Die Zeitmaschine (1960)

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Die Zeitmaschine (1960)


Es gibt Filme, die sich einem in der Kindheit ins Hirn gebrannt haben, um dort ein paar überscharfe Szenen zurückzulassen, die auch Jahrzehnte später noch abrufbar sind, ob man will oder nicht. Ganz vorne mit dabei (schon wegen der genial-gruselig-grünen Morlocks): „Die Zeitmaschine“.  

Wie sehr einen die Erinnerung doch trügen kann: Willkürliche Details brennen sich in die Netzhaut ein und bleiben auf ewig im Gedächtnis; harmlose Szenarien bekommen einen Anstrich des Grauens und werden verzerrt und als Ursprung jeden Albtraums abgespeichert; bombastische Weltuntergangsszenarien verblassen und verschwinden allmählich. Ich muss fünf Jahre alt gewesen sein, als ich George Pals Adaption von H. G. Wells' Die Zeitmaschine zum ersten und einzigen Mal im Fernsehen sah. Erinnern kann ich mich seither an genau drei Bilder: eine Morlock-Fratze in Großaufnahme, metallene Reißzähne, lang und spitz wie Fleischermesser; Weena, die von einer Hand, zehn Mal so groß wie die ihre, in ein Gebüsch gezerrt wird; Kratzspuren auf dem Fußboden gegen Ende des Films, dort, wo die Zeitmaschine vor wenigen Sekunden noch gestanden haben muss. Mit H. G. Wells Vorlage, die ich später gelesen und wesentlich präsenter im Kopf habe, versuche ich, die spärlichen Erinnerungen an den Sci-Fi-Klassiker mit neuen Eindrücken aufzufrischen.

Trailer: Die Zeitmaschine (1960)

Bereits die Titelsequenz, untermalt von Russel Garcias bombastischer Filmmusik, die sich in den Straßen des viktorianischen London in elegische Mollakkorde verflüchtigt, evoziert ein vertrautes Gefühl. Doch mein Gedächtnis spielt mir schon jetzt einen Streich. Ich muss an Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett (1971) denken, ein Film den ich wohl zur selben Zeit gesehen haben muss und mit wohlwollenderen Kindheitserinnerungen belegt habe. Auch wenn der Soundtrack und die Mechanik der Gefährte, mit denen sich die Protagonisten beider Filme durch Raum und Zeit bewegen, für einen Fünfjährigen ähnliche Züge tragen müssen, eine singende Angela Lansbury ist im viktorianischen London noch Zukunftsmusik und von meinen Synapsen völlig falsch vernetzt. Spätestens als der Zeitreisende George, leicht verspätet und völlig durch den Wind, in sein Esszimmer stürmt, um seinen Gästen von seinem Abenteuer zu berichten, wird es um Lansbury wieder dunkel.

Der Sci-Fi-Boom der 50er Jahre

In einer Rückblende, Georges Erzählung, beginnt die eigentliche Handlung. Nun ja, nicht ganz. Um alle Zuschauer auf denselben Wissensstand in Sachen „vierte Dimension“ zu bringen, nimmt George uns (ein klein wenig zu fest) an die Hand und holt zur Physikstunde samt philosophischer Einschübe aus und endet mit erfolgreicher Demonstration am Minizeitreiseobjekt. Wie konnte ich dieses Modell nur vergessen – den Inbegriff des Steampunk. Zwar war der Scifi-Boom der 50er Jahre mit all seinen B-Movies und viktorianischen Klassikerverfilmungen von Jule Vernes 20.000 Meilen unter dem Meer bis Krieg der Welten, natürlich ebenfalls von H. G. Wells, im Jahr 1960 schon wieder etwas rückläufig, doch Die Zeitmaschine darf zweifellos als Wegweiser für das Genre herhalten. Ohne meinen heutigen Referenzrahmen muss mir die Maschine damals wie ein ausgedienter Schlitten mit Sonnenschirm vorgekommen sein. Auch Georges Gäste zeigen sich wenig beeindruckt von der Performance und ziehen von dannen. George selbst kribbelt es natürlich unter den Fingern, und er macht sich auch ohne den Zuspruch seiner Gäste im lebensgroßen Modell auf den Weg in die Zukunft.

Die Zeitmaschine (1960)

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Die nun folgende Zeitreise, die im Buch in diesem Umfang nicht vorkommt, markiert die eindrücklichste Szene des Films und lässt erahnen, weshalb der Film bei den darauffolgenden Oscars in der Kategorie „Special Effects“ gewann. George erlebt den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, architektonische wie modische Veränderungen, den Tod seines Freundes Filby, die Errichtung eines Parks in seinem Namen und den ersten Atomkrieg in den 1960ern in fulminantem Stop-Motion-Zeitraffer. Zwar möchte man beim Anblick der Effekte aus heutiger Sicht euphorisch „Thunderbirds are go!“ gen Bildschirm rufen, als fassungslos über das Ausmaß des futuristischen Atomkriegs zu sein. Aus filmhistorischer Perspektive betrachtet verlieren die Szenen jedoch kaum an Glanz, zumal der Film mit einem Budget von etwa 750.000 Dollar schon damals nicht gerade viel Spielraum zur kreativen Entfaltung bot.

Lovestory statt Klassenkampf

Entsetzt von all dem Übel prescht unser Held bis ins Jahr 802.701 vor. Aber auch dort dieselbe Leier, die Menschheit hat es abermals vergeigt. Nach einem 326 Jahre andauernden Krieg zog es manche Überlebende in den Untergrund, andere wiederum blieben an der Oberfläche. Eine bizarre Evolution nahm ihren Lauf, und die unterirdischen, lichtscheuen Morlocks erzogen die hypnotischen Eloi über Jahrtausende zu zahmem Schlachtvieh mit Beatles-Frisur. Wohingegen im Film eindeutig das Gute (die Eloi) vom Bösen (den Morlocks) durch den Revolutionär George befreit werden will, zeichnet H. G. Wells in seiner Novelle ein differenzierteres Porträt, das durch Klassenkampf und Fehlverhalten beider Seiten geprägt ist.

Weniger Politik, dafür umso mehr Lovestory (und Motivation für den Helden) bietet daher der Film. George ist nämlich drauf und dran mit Weena anzubandeln, die er gerade eben noch aus einem Fluss gerettet hat. Was bei dem ganzen Liebesgeplänkel natürlich sauer aufstößt, ist das befremdliche und antiquierte Frauenbild, das in den Dialogen und Handlungsweisen geradezu nach den verstaubten 50ern schreit. Ständig fasst George ihr an die Haare, ins Gesicht, er lächelt verklärt. Und Weena lässt alles brav über sich ergehen. Sie ist eine Projektionshülle ohne Substanz für Protagonist und Zuschauer. Ob der eigenen Geschichtsschreibung zeigt sie komplettes Unverständnis, wohingegen George bei einer Unterhaltung mit einem männlichen Eloi erfährt, dass die Eloi das Konzept von Regierung und Gesetzen sehr wohl verstehen, jedoch keine Verwendung dafür hätten. Als George bald darauf bei einem Kampf gegen die Morlocks zu verlieren droht und Weena bittet, eine Fackel zur Verteidigung aufzuheben, wird sie prompt zum zögernden Opfer degradiert und muss sich von einem männlichen Eloi retten lassen, der obendrein George auch noch aktiv aus der Patsche hilft. Bravo, das Happy End scheint in greifbarer Nähe. Doch durch ein Tor wird George von Weena getrennt, und nur die Flucht zurück in die Vergangenheit rettet George vor den Attacken übriggebliebener Morlocks. Kein Wunder, dass er dort nicht lange ausharrt. Nachdem er seine Geschichte zu Ende erzählt und seine Gäste verabschiedet hat, macht sich George erneut auf den Weg in die Zukunft zu Weena.

Die Zeitmaschine (1960)

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Das Ende der Menschheit

Und tatsächlich: Die tiefen Kratzer auf den Fließen, die zwei ratlos Zurückgebliebenen und die unheimliche Leerstelle im Raum am Ende des Films ist tatsächlich auf Zelluloid gebannt. Warum ich genau dieses leise Bild im Schnee behalten habe, ich weiß es nicht. Aus heutiger Sicht erscheint mir H. G. Wells' ursprüngliches Ende eindrücklicher. Weena stirbt beim Kampf gegen die Morlocks und der Erzähler reist weitere 30 Millionen Jahre in die Zukunft, wo ein schwarzes, mit Tentakeln überzogenes Etwas und eine gigantische Sonnenfinsternis das Ende der Menschheit andeuten. Die beiden anderen, oben beschriebenen Bilder finden sich nur in abgeschwächter, geradezu harmloser Form wieder, auch wenn ich sie noch deutlich vor Augen habe. Als gäbe es neben Buch und Film noch eine dritte Version, die es unter der Oberfläche aus überholten Spezialeffekten zu entdecken gilt und noch genauso präsent ist wie vor 30 Jahre.

Über den Autor


Michael Hoh studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Mannheim und San Francisco. Heute lebt er als freier Übersetzer und Journalist in Berlin, füllt u.a. die Musikseiten des englischsprachigen Stadtmagazins Exberliner und schreibt über Computerspiele für Giga Games.

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