Der Hainish-Zyklus von Ursula K. Le Guin: Im Ganzen gelesen offenbart er seine volle Brillanz

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Der Hainish-Zyklus von Ursula K. Le Guin: Im Ganzen gelesen offenbart er seine volle Brillanz


Ursula K. Le Guins Hainish-Zyklus am Stück zu lesen, war für Autorin Charlie Jane Anders (Alle Vögel unter dem Himmel) ein ganz besonderes Erlebnis. Warum, berichtet sie in diesem Essay.

Ursula K. Le Guin hat uns eine Fülle von Geschichten und Welten hinterlassen, aber vielleicht am liebsten von allem ist mir ihr Hainish-Zyklus. Ich habe letztens sämtliche Romane und Erzählungen des Zyklus hintereinander von Anfang bis Ende gelesen oder wiedergelesen, und sie erschienen mir als Ganzes weit bedeutsamer als die einzelnen Teile für sich.

Hier ein paar vage Erläuterungen, die hoffentlich nicht zu viel verraten …

Die Romane und Erzählungen des Hainish-Zyklus schuf Le Guin über etliche Jahrzehnte hinweg, zwischen 1966, als Rocannons Welt veröffentlicht wurde, und 2000, als das letzte Buch, The Telling (Die Erzähler/Die Überlieferung), erschien. In dieser Zeitspanne entstanden vielfach ausgezeichnete Meisterwerke, darunter Die linke Hand der Dunkelheit, Freie Geister, Das Wort für Welt ist Wald und Four Ways to Forgiveness (Vier Erzählungen von Yeowe und Werel). Und vor einigen Jahren hat die Library of America eine wunderschöne, zweibändige Ausgabe herausgebracht, die alles, was Ursula K. Le Guin je über Hain und das Ekumen veröffentlicht hat, enthält. Wie für Erdsee, die andere berühmte Welt Le Guins, gilt, dass die Autorin in den 1990er-Jahren nach langer Unterbrechung den Faden wieder aufnahm, und dass die Welten der späteren Geschichten viel reicher und komplexer sind.

(Wichtig ist dabei, wie Le Guin selbst bestätigt, dass zwischen diesen Büchern und Erzählungen keine Kontinuität besteht. Wer sich versucht fühlt, eine kohärente Zeitschiene für Hain oder das Ekumen zu entwerfen, kann gleich aufgeben und stattdessen zu erklären versuchen, inwiefern sämtliche X-Men-Filme im selben Universum spielen.)

In den frühen Romanen (Rocannons Welt, Das zehnte Jahr und Stadt der Illusionen) heißt ihre Galaxien umspannende, hochentwickelte Gesellschaft noch gar nicht Ekumen, sondern wird als Weltenbund — "League of all Worlds" — bezeichnet, und dieser liegt im Krieg mit einem geheimnisvollen Feind, der ebenso hochentwickelt ist. (Wir erfahren nur in Stadt der Illusionen kurz von diesem Feind, im Zusammenhang mit den ruchlosen Shing, die nach ihrer Übernahme der postapokalyptischen Erde irgendwie gegen den Weltenbund Krieg führt.

Anfangs erscheint der Bund/das Ekumen lediglich im Hintergrund, irgendwo in weiter Ferne als Instanz, die einen fortschrittlichen Beobachter auf einen rückständigeren Planeten entsendet. In einer der späteren Geschichten lässt Le Guin jemanden äußern, dass die Gesandten des Ekumens sich häufig den Einheimischen der "primitiven" Welten angleichen, und das ist in den frühen Romanen des Zyklus ein großes Thema.

Rocannon, der Held in Rocannons Welt, bereist allein einen von Barbaren und fliegenden Katzen bewohnten Planeten und trägt einen Ganzkörperanzug, den sogenannten "Impermasuit", um sich vor den Berührungen anderer und den Einflüssen seiner Umgebung zu schützen. Jakob Agat hingegen, der Held von Das zehnte Jahr verliebt sich in die junge einheimische Rolery, die von seinen Begleitern als primitive Eingeborene empfunden wird, und die Frage, ob sie gemeinsame Kinder zeugen können, wird zu einem entscheidenden Element der Geschichte. In Stadt der Illusionen lebt Falk quasi als Einheimischer bis … aber das darf man jetzt wirklich nicht preisgeben.

Die linke Hand der Dunkelheit unmittelbar im Anschluss an diese ersten drei Romane zu lesen, verändert die Wahrnehmung

Die linke Hand der Dunkelheit unmittelbar im Anschluss an diese ersten drei Romane zu lesen, verändert die Wahrnehmung der Geschichte von Genly Ai, der sich allein durch die Welt der fast geschlechtlosen Gethenier bewegt (und sich dabei als spektakulär ahnungslos erweist). Während ich Genly bislang immer als den ultimativen Outsider in einer Welt gesehen hatte, in der sein Geschlecht und seine Sexualität allen anderen fremd ist, war er für mich jetzt ein Glied in einer langen Kette hochentwickelter Besucher, die gegen die Versuchung ankämpfen, sich weniger hochentwickelten Menschen anzugleichen.

Durch die Lektüre aller Hainish-Geschichten im Zusammenhang wird noch ein weiteres immer wiederkehrendes Motiv offenbar: das Unbehagen an der Moderne. Die Barbaren in Das zehnte Jahr werden von einer nördlichen Gruppe, den Gaal, bedroht, die früher in unorganisierten, relativ harmlosen Gruppen vor dem Winter nach Süden zogen. Doch jetzt hat ein neuer Anführer — ganz ähnlich wie George R. R. Martins König-jenseits-der-Mauer Manke Rayder in Das Lied von Eis und Feuer — die Gaal zu einer Nation vereint, und sie marschieren als geordnetes Heer nach Süden. Dies ist eine Welt, in der es bisher weder Streitkräfte noch Nationalstaaten gegeben hat, und keiner außer den wenigen Besuchern von anderen Welten weiß gegen sie vorzugehen. (Und es wird angedeutet, dass die Gaal sich die Idee, zumindest teilweise, von den fremden Exilanten des Weltenbunds abgeschaut haben könnten).

Auch der Planet Gethen in Die linke Hand der Dunkelheit hat noch keinen Krieg erlebt, und die modernen Nationalstaaten sind eine relativ neue Errungenschaft. Orgoreyn schreitet in eine Zukunft des Patriotismus voran und entwickelt territoriale Ansprüche, während im Nachbarland Karhide nur Estravan allein imstande ist zu erkennen, wohin das führen wird. Und in Die Überlieferung schließlich ist der Planet Aka fast über Nacht unter der Herrschaft einer düsteren "Corporation" zu einem modernen Nationalstaat geworden, und schuld daran sind ein paar Terraner, die nach Aka gekommen sind und sich dort eingemischt haben.

Von Die linke Hand der Dunkelheit an wird in den Büchern auch der Weltenbau vielschichtiger. Während seltsame Sitten und Weltanschauungen in den ersten drei Büchern lediglich angedeutet oder flüchtig erwähnt werden — dass es bei den Einheimischen in Das zehnte Jahr tabu ist, Augenkontakt zu suchen, etwa — bietet Le Guin uns plötzlich ein weit volleres Verständnis der von ihr geschaffenen Sozialstrukturen. Und ich stellte bei der Lektüre fest, dass ich viel langsamer vorankam, weil fast jeder Absatz ein Körnchen Weisheit oder einen wunderschön beobachteten emotionalen Moment enthielt, den ich erst durch Innehalten vollauf genoss. Die ersten Bücher sind super Abenteuer, aber alles, was danach kommt, sind bewusstseinserweiternde Reisen.

Interessant ist auch, dass es zur berühmten entbehrungsreichen Winterreise von Genly und Estravan aus Die linke Hand der Dunkelheit in Rocannons Welt und Das zehnte Jahr Entsprechungen gibt, wenn auch weniger ausgefeilt und weniger lang. (Und Rocannon hat natürlich seinen Imperma-Anzug als Schutz gegen die Kälte.) Auch in Die Überlieferung gibt es einen langen Marsch durch Eis und Schnee, aber der ist besser geplant und weit weniger hart, so als hätte Ursula K. Le Guin endlich gewollt, dass ihren Figuren einen Wintertrek genießen und nicht bloß durchleiden.

In den frühen Büchern gibt es auffallend wenige Frauen

In den frühen Büchern gibt es auffallend wenige Frauen, und die paar, die es gibt, haben einiges durchzumachen. (Als ich diesmal Freie Geister las, habe ich mir mehr denn je gewünscht, wir hätten mehr von Takver und ihren Erlebnissen erfahren dürfen.)

Ursula K. Le Guin hat immer wieder Aspekte des Hainish-Universums überdacht und verändert. In den frühen Romanen, zum Beispiel, verfügen manche Menschen über eine telepathische Fähigkeit, die sie "mindspeech" nennt. Nach der linken Hand kommt diese nirgends mehr vor. (Dabei wäre "mindspeech" in den Erzählungen von Yeowe und Werel und Die Überlieferung durchaus nützlich gewesen.) Ähnlich heißt es in den früheren Büchern, dass sich unbemannte Raumschiffe schneller als Licht fortbewegen können, während bemannte es nicht können … sodass Raketen, die man quer durch Galaxien schießt, ihr Ziel fast unverzüglich erreichen. Aber von der Mitte der Siebzigerjahre an gilt das nicht mehr.

Auch das Maß, in dem das Ekumen sich einmischt, wandelt sich über die Jahre. In den frühen Romanen ist viel vom "Law of Cultural Embargo" die Rede, einer Kultursperre ähnlich der obersten Direktive in Star Trek. (Wobei Ursula K. Le Guin damit früher dran war.) Die Besucher sind dazu angehalten, die Völker der fremden Planeten über ihre Technologie und den Rest des Universums in Unkenntnis zu lassen. Am Ende aber, in Die Überlieferung, heißt es, die Mitglieder des Ekumens handelten ausdrücklich nach dem Grundsatz oder Ethos, ihr Wissen mit allen zu teilen, die es wünschen.

Es ist kein Zufall, dass sich das Ekumen expliziter zu einer Macht des Guten entwickelt — und wo nötig interveniert. Aktiv greift es zum ersten Mal in Das Wort für Welt ist Wald ein, wo ihre Repräsentanten die Terraner im Grunde zwingen, damit aufzuhören, die auf Athshe einheimischen "Krietschis" als Sklaven zu halten. (Und natürlich ändert der Ansible, dessen Erfindung durch Shevek wir in Freie Geister erleben, die Situation vollkommen. Erst als sie ihn bekommen, können die terranischen Kolonisten ohne Zeitverzug mit der Heimat kommunizieren.)

Und später, in den Fünf Erzählungen und Die Überlieferung, werden die Repräsentanten sogar selbst aktiv, In den Fünf Erzählungen verhilft der Gesandte Old Music Sklaven zur Flucht vom repressiven Planeten Werel nach Yeowe, wo die Sklaven erfolgreich rebelliert haben. Und in der Erzählung "A Man of the People" nutzt Havzhiva seinen Einfluss mal mehr und mal weniger subtil, um die einstigen Sklaven auf Yeowe zu bewegen, ihr patriarchales Denken zu überwinden und Frauen die Gleichberechtigung zu gewähren. In Die Überlieferung arbeiten Sutty und ihr Vorgesetzter Tong Ov in aller Stille zusammen, um die einheimische Kultur von Aka zu retten, die von der terranisch geprägten Corporation ausgelöscht zu werden droht.

Die Menschen in diesen Geschichten können sich, wie erwähnt, nicht schneller fortbewegen als Licht. Aber in Ein Fischer des Binnenmeeres gibt es eine Reihe von Erzählungen, in denen mit sogenanntem "Churtening" experimentiert wird. Es ist dem ähnlich, was bei Madeleine L’Engle in Die Zeitfalte "Tesserung" heißt, mit dem Unterschied, dass bei Le Guin eine geistige Komponente mitgedacht ist, sodass nur "churten" kann, wer sich mit allen in seiner Gruppe im Einklang befindet. Und weil sich die Realität, wenn man in Nullzeit am weit entfernten Ziel eintrifft, jedem ganz unterschiedlich darstellt, kommt es zu erheblichen Wahrnehmungsdissonanzen.

Die linke Hand der Dunkelheit ist Ursula K. Le Guins berühmtestes Experiment mit der Destabilisierung von Gendervorstellungen: eine ganze Welt, deren Menschen im Grunde geschlechtsneutral sind und nur während einer sogenannten "Kemmer"-Phase für eine Zeit lang entweder zur Frau oder zum Mann werden. Doch in den späteren Geschichten gibt es weitere Genderexperimente, die genauso provokant und womöglich subtiler sind. "The Matter of Seggri" spielt in einer Welt, in der viel mehr Frauen als Männer geboren werden. Letztere müssen um die Ehre kämpfen, in Bordellen zu dienen, und werden von den Frauen für Sex bezahlt.

"Solitude" spielt auf einem Planeten, wo Frauen allein leben, sich aber zu "Auntrings" genannten Gemeinschaften zusammenschließen, während Männer außerhalb dieser Gemeinschaften leben, wobei auch einige "sesshafte" Männer zusammenleben. Sex wird wie auf Seggri von Frauen initiiert. Und in "Ein Fischer des Binnenmeers" gibt es eine Form der Viererehe, die Sedoteru heißt, in der ein Morgenpaar mit einem Abendpaar vermählt ist. Auch Homosexualität ist dort erwünscht, aber die Liebe zwischen zwei Morgenmenschen oder zwei Abendmenschen ist strengstens tabu.

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Ein weiteres interessantes Motiv in diesen Büchern ist ungelöste sexuelle Spannung; und oft auch sexuelle Handlungsmacht in Verbindung mit der Frage, wer sie innehat, und warum das wichtig ist. In den frühen Büchern lässt Ursula K. Le Guin wie selbstverständlich junge Mädchen mit viel älteren Männern zusammenwohnen, ohne dass sich jemand daran stößt. Doch in Die linke Hand der Dunkelheit gibt es mehrere Situationen, in denen es offensichtlich richtig (wenn auch schwierig) ist, einem sexuellen Anreiz nicht nachzugeben. Estraven fühlt sich im Kemmer versucht, zuerst durch einen schmierigen Regierungsagenten in Orgoreyn und später durch Genly Ai, während Genly in die Fänge eines anderen im Kemmer befindlichen Menschen gerät. (Und in der Kurzgeschichte "Coming of Age in Karhide" wird die Intensität des Begehrens im Kemmer und die Gefahr, sich mit dem oder der Falschen einzulassen, eindringlich beschrieben.)

In den späteren Geschichten erfahren wir, dass die Hainish die Fähigkeit besitzen, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren, und somit über eine weitere Ebene sexueller Handlungsmacht verfügen, die niemand in den vorherigen Büchern besaß. In "The Matter of Seggri" und "Solitude" liegt wie erwähnt alle sexuelle Macht bei den Frauen. Und in "Ein Fischer des Binnenmeeres" schildert Le Guin eine Form sexueller Anziehung, die gesellschaftlich verboten ist. Doch erst in den Erzählungen von Werel und Yeowe sind Liebesgeschichten entstanden, die dem Verlauf üblicher Liebesromane folgen und in denen Menschen lernen, einander zu verstehen und auf Respekt gegründete Liebes- und Sexualbeziehungen einzugehen - und die Geschichten sind wunderbar, selbst vor dem grausigen Hintergrund von Sklaverei und Ausbeutung.

Die spätere Le Guin ist zudem viel expliziter und unkonventioneller als die frühere

Die spätere Le Guin ist zudem viel expliziter und unkonventioneller als die frühere — und spricht offener über Sexualität als etwa in Freie Geister, wo bloß lapidar von Kopulieren die Rede war. Außerdem gestattet sie auch ihren älteren weiblichen Figuren eine gesunde Sexualität (und Beziehungen mit weit jüngeren Partnern, die allerdings keine Teenager mehr sind).

Zwei meiner liebsten Momente in ihren Geschichten sind Szenen, in denen jemand einen Säugling im Arm hält. In Freie Geister spürt Bedap, als er das Neugeborene von Shevek und Takver auf den Arm nimmt, plötzlich, warum Leute zu Grausamkeit gegenüber verwundbaren Menschen fähig sind, und kann zugleich elterliche Gefühle wie den Wunsch zu beschützen nachempfinden. Und in "Old Music and the Slave Woman" vermittelt der Moment, als Old Music das Baby von Sklaven, das an einer durchaus heilbaren Krankheit stirbt, in den Armen hält, das Gefühl unendlicher Zärtlichkeit vermischt mit Zorn, Staunen und Trauer.

In Das Wort für Welt ist Wald lernen wir das Ekumen zum ersten Mal als funktionierende Gesellschaft kennen, die mehr ist als bloß ein unbestimmtes von Menschen gemachtes Gebilde aus der Ferne. Und von den 1990ern an wird sie zu einer Instanz kultureller Begegnung: zu einer quirligen, lauten, dynamischen Gesellschaft. Wir werden sogar nach Hain geführt, auf den Planeten, der die Wiege aller Menschen in der Galaxis ist. Und auf einmal pflegen die Gethenier aus Die linke Hand und die Anarresen aus Freie Geister einen selbstverständlichen Umgang mit allen anderen (wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir erfahren, wie die Gethenier es so fern der Heimat mit ihrem Kemmer halten).

Das Ekumen selbst hat im Streben nach dem richtigen Umgang mit der Sklavenkultur von Werel, der von religiösen Fundamentalisten heimgesuchten Erde und der konzernkapitalistischen Dystopie auf Aka ganz eigene Konflikte und Konfrontationen zu bestehen. Zwar wirkt sie stets klüger und duldsamer als andere Gesellschaften, aber es gibt unter den Repräsentanten Raum für Meinungsunterschiede, Streit und anschließende Versöhnungen.

Die Überlieferung empfinde ich auf vielerlei Weise als den passenden Höhepunkt des Zyklus. Es ist das Werk, in dem Le Guin am ausführlichsten auf die Themen Spiritualität und Gemeinschaft eingeht, die sich durch den gesamten Zyklus ziehen. Sie schickt darin eine Terranerin namens Sutty aus, um eine Art klösterliche, von Auslöschung bedrohte Erzählkultur zu erforschen. In Stadt der Illusionen entfaltet die bloße Lektüre der ersten Zeilen des Tao te king wundertätige Kräfte, und in Die linke Hand unterhalten sich Genly und Estravan über Yin und Yang, aber in diesem letzten Roman erfährt die von östlicher Philosophie beeinflusste Spiritualität eine weit feinfühligere und umfassendere Behandlung. Und Le Guins interstellare Gesellschaft vermittelt zudem den Eindruck, sich vollends zu einem Gemeinwesen und zu einer Macht des Guten entwickelt zu haben.

Über Freie Geister habe ich mich hier sparsamer geäußert, teils weil sich die Geschichte über den Physiker aus einer anarchistischen Welt, der einen kapitalistischen Planeten besucht, für mein Gefühl sehr von allen anderen des Hainish-Zyklus unterscheidet, und teils, weil mir das Ekumen darin weit weniger präsent zu sein scheint als in allen anderen Geschichten. Dennoch ist und bleibt Freie Geister mein Lieblingsroman von Ursula K. Le Guin, und ich entdecke bei jedem Wiederlesen mehr darin.

Komplett gelesen und als Ganzes betrachtet, wirkt Ursula K. Le Guins Hainish-Zyklus noch beeindruckender als die Einzelwerke, die jedes für sich herausragend sind. Nicht wegen innerer Durchgängigkeit oder eines allumfassenden Handlungsbogens — nach derlei muss man anderswo suchen —, sondern weil sie die Idee eines Weltenbunds, der mit rätselhaften, vielschichtigen, zutiefst komplexen Kulturen interagiert und Verbindungen mit ihnen zu knüpfen sucht, so weit treibt. Den in diesen Büchern enthaltenen Reichtum mehr als nur oberflächlich anzudeuten, bräuchte einen ganz anderen Rahmen als den hiesigen.

Jede einzelne der Reisen wird Sie verändern; und wer die ganze Reise auf sich nimmt, könnte am Ende das Gefühl haben, das Ekumen gäbe es wirklich, als echte Organisation, bei der wir alle am liebsten sofort die Mitgliedschaft beantragen möchten.

Deutsch von Karen Nölle

Zuerst veröffentlicht auf Tor.com.

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