Essay: Die Mondlandung und wir (Andreas Eschbach)

© NASA-Imagery - pixabay

Wieso gibt es bis heute keine Städte auf dem Mond? Und wann werden wir endlich den Mars besiedeln? Der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach erkundet die Möglichkeiten unserer Zukunft im Weltall. 

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass die Idee, Koffer mit Rollen zu versehen, erst ein paar Jahre nach der ersten Mondlandung aufkam. Es ist nur ein Detail, eine Randnotiz der Technikgeschichte, doch es will mir nicht aus dem Kopf gehen: Wir sind erst zum Mond geflogen, bevor wir darüber nachgedacht haben, wie man das Reisen angenehmer gestalten kann. Mir ist, als hätte das etwas zu besagen.

Vielleicht zeigt es einen Umschwung in unserem Verständnis von Technik an, der sich in dieser Zeit vollzogen hat.

Allgemein gesprochen hat jede technische Entwicklung als Expeditionstechnologie begonnen, einzig dazu gedacht, den Raum der menschlichen Möglichkeiten zu erweitern. Doch irgendwann – dann, wenn die Grenzen des damit Erreichbaren ausgelotet und die grundlegenden Prinzipien geklärt waren – ist man immer dazu übergegangen, daraus eine Technik zu entwickeln, die uns lästige, unangenehme, langweilige oder unbequeme Tätigkeiten abnimmt, eine Bequemlichkeitstechnologie sozusagen.

Zum Beispiel das Fliegen: Otto Lilienthal und den Gebrüdern Wright ging es darum, sich überhaupt erst einmal in die Lüfte zu erheben. Erst als man wusste, wie das verlässlich zu bewerkstelligen war, konnte man über beheizte Fluggastkabinen, bequeme Sitze, Bordküchen und dergleichen nachdenken.

In diesem Bild waren die Mondmissionen so etwas wie die Gipfelleistung der Expeditionstechnologie. Zumindest kann man nicht behaupten, dass die Mondflüge bequem gewesen seien. In den Apollo-Kapseln, die schon geräumiger waren als die Raumfahrzeuge davor, entfiel auf den einzelnen Astronauten ungefähr so viel Platz, wie einer Person in einem durchschnittlichen PKW zur Verfügung steht. Damit zum Mond zu fliegen war also, als verbrächten drei Männer eine ganze Woche eingesperrt in einem Auto, in dem sie neben dem Arbeiten und Schlafen nicht nur das Essen und Trinken besorgen mussten, sondern auch die entsprechenden gegenteiligen Verrichtungen: Man kann sich die Geruchsentwicklung und die hygienischen Bedingungen lebhaft vorstellen. Das Innere der Maschine, mit der Armstrong und Aldrin schließlich auf den Mond hinabflogen, war kaum geräumiger als eine Telefonzelle; so beengt in der Tat, dass sie durch eine unbedachte Bewegung einen wichtigen Schalter abbrachen und die Mine eines Kugelschreibers benutzen mussten, um den Rückstart auszulösen.

Die Flüge zum Mond waren Pioniertaten, und Pioniertaten haben es generell an sich, unbequem zu sein. Als Bertha Benz im August 1888 die historisch erste Überlandfahrt mit einem Automobil unternahm, legte sie zwar eine wesentlich geringere Strecke zurück (nämlich nur die rund 100 km zwischen Mannheim und Pforzheim), aber sie tat es unter Benützung einer neuartigen Technologie und in auf vielerlei Hinsicht abenteuerlichere Weise, als die minutiös vorgeplanten und eingeübten Missionen der NASA verliefen. Auch die Expeditionen von Polarforschern wie Roald Amundsen, Robert Scott, Ernest Shackleton und anderen erforderten die Bereitschaft, Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen, und zwar in einem Maße, das heutzutage schier unvorstellbar ist.

Heute, 130 Jahre nach Bertha Benz, fährt man die Strecke von Mannheim nach Pforzheim in anderthalb Stunden und ohne darüber nachzudenken, in welch ungeheure technischen Zusammenhänge die Möglichkeit, dies zu tun, eingebettet ist. Mehr noch, man kann nebenher problemlos Musik hören oder mit jemandem telefonieren, der am anderen der Welt unterwegs ist. Will man zum Polarkreis, kann man eine Kreuzfahrt buchen auf einem Schiff, das mit Stabilisatoren gegen unruhigen Seegang ausgestattet ist und auf dem einen Kabinen mit warmen Duschen und Fernsehern erwarten, ein vielfältiges Unterhaltungsprogramm und allabendlich ein Menü mit vier Gängen.

Wie stehen die Chancen, dass die Raumfahrt es je zu einem solchen Maß an Bequemlichkeit und Komfort bringt?

Bislang tut sich in dieser Hinsicht so gut wie nichts. Das Interieur heutiger Raumkapseln lässt immer noch jede Ähnlichkeit mit dem Design, sagen wir, der USS Enterprise vermissen. In der ISS müffelt es nach zwanzig Jahren Aufbau nach wie vor »unbeschreiblich«, wie uns alle versichern, die je dort waren. Und die Rampen, von denen die russischen Raketen ins All starten, beruhen auf Konstruktionen von Sergei Koroljow aus den frühen 60er Jahren.

Ohne die Erfolge unbemannter Missionen zu Kometen und den fernsten Planeten kleinreden zu wollen: In der bemannten Raumfahrt tut sich abgesehen von mehr oder weniger tollkühnen Ankündigungen technisch wenig. Im Gegenteil hat man eher den Eindruck, dass dieser Zweig der Technik in einer Sackgasse steckt.

Warum? Warum ist es nach dem Apollo-Programm nicht genauso rasant weitergegangen, wie es bis dahin gegangen war? Wieso ist man, nachdem man den Mond erreicht hatte, nicht zum Mars aufgebrochen? Wieso gibt es heute keine Städte auf dem Mond oder wenigstens ein Observatorium auf dessen Rückseite?

Die Antwort ist, fürchte ich, schrecklich einfach: Weil es dort nichts zu holen gibt.

Die Expeditionen von Columbus, Magellan, Vasco da Gama und anderen, in deren Tradition man die Apollo-Missionen für die Öffentlichkeit gerne stellte, unterschied von diesen, dass sie Länder und Erdteile erschlossen, wo es etwas zu holen gab, und zwar mehr als das Wissen, dass sie existierten. Es ging diesen Entdeckern nicht in erster Linie darum, die weißen Flecken auf den Weltkarten auszumalen, sondern darum, Schätze von dort nach Hause zu bringen – und die Botschaft, dass es sich lohnte, dahin zurückzukehren, und zwar monetär. Nur deshalb kam ein entsprechender Verkehr in Gang, ein sich selbst finanzierender Prozess der Kolonisation mit all den unerfreulichen Begleiterscheinungen, von denen uns die Geschichte ebenfalls erzählt: Kriege, Sklaverei, Ausbeutung.

Zum Mond zu fliegen lohnt sich hingegen nicht. Es gibt dort nichts zu holen, was den ungeheuren Aufwand wert wäre. Noch nicht einmal die wissenschaftliche Ausbeute war so, dass es zwingend notwendig gewesen wäre, Menschen dorthin zu schicken.

All das wusste man übrigens schon vorher, und das macht die Mondlandungen so bemerkenswert: Auch wenn sie befeuert waren von der Konkurrenz politischer Systeme, waren es letztlich zweckfreie Unternehmungen – man flog zum Mond, weil man beweisen wollte, dass man es konnte. Und als das bewiesen war, war es gut. Die Mondfahrer haben auf die Frage, warum sie zum Mond fliegen wollten, implizit dieselbe Antwort gegeben wie Bergsteiger, befragt, warum sie unbedingt den Mount Everest besteigen wollen: Weil er da ist.

Wobei … zum Mount Everest hat sich immerhin ein (überaus hässlicher) Tourismus entwickelt, zum Mond hingegen bislang noch nicht, aus dem schlichten Grund, dass es unverhältnismäßig aufwendiger und damit teurer ist, zum Mond zu gelangen als auf den Gipfel des höchsten Bergs der Welt.

Nun könnte man einwenden: Vielleicht kommt das ja noch? Das männliche Imponiergehabe dürfte auf absehbare Zeit eine verlässliche Größe bleiben, also könnten, wenn die Raumfahrtkosten infolge irgendwelcher noch ausstehender Erfindungen deutlich sinken sollten, Abenteuerreisen zum Mond doch »das« Ding der, sagen wir, 2040er-Jahre werden?

Entsprechende vollmundige Ankündigungen gibt es, hierfür und für noch weitaus kühnere Projekte. So will der US-amerikanische Unternehmer Elon Musk, eine schillernde Figur, die fast im Alleingang die private Raumfahrt begründet hat, bekanntlich allen Ernstes den Mars besiedeln, und zwar noch zu seinen Lebzeiten, da er erklärtermaßen vorhat, dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Allerdings muss die Frage erlaubt sein, wie durchdacht solche Vorhaben wirklich sind. Seit 1977 Star Wars in die Kinos kam, haben Jahrzehnte immer atemberaubenderer, immer realistischer wirkender Weltraumabenteuer aus Hollywood ein Bild des Weltraums in unserem kollektiven Unterbewusstsein verfestigt, das uns die tatsächlichen Distanzen und die technischen Herausforderungen chronisch unterschätzen lässt. Wann immer jemand mit einem tollkühnen Plan zur »Eroberung des Weltalls« auftritt, gilt es deswegen, penibel nachzubohren, inwieweit dieser Plan auf realen Zahlen und tatsächlichen Berechnungen beruht und nicht etwa einfach nur auf Vorstellungen, die aus dem Kino stammen.

Was ich damit meine, sei an einer Modellüberlegung verdeutlicht: Auf meinem Schreibtisch steht ein Globus der Erde, der, wie die meisten Globen, einen Durchmesser von 30 Zentimetern hat. Besäße ich einen Mondglobus im gleichen Maßstab, wäre dieser etwa 8 Zentimeter groß, und wollte ich ihn in maßstabsgetreuer Entfernung aufstellen, so müsste er etwa 9,5 Meter weit weg stehen: In unserem Haus wäre das der Fall, wenn ich ihn im Arbeitszimmer meiner Frau ins Regal stellte.

Doch der Mars, auf dem Elon Musk gern in Rente gehen möchte, ist ein ganz anderes Kaliber. Ein Marsglobus im gleichen Maßstab hätte einen Durchmesser von rund 16 Zentimetern, und um ihn maßstabsgerecht aufzustellen, müsste ich ihn in einer Entfernung von mindestens 1,4 Kilometern platzieren, was in meinem Fall hieße: irgendwo auf dem Marktplatz in der Mitte des Ortes. (Wobei sich die Distanz zwischen Erde und Mars ständig ändert; in unserem Maßstab kann er sich bis zu 10 Kilometer (zehn!) von meinem Schreibtisch entfernen.)

Mit all diesem vor dem geistigen Auge vergegenwärtige man sich, dass, seit Apollo 17 im Dezember 1972 von dem Regal aus dem Arbeitszimmer meiner Frau zurückgekehrt ist, sich kein Mensch mehr weiter als anderthalb Zentimeter von der Oberfläche des Globus auf meinem Schreibtisch entfernt hat. Wir reden also von 47 Jahren ohne bemannte Expeditionen in die Tiefen des Alls, ohne Fachleute, die die damit verbundene Erfahrung haben, und ohne die entsprechende industrielle Infrastruktur: Angesichts dessen darf man Pläne zur Besiedlung des Mars in absehbarer Zeit mit Fug und Recht als kühn bezeichnen.

Freilich wäre es ein überaus lehrreiches Unterfangen: Da es auf dem Mars außer Platz buchstäblich nichts gibt, müsste man eine gesamte Ökosphäre in Eigenarbeit aufbauen und am Laufen halten, um zu überleben, und selbst wenn das gelingen sollte (was keineswegs ausgemachte Sache ist; bisherige Versuche in dieser Richtung sind eher entmutigend verlaufen), würde es uns in einem ganz neuen Maße Respekt lehren für das, was uns der Planet Erde von sich aus bietet.

Wobei man wiederum das mit dem Platz nicht überschätzen sollte: Die Oberflächen von Mond und Mars zusammengenommen entsprechen lediglich ungefähr der festen Landmasse der Erde. Mit anderen Worten, selbst wenn der Mond und der Mars blühende Welten gewesen wären, wenn es darüber hinaus nur geringer Anstrengungen bedürfte, hinzugelangen, und wir im Jahr 1973 damit begonnen hätten, beide Himmelskörper zu besiedeln, wären heute alle drei Welten ähnlich dicht besiedelt wie die Erde Anfang der 70er-Jahre.

So sehr es mich als SF-Autor und Liebhaber großer Space Operas schmerzt, das sagen zu müssen, aber die bemannte Raumfahrt und insbesondere die Besiedelung des Alls ist ein Traum, von dem wir uns für lange Zeit – vielleicht für immer – verabschieden müssen. Die Mondlandungen, Höhepunkte einer energiegeladenen Zeit, waren die letzten großen Expeditionen, die aufwendigsten Expeditionen, die je unternommen worden sind, und in gewisser Weise die Expeditionen, die das Zeitalter der Expeditionen endgültig beendeten. Als Apollo 17 heimkehrte, lag »The Limits to Growth« schon in den Buchläden und sollte die Art und Weise, wie wir die Erde sehen, für immer verändern.

Neben allem anderen haben uns die Mondlandungen gelehrt, dass wir unseren irdischen Problemen nicht durch Expansion ins All entkommen werden. Wir werden die irdischen Probleme hier auf der Erde lösen – oder gar nicht.

 

--- 

Quelle: Hans Jürgen Balmes et al. (Hrgs.): Neue Rundschau 2019/1. Jenseits von Raum und Zeit. Phantastische Literatur um 21. Jahrhundert. S. Fischer 2019

Share:   Facebook