Sex Fails in der Fantasy und Science Fiction

ESSAY

50 Shades of Bollocks: schlechter Sex in der Fantasy und Science Fiction


Jährlich verleiht „Literary Review“ den Bad Sex Award für außerordentlich schlechte Sexszenen. Grund genug, einmal einen genaueren Blick auf schlecht geschriebene oder zumindest (unfreiwillig?) komische Sexszenen in der Science-Fiction- und Fantasyliteratur zu werfen. (Achtung, mit Lach(s)garantie!)

Sexszenen haben es in sich …

Entweder man liebt sie oder hasst sie – so oder so lassen sie einen selten kalt.

Welche Sexszenen in welcher Literaturgattung haben uns geprägt und unseren Blick auf eben diese bestimmt? Mich prägte in meiner, nun ja, präpubertären Entwicklung eindeutig der historische Roman – mit 11 Jahren bekam ich „Die Säulen der Erde“ geschenkt und war gleichermaßen schockiert bis fasziniert von den baumgleichen männlichen Geschlechtsteilen, der mit Büschen verglichenen weiblichen Schambehaarung und den quasi instantan einsetzenden weiblichen Orgasmen, wenn halt mal der richtige Kerl bei der Frau am Ruder ist, die selbst vollkommen ahnungslos ist, was ihre eigenen Leidenschaften und ihren eigenen Körper angeht.

Was die Prägung durch solcherlei Szenen gesamtgesellschaftlich mit uns macht, zeigt die Debatte rund um „50 Shades of Grey“, und ich glaube, darüber könnte ich mich jetzt magisterarbeitslang auslassen, aber das würde zu weit führen. Denn ich will ja über Sex reden, über richtig schlecht(geschrieben)en Sex! 

Und damit wir alle wissen, wovon hier die Rede ist ... bitteschön:

Inmitten des dunklen Pelzes blühten die Rosenblätter ihrer Lust. […] Instinktiv umklammerten mich ihre reiterprobten Oberschenkel. […] Es war, als ob Heilgard mich mit jeder Welle der Lust, die ich ihr bereitete, in ihren Körper hineinziehen wollte. Dann bäumte sie sich auf, mit einem Schrei, der kurz das Tosen des Wasserfalls übertönte. Wir wanden uns wie kämpfende Lachse ... („Der Dämonenmeister“ von Hadmar von Wieser)

Die hehre Mission des Bad Sex Awards

Der Award wird seit 1993 jährlich verliehen und „ehrt“ Autor*innen, die eine außerordentlich schlechte Sexszene in einem ansonsten guten Roman geschrieben haben. Der Sinn des Preises ist es, die Aufmerksamkeit auf schwach geschriebene und überflüssige Beschreibungen sexueller Eskapaden zu richten. Pornographie oder erotische Literatur werden dabei bewusst nicht berücksichtigt.

Ich möchte exemplarisch herausstellen, wie das aussehen kann. Innerhalb der Bad-Sex-Award-Shortlist im Herbst 2018 stellte sich der Auszug aus „Scoundrels“ eindeutig als „Favorit“ belustigter Social-Media-Posts heraus:

“Empty my tanks,” I’d begged breathlessly, as once more she began drawing me deep inside her pleasure cave. Her vaginal ratchet moved in concertina-like waves, slowly chugging my organ as a boa constrictor swallows its prey. Soon I was locked in, balls deep, ready to be ground down by the enamelled pepper mill within her.

Als dann jedoch „Katerina“ von James Frey gewann und durch eine fast schon poetische (aber nur fast!) Aneinanderreihung des Wortes „Cum“, den Preis abräumte, beklagten Twitterer: „Die Porzellan-Pfeffermühle wird für immer in unseren Herzen sein – balls deep in our hearts.“ Ihr seht, ich hatte Spaß.

Die Preisträger*innen bestechen vor allen Dingen durch eins: 

Die falschen Metaphern am falschen Ort zur falschen Zeit

Wobei, was erdreiste ich mich da eigentlich „falsch“ zu schreiben? Da diese Art Metaphern so flächendeckend in Sexszenen grassiert, machen sich entweder Autor*innen darüber lustig und betätigen sich auf ironische Weise oder finden sie gut, richtig und die bestmögliche Art der Beschreibung von etwas, das ansonsten vielleicht zu detailreich oder zu medizinisch klänge.

Sex zu beschreiben, scheint vielen Schreibenden schwerer zu fallen als Gewalt, Emotionen, das unübersichliche Gewimmel von Schlachten oder epische bis surreale Umgebungen. Dabei sind Sexszenen gar nicht schlecht, um Charakteren auf den Grund zu gehen. Ich habe noch nie in einem Interview eine ehrliche Antwort auf die Frage gegeben, wie ich mich in meine Romanfiguren einfühle. Ich gebe sie euch einfach jetzt: Ich stelle sie mir beim Sex vor. Mit wem schlafen sie, warum tun sie das, und wie läuft das so ab? Hey, ja, auch ich lese „smutty“ Fanfiction, weil die Schreibenden oftmals wirklich in die Figuren abtauchen (ich hab jetzt länger gesucht, um eine nicht ganz sexuell konnotierte Formulierung zu finden, es ist mir nicht gelungen). Jedenfalls, Ende der Lebensbeichte: Sex und Charakterzeichnung liegen im besten Fall nicht weit auseinander. Und dennoch ist Sex so etwas Unbeschreibbares, emotional Rohes, oft Unbeholfenes – Erwartungshaltungen, Pannen, Unterhaltung zu Verhütung und ablenkende Gedanken an die To-Do-Liste des nächsten Tages erschweren es im realen Leben. 

"Sie beide strichen über seinen Schaft, während sein Finger in Mia hineinglitt und ein Sternenregen hinter ihren Augen explodierte. [...] Sie war schön, die Lippen voll wie nach einem Bienenstich." (aus "Nevernight - Das Spiel")

In Romanen sind Sexszenen meistens völlig abgefahren, oft sofort orgasmusauslösend (bei Frauen), kommentarlos perfekt, besonders, wenn es die eine große Liebe ist. Ja, so was schreiben wir vielleicht, um uns selbst aus dem beschwerlicheren Alltag zu holen – und als Paradoxon setzen wir uns genau dadurch auch unter Druck, wenn wir mit solchen Szenen aufwachsen und übersteigerte Erwartungen hegen (man denke nur an die „Ich warte auf Mr. Grey“-Posts, als „50 Shades“ sich zum Phänomen entwickelte – nicht nur von schwärmerischen Teenagern, sondern vor allen Dingen von Erwachsenen mit sexueller Erfahrung). Aber wie gesagt, dieses Paradoxon von Utopie und Wirklichkeit zu diskutieren, würde Magisterarbeitsauswüchse annehmen. Und dabei wollte ich doch eigentlich über eines reden:

Schlechter Sex in ausgedachten Welten

Ich erdreiste mich jetzt nicht, die Jury zu spielen und den Bad Sex Award in Fantasy zu verleihen (ich bin aber sehr gespannt auf eure Favoriten in den Kommentaren!). Ich versuche aber zu umreißen, welche Art von schlechtem Sex uns in der Fantasy hauptsächlich über den Weg läuft.

Viele, die in meiner Fantasy-und-Science-Fiction-Nerd-Generation aufwuchsen, hatten eine Art literarische sexuelle Erweckung mit den Romanen der „Das Schwarze Auge“-Reihe. Besonders in den frühen Tagen, als die Romane zum Rollenspiel noch bei Heyne erschienen, waren geradezu faszinierende Schmankerl dabei. Der an Pan angelehnte Sohn der Liebesgöttin Rahja verführte mit mächtigem Gemächt nackte Hexen, (omni-)potenten Helden standen alle legendären Metaphern („wir wanden uns wie kämpfende Lachse“ / „Inmitten des dunklen Pelzes blühten die Rosenblätter ihrer Lust“), alle Frauen und alle Sexszenen in allen Situationen (zum Beispiel reitend auf einem Pferd) zur Verfügung.

Trotz aller Cheesyness war Aventurien jedoch auch immer schon überraschend queer, und auch wenn Sex zwischen zwei Männern, zwei Frauen oder in Orgienform (mit Piraten!) vielleicht eher aufgrund der imaginierten Schauwerte stattfand, so waren die Romane zum Rollenspiel damit seiner Zeit schon ein wenig voraus, vor allem, was die aus dem amerikanischen Raum übersetzte High Fantasy anging.

"... her pelvis swinging gently before Erim's face and her head level with Erim' codpiece, her legs scissored wide and feet pointed at opposite walls and the winking lips of her vulva puckering in invitation." ("The Barrow" von Mark Smylie)

Male gaze galore

Denn in der Fantasy herrscht eine Sache immer noch ganz gewaltig vor: der männliche Blick. Frauenbrüste, Frauenkurven und Frauenkörper wissen dem Protagonisten zu gefallen oder auch nicht, Brüste sind klein und fest, Nippel sind spitz und rund, Kleider enthüllen mehr, als sie verbergen, und ansprechende Kurven kämpfen gegen die Schnüre der Mieder an.

Szenen, in denen also männliche Körperteile der Bewertung eines weiblichen Blickes standhalten müssen, gibt es hingegen seltener, und noch seltener sind sie so konkret, dass Nippel auf Gefälligkeit hin flächenmäßig ausgewertet werden. Szenen voller leicht entmenschlichender Fleischbeschau würden, wenn wir sie auf den männlichen Körper umdrehten, oft geradezu skurril wirken, scheinen uns aber andersherum nicht so, weil wir es gewohnt sind, weibliche Körper auf diese Weise zu sehen. 

Wirklich, ich wollte für diesen Artikel vor allen Dingen bizarre Sexszenen sammeln, doch die Fantasy zeichnet sich weniger durch belustigende „Emaille-Pfeffermühlen“-Szenen aus, sondern leider allzu oft durch relativ standardisierte Aneinanderreihungen von 1. Angucken, 2. Küssen, 3. Brüste kneten, 4. Ausziehen, 5. Kopulieren mit früher oder später einsetzendem Vorhangfall.

Minderjährig, jungfräulich, fremdbestimmt

Weibliche Sexualität in der Fantasy ist zudem etwas Eigenartiges: Oft haben Frauen keine eigenen sexuellen Leidenschaften, sondern ihr sexuelles Erwachen wird von dem Begehren durch einen Mann gesteuert. Auch Befriedigung hängt vollständig vom Können ihres Partners ab, der die passive Frau im Prinzip bespielt wie ein Klavier, und oft kommt ein noch ziemlich mittelalterlich anmutender Mythos von Jungfräulichkeit ins Spiel. Brrr. Dem steht allenfalls noch die von dämonischen Einflüsterungen, Machtgier oder moralischer Verkommenheit zum Sex getriebene Frau entgegen – in der Fantasy teilen sich die Huren und die Heiligen also oft das Recht auf Sexszenen auf. (Beliebt auch: Beides auf einmal! „Eine Jungfrau mit den Reizen einer Kurtisane. Was für ein betörendes Paradoxon!“, gefunden in „Tochter des Windes“)

"He stopped then, and drew her down onto his lap. Dany was flushed and breathless, her heart fluttering in her chest. He cupped her face in his huge hands and she looked into his eyes. "No?" he said, and she knew it was a question. She took his hand and moved it down to the wetness between her thighs. "Yes," she whispered as she put his finger inside her." (Aus "Game of Thrones")

Nehmen wir mal jenen Großmeister, der Sex in der Fantasy zu einem fast schon für sich selbst stehenden Trope gemacht hat und ganze Heerscharen von HBO-Zuschauer*innen dazu brachte, Fantasy zu gucken, um Brüste zu sehen: George Martin. Im Gegensatz zur Serie ist die Hochzeitsnacht zwischen Daenerys und Khal Drogo im Buch mehr oder weniger einvernehmlich. Er zieht sie aus, streichelt sie ein bisschen, und fragt mehrmals das Wort „Nein?“, bis sie „Ja!“ wispert.

Das Ding ist nur: Sie ist dreizehn. Sie ist im Buch verdammte dreizehn.

Das ist nicht okay. Die Szene bedient dieses „der sanfte Barbar, der ja doch irgendwie einvernehmlichen Sex will“-Ding, ja, aber sie ist dreizehn, verflucht, warum, George??

Aber um auf einer positiven Note zu enden: Auch Fantasy jenseits des Schwarzen Auges kennt skurrilen Sex – oft garniert mit seidenen Korsettschnürungen, wie von Bienenstichen angeschwollenen Kusslippen und dem Nuckeln an geschwollenen Knospen (jepp, ich schaue in deine Richtung, Jay Kristoff!) oder entblößten, auffordernd blinzelnden Schamlippen und umgeschnallten Einhorn-Hörnern (Mark Smylie). Und bevor ihr jetzt denkt, ich hab’s hier nur auf die Männer abgesehen: Ich habe ja noch gar nicht mit den Legionen brünstiger Vampire angefangen, die sich zum Beispiel bei „Anita Blake“ von Laurell K. Hamilton, bei der ein Bösewicht mit einem ausführlichen Blowjob „besiegt“ wird, tummeln. Auch Anne Rice, die sich ihren Porno-Fame durchaus im positiven Sinne verdient hat, bildete schon Analsex-Kreise mit Untoten.

Und für den zweiten Artikel dieses Zweiteilers nehme ich mir vor, Sexszenen aufzustöbern, die ich gelungen finde und über guten Sex in der Fantasy zu reden. Ein Paradoxon? Ich hoffe nicht! 

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