Leseprobe - Singularity

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Leseprobe: Singularity | Joshua Tree


Lest hier die ersten Seiten aus "Singularity" von Joshua Tree. Der Roman erscheint am 28. April bei FISCHER Tor

Und darum geht’s in „Singularity“:

Ende des 21. Jahrhunderts. Mittlerweile ist die gesamte Menschheit in zwei Gruppen gespalten: Während die einen mit bester medizinischer Versorgung ein langes Leben führen, sind die anderen schlicht überflüssig. Als billige Arbeitskräfte fristen die meisten Menschen ein mieses Dasein.

Einer dieser Überflüssigen ist James, ein Hausdiener bei der Elite. Sein neuer Herr gibt ihm einen rätselhaften Auftrag: Er soll dessen verschollene Tochter wiederfinden – in einer virtuellen Simulation.

Schon bald erkennt James, dass nicht bloß die Grenzen von Wirklichkeit und VR verschwimmen, sondern auch die von Mensch und Maschine. Und ihm offenbart sich ein schreckliches Geheimnis, das die Zukunft und Vergangenheit der Menschheit in Frage stellt.

bis 30.4. | E-Book-Preisaktion | "Singularity" | Joshua Tree

E-Book-Preisaktion: "Singularity" | Joshua Tree | bis 30.4.

 

*** Leseprobe ***

Prolog

 

Luise saß auf dem Deck eines Katamarans und genoss einen vierzig Jahre alten Chardonnay zu ihrem Steak vom Kobe-Rind, das sie in einer Pfütze aus Blut und Fett mit ihrem Messer zerteilte. Das Fleisch war wunderbar marmoriert, und jeder Bissen, den sie sich andächtig in den Mund steckte, wurde von den erhabenen Blasgeräuschen der Wale begleitet, die sich im Wasser um das Boot tummelten.

Ein grüner Punkt in ihrem Sichtfeld hüpfte vor ihr auf und ab. Er war schon die ganze Zeit dort gewesen, doch irgendwann war es leicht, ihn zu ignorieren, auch wenn er nie ganz aus ihrer Wahrnehmung verschwand. Seufzend legte sie das Besteck auf der Stoffserviette neben ihrem Teller aus Bozener Marmor ab. Das Blut-Fett-Gemisch hinterließ rote Flecken im weißen Gewebe – wie in einem der dadaistischen Gemälde von Hans Arp.

Der Anblick winziger Tröpfchen, die den Stoff berührten und sich kreisförmig darin ausbreiteten, faszinierte Luise genug, um den um ihre Aufmerksamkeit ringenden Punkt noch einige Atemzüge lang zu ignorieren. Als sie es nicht mehr konnte, beendete sie seufzend die VR-Umgebung und öffnete die Augen.

Wie spät ist es?, dachte sie, und das Headmemory in ihrem Stammhirn blendete gehorsam die Uhrzeit ein. Sie legte sich in sanften Cremefarben auf den Himmel ihrer Koje, der aus geriffelten Platten eines echten kongolesischen Köcherbaums bestand. So ein Mist!

Es war bereits nach zehn, und ein verschlafener Seitenblick zeigte ihr auf der anderen Seite des Unterdecks zwei leere Kojen. Mit knackenden Gelenken schwang sie die Beine aus ihrer eigenen und landete auf den Füßen. Der Boden war angenehm kühl. Hastig zog sie ihr durchgeschwitztes Top aus und warf es angewidert in den Recycler, der neben dem kleinen Treppenaufgang zum Deck stand. Fluchend zog sie es wieder heraus, als sie sich daran erinnerte, dass es sich um einen einfachen Mülleimer handelte, der per Metallschelle an der Wand fixiert war.

»Schiffe«, murrte sie, »wie ich sie hasse.« Sie zog sich ein frisches Top aus der Sporttasche, die in einem Netz am Fußteil ihrer Koje hing, als wäre sie in einem Spinnennetz gefangen. Das Kleidungsstück war frisch gewaschen, roch aber bereits modrig. Nachdem sie es sich widerwillig übergestreift hatte, watschelte sie ungelenk zu der Nasszelle, die sie durch eine Plastikluke neben dem Treppenaufgang erreichte. Dort wusch sie sich das Gesicht, sah in den Spiegel und betrachtete eine Weile die Tropfen des gechlorten Wassers, die ihr über Stirn, Nase und Wangen rannen.

Das bist du, dachte sie und fühlte doch nichts beim Anblick ihres eigenen Gesichts, abgesehen vom leichten Kitzeln, das die Wassertropfen auf ihrer Haut hinterließen. Luise wandte sich vom Spiegel ab, warf eine Dentolantablette in einen der Plastikbecher auf dem Waschbecken und goss einen Schwall Wasser hinein. Nachdem sich die Brause aufgelöst hatte, gurgelte sie mit dem Inhalt und spuckte ihn wieder aus.

Als sie endlich aufs Deck und unter die allgegenwärtige Sonne der indonesischen Javasee trat, musste sie einige Male blinzeln, bis sich ihre Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.

Guowei und Daniel waren wieder einmal dabei, Vanessa zu umgarnen, die in knallrotem Bikini auf dem linken der beiden Ausleger lag und sich auf einem Handtuch sonnte. Guowei, der ihnen das Boot organisiert hatte, saß zu ihren Füßen und nuckelte immer wieder an einem Bier, während Daniel – mit freiem Oberkörper – an einer Winsch kurbelte, als könne er wirklich segeln.

Luise duckte sich unter dem Baum hindurch, der das große Hauptsegel aus Solarfolie straff hielt, und vorbei an der linken Want. Sie war beim Blick auf den blauen Ozean ein wenig enttäuscht, dass keine Wale sie begleiteten. Sie waren längst ausgestorben und wurden bloß noch in VR-Umgebungen lebendig gehalten, als eine digitalisierte Erinnerung.

»Guten Morgen, Luise!«, rief Daniel ihr zu und hielt an der Winsch inne, um ihr zuzuwinken. Auch Guowei prostete ihr mit seinem Bier zu, während Vanessa nicht einmal die Augen öffnete.

»Morgen«, erwiderte sie. »Habt ihr gut geschlafen?«

»Ja, ich bin den Tauchgang schon mal in der VR durchgegangen«, verkündete Guowei begeistert. Der Chinese war wie sie erst Anfang dreißig, aber viel erfahrener als sie. Er konnte nicht nur den alten Katamaran seines Vaters steuern, sondern auch tauchen.

»Und?«, fragte sie, weil ihr das am unverfänglichsten vorkam. Er und Daniel machten sich ohnehin oft genug über sie lustig, da musste sie ihnen nicht mehr Angriffsfläche bieten als unbedingt notwendig.

»Wir werden ungefähr für eine Stunde Sauerstoff haben. Mit Nitrox können wir ein wenig mehr Zeit gewinnen, wenn wir die unteren Stockwerke erkunden wollen.«

»Und du bist sicher, dass es keine Haie mehr gibt?«

Nun machte sich Vanessa erstmals bemerkbar, indem sie verächtlich schnaubte, weiterhin mit geschlossenen Augen und der Sonne auf ihrer bronzefarbenen Haut. »Komm schon, selbst als Deepnet-Verweigerin solltest du wissen, dass die längst ausgestorben sind. Mach dir nicht ins Hemd!«

»Tut mir leid, wenn manche von uns noch Gefühle haben«, giftete Luise zurück. Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren deutlich schnippischer, als ihr lieb war.

Guowei und Daniel sahen betont weg, um nicht Partei ergreifen zu müssen, schließlich befanden sie sich in einem Dilemma: Mit perfekter Gen-Sequenzierung auf die Welt gekommen, war Vanessa ein echter Hingucker, den VR-Experten nicht besser hätten programmieren können. Luise hingegen war nur ganz hübsch, hatte aber diese natürliche Ausstrahlung, die ihre körperlichen Mängel ausglich.

»Gefühle sind überbewertet«, wiederholte Vanessa, und obwohl ihre Augen geschlossen waren, hätte Luise schwören können, dass sie gerade mit ihnen rollte. »So irrational. Wenn dir daran so viel liegt, kannst du dein Stipendium in Shanghai ja an den Nagel hängen und zu den Überflussmenschen aufs Land ziehen.«

»Und warum bist du dann hier?«

»Was?« Vanessa öffnete ein Auge und musterte sie kurz, bevor sie mit ihrem geschwungenen Mund zuckte und es wieder schloss.

»Diesen Trip. Mit einem Segelboot in ein Sperrgebiet fahren, um einen Tauchtrip zu veranstalten, ist nicht gerade ungefährlich.«

»Keine Ahnung, mir war langweilig.«

»Ah, die Prinzessin hat scheinbar also doch Gefühle. Denn vernünftig ist dieser Trip ganz sicher nicht.«

Vanessa beschränkte sich statt einer Antwort auf pikiertes Schweigen, und Guowei und Daniel lösten die angespannte Atmosphäre, indem sie begannen, das Tauchequipment vorzubereiten und dabei Witze zu reißen.

Luise stellte sich derweil auf die Spitze des rechten Auslegers und lauschte dem Rauschen der Gischt, die unter ihr vom Katamaran aufgepeitscht wurde. Das blaue Wasser teilte sich unter dem spitz zulaufenden Carbon, und die weißen Flocken der Gischt preschten vor wie eine Herde weißer Hengste, bis sie sich wieder mit den Fluten verbanden. Ein leichter Wind wehte ihr um die Nase und trug eine Mischung aus Salz und Algen mit sich, die für sie nach purer Freiheit roch. Die Jahre in Shanghai als Stipendiatin für Bioalgorithmik waren zu Anfang noch aufregend gewesen mit all den neuen Kommilitonen, doch das Arbeitspensum war so enorm, dass ihr schon bald der Kopf geraucht hatte. Guowei kennenzulernen war das beste, was ihr hatte passieren können, seine Abenteuerlust hatte sie angesteckt und dafür gesorgt, dass sie nicht jeden Abend in der VR abhing. Zwar waren die virtuellen Welten mittlerweile so hochauflösend und dank direktem Neuralinterface auch so gefühlsecht, dass man sie mit der Realität verwechseln konnte, aber echte Erfüllung fand sie dort nicht. Es war, als besäße ihr Gehirn einen Filter für unechte Dinge. Sie konnte eine noch so entzückende VR genießen, am Ende dachte sie meist: und jetzt?

Dieser Trip war anders. Er war nicht nur echt, mit all den Risiken, die ein Segeltörn mit sich brachte, sondern auch noch illegal. Kein Surrogat, sondern die volle Erfahrung eben. Eine Woche hatten sie von Singapur aus benötigt, wo sie durch die riesigen Flutmauern gen Osten gesegelt waren. Es kam ihr ewig vor, dass sie an der Marina auf den Steg des kleinen Yachthafens gelaufen waren, scherzend und johlend ob des anstehenden Abenteuers. Immer wieder hatte Guowei auf der folgenden Fahrt den Kurs geändert, um sie aus den Radarbereichen der großen Roboterschiffe herauszubringen, die wie schwimmende Städte mit ihren Containern beladen am Horizont entlangzogen.

Jetzt waren sie beinahe an ihrem Ziel angekommen: dem versunkenen Jakarta. Es schälte sich bereits in Form dunkler Monolithen aus dem Horizont und hob sich von dem graubraunen Matsch Javas ab. Die etwas unheimliche indonesische Hauptinsel – angeblich lebten dort noch einige Landtiere wie Affen, Lemuren, Wildschweine und sogar Schlangen – lag bereits seit Tagen zu ihrer rechten. Nach dem Zusammenbruch des Landes hatten sie vermutlich die durch das menschliche Massensterben freigewordenen Lebensräume rasch besetzen können. Sie fragte sich unwillkürlich, wie denn ihr natürlicher Lebensraum in einigen Jahren aussehen würde. Ob es wirklich der Arbeitsmarkt war mit all den Planzielen, den sich stetig wandelnden Technologien und ständigen Umschulungen? War sie wirklich dafür gemacht? Wollte sie so leben?

Die ultimative Sinnsuche am Ende der Welt, dachte sie, und der Spott, den sie gegenüber sich selbst spürte, legte sich unangenehm als Druck in ihrem Magen ab. Du bist viel zu jung für eine Midlife-Crisis.

Mit jeder Welle, die ihr Katamaran durchpflügte, kamen sie ihrem Ziel näher. Aus dunklen Schemen wurden nach und nach eckige Klötze, von denen einige über hundert Meter aus der Wasseroberfläche ragten. Es waren die Kronen der Hochhäuser, die einst Indonesiens wirtschaftliches und kulturelles Zentrum dominiert hatten. Jetzt waren sie die letzten Überbleibsel einer der ersten Städte, die dem Klimawandel zum Opfer gefallen waren. Guowei programmierte den finalen Kurs ein zu jenem Tauchspot, den er im Deepnet in einem Forum für Taucher entdeckt hatte, die so eine Art Geocaching betrieben. Die Steuersoftware des Bootes manövrierte sie daraufhin artig durch die ersten Ausleger Jakartas: die eher flachen Betonriesen, in denen die wachsende Mittelschicht der Stadt gewohnt hatte. Die Fenster waren leer, das Glas von Wind und Wellen zerstört. Eine gespenstische Ruhe lag über der versunkenen Metropole, die zu einer tiefen Stille wurde, sobald sie sich dem Zentrum näherten, wo die Wolkenkratzer des ehemaligen Finanzdistrikts sich dichter aneinanderreihten. Das Meer war hier ruhiger als draußen, und die kleinen Wellen und sanften Strömungen gluckerten und seufzten zwischen den Ruinen mit ihren gähnend leeren Augen.

»Echt gespenstisch«, befand Daniel, und Luise erschrak. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er sich hinter sie gestellt hatte.

»Ja«, erwiderte sie und sah an einem von Algen und Schimmel bedeckten Hochhaus empor, das links an ihnen vorbeizog wie das Bein eines Riesen. Sein Schatten verdeckte für eine Minute die Sonne, während sie lautlos an ihm vorbeifuhren. »Denkst du, dass sie uns erwischen?«

»Nein, das denke ich nicht. Dieses Gebiet gehört zur chinesischen Schutzzone, und die haben noch nie viel Interesse an den versunkenen Städten Südostasiens gezeigt. Ich wette, dass hier schon eine Menge Abenteuertaucher hergekommen sind. Werden sie erwischt, dann zahlen sie eben Bestechungsgelder. Oder erklären den Behörden, wer ihr Vater ist.« Luise wusste, dass er auf Guowei anspielte, dessen Vater ein erfolgreicher Manager bei Tencent war. »Und wenn mal jemand verschwindet, dann sind sie ohnehin fein raus, weil keine Versicherung dafür aufkommen wird, wenn jemand in ein Sperrgebiet gesegelt ist.«

»Wie beruhigend«, sagte sie.

»Siehst du das da?«, fragte Daniel, und Luise drehte sich zu ihrem Kommilitonen um, damit sie seinem ausgestreckten Zeigefinger folgen konnte. Er deutete auf ein Hochhaus, dessen Spitze zwanzig oder dreißig Stockwerke aus dem Wasser ragte und gerade zwischen zwei näher stehenden Gebäuden vorbeizog.

»Ein weiterer Wolkenkratzer?«

»Nein, nein, auf dem Dach war etwas. Warte, ich schicke es dir.«

Luise erhielt eine Anfrage in ihrem Headmemory von einem als verlässlich markierten Kontakt. Sie nahm an, und kurz darauf öffnete sich eine visuelle Referenz, die ihr einen Punkt auf dem Dach des Gebäudes markierte – aus einer etwas anderen Perspektive, schließlich war Daniel größer als sie und stand hinter ihr.

»Was ist das? Sieht aus wie eine Antenne und da drunter … ist das ein Mensch?«, fragte sie überrascht und erschrocken zugleich. Als sie instinktiv zurückschreckte, wäre sie beinahe über die Reling ins Meer gestürzt, hätte Daniel sie nicht geistesgegenwärtig aufgefangen.

»Ach was, deine Augen spielen dir einen Streich. Entspann dich«, erwiderte er, als sei nichts geschehen. Im selben Moment drehte der Katamaran sanft und führte sie durch die beiden Hochhäuser hindurch auf genau jenen Wolkenkratzer zu, den sie eben angestarrt hatten. Sobald sie durch die Schatten fuhren, sahen sie wieder zum Dach hinauf, konnten jedoch aufgrund des veränderten Winkels nichts mehr erkennen.

»Leute, macht euch fertig!«, rief Guowei vom Steuerruder am Heck. Erst jetzt bemerkte Luise, dass Vanessa immer noch auf dem anderen Ausleger lag, als würde sie sich sonnen, obwohl es in den Schatten der Giganten aus Beton und Stahl kaum noch direkte Sonneneinstrahlung gab.

Gemeinsam mit Daniel kletterte sie über den Ausleger an den Wanten vorbei zu ihrem chinesischen Freund, der ihr Tauchequipment bereits vor der Leiter vorbereitet hatte. Sie zogen sich nackt aus und streiften dann ihre Skinsuits durchs Wasser, indem sie sich in die Reling hängten. Es war einfacher, sie anzuziehen, wenn sie nass waren, so viel wusste Luise schon über das Tauchen. Nachdem sie auch ihre Flossen und die BCD-Weste mit dem Sauerstofftank übergezogen hatte, griff sie nach ihrer blauen Tauchermaske und dem Schnorchel, die in einem Eimer mit Süßwasser lagen.

»Vanessa?«, fragte Guowei. »Wir wären dann so weit.«

»Geht schon mal ohne mich, ich will mich noch ein bisschen entspannen.«

»Was? Wir haben nur einen Tauchgang. Wir können froh sein, wenn wir nicht mittendrin von einer Patrouille aufgegriffen werden.«

»Ich habe keine Lust.«

»Lasst sie«, brummte Luise. »War doch klar, dass sie am Ende kneift.«

Daniel und Guowei warfen sich einen kurzen Blick zu und zuckten dann nach kurzem Zögern mit den Achseln.

»Gut, gehen wir«, sagte Guowei. »Das wird großartig!«

»Wir haben da oben auf dem Dach was Komisches gesehen«, entgegnete Daniel und deutete an der verwitterten Fassade entlang nach oben.

»Was denn?«

»Keine Ahnung, sah jedenfalls seltsam aus.«

»Nun ja, es gab keinen Alarm, und ich höre noch keine Drohnen heranrauschen, also war es vermutlich nichts Wichtiges.« Luise fand, dass Guowei klang, als wolle er sich selbst davon überzeugen, aber auch sie hatte nicht vor, wegen so einer Kleinigkeit kurz vor dem Ziel einen Rückzieher zu machen.

»Wir sind doch zum Tauchen hier, oder? Also: Tauchen wir!«

»Das ist mein Mädchen«, sagte Guowei und grinste über beide Ohren. Daniel zuckte mit den Achseln und setzte ein Lächeln auf, auch wenn ihr sein letzter Blick nach oben nicht entging.

Sobald sie ihre Masken aufgesetzt hatten, gaben sie sich das Okay-Zeichen, indem sie Daumen und Zeigefingerspitze zusammenbrachten, und sprangen über die Leiter am Heck hinab in die warme Javasee.

Zuerst sah Luise nichts als weiße Luftbläschen vor ihrem Gesicht, doch dann hob ihre aufgeblasene BCD sie auch schon wieder über die Wasseroberfläche. Sie hielt den Deflator mit der rechten Hand hoch und drückte den Knopf, mit dem sie die Luft aus der Weste lassen konnte. Kurz darauf sank sie wie ein Stein hinab. Sobald ihr Kopf im Wasser war und sich das Meer über ihrem Scheitel sammelte, wurde es still, und nur noch das gleichmäßige, hohle Rauschen ihres Atems drang an ihre Ohren. Vor ihr sah sie Guowei und Daniel lautlos durch das dunkle Blau hinabgleiten wie versenkte Statuen.

Die Umgebung, in die sie hinabtauchten, war von der ersten Sekunde an befremdlich und beklemmend. Das Hochhaus war wie eine schwarze Wand, vor der sie in die Dunkelheit hinabglitt, nur um bei einem Blick nach unten festzustellen, dass es dort nicht nur dunkler wurde, sondern vor allem auch gruseliges Zeug herumstand: verlassene Autos, so rostig und von Algen überwuchert, dass man sie bloß noch an ihrer Form erkennen konnte, Fahrräder, die an Straßenschildern abgestellt waren, und jede Menge Schlamm, Schlick und Unrat. All das war keine vierzig Meter unter ihr und zeugte vom Untergang einer ganzen Stadt. Die Zwanzigmillionenmetropole war evakuiert worden, nachdem der erste Versuch einer Flutmauer im Jahr 2030 gescheitert war. Große Teile der Stadt waren abgesackt wie bei einem Erdbeben.

Als die erste skelettierte Wasserleiche an ihr vorbeischwebte, erschrak Luise so heftig, dass sie zu strampeln begann und sofort Auftrieb bekam. Einzig das beherzte Eingreifen von Guowei und Daniel bewahrte sie davor, sich ernsthafte Dekompressionssymptome einzuhandeln.

Beruhige dich, sendete Daniel per Textnachricht an ihr Headmemory. Dass es aufregend werden würde, wussten wir doch.

Schon, antwortete sie und atmete tief durch ihr Mundstück ein, hielt die Luft an und atmete ganz langsam wieder aus, um sich zu beruhigen. Aber das sind verdammte Leichen!

Ja. Schon irre. Das hier war einmal ein bedeutender Handelsknoten in Südostasien. Bis das Meer sich alles zurückgeholt hat.

Wie poetisch, dachte sie spöttisch, und ihr Headmemory übersetzte die Gedanken in Text.

Tja, wenigstens etwas, das die Algorithmen uns noch nicht entrissen haben.

Hey, Leute, sendete Guowei. Seht ihr das?

Luise sah es. Unter ihnen, etwa zehn Meter entfernt, leuchtete ein winziges rotes Licht. Es befand sich bei einer Tür im Erdgeschoss, wo der breite Bürgersteig wellenförmig verzogen war. Wie drei Geister schwebten sie darauf zu, senkten sich als stumme Zeugen der Vergangenheit in dieses Massengrab hinab. Sie sah dabei nicht einen einzigen Fisch. Es gab nur noch sehr wenige Arten, die der massiven Übersäuerung der Weltmeere trotzten, doch diese lebten in den Tiefseegräben, die niemals Sonnenlicht sahen.

Bis ihre Flossen sachte den von einem Algenteppich überzogenen Grund berührten, musste sie noch zweimal Druck ausgleichen, indem sie Luft in ihre geschlossene Nase drückte. In zappelnden Wolken aus Bläschen löste sich ihre verbrauchte Atemluft aus dem Mundstück und trat den langen Weg nach oben an, wo ihr Katamaran … Moment! Wo war der Katamaran? Als sie das letzte Mal hochgeschaut hatte, waren die beiden langen Schatten der Ausleger noch exakt über ihnen gewesen.

Da ist ein Licht über der Tür, sendete Daniel und streckte wie in Zeitlupe einen Arm aus. Luise sah zu ihm und dann auf die runde Stahltür in der Fassade, die irgendwie merkwürdig aussah, weil sie geradezu glänzte und keinerlei Anzeichen von Algenbewuchs aufwies.

Man! Das ist abgefahren! Guoweis Text war großgeschrieben. Ich wusste, dass an diesen Koordinaten aus dem Forum was dran ist!

Luise sah zwischen der Tür und der Wasseroberfläche hin und her und sah auf ihrem Unterarmdisplay, dass sie doppelt so viel Luft verbraucht hatte wie geplant.

Leute, wo ist das Boot?, fragte sie schließlich, doch es kam keine Antwort, und sie wusste auch wieso: Das rote Licht über der runden Stahltür leuchtete nicht mehr rot, sondern grün, und die Stahltür öffnete sich ganz langsam zur Seite. Dahinter erwachte ein grelles Licht, das sie so sehr blendete, dass sie ihre Augenlider fest zusammenpressen musste. Nachbilder schemenhafter Silhouetten tanzten vor ihren geschlossenen Augen, und als sie sie wieder öffnete, versuchte sie zu schreien. Alles, was herauskam, war ein steter Strom an Luftbläschen, die durch die Wassermassen hinauftrieben.

Vor ihr trieb eine Gestalt, die sie aus dem Fernsehen kannte und die jeder Mensch auf dem Planeten sofort erkannt hätte: Dieumon Moreau. Er hielt ein Handterminal vor sich, den Daumen auf einem roten Knopf und lächelte selig. Auf seinem T-Shirt, das vom Wasser ganz aufgedunsen war, stand: Gehe nicht zur Marina, betrete nicht das Boot.

Inmitten all der Wasserblasen, die ihre Schreie vor ihrem Gesicht tanzen ließen, sah sie erst jetzt, dass der Billionär tot, sein Grinsen erstarrt und der Blick aus den hervorquellenden Augen gebrochen war. In seiner Brust klaffte ein Loch, und im Hintergrund, jenseits des Durchgangs, sah sie durch eine Scheibe zwei Frauen mit kurzgeschorenen blonden Haaren hinter einer Glasscheibe in Neurofeedbackanzügen liegen. Auf einem Monitor dahinter erkannte sie unklar einen blinkenden Satz: »Start erfolgreich.«

Einige Minuten später trieb eine einsame blaue Tauchermaske auf den Wellen gen Osten, ein stummer Zeuge von etwas, das nie ein Mensch erfahren würde.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Joshua Tree - Singularity. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.


 

 


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