Über den Sinn und Unsinn der Abgrenzung von Young Adult/All Age und Erwachsenenliteratur in der Fantasy

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BUCH

Fantasy-Bücher: Wie sinnvoll ist die Einteilung in All Age, Young Adult und Erwachsenenliteratur?


Was macht einen Young-Adult-Roman eigentlich zum YA-Roman? Und wann spricht man von „All-Age-Romanen“? Judith Vogt über unsinnige Labels in der Fantasy und die schwierige Suche nach den richtigen Lesern und Büchern.

Es ist ja kein Geheimnis: Fantasy und Science Fiction wurde immer schon auch von Jugendlichen gelesen. Spätestens seit den „Tributen von Panem“ werden wir jedoch von Bücherwellen überrollt, die sich spezifisch an “junge Erwachsene“ richten. Aber wie sinnvoll ist die Abgrenzung von Young-Adult-Romanen, All Age und Erwachsenenliteratur?

„Lassen Sie mich durch, ich bin Kinder- und Jugendbuchhändlerin!“

Nach meiner Ausbildung zur Buchhändlerin habe ich in einer der seltenen spezialisierten Kinder- und Jugendbuchhandlungen gearbeitet und dort unter anderem auch den Blog mit Buchbesprechungen betreut. Ja, ich weiß – das hier liest sich jetzt gerade wie eine Bewerbung, es ist aber nur ein uneleganter Einstieg in mein Thema!

Es war ein kleiner Laden und unsere Kund*innen waren zum größten Teil Erwachsene, zum größten Teil Frauen. Es waren überwiegend Mütter, Tanten und Omas, die für ihre Kinder, Nichten, Neffen, Enkelinnen und Enkel eingekauft haben. Natürlich kamen auch Kinder stöbern, aber noch häufiger kamen eigentlich Erwachsene und junge Erwachsene oder ältere Jugendliche, um in unserer recht gut sortierten Young-Adult-Fantasyabteilung zu schmökern oder sich die neuste Reihe empfehlen zu lassen. In dieser „Abteilung“ – wie gesagt, ein kleiner Laden, es war also ein Bücherschrank vom Boden bis zur Decke, aber der Vorteil davon war, dass wir das meiste davon gelesen hatten und empfehlen konnten – fanden sich nicht nur ausgemachte Young-Adult-Titel, sondern auch Erwachsenenfantasyromane, die gerne von Jugendlichen gelesen wurden. Über den Laden verstreut fanden sich zudem die All-Age-Titel, deren Altersempfehlung ja stark variiert, und die sich deshalb an unterschiedlichen Stellen befinden.

Die Kategorisierung ist also schwierig

… wie man sieht! Daher erst einmal ein kurzer Abriss der „Kategorien“. Es gibt All-Age-Fantasy-Titel. Beispiele? „Der Wind in den Weiden“ – zugänglich für Kinder ca. ab der 3. Klasse, daher steht es im Regal „ab 8 Jahren“. „Harry Potter“ – gedacht für Kinder ab 10 Jahren, daher im Regal „ab 10“, ebenso wie „Narnia“, „Momo“ und Co. All Age bezeichnet also ein Buch, das in allen Altersstufen gelesen wird, aber dadurch nicht zwingend ein Jugendbuch ist.

Anders „Young Adult“. Unter YA-Büchern verstehen wir Romane, die sich an Jugendliche richten, die für das klassische Jugendbuch „ab 12“ zu alt sind, aber noch nicht gern Erwachsenenbücher lesen, sondern jugendliche Protagonisten und jugendliche Themen bevorzugen. Young Adult richtet sich also, wie der Name schon sagt, an junge Erwachsene, YA-Bücher werden aber auch oft von Erwachsenen gelesen. Meist jüngeren Erwachsenen, Anfang, Mitte zwanzig, oft genug aber auch von den Müttern oder Vätern der lesenden Teenager. Oft sind YA-Romane noch etwas „harmloser“ als Erwachsenenfantasy – weniger Sex, weniger Gewalt, mehr Coming-of-Age-Themen.

Dann kam „Die Tribute von Panem“ und schockierte mit einer Protagonistin, die u.a. zum Morden gezwungen wird. Wir haben damals im Team viel über den ersten Teil der Trilogie diskutiert, denn er spaltete die Gemüter in „Ich find das Buch gut“, „Ich finde es zu brutal“ und „Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich es finden soll“. 

Schutzgebiet Young Adult

An diesem Buch und dem darauffolgenden Hype kann man auch genau festhalten, warum die Kategorisierung so schwierig ist: YA sollte dem jugendlichen Leser noch eine Art „Schutzzone“ bieten. In den sozialen Medien stolpere ich immer wieder über Fragen wie: „Welches Science-Fiction-Jugendbuch könnte denn mein 15jähriger Sohn lesen – habt ihr Empfehlungen?“ und die Antwort ist oft: „Wieso liest der nicht mal ‚1984‘ oder ‚Schöne neue Welt‘, der ist doch alt genug!“ Jein.

Der Jugendliche will vielleicht keine jahrzehntealten Bücher lesen, deren Stil ihn nicht mehr abholt. Das heißt nicht, dass diese „Erwachsenen-SF-Bücher“ keine Relevanz mehr für heutige Jugendliche haben, aber Jugendliche müssen sich oft in der Schule mit Klassikern quälen und lesen vielleicht tatsächlich gerne moderne Unterhaltung. Daran ist nichts Verwerfliches. Und: Die Frage wurde von einer Mutter oder einem Vater gestellt. Eltern suchen nach „altersgerechter Literatur“, ja, auch für Fünfzehnjährige. Ohne explizite Sex-Szenen, ohne überbordende Gewalt. Das ist ein valider Wunsch, und ein Wunsch, den offenbar auch viele erwachsene Leser*innen teilen und deshalb auch als Erwachsene gerne zur Jugendbuchfantasy greifen. In der Jugendbuchfantasy geht es häufig darum, erwachsen zu werden, um die Wirren der Liebe und um elementare Fragen, die sich unweigerlich jeder Teenager stellt – zum Leben und dem Sinn dahinter.

Massenphänomen macht Massenkompatibilität

„Die Tribute von Panem“ hat all das – das Erwachsenwerden, die Wirren der Liebe, die Frage nach dem Sinn – und kombiniert das mit einer Brutalität, die Erwachsene schockiert, weil sie sich fragen, ob sie möchten, dass ihre Kinder sich damit beschäftigen. (Und ja, ihr habt vermutlich wie ich mit ca. 13 Jahren schon die ungeschnittene Version von „Terminator“ gesehen, oder? Denn wir reichten die damals in den Freundeskreisen herum, und natürlich dachten unsere Eltern noch, wir würden uns „altersgerecht“ unterhalten.)

„Die Tribute von Panem“ mit seinem deutschen „Mädchengesicht in Blätterdach“-Cover war ein typisches YA-Buch für weibliche Teenager, das eine Eigendynamik entwickelte. Erst lasen es die typischen YA-Leserinnen – ja, vor allem Leserinnen, aber Männer sind an dieser Stelle mal „mitgemeint“. Die Filme wurden deutlich weniger genderspezifisch vermarktet, und plötzlich wandelte sich das YA-Buch zur Dystopie. Ich behaupte, dass besonders die Filme der Reihe viele männliche Leser verschaffte, auch Erwachsene, und nicht nur junge Erwachsene. In meinem Freundeskreis der Mitdreißiger schlugen die Bücher mit den Filmen zusammen ein. Ähnliches ist bei „Harry Potter“ passiert: Kinder lasen und wurden mit der Reihe erwachsen, Eltern lasen, junge Frauen und Männer lasen – und dann nahm das Ganze Fahrt auf und wurde mitsamt Filmen und Merchandise zum Massenphänomen und wurde auch von Männern gelesen, die sich nun nicht mehr schämten, zum Kinderbuch zu greifen.

Ups, was hab ich denn da gesagt? Scham?

These: Junge Frauen greifen zum Jugendbuch und zum YA-Titel, ohne sich zu schämen, aber junge Männer brauchen meist den Hype im Rücken, um danach zu greifen. 

Das Selbstbild des YA-Romans

Oft geht es im Young-Adult-Bereich um Protagonistinnen, denn jugendliche Mädchen lesen statistisch mehr als jugendliche Jungs, und Verlage wissen das. Häufig geht es ums Erwachsenwerden und um erste Liebe – Themen, die auch in der Erwachsenenfantasy nicht gerade selten sind, der jugendliche Protagonist, der in die Welt hinauszieht, ist schließlich ein Merkmal der typischen Heldenreise der Phantastik aller Spielarten. Und trotzdem greifen Männer eher nach den als „Erwachsenenfantasy“ deklarierten Romanen. Ja, sicherlich spielt da auch das Selbstbild, der gesellschaftliche Druck und die Cover mit dem oft allgegenwärtigen Mädchengesicht eine Rolle.

Damit ist Young-Adult ein wenig stigmatisiert, einer der Gründe, warum Verlage Titel, die sich als All Age-Dauerbrenner herausstellen, in einer zweiten Variante mit einem „erwachseneren“ Cover auf den Markt bringen.

Eigentlich ’ne Lachnummer, oder?

Also, was soll das Ganze? Bücher sind für Leser, oder? Und jeder Leser sollte lesen, was ihn glücklich macht. Aber die Entscheidung, welches Buch das ist, treffen wir nach den Kategorien, unter denen das Buch online ebenso wie offline einsortiert ist, nach den Covern und den Klappentexten. Die Buchhändler und Onlineplattformen müssen wissen, in welches Regal – virtuell oder analog – sie das Buch einräumen, damit es gefunden wird.

Von daher: Macht es Sinn, Young Adult bzw. All Age und Erwachsenenliteratur voneinander abzugrenzen?

Ich kann das nicht abschließend beantworten. In meiner Zeit als Buchhändlerin habe ich viele YA- und All-Age-Titel gelesen, zu denen ich als Kundin nie gegriffen hätte, weil die Kategorisierung mich davon abgehalten hätte. Über den Tellerrand der Kategorien hinauszublicken, lohnt sich – aber andererseits hilft die Kategorisierung natürlich dabei, für sich selbst einen Buchmarkt zu sortieren, der vor Neuerscheinungen nur so überquillt.

Letztlich sollten wir es als Phantasten aber vielleicht ein bisschen mehr mit Tolkien halten, der die Trennung zwischen Erwachsenenbüchern und Kinderbüchern für unsinnig und eine künstlich erschaffene Grenze hielt. Eine Geschichte ist letztlich eine Geschichte, und ihre Qualität hängt nicht von der Zielgruppe ab.

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