Die Situation von Science Fiction in Deutschland

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ESSAY

Über die Situation der Science Fiction in Deutschland


Olaf Kemmler
16.09.2017

Es ist kaum zu übersehen: Seit einigen Jahren spielen Science-Fiction-Romane auf dem deutschen Buchmarkt nur noch eine Nebenrolle – stattdessen dominieren Fantasy und Serien die Regale der Buchhandlungen. Warum eigentlich? Olaf Kemmler über einige Rückkopplungsschleifen zwischen Lesepublikum und Verlagen.

Wenn die Stars der Fernsehserie Star Trek – Next Generation zu einer Autogrammstunde nach Deutschland kommen, darf man mit mindestens 5000 Besuchern rechnen. Läuft das neueste Star-Wars-Spektakel im Kino, darf sich der Kinobesitzer auf ausverkaufte Säle freuen. Auch andere Science-Fiction-Filme sind Kassenschlager. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit boomt die Science Fiction in Deutschland genauso wie in den USA – zumindest, wenn man glaubt, dass sie sich auf hauptsächlich jene zwei genannten Industrieprodukte beschränkt. In Deutschland gönnen wir uns sogar den Luxus, dem Fan ein eigenes großes Universum anbieten zu können. Die Rede ist von der größten Heftromanreihe der Welt, nämlich Perry Rhodan. Klar, immer wenn man gefragt wird, wie es der SF in Deutschland geht, wird auf den beinahe unsterblichen Terraner verwiesen. Zwei Dinge haben alle drei Phantasiewelten gemeinsam: Ihr Ursprung liegt in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts und ihre Fans sind glücklich und zufrieden.

Wo sind die richtigen SF-Romane?

Wer allerdings ein tiefergehendes Interesse an SF hat und mein Lebensalter erreicht hat (inzwischen unglaubliche 50 Jahre), dem könnte nach Weinen zumute sein, wenn er eine Buchhandlung betritt. Aber warum denn nur? So viele Fans zelebrieren doch die Science Fiction, verkleiden sich und haben einen großen Spaß. Es gibt doch viele Star-Wars-, Star-Trek-, Perry-Rhodan- oder Warhammer-Bücher. Ja schon ... aber wo sind die richtigen Science-Fiction-Romane? - Hä? Was soll denn das sein?? Was kann er nur meinen, der verschrobene alte Sack?

Für den neugierigen Leser der Siebziger- und Achtzigerjahre waren die Buchhandlungen ein wahres Eldorado. Jeder, der in den letzten 150 Jahren in der Science Fiction zu Rang und Namen gekommen war, wurde in den Regalen feilgeboten. (Okay, dieses Wort war damals schon veraltet.) Jules Verne, H.G. Wells, Mark Twain, Hugo Gernsback, A.E. van Vogt, Isaac Asimov, Ray Bradbury, Philip K. Dick, Robert A. Heinlein oder auch jüngere wie Robert Silverberg oder Greg Bear, um nur eine ganz kleine Spitze des riesigen Eisbergs zu nennen. Und ebenso wichtig: Es gab Sekundärliteratur zu kaufen über unser liebstes Literaturgenre, die als Leitfaden durch den Dschungel der unzähligen Werke dienen konnte, als hitchhiker‘s guide to the galaxy. Unwillkürlich muss ich seufzen, wenn ich daran zurückdenke.

Mit jedem Buch ein neues Universum

Die Gründe, warum die Verkaufzahlen anschließend zurückgingen, sind bestimmt vielfältig und nicht alle gleichermaßen gut zu erkennen. In den Neunzigern ereilte mich jedenfalls beim Besuch meiner Buchhandlung ein Kulturschock. Die großen Romane waren verschwunden und die Regale angefüllt mit Serien. Nun, das Interesse des Lesers war eindeutig: Immer und immer wieder in die gleiche Phantasiewelt eintauchen und seine Lieblingshelden treffen, die einem ans Herz wachsen wie Freunde und Familienmitglieder. Mit jedem neuen Buch ein neues Universum kennenlernen? Da erwarte ich wohl zu viel Neugier und zu viel Offenheit von meinen Mitmenschen. Zugegeben, man ist ja auch vor Enttäuschungen nie gefeit, wenn man sich ständig auf etwas Neues einlässt. Die Verlage haben das erkannt und entsprechend reagiert. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Es ist ja nicht so, dass es die Aufgabe eines Verlages ist, gute Bücher zu veröffentlichen. (Was immer das sein mag.) Seine heiligste Pflicht ist es, den Gewinn zu maximieren. Bedruckte Seiten sind bloß das Mittel zum Zweck. Kommen wir zur ersten Rückkopplungsschleife: Mit Serien lässt sich einigermaßen sicher Geld verdienen, das Interesse an alten Einzelromanen scheint nicht mehr so groß zu sein. Also werden verstärkt Serien angeboten. Die Leser springen darauf an. Natürlich würde es noch viele geben, die auch gerne gute Einzelromane läsen, aber man kann ja nur kaufen, was angeboten wird. Junge Leser sehen nur die angebotenen Serien und sonst nichts, also kaufen sie, was sie vorfinden. Das Angebot wird angenommen, der Verlag sieht sich in seinem Handeln bestätigt und bietet noch mehr Serien an oder baut die vorhandenen aus. In dem großen Angebot wiederum sehen sich die Leser bestätigt und voilà, die Rückkopplungsschleife festigt sich zum Nutzen beider Seiten.

Die Macht des Visuellen

Einer der Gründe, warum SF-Romane immer länger im Regal liegen mussten, bis ein Liebhaber sie mit nach Hause genommen hat, war bestimmt auch ein sich änderndes Freizeitverhalten. Die stummen Bücher bekamen eine laute und blinkende Konkurrenz, nämlich die Computerspiele. Man kann in seinem Leben jede Stunde nur einmal einer Sache widmen. Zeit, die für ohne Frage aufregende und auch herausfordernde Spiele geopfert wird, kann man nicht mehr mit Lesen verbringen. Ein Bekannter von mir hat es deutlich zum Ausdruck gebracht: Er lese kaum noch, sondern fände es viel geiler, mit anderen zusammen im Internet zu spielen. Hey, ich kann es verstehen!

Aus dem gleichen Grund, aus dem Computer zur Konkurrenz von SF-Büchern avancierten, machte auf einmal auch das Kino dem gedruckten Wort das Leben schwer. Der Anziehungskraft, der Macht des Visuellen können wir uns nicht entziehen. Nun mag der aufmerksame Leser einwenden: Aber Filme gab es doch schon immer. (Jedenfalls fast so lang wie die Science Fiction). Das ist wohl wahr. An dieser Stelle möchte ich den britischen Autoren und Literaturkritiker Brian W. Aldiss zitieren, der 1973 in seiner umfassenden Literaturgeschichte zur Science Fiction, Billion Year Spree (dt. Der Millionen-Jahre-Traum), folgendes schrieb: ... Das andere bemerkenswerte Subgenre ist die Science Fiction. (Anm. d. Verfassers: Die Rede ist vom Western und der SF als Kinder der Gothic Novel, in Deutschland Schauerromantik genannt) Im Kino kann sie dem Western die Popularität nicht ablaufen (in erster Linie aus einem Grund – dem ökonomischen Faktor: die Spezialeffekte für einen SF-Film kosten extrem viel Geld, während man Planwagen tageweise mieten kann). Aber auf dem bedruckten Papier hat die Science Fiction eine enorme Blüte erreicht.

Oh, wie sich Aldiss doch geirrt hat! Der Western ist im Film genauso tot wie im Buch und die Science Fiction beschert den Filmstudios Rekordeinnahmen. Der Grund liegt auf der Hand: Dank des Computers lassen sich zu überschaubaren Kosten unglaubliche Bildorgien auf die Leinwand zaubern, denen man sich nicht entziehen kann. Ein vorläufiger Höhepunkt in dieser Hinsicht war gewiss der Film Avatar.

Natürlich kann das Buch etwas, das der Film nicht vermag: die ganz eigene Phantasie jedes einzelnen Lesers anregen. Aber wen juckt’s?

Der Charme einer technikfreien Welt

Kommen wir zu einer weiteren Rückkopplungsschleife, die mit Peter Jacksons atemberaubender Verfilmung von Tolkiens Meisterwerk Der Herr der Ringe begann. Nachdem dieses Fantasy-Buch aus den Vierzigerjahren lange Zeit ein Schattendasein geführt hatte, waren zunächst die Hippies Ende der Sechziger von der darin geschilderten alternativen Welt fasziniert und in der Folge die halbe Welt. Mit Jacksons Film wurde Anfang des neuen Jahrtausends eine weitere Generation im wahrsten Sinne des Wortes von der Magie der Geschichte verzaubert. Die Generation, die mit Internet und Handy aufgewachsen war, erlag dem Charme einer technikfreien Welt voller Bedeutung und Magie. Und genau das war das Geheimnis. Wir sind im Stress des Fortschritts gefangen wie in einer Tretmühle, nutzen die Technik zwar wie selbstverständlich, sehnen uns insgeheim aber nach Einfachheit. Viele von uns haben die Schnauze gestrichen voll vom Fortschritt, auch, wenn wir es nicht zugeben würden. Sich dann noch mit einer Literatur auseinandersetzen, die auf die eine oder andere Weise vom Fortschritt handelt? Lieber nicht. Vielleicht ist auch der Glaube an die Machbarkeit der Zukunft verloren gegangen wie auch daran, mit eigener Tatkraft die großen Herausforderungen von Morgen bewältigen zu können. Wie ich schon oft gesagt habe: Eine ganze Generation ist mit Elfen sozialisiert worden, und das nicht ohne Grund. Ein kluger Verlag muss versuchen, den erkannten Hunger auszunutzen und gibt probehalber ein paar Fantasybücher heraus, die nicht zufällig an Mittelerde erinnern. In Deutschland war es zum Beispiel Die Zwerge von Markus Heitz. Die Leser finden sich, der Verlag sieht sich bestätigt und publiziert mehr, was wiederum für die Leser eine Bestätigung ist, die dann noch mehr wollen. Aber Der Herr Ringe war ja nicht der einzige Fantasy-Hype. Mit Harry Potter gab es einen weiteren ungeahnten Erfolg.

Der Fantasy-Boom

Innerhalb der SF-Szene wurde die Fantasy mit ihrer naiven Zauberei oft belächelt. Man sollte seine Urteile nicht zu früh fällen. Es geschah das Unglaubliche: Die Fantasy erlebte Anfang des neuen Jahrtausends in Deutschland einen Boom, der alle Rekorde brach, während nun die SF ein Schattendasein fristete. Wohlgemerkt: Wir reden nach wie vor von Büchern. Im Kino blüht die SF nach wie vor, vor allem die beiden eingangs erwähnten Phantasiewelten aus Hollywood, Industrieprodukte, die den Regeln des Konsumkapitalismus unterworfen sind. Die Fans freut es, alle haben eine tolle Party. Ich habe nichts dagegen, denn ich feiere kräftig mit. Schade dennoch, dass die Science Fiction zusehends aus den Regalen verschwand und ein Verlag nach dem anderen seine Serie einstellte. Übrig blieb allein Heyne und gelegentlich brachte auch Bastei-Lübbe noch was heraus. Mangels Nachfrage wird auch längst nicht mehr alles übersetzt, was es an interessanten Werken in Übersee gibt. Auf einem Vortrag des Autors Michael K. Iwoleit fragte eine Frau aus dem Publikum, ob wir in Deutschland nicht Angst haben müssten, von der Entwicklung der SF-Szene abgehängt zu werden, wenn wir nicht mehr mitbekommen, was in Amerika gelesen wird. Die Situation, die wir für SF-Bücher im Moment in Deutschland haben, ist also seit langer Zeit keine rosige. Paradoxerweise gelang es deutschen Autoren wie Frank Schätzing oder Andreas Eschbach in dieser ungünstigen Zeit mit SF-Themen Weltbestseller zu schreiben. Die Verlage waren klug genug, auf eine korrekte Etikettierung der Ware zu verzichten und so haben viele Leute gar nicht gemerkt, was sie da eigentlich lesen. Eins steht außer Frage: Der Stempel Science Fiction hat eine abschreckende Wirkung bekommen. Warum auch immer. Es gibt da nichts zu beschönigen: Dies sind nicht die besten Tage für die wissenschaftlich-technische Spielart der Phantastik.

Aber halt! Wir wollen nicht vorschnell sein. Denn wenn man ein Lupenglas zückt und genau hinsieht, kann man auf einmal mitten in Deutschland eine Szene entdecken, die sehr lebendig, kreativ und quirlig ist. Zugegebenermaßen spielt sie unter Profitgesichtspunkten keine große Rolle, aber das ändert nichts daran, dass sie in der Tat sehr produktiv ist. Allein es fehlt das ganz große Publikum, das bereit ist, sich auf sie einzulassen. Einerseits hat die Digitalisierung der Welt dem SF-Buch eine unvorhersehbare Konkurrenz beschert, andererseits aber auch neue Möglichkeiten eröffnet. In den Siebzigern wäre es unmöglich gewesen, für wenig Geld eine kleine Auflage drucken zu lassen. Heute kann sogar jeder Autor seine Werke bei Book on Demand drucken lassen oder direkt als E-Book herausbringen. So entstand in den Neunzigern eine Szene mit vielen Kleinverlagen, bei denen vor allem deutsche Autoren eine Chance haben. Denn seien wir ehrlich: der deutsche Leser will auf seinem SF-Buch am liebsten einen amerikanischen Namen sehen. Ein Grund dafür, dass sich die großen deutschen Verlage ohnehin kaum um deutsche Autoren gekümmert haben. (Aber auch das ist wieder so eine Rückkopplungsschleife.) Die Liste der kleinen Verlage ist groß. Fabylon, Wurdack, Blitz, Begedia, Amrun, p-machinery, Atlantis. Um nur ein paar zu nennen. Vor allem der letztgenannte entwickelt sich ziemlich erfreulich. Man findet dort auch amerikanische Titel, die für einen großen Verlag nicht Erfolg versprechend genug sind, z. B. von Ursula K. Le Guin oder P.J. Farmer. Autoren, die zuvor ihre Werke selbst herausgebracht haben oder solche, die zuvor bei großen Verlagen waren, finden hier eine Heimat. Als deutscher SF-Autor muss man mit kleinen Verlagen zufrieden sein. Ich werde nie das Staunen von Charles Stross vergessen, der 2013 Ehrengast auf dem DortCon war, als er erfahren hat, dass die meisten deutschen Autoren gerade mal eine Auflage von 400 Stück erzielen. Natürlich gibt es immer auch die Ausnahmen, die auch hierzulande bei großen Verlagen unterkommen und Auflage machen. Auf jeden Fall kann man sagen, dass die Szene lebt und produziert. Zudem gibt es auch Magazine wie phantastisch!, Nova oder Exodus, deren Auflagen langsam aber kontinuierlich steigen. Und es gibt immer noch einen großen SF-Club. Vieles, was in dieser Szene veröffentlicht wird, verdient Beachtung. Vielleicht sollten wir Angst haben, von der Entwicklung in Amerika abgehängt zu werden, aber warum kommt niemand auf die Idee, dass es umgekehrt genauso ist? Hier passiert etwas, das auch die amerikanische Szene interessieren müsste.

Es liegt etwas in der Luft

Inzwischen ebbt auch die Fantasywelle merklich ab. Der Harry-Potter- und der Herr-der-Ringe-Effekt verpuffen langsam. Game of Thrones hat noch einmal kurz für Aufwind gesorgt, aber auf einmal hört man in dunklen Ecken ein Flüstern. Hinter vorgehaltener Hand fragt man sich, ob jetzt wieder die SF das nächste große Ding sein könnte. Die Vorzeichen sind gut. Nachdem zunächst der große Publikumsverlag Piper eine neue SF-Reihe ins Leben gerufen hat, gibt es jüngst auch im Fischer Verlag ein neues Imprint für Science Fiction, und dahinter steht niemand Geringeres als Tor Books, der bestimmt bedeutendste SF-Verlag der Welt. Autoren, die mit Fantasy Bestseller geschrieben haben wie Markus Heitz oder Kai Meyer, wenden sich dem Weltall zu. Es liegt etwas in der Luft, es gibt Grund zu hoffen. Aber es gibt auch Grund, skeptisch zu sein. Gemeinsam mit Kai Meyer bin ich der Meinung, dass sich die Science Fiction jenseits von Star Trek oder Star Wars noch einmal völlig neu erfinden müsste. Anderseits ist man auf dem Markt am erfolgreichsten, wenn man einfach immer und immer wieder das Bewährte bloß kopiert, weil sich nämlich das ganze Leben in solchen Rückkopplungsschleifen abspielt, die auch zu lieb gewonnenen eingetretenen Pfaden werden können.


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Der Artikel erschien zuerst im Andromeda-SF-Magazin 155. Eine kostenlose Download-Version des Magazins findet sich auf der Homepage des Science Fiction Club Deutschlands.

Über den Autor

Olaf Kemmler, geboren 1966 in Leverkusen, lebt heute in Wermelskirchen. Hauptberuflich arbeitet er als Grafiker in einem Bonner Werbeunternehmen. In den letzten Jahren hat er zahlreiche Kurzgeschichten, Artikel über phantastische Literatur sowie einen Regionalkrimi veröffentlicht. Für sein Engagement als Herausgeber des Science Fiction Magazins Exodus wurden ihm und seinen beiden Kollegen 2015 der Kurd Laßwitz Preis verliehen.

www.fantastica-kemmler.de

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