Leslie S. Klinger: H.P. Lovecraft - Das Werk

FISCHER TOR

Leseprobe: H.P. Lovecraft - Das Werk (Hrgs. Leslie S. Klinger)


TOR Team
15.08.2017

H. P. Lovecraft ist neben Edgar Allan Poe DER Klassiker der modernen Horrorliteratur. Seine phantastischen Erzählungen erscheinen, im Original wie auch in zahlreiche Sprachen übersetzt, in hohen Auflagen und finden weltweit allergrößte Leserresonanz. Leslie S. Klinger präsentiert in »H. P. Lovecraft – Das Werk« die besten Erzählungen, reich bebildert und mit einem ausführlichen Kommentar versehen.

Ein Blick ins Buch

H.P. Lovecraft - Das Werk

Eine Seite aus Lovecrafts Rhode Island Journal of Science and Astronomy, angefertigt mit vierzehn Jahren.

H.P. Lovecraft - Das Werk
H.P. Lovecraft - Das Werk

Cover von Weird Tales, Oktober 1923. Obwohl Lovecrafts Name oft auf dem Cover der Zeitschrift erschien, gab es nie ein Titelbild zu einer seiner Erzählungen.

Weird Tales 11, Nr. 2 (Februar 1928) (Illustration von Hugh Rankin)

H.P. Lovecraft - Das Werk

Das Wilcox-Relief, Zeichnung von H.P. Lovecraft, 1934

Lovecrafts literarische Laufbahn

Die bloßen umrisse von Lovecrafts Leben lassen wenig von der unglaublichen Menge von Wörtern erahnen, die er zu Papier brachte. In seiner Jugend schrieb Lovecraft eine Vielzahl von wissenschaftlichen Texten, in denen er sich hauptsächlich mit Astronomie beschäftigte. Seine erste Veröffentlichung, ein Artikel, in dem er sich kritisch mit dem wissenschaftlichen Anspruch der Astrologie auseinandersetzte, erschien 1906 im Providence Sunday Journal. Im selben Jahr wurde ein Leserbrief, in dem es um Himmelskörper jenseits des Neptuns ging, im Scientific American veröffentlicht. Lovecraft produzierte selbst zwei Periodika, die Scientific Gazette und das Rhode Island Journal of Astronomy. Seine wichtigste Plattform zu dieser Zeit war jedoch eine regelmäßige monatliche Astronomie-Kolumne in der Providence Tribune.

Nachdem in der Leserbriefspalte von Argosy, einem der populärsten Munsey-Magazine, eine Reihe von Briefen Lovecrafts erschienen war, wurde er 1914 eingeladen, Mitglied der United Amateur Press Association zu werden, einer Gruppe von Amateurjournalisten, die untereinander selbst herausgegebene Zeitschriften zirkulieren ließen, in denen sie unter anderem wechselseitig ihre Gedichte und Prosatexte kritisierten. 1915 startete Lovecraft seine eigene Amateurzeitschrift, die den Titel The Conservative trug und es auf dreizehn Ausgaben brachte. Zugleich engagierte er sich in der von heftigen Kontroversen geprägten Verbandspolitik der Organisation und bekleidete schließlich sogar das Amt des Vorsitzenden. Lovecraft schrieb zahllose Artikel, in denen er seinen politischen und weltanschaulichen Überzeugungen Ausdruck verlieh, sowie eine unüberschaubare Menge an Rezensionen von amateurjournalistischen und professionellen Veröffentlichungen. Zur Verbesserung des Niveaus des Amateurjournalismus regte Lovecraft die Einrichtung eines Kurses an, in dem angehende Schriftsteller in Grammatik, Rhetorik und Verslehre unterrichtet werden sollten, und schlug vor, Listen mit empfohlener Lektüre zusammenzustellen. Er reiste nach Boston, um Zusammenkünften von Amateurjournalisten beizuwohnen, und fand sich bald im Mittelpunkt eines wachsenden Freundeskreises wieder, dessen Mitglieder zumeist schriftstellernde Amateure wie er waren.

Diese Freunde waren es, die Lovecraft zum umfangreichsten Teil seiner schriftlichen Produktion anregten, dem Verfassen von Briefen und Postkarten. Peter Cannon bezeichnet Lovecraft als »den Horace Walpole des zwanzigsten Jahrhunderts, einen zwanghaften Kommunikator, der in seinem kurzen Leben Zehntausende von Sendungen verschickte, die von Ansichtskarten bis hin zu Abhandlungen von vierzig, fünfzig, sechzig oder sogar siebzig handschriftlich engbeschriebenen Seiten reichten«. Obwohl es eine fünfbändige Ausgabe von Lovecrafts Selected Letters gibt, umfasst diese mit 930 Briefen nur einen winzigen Bruchteil seiner Korrespondenz. S. T. Joshi, der führende Lovecraft-Experte, hat inzwischen begonnen, eine vollständige Sammlung von Lovecrafts erhaltenen Briefwechseln zu veröffentlichen. Lovecrafts Briefe umfassen eine eindrucksvolle Themenbreite, die vom antiken Rom bis zu verschiedenen Eiscremesorten reicht, und werfen zugleich Licht auf Lovecrafts Einflüsse, seine Quellen und seine Weltanschauung. Diese biographischen Aspekte werden in den von S. T. Joshi herausgegebenen und mit Anmerkungen versehenen Ausgaben von Lovecrafts Erzählungen ausführlich behandelt. Die vorliegende Ausgabe zieht sie, abgesehen von diesem Vorwort, vor allem zur Interpretation der einzelnen Erzählungen heran.

Lovecrafts Laufbahn als Autor unheimlich-phantastischer Geschichten begann mit der Erzählung »The Beast in the Cave« (dt. »Das Tier in der Höhle«), die er im Alter von 15 Jahren verfasste. Möglicherweise gibt es schon frühere Versuche, aber »The Beast in the Cave« war die erste Geschichte, die er Freunden zu lesen gab und die später auch veröffentlicht wurde. Seine erste publizierte Erzählung war jedoch »The Tomb« (dt. »Das Grab«), auf die schon bald »Dagon« (siehe Seite 71) folgte. Beide Geschichten erschienen 1919, dem Jahr, als Lovecrafts Mutter ins Butler Hospital für psychisch Kranke eingewiesen wurde, in Amateurzeitschriften. In den nächsten Jahren verfasste er Dutzende von Kurzgeschichten, die auf dieselbe Art in Umlauf gebracht wurden. Später wurden fast alle Erzählungen aus dieser Zeit auch in Weird Tales abgedruckt, wobei »Dagon« im Oktober 1923 den Anfang machte. Lovecrafts frühe erzählerische Arbeiten sind als seine »Poe«-Erzählungen (Schilderungen unheimlicher Ereignisse in Form von bekenntnishaften Berichten) und seine »Dunsany«-Erzählungen (Geschichten, die mit einer eigens erfundenen Mythologie und Folklore aufwarten) bezeichnet worden, und Lovecraft machte kein Geheimnis daraus, dass er in seiner Frühzeit versuchte, den Stil beider Autoren nachzuahmen. Während seine ersten Erzählungen durchaus von einem sich entwickelnden literarischen Talent zeugten, ließen sie – vielleicht mit Ausnahme von »Dagon« – noch relativ wenig von dem erkennen, was Lovecrafts Erzählungen später unverwechselbar machen sollte. Die ersten acht in diesem Band enthaltenen Erzählungen (bis einschließlich »Der Hund«) entstanden alle vor 1922 und werden bei der Würdigung von Lovecrafts literarischem Schaffen oft übersehen. Einige von ihnen – wie »Das Bild im Haus« und »Der Hund« – zeigen, wie Lovecraft beginnt, den intensiv-emotionalen Erzählstil, den er von Poe übernommen hat, seinen eigenen Themen anzupassen. In anderen, vor allem in »Dagon«, »Nyarlathotep« und »Die namenlose Stadt«, experimentiert Lovecraft mit verschiedenen selbsterfundenen Pseudomythologien.

Mit »Das Fest« (1923) beginnt Lovecraft, Erzählungen zu schreiben, die in der wiedererkennbaren Landschaft Neuenglands angesiedelt sind. Gleichzeitig führt er erfundene Orte in diese Landschaft ein: den Hafen Kingsport, die irgendwo im Landesinneren gelegene Stadt Arkham und die Landschaften entlang des Miskatonic River. Zwar spielt bereits »Das Bild im Haus« in Neuengland, und die fiktive Stadt Arkham ist einer der Schauplätze von »Herbert West, Wiedererwecker«, allerdings hat die Szenerie in diesen früheren Erzählungen nur eine untergeordnete Bedeutung. In »Das Fest« wird die Stadt Kingsport hingegen zu einer »Figur« der Handlung, die wichtiger ist als der namenlose Erzähler. Lovecraft ging es jedoch nicht um Lokalkolorit oder darum, sich als »Heimatschriftsteller« zu etablieren. Er hatte Größeres im Sinn. Er wollte zeigen, wie sich das Übernatürliche in alltäglichen, wohlbekannten Szenerien verbergen kann. Der Verfasser phantastischer Literatur, so Lovecraft,

widmet sich der Kunst in ihrem grundlegendsten Sinne. Es geht ihm nicht darum, sich hübsche Belanglosigkeiten auszudenken, um Kindern zu gefallen, eine nützliche Moral zu verbreiten, oberflächlich »erbauliches« Zeug zusammenzubrauen … oder unlösbare menschliche Probleme didaktisch durchzukauen. Er malt Stimmungen und geistige Bilder – er fängt flüchtige Träume und Phantasien ein und gibt ihnen Gestalt – er reist in jene unerhörten Länder, die manchmal (jedoch nur selten) durch den Schleier des täglichen Lebens erblickt werden, und das nur von den wenigen, die dafür empfänglich sind.

»Geschichten über gewöhnliche Menschen würden eine größere Leserschaft ansprechen«, gab Lovecraft zu,

aber es geht mir nicht darum, eine solche Leserschaft zu erreichen. Die Meinung der Masse ist für mich uninteressant, denn Lob ist nur dann wirklich befriedigend, wenn es von jemandem ausgesprochen wird, der die Perspektive des Autors teilt. Es gibt alles in allem vielleicht sieben Menschen, die meine Arbeit wirklich schätzen, und das ist genug. Ich würde sogar schreiben, wenn ich mein einziger geduldiger Leser wäre, denn das Einzige, was ich erreichen will, ist zweckfreier persönlicher Ausdruck. Ich kann nicht über »gewöhnliche Menschen« schreiben, weil sie mich nicht im mindesten interessieren. Ohne Interesse aber kann es keine Kunst geben. Das Verhältnis des Menschen zum Menschen reizt meine Phantasie nicht. Allein das Verhältnis des Menschen zum Kosmos – zum Unbekannten – entzündet in mir den Funken der kreativen Imagination.

Lovecrafts Geschichten zirkulierten hauptsächlich unter seinen Freunden, und als er 1923 begann, sie an Weird Tales, das führende Magazin für Erzählungen des Genres, zu verkaufen, wurde er, wie es den Gepflogenheiten der Zeit entsprach, nur äußerst dürftig dafür bezahlt. Konkret heißt das, dass er die stolze Summe von einem Cent pro Wort erhielt (die »Top«-Autoren von Weird Tales erhielten 1 ½ Cent pro Wort, doch es gelang Lovecraft nur mit einigen wenigen seiner Erzählungen in diese Gruppe aufzusteigen). Das frisch gegründete Magazin sollte eine erstaunlich lange Lebensdauer haben: Es hielt sich bis 1954, obwohl es in den späten 1930er Jahren erheblich an Auflage einbüßte. Weird Tales hatte nie den Erfolg der größeren Pulps wie Argosy, und selbst in seinen besten Zeiten lag die Auflage des Magazins bei unter 50 000 Exemplaren. S. T. Joshi notiert, dass Lovecraft 1925 für »Das Fest« ein Honorar von 35 Dollar und für »Das Unsagbare« 25 Dollar erhielt.

Als er 1926 nach Providence zurückkehrte, war für Lovecraft die Zeit der Experimente mit verschiedenen Stilen und der Nachahmung anderer Autoren vorbei. In den verbleibenden zehn Jahren seines Lebens verfasste er seine bedeutendsten Erzählungen. Den Anfang machte »Cthulhus Ruf«, in vieler Hinsicht die prototypische Lovecraft-Geschichte, auf die schon bald die autobiographisch gefärbte lange Erzählung The Dream Quest of Unknown Kadath (dt. Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath) und der großartige Kurzroman Der Fall Charles Dexter Ward (1927) folgten, die beide zu Lovecrafts Lebzeiten unveröffentlicht blieben. Auch die Erzählung, die Lovecraft für seine beste hielt, »Die Farbe aus dem All«, wurde 1927 geschrieben.

Cthulhus Ruf

Mit »Cthulhus Ruf« (»The Call of Cthulhu«) gelingt Lovecraft ein literarischer Quantensprung. Obwohl einige Kritiker die Erzählung als eine bloße Erweiterung von »Dagon« betrachten, ist sie doch viel mehr. Mit ihren sorgfältig konstruierten verschachtelten Erzählebenen, ihren unzuverlässigen Erzählern und einem Ton, der sich von der besonnenen Skepsis, mit der der Berichterstatter zu Beginn über das gewaltige Rätsel, das vor ihm liegt, nachdenkt, zu dem ultimativen Grauen, das er entdeckt, steigert, ist sie Lovecrafts erste reife literarische Arbeit. Zugleich entfaltet Lovecraft hier erstmals umfassend seinen Kosmizismus. Wie Fritz Leiber bemerkt hat, hebt er in »Cthulhus Ruf« das Grauen zum ersten Mal aus irdischen Gefilden zu den Sternen.

Die Erzählung basiert auf dem, was David Schultz Lovecrafts »Anti-Mythologie« nennt. Im Gegensatz zu einer Mythologie, die, mit den Worten von Joseph Campbell »das menschliche Bewusstsein mit dem mysterium tremendum et fascinans – dem zugleich schreckenerregenden und faszinierenden Geheimnis – unseres Universums versöhnt«, führt Lovecrafts Antimythologie dem Menschen die Unmöglichkeit vor Augen, das Universum zu verstehen. Wie wir bereits gesehen haben, waren es Lovecrafts Nachfolger und Nachahmer, die seiner Kosmogonie den Namen »Cthulhu-Mythos« gegeben haben. Wie Lovecraft selbst seine Antimythologie verstanden wissen wollte, hat die Lovecraft-Forschung durch eine sorgfältige Lektüre seiner Briefe rekonstruiert.

»Cthulhus Ruf« erschien erstmals in Weird Tales 11, No. 2 (Februar 1928), S. 159–178, 287. Wahrscheinlich schrieb Lovecraft die Geschichte jedoch bereits im August oder September 1926 nieder, wobei er auf einen älteren Entwurf zurückgriff. Nachdem die erste Fassung von Weird Stories abgelehnt worden war, überarbeitete Lovecraft die Erzählung im Juli 1927 nochmals, woraufhin sie in Weird Tales veröffentlicht wurde.

Die folgenden Aufzeichnungen wurden im Nachlass von Francis Wayland Thurston aus Boston gefunden.

Dass derart große Kräfte oder Wesen die Zeit überdauern, ist durchaus vorstellbar … Überbleibsel aus einer längst vergangenen Epoche, in der sich Bewusstsein vielleicht in Gestalten und Formen manifestierte, die seitdem längst vor der Flut der voranschreitenden Menschheit zurückgewichen sind … Formen, an die allein Dichtung und Legende eine flüchtige Erinnerung bewahren und die sie als Götter, Ungeheuer, mythische Wesen und mit mannigfaltigen anderen Namen bezeichnet haben …

Algernon Blackwood

1. Das tönerne Grauen

die größte gnade, die uns die Natur hat zuteilwerden lassen, ist wohl das Unvermögen des menschlichen Geistes, alle seine Inhalte miteinander in Beziehung zu setzen. Wir leben auf einer beschaulichen Insel der Unwissenheit inmitten schwarzer Ozeane der Unendlichkeit, und es ist nicht unsere Bestimmung, weit hinauszusegeln. Die Wissenschaften, von denen jede in ihre eigene Richtung strebt, haben uns bislang wenig geschadet. Eines Tages jedoch wird man die verstreuten Wissensfragmente zusammenfügen, und es werden sich so erschreckende Ausblicke auf die Wirklichkeit und unsere heillose Stellung in dieser Wirklichkeit eröffnen, dass wir angesichts der Offenbarung entweder den Verstand verlieren oder aus dem tödlichen Licht in die Ruhe und Sicherheit eines neuen dunklen Zeitalters fliehen werden.

Die Theosophen haben die ehrfurchtgebietende Großartigkeit jenes kosmischen Zyklus erahnt, in dem unsere Welt und die menschliche Rasse nur flüchtige Ereignisse sind. Sie haben Andeutungen über merkwürdige Überbleibsel gemacht, Andeutungen, die einem das Blut gefrieren lassen würden, hätten sie sie nicht hinter einem faden Optimismus verborgen. Doch es war nicht die Theosophie, die mir jenen einen kurzen Blick auf verbotene Äonen gewährte, der mich erschaudern lässt, wenn ich an ihn zurückdenke, und mich um den Verstand bringt, wenn ich von ihm träume. Wie alle Momente entsetzlicher Erkenntnis, so eröffnete sich auch dieser kurze Blick, als ich zufällig zwei Dinge zusammenfügte, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten: in diesem Fall einen alten Zeitungsartikel und die Aufzeichnungen eines toten Professors. Ich hoffe, dass niemand anders diese Dinge zusammenfügen wird. Solange ich lebe, werde ich ganz gewiss niemals wissentlich etwas unternehmen, um die Glieder dieser entsetzlichen Kette zusammenzusetzen. Ich glaube, dass auch der Professor Stillschweigen über jenen Teil bewahren wollte, von dem er wusste, und dass nur sein plötzlicher Tod ihn daran gehindert hat, seine Aufzeichnungen zu vernichten.

Zum ersten Mal stieß ich auf die Angelegenheit im Winter 1926/27, als mein Großonkel George Gammell Angell, emeritierter Professor für semitische Sprachen an der Brown University, Providence, Rhode Island, starb. Professor Angell war eine weithin bekannte Autorität für antike Inschriften und wurde regelmäßig von den Leitern renommierter Museen zu Rate gezogen, so dass sich viele an seinen Tod im Alter von zweiundneunzig Jahren erinnern werden. In Providence wurde das Interesse an seinem Ableben noch durch die Rätselhaftigkeit der Todesursache verstärkt. Der Professor war, als er von der Fähre nach Newport nach Hause ging, vom Schlag getroffen worden. Zeugen berichteten, dass er plötzlich gestürzt sei, nachdem ihn ein seemännisch aussehender Neger angerempelt hatte, der aus einem der merkwürdigen dunklen Höfe am Hang des jäh abfallenden Hügels getreten war, über den eine Abkürzung vom Hafen zum Haus des Verstorbenen in der Willams Street führte. Die Ärzte konnten keine sichtbare Erkrankung feststellen und kamen nach einer fruchtlosen Debatte zu dem Schluss, dass das rasche Ersteigen einer so steilen Anhöhe bei dem betagten Mann eine nicht sichtbare Läsion des Herzens hervorgerufen hatte, die für das Ende verantwortlich war. Damals sah ich keinen Grund, an dieser Diagnose zu zweifeln, doch in letzter Zeit beginne ich mir Fragen zu stellen – und mehr als das.

Als Erbe und Nachlassverwalter meines Großonkels, der als kinderloser Witwer gestorben war, gehörte es zu meinen Aufgaben, seine Unterlagen einigermaßen gründlich durchzusehen, und zu diesem Zweck ließ ich seine gesamten Akten und Kisten in meine Wohnung nach Boston bringen. Ein Großteil des Materials, das ich zusammengestellt habe, wird zu einem späteren Zeitpunkt von der American Archaeological Society veröffentlicht werden, aber es gab eine Kiste, die ich außerordentlich rätselhaft fand und niemand anderem zeigen mochte. Die Kiste war verschlossen, und es gelang mir zunächst nicht, einen Schlüssel zu finden, bis ich auf den Gedanken kam, mir einen bestimmten Ring, den der Professor stets in seiner Tasche trug, genauer anzusehen. Es gelang mir tatsächlich, mit Hilfe des Rings die Kiste zu öffnen, doch damit schien ich nur auf ein größeres und noch schwerer zu überwindendes Hindernis gestoßen zu sein. Denn was hatte es mit jenem merkwürdigen Basrelief aus Ton und den unzusammenhängenden Notizen, Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitten auf sich, die ich darin fand? War mein Onkel in seinen letzten Lebensjahren den alleroberflächlichsten Hochstapeleien aufgesessen? Ich entschloss mich, den exzentrischen Bildhauer zu finden, der so offensichtlich die Seelenruhe eines alten Mannes gestört hatte.

Das Basrelief war in etwa rechteckig, weniger als einen Zoll dick, etwa fünf mal sechs Zoll hoch und offenbar modernen Ursprungs. Die Darstellung war jedoch, von ihrer Atmosphäre und dem, was sich in ihr andeutete, alles andere als modern. Denn die Launen des Kubismus und des Futurismus sind zwar mannigfaltig und unberechenbar, doch ahmen sie nur selten jene geheimnisvolle Regelmäßigkeit nach, die sich in prähistorischen Schriftzeichen verbirgt. Und um Schriftzeichen schien es sich bei einem Großteil des Dargestellten mit ziemlicher Sicherheit zu handeln, auch wenn es mir – obwohl ich mit den Unterlagen und der Sammlung meines Onkels bestens vertraut war – nicht gelang, diese spezifische Art von Zeichen zu identifizieren oder sie auch nur im Entferntesten mit irgendetwas Bekanntem in Zusammenhang zu bringen.

Über den vermeintlichen Hieroglyphen befand sich eine Figur, die offensichtlich eine Abbildung von irgendetwas darstellte, obwohl ihre impressionistische Ausführung es nicht zuließ, sich eine genauere Vorstellung vom Charakter des Dargestellten zu machen. Es schien eine Art Ungeheuer oder die symbolische Darstellung eines Ungeheuers zu sein, dessen Gestalt nur einer kranken Vorstellungskraft entsprungen sein konnte. Wenn ich sage, dass meine einigermaßen lebhafte Phantasie mich gleichzeitig an einen Kraken, einen Drachen und an die Karikatur eines menschlichen Wesens denken ließ, so gibt das vielleicht eine ungefähre Vorstellung von dem Ding. Ein fleischiger, tentakelbewehrter Kopf saß auf einem grotesken schuppigen Körper mit rudimentären Schwingen. Was das Ganze auf bestürzende Art furchterregend machte, war jedoch der Umriss der Gestalt, in deren Hintergrund vage eine zyklopische Architektur angedeutet war.

Die Schriftstücke, die ich zusammen mit diesem merkwürdigen Gegenstand in der Kiste fand, waren, abgesehen von einem Stapel Zeitungsausschnitte, Notizen in Professor Angells Handschrift, die aus jüngster Zeit stammten und in einem nüchternen, kunstlosen Stil verfasst waren. Der Text, bei dem es sich anscheinend um das zentrale Dokument handelte, trug die Überschrift »CTHULHU-KULT«. Die Buchstaben waren mit äußerster Sorgfalt geschrieben, um einer falschen Lesart des völlig unbekannten Wortes vorzubeugen. Das Manuskript war in zwei Abschnitte unterteilt, von denen der erste »1925 – Traum und Traumarbeit von H. A. Wilcox, Thomas Street 7, Providence, Rhode Island« überschrieben war und der zweite die Überschrift »Bericht von Inspektor John R. Legrasse, Bienville Street 121, New Orleans, Louisiana, bei der Vollversammlung der American Archaeological Society 1908 – Notizen des Vorstehenden & Prof. Webbs Schilderung« trug. Bei den übrigen Schriftstücken handelte es sich um kurze Notizen, einige davon Aufzeichnungen über merkwürdige Träume verschiedener Personen und einige Auszüge aus theosophischen Büchern und Zeitschriften (insbesondere W. Scott-Elliots Atlantis and the New Lemuria). Der Rest waren Anmerkungen zu seit langem bestehenden Geheimgesellschaften und verborgenen Kulten mit Verweisen auf mythologische und anthropologische Quellensammlungen wie Frazers Goldener Zweig und Miss Murrays Hexenkult in Westeuropa. Die Zeitungsausschnitte bezogen sich zum größten Teil auf aufsehenerregende Fälle von Geisteskrankheit und Ausbrüche kollektiven Wahns oder kollektiver Manien im Frühjahr 1925.

Die erste Hälfte des zentralen Manuskripts berichtete von einer äußerst befremdlichen Geschichte. Es scheint, dass am 1. März 1925 ein dünner, dunkelhaariger junger Mann Professor Angell aufgesucht hatte. Er machte einen neurotischen und überspannten Eindruck und hatte das eigentümliche Flachrelief bei sich, das zu diesem Zeitpunkt noch ganz feucht und frisch war. Seine Visitenkarte trug den Namen Henry Anthony Wilcox, und mein Onkel erkannte in ihm den jüngsten Sohn einer angesehenen Familie, mit der er flüchtig bekannt war. Er hatte zuletzt Bildhauerei an der Kunstakademie von Rhode Island studiert und wohnte alleine im Fleur-de-Lys-Haus in der Nähe der Akademie. Wilcox war ein frühreifer junger Mann, der als genial, aber äußerst exzentrisch galt. Von Kindheit an hatte er mit der Gewohnheit Aufmerksamkeit erregt, seltsame Geschichten und merkwürdige Träume zu erzählen. Er selbst bezeichnete sich als »psychisch überempfänglich«, doch für die biederen Bürger der alten Handelsstadt war er bloß »wunderlich«. Er hatte sich nie viel aus dem Umgang mit Gleichaltrigen gemacht und war nach und nach aus dem Blickfeld der städtischen Gesellschaft verschwunden. Inzwischen pflegte er nur noch Kontakt zu einer kleinen Gruppe von Ästheten aus anderen Städten. Auch dem städtischen Kunstverein von Providence, der großen Wert darauf legte, seinen Konservativismus zu wahren, galt er als hoffnungsloser Fall.

Bei seinem Besuch, so das Manuskript des Professors weiter, bat der Bildhauer seinen Gastgeber unvermittelt, ihm mit seinem archäologischen Wissen zur Seite zu stehen, um die Hieroglyphen auf dem Flachrelief zu identifizieren. Er redete auf eine träumerische und gestelzte Art, die aufgesetzt und wenig sympathisch wirkte. Mein Onkel antwortete ihm denn auch mit einer gewissen Schärfe, denn die offensichtliche Frische der Tafel zeugte davon, dass das Relief alles andere war als ein archäologisches Artefakt. Was der junge Wilcox erwiderte, beeindruckte meinen Onkel immerhin genug, dass er es wörtlich aus der Erinnerung aufzeichnete. Die Worte des Bildhauers waren von einer eigenartigen phantastischen Poesie, die für seine gesamte Ausdrucksweise während jenes Gesprächs typisch gewesen sein muss und die ich später als einen seiner hervorstechenden Charakterzüge kennenlernte. Er sagte: »Es ist in der Tat neu, denn ich habe es letzte Nacht angefertigt, während ich von seltsamen Städten träumte. Und Träume sind älter als das brütende Tyrus oder die nachdenkliche Sphinx oder das von Gärten umgebene Babylon.«

Und dann begann er jenen umständlichen Bericht, der plötzlich in schlummernden Erinnerungen ein Echo fand und bei meinem Onkel nach und nach ein fiebriges Interesse weckte: In der Nacht zuvor hatte es ein leichtes Erdbeben gegeben. Es war die heftigste Erschütterung dieser Art gewesen, die in Neuengland in den letzten Jahren zu spüren gewesen war, und sie hatte bemerkenswerte Auswirkungen auf Wilcox’ Phantasie gehabt. Nachdem er zu Bett gegangen war, hatte er einen beispiellosen Traum von riesigen zyklopischen Städten aus titanischen Steinquadern und steil zum Himmel aufragenden Monolithen geträumt, die allesamt von grünem Schleim troffen und von denen ein latentes Grauen ausging. Mauern und Säulen waren mit Hieroglyphen bedeckt gewesen, und von einem unbestimmten Punkt in der Tiefe darunter war eine Stimme erklungen, die keine Stimme gewesen war: eine chaotische Empfindung, die nur eine überreizte Phantasie in Klänge übersetzen konnte und die Wilcox mit einem beinahe unaussprechlichen Buchstabengewirr wiederzugeben versuchte: »Cthulhu fhtagn«.

Dieses Buchstabengewirr war es, was bei Professor Angell jene Erinnerung weckte, die ihn zugleich in Erregung versetzte und verstörte. Er befragte den Bildhauer mit wissenschaftlicher Akribie und studierte mit beinahe fieberhafter Aufmerksamkeit das Basrelief, an dem der junge Mann gearbeitet hatte, als er fröstelnd und nur mit seinem Schlafanzug bekleidet in einem Zustand der Verwirrung langsam wieder zu sich gekommen war. Wie Wilcox später sagte, schob mein Onkel es auf sein Alter, dass er sowohl die Hieroglyphen als auch die bildliche Darstellung erst mit so langer Verzögerung wiedererkannte. Viele der Fragen, die der Professor ihm stellte, kamen dem Bildhauer geradezu abwegig vor, insbesondere solche, die ihm eine Verbindung zu seltsamen Kulten oder Geheimgesellschaften unterstellten, und Wilcox hatte Mühe zu begreifen, warum sein Gesprächspartner ihm mehrfach Stillschweigen versprach, wenn er nur zugeben wollte, Mitglied in einer weitverzweigten mystischen oder heidnischer Religiosität frönenden Gemeinschaft zu sein. Als Professor Angell schließlich zu der Überzeugung gelangt war, dass der Bildhauer in der Tat keinerlei Kenntnis von irgendeinem Kult oder System geheimer Überlieferung hatte, bedrängte er seinen Besucher mit der Bitte, ihm in Zukunft über seine Träume Bericht zu erstatten. Diese Bitte trug regelmäßige Früchte, denn nach dem ersten Gespräch verzeichnet das Manuskript tägliche Besuche des jungen Mannes, in deren Verlauf er bestürzende Bruchstücke nächtlicher Bildwelten beschrieb, in denen stets gewisse zyklopische Panoramen aus dunklem, triefendem Stein auftauchten, wo eine unterirdische Stimme oder Wesenheit monotone Silben von rätselhafter Bedeutung skandierte, die, wenn man versuchte, sie in Buchstaben zu übertragen, nur sinnloses Geplapper ergaben. Die beiden Lautfolgen, die sich am häufigsten wiederholten, sind diejenigen, die durch die Buchstabenfolgen »Cthulhu« und »R’lyeh« wiedergegeben werden.

 

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Leslie S. Klinger – H.P. Lovecraft: Das Werk. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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