Völker-Fantasy: Alles was du über das Genre wissen musst

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Völker-Fantasy: Alles was du über das Genre wissen musst


Im Jahr 2002 begründeten „Die Orks“ von Stan Nicholls das Segment der „Völker-Fantasy“. Fantasy-Romane über Zwerge, Elfen und Trolle sorgten dafür, dass sich auch deutsche Autoren auf dem hiesigen Publikumsmarkt etablierten. Ein Überblick über die literarische Welt der Völker-Fantasy.

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Kurz nach der Jahrtausendwende ging es los: Die Der Herr der Ringe-Verfilmungen von Peter Jackson verzeichneten Zuschauerrekorde, und so bekamen auch Leserinenn und Leser, die so nicht so schnell zu Fantasy greifen, mit, dass dieses Genre ziemlich cool sein kann. Man stellte fest: Zwerge und Elfen werden dort ganz anders dargestellt als in Märchen, und der einstmals belächelte Kram der Nerds vom Schulhof ist ja eigentlich gar kein ausgedachtes Zeug für Kinder. Schnell kam die Frage auf: »Was kann man noch lesen, das so ähnlich ist wie Der Herr der Ringe

Heyne hatte zufällig gerade etwas auf Lager: Die Orks, eine Trilogie des englischen Autors Stan Nicholls, die dieser 1999/2000 veröffentlicht hatte, erschien 2002 als fetter Sammelband auf Deutsch und wurde mit »Die Abenteuer des bösen Volks aus Herr der Ringe« beworben. Diese Marketingstrategie schlug ein wie eine Bombe und katapultierte Die Orks an die Spitze der phantastischen Bestsellerlisten. Vor allem bewirkte sie eines: Eine neue, wohl auch jüngere Leserschaft interessierte sich für das Genre und gierte nach den Abenteuern der Fantasy-Völker von der Leinwand (während erfahrene Phantasten sich ob des Hypes mitunter verwundert die Augen rieben).

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Der Verlag erkannte das Potenzial dieser Vorgehensweise und rekrutierte deutschsprachige Autoren, mit denen man unter anderem schon bei den in den 90er-Jahren sehr populären Romanreihen zu den Pen&Paper-Rollenspielen Das Schwarze Auge und Shadowrun zusammengearbeitet hatte, und ließ innerhalb kurzer Zeit weitere Völkerromane schreiben: Die Zwerge von Markus Heitz, Die Elfen von Bernhard Hennen und Die Trolle von Christoph Hardebusch erfüllten die an sie gerichteten Erwartungen und wurden ebenfalls zu großen Verkaufserfolgen.

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Me too! Me too!

Was danach passierte, ist das, was immer passiert, wenn es einen Hype gibt: Heyne und Piper begannen die Kuh hemmungslos zu melken, und auch die Mitbewerber wollten einen Stück vom Kuchen abhaben und fluteten den Markt mit Imitationen. Doch nicht nur das, sondern es entstand damit auf dem deutschsprachigen Markt gleich ein ganzes Segment der High-Fantasy, das alsbald unter dem Begriff »Völker-Fantasy« firmierte.

Es folgten unter anderem Die Blutorks, Die Zauberer, Die Oger, Die Kobolde, Die Krieger, Die Barbaren, Die Hexen – was einem eben so einfällt. Zunächst rekurrierte man noch auf die Völker von Tolkien, doch als diese ausgeschöpft waren, erweiterte man das Portfolio in alle Richtungen und nahm auch andere Trends mit, wie später in Die Zombies oder Die Feen.

Weder waren all diese Romane in einer gemeinsamen Welt angesiedelt, noch hatten sie konzeptionell etwas miteinander gemein. In vielen Fällen waren die Manuskripte unter anderen Titeln angeboten worden und wurden dennoch als Völker-Fantasy vermarktet, was in manchen Fällen gutging und in anderen kolossal scheiterte.

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Basis für den neuen deutschen Fantasy-Markt

Natürlich gab es auch in Deutschland seit langem eine rege Klein- und Spezialverlagsszene, und viele Autoren schrieben (oft unter Pseudonym) Heftromane mit phantastischen Stoffen. In den Buchhandlungen war aber neben dem in den 80er-Jahren oftmals von »seriösen« Literaturkritikern ins Lächerliche gezogenen Michael Ende (»Märchenonkel«) und Wolfgang Hohlbein nicht viel von deutschsprachigen Autoren mit phantastischen Stoffen zu sehen.

Was durch den Boom der Völker-Fantasy ausgelöst wurde, darf in seiner Bedeutung für den heutigen phantastischen Büchermarkt also nicht unterschätzt werden: Mit den Werken von Markus Heitz, Bernhard Hennen, Michael Peinkofer, Christoph Hardebusch und anderen füllten sich die Regale der Buchhändler auf einmal mit dicken Paperbacks deutschsprachiger Fantasy-Autoren, für die eine nachhaltige Nachfrage bestand.

In Kombination mit einer heranwachsenden Lesergeneration, die durch Harry Potter und andere All-Age-Titel (wie beispielsweise von Cornelia Funke oder Kai Meyer) als Leser bereits im phantastischen Bereich »sozialisiert« worden waren, entstand sowohl bei den Verlagen als auch im Handel eine Wahrnehmung dafür, dass sich deutschsprachige Autoren sehr wohl verkaufen ließen und keine englischen Pseudonyme benötigten, um auch im Publikumsmarkt auf gewinnbringende Zahlen zu kommen. Daneben gewährleisteten sie, dass sich in den Programmen auch Plätze abseits des Völker-Booms auftaten, die Möglichkeiten für weitere deutschsprachige Autoren boten, um sich zu etablieren.

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Und heute?

Der Völker-Boom brach irgendwann ein, und die Fantasy schrumpfte sich in den frühen 2010er-Jahren einigermaßen gesund. Viele deutsche Autoren aus der »zweiten Reihe« verschwanden oder wandten sich anderen Projekten zu, während die erfolgreichsten sich weiterhin an der Spitze der deutschsprachigen Phantastik behaupteten und ihre Leserschaft auch für neue Welten begeistern konnten.

Viele von den Obengenannten entwickelten sich weiter, lösten sich von den Fesseln »ihrer« Völker und brachen zu neuen Ufern auf. Markus Heitz war ohnehin nie auf seine Zwerge und Albae festgelegt, Christoph Hardebusch erkundete die Sturmwelten und wagte ebenso wie der vielseitige Michael Peinkofer unter anderem Ausflüge in den historischen Roman. Bernhard Hennen blieb den Elfen hingegen lange treu und lancierte die umfangreiche Reihe um die Drachenelfen, bevor er aktuell mit Die Chroniken von Azuhr ganz neu durchstartete. Auch die Orks vs. Zwerge-Autoren T. S. Orgel blieben am Ball und entwickelten mit den Blausteinkriegen eine neue, Völker-unabhängige Trilogie.

Andere, die nie Völker-Fantasy geschrieben, aber durch den Hype die Möglichkeit bekommen hatten, sich als Autoren ebenfalls zu beweisen, festigten ihre Plätze und sind heute feste Größen auf dem deutschen Phantastikmarkt. Beispielhaft seien an dieser Stellen Namen wie Bernd Perplies, Robert Corvus oder Richard Schwartz genannt.

Man kann den »deutschen Weg« der (Mainstream-)Fantasy sehen, wie man möchte, und es bleibt kritisch anzumerken, dass viele (vor allem jüngere) Leser noch immer sehr stark von den Romanen um die klassischen Fantasy-Völker geprägt sind. Dementsprechend fällt es auf einem in der Breite eher konservativen und noch nicht mit einer jahrzehntelangen Tradition verwurzelten Publikumsmarkt nicht ganz leicht, diese für die vielen weiteren Spielarten der High-Fantasy und der Phantastik allgemein zu begeistern, Aber wie wir derzeit an den facettenreichen Frühjahrsprogrammen der Verlage sehen, finden sich viele deutsche Autoren darunter, die den »nächsten Schritt« längst gewagt haben. Die Leserinnen und Leser müssen ihn nur mitgehen.

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