Broken Earth. Eine Schwarze Perspektive auf die Phantastik

© Seven shooter/unsplash

BUCH

Broken Earth. Eine Schwarze Perspektive auf die Phantastik


Noch immer sind Schwarze, queere oder überhaupt marginalisierte Menschen stark unterrepräsentiert in der deutschen Medienlandschaft. Dabei hätte gerade die Phantastik das Potential, mehr Diversität zu zeigen – und könnte damit etwas bewirken. Jade S. Kye teilt ihre Perspektive auf die Buchbranche.

 

Persönliche Erfahrungen

Erst vor Kurzem habe ich den ersten Band der Broken Earth-Trilogie beendet und war geflasht. Erst ein paar Tage später kam mir in den Sinn, was es gewesen ist, das mich so berührt hat. Ich habe ein Buch beendet, in dem Menschen wie ich der Standard waren. Und das hat mich wütend gemacht.

Es gibt einige Fach- und Sachbücher von Schwarzen Autor*innen. Wenn man sich rassismuskritisch weiterbilden möchte, dann sind Bücher wie Was Weiße nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten von Alice Hasters oder Deutschland schwarz weiß von Noah Sow gute erste Anlaufstellen. Aber wo wenden sich Lesende hin, wenn sie zur Entspannung diversere Literatur lesen wollen?

Wer jetzt an die USA gedacht hat, liegt gar nicht einmal so verkehrt. Leider ist es in der deutschen Medienlandschaft noch nicht angekommen, dass man Bücher durchaus auch Schwarz und queer gestalten kann. Bislang habe ich nämlich nur von Selfpublisher*innen Versuche mitbekommen, ihre Literatur divers und repräsentativ zu gestalten. Viele gute Autor*innen schreiben grandiose Bücher und Beiträge auf Blogs über die Wichtigkeit einer möglichst repräsentativen Medienlandschaft. Leider brauchen die Publikumsverlage noch etwas Zeit, um sich an die Bedürfnisse der Leser*innen anzupassen. Und deswegen wende ich mich als Schwarze Leserin an die USA und die große Auswahl an Schwarzen Autor*innen dort.

Aber man sollte nicht auf andere Kontinente ausweichen müssen, wenn man sich in den Medien repräsentiert sehen möchte. Das sollte genauso gut in Deutschland möglich sein. Und das macht mich wütend. Vor allem die Phantastik könnte hier besonders stark vertreten sein. Wenn man Diversität schon nicht in den anderen Bereichen der Literatur vertreten möchte, dann könnte man das besonders in der Phantastik, in der man sich komplett neue Welten überlegt, die den hiesigen Regeln nicht folgen müssen. Ich warte als Leserin auf den Moment, in dem ich nicht mehr auf fremdsprachige Literaturen ausweichen muss, um repräsentiert zu werden. Den Moment, in dem es egal ist, welches Buch ich aufschlage, weil die vielen Facetten der Gesellschaft in jedem Buch repräsentiert werden. Weil die Zielgruppe sich ausgeweitet hat auf marginalisierte Menschen in Deutschland.

#RepräsentationMatters

In der gesamten Medienlandschaft kommt die Repräsentation von marginalisierten Menschengruppen zu kurz. Als Leserin, die mehrfach marginalisiert ist und von sämtlichen Medien ignoriert und für nicht wichtig genug befunden wird, freue ich mich, wenn ich ein Buch aufschlagen kann und ausnahmsweise einer Figur gegenüberstehe, mit der ich mich identifizieren kann. Einen Pluspunkt gibt es, wenn es nicht nur eine Nebenfigur ist. Noch ein Pluspunkt, wenn es nicht nur eine Tokenfigur ist oder auf stereotyper Fetischisierung von Schwarzen Menschen beruht.

Neben der Fetischisierung Schwarzer Menschen in der Literatur haben sich viele schädliche Stereotype in den Köpfen festgesetzt, die durch falsche Repräsentation gefestigt werden. Ein Buch in Händen zu halten, welches mich als Schwarze Frau auf nicht stereotype Art zeigt, gibt mir Kraft und Hoffnung. Vor allem, wenn es aus einer Own-Voice-Perspektive geschrieben wurde. Own-Voice heißt in diesem Kontext, dass das Buch von einer Person geschrieben ist, die die Marginalisierung, die im Text thematisiert wird/vorkommt, auch selbst erlebt. Also ein*e Schwarze*r Autor*in, die Schwarze Charaktere schreibt zum Beispiel. Das zeigt mir, dass es möglich ist, die Medienwelt repräsentativer zu gestalten. Es zeigt mir als Autorin, dass ich es mit meinen Geschichten auch schaffen kann, in einem Verlag Fuß zu fassen. Es zeigt mir, dass die Phantastik über Stereotype hinauswachsen kann, um eine vielfältige Leserschaft anzusprechen.

The Fifth Season: The Broken Earth, Book 1
Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
Deutschland schwarz weiß

Sensitivity Reading

Als Sensitivity Readerin achte ich natürlich ebenfalls auf den Wandel in der Buchwelt. Mir ist dabei aufgefallen, dass vor allem Selfpublisher*innen auf mich zukommen und nach Rat oder einem Sensitivity Reading bitten, weil ihnen bewusst ist, dass der Buchmarkt mehr Diversität vertragen kann. Und weil ihnen bewusst ist, dass Stereotype in uns allen zu finden sind. Wo große Publikumsverlage uns im Stich lassen, kommen Selfpublisher*innen ins Spiel und versuchen die Branche aus eigener Kraft neu zu erfinden.

Natürlich nutze ich meine Lektüre auch, um mein Repertoire an Tipps und Tricks für Autor*innen zu erweitern. Je mehr repräsentative Literatur ich lese, desto besser werden meine Romane und die Romane der Autor*innen, die ich betreue.

Für mich ist die Lektüre der Broken Earth-Trilogie von N-K. Jemisin als Leserin, Autorin und Sensitivity Readerin ein wahrer Genuss. Es ist eine spannende Geschichte, die etwas Kritik an der Realen Welt beinhaltet und in der Schwarze Menschen eine Norm darstellen. Es ist spannend geschrieben und ich bin froh, dass ich noch zwei Teile vor mir habe. Als Autorin und Sensitivity Readerin kann ich viel aus dieser Lektüre lernen. Wie beschreibe ich Schwarze Menschen am besten? Wie breche ich aus meinen eigenen stereotypen Denkmustern aus und gebe meinen Schwarzen Figuren mehr Kontur, ohne auf verletzende Stereotype zurückzugreifen? Ich kann es allen nur empfehlen. Vor allem, wenn sie Vorurteile aufbrechen wollen. Zum Schluss ein paar Worte an euch alle:

Liebe Lesende, habt noch etwas Geduld. Der Markt ändert sich gerade. Es wird einfacher werden, die Literatur zu finden, die ihr sucht.

Liebe Schreibende, nehmt euch mal Own-Voice-Phantastik vor. Arbeitet euch durch und versucht, von den Formulierungen und Darstellungsweisen zu lernen, und habt keine Angst davor, eure Romane diverser zu gestalten.

Liebe Verlage, nehmt ein paar BIPoC-Autor*innen ins Programm und lasst eure Romane von Sensitivity Reader*innen gegenlesen. So sorgt ihr dafür, dass die Buchwelt sich weiterentwickeln kann.

Über die Autorin

Jade S. Kye

Jade S. Kye, geboren 1994, studiert Germanistik, Amerikanistik und Medieninformatik in Regensburg. Sie steht kurz vor ihrem Bachelor Abschluss und arbeitet währenddessen an ihrem Debütroman. Ihre Kurzgeschichte Wenn der Himmel schwarz wird veröffentlichte sie bereits bei Books on Demand. Neben dem Studium ist sie auf Twitter als @writingKyehttps://twitter.com/writingKye aktiv und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Kurzgeschichten, Rezensionen uvm. auf ihrem Blog Bücherinsel.https://buecherinselblog.com/

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