Weltraumforschung in der DDR

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Weltraumforschung in der DDR


Über die Weltraumforschung in der DDR ist wenig bekannt. Mit diesem Beitrag liefert uns Autor Brandon Q. Morris einen Überblick über die Leistungen der DDR-Raumfahrt, die auch Thema seines neuen Science-Fiction-Romans Die letzte Kosmonautin sind, der in einem alternativen Geschichtsverlauf spielt.

Beim Thema DDR-Raumfahrt fällt den meisten Sigmund Jähn ein, der erste Deutsche im All. Die wichtigen Beiträge des kleinen Landes liegen auf anderen Gebieten.

Als am 26. August 1978 um 15:51 Uhr Sigmund Jähn an Bord der sowjetischen Sojus 31 ins All flog, wusste zunächst kein DDR-Bürger davon. Offenbar vertraute der Staat, der gerade den ersten Deutschen ins All geschickt hatte, der Technik nicht hundertprozentig. Ein Misserfolg der Mission hätte ihren Propagandawert deutlich geschmälert, den das SED-Blatt NEUES DEUTSCHLAND am nächsten Tag, einem Sonntag, in einer Sonderausgabe feierte. So ging man später über die eher ruppige Landung am 3. September, bei der sich der DDR-Kosmonaut an der Wirbelsäule verletzte, während sich die Sojus-29-Kapsel mehrfach überschlug, gnädig hinweg.

Jähn flog damals als Gast im Rahmen des Interkosmos-Programms, wie zuvor schon der Tschechoslowake Vladimir Remek und der Pole Mirosław Hermaszewski. Die Kosten für den Start übernahm die Sowjetunion. Deshalb gab es auch keinen weiteren, denn dafür hätte die DDR zahlen müssen. An Bord der sowjetischen Raumstation Saljut-6 arbeitete Jähn allerdings mit einem wichtigen Beitrag seines Landes zum Interkosmos-Programm: mit der MKF-6 von Carl Zeiss Jena, einer Multispektralkamera, die seinerzeit technisch führend war.

Zwar herrschte in der DDR eine – spätestens seit dem Start von Sputnik-1 auch offiziell geförderte – Weltraum-und Raumfahrtbegeisterung. In mehreren Städten entstanden »Raumfahrtzentren« für Schülerinnen und Schüler;  ich habe selbst voller Begeisterung das 1964 etablierte »Kosmonautenzentrum« in Chemnitz besucht. Doch wirtschaftlich spielte das Weltall für den 17-Millionen-Staat nur eine geringe Rolle. Das Budget für diesen Bereich lag für viele Jahre bei nur etwa 2 Mark pro Einwohner und Jahr, ein Achtel der Ausgaben der Bundesrepublik.

Im Rahmen des Interkosmos-Programms bezog die Sowjetunion ihre Satellitenstaaten allerdings schon früh in ihre Aktivitäten ein. Ab 1967 bildete das »Abkommen über die Beteiligung an der Erforschung und Nutzung des Weltraumes mit Hilfe von künstlichen Erdsatelliten zu friedlichen Zwecken« die rechtliche Grundlage. Einen organisatorischen Überbau wie etwa die westeuropäische ESA gab es in diesem Rahmen allerdings nicht. Die Partnerländer trugen bei, was ihnen wissenschaftlich-technisch möglich war. Jedes Land trug seine eigenen Kosten. Ein gemeinsames Budget gab es nicht.

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Die DDR befasste sich dabei zunächst mit dem Empfang und der Analyse von Daten, u. a. von Wettersatelliten. Von einem militärischen Sperrgebiet auf der Ostsee-Halbinsel Zingst starteten in den 1970er-Jahren und dann noch einmal ab 1988 Höhenforschungsraketen, die die obere Erdatmosphäre untersuchen sollten. Der VEB Carl Zeiss Jena entwickelte mit der SBG-Satellitenkamera eine Spezialkamera auf der Basis eines Schmidt-Teleskops, die für die Erfassung künstlicher Satelliten am Himmel optimiert war. Aus Jena kamen auch Optiken für sowjetische Mondsonden – vor allem aber die oben schon genannte MKF-6. Dabei handelte es sich tatsächlich um eine Spitzenleistung der beteiligten Ingenieure des Instituts für Kosmosforschung in Berlin-Adlershof, die auch im Westen Aufsehen erregte.

Aus heutiger Sicht klingen ihre Leistungsdaten unspannend, aber für Anfang der 1970er-Jahre galten sie als Durchbruch. Dabei ging es weniger um die Auflösung. Die 175 Kilogramm schwere Kamera konnte aus einer Flughöhe von 350 Kilometern Streifen von 225 mal 155 Kilometern mit einer Auflösung von 10 bis 20 Metern pro Bildpunkt erfassen; angrenzende Bereiche konnten sich um 20 bis 80 Prozent überlappen. Die MKF-8 arbeitete mit 70-mm-Film, wobei die Rollen 110 bis 220 Meter lang waren. Ihr Highlight waren aber die sechs synchronisierten 4,5/125-Objektive, die in Blau, Grün, Gelb-Orange, Orange-Rot, Rot und im nahen Infrarot arbeiteten. Dabei war es extrem wichtig, dass der Bildausschnitt in den sechs Wellenlängen exakt derselbe war. Um die Bewegung des Satelliten während der Belichtungszeit von 1/20 bis 1/200 Sekunde auszugleichen, verschob sich der komplette Rahmen in dieser Zeit gegen die Flugrichtung.

Die 82 Millionen DDR-Mark teure MKF-6 wurde 1976 erstmals an Bord von Sojus 22 getestet und später in verbesserten Versionen an Bord der Raumstationen Saljut-6 und 7 und MIR, aber auch flugzeugbasiert eingesetzt. Die kombinierten Daten dienten u. a. zur Rohstoffsuche, zur Bestimmung der Qualität von Wasser und Boden, für die Meteorologie und für landwirtschaftliche Zwecke – aber auch zur militärischen Fernaufklärung. Der sowjetischen Seite war das allerdings schon zu viel. Somit durfte die DDR ihre chronisch klammen Devisenreserven nicht durch einen Export der Kamera in den Westen auffüllen.

Nach diesem zumindest propagandistisch erfolgreichen Projekt investierte die DDR ihr Budget dann folgerichtig auch weiter vor allem in die Bildgebung. An Bord der Venussonden Venera 15 und 16 flog 1983 zum Beispiel ein ostdeutsches Infrarot-Spektrometer zu unserem Nachbarplaneten, das seine Wärmeabstrahlung untersuchte. Zuvor hatte man es schon in Wettersatelliten wie Meteor-25 eingesetzt. Mit der Marssonde Phobos erreichten ein Magnetometer und ein in der DDR mitentwickeltes Kamerasystem das Weltall. Die Mission scheiterte teilweise.

Dasselbe Institut, das die MKF-6 entworfen hatte, begann 1988 mit der Entwicklung des »Wide-Angle Optoelectronic Stereo Scanner« (WAOSS), einer digitalen Stereokamera, für die sowjetische Mission Mars-96. Hier kam dann allerdings der Zusammenbruch des Ostblocks dazwischen. Mars-96 startete, unter Beteiligung des DLR, zwar im Jahre 1996 noch, doch die Sonde verglühte noch in der Erdatmosphäre – ein symbolischer letzter Akt der einst sowjetischen Raumfahrt, die mit der DDR untergegangen war.

In meinem neuen Roman »Die letzte Kosmonautin« spielt der imaginäre Nachfolger der MKF-6, die digitale MKF-8, eine Hauptrolle. Im Osten des Landes, in einem Sperrgebiet in der Lausitz, entdeckt sie etwas, dass besser kein Mensch je gesehen hätte, und bringt damit die Titelheldin Mandy Neumann als letzte Kosmonautin der gerade ihren 80. Geburtstag feiernden DDR in große Gefahr. Und vielleicht auch die ganze Welt, wie die junge Frau bald herausfindet.

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