Twilights Kinder

© Khusen Rustamov / pixabay

ESSAY

Twilights Kinder – Über toxische Beziehungsmuster in Young-Adult-Romanen


Im Sommer wird Stephenie Meyer mit "Midnight Sun" eine Fortsetzung ihrer beliebten Twilight-Serie veröffentlichen. Ein Grund zur Freude ist das aber nicht unbedingt, denn die toxische Beziehungskultur aus Twilight hat die Young-Adult-Literatur nachhaltig geprägt. Bis(s) heute.

Simon, der Sohn meiner guten Freundin Melissa, zarte 15 Jahre alt (also, der Sohn, nicht die Freundin), hat Liebeskummer. Seine Flamme hat mit ihm Schluss gemacht. Begründung: Der Junge war zu nett. Hat ihr nicht deutlich genug gesagt, wo’s langgeht. War nicht eifersüchtig genug, denn Eifersucht ist ja ein Zeichen von Liebe. Er hat sie, Quintessenz, zu gut behandelt.

Melissa erzählt mir das mit großer Ratlosigkeit. Da hat sie Simon konsequent dazu erzogen, kein Arschloch zu sein, und dann das. Und ich habe sofort eine Idee, welche Lektüre die junge Dame genossen haben mag.

Auswahl hätte sie genug. Seit vor 13 Jahren die glitzernden Vampire das Licht der Welt erblickten, haben sie unzählige Abkömmlinge produziert. Das wiederum müssen gar nicht die offensichtlichen sein wie „50 Shades of Grey“, die umgearbeitete Version einer Twilight-Fanfiction. Nein – die Beziehungsdynamiken, die Edward und Bella nicht erfunden, aber berühmt gemacht haben, sind in so vielen anderen Young Adult- und Romantasy-Romanen zu finden. Sie laufen immer gleich, und sie werden meist völlig unkritisch reproduziert.

Romantik? Von wegen

Ich bin zu alt und nicht heteronormativ genug, um Zielgruppe zu sein. Aber ich bin Lektorin. Ich habe die Edward-Bella-Mechanik vielleicht nicht täglich, aber signifikant oft auf dem Schreibtisch. Und zwar in den meisten Fällen, ohne dass die betreffende Autorin sich über deren Existenz im Klaren war.

Sie hat es einfach so geschrieben, weil sie’s romantisch fand.

Und das wirft bei mir den Roten Alarm an.

Damit wir hier auf dem gleichen Blatt sind: Ich bin keine weitere Stimme im verbreiteten Twilight-Bashing. Ich möchte nichts kaputtreden, woran viele Menschen Freude haben. Ich finde es aber bedenklich, wie tief das twilightige Verständnis von Romantik schon in unsere kulturelle Formensprache eingesickert ist. Erwachsene Autor*innen reproduzieren es beinahe automatisch. Das ist wie irgendwas zu trinken, ohne zu merken, dass Alkohol drin ist.

Toxische Beziehungsmuster

Hier mal einige Beispiele von toxischen Beziehungsmustern, die mir in Texten begegnen. Punktuell habe ich sie verfremdet, im Kern sind sie aber authentisch.

  • Er durchschnüffelt ihr Handy, weil er eifersüchtig ist (Eifersucht als Ausdrucksform von Liebe)
  • Er ist mächtiger / reicher / angesehener / größer und stärker als sie und spielt das aus, um seine Interessen durchzusetzen
  • Er zwingt sie, Kuchen zu essen, den sie nicht will, weil der mit einem traumatischen Erlebnis verknüpft ist
  • Er trägt sie, die panische Angst hat, ins Wasser und droht, sie ertrinken zu lassen, wenn sie ihm nicht von einem bestimmten Erlebnis erzählt
  • Er formuliert einen Anspruch auf sexuelle oder sonstige Verfügbarkeit – nach dem, was er für sie getan habe, sei sie ihm das schuldig
  • Sie will nicht mitgehen. Er hebt sie einfach hoch und trägt sie. Sie wehrt sich, „trommelt“ mit ihren Fäusten gegen seine Brust, hat aber „keine Chance“ gegen ihn, weil er „viel stärker“ ist
  • Sie ist häufig einer Ohnmacht nahe, zittert stark, bekommt weiche Knie, stürzt, stottert, wirkt im Gesamteindruck wenig vital, eher geschwächt
  • Er zieht auf einer Party ein missmutiges Gesicht; sie fragt sich sofort, was sie falsch gemacht hat
  • Sie wird vom Freund des Love Interest vergewaltigt, während dieser dabei zuschaut und nicht einschreitet.
  • Ihr Fazit: Sie hatte es vermutlich verdient, weil sie provozierend mit dem Freund geflirtet hat, um dem Love Interest eins auszuwischen. So lernt sie ihre Lektion.

Nein, ich habe mir nichts davon ausgedacht oder überspitzt. Ja, ich finde das auch krass.

Was die Heldin eigentlich will

Auf die dürren Fakten reduziert und sozusagen mit der Nase draufgestoßen, erschrecken viele Autor*innen. Tatsächlich finden sie weder Nötigung noch Körperverletzung romantisch. Die meisten, die so etwas schreiben, sind freundliche, patente, kluge Frauen, die sich zu behaupten wissen. Und trotzdem finde ich tief verinnerlichte toxische Strukturen in ihren Texten.

Ich erkläre mir das wie folgt: Autor*in weiß, dass die Heldin „es“ eigentlich will. Sie will eigentlich den Kuchen essen. Sie will von dem traumatischen Erlebnis erzählen. Sie will mit ihm schlafen. Sie kann nur nicht, weil sie gegen eine innere oder äußere Grenze läuft. Und er reißt für sie diese Grenze ein, erkennt, dass ihr „Nein“ eigentlich „Ja“ heißt, nimmt ihr die Verantwortung für ihr Handeln ab und macht sie am Schluss glücklich. Das funktioniert, weil Autor*in gleichzeitig in allen Köpfen ist. Sie kann Erwartungshaltungen abgleichen. Echte Leute im echten Leben können das nicht. Deshalb fühlt sich die Nötigung beim Schreiben nicht an wie eine Nötigung, und der übergriffige Traummann nicht wie ein Nötiger, sondern wie jemand, der nur das Beste für die Protagonistin will.

Und so bewegen wir uns immer, immer und immer wieder in einer fiktiven Welt, in der frau nur durch "Erwerb“ des stärksten Mannes zum Erfolg kommen kann, und in der mann dazu verdonnert ist, den dicksten, äh, Bizeps zu haben, oder unterzugehen.

Und dabei ist nicht nur die Frau das Opfer, sondern, bei näherem Hinsehen, auch der Mann. Was für ein Stress, immer den Dicksten haben zu müssen. Wie krass verunsichernd, sich nicht darauf verlassen zu können, dass gilt, was die Partnerin sagt. Immer den Unterschied zwischen einem echten Nein und einem vorgeschobenen heraushören zu müssen. Ein Wunder, dass nicht sämtliche Love Interests an Burnout leiden.

„Aber das ist doch nur Fiktion“, höre ich oft. „Das kann man ja wohl auseinanderhalten.“

Kann man bestimmt. Die Models auf den Plakatwänden sind auch gephotoshopt, und trotzdem gibt es einen Zusammenhang zwischen der Betrachtung solcher Bilder und der weiblichen Körperwahrnehmung. Fiktion macht etwas mit uns, und das verstärkt sich durch Wiederholung. Wäre das anders, bräuchte kein Film, kein Videospiel und kein Horrorroman eine Altersfreigabe. Und je jünger die Zielgruppe, desto stärker die Wirkung. Simons Exfreundin hatte viel zu wenig echte Erfahrung mit Liebesbeziehungen, um ein Gegengewicht zu haben. Es gibt dieses Alter, da interessieren sich sehr junge Menschen brennend für Dinge und ziehen ihr Wissen darüber hauptsächlich aus Romanen. Und gefühlt werden die Zielgruppen für Young Adult immer jünger, ohne dass sich am „Giftgehalt“ der dargestellten Beziehungen etwas ändern würde.

Nochmal: Ich will niemandem etwas madig machen. Aber ich plädiere dringend für einen reflektierten und (selbst-)kritischen Umgang mit den Twilight-Ablegern, sowohl beim Schreiben als auch bei der Lektüre. Gleichzeitig brauchen wir mehr Geschichten für junge Menschen, in denen authentische, aufrichtige Beziehungen geschildert werden, als Gegengewicht. Wie beim Alkohol macht ein maßvoller Umgang den Genuss. Und zu viel davon vergiftet.

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