Vicious - Das Böse in uns ( V. E. Schwab)

FISCHER TOR

Leseprobe: Vicious - Das Böse in uns (V. E. Schwab)


Lest hier die ersten Seiten aus "Vicious - Das Böse in uns" von V. E. Schwab. Der neue Bestseller-Thriller erscheint am 27. November bei FISCHER Tor.

Darum geht's in »Vicious - Das Böse in uns«: Als junge und brillante Medizinstudenten teilen sich Victor Vale und Eli Ever auf dem College nicht nur ein Zimmer, sondern auch eine Obsession: Durch eine gezielt herbeigeführte Nahtoderfahrung wollen sie übernatürliche Kräfte in sich wecken. Und sie haben Erfolg. Victor erlangt die Fähigkeit, den Schmerz zu kontrollieren, und Eli wird quasi unsterblich. Doch der Preis ist hoch. Zu hoch.

 Zehn Jahre später bricht Victor Vale aus dem Gefängnis aus, um sich an seinem ehemaligen Freund Eli Ever zu rächen. Begleitet wird er von einem jungen Mädchen, das die Toten auferstehen lassen kann. Aber auch Eli hat eine Vertraute gefunden: eine Frau, deren Willen man sich nicht entziehen kann. Beide Seiten suchen die Konfrontation, und sicher ist nur eins: Blut wird fließen.


*** Leseprobe ***

I - Letzte Nacht

Merit, Friedhof

Victor rückte die Schaufeln auf seiner Schulter zurecht und stieg vorsichtig über ein altes, halb eingesunkenes Grab. Sein Trenchcoat bauschte sich leicht und streifte hier und da einen Grabstein, während er über den Friedhof von Merit ging und dabei ein Lied summte. Im Dunkeln klang es wie das Säuseln des Windes. Sydney, die in ihrem zu großen Mantel, den Regenbogenleggins und den Winterstiefeln hinter ihm herstapfte, lief es kalt den Rücken runter. Die beiden sahen auf dem Friedhof wie Geister aus, so blond und hellhäutig. Sie hätten als Geschwister durchgehen können oder vielleicht als Vater und Tochter. Zwar waren sie weder das eine noch das andere, aber die Ähnlichkeit war praktisch. Victor konnte den Leuten schließlich schlecht erzählen, dass er das Mädchen erst vor ein paar Tagen an einer regennassen Straße aufgelesen hatte. Er war gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen, sie vor kurzem angeschossen worden. Eine schicksalhafte Begegnung, könnte man sagen. In Wahrheit war Sydney der Grund, warum Victor überhaupt an so etwas wie Schicksal zu glauben begann.

Er hörte auf zu summen, setzte einen Fuß locker auf einen Grabstein und suchte die Dunkelheit ab. Weniger mit den Augen, sondern eher mit der Haut oder dem, was darunter in seinen Adern pulsierte. Er lauschte auf das schwache elektrische Sirren, das nur er allein hören, spüren und deuten konnte. Ein Sirren, das ihm verriet, wenn jemand in der Nähe war.

Sydney sah, wie er die Stirn runzelte.

»Sind wir allein?«, fragte sie.

Victor blinzelte, und das Stirnrunzeln verschwand und wich seiner üblichen Gelassenheit. Sein Schuh glitt vom Grabstein hinunter. »Nur wir und die Toten.«

Sie gingen weiter zur Mitte des Friedhofs. Die Schaufeln klapperten leise auf Victors Schulter. Sydney trat nach dem Bruchstück eines älteren Grabsteins. Ein paar Buchstaben und Teile von Wörtern waren darauf noch zu erkennen. Sie hätte die Inschrift gerne entziffert, aber der Brocken war halb von einem Gebüsch überwuchert und Victor inzwischen weitergegangen. Sie eilte hinter ihm her und wäre dabei auf dem gefrorenen Boden ein paarmal fast gestolpert. Victor war bei einem Grab stehen geblieben und betrachtete es. Es war frisch ausgehoben und mit einem provisorischen Schild markiert, der Grabstein fehlte noch.

Sydney stöhnte unbehaglich, was nichts mit der beißenden Kälte zu tun hatte. Victor schaute sie an und lächelte schief.

»Kopf hoch, Syd«, sagte er ruhig. »Das wird Spaß machen.«

In Wahrheit fand Victor Friedhöfe genauso scheußlich. Er mochte Tote nicht, weil er sie nicht beeinflussen konnte. Sydney dagegen hasste Tote, weil ihr Einfluss auf sie so groß war. Ihre Arme waren fest vor der Brust verschränkt, und mit dem behandschuhten Daumen rieb sie über die Stelle an ihrem Oberarm, wo die Kugel sie getroffen hatte. Es wurde langsam zum nervösen Tick.

Victor drehte sich um und stieß eine der Schaufeln in die Erde. Die andere warf er Sydney zu, die gerade noch rechtzeitig die Arme hob, um sie aufzufangen. Die Schaufel war fast so groß wie sie. In ein paar Tagen wurde sie dreizehn, aber selbst für zwölf und elf Zwölftel war Sydney Clarke klein geraten. Sie war auch früher nicht besonders schnell gewachsen und keinen Zentimeter mehr, seit sie gestorben war.

Jetzt hob sie die schwere Schaufel hoch und verzog das Gesicht.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte sie.

»Je schneller wir graben, desto schneller sind wir wieder zu Hause.«

Zu Hause war eigentlich kein richtiges Zuhause, sondern ein Hotelzimmer, in dem sich Sydneys gestohlene Klamotten, ein Karton Schokomilch und Victors Ordner befanden, aber darum ging es nicht. In diesem Moment wäre jeder Ort ein Zuhause gewesen, der kein Friedhof war. Unschlüssig hielt Sydney den Holzgriff der Schaufel umklammert und musterte das Grab. Victor hatte bereits angefangen zu buddeln.

»Und wenn …«, sagte sie und schluckte. »Und wenn nun aus Versehen die anderen Leute aufwachen?«

»Das werden sie nicht«, sagte Victor. »Konzentrier dich einfach auf dieses Grab. Und außerdem …« Er blickte hoch. »Seit wann hast du denn Schiss vor Leichen?«

»Hab ich nicht«, gab sie zu schnell und mit der Vehemenz eines jüngeren Geschwisterkindes zurück. Was sie ja auch war. Nur eben nicht Victors.

»Sieh’s mal so«, sagte er und warf einen Haufen Erde aufs Gras. »Selbst wenn du sie weckst, können sie nirgendwohin. Und jetzt fang an zu buddeln!«

Sydney beugte sich vor, wobei ihr das kurze blonde Haar ins Gesicht fiel, und begann zu graben. Die zwei arbeiteten im Dunkeln, nur Victors gelegentliches Summen und das dumpfe Tschuk der Schaufeln waren zu hören.

Tschuk.

Tschuk.

Tschuk.

 

II - Zehn Jahre vorher

Lockland University

Mit einer geraden schwarzen Linie strich Victor das Wort Wunder durch.

Der Text war auf dickem Papier gedruckt, durch das die Tinte nicht durchsickerte, solange er nicht zu stark aufdrückte. Er überflog die korrigierte Seite und verzog das Gesicht, als sich eines der Metallornamente am schmiedeeisernen Zaun der Lockland University in seinen Rücken bohrte. Die Schule war mächtig stolz auf ihr Ambiente – eine Mischung aus Country Club und gotischer Villa –, aber der verschnörkelte Zaun, der ihre Exklusivität und eine an das alte Europa angelehnte Ästhetik unterstreichen sollte, wirkte lediglich protzig und beengend. Wie ein eleganter Käfig.

Victor verlagerte das Gewicht und rückte das Buch auf seinen Knien zurecht. Die schiere Größe des Werks erstaunte ihn. Es war ein Selbsthilferatgeber, der neueste in einer fünfbändigen Reihe des weltberühmten Doktoren-Ehepaars Vale. Dieselben Vales, die gegenwärtig auf einer Lesereise quer über den Globus jetteten. Dieselben Vales, die in ihren stets vollen Terminkalendern gerade genug Platz geschaffen hatten, um Victor in die Welt zu setzen.

Er blätterte zurück, bis er den Anfang des Kapitels gefunden hatte, und begann zu lesen. Zum ersten Mal strich er nicht nur zum Spaß in einem Buch der Vales herum. Nein, diesmal tat er es für die Uni. Unwillkürlich musste Victor lächeln. Es bereitete ihm ein diebisches Vergnügen, die Werke seiner Eltern zusammenzukürzen, die umfangreichen Kapitel zum Thema Selbstermächtigung auf ein paar einfache und beunruhigend suggestive Botschaften zu reduzieren. Das tat er jetzt schon seit seinem zehnten Lebensjahr, eine mühsame, aber befriedigende Arbeit, die bisher allerdings zu nichts nütze gewesen war. Was sich letzte Woche geändert hatte. Letzte Woche hatte er aus Versehen das aufgeschlagene Buch mit seinen Streichungen in der Mittagspause im Kunstatelier liegengelassen – an der Lockland University war der Kunstunterricht selbst für angehende Ärzte und Wissenschaftler Pflicht –, und sein Lehrer hatte es entdeckt. Victor hatte eine Zurechtweisung erwartet, einen Vortrag darüber, wie das Verschandeln von Literatur kulturelle Werte bedrohe, oder vielleicht auch nur über den Wert von Papier. Stattdessen hatte sein Lehrer seinen Akt der Zerstörung als Kunst aufgefasst. Er hatte ihm sogar den notwendigen theoretischen Überbau geliefert und dabei Begriffe wie Ausdruck, Identität, Gegenstandskunst und Adaption benutzt.

Victor hatte nur genickt und es am Ende auf den Punkt gebracht: Rewrite. Und schon stand das Thema seiner Hausarbeit in Kunst fest.

Der Marker zischte, als er eine weitere Linie zog und mehrere Sätze in der Mitte der Seite auslöschte. Unter dem Gewicht des Wälzers wurde sein Knie taub. Wenn er einmal einen Ratgeber nötig haben sollte, würde er sich ein dünnes, einfaches Buch suchen, dessen Umfang zu seinem Versprechen passte. Aber vielleicht brauchten andere Leute mehr. Vielleicht suchten sie gezielt die Regale nach den dicksten Büchern ab, weil sie glaubten, so mehr für ihr Geld zu bekommen. Er überflog die Wörter und lächelte, als er einen weiteren Absatz fand, den er streichen konnte.

Nach der Kunststunde las sich das Kapitel seiner Eltern über den perfekten Start in den Tag so:

Verlier dich. Gib auf. gib Nach. am Schluss Ist es besser zu kapitulieren bevor du anfängst. verlier dich. Verlier dich Und es wird dich nicht kümmern ob du jemals gefunden wirst.

Um den letzten Satz perfekt zu machen, hatte er ganze Absätze schwärzen müssen. Das Wort jemals hatte er erst versehentlich durchgestrichen und weiterlesen müssen, bis er es ein weiteres Mal fand. Aber es hatte sich gelohnt. Die geschwärzten Seiten, die zwischen ob du und jemals und gefunden wirst lagen, verliehen den Wörtern genau den richtigen Eindruck von Verlorenheit.

Victor hörte jemanden herankommen, schaute aber nicht hoch. Er blätterte zum Ende des Buches vor, wo er an einem anderen Kapitel arbeitete. Der Sharpie durchschnitt einen weiteren Absatz, Zeile für Zeile. Es klang wie langsames und gleichmäßiges Atmen. Einmal war ihm der Gedanke gekommen, dass die Bücher seiner Eltern ihm tatsächlich halfen, nur nicht so, wie sie es beabsichtigt hatten. Er empfand ihre Zerstörung als unheimlich wohltuend, wie eine Art Meditation.

»Na, vergreifst du dich wieder an Schuleigentum?«

Victor blickte hoch und sah Eli vor sich stehen. Die Schutzfolie des Bibliotheksbuches knisterte unter seinen Fingern, als er es hochhob, um Eli den Rücken zu zeigen, wo in Großbuchstaben VALE geschrieben stand. Er würde doch keine $ 25.99 ausgeben, wenn die Bibliothek von Lockland eine so verdächtig große Sammlung von Ratgebern mit der Vale-Doktrin besaß. Eli nahm ihm das Buch ab und blätterte darin.

»Vielleicht … ist es … in … unserem … besten … Interesse zu … zu kapitulieren … aufzugeben … anstatt … Worte zu verschwenden.«

Victor zuckte mit den Achseln. Er war noch nicht ganz fertig.

»Da ist ein zu zu viel vor kapitulieren«, sagte Eli und warf ihm das Buch wieder hin.

Stirnrunzelnd fing Victor es auf. Er fuhr mit dem Finger über den Satz, bis er den Fehler entdeckt hatte. Dann schwärzte er sorgfältig das überflüssige Wort.

»Du hast zu viel Zeit, Vic.«

»Für die wichtigen Dinge im Leben muss man sich Zeit nehmen«, zitierte Victor. »Für das, was dich ausmacht: deine Wünsche, deine Fortschritte, deinen Stift. Nimm ihn in die Hand und schreib deine eigene Geschichte.«

Eli sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Was für ein Schwachsinn.«

»Das ist aus der Einleitung«, sagte Victor. »Keine Sorge, ich habe es geschwärzt.« Er blätterte bis zum Anfang zurück, ein Mosaik aus dünnen Buchstaben und dicken schwarzen Linien. »Sie haben Emerson total verhunzt.«

Eli zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nur, dass dieses Buch der Traum jedes Schnüfflers ist«, sagte er. Er hatte recht, die vier Sharpies, die Victor verbraucht hatte, um das Buch in Kunst zu verwandeln, hatten einen ziemlich starken Geruch hinterlassen, den Victor faszinierend und abstoßend zugleich fand. Die Zerstörung an sich machte ihn schon high, aber der Geruch trug noch zur Sinnlichkeit des Projekts bei, jedenfalls hätte sein Kunstlehrer es so formuliert. Eli lehnte sich gegen den Zaun. Sein dunkelbraunes Haar glänzte in der zu hellen Sonne und schimmerte hier und da rötlich oder sogar golden. Victors Haar war blassblond. Wenn das Sonnenlicht darauf fiel, brachte es keine Farben zum Vorschein, sondern betonte nur den Mangel daran und ließ ihn wie die verblichene Fotografie eines Studenten aussehen.

Eli starrte immer noch auf das Buch in Victors Händen.

»Drückt der Sharpie nicht durch?«

»Hab ich auch erst gedacht«, sagte Victor. »Aber sie benutzen so ein krass schweres Papier. Als wollten sie ihren Worten mehr Gewicht verleihen.«

Elis Gelächter wurde vom zweiten Klingeln übertönt, das über den sich leerenden Hof hallte. Natürlich war es in Lockland kein Summen, sondern tatsächlich das laute und fast bedrohliche Läuten einer – schließlich war man hier zivilisiert – einzelnen Kirchenglocke im Gemeindehaus in der Mitte des Campus. Eli fluchte und half Victor auf die Beine, dann eilte er auch schon auf die NaWi-Gebäude zu, deren Fassaden mit dunkelroten Ziegeln verblendet waren, um sie weniger steril wirken zu lassen. Victor dagegen ließ sich Zeit. Das letzte Klingeln würde noch auf sich warten lassen, und selbst wenn sie zu spät kamen, schrieben die Dozenten sie nie auf. Eli brauchte nur zu lächeln. Und Victor nur zu lügen. Beides erwies sich stets als erschreckend wirkungsvoll.

Victor saß im Naturwissenschaftlichen Überblicksseminar ganz hinten – einem Kurs, der Studenten unterschiedlicher Fachbereiche während der Abschlussphase zusammenbringen sollte – und lernte etwas über Forschungsmethoden. Oder ließ sich jedenfalls etwas darüber erzählen. Im Seminar saßen die Studenten vor Laptops, und Wörter auf einem Bildschirm durchzustreichen war einfach nicht so befriedigend. Deshalb war Victor dazu übergegangen, die anderen Studenten zu beobachten, wie sie dösten, herumkritzelten, angestrengt lauschten oder Textnachrichten austauschten. Natürlich wurde ihm auch das schnell langweilig, und sein Blick ging an ihnen vorbei, durch das Fenster und über den Rasen. Einfach weg.

Erst als Eli die Hand hob, lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder mühsam auf den Unterricht. Die Frage selbst war Victor entgangen, aber er sah das perfekte Wahlkampfkandidatenlächeln seines Mitbewohners, als er antwortete. Eliot Cardale war anfangs ein Problem gewesen. Einen Monat nach Beginn des zweiten Studienjahres hatte sehr zu Victors Leidwesen ein schlaksiger, braunhaariger Typ im Flur seines Wohnheims gestanden. Sein letzter Mitbewohner hatte gleich in der ersten Woche das Handtuch geworfen und die Uni verlassen. Entweder hatte es nicht genügend Studenten gegeben, oder Victors Kommilitone Max Hall, der gerne mal die Computer von Lockland hackte, hatte in den elektronischen Archiven dafür gesorgt, dass auf den frei gewordenen Platz niemand nachrückte. Victors schrecklich beengtes Doppelzimmer wurde zu einem komfortablen Domizil, in dem es sich gut leben ließ. Bis Anfang Oktober Eliot Cardale – der, wie Victor sofort entschied, zu viel lächelte – mit einem Koffer im Flur auftauchte.

Anfangs hatte Victor noch darüber nachgedacht, wie er ihn loswerden könnte, aber dann geschah etwas Seltsames. Er begann, Eli zu mögen. Eli war altklug und ätzend charmant, ein Typ, der sich dank seiner guten Gene und raschen Auffassungsgabe alles erlauben durfte. Er war wie gemacht für Sportteams und Studentenverbindungen, hatte jedoch überraschenderweise keine Lust, irgendwo einzutreten. Diese kleine Missachtung der gesellschaftlichen Normen ließ ihn in Victors Achtung steigen und machte ihn sofort interessanter.

Am meisten faszinierte Victor jedoch, dass mit Eli irgendetwas nicht stimmte. Er war wie eines dieser Suchbilder, deren Fehler man erst entdeckte, wenn man sehr genau hinsah. Oberflächlich betrachtet wirkte Eli völlig normal, aber hin und wieder bemerkte Victor einen Riss in der Fassade, wenn sich der Gesichtsausdruck und die Worte seines Mitbewohners nicht deckten. Diese flüchtigen Augenblicke fesselten Victor. Es war so, als hätte man zwei Menschen vor sich. Der eine verbarg sich in der Haut des anderen, und die Haut war immer zu trocken und drohte aufzureißen und das Etwas darunter zu enthüllen.

»Sehr scharfsinnig, Mr. Cardale.«

Victor hatte Frage und Antwort verpasst. Er schaute hoch und sah Professor Lyne in die Hände klatschen.

»Also gut. Es wird Zeit, dass Sie alle das Thema Ihrer Abschlussarbeiten vorstellen.«

Das Seminar, das vor allem aus Medizinstudenten, einer Handvoll Physiker und sogar einer Ingenieurin bestand, stöhnte kollektiv auf, aus Prinzip.

»Na, na«, sagte der Professor und schnitt den Protest ab. »Sie wussten ja schon bei der Anmeldung, worauf Sie sich hier einlassen.«

»Wussten wir nicht«, stellte Max fest. »Das ist ein Pflichtkurs.« Gelächter.

»Dann bitte ich um Verzeihung. Aber da Sie nun einmal hier sind: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf …«

»Nächste Woche wäre besser«, rief Toby Powell, ein breitschultriger Surfer und Medizinstudent, der Sohn eines Gouverneurs. Wieder lachten die Studenten, so laut, wie es Tobys Beliebtheitsgrad entsprach.

»Genug«, sagte Professor Lyne, und es kehrte wieder Ruhe ein. »Lockland fordert bei der Abschlussarbeit einen gewissen … Fleiß und lässt Ihnen zugleich einige Freiheiten, aber seien Sie gewarnt. Ich gebe dieses Seminar nun schon seit sieben Jahren. Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie ein langweiliges Thema wählen und sich möglichst unauffällig verhalten. Eine ehrgeizige Arbeit bringt Ihnen allerdings auch keine Punkte, nur weil sie ehrgeizig ist. Die Note hängt allein von Ihrer Leistung ab. Ich hoffe, Sie haben ein ergiebiges Thema gefunden, das Sie interessiert und das Sie nicht bereits in- und auswendig kennen.« Er schenkte Toby ein vernichtendes Lächeln. »Wenn Sie anfangen möchten, Mr. Powell?«

Toby fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, um Zeit zu gewinnen. Die Hinweise des Professors hatten in ihm offensichtlich Zweifel an seinem Thema geweckt. Er räusperte sich und scrollte seine Notizen durch.

»Ähm … TH17-Zellen und Immunologie.« Er gab sich Mühe, die Stimme am Ende nicht fragend zu heben. Professor Lyne ließ ihn einen Moment lang zappeln, und alle warteten, ob er Toby »den Blick« zuwerfen würde, für den er berühmt war und der so viel bedeutete wie: Vielleicht willst du es noch einmal versuchen? Aber schließlich nickte er nur.

Sein Blick wanderte weiter. »Mr. Hall?«

Max öffnete den Mund, aber Lyne unterbrach ihn. »Nichts Technisches. Etwas Wissenschaftliches, aber nichts Technisches. Also überlegen Sie es sich gut.« Max’ Mund klappte wieder zu, und er dachte einen Moment lang nach.

»Der elektrische Wirkungsgrad erneuerbarer Energien«, sagte er nach einer Pause.

»Hardware statt Software. Eine kluge Wahl, Mr. Hall.«

Professor Lyne arbeitete sich weiter durch den Raum vor.

Vererbungsmuster, Gleichgewicht und Strahlung wurden angenommen, die Auswirkungen von Alkohol / Zigaretten / Gras, die chemischen Eigenschaften von Methamphetamin und die Reaktion des Körpers auf Sex hingegen ernteten allesamt »den Blick«. Einer nach dem anderen stellte sein Thema vor, das entweder akzeptiert wurde oder neu formuliert werden musste.

»Der Nächste«, befahl Professor Lyne, dessen Sinn für Humor langsam nachließ.

»Chemische Pyrotechnik.«

Eine lange Pause. Das Thema kam von Janine Ellis, deren Augenbrauen sich noch nicht ganz von ihrer letzten Versuchsreihe erholt hatten. Professor Lyne seufzte und bedachte sie mit »dem Blick«, aber Janine lächelte nur, und Lyne konnte nicht viel dagegen tun. Ellis war eine der jüngsten Studentinnen im Raum und hatte bereits im ersten Studienjahr einen neuen leuchtenden Blauton entdeckt, den inzwischen Feuerwerkshersteller auf der ganzen Welt benutzten. Wenn sie ihre Augenbrauen aufs Spiel setzen wollte, dann war das ihre Sache.

»Und Sie, Mr. Vale?«

Victor schaute seinen Professor an und ging seine Möglichkeiten durch. In Physik war er nie besonders gut gewesen. Chemie machte ihm zwar Spaß, aber eigentlich interessierte er sich für Biologie, besonders für Anatomie und Neurowissenschaften. Er hätte nichts gegen ein paar Experimente, seine Augenbrauen wollte er aber gerne behalten. Sein Ansehen in der Professorenschaft war ihm natürlich wichtig. Allerdings wurde er schon seit Monaten mit Angeboten von medizinischen Fakultäten, Graduiertenprogrammen und Forschungslaboren überschüttet. Er und Eli hatten mit den Briefen den Flur ihres Apartments geschmückt. Nicht mit den Angeboten selbst, sondern mit den Anschreiben, die voller Lobeshymnen, Wimpergeklimper und handschriftlicher Nachsätze waren. Sie mussten beide keine weltbewegenden Abschlussarbeiten mehr schreiben. Victor sah zu Eli hinüber und fragte sich, was für ein Thema er wohl wählen würde.

Professor Lyne räusperte sich.

»Adrenalinauslöser«, sagte Victor aus einer Laune heraus.

»Mr. Vale, ich habe bereits einen Vorschlag abgelehnt, in dem es um Geschlechtsverkehr ging …«

»Nein«, sagte Viktor und schüttelte den Kopf. »Adrenalin und seine physischen und emotionalen Auslöser und Folgen. Biochemische Schwellenwerte. Kampf oder Flucht. Solche Dinge.«

Er musterte das Gesicht des Professors und wartete auf ein Zeichen. Schließlich nickte Lyne.

»Hoffentlich werde ich das nicht bereuen«, sagte er.

Dann wandte er sich als Letztem Eli zu. »Mr. Cardale.«

Eli lächelte ruhig. »EOs.«

Das Seminar, in dem sich gedämpfte Gespräche ausgebreitet hatten, verstummte mit einem Mal. Das Hintergrundraunen, das Tastaturklappern, das Knarren von Stühlen hörte auf, während Professor Lyne Eli mit einem gänzlich neuen Blick betrachtete, der zwischen Überraschung und Verwirrung schwankte. Eliot Cardale war stets der Beste seiner Jahrgangsstufe, ja der gesamten medizinischen Abteilung gewesen – oder hatte sich zumindest mit Victor auf dem ersten und zweiten Platz abgewechselt.

Fünfzehn Augenpaare waren auf Eli und Professor Lyne gerichtet, während die Stille andauerte und langsam ungemütlich wurde. Eli würde ein Thema niemals nur aus Spaß vorschlagen. Aber das konnte er unmöglich ernst meinen.

»Ich fürchte, das werden Sie genauer erklären müssen«, sagte Lyne.

Elis Lächeln erlosch nicht. »Ein Argument für die theoretische Möglichkeit der Existenz ExtraOrdinärer Menschen, im Einklang mit den Gesetzen der Biologie, Chemie und Psychologie.«

Professor Lyne neigte den Kopf und hob das Kinn, aber er sagte lediglich: »Vorsicht, Mr. Cardale. Denken Sie an meine Warnung. Mit Ehrgeiz allein lassen sich keine Punkte gewinnen. Ich vertraue darauf, dass Sie dieses Seminar nicht zum Gespött der Fakultät machen.«

»Ist das also ein Ja?«, fragte Eli.

Das erste Läuten ertönte.

Ein Stuhl wurde ein Stück nach hinten geschoben, aber niemand stand auf.

»In Ordnung«, sagte Professor Lyne.

Elis Lächeln wurde breiter.

In Ordnung? In den Gesichtern der anderen Studenten sah Victor alles von Neugierde bis hin zu Überraschung und Neid. Es war ein Witz. Anders konnte es nicht sein. Aber Professor Lyne richtete sich auf und nahm seine übliche Haltung an.

»Geht hinfort, meine Schüler«, sagte er. »Schafft Veränderung.«

Bewegung kam in den Raum. Stühle scharrten, Tische wurden beiseitegeschoben, Taschen hochgehoben, und die Studenten ergossen sich in einer Welle in den Korridor, die Victor mit sich trug. Er schaute sich nach Eli um und bemerkte, dass er zurückgeblieben war und sich leise, aber eindringlich mit Professor Lyne unterhielt. Seine Gelassenheit war verschwunden, und seine Augen leuchteten. Doch als er sich verabschiedet hatte und zu Victor hinaustrat, lächelte er bereits wieder.

»Was zum Teufel war das denn?«, fragte Victor. »Ich weiß, die Abschlussarbeit spielt keine große Rolle mehr, aber trotzdem … Sollte das ein Witz sein?«

Eli zuckte mit den Achseln, und bevor Victor nachhaken konnte, meldete sich die Elektro-Rock-Melodie seines Handys in der Tasche. Victor lehnte sich gegen eine Wand, während Eli dranging.

»Hallo, Angie. Ja, wir sind schon unterwegs.« Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Man ruft uns.« Eli legte den Arm um Victors Schultern. »Meine hübsche Maid ist hungrig. Ich wage es nicht, sie warten zu lassen.«

 

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Unverkäufliche Leseprobe aus: V.E. Schwab - Vicious - Das Böse in uns. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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