagte er. »Kann sein.«

Tessa musterte sein Gesicht. Sie kannte diesen rastlosen, unzufriedenen Ausdruck. Sie hatte ihn vor ungefähr einem Standard im Gesicht ihres kleinen Bruders gesehen, bevor er seine Sachen gepackt und ihnen allen unter Tränen versprochen hatte, nicht sang- und klanglos zu verschwinden. Dieses Versprechen hatte er gehalten – er meldete sich regelmäßig mit Briefen und SIB-Anrufen. Er besuchte sie, wann immer es ihm möglich war. Er schickte ihnen mehr Credits, als sie ihm jemals danken konnten. Aber in der Santoso-Wohnung gab es jetzt ein Zimmer, das nur noch als Rumpelkammer genutzt wurde. Es gab viele solche Zimmer in der Flotte. Pop sagte oft, früher seien leerstehende Räume ein Luxus gewesen. Inzwischen konnten sich die Leute jedoch weiter ausbreiten, länger duschen und ihre Stimmen in den öffentlichen Gängen ein wenig lauter hallen hören.

Während sie Kip musterte, der seinen Mek trank und sich vermutlich tödlich langweilte, fragte sie sich, ob sein Zimmer wohl auch bald leerstehen würde.

ISABEL

Isabel arbeitete nun schon seit vierundvierzig Jahren im Archiv der Asteria, aber Tage wie diesen bekam sie nie über. Die gehörten zu den besten, und entsprechend gut hatte sie sich vorbereitet. Normalerweise fanden im Versammlungsraum Vorlesungen, Seminare und Ähnliches statt, aber heute war er umfunktioniert worden. Isabel und die übrigen Archivare hatten die Deko hervorgezaubert, die sie vor langer Zeit für solche Gelegenheiten hergestellt hatten: aufhängbare Sonneneruptionen aus Schrott und bunte Luftschlangen aus recyceltem Stoff. An der Wand hatten sie einen langen Tisch für selbst zubereitete Speisen und Getränke aufgestellt. Auf einem anderen Tisch waren die neuen Sämlinge ausgebreitet, die eines der Gewächshäuser bereitgestellt hatte, damit die Anwesenden sie mit nach Hause nehmen und in den Gärten ihres Bezirks auspflanzen konnten. Seitlich an der Decke schwebten Leuchtkugeln, die gelbes, grünes und blaues Licht verströmten. Die Farben des Lebens und des Wachstums. Vorn neben dem großen Bildschirm, der die sternenbedeckte Schwärze jenseits der Schotten zeigte, stand ein Podium. Es war mit Luftschlangen und Pflanzen dekoriert, und obenauf lag Isabels Scribus. Er war das wichtigste Utensil überhaupt.

Die Person, die heute geehrt wurde, würde sich an nichts von alldem erinnern, aber die übrigen Anwesenden sehr wohl, und sie würden eines Tages davon erzählen. Letzten Endes lag genau darin der Sinn von Isabels Beruf: Sie sorgte dafür, dass jeder ein Glied in der Kette war und alle sich erinnerten.

Nach und nach trafen die Gäste ein, festlich gekleidet und mit dampfenden Behältern, die nach Gewürzen, Sirup und knusprigem Teig dufteten. Anschließend würde Isabel kein Abendessen mehr brauchen. Einer der Vorzüge ihres Berufs.

Ein Junge bettelte einen Mann an, ihm wenigstens ein Stück von dem abzugeben, was immer sie für die Gemeinschaftstafel mitgebracht hatten. Der Mann ermahnte ihn, geduldig zu sein. Die Ungeduld in seiner eigenen Stimme verriet, dass sie dieses Gespräch heute nicht zum ersten Mal führten. Isabel lächelte. Das war eine Situation, die sie aus beiden Perspektiven kannte.

Zwei Musiker stellten sich neben das Podium. Isabel war mit ihnen bekannt und begrüßte sie herzlich. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie die beiden als Kinder am Esstisch gebettelt hatten. Das Gleiche galt für fast alle Besucher, die gerade hereinströmten, nur nicht für die, mit denen sie selbst vor langer Zeit aufgewachsen war. Hier war kaum jemand, den sie nicht kannte.

Der Raum füllte sich, und ganz zum Schluss traten zwei Leute ein, die einen winzigen dritten Menschen trugen. Damit war Isabels Einsatz gekommen, und sie schritt in ihrer offiziellen Robe routiniert zum Podium. Allmählich verklang das Stimmengewirr. Sie fing den Blick eines der Musiker auf und nickte. Daraufhin nickten die Musiker erst ihr und dann einander zu. Eins und zwei und … formten sie mit den Lippen und spielten dann mit ihrer Blechtrommel und der Langflöte ein fröhliches Stück. Die letzten Stimmen verstummten, und die Menge teilte sich, um das Trio zu Isabel durchzulassen.

Stolz und ein wenig scheu lächelnd blieb das junge Paar vor ihr stehen. Das kleine Mädchen zappelte in den Armen der Frau. Offenkundig interessierte es sich mehr für die glänzende Halskette seiner Mutter als für die Umgebung.

Als das Musikstück zu Ende ging, hob Isabel den Kopf und sah sich im Raum um. Die Anwesenden erwiderten ihren Blick gespannt und voller Heiterkeit. Jeder hier wusste genau, was als Nächstes geschehen würde. Sie hatte die Worte bereits Hunderte, vielleicht sogar Tausende Mal gesprochen. Jeder Archivar konnte sie aufsagen, und jeder Exodaner kannte sie auswendig. Dennoch mussten sie vorgetragen werden.

Isabels Körper erinnerte sie ständig daran, dass er alt war, aber ihre Stimme war immer noch fest und klar. »Wir zerstörten unsere Welt«, sagte sie, »und verließen sie, um zum Himmel emporzufliegen. Wir waren nur wenige. Unsere Spezies war dezimiert. Wir waren die Letzten, die gingen. Wir verließen die Erde. Wir verließen die Meere. Wir verließen die Luft. Wir sahen zu, wie all das immer kleiner wurde. Wir beobachteten, wie es zu einem Lichtpunkt zusammenschrumpfte. Und während wir dabei zusahen, begriffen wir. Wir begriffen, wer wir waren. Wir begriffen, was wir verloren hatten. Wir begriffen, was wir tun mussten, um zu überleben. Wir ließen viel mehr zurück als die Welt unserer Vorfahren. Wir ließen unsere Kurzsichtigkeit zurück. Wir ließen unseren Blutdurst zurück. Wir erfanden uns neu.« Sie breitete die Arme zu einer Geste aus, die all ihre Zuhörer mit einschloss. Ein Teil des Publikums sprach die Worte stumm mit. »Wir sind die Exodus-Flotte. Wir sind die, die gewandert sind und bis heute wandern. Wir sind die Wohnschiffe, die unsere Familien beherbergen. Wir sind diejenigen, die im All schürfen und sammeln. Wir sind die Schiffe, die zwischen ihnen übersetzen. Wir sind die Entdecker, die unsere Namen hinaustragen. Wir sind die Eltern, die vorangehen. Wir sind die Kinder, die ihnen folgen.« Sie nahm ihren Scribus vom Podium und sah das Paar an. »Wie heißt sie?«

»Robin«, sagte der Mann.

»Und welchen Namen trägt euer Zuhause?«

»Garcia«, sagte die Frau.

»Robin Garcia«, sagte Isabel zu dem Scribus. Der Scribus antwortete mit einem Zwitschern und rief den offiziellen Eintrag auf, den sie an diesem Morgen angelegt hatte. Auf dem Bildschirm erschien ein blaues Quadrat. Isabel bedeutete der Mutter vorzutreten. Das Baby verzog das Gesicht, als sie einen seiner nackten Füße nahm und die winzigen Zehen und die Ferse auf das Quadrat drückte. Der Scribus zwitscherte erneut und zeigte an, dass in den mächtigen Türmen aus Datenknoten, die ein Deck tiefer standen, ein neuer Eintrag abgespeichert worden war. »Robin Garcia«, las Isabel vor. »Geboren auf der Asteria am GU-Standardtag 158/307 vierzig Solartage alt. Von diesem Tag an gehört sie zu unserer Flotte. Nach unserem Gesetz wird sie hier Obdach und freies Geleit erhalten. Solange wir essen, wird sie essen. Solange wir Sauerstoff haben, wird sie atmen. Solange wir Treibstoff haben, wird sie fliegen. Sie ist die Tochter aller Erwachsenen, Schwester aller noch Wachsenden. Wir werden sie lieben, sie beschützen, sie führen. Sei willkommen, Robin, auf den Decks der Asteria und auf der Reise, auf der wir uns gemeinsam befinden.« Sie legte die runzlige Hand auf den glatten Kopf des Kindes. Dann sprach sie die abschließenden Worte, und alle im Raum sprachen mit. »Von der Erde stammen wir. Von unseren Schiffen leben wir. Auf die Sterne hoffen wir.«

SAWYER

Er stand an der Reling vor den Bioscannern an den Docks, in den Händen sein Gepäck, und sog die wiederaufbereitete Luft ein. Sie war eindeutig anders als die Luft, die er kannte. Und er hätte sie nicht gerade als gute Luft bezeichnet, wie man sie zum Beispiel in einem Wald oder auf einem Feld atmete. Sie war einen Tick metallisch, und obwohl gesunde, Sauerstoff produzierende Pflanzen die Verbindungswege säumten, hatte jeder Atemzug etwas Künstliches. Es gab weder Wind noch Regen, und die Luft bewegte sich nur, weil Menschen sie dazu zwangen. Vielleicht war ihr deswegen etwas verlorengegangen.

Doch Sawyer lächelte. Anders war genau das, was er suchte, und alles, was er in den ersten zwanzig Minuten hier an Bord gesehen hatte, erschien ihm völlig ungewohnt. Am meisten beeindruckte ihn die funktionale, streng minimalistische Architektur. Auf Mushtullo wurde alles ausgeschmückt. Dort prangten unter den Decken Stuckleisten, die Dächer waren verwinkelt, und die Zäune hatten geschwungene Muster. Selbst die Schiffe waren verkünstelt. Hier jedoch nicht. Beim Bau dieses Schiffs hatte es keine Gefühlsduseleien gegeben.

Doch die Bewohner des Schiffs hatten sein simples Gerüst im Lauf der Jahrhunderte mit Leben gefüllt. Die Metallwände verbargen sich hinter einem einladenden Farbanstrich aus warmem Beige, weichem Orange oder lebhaftem Grün. Auf seinem Weg zur Reling war er an einem gewaltigen Wandgemälde vorbeigekommen und abrupt verharrt. Über eine Minute lang hatte er den geschäftigen Strom der Reisenden dazu gezwungen, um ihn herum zu fließen. Das Wandbild war bunt, fast schon knallig, eine Orgie aus Linien und Farben, die tanzende Exodaner darstellten. Unter ihren Füßen hing eine gütig scheinende Sonne, über ihnen ein Sternenhimmel. Unzählige Berufe waren in diesem Gemälde festgehalten. Unter anderem sah er einen Bauer, eine Ärztin, eine Ingenieurin, einen Musiker, eine Pilotin und einen Lehrer, der eine Kinderschar anführte. Es war ein ganz gewöhnliches Motiv, aber irgendetwas daran – das Fehlen eines festen Bodens vielleicht oder der geschwungene Malstil – war ihm eindeutig fremd. Auf Mushtullo bekam man derartige Wandgemälde nicht zu sehen.

Sawyer machte sich bewusst, wo er war: in der Flotte. Der Flotte! Endlich war er wirklich hier, anstatt nur Infodateien zu lesen oder alte Leute auszufragen, was deren Eltern ihnen über die Schiffe erzählt hatten, auf denen sie einst geflogen waren. Er hatte es geschafft. Und jetzt konnte er endlich alles selbst erkunden.

Verblüfft stellte er fest, dass um ihn herum keine anderen Spezies zu sehen waren. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen er vergleichbar viele Menschen auf einem Fleck erlebt hatte, waren Feiertage oder Partys gewesen. Aber auch da hatten sich andere vernunftbegabte Wesen unter die Menge gemischt. Er war mit mehreren Händlern aus anderen Welten hierhergereist, doch an einer Weggabelung, wo rechts Frachträume und links Große Plaza gestanden hatte, waren alle mit Schuppen und Klauen nach rechts abgebogen. Dort, wo er jetzt war, besaß jeder zwei Hände, zwei Füße, weiche Haut und einen behaarten Kopf. Noch nie war er so wenig aus einer größeren Ansammlung herausgestochen, und dennoch hatte er das Gefühl, mehr aufzufallen als je zuvor.

Aus irgendeinem Grund hatte Sawyer geglaubt, dass ein Teil von ihm diesen Ort wiedererkennen und das Gefühl haben würde, auf den Spuren seiner Ur-Ur-Urgroßeltern zu wandeln. Er hatte Berichte von anderen Planetariern gelesen, die zu Besuch in der Flotte gewesen waren. Sie hatten darüber gesprochen, wie sehr sie sich sowohl mit ihren Vorfahren als auch mit den Bewohnern der Schiffe verbunden fühlten. Diese Empfindung hatte Sawyer noch nicht gehabt, und ein Teil von ihm war deswegen ein klein wenig enttäuscht. Aber egal. Er war gerade mal zwanzig Minuten hier, und der Angestellte beim Armband-Scanner war der Einzige gewesen, mit dem er gesprochen hatte. Bisher hatte er nur einen Zeh ins Wasser gehalten, aber nun wurde es Zeit, sich Hals über Kopf ins Getümmel zu stürzen.

Er nahm einen Aufzug hinunter zum Marktgeschoss, einem weitläufigen Netz aus Ladenfronten und Servicezentren. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Märkten, die er kannte, die sich wie etwas Lebendiges auszubreiten und übereinanderzuschichten schienen. Die Flotte, so hatte er gelesen und konnte es inzwischen bestätigen, war ein Ort strenger Geometrie. Jeder Winkel war geplant, vermessen und noch einmal überdacht worden. Da ihnen nichts wichtiger gewesen war, als Platz zu sparen, hatten die damaligen Architekten den zukünftigen Generationen von Kaufleuten genau definierte Räume hinterlassen, die sie ganz nach Bedarf nutzen und neuen Verwendungen zuführen konnten. Das Ergebnis war vordergründig das ordentlichste Handelszentrum, das Sawyer je untergekommen war. Doch sobald er den aufgeräumten Außenbereich hinter sich ließ, war das Gewimmel im Inneren geradezu verstörend. Hier gab es dutzendweise Schilder und Schaufenster, Hunderte von Kunden, und er hatte keine Ahnung, wie er sich zurechtfinden sollte.

Er musterte die Läden, in denen Essen serviert wurde. Die Gäste saßen ausnahmslos draußen (soweit man das im Inneren eines Schiffs sagen konnte), an Gemeinschaftstischen hinter halbhohen Stahlwänden, die den Bereich des jeweiligen Lokals abgrenzten. Ein lebhaftes, sauberes Café namens Lieblingscafé zog Sawyer besonders an. Die ausgehängte Speisekarte war sowohl in Klip als auch in Ensk abgefasst und listete lauter Gerichte auf, die er kannte, darunter Bohnensteak-Spieße, Grashüpferburger und Marmeladenkuchen. Es sah nach einem hübschen Ort aus, an dem man eine unkomplizierte Mahlzeit einnehmen konnte. Doch Sawyer entschied sich gegen dieses Lokal, da es sich offenkundig an Händler und Reisende richtete. An Touristen. Und er war nicht als Tourist hier. Er war auf der Suche nach etwas Authentischem.

Er entdeckte ein anderes Lokal, das genauso groß und exakt gleich geschnitten war. Jojo’s stand auf dem Schild. Oder es hätte dort gestanden, wenn die Pixel bei den zweiten J nicht so stark geflimmert hätten, dass sie kaum lesbar waren. Eine Speisekarte hing nicht aus. Auf der einzigen Hinweistafel standen nur die Öffnungszeiten, und zwar ausschließlich in Ensk-Ziffern. (Standardzeit allerdings. Solarzeit wurde nur für Altersangaben verwendet, jedenfalls hatte er das gehört.) Hinter der Absperrung schlangen ein paar Leute in algenbefleckten Overalls ihr Mittagessen hinunter. Eine aus fünf oder sechs älteren Leuten bestehende Gruppe stritt sich wegen eines Spiels, das sie gerade auf einem alten Pixelboard austrugen. Keiner hatte Gepäck dabei.

Perfekt.

Niemand grüßte Sawyer, als er den Laden betrat. Nur wenige sahen auf. Hinter dem Tresen standen zwei Leute: ein drahtiger junger Mann, der irgendetwas schnippelte, und eine imposante Frau mittleren Alters, die gerade Rotküstenfüßler pulte. Dabei verfolgte sie gebannt ein lautes Video, das auf einem nahe gelegenen Projektor lief – offenbar ein marsianisches Historienstück. Blitzschnell und präzise knackte sie jedes Panzersegment, ohne auch nur einmal nach unten zu schauen. Sawyer hatte das untrügliche Gefühl, dass das Lokal ihr gehörte.

Die Frau stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. »Diese solanische Scheiße«, sagte sie auf Ensk und betrachtete kopfschüttelnd den Projektor. Die Filmmusik steigerte sich zu einem melodramatischen Crescendo, als eine Figur in einem klobigen Schutzanzug von einem Sandsturm dahingerafft wurde. »Wieso sehen sich die Leute so was an?«

»Du siehst es dir doch auch an«, bemerkte eine ältere Frau am Brettspieltisch.

»Das ist wie ein Schiffsunfall«, sagte die Insekten-Pulerin. »Wenn es erst mal angefangen hat, kann ich einfach nicht mehr wegschauen.«

Die Szene wechselte. Eine in Tränen aufgelöste Gruppe Terraformer drängte sich unter ihrer Kuppel zusammen. »Dieser verdammte Planet«, weinte ein Schauspieler. Er würde zwar keinen Preis dafür gewinnen, aber Sterne, er gab sich redlich Mühe. »Dieser verdammte Planet!«

»Dieser verdammte Planet!«, äffte die Frau ihn nach und lachte erneut. Endlich bemerkte sie Sawyer. »Hey«, sagte sie und sah auf seine Tasche. »Was kann ich dir bringen?«

Sawyer ging an den Tresen. Nachdem er die letzten Jahre wie ein Besessener Linking-Sprachkurse gepaukt hatte, war sein Ensk zwar einigermaßen fließend, doch seine einzige Übungspartnerin zu Hause war die Frau im Schuhladen gewesen, und ihre Art zu sprechen hinkte dem Slang hier ungefähr zwanzig Jahre hinterher. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte: »Haben Sie eine Speisekarte?«

Alle im Jojo’s hoben die Köpfe. Sawyer brauchte kurz, bis er begriff, dass es an seinem Akzent lag. Er hatte weder das charakteristische Schnarren der Exodaner noch die weiche Aussprache der Marsianer, und auch nicht den Mischmasch von jemandem, der viel herumkam. Sein Gesicht sagte Mensch. Seine Vokale sagten Harmagianer.

Die Frau blinzelte. »Eine Speisekarte gibt’s nicht«, sagte sie und deutete mit dem Daumen hinter sich auf den Drahtigen, der weiter vor sich hin schnippelte. »Heute ist der neunte Tag. Das bedeutet, es gibt Aromagurken auf Brennbrot und Rotküstenfüßler-Eintopf. Der Eintopf ist allerdings aus.« Das Exoskelett zwischen ihren Händen knackte. »Ich muss erst wieder neuen kochen, und das dauert mindestens eine Stunde.«

»Okay«, sagte Sawyer. »Dann nehme ich das andere.«

»Die Gurken?«

»Ja.«

»Hast du schon mal Aromagurken gegessen?«

Sawyer grinste. »Nee.«

Die Frau erwiderte sein Grinsen, doch es gefiel ihm nicht und war ein anderes als seines. Ihr Grinsen schien auszudrücken, dass sie etwas wusste, wovon er keine Ahnung hatte. Sawyer spürte, wie seine gute Laune kippte. Er war sich ziemlich sicher, dass die Brettspieler immer noch zu ihm hersahen.

»Schön«, sagte die Frau. »Einmal Gurkenbrot. Und dazu Tee?«

Es dauerte einen Moment, bis ihm aufging, dass sie ihm eine Frage gestellt hatte.

»Tee wäre großartig.«

Sie griff nach einer Tasse.

Sawyer versuchte derweil, ein Gespräch in Gang zu bekommen. »Sind Sie Jojo?«

»Nein«, sagte die Frau ausdruckslos. »Jojo war meine Mutter.«

»Und sie war viel netter als ihre Tochter«, ergänzte ein alter Mann mit Pfeife, der weiter hinten saß.

»Pfff.« Die Frau verzog das Gesicht. »Das sagst du bloß, weil sie mal mit dir geschlafen hat.«

»Ich hätte sie auch so gemocht.«

»Na ja. Sie hatte eben eine Schwäche für hässliche Kröten.«

Die Brettspieler brachen in Gelächter aus – besonders der Alte –, und die Frau grinste, aber diesmal richtig. Während der Drahtige schweigend Sawyers Essen zubereitete, schenkte sie aus einer großen Karaffe Tee in eine Tasse und stellte sie auf den Tresen. Sawyer versuchte zu erkennen, aus welchen Zutaten sich die bestellte Mahlzeit zusammensetzte, doch der Mann versperrte ihm die Sicht. Irgendetwas wurde gehackt, etwas anderes wurde geschöpft, ein paar Flaschen wurden geschüttelt. Alles in allem schienen Aromagurken eine komplizierte Angelegenheit zu sein.

Die Frau sah Sawyer an, und er begriff, dass er noch nicht gezahlt hatte. »Oh«, sagte er und schob sein Armband zurück. »Wo soll ich, äh…« Er sah sich nach einem Scanner um.

Die Frau schürzte die Lippen. »Ich nehme keine Creds«, sagte sie.

Sawyer war begeistert. Davon hatte er schon gehört – exodanische Händler, die ausschließlich Tauschhandel betrieben. Das Problem war nur, dass er nicht wusste, wie das funktionierte. Er wartete darauf, dass sie ihm einen akzeptablen Handel vorschlug. Doch es kam nichts. »Was wäre denn gut?«, fragte er.

Wieder lachte sie kurz, so wie vorhin über das Opfer des Sandsturms. »Keine Ahnung. Weiß ja nicht, was du so hast.«

Sawyer überlegte. Er hatte nur eine Tasche mit dem Allernötigsten mitgenommen, und darin steckte nicht viel, von dem er sich trennen mochte, jedenfalls nicht für ein Sandwich. Er ärgerte sich, dass er sich für solche Situationen nicht mit einem Päckchen Schaltkreisen oder irgendetwas in der Art eingedeckt hatte. »Brauchen Sie vielleicht eine Küchenhilfe? Ich könnte Geschirr spülen.«

Jetzt lachten wirklich alle. Sawyer hatte keine Ahnung, was daran so witzig war, und allmählich fragte er sich, ob das Touristencafé nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre.

Die Frau lehnte sich an den Tresen. »Wo kommst du her?«

»Mushtullo.«

»Wie war das?«

»Mushtullo.« Keine Reaktion. »Zentralraum.«

Sie hob die Augenbrauen. »Aha. Hast du hier Familie?«

»Nein«, sagte Sawyer. »Aber meine Familie ist von hier.«

»Oh«, sagte die Frau, als wäre ihr jetzt alles klar. »Verstehe. Na schön. Weißt du schon, wo du unterkommst?«

»Ich dachte, darum kümmere ich mich, wenn ich erst mal hier bin.«

»Ach du meine Güte«, murmelte die Frau. Der Drahtige reichte ihr einen Teller, den sie über den Tresen schob. »Hier. Geht aufs Haus. Das Essen deiner Vorfahren.«

»Wow, sind Sie sicher?«, fragte Sawyer.

»Wenn du mich so fragst, nein.«

»Entschuldigung, ähm … danke sehr.« Er griff nach dem Teller und der Tasse. »Das ist echt nett von Ihnen.«

Die Frau antwortete nicht und begann wieder zu pulen. Sawyer sah sich um, ob ihn eine der Gruppen zu sich an den Tisch winken würde. Aber er hoffte vergebens. Die Algaeisten stapelten gerade ihre säuberlich leer gegessenen Teller aufeinander, und die Alten hatten ihr Brettspiel wiederaufgenommen. Also stellte Sawyer seine Tasche auf einen leeren Platz und setzte sich auf den Stuhl daneben.

Er betrachtete sein Essen – es bestand aus einem Berg feuchtem, gehacktem Gemüses, das auf zwei Hälften eines unscheinbaren Brötchens gehäuft war, und der Sauce, die der Gehilfe von Jojos Tochter darüber gespritzt hatte. Als er eine der Brötchenhälften in die Hand nahm, triefte violette Flüssigkeit heraus und rann über seinen Unterarm. Er zögerte, den Mund aufzumachen, da ihm ein stechender und latent fischiger Geruch in die Nase stieg. Doch dann dachte er an die anderen, zufrieden mampfenden Gäste und biss hinein.

Als sich schlagartig seine Kehle zusammenschnürte und gleichzeitig die Nebenhöhlen weit aufgingen, war es mit seiner Tapferkeit vorbei. Der Geschmack des Zeugs war genauso schlimm wie sein Geruch, nur dass es jetzt nichts mehr half, sich die Nase zuzuhalten. Und es hatte einen bitteren, strengen Nachgeschmack, über den er gar nicht erst nachdenken wollte. Von dem Brot bekam er nichts mit, doch trotz der säuerlichen Flüssigkeit, die jetzt überall an seinen Händen herabtropfte, war die Konsistenz seltsam trocken. Die Gewürzgurken hatten nicht den Biss, den er erwartet hatte. Sie lösten sich einfach nur auf.

Das war ohne jeden Zweifel das Schrecklichste, was er je gegessen hatte.

Na schön, dachte er. Es ist okay. Es ist ein Abenteuer. Nicht der Anfang, der ihm vorgeschwebt war, aber ein Anfang, und das war besser als nichts. Er zwang sich zu einem weiteren Bissen Aromagurke und spülte ihn mit einem großen Schluck Tee herunter. (Wenigstens der war gut.) Nicht aufzuessen kam nicht in Frage. Das hier war eine Prüfung. Die Einheimischen schauten ihm zu, seine Vorfahren schauten ihm zu, alle zu Hause, die seinen Plan für bescheuert hielten, schauten ihm zu. Er würde seinen Teller leer essen und sich dann einen Schlafplatz suchen, und alles würde großartig werden.

Wieder hörte Sawyer die Frau lachen. Einen Augenblick lang dachte er, ihr Lachen gälte ihm, aber nein. Ein weiterer Mars-Terraformer war umgekommen.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Becky Chambers – Unter uns die Nacht. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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