#fantastischeFRAUEN – endlich Zahlen und Fakten über deutschsprachige Science-Fiction-Autorinnen

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BUCH

#fantastischeFRAUEN – endlich Zahlen und Fakten über deutschsprachige Science-Fiction-Autorinnen


Als Autorin deutschsprachiger Science-Fiction-Romane wie Die Optimierer oder – druckfrisch – Pantopia hat sich Theresa Hannig die Frage gestellt: Gibt es wirklich nur so wenige Frauen, die SF schreiben, oder sind sie nur nicht sichtbar? Das Ergebnis ihrer Nachforschung stellt sie uns vor.

Seit geraumer Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, wie hoch der Anteil deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen im Vergleich zu den männlichen[1] Kollegen ist. Die erstaunliche Antwort war bis vor kurzem: Das ist nicht bekannt! Egal wen ich fragte, egal wo ich recherchierte, nirgends gab es eine Antwort darauf. Also ergriff ich selbst die Initiative, gründete das Forschungsprojekt #fantastischeFRAUEN und machte mich auf die Suche nach den Zahlen! Und dabei liege ich offenbar voll im Trend, denn zurzeit werden eine ganze Menge Frauen gezählt: weibliche Vorstände in DAX Unternehmen; Ministerinnen im Ampel-Kabinett; Frauen, die Literaturpreise gewinnen, und Frauen, die in Filmen mehr zu sagen haben als eine Stehlampe[2]. Ja, wir leben in einer Zeit, in der die Gleichberechtigung immerhin so weit fortgeschritten ist, dass wir die Frauen zählen können! Und wir müssen es tun, damit wir uns der immer noch bestehenden Schieflagen in gewissen Bereichen von Politik, Kultur und Gesellschaft bewusst werden.

Wie also habe ich die SF-Autorinnen gezählt? Glücklicherweise musste ich das nicht händisch tun, sondern konnte zwei Datenbanken auswerten. Und da ich mich ebenso lange in eine Excel-Tabelle wie in ein neues Manuskript versenken kann, war dies genau mein Ding. Ich konnte auf die Datenbank zurückgreifen, die der SF-Enthusiast Christian Pree angelegt hat. Christian Pree sammelt seit Jahrzehnten alles, was es zum Thema SF zu lesen gibt. Für diese Sammlung erhielt er 2007 den Kurd-Laßwitz-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der SF[3]. Pree war so freundlich, mir seine Daten für den Veröffentlichungszeitraum von 2016 bis 2020 zur Verfügung zu stellen.

Das Ergebnis: 24,55 %, also etwa ein Viertel der Autor*innen, die in den letzten 5 Jahren deutschsprachige Science Fiction veröffentlicht haben, sind Frauen[4] – Tendenz sinkend[5]!

Kurze Zeit später stellte mir auch die Libri GmbH – die als Barsortiments- und Logistikunternehmen den lokalen Buchhandel beliefert – ihre Datenbank für denselben Zeitraum zur Verfügung[6]. Beim Vergleich der Daten fielen einige Unterschiede auf: Bis 2018 lag der Frauenanteil der SF-Autor*innen bei Libri zwischen 9 % und 13,33 %. Im Jahr 2018 stieg er sprunghaft an und liegt derzeit bei 25,68 %. Also auch in etwa ein Viertel wie bei Christian Pree. Es bleibt spannend, zu beobachten, wie sich diese Zahlen in den nächsten Jahren entwickeln werden und ob wir z. B. einen Corona-Knick sehen werden, da es meist die Frauen waren, die im Lockdown Home-Schooling und sonstige Care-Arbeit geleistet haben und dementsprechend weniger Zeit zum Schreiben hatten[7].

Was mich bei der Analyse der beiden Datenbanken mit am meisten erstaunt hat, war der quantitative Unterschied zwischen den Werken, die Pree gesammelt hat, und dem Sortiment, das Libri für den Buchhandel breithält. Im Vergleich zu Christian Prees äußerst umfangreicher Datenbank, die für die Jahre 2016 bis 2020 5.706 Science-Fiction-Werke aufweist, war die Datenbank von Libri relativ überschaubar. Für denselben Zeitraum bietet Libri nur 363 Werke an. Wobei hier nicht erfasst ist, wie viele Werke Libri in den vergangen Jahren im Sortiment hatte, mittlerweile aber nicht mehr liefert.

Heute bietet Libri noch nicht einmal 10 % der SF-Literatur an, die von Autor*innen geschrieben wird![8] Das bedeutet, dass ein Großteil der SF-Werke am stationären Buchhandel vorbei geht. Dies kann man als Versagen des traditionellen Buchmarktes deuten oder aber als Erfolgsgeschichte von Heftromanserien, Selfpublisher*innen und Kleinverlagen, die unabhängig vom Mainstream für ihr eigenes Publikum veröffentlichen.

Seit ich das Projekt #fantastischeFRAUEN gestartet habe, höre ich immer wieder dieselben Kommentare: „Das Geschlecht ist doch vollkommen egal, es zählen nur Inhalt und Qualität. Niemand sucht seine Lektüre nach dem Geschlecht der Autor*innen aus.“

Ist das so? Nein!

Spannen wir einen Bogen von der persönlichen Erfahrung hin zu den Daten:
Seit 2018 beschäftige ich mich mit der Sichtbarkeit von Frauen in der SF. Dies hat 2019 zur „Liste Deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“[9] in der Wikipedia geführt. Damit diese bestehen konnte, musste lang und breit diskutiert werden, ob Frauen überhaupt relevant genug sind, um derart erfasst zu werden. Auf Podiumsdiskussionen zum Thema SF bin ich nicht selten die einzige Frau, und wenn ich jemanden neu kennenlerne und die Frage nach meinem Beruf aufkommt, werde ich als erstes gefragt, ob ich unter meinem eigenen Namen oder unter Pseudonym veröffentliche. Diese Frage ist durchaus berechtigt. Denn wer vorhat, von Männern und Frauen gleichermaßen gelesen zu werden, tut bisher gut daran, ein Mann zu sein. Das Projekt #frauenzählen[10] hat 2018 herausgefunden, dass von Männern geschriebene Bücher (über alle Genres gemittelt) etwa doppelt so häufig in den Medien rezensiert werden wie von Frauen geschriebene Werke – zudem waren die Rezensionen für die Männer über alle Medien hinweg zwischen 20 % und 36 % länger als die für Frauen[11].

Wenn man sich ansieht, wer in der SF in den letzten Jahrzehnten die renommierten Literaturpreise erhalten hat, sehen wir: Männer. Nur 10 % der Genre-Preise (Deutscher Science-Fiction-Preis und Kurd-Laßwitz-Preis) gingen seit 1980 an Frauen.

Und schließlich eine bittere Wahrheit über das Publikum: Männer lesen kaum von Frauen geschriebene Bücher! Dies hat die britische Journalistin Mary Ann Sieghart gezeigt[12]. Im Sommer 2021 analysierte sie, wie sich die Leserschaft der Top-10-Bestsellerautor*innen zusammensetzt. Diese Untersuchung wurde zwar für den englischsprachigen Markt angestellt, aber es gibt meines Erachtens keinen Grund, für den deutschen Markt signifikant andere Werte anzunehmen: Während von Männern geschriebene Werke zu 55 % von Männern und zu 45 % von Frauen gelesen werden, besteht das Publikum für Romane, die von Frauen verfasst werden zu 81 % aus Frauen und nur zu 19 % aus Männern. Als Frau kann ich also davon ausgehen, dass meine Romane fast nur von Frauen gelesen werden. Für mich als Science-Fiction-Autorin ist das besonders bitter, weil das Genre von wesentlich weniger Frauen als Männern gelesen wird[13].

Sollte ich also als Mann auftreten, um bessere Chancen auf dem Buchmarkt zu haben? Einige Kolleginnen wählen diesen Weg. Sie schreiben unter männlichem, männlich klingendem Pseudonym oder verzichten gänzlich auf die Nennung ihres Vornamens und lassen nur die Initialen abdrucken. Bei der Recherche zu #fantastischeFRAUEN hat sich herausgestellt, dass der Frauenanteil bei den Autor*innen, die nur unter den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens bekannt sind, höher ist, als bei denjenigen, die ihren Namen komplett ausschreiben![14] Dies scheint ein probates Mittel zu sein, denn so entgehen sie der unterbewussten Vorauswahl durch das männliche Publikum.

Ich persönlich hoffe auf die mündige Entscheidung der Leserschaft und würde es begrüßen, wenn die Leute nicht nur aus Versehen, sondern ganz gezielt zu SF von Frauen greifen. Warum?

Gerade in der Science Fiction spielen Geschichten von Frauen eine wichtige Rolle, um die Zukunft zu begreifen. Lange Zeit war SF zwar ein Feld, in dem neue und aufregende Technologien erfunden und in Geschichten verpackt wurden. Gleichzeitig blieb der gesellschaftliche Fortschritt aber auf der Strecke: Männliche Protagonisten – meist einsame Wölfe – retten die Welt vor Robotern, Aliens, Konzernen oder Pandemien, um am Ende das Herz ihrer Liebsten zu gewinnen, damit alles wieder zur „Normalität“ zurückkehren kann. Aber die Zeiten ändern sich. Zum Glück! Die Vielfalt unserer Gesellschaft wird gesehen. Den Stimmen von Frauen, Schwarzen, People of Color, queeren Menschen und anderen marginalisierten Gruppen wird mehr Gehör geschenkt, denn sie zeigen der Mehrheitsgesellschaft andere Perspektiven, andere Lebenswelten und andere Schwerpunkte ihrer gemeinsamen Realität. Durch sie haben wir die Chance, das Neue in all seinen Facetten zu erleben, um nicht wieder in die alten Muster zu verfallen und alte Lösungen für neue Probleme zu suchen.

Aber wer sich in der alten Welt wohlführt, dem sei versichert: Auch die althergebrachten Geschichten mit männlichen Helden und schmachtenden weiblichen Liebhaberinnen wird es mit Sicherheit weiterhin geben!

Am Ende bleibt es euch Leser*innen überlassen, zu entscheiden, welche Autor*innen ihr lesen wollt. Ich kann sagen: Es lohnt sich, außerhalb des eigenen Beuteschemas zu lesen. Und wenn das nächste Mal jemand behauptet, Science Fiction sei ein Genre von Männern für Männer, habt ihr ab jetzt eine faktenbasierte Diskussionsgrundlage zur Hand.


[1] Aufgrund der Methodik der Analyse kann das Projekt #fantastischeFRAUEN nur auf die Unterscheidung zwischen männlich, weiblich und unbekannt eingehen. Nichtbinäre Personen werden in dieser Analyse aufgrund der automatischen Kategorisierung über Vornamen leider nicht erfasst.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Bechdel-Test

[3] http://www.kurd-lasswitz-preis.de/2007/KLP_2007_Sonderpreis_Laudatio.htm

[4] https://theresahannig.de/fantastischefrauen/#pree

[5] Waren es 2016 noch 28,69% sind es 2020 nur noch 24,55%

[6] https://theresahannig.de/fantastischefrauen/#libri

[7] www.sueddeutsche.de/politik/eltern-muetter-corona-krise-kinderbetreuung-homeschooling-1.5064890

[8] theresahannig.de/fantastischefrauen/

[9] de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutschsprachiger_Science-Fiction-Autorinnen

[10] Von Nina George, Netzwerk Autorenrecht gemeinsam mit der Universität Rostock und den BücherFrauen

[11] www.frauenzählen.de/studie_diagramme.html

[12] www.theguardian.com/books/2021/jul/09/why-do-so-few-men-read-books-by-women

[13] Vgl. z.B. BÜCHERSTUDIE DEUTSCHLAND 2017 von Splendid Research GmbH

[14] Im beobachteten Zeitraum von 2016-2020 veröffentlichten 41 (41,4%) männliche, 28 (28,2%) weibliche und 30 (30,3%) Autor*innen unbekannten Geschlechts unter ihren Initialen

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