Was uns Science Fiction über den Umgang mit Gentechnik lehrt - Teil 2

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BUCH

Was uns Science Fiction über den Umgang mit Gentechnik lehrt (Teil 2)


Die Gentechnologie verspricht der Menschheit ungeahnte Möglichkeiten: Sie soll Krankheiten heilen oder gar nicht erst entstehen lassen. Wir können unsere geliebten Haustiere klonen und die Augenfarben unserer Kinder aussuchen. Wie weit werden wir gehen? Werden wir jeden denkbaren Makel ausradieren und eine gleichförmige, vermeintliche perfekte Gesellschaft schaffen? Wer wird Zugang zu dieser neuen Technologie haben? Und wie entscheiden wir, welches Leben lebenswert ist?

Im ersten Teil unserer Gentechnik-Reihe „Was in der Science Fiction mit Gentechnik möglich ist“ haben wir uns bereits mit der Schaffung von Monstern und Leuchttieren beschäftigt, einen Blick auf bedeutende Klassiker geworfen und vom ewigen Leben geträumt. Auch eines der beliebtesten Bio-Themen in der SF, das Klonen, haben wir uns hinsichtlich der Chancen angeschaut, die daraus entstehen. Im zweiten Teil widmen wir uns nun den Schattenseiten dieser Technologie und wollen aufzeigen, was uns die SF über den Umgang mit Gentechnik lehrt. Dabei streifen wir Bereiche, die heute schon (teilweise) Realität sind.

Lange vor der Entdeckung der Genschere CRISPR/Cas, mit der sich gezielt einzelne Gene verändern lassen, haben SF-Autor*innen sich Gedanken über die Missbrauch einer solchen Technologie sowie die aus ihr resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen gemacht. Oftmals haben sie Schreckensszenarien ersonnen, die uns ethische Dilemmata aufzeigen, inklusive Diskriminierung und geistiger Verarmung. Wir beginnen zunächst mit der Ausbeutung von menschlichen Klonen, schauen uns an, was Biohacker alles anstellen können, und widmen uns schließlich dem Optimierungswahn unserer Spezies.

Klone als Ersatzteillager

1992, vier Jahre bevor Klonschaf Dolly das Licht der Welt erblickte, beschäftigt sich die deutsche Autorin Birgit Rabisch mit dem Missbrauch der Klontechnologie. In ihrem Roman Duplik Jonas 7 beschreibt sie eine dystopische Zukunft, in der Klone als Ersatzteillager gezüchtet werden. Jonas 7 ist ein solcher Duplik, der genetische Zwilling eines Menschen, und weiß zunächst nichts von seinem Schicksal. Er lebt in einem Hort, muss sich gesund ernähren und viel Sport treiben. Wenn „ihr Mensch“ schließlich Ersatzteile benötigt, heißt es für die Dupliks, sie seien vom „Fraß“ befallen, weswegen man ihnen Organe entnehmen müsse. Jonas 7 muss schließlich seine Augen hergeben. Ilka, die Schwester „seines Menschen“, lehnt sich als Lebensschützerin gegen dieses unmenschliche System auf, will alles an die Öffentlichkeit bringen und Jonas 7 befreien.

Dreizehn Jahre später schreibt Kazuo Ishiguro in Alles, was wir geben mussten (Never Let Me Go, 2005) über ein Internat, in dem Klone leben – ebenfalls als Ersatzteillager. Bis zu ihrem Tod sollen sie ihre Organe an Auftraggeber spenden, sie werden quasi ausverkauft und können dies nur hinauszögern, indem sie selbst zu Betreuern von Spendern werden. (Fun Fact: Birgit Rabischs Duplik Jonas 7 wurde von den großen SF-Verlagen als „abstruse Phantasie“ abgelehnt und erschien daher, obwohl für Erwachsene konzipiert, als Jugendbuch und wurde zur Schullektüre.) 2017 erhält Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis, und Andreas Platthaus (FAZ) sagt im Deutschlandfunk über Alles, was wir geben mussten: „Das war gerade 2005, als das Buch erschien und als wir mit dem Klonen natürlich noch nicht so weit waren wie heute, eine erstaunliche Zukunftsvision.“ 2005 war das Klonen in der SF schon ein alter Hut.

2020 schreibt auch Christian Handel in Becoming Elektra – Sie bestimmen, wer du bist über Klone als Ersatzteillager, beschäftigt sich aber weniger mit den ethischen und philosophischen Fragen, sondern mehr mit dem persönlichen Schicksal des Klons Isabel, die den Platz der berühmten Elektra Hamilton einnehmen soll und in die Intrigenspiele der Schönen und Reichen verwickelt wird.

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Skrupellose Biohacker

Im mit dem Arthur C. Clarke Award ausgezeichneten Roman Feenland (Fairyland, 1995) von Paul McAuley sind Klone Kunstwesen aus menschlichen Chromosomen, sogenannte Puppen. Sie dienen im heißen und malariaverseuchten London als billige Arbeitskräfte oder bringen sich als Gladiatoren in perversen Unterhaltungsshows gegenseitig um. Der übergewichtige Bio-Hacker Alex Sharkey kreiert psychotrope Viren und erschafft eine völlig neue Spezies von Puppen, sogenannte Feen, die den Menschen in punkto Intelligenz und Vielseitigkeit überlegen sind und nach der Macht streben, wobei sie äußerst skrupellos vorgehen. Feenland ist ein wilder Mix phantastischer Ideen mit einer komplexen Handlung, der Brutalität des Cyberpunk und kleinen Hoffnungsfunken.

Auch in Biokrieg (The Windup Girl, 2009) von Paolo Bacigalupi werden Menschen gentechnisch manipuliert, um leistungsfähigere Arbeitskräfte zu erhalten.  In dieser Dystopie sind die meisten Nationalstaaten zerfallen, während sich Thailand mit einer rigorosen Abschottungspolitik vor Bioterrorismus schützt. Da das Land über eine gut ausgestattete Saatgutbank verfügt, ist es unabhängig von den großen Lebensmittelkonzernen, die mit ihren gentechnisch veränderten Pflanzen und Tieren die Märkte kontrollieren. Protagonistin Emiko ist ein sogenannter „neuer Mensch“, also gentechnisch verändert, was in Thailand verboten ist. Sie wird für das, was sie ist, verachtet, gequält und gedemütigt. Im schlimmsten Fall droht ihr die Kompostierung. Bacigalupi hat eine äußerst brutale Dystopie verfasst, in der Profitgier und Skrupellosigkeit die Welt ins Chaos stürzen. Die Gentechnologie kann hier Gutes bewirken, wird aber viel zu oft missbraucht und stürzt die Welt in den treffend als deutschen Titel gewählten Biokrieg.

Ebenso beklemmend liest sich der SF-Thriller Bios (Change Agent, 2017) von Daniel Suarez, in dem Protagonist Kenneth Durand gegen Genkriminalität kämpft. Seine Zukunftsvision erscheint zunächst utopisch, Korea ist wiedervereinigt, autonomes Fahren ist ebenso Alltag wie Retortenfleisch, das kein Tierleid verursacht. Doch noch immer gilt, dass die Welt nur für die schön ist, die es sich leisten können. Und je mehr Geld die Leute haben, desto weiter gehen sie und konfigurieren ihren Nachwuchs nach ihren Wünschen im Labor. Finstere Organisationen wie die Huli jing ermöglichen sogar die genetische Veränderung Erwachsener, und so wacht Protagonist Durand eines Tages in Gestalt des Mannes auf, den er jagt, während die Köpfe der Huli jing mittels Gentechnik ihre Identitäten wechseln und so der Strafverfolgung entgehen.

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Die Optimierung des Menschen

Seit jeher bemühen sich Menschen darum, schöner und besser als andere zu sein. Während sich manche mit Kleidung, Schmuck und Schminke begnügen, lassen sich andere die Brüste vergrößern, die Lippen aufspritzen oder für eine Wespentaille sogar Rippen entfernen. Was liegt also näher, als sich mittels Gentechnologie zu verbessern, als schönere und gesündere Menschen zu schaffen? Kürzlich wurde in China erstmals ein menschliches Genom mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas verändert, und wir müssen uns der Frage stellen, was erlaubt sein soll und was nicht. SF kann hierbei Inspiration und Warnung sein.

In ihrer Dystopie Bettler in Spanien (Baggers in Spain, 1993) zeigt Nancy Kress die Schattenseiten der gentechnischen Optimierung. Ihre zukünftige Gesellschaft spaltet sich in „Schläfer“ und genetisch modifizierte „Schlaflose“, die keinen Schlaf mehr benötigen und gleichzeitig intelligenter und gesünder als normale Menschen sind. Zunächst werden die Schlaflosen als Kuriosität angesehen, doch bald schon erkennen die Menschen, dass diese mehr Zeit zur Verfügung haben und durch ihre höhere Intelligenz öfter Karriere machen. Neid und Hass führen schließlich zur genetischen Diskriminierung, und die Schlaflosen sind gezwungen, in einem für sie eingerichteten „Sanctuary“ Schutz zu suchen. Für die gleichnamige Novelle, aus der der Roman entstand, wurde Nancy Kress 1991 mit dem Hugo und dem Nebula Award ausgezeichnet.

In Gattaca (1997) funktioniert die genetische Diskriminierung genau umgekehrt. In dieser Zukunftsvision werden Menschen fast nur noch im Reagenzglas gezeugt und frühzeitig nach Makeln und Fähigkeiten selektiert. Natürlich gezeugte Menschen werden spöttisch als „Gotteskinder“ bezeichnet und von der Gesellschaft als invalide  angesehen und ausgegrenzt. Protagonist Vincent träumt davon, Astronaut zu werden, doch seine Gene reichen nur für einen Job als Gebäudereiniger. Um seinen Traum zu leben, bleibt ihm nur, das System zu betrügen und eine andere genetische Identität anzunehmen, was mit sehr viel Aufwand, Lügen und ständiger Vorsicht verbunden ist.

Birgit Rabisch geht in ihrem 2002 erstmals erschienenen und für den Kurd-Laßwitz-Preis nominierten Roman Unter Markenmenschen noch weiter. Auch hier stellen genetisch optimierte Menschen die Norm dar, wobei die genetische Vielfalt auf wenige Markengenome reduziert wurde. Diese Markenmenschen sind gesünder und schöner, aber auch irritierend gleichförmig und grausam gegenüber den sogenannten „Mindernormen“. Rabisch erzählt in Form von Tagebucheinträgen aus Sicht einer jungen Frau, die aus einer natürlichen, „wilden“ Schwangerschaft entstanden ist. Sie gilt als makelhaft und wird gnadenlos ausgegrenzt. Protagonistin Simone hat die menschenverachtende Haltung ihrer Gesellschaft verinnerlicht und kann sie nur langsam überwinden, indem sie sich mit ihrem Körper, mit Erotik und Liebe auseinandersetzt. 2020 ist eine überarbeitete Neuausgabe des Romans bei duotincta erschienen, die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse wie die CRISPR/Cas-Methode einbringt.

“Ich habe versucht aufzuzeigen, dass uns mit der Normierung und Optimierung der einzelnen Menschen auch etwas verloren gegangen ist: die Fähigkeit zur Toleranz, zum Ertragen von Unterschieden, ja vielleicht sogar dazu, Abweichungen als Bereicherung und nicht als Manko zu empfinden.“ (Unter Markenmenschen, Seite 133)

Rabischs Roman erinnert durch Begriffe wie „Mindernormen“ an die Eugenik des Nationalsozialismus. Was wir rückblickend als gruselig und menschenverachtend empfinden, entsteht in ihrer Zukunftsvision neu. Was wir überwunden zu haben glauben, kommt zurück, wenn erst einmal die Mehrheit genetisch optimiert ist. Bereits heute zeigen sich zu viele von uns unnachgiebig und geringschätzig gegenüber Menschen mit physischen und psychischen Beeinträchtigungen. Wir verkennen dabei, dass es stets die Vielfalt war, die uns in der Evolution vorangebracht hat und die unser Überleben garantiert, und dass ein heutiger Nachteil morgen ein Vorteil sein kann (beispielsweise sind Menschen mit Sichelzellanämie besser vor Malaria geschützt). Je unterschiedlicher wir sind, desto besser können wir uns als Spezies an sich verändernde Umweltbedingungen anpassen. Allein deshalb ist eine Gesellschaft der Markenmenschen nicht erstrebenswert – und dabei haben wir uns noch gar nicht der Frage gestellt, wer eigentlich entscheidet, welches Leben lebenswert ist?

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Die (scheinbar) perfekte Gesellschaft

Kommen wir noch einmal zurück zu Star Trek und zu einer der besten Folgen von The Next Generation: „Das künstliche Paradies“ („The Masterpiece Society“, 1992).  Die Enterprise trifft auf eine menschliche Kolonie, die vollkommen abgeschottet in einem künstlichen Biotop lebt. Jedes Mitglied dieser Gesellschaft ist genetisch für seinen vorbestimmten Zweck optimiert. Um diese Perfektion zu erhalten, vermeiden sie jeden Kontakt zur Außenwelt. Doch als die Zerstörung ihres Planeten droht, müssen sie Kontakt zulassen, und es kommt, wie befürchtet: Durch die Interaktion mit der Crew der Enterprise hinterfragen immer mehr Menschen ihre scheinbar perfekte Gesellschaft.

Ironischerweise arbeitet die beste Wissenschaftlerin der Kolonie mit Chefingenieur Geordi LaForge zusammen, der blind geboren wurde und in ihrer Gesellschaft noch als Zelle aussortiert worden wäre. Entsprechend wundert sie sich darüber, dass jemand wie LaForge auf einem so fortschrittlichen Raumschiff dient, denn: „It was the wish of our founders that no one have to suffer a life of disabilities.“ LaForge, der seine Talente und seinen Ideenreichtum bereits viele Male unter Beweis gestellt hat, antwortet: “What gave them the right to decide whether or not I might have something to contribute?” Die Zuschauer*innen kennen LaForge bereits seit über hundert Folgen, und es würde wohl niemand auf die Idee kommen, ihm sein Recht auf Leben und seinen Beitrag zum Erfolg der Crew abzusprechen. Andererseits würden wohl viele sagen, dass ein blindes Kind nicht geboren werden sollte, wenn man dies verhindern kann. Die persönliche Perspektive verändert die Haltung, und das sollte uns zu denken geben. LaForge ist das beste Beispiel dafür, dass auch Menschen mit Behinderungen wertvolle Beiträge zur Gemeinschaft leisten und dass Wissenschaft und Forschung sie nicht eliminieren sollten, sondern ihre Nachteile ausgleichen. So ist LaForge im 24. Jahrhundert zwar blind, kann aber durch einen Visor sehen – sogar mehr als andere, was sich bereits mehrmals als großer Vorteil erwies. Zudem ist es ausgerechnet die Technologie des Visors, die zur Rettung der Kolonie beiträgt.

„They’ve given away their Humanity with this genetic manipulation. Many of the qualities that they breed out – the uncertainty, self-discovery, the unknown – these are many of the qualities that make our life worth living. Well, at least to me. I wouldn’t want to live my life knowing my future was written, that my boundaries had already been set.“ (Captain Picard)

Picard offenbart den Zuschauer*innen, dass die Föderation im 24. Jahrhundert nicht mehr viel von genetischer Optimierung hält und die Vielfalt und Einzigartigkeit aller Lebewesen zu schätzen gelernt hat.  Gentechnik wird eingesetzt, um Krankheiten zu behandeln, aber nicht mehr zum Selektieren oder Optimieren. Vielleicht wird es uns ähnlich ergehen. Vielleicht werden wir nahezu alles, was möglich ist, ausprobieren, Grenzen überschreiten und irgendwann erkennen, dass wir das alles doch nicht brauchen und wollen und die Kosten den Nutzen überwiegen.

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