Afrikanische Science-Fiction und Fantasy – ein (unvollständiger) Überblick

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Afrikanische Science-Fiction und Fantasybücher – ein (unvollständiger) Überblick


Afrikanische Science-Fiction und Fantasybücher bieten neue Erzählweisen, neue Perspektiven, neue Ideen. Aber für People of Color ist Afrofuturismus und afrikanische SF/F so viel mehr als das. Judith Vogt mit einem (unvollständigen) Überblick und sehr lesenswerten Buchtipps.

Afro-Science Fiction und Fantasy – ist das ein eigenes Genre oder eher ein Sammelbegriff für viele Subgenres, die mit Afrika zu tun haben? Ist das eine Bezeichnung für die Herkunft der Autorinnen und Autoren oder eine Verortung der Handlungsorte der Romane? Sind auch Romane von People of Color, die jedoch in den USA oder einer ganz anderen Welt spielen, AfroSF/F? Gehören Romane von weißen Autor*innen, die aber in Afrika spielen, dazu? Und was ist eigentlich Afrofuturismus?

Und jetzt frage ich mich gerade, ob das rhetorische Fragen oder Denkanstöße sind oder ob ich als Weiße überhaupt eine Antwort darauf geben kann.

Eine Frage jedenfalls kann ich beantworten: Sollte man Afro-Science Fiction und Fantasy lesen, auch wenn man sich bislang nicht oder wenig mit Afrika beschäftigt hat? Auf jeden Fall! Afro-SF/F schöpft aus Mythen und Kulturen, die in der Phantastik im Prinzip unbekannt, unergründet sind. Neil Gaiman zum Beispiel sagte über Nnedi Okorafors „Akata“-Reihe: „Die schiere Freude […] stammt vom Gefühl, so etwas einfach noch nie gelesen zu haben, und das ist so selten. Es ist Fantasy, doch es kommt aus einer Kultur, die nicht der Kram ist, den wir schon eintausendmal gesehen haben.“

Afrofuturismus und afrikanische Narrative

Lange Zeit war Diversität und Repräsentation vor allen Dingen einseitig: Ja, neben dem einen „Mädchen“ in der weißen männlichen Heldengruppe (Stichwort: Schlumpfine-Syndrom) gab es auch den einen „Sidekick of Color“. Besonders in US-amerikanischen Filmen bedeutete das, dass man diese Zielgruppe damit auch abgehakt hat. Und nicht nur die Hauptperson ist meist weiß: Auch die Schöpfer unserer (Pop-)Kultur sind wie ihre Protagonisten: meist männlich und weiß.

Als Afrofuturismus bezeichnet man eine kulturelle Ästhetik, die von People of Color für People of Color geschaffen wurde – Fantasy- und Science-Fiction-Literatur, Comics, Graphic Novels, Kunst, Musik und vieles mehr, was Elemente aus magischem Realismus, alternative history, Afrozentrizität und nicht-westlicher Kosmologie verbindet, um sowohl heutige Problemstellungen zu kritisieren, vergangene Geschichte zu bearbeiten und von zukünftigen Entwicklungen zu fabulieren. Der Begriff entstand in den Neunzigern. Häufig verbindet Afrofuturismus Themen der Vergangenheit wie die Afrikanische Diaspora, den transatlantischen Sklavenhandel und den Kolonialismus mit einer von Cyberpunk und Science-Fiction geprägten Sicht auf die Zukunft. Auch der Feminismus spielt im Afrofuturismus eine große Rolle: Zurückblickend auf das historische Trauma der Versklavung und das Ausradieren der Narrative der afrikanischen Frauen durch die Kolonialmächte, stärkt der Afrofuturismus afroamerikanische Frauen mit neuen Perspektiven. Und apropos „Ausradieren“: Geschichte wird von den Siegern geschrieben, und so haben es sich afrofuturistische Autor*innen zur Aufgabe gemacht, die dominante Kulturgeschichte in Frage zu stellen. Oft finden sich im Afrofuturismus Parabeln und Metaphern auf Diaspora und Rassismus. Der Aufbruch in den Weltraum und die Begegnung mit dem Außerirdischen ist dabei ein Kernelement und wird perspektivisch anders geschildert und behandelt als der europazentrische „First Contact“. Wo in eurozentrischen Romanen häufig der Kolonialgedanke in den Weltraum verängert wird, fungiert in vielen afrozentrischen Romanen das Außerirdische als Identifikationsobjekt – man ist in einem fremden Land seiner eigenen Geschichte beraubt.

Nnedi Superstar!

Eine ungewöhnliche Annäherung an das Außerirdische hat Nnedi Okorafor mit ihrem Roman „Lagune“ vorgelegt – dem Roman, mit dem die vielseitige amerikanische Schriftstellerin mit nigerianischen Wurzeln in Deutschland berühmt wurde. Okorafor ist beileibe nicht die erste erfolgreiche SF/F-Autorin, deren Erzählungen aus einer afrikanischen Kultur entspringen, aber sie ist die erste, die nun wirklich jeden wichtigen Science-Fiction- und Fantasy-Award abgeräumt hat. Okorafor ist bahnbrechend im Genre der Phantastik, das weltweit vor allen Dingen von weißen Männern dominiert wird.

Zum Schreiben kam Okorafor, als sie sich als Jugendliche längere Zeit von einer Operation erholen musste. Obwohl sie und ihre Familie in den USA lebten, entschied sie sich von Anfang an für afrikanische Themen: Vor etwa fünfundzwanzig Jahren besuchte Okorafor ihren Großonkel in Isiekenesi, Nigeria, und fragte ihn nach dem alten Geheimnis der symbolischen Schrift Nsibidi. Er sagte ihr, sie solle ihm keine Fragen zu solch bösen Dingen stellen – doch das entfachte den Funken der Neugier natürlich noch mehr. Okorafor beschäftigte sich intensiv mit den alten Gebräuchen und Überlieferungen Nigerias und band diese in ihre Romane ein. Heute ziert ein Tattoo mit den Nsibidi-Symbolen für „Geschichtenerzähler“ ihren Arm. Wie viele ihrer Protagonistinnen kämpfte auch Okorafor stets mit dem Gefühl, zu zwei Welten zu gehören, die nicht immer miteinander vereinbar sind. „In Nigeria ist die Vorstellung, dass die Welt ein magischer, mystischer Ort ist, ganz normal“, sagte Okorafor, und das fasziniert sie enorm.

Zugleich thematisiert sie in ihren Romanen soziale Problematiken: Rassismus und die Ungleichheit der Geschlechter, politische Oppression, Umweltzerstörung, Genozid, Korruption. Dabei war ihr Weg nicht immer von Erfolg gezeichnet: Ihr erster Roman verkaufte sich im dreistelligen Bereich – keine Chance auf einem Markt, der sich nicht gerade durch große Vielfalt auszeichnete. Auch als erfolgreichere Autorin musste sie beispielsweise mit White Washing kämpfen: eines ihrer späteren Bücher sollte ein weißes Mädchen zieren, was Okorafor im letzten Moment zu verhindern wusste. Und die Schlagzeilen darüber, dass HBO ihren Roman “Wer fürchtet den Tod“ zu verfilmen beabsichtigte, nannten stets Produzent George R. R. Martin, ließen ihren Name aber aus. Zudem gab es unter religiös Konservativen in Nigeria kritische Stimmen, die Okorafor vorwarfen, Aberglaube und Magie zu glorifizieren. „Sie können sich bei Harry Potter gut damit abfinden, aber ‚Akata Witch‘ ist böse“, sagt die Autorin achselzuckend.

Okorafor schreibt nicht nur in ihren eigenen Welten: Für Marvel begibt sie sich ins “Venomverse” – im Mittelpunkt der geplanten Comicreihe steht eine nigerianische Teenagerin, die sich symbiotisch mit Venom verbindet. Aus ihrer Feder stammt zudem „Black Panther: Long Live the King“ und bald ein dreiteiliger Comic-Arc über Wakandas Elitekriegerinnen, die Dora Milaje. Und wo wir gerade von Wakanda sprechen …

Wakanda Forever – Afrofuturismus in der weltweiten Aufmerksamkeit

Der achtzehnte Film des Marvel Cinematic Universe erblickte dieses Jahr im Januar die Kinoleinwände dieser Welt – und war damit nicht nur der erste Marvel-Film mit einem PoC-Superhelden in der Hauptrolle, sondern der erste Marvel-Film, bei dem der Großteil von Cast und Crew aus People of Color bestand. Von Regisseur Ryan Coogler bis zu Kostüm- und Haardesignerinnen – “Black Panther“ war eine große Sache, und der weltweite Erfolg gibt ihnen recht, auch in Ländern wie Südafrika, in denen der Niedergang der Kinos beschlossene Sache war, oder in Saudi-Arabien, wo nach einem fünfunddreißigjährigen Kinoverbot zum ersten Mal wieder Säle in Kinos umgewandelt wurden, um den Film zu zeigen.

Black Panthers Geschichte beginnt natürlich nicht im Januar – seine Geschichte geht sogar noch weiter zurück als die der gleichnamigen Bewegung und der Blaxploitation-Filme: Black Panther war 1966 der erste schwarze Superheld, gefolgt von Luke Cage (1972) und Black Lightning (1977). Was „Black Panther” auszeichnet, ist zudem die afrofuturistische Vision eines nicht kolonialisierten, autarken Staats, den das Aufgreifen nicht-europäischer Mythen und kultureller Anspielungen zu einer ganz eigenen Art der Science-Fiction macht.

People of Color sind außerdem die Hauptpersonen in der Graphic Novel „Black“. Was wäre, wenn nur Schwarze Superkräfte erhalten könnten? In „Black“ erfährt das der Protagonist Kareem Jenkins, nachdem er von der Polizei niedergeschossen wurde – und zudem wird ihm klar, dass die Regierung alle Informationen zu diesem Phänomen zurückhält …

Und für alle, die eigentlich wegen der Texte ohne Bilder hier sind, habe ich nun noch ein paar Romantipps zusammengefasst.

Die fünf wichtigsten African-SF/F-Romane

Also, Platz 5 … Nein, stopp. Ich breche doch keinen ganzen Kontinent und die afrikanischen oder afrikanischstämmigen Autor*innen, die AfroSF/F schreiben, auf fünf Romane herunter! Das Genre (Wie gesagt: Ist es überhaupt eines?) ist so vielschichtig und umfasst von Alternative History über Science-Fiction-Jugendbuch bis zur Satire alles nur Erdenkliche – ich lege einfach mal los und verzichte auf eine Rangliste. Wenn ihr neugierig werdet, umso besser: Es gibt viel zu entdecken. Und wenn ihr etwas gelesen habt, das nicht in meiner bescheidenen Liste steht: Schreibt es in die Kommentare! 

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Ngũgĩ Wa Thiong’o: Herr der Krähen

“Herr der Krähen” entstand im Gefängnis – der Autor war politischer Gefangener in Kenia und schrieb in der Gikuyu-Sprache über einen Diktator im fiktiven Land Aburiria. Nur der Heiler Kamiti ist am Hof des Despoten die Stimme der Vernunft – eine surrealistische Satire, die auch in der Übersetzung noch durch die besondere Sprache eines Geschichtenerzählers besticht.

Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone

Auch bei Adeyemi handelt es sich um eine aus Nigeria stammende US-Amerikanerin, die in dem ganz frisch im Englischen erschienenen „Children of Blood and Bone“ Motive der Yoruba-Religion aufgreift und mit Themen wie sozialer Ungerechtigkeit verbindet. In einem Interview sagt die Autorin: „Es ist eine Allegorie für die Erfahrungen moderner Schwarzer Menschen durch die Linse eines epischen afrikanischen Fantasyromans.“

Nnedi Okorafor: Die Binti-Trilogie

Wer einen raschen Blick in Afro-Science-Fiction werfen will, dem sei „Binti“ ans Herz gelegt. Die Young-Adult-Novellen lesen sich rasch und erzählen von der jungen Binti, die als erste Himba die Gelegenheit erhält, an einer der bedeutendsten Lehranstalten der Galaxis zu lernen. Sie muss ihre Familie verlassen und sich in eine Kultur aufmachen, die ihr fremd ist. Und dann gibt es da noch die Medusen, eine fremde Spezies, der Binti näher kommt, als gut für sie ist.

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N. K. Jemisin: Die Broken Earth-Trilogie

„Zerrissene Erde“ spielt auf einem Kontinent, der von Katastrophen zerstört wird. Dort muss Essun ihre Tochter aufspüren und aus den Klauen des Mannes befreien, der schon ihren kleinen Sohn auf dem Gewissen hat – und ihr Ehemann ist. Jemisin hat mit „Broken Earth“ zwei Jahre in Folge den Hugo-Award gewonnen, obwohl sie laut eigener Aussage selbst damit kämpfte, ob sie die Geschichte angemessen erzähle: „Sollte ich diese Geschichte überhaupt schreiben? Bin ich gut genug, es auf eine Weise zu tun, die dem Thema gerecht wird? Bagatellisiere ich Dinge, die tatsächlich geschehen, indem ich sie allegorisch in einer Welt behandle, die nicht existiert?“ Sie schrieb den Roman dennoch und war die erste schwarze Autorin, die einen Hugo-Award für den besten Roman erhielt.

Jennifer Nansubuga Makumbi: Kintu

„Kintu“ (leider bislang nur auf Englisch erhältlich) beginnt im Jahr 1750 in Uganda und gehört ins Subgenre der historischen Fantasy oder des mythischen Realismus. Kintu Kidda entfesselt beim Besuch des bugandischen Königs einen Fluch, der sich über mehrere Generationen seiner Familie erstrecken wird – der Roman folgt vier Generationen und erzählt ganz unterschiedliche Schicksale, alle geeint vom Versuch, den Fluch zu brechen.

Nisi Shawl: Everfair

Auch hier begeben wir uns in die Geschichte, aber in das Subgenre der alternative history, also des „Was wäre wenn“? Was, wenn die Bevölkerung des Kongos sich mit Dampftechnologie und Verteidigungsmechanismen gegen die belgische Kolonialmacht hätten zur Wehr setzen können? Dem tatsächlichen Massengenozid im Kongo steht ein inspirierendes Utopia gegenüber. Was wäre, wenn?

Octavia E. Butler: Die Xenogenesis-Trilogie

Octavia Butler war die erste schwarze Science-Fiction-Autorin, die ein großes Publikum erreichte und weltweit Bekanntheit erlangte. Leider sind viele ihrer Romane auf Deutsch vergriffen, manche sind noch als eBook erhältlich. In der Xenogenesis-Trilogie wird eine junge Frau nach der Verwüstung der Erde durch Menschen und die Wiederbesiedelung der Erde durch Aliens vor die Wahl gestellt, ihre Spezies zu retten, indem sie sie zu etwas Neuem werden lässt: einem Mensch-Alien-Hybrid. Auch diese Romane sind eine kraftvolle Parabel auf die Herausforderung des Lebens in zwei Welten, mit zwei Identitäten. 

Karen Lord: Redemption in Indigo

In dieser humorvollen Erzählung um Paama, die ihren Mann verlässt, kommt das Fantasy-Element in Form des „Chaos Sticks“ in die Geschichte, der Paama von den Unsterblichen verliehen wird. Damit kann die Protagonistin, die ursprünglich einem Märchen aus Senegal entstammt, die Kräfte der Welt manipulieren. Der Indigo-Lord hat etwas dagegen und auch der spinnenhafte Trickster hat seine Hände im Spiel …

Dark Matter – Shortstories

Die “Dark Matter”-Reihe besteht aus Anthologien im Fantasy-, Horror- und Science-Fiction-Genre und enthält nur Geschichten von farbigen Autoren, Genregrößen ebenso wie Newcomern.

Und wer mehr Fragen rund um Afrofuturismus beantworten haben möchte, dem sei das Werk „Afrofuturism: The World of Black Sci-Fi and Fantasy Culture” von Ytasha L. Womack and Herz gelegt, in dem es nicht nur um Literatur, sondern auch Musik, visuelle und multimediale Kunst geht.

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