Fünf Bücher, die Stephen-King-Leser lieben werden

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Fünf Bücher, die Stephen-King-Fans lieben werden


Mehr als 55 Romane hat US-Schriftsteller Stephen King bisher veröffentlicht. Und ja, es soll Leser geben, die wirklich jedes Buch des Meisters des Horrors gelesen haben. Inklusive der in dieser Zählung nicht enthaltenen Kurzgeschichtensammlungen. Doch unsere Liste ist nicht nur etwas für King-Ultras: Um die Wartezeit bis zum nächsten neuen Werk von King zu verkürzen, stellen wir hier fünf Bücher vor, die jedem seiner Leser gefallen werden – auch wenn nicht er sie geschrieben hat.

King, King, King – der Meister des Horrors kann an manchen Tagen schon zu viel des Guten sein. Zumal der 69-jährige Autor auch nicht nur Meisterwerke in seiner Karriere vorgelegt hat. (An »Wahn« dürften sich noch heute die Geister scheiden.) Um die kleine Auszeit sinnvoll zu gestalten, gibt es zahllose Romane, die an Traditionen der Horrorliteratur und an Kings Werke anknüpfen. Und Bücher, die King selbst beeinflusst haben. Daher präsentieren wir: fünf Werke der Horrorliteratur, die jedem Stephen-King-Leser wohlige Albträume bringen werden. 

 

Für Leser von »Misery« und »Mr. Mercedes«:  »Zombie« von Joyce Carol Oates

Mehr als 200 Seiten und die Antwort auf die Frage: Wie denkt ein Psychopath? Quentin wünscht sich einen Zombie. Dafür will er alles tun. Zur Not Menschen töten und aufschneiden. »Auf meinem Stoßstangensticker steht: ICH BREMSE FÜR TIERE. Finde ich gut, so einen Sticker an der Stoßstange«, erzählt Quentin gleich auf den ersten Seiten. Denn in seiner Welt ist er ein normaler Typ. Und doch: Joyce Carol Oates hat mit ihm vielleicht das glaubwürdigste Monster der Horrorliteratur erschaffen, denn Quentin ist kein Zerrbild, keine Satire wie Patrick Bateman in »American Psycho«. Er könnte in jeder Nachbarschaft wohnen, auf jeder Straße laufen, einem Job nachgehen. Mit ein paar Küken lockt er eins seiner Opfer in seinen Dodge Ram, quält und vergewaltigt es dort. Das ist so banal und plump wie in der Realität, doch trotzdem schafft es Oates, all das in Literatur zu verwandeln. Sie verschiebt hier die Grenzen des unterhaltenden Genres hinein in den Bereich der Literatur, der beim Lesen zu körperlichem Unwohlsein führt. Mit einer klaren Sprache lässt sie Quentin als Erzähler sein empathieloses Seelenleben ausbreiten, seine Welt, in der er die Kontrolle hat. »Zombie« zeigt, woher Stephen Kings Verehrung für Joyce Carol Oates kommt und warum die 79-jährge Autorin seit einigen Jahren eine Anwärterin auf den Literaturnobelpreis ist. Denn Quentin ist ein Psychopath, der selbst King das Fürchten lehren dürfte.

Für Leser von »The Stand«: »Der Graben« von Kōji Suzuki

Die Welt steht am Abgrund – wieder einmal. Apokalypse, Endzeitstimmung, aus die Maus. Doch Kōji Suzukis Roman »Der Graben« überzeugt vor allem durch seine ruhige Erzählweise. Kein großer Knall, stattdessen zahllose Gedankenanstöße. Immer mehr Menschen verschwinden mit zunehmender Seitenzahl ohne einen Hinweis auf ihren Verbleib. Der Vater der jungen Saeko kam etwa nie von einer Reise zurück. Für eine Fernsehsendung soll sie nun Jahre später das Verschwinden einer Familie journalistisch aufarbeiten. Das weckt Erinnerungen an ihre Kindheit und ihren Vater. Gemeinsam mit dem Regisseur Hashiba beginnt sie dennoch die Arbeiten. Wenig später machen Astronomen ungewöhnliche und beängstigende Beobachtungen am Himmel. Und die Zahl Pi scheint sich ebenfalls zu verändern. Suzuki zeichnet in dieser Welt mehrere Charaktere mit einem Können, wie es sonst nur King beherrscht. Er wirft sie in eine Art von Multiversum, spielt mit Naturgesetzen, Physik und Philosophie. Jedes Detail aus den ersten Kapiteln fügt sich schlussendlich zu einem großen Ganzen zusammen. Der Kampf des Guten gegen das Böse fehlt – denn hier geht es um noch grundlegendere Dinge. Der 60-jährige Autor Suzuki schrieb die Romanvorlage für »The Ring«, doch »Der Graben« gehört mindestens in die gleiche Klasse von Horrorliteratur. Eine Apokalypse lässt die Welt zerfallen. Es ist ein großes Rätsel. Und ein großartiger Roman.

Für Leser von »In einer kleinen Stadt«: »Messer, Gabel, Schere, Licht« von Stefan Kiesbye

Niemand kann die typische amerikanische Kleinstadt mit Worten so erschaffen wie Stephen King. Und was ist mit der typischen deutschen Kleinstadt? Wer bringt in der Literatur dort das Grauen hervor, das sich in Reihenhäusern und Wäldern versteckt? Mit »Messer, Gabel, Schere, Licht« von Stefan Kiesbye erschien vor drei Jahren ein Roman, der genau das tat – und trotzdem viel zu wenig Beachtung bekam. Kiesbyes Buch kann es durchaus mit den amerikanischen Vorbildern aufnehmen. Im norddeutschen Dorf Strathleven suchen Benno und seine Familie einen Neuanfang. Dann entdeckt er eine Leiche – und ein Dorf, das so gar kein Interesse an der Toten hat. Das weckt Bennos Neugierde als Journalist. Denn die Mauer aus Schweigen und Lügen im Dorf treibt ihn in den Wahnsinn. Während er mit seinen Recherchen zu Dorf, nordischer Mythologie und einer merkwürdigen Wundereiche beginnt, entfernt sich die Familie jedoch mehr und mehr voneinander. Seine Frau sympathisiert mit einem merkwürdigen Pfarrer. Bennos Sohn hat Probleme mit einer Krankheit, bei der seine Wunden zwar sofort heilen, jedoch dickes Narbengewebe hinterlassen. Was in Strathleven für allerlei Misstrauen sorgt. Stefan Kiesbye kreiert in seinem Roman eine unglaublich dichte Atmosphäre und das Panorama eines deutschen Dorfes in den Achtzigern. Die phantastischen Elemente setzt er mit Bedacht ein, erzählt mit einer klaren Sprache. Auch wenn die deutsche Kritik die Werke des 51-Jährigen nicht mag oder nicht verstehen will: »Messer, Gabel, Schere, Licht« gehört zu den guten Horror-Romanen des 21. Jahrhunderts.

Für Leser von »Basar der bösen Träume«: »Jeder Dämon hat seinen Preis«

Es mag angesichts der über 1000 Seiten von »Es« kaum vorstellbar sein, doch Horrorliteratur hat ihre Anfänge in der Kurzgeschichte und erreicht vor allem dort ihre volle Kraft. Stephen King schrieb mehrere Sammlungen, zahlreiche US-Autoren veröffentlichen ihre Kurzgeschichten in Anthologien und Büchern. Und auf dem deutschen Markt? Bilden Kurzgeschichten weiterhin die absolute Ausnahme. Deutsche Leser scheinen Romane zu lieben – und Kurzgeschichten zu verschmähen, sofern sie nicht einen bildungsbürgerlichen Auftrag erfüllen und die wesentlichen Merkmale einer Literaturepoche wie der Romantik auf wenigen Seiten abbilden können. Trotzdem erschienen zur Zeit des Horror-Booms vor dreißig Jahren auch in Deutschland ein paar Übersetzungen. In der Reihe »dtv phantastica« veröffentlichte der Deutsche Taschenbuch Verlag Ende der Siebzigerjahre eine Auswahl an Geschichten aus den ersten beiden Anthologien »The Year’s Best Horror Stories« – und somit eine kleine Schatzgrube. Neben Texten von heute kaum noch bekannten Autoren wie Peter Oldale und Celia Fremlin finden sich Stücke von Robert Bloch und Richard Matheson. Mütter springen hier aus dem Fenster, während Realität und Phantasie sich überlappen, und Säuglinge können Dinge anscheinend mit ihren Gedanken bewegen. Es sind nicht die klassischen Tropen und Symbole der Horrorliteratur, die sich hier zeigen, es ist eher der stille Horror, der sich langsam anschleicht und erst im letzten Satz seine volle Wirkung zeigt. Auf knapp 150 Seiten komprimieren sich hier Angst und Schrecken. Neben Kings Werken ein weiterer Einblick in die besten Zeiten der Horrorliteratur.

Für Leser von »The Shining«: »Im finsteren Eis« von Bracken MacLeod

Ein Sturm lässt die Arctic Promise auf Eis laufen – es geht nichts mehr. Die Crew steckt auf ihrem Schiff irgendwo im arktischen Meer fest. Die Kommunikationssysteme brechen zusammen, das Versorgungsschiff und seine Besatzung scheinen verloren. Die Lage verschlechtert sich zusehends. Dann breitet sich eine Krankheit unter den Männern aus. Die Symptome: Mattheit, Halluzinationen, Lichtempfindlichkeit. Merkwürdige Schatten schleichen sich ins Blickfeld der Männer. Nur Noah scheint davon nicht betroffen. Jedoch hat er ganz andere Sorgen: Seine Frau ist tot. Bei einem anderen Unglück kam ein Freund von ihm ums Leben, die Schuld an dem Tod schreibt Noah sich zu. Es gibt nur einen Ausweg aus dieser Lage für die Crew. Sie müssen sich aufmachen zu dem Umriss, den sie in der Ferne sehen. Denn es besteht die geringe Hoffnung, dass es sich um jene Bohrinsel handelt, zu der sie eigentlich wollten. Es beginnt nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern bald stellt sich die Frage, was noch Realität ist und was nicht. Und Noah hat bald mit mehr zu tun als nur seinen inneren Dämonen und Zweifeln. Denn in seinem Roman »Im finsteren Eis« mischt US-Autor Bracken MacLeod Carpenters »The Thing« mit existenzialistischen Fragen. Der 47-Jährige gehört derzeit zu den besten Autoren der jüngeren amerikanischen Horrorliteratur. Dieses Buch sorgt für Kälteschauer, wie es sonst nur »The Shining« vermochte. Ging es bei Kings Klassiker um Alkoholsucht, geht es bei MacLeod um Depressionen und Ängste. Das Finale ist zudem mindestens genauso eindringlich und erschütternd. Und in ein paar Jahren wird »Im finsteren Eis« als Klassiker des Genres genannt werden. Ein eiskaltes Meisterwerk. 

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