5 Fantasyromane mit Heldinnen, die keine Teenager sind

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BUCH

Fünf Fantasy-Bücher mit Heldinnen, die keine Teenager mehr sind


Gibt es eigentlich Fantasy-Romane, in denen Frauen jenseits der magischen Grenze von 25 Jahren die Hauptrolle spielen? Fünf Fantasy-Buchtipps von Judith Vogt.

Warum machen weibliche Heldinnen eigentlich meistens die Young-Adult- oder All-Age-Fantasy unsicher? Und ist das überhaupt wirklich so? Inspiriert von Henning Mützlitz’ Plädoyer für mehr Heldinnen in der Phantastik habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wo es denn mal „reifere“ Heldinnen in der Fantasy gibt – und ob Jugendlichkeit nicht vielmehr ein generelles Symptom des Genres ist.

Die Heldenreise als Blaupause

Blicken wir der Wahrheit ins Auge: Fantasy läuft häufig nach dem Schema der Heldenreise ab, und bei der Heldenreise ist die Bildung des Charakters ein wichtiger Punkt. Natürlich können auch Vierzigjährige eine Heldenreise durchlaufen, aber die klassische Heldenreise dreht sich um einen jugendlichen Helden oder eine jugendliche Heldin. Luke Skywalker, Katniss Everdeen, Harry Potter, Kvothe, Jon Snow – wir sehen ihnen beim Erwachsenwerden zu und dabei, wie sie große Prüfungen durchstehen müssen, um schlussendlich zu werden, was wir an ihnen bewundern. Der Jedi, die Widerstandskämpferin, der Magier, der King in the North …

Das heißt, ja, oft sind Fantasyhelden und -heldinnen jüngere Menschen, unter fünfundzwanzig, oft spielt die erste Liebe, die erste Beziehung eine Rolle, das Finden der eigenen Fähigkeiten. Und dennoch werden die Geschichten junger Männer häufig nicht in die Young-Adult-Ecke gestellt, sondern sind „normale“ Fantasy für erwachsene Leserinnen und Leser. Wenn die Protagonistin aber eine junge Frau ist, geht es oft in die Jugendbuchrichtung, dann erscheint das Buch nicht selten bei Jugendbuchromanen und häufig fällt auch noch das ungeliebte Stichwort „Romantasy“. Dann ist die Zielgruppe des Buchs klarer umrissen: weibliche Jugendliche und weibliche Erwachsene, die gern Jugendbücher lesen.

Das Einfühlen ins andere Geschlecht

… ist dabei sicherlich ein Grund. Als Fantasy-Leserin ist man es gewohnt, sich in männliche Protagonisten zu versetzen, denn das Genre ist nun mal sehr stark männlich geprägt. Sich als männlicher Leser in eine weibliche Protagonistin versetzen zu „müssen“ ist etwas, das man auch bleiben lassen könnte: Man(n) hat ja genug Bücher von männlichen Autoren mit männlichen Protagonisten zur Auswahl, gerade im Bereich der „Erwachsenenfantasy“.

Und dennoch: Wollen wir immer dieselben Geschichten lesen? Brauchen wir immer den gleichen circa zwanzigjährigen jungen Mann, der seine Fähigkeiten entdeckt und sich durch Grausamkeiten und Unbill arbeitet, bis sein Charakter geschärft ist, er sein Ziel erreicht und vielleicht außerdem noch die Liebe fürs Leben gefunden hat?

Versteht mich nicht falsch: Ich bin Fan der Heldenreise. Aber die Heldenreise kann mehr sein als das, was wir wörtlich darunter verstehen. Die Heldenreise inspiriert uns deshalb so, weil jemand sich aufrafft und ins Ungewisse vordringt – etwas, das wir bei jedem Vorstellungsgespräch, bei jedem Aufräumen des Kinderzimmers, bei jedem neuen Sportkurs tun. Und das haben wir nicht nur mit zwanzig getan.

Heldengereist wird immer

Heldenreisen haben auch noch ihre Berechtigung, wenn man sie mit Mitte vierzig unternimmt. Heldenreisen können auch nach der ersten großen Liebe, nach einem halben Dutzend Beziehungen, nach zwei, drei, fünfzehn Kindern noch Relevanz für das Leben einer Heldin, eines Helden haben.

Und deshalb habe ich mal einen Blick ins Fantasyregal geworden und fünf Bücher zusammengestellt, in denen die Heldinnen Frauen jenseits der fünfundzwanzig sind.  Viel Spaß damit! 

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der Tausend Treppen / Die Stadt der Toten Klingen

Die Trilogie „Die göttlichen Städte“ von Jackson Bennett erzählt von einer Welt, die auf ganz besondere Weise „säkularisiert“ wurde: Seit dem Tod der Götter sind auch deren Bauwerke zerstört, das Andenken an sie verboten. Dadurch führen die tausend Treppen der Stadt Bulikov ins Leere. Die Diplomatin und Spionin Shara wird nach Bulikov entsandt, um sich dort auf die Spuren des alten Glaubens zu begeben.

Shara ist nur recht knapp jenseits der fünfundzwanzig, aber die Protagonistin des zweiten Bands „Die Stadt der Toten Klingen“, Turyin, ist eine ehemalige Generalin, die in der aufrührerischen Stadt Voortyashtan eigentlich nur ihren Ruhestand verleben will, dann jedoch in die Wirren von Sekten und Revolten gezogen wird.

Jackson Bennetts Setting besticht durch eine unverbrauchte Zeitära, die mich vom Technikstand ein wenig an „Die Legende von Korra“ erinnerte, und durch die Idee einer umgekehrten Kolonialisierung.

Joe Abercrombie: Racheklingen

Monza Murcatto stellt ein Team zusammen. Die Söldnerführerin ist verraten und aus einem Fenster geworfen worden. Ihr Bruder und engster Vertrauter ist tot, sie selbst schwer verwundet und verkrüppelt. Wieder halbwegs zusammengeflickt brennt sie nur noch auf Rache, und da das ein Gericht ist, das am besten kalt serviert wird (ja, ich weise immer wieder gern auf die Tatsache hin, dass der englische Titel „Best Served Cold“ mir wesentlich besser gefällt!), braucht sie Hilfe, um es zuzubereiten. Ein Nordmann, der (noch, aber nicht mehr lange) das Herz am rechten Fleck hat, ein zahlenbesessener Ex-Häftling, ein Alkoholiker und ein eingebildeter Giftmischer und seine Gehilfin ebnen ihr den Weg zu den sieben Leichen, die ihre Rache verlangt – und noch einigen mehr.

Joe Abercrombies Variante von „Der Graf von Monte Christo“ stellt mit Monza Murcatto eine seiner besten Hauptpersonen in den Fokus – deren mal schnellerem, mal langsamerem Fall in moralische Abgründe man fasziniert zusieht.

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Markus Heitz: Die Klinge des Schicksals

Die Klinge des Schicksals in Markus Heitz’ neustem Roman ist keinesfalls das Schwert auf dem Cover: Es ist die Gutsherrin und Kriegerin Danéstra, die von rätselhaften Mächten manchmal im Schlaf aus ihrem Bett heraus an einen in der Regel kampflastigen Schauplatz verfrachtet wird, an dem sie Menschen in Not helfen muss. Daran hat sie sich gewöhnt und schläft meist in Rüstung und Stiefeln.

Ihre vier Töchter bildet die gestandene Frau zu Kriegerinnen aus. Ihr Sohn ist eher der akademische Typ, er soll ihr in der Gutsverwaltung nachfolgen. Als Danéstra zum Schutz einer Schwangeren nächtlich teleportiert wird, bringt das eine spannende Abenteuerhandlung aus verschiedenen Perspektiven ins Rollen.

Horus W. Odenthal: Homunkulus

Im für sich stehenden Einzelband aus Horus’ Ninragon-Welt begegnen wir der Milizionärin Danak, die mit ihren Kolleginnen und Kollegen dafür sorgt, dass die Straßen von Rhun für die Bewohner der Stadt sicher sind. Dabei kriegt sie es neben den üblichen Gefahren ihres Jobs mit magischen Hinterhalten und Intrigen von kosmischem Ausmaß zu tun. Ihr Mann bleibt derweil zu Hause und hütet die Kinder – und recht schnell stellt sich heraus, dass er größeren Anlass zur Sorge hat als je zuvor.

Gekonnt spielt Horus mit Geschlechterrollen und Geschlechterklischees und einer Heldin, die sich ihrer Position und Aufgabe in einer komplexer werdenden Welt nicht mehr sicher ist.

Tanya Huff: Der Hexenladen / Wilde Wege

Ja, Alisha Gale ist am Anfang der Reihe von Tanya Huff noch unterhalb meiner magischen und selbst auferlegten Fünfundzwanziger-Grenze. Sie ist vierundzwanzig und erbt den titelgebenden Hexenladen, was sie zurück in den Schoß ihrer exzentrischen Familie führt. Die Gale-Frauen haben so ihre Marotten; vor allen Dingen jedoch werden sie magisch immer mächtiger, je älter sie werden.

Urban Fantasy rund um Magie und Frauenpower – wer außerdem noch mehr von Tanya Huff lesen möchte, dem sei die englische „Confederation Series“ ans Herz gelegt – Science Fiction um einen gestandenen weiblichen Gunnery Sergeant.

 

Leider sind diese fünf Tipps auf der Autorenseite wieder männerlastig geworden – gerade weil sich Autorinnen und Titel mit weiblichen Helden häufig im Jugendbuch wiederfinden. Und dennoch: Auch in der Erwachsenenfantasy sind Veränderungen im Gange – gerade in der englischsprachigen Fantasy werden Geschlechterklischees hinterfragt. Manchmal dauert es ein wenig, bis das auch hierzulande ankommt bzw. sich breiter durchsetzt. Elizabeth Bear und Kameron Hurley zum Beispiel sind leider bislang nicht übersetzt – wer aber gern englische Romane liest, sollte auf jeden Fall nach ihnen greifen. 

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