Deutschsprachige Science-Fiction-Autorinnen: Ein (kleiner) Überblick

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Autorinnen in der deutschen Science Fiction: Ein (kleiner) Überblick


Science Fiction gilt als männliches Genre. Trotzdem haben Frauen immer schon SF geschrieben und das Genre nachhaltig geprägt. Wir widmen uns heute den Autorinnen in der deutschsprachigen Science Fiction. Ein (kleiner) Überblick von Judith Madera.

Metropolis – monumentales Meisterwerk des SF-Films, Inspiration für Autor*innen weltweit, untrennbar verbunden mit dem Namen des Regisseurs Fritz Lang, weniger mit dem von Thea von Harbou, die Romanvorlage und Drehbuch schrieb. Die deutsche Autorin und Theaterschauspielerin erschuf mit Metropolis eine zeitlose Vision einer futuristischen Megastadt, die zugleich technische Utopie und gesellschaftliche Dystopie ist. Auch neunzig Jahre danach kämpfen Autorinnen immer noch um ihre Sichtbarkeit. Dabei gibt es sie schon lange, die SF schreibenden Frauen, wie man erkennen kann, wenn man einen Blick um die heftig umkämpfte Liste der deutschsprachen SF-Autorinnen in der Wikipedia wirft. Dieser Artikel widmet sich den Wegbereiterinnen der deutschen SF, sowie der neuen Generation SF – Autorinnen, die aus Konflikten und Chancen unserer Gegenwart ganz eigene Zukunftsvisionen spinnen.   

Pionierinnen im Heftroman

Vor und mit den ersten Flügen ins All wurden Utopien und Space Operas populär. Während internationale Titel als Taschenbuch oder gar Hardcover erschienen, entwickelte sich die (west-)deutsche SF im Bereich der Heftromane und öffnete sich Mitte der 1970er für die ersten professionellen SF-Autorinnen. Marianne Sydow schrieb zunächst für die Heftromanserien TERRA ASTRA und Atlan und veröffentlichte 1976 als erste Frau beim SF-Dauerbrenner Perry Rhodan. In Netz des Todes (Band 795) führte sie mit Jennifer Thyron einen der wichtigsten weiblichen Charaktere des Weltraumabenteuers ein. Insgesamt verfasste Sydow über 60 Romane der Kultserie, hinzu kamen mehrere Kurzgeschichten in Sonderausgaben.

Im Vergleich zum Weltraumabenteuer Perry Rhodan setzten die Terranauten verstärkt auf gesellschaftskritische Themen und rückten den Kampf gegen die Zerstörung unseres Heimatplaneten in den Vordergrund. Unter dem Pseudonym Eva Christoff veröffentlichte die inzwischen eher als Übersetzerin bekannte Autorin Eva Bauche-Eppers immerhin sechs Romane – als einzige Frau im Team. Zur gleichen Zeit erschien die Taschenbuchreihe Die Söhne der Erde von Susanne Ursula Wiemer, ein Mix aus Fantasy und SF, der zwar mit einem gänzlich anderen Setting aufwartete, aber ebenso wie die Terranauten auf Flucht- und Befreiungsszenarien sowie Rebellion von Minderheiten setzte.

Während in Westdeutschland vermehrt Frauen für SF-Serien schrieben, machte sich in der DDR Angela Steinmüller (gemeinsam mit ihrem Mann Karlheinz Steinmüller) einen Namen und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kurd-Laßwitz-Preis. Bereits ihr Debütroman, die Weltraum-Utopie Andymon, war ein großer Erfolg und bis heute zählen die Steinmüllers zu den wichtigsten SF-Autor*innen Deutschlands.

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Weltuntergangsstimmung

1983 entwirft Gudrun Pausewang in Die letzten Kinder von Schewenborn: oder ... sieht so unsere Zukunft aus? das Szenario eines Atomkriegs in Westdeutschland und greift die akute Bedrohungslage des Kalten Krieges auf. Bekannter ist die Autorin jedoch für ihren Jugendroman Die Wolke, der seit seinem Erscheinen 1987 immer wieder neu aufgelegt, inzwischen über 1,5 Millionen Mal verkauft und 2006 sogar verfilmt wurde. Eindringlich schildert die Autorin die Folgen eines Reaktorunfalls, die Panik und Grausamkeit der flüchtenden Menschen sowie das Leid der Strahlungsopfer (was ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bedrückend realistisch erschien). Pausewang ist die bislang einzige deutsche Autorin, die mit dem Kurd-Laßwitz-Preis in der Kategorie „bester deutschsprachiger SF-Roman“ ausgezeichnet wurde.

In den 1990ern rückte die Gentechnologie in den Fokus medialer Aufmerksamkeit und ihre Risiken sowie ethischen Probleme wurden von Birgit Rabisch in Duplik Jonas 7 thematisiert. In ihrer Zukunftsvision werden Klone als Ware produziert, quasi als „Ersatzteillager“. Auch in ihrem 2002 erschienen Roman Unter Markenmenschen widmet sich Rabisch den Schattenseiten gentechnologischer Optimierung.

Deutlich derber geht es bei Myra Çakan zu, einer Ikone des deutschen Cyberpunk. Ihr 1999 erschienener Roman When the Music’s Over gilt als Klassiker des Genres und entwirft ein apokalyptisches Cyberpunkszenario mit jeder Menge Gesellschaftskritik, Umweltkatastrophen, kantigen Charakteren und drogenvertickenden Aliens. When the music’s over ist harter Stoff, rasant und intelligent geschrieben und wahnsinnig unterhaltsam.

Ebenfalls im Cyberpunk debütierte Autorin und Übersetzerin Maike Hallmann und veröffentlichte drei Romane im Shadowrun-Universum sowie als Herausgeberin die Anthologie Matrixfreuer. 2012 erschien ihr bisher letzter Roman Hard to kill als Teil der Justifiers-Romanreihe – der bislang einzigen mit Geschlechterparität zwischen ihren Autor*innen. 

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Noch mehr Dystopie

Während Fantasy in den 2000ern boomte, verschlug es die deutsche SF zusehends in die Kleinverlagswelt, wo uns Herausgeberin Heidrun Jänchen herausragende Anthologien wie Molekularmusik oder Lotus-Effekt bescherte (und selbst Kurzgeschichten beisteuerte). Die Publikumsverlage arbeiteten sich derweil an Elfen, Orks und Vampiren ab – bis zum Erscheinen von Die Tribute von Panem. Ein neuer Trend war geboren und plötzlich war SF von Frauen wieder gefragt, zumindest im Bereich der Jugenddystopien, wo SF-Elemente meist nur schmückendes Beiwerk für Geschichten über jugendliche Liebe und Rebellion waren. Negativer Nebeneffekt: Das Image von Autorinnen, in der Phantastik überwiegend Jugendbücher und Liebesromane zu schreiben, verfestigte sich. Dabei erschienen damals durchaus einige Dystopien, die die deutsche SF ungemein bereichert haben. Eine Perle dieser Zeit ist Dark Canopy von Jennifer Benkau, hochatmosphärisch und in seiner Grausamkeit zutiefst menschlich und verstörend. Empfehlenswert ist auch die Eleria-Trilogie von Ursula Poznanski, ein gelungener Mix aus bedrückender Zukunftsvision und rasantem Thriller.

Der Trend ebbte bald ab und es entstand wieder Raum für erwachsene Dystopien wie Die Optimierer von Theresa Hannig, die für ihr Debüt 2018 mit dem SERAPH ausgezeichnet wurde. Inzwischen wurde der Roman ins Tschechische übersetzt und als Theaterstück aufgeführt. In der Bundesrepublik Europa sorgt die sogenannte Optimalwohlökonomie dafür, dass jeder die perfekte Arbeit, den perfekten Partner, sprich, das perfekte Leben erhält. Protagonist Samson Freitag bekommt jedoch die Schattenseiten des Systems zu spüren: Totale Überwachung und Kontrolle durch den (wohlwollenden?) Staat. Theresa Hannig gehört zu jener jungen Generation von SF-Autorinnen, die sich neben dem Schreiben für gesellschaftspolitische Themen engagieren und insbesondere um die Sichtbarkeit ihrer Kolleginnen kämpfen – die ihre Geschichten fünfzig Jahre nach Marianne Sydow wieder verstärkt in den Weiten des Alls ansiedeln.   

Aufbruch zu neuen Welten

Phantastik-Urgestein Uschie Zietsch veröffentlichte bereits in den 1990ern und 2000ern Romane bei SF-Serien wie Maddrax, Sunquest und Perry Rhodan, wo sie seit 2017 wieder zum festen Autorenteam gehört. Quasi als „alter Hase“ neben jungen Autorinnen wie Lucy Guth, Madeleine Puljic, Michelle Stern, Andrea Bottlinger und Verena Themsen. Damit mischen bei der größten SF-Serie der Welt so viele Frauen wie noch nie mit und sind dabei ebenso sichtbar wie ihre männlichen Kollegen.

Mit Einzelromanen haben es SF-Autorinnen deutlich schwerer. 2018 erschien mit Roma Nova die erste Space Opera von Judith C. Vogt, die auf einzigartige Weise Science Fantasy mit antiken Mythen verschmilzt und daraus eine hochdramatische Geschichte voller Intrigen kreiert. Roma Nova ist großartiges Kopfkino mit starken Frauenfiguren, diversen Charakteren und großartigem Worldbuilding. In der Wahrnehmung der Leser*innen ging der Roman jedoch unter, da er im Vergleich zu Titeln männlicher Kollegen schlechter vermarktet wurde.

Auch engagierte Kleinverleger*innen widmen sich wieder verstärkt klassischen SF-Szenarien wie der Space Opera und schaffen eine Bühne für junge Autorinnen, die mit Genreklischees brechen und dabei bunt und divers wie selten zuvor schreiben. So wie beispielsweise Annette Juretzki, die in ihrer Sternenbrand-Dilogie mit queeren Protagonisten sowie den kulturellen Konflikten verschiedenartigster Aliens besticht.

Auch Sabrina Železný rückt ihre Charaktere und die Überwindung kultureller Differenzen in den Vordergrund. Sie selbst bezeichnet ihr Weltraumabenteuer Feuerschwingen (2019) als Inkapunk, eine durchaus treffende Bezeichnung. Zwischen den Sternen suchen ihre Protagonisten nichts Geringeres als das legendäre El Dorado und schlagen sich mit Killerlamas und Weltraumpiraten herum. Besonders stark dabei ist Železný in der Darstellung des Zwischenmenschlichen.

Fans von Space Operas sollten zudem einen Blick auf Jacqueline Mayerhofer haben: Hunting Hope und Brüder der Finsternis sind galaktische Abenteuer, die mit ihren facettenreichen Protagonisten auch Leser*innen ansprechen, die sonst weniger für SF zu haben sind. 

Während in den meisten SF-Subgenres die Autorinnen in der Unterzahl sind, so sind es im Steampunk vor allem die Frauen, die mit kreativen Geschichten und deutschen Schauplätzen begeistern. Viele Werke sind dabei näher an der Fantasy, warten jedoch mit außergewöhnlichen Ideen auf, insbesondere was retrofuturistische Technologien betrifft. Trotz Magiern ist Berlin – Rostiges Herz von Sarah Stoffers eher SF als Fantasy, da der Roman weit in der Zukunft spielt und Themen wie den Klimawandel aufgreift (ihr Berlin liegt direkt am Meer). Stoffers begeistert dabei vor allem mit ihrer unglaublich charismatischen, queeren PoC-Protagonistin sowie dem herausragenden Detailreichtum ihres Settings.v 

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Ein Blick in die (nahe) Zukunft

Im September 2019 erscheint Shape Me von Melanie Vogltanz – ein Dystopie, in der der Staat den Kalorienhaushalt reglementiert. Reiche und Privilegierte profitieren dabei von der sogenannten Body-Sharing-Technologie. Als ihr Körper gestohlen wird, lernt die Protagonistin die Schattenseiten des Systems kennen.

Pünktlich zur Buchmesse in Frankfurt erscheint mit Wasteland eine „Mad-Max-Utopie“ aus der Feder von Judith und Christian Vogt, inklusive starker Heldin mit Motorrad. Egal ob Eiszeit-Steampunk, römisches Sternenreich oder napoleonische Fantasy, Judith C. Vogt begeistert stets mit einzigartigem Worldbuilding und vielschichtigen Charakteren.

Im November 2019 erscheint mit Neon Birds der heißersehnte Cyberpunkroman von Marie Graßhoff. Verfeinert mit einem gehörigen Schuss Solarpunk bietet die Autorin skurrile Charaktere, dazu ein technisches Virus, eine mächtige KI, die über in Cyborgs verwandelte Menschen herrscht, und Supersoldaten, die diese Cyborgs abschlachten und dafür gefeiert werden. Es besteht Hoffnung auf temporeichen, dreckig schillernden, modernen Cyberpunk, der seinem Namen alle Ehre macht. 

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