Alien-Flora – Pflanzen in der Science Fiction

© Altmann/pixabay

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Alien-Flora – Pflanzen in der Science Fiction


Auch in der Science Fiction wächst und blüht es – wenn auch ganz anders als in unserer irdischen Flora. Judith Madera stellt abgespacte Pflanzen aus der Science-Fiction-Literatur vor.

In der Science Fiction gehören Pflanzen meist zur Kulisse. Sie schmücken fremde Planeten in bunten Farben und bizarren Formen, lassen Solarpunk-Städte in hoffnungsvollem Grün erstrahlen, und ihre Abwesenheit lässt die Apokalypse erst richtig finster aussehen. Doch so mancher Planet überrascht mit einer intelligenten Flora, und so manche Pflanze ist gar Mitglied einer Raumschiff-Crew oder eines intergalaktischen Rats. In diesem Artikel will ich euch SF-Pflanzen vorstellen, die so ganz anders sind als unsere Bäume und Blumen.

Betrachten wir die irdische Pflanzenwelt, würden die meisten sie wohl als grün, essbar und dekorativ beschreiben. Aus unserer Sicht sind Pflanzen stumm und verwurzelt, sprich bewegungslos. Sie stehen in der Gegend rum, spenden Schatten, schmecken teilweise hervorragend und verbessern die Raumluft. Obwohl sie fester Bestandteil unseres Alltags sind, sind sie uns doch fremd, und die wenigsten wissen, dass Pflanzen auf vielfältige Weise miteinander kommunizieren, Gemeinschaften bilden, Lichtkonkurrenten erkennen und sogar andere Pflanzen ausbeuten und töten. Auch die Wissenschaft entdeckt erst nach und nach, wie komplex die Lebenswirklichkeit der Pflanzenwelt ist; entsprechend setzten frühe SF-Werke eher darauf, aus vermeintlich harmlosen Blümchen eine dunkle Bedrohung zu machen. 

Pflanzenmonster

Die wohl bekanntesten Monsterpflanzen dürften John Wyndhams Triffids sein, die 1951 die Jagd auf Menschen eröffneten und bisher drei Mal verfilmt wurden. Doch bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert waren fremdartige Pflanzen überwiegend im Spannungsfeld zwischen SF und Horror zu finden. So bekommt eine wunderschöne neue Orchideenart in H. G. Wells‘ Die seltsame Orchidee (1894) Appetit auf Menschenblut. In Edmond Hamiltons Evolution Island (1927) erschaffen Wissenschaftler bewegliche, denkende Pflanzenmenschen, die die Tierwelt verdrängen und über die Welt herrschen wollen, während sich in The Plant Revolt (1930) mutierte Pflanzen zu räuberischen Massen zusammenschließen und Dörfer überfallen. Titel wie Spores of Death (Sax Rohmer, 1913), The Devil Plant (Lyle Wilson Holden, 1923) oder auch The Tree of Evil (David H. Keller, 1934) lassen erahnen, welch pflanzliche Schrecken sie bereithalten.

Doch die SF-Flora war damals nicht ausschließlich gefährlich und tödlich. In John Edwards The Menace from Space (1934) retten Moose von der Venus die Menschheit vor einer außerirdischen Gaswolke – und erweisen sich als Wunderdünger für die irdische Landwirtschaft. A Little Green Stone (1936) von J. Harvey Haggard wartet hingegen mit einer außerirdischen Vegetation auf, die Cosmosynthese auf Basis kosmischer Strahlung betreibt, und in Over There von Henry C. Rowland machen Pflanzen auf dem Mars Musik, wenn sie blühen. 

Empfindungsfähige Pflanzen und Planeten

Als James Camerons Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009) in die Kinos kam, dürfte der atemberaubend schöne und in der Nacht bunt lumineszierende Dschungel Pandoras maßgeblich zum Erfolg des Films beigetragen haben. Doch der leuchtende Wald ist nicht nur schön anzusehen, sondern bildet eine Einheit mit den Tieren und den humanoiden Na’vi. Die Pflanzenwelt Pandoras ist über ein gigantisches neuronales Netzwerk miteinander verbunden und hat dadurch ein Bewusstsein entwickelt, das die Na’vi Eywa nennen. Mittels spezieller Organe erhalten sie Zugriff darauf und können den Erinnerungen ihrer Ahnen lauschen, die im neuronalen Netz Pandoras gespeichert sind.

Literarische Inspiration für James Cameron dürften Ursula K. Le Guin und Alan Dean Foster gewesen sein. Bereits in ihrer Kurzgeschichte Vaster than Empires and more slow (1971) beschrieb Le Guin einen fremden Planeten, dessen Vegetation auf die Ankunft eines Raumschiffs mit Angst reagiert. Die Pflanzenwelt dort verfügt über ein Bewusstsein, welches sich vollkommen vom tierischen unterscheidet und nur für ein Crewmitglied wirklich begreif- und erlebbar ist. Le Guin beschreibt den Planeten als einen großen, grünen Gedanken und „windborne sentience“. Unter- und überirdisch sind alle Pflanzen in einem unvorstellbar großen Netzwerk verbunden, über das elektrochemische Signale geleitet werden. Als die Menschen die Empfindungsfähigkeit der Flora erkennen, verlassen sie den Planeten, anders als in Das Wort für Welt ist Wald (1972), wo Invasoren die Ressourcen einer fremden Welt ausbeuten und die Verbundenheit der indigenen Bevölkerung mit dem Wald nicht verstehen (wollen).

Alan Dean Foster beschreibt in Die denkenden Wälder (1975) einen gigantischen Regenwald, in dem die Tier- und Pflanzenwelt in Symbiosen miteinander lebt und der sich in sieben Ebenen mit einzigartigen ökologischen Nischen unterteilt. Der Dschungel Midworlds ist gleichermaßen faszinierend wie tödlich und verfügt über eine Art planetenumspannendes Bewusstsein, für welches sich die eindringenden Menschen nicht interessieren. Viel mehr sind sie an einer lebensverlängernden Pflanzensubstanz interessiert, haben aber nicht mit der Wehrhaftigkeit dieser fremdartigen Dschungelwelt gerechnet.

Auch wenn die Ideen von Le Guin und Foster wie Fantasy erscheinen, haben sie doch Vorbilder in der Biologie. In unseren Wäldern gibt es tatsächlich riesige unterirdische Netzwerke, über die Bäume in Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen leben und Nährstoffe austauschen. Viele Blütenpflanzen haben eine Koevolution mit ihren Bestäubern durchgemacht, und manche Pflanze vermag sogar den Fressfeind ihres Fraßfeindes anzulocken. Die Biologie ist eine ungemein komplexe Wissenschaft, die jede Menge Inspiration für SF-Autor*innen bereithält.

Die denkenden Wälder
Das Wort für Welt ist Wald
Plants in Science Fiction: Speculative Vegetation

Pflanzen als intelligente Individuen

Eine der prominentesten empfindsamen Pflanzen in der SF dürfte Beauregard aus Star Trek – TOS sein. Die fleischfressende Pflanze lebt im Labor der USS Enterprise und liebt es, gestreichelt zu werden. Allerdings nur von Menschen, die sie mag – wie Hikaru Sulu, der sie liebevoll Gertrude nennt. Beauregard erkennt zudem feindselige Wesen und reagiert auf diese mit zeternden Lauten und hektischen Bewegungen.

In Sue Burkes First-Contact-Roman Semiosis (2018) treffen menschliche Siedler auf empfindungsfähige, intelligente Pflanzen, die planvoll und individuell handeln. Zunächst sind die Kolonisten froh, auf dem Planeten Pax eine artenreiche Biosphäre vorzufinden, doch der schöne Schein trügt. Essbare Früchte sind nach kurzer Zeit hochgiftig. Die Menschen erkennen die Absicht dahinter und auch, dass die Pflanzen auf ihrer neuen Heimat fühlen und denken. Um zu überleben, müssen sie sich unterordnen und lernen, mit den Pflanzen zu kommunizieren; ein Prozess, der mehrere Generationen dauert und bei dem die Pflanze Stevland eine wichtige Rolle spielt. Siedler treffen in einer Stadt aus Glas auf den Regenbogen-Bambus, der die (aus seiner Sicht) Aliens zunächst domestizieren möchte. Stevland lernt jedoch mit der Zeit, sich in Zeichensprache zu unterhalten und geht mit den Menschen ein fragiles Bündnis ein, das beiden Seiten Nutzen bringt.

In über 3000 Heftromanen gab es auch bei Perry Rhodan immer wieder intelligente Pflanzenwesen. Da hätten wir beispielsweise die telepathisch kommunizierenden Halbschläfer, die wie riesige Tulpen mit Augen aussehen und fünf verschiedene Geschlechter haben können, oder die strauchartigen Ughlor, die zwar frei bewegliche Äste haben, jedoch fest an ihrem Standort verwurzelt sind. Sie kommunizieren, indem sie telepathisch Bilder und Gefühle senden, wodurch sie andere Wesen emotional beeinflussen können.

Humanoide Pflanzen

Einige der Pflanzenartigen in Perry Rhodan haben zumindest entfernt humanoide Züge und treten als handelnde Figuren auf. Zu diesen gehören die Phyto-Lankamen, die verbal kommunizieren und Stimmungen olfaktorisch wahrnehmen, oder auch die aus unzähligen Ruten und Stängeln bestehenden Czé, die optisch an Strohpuppen erinnern. Sie leben mit kleinen Tieren, den Khi, in Symbiose, da diese durch ihre hohe Emotionalität die Empathie und Intuition der analytischen Czé steigern.

Eine der spannendsten humanoiden Pflanzenspezies findet sich in Am Abgrund der Unendlichkeit (2019) von Bernd Perplies. Die Floryll besitzen vier astartige Arme, einen blütenähnlichen Kopf und kommunizieren verbal bzw. untereinander mit Duftstoffen. Als Pflanzen ernähren sie sich über ihre Finger- und Fußwurzeln – und sie sind wie viele Blütenpflanzen zweigeschlechtlich, weshalb der Autor für sie nicht-binäre Neopronomen nutzt (die ich im Folgenden verwende). Die Handlung wird teilweise aus Sicht eniers Floryll erzählt, enierm Ratsmitglied des Galaktischen Domenaions, dier versucht, aus der Bedrohung durch Wesen aus der Leere einen Vorteil zu schlagen. Die Floryll gehören zwar zu den Gründungsmitgliedern des Domenaions, sind aber mit dem Verbund unterschiedlichster Spezies nicht so zufrieden, wie man zu Beginn des Romans vermuten würde.

Während bei Bernd Perplies die Floryll optisch deutlich als Pflanze erkennbar sind, würde man bei Zotoh Zhaan aus Farscape nicht vermuten, dass die blauhäutige Priesterin einer empfindungsfähigen pflanzenbasierten Spezies angehört. Bei den Trees of Cheem aus Doctor Who hingegen ist die Abstammung der Baumleute deutlicher zu erkennen. Sie sind ursprünglich Abkömmlinge der Regenwälder der Erde und entwickelten sich zu einer intelligenten humanoiden Spezies mit hölzerner Haut. Auch bei Groot aus Guardian of the Galaxy handelt es sich um eine humanoide Pflanze. Seine Biologie verleiht ihm einzigartige regenerative Fähigkeiten, und er kann seinen Körper manipulieren, um Werkzeuge oder Waffen zu formen.

Übrigens: Wer sich genauer mit dem Thema auseinandersetzen möchte, sollte einen Blick auf Plants in Science Fiction: Speculative Vegetation von Katherine E. Bishop, David Higgins und Jerry Määttä (erschienen im Mai 2020) werfen. Viel Spaß!

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