Sylvia Englert: Die fünf schlimmsten Fehler beim Schreiben eines Fantasyromans

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KOLUMNE

Fantasyromane schreiben (Teil 7): Die fünf schlimmsten Fehler beim Schreiben eines Fantasyromans


Was sind die fünf schlimmsten Fehler beim Schreiben eines ordentlichen Fantasyromans? Fantasybuch-Autorin Sylvia Englert verrät sie euch im siebten Teil ihrer Reihe „Fantasyromane schreiben“.

 

Fehler Nr. 1: Skizzenhafte oder langweilige Welt

„Die auserwählten Kämpfer sagen Okay und Hals- und Beinbruch?“, dachte ich, als ich das Manuskript las. „Ernsthaft? Das ist eine völlig fremde Welt, die werden doch wohl eine für sie typische Sprache haben!“

Fantasy lebt von der Fantasie. Einer Menge davon. Wie du wahrscheinlich schon festgestellt hast, ist Weltenbau richtig Arbeit – wenn auch eine sehr spaßige Arbeit – , und es gibt vieles zu überlegen und zu planen. Wie sind Familien und Siedlungen in dieser Welt organisiert? Wie sehen die Münzen aus? Welche Kleidung tragen bestimmte Berufsstände? Welche besonderen, ungewöhnlichen Berufe gibt es? Welche Trinksprüche verwenden verschiedene Menschen oder Wesen? Was und wen fürchten die Kinder? In zwei Drittel aller Fantasy-Manuskripte, die ich auf den Tisch bekomme, merke ich schnell, dass die Autorin oder der Autor sich vieles nicht oder nur sehr oberflächlich überlegt hat.

Und fast jedes Mal, wenn sich ein Autor etwas nicht genau überlegt hat, drängen Versatzstücke in die Leerstelle. Sozusagen Fertigbauteile, die jeder von uns im Kopf hat. Zum Beispiel habe ich einer Erstautorin gerade empfohlen: „Im Moment ist die Burg in deinem ersten Kapitel eine ganz typische Burg, nichts unterscheidet sie von irgendwelchen anderen, und damit ist sie langweilig. Füge in die Beschreibung mehr originelle, unverwechselbare Details ein, auch so wird deine Welt lebendig.“ Wenn in einem Manuskript vieles noch zu irdisch oder zu unkonkret ist, heißt es zurück ans Reißbrett. Natürlich werden unerfahrene oder unkritische Leser solche Weltenbauprobleme, schlecht charakterisierte Hauptfiguren und klischeehafte Plots nicht bemerken und den Roman vielleicht trotzdem ganz gut finden. Doch wenn der Roman vor Verlagslektoren, anspruchsvollen Lesern und Rezensenten bestehen soll, müssen nicht nur Figuren und Plot überzeugen, vor allem muss die Fantasywelt auch genügend Tiefe haben. Ganz gut ist die kleine Schwester von unveröffentlichbar!

Auch eine Welt, die nichts Besonderes bietet, findet wenig Fans. In dieser Hinsicht bin ich, glaube ich, typisch: Wenn ich Fantasy lese, will ich mich faszinieren lassen, und gerade am Anfang eines Romans möchte ich den „Sense of wonder“ spüren. Wenn du den Verdacht hast, dass das bei deinem Projekt noch nicht so richtig hinhaut, dann tauch am besten nochmal in deine Weltenplanung ein. Baue mehr originelle, faszinierende Dinge ein und veränderte deine Welt so, dass sie eigenwilliger und einzigartiger ist.

 

Fehler Nr. 2: Achtung, Infodump!

Die Weltenbau-Arbeit soll sich gefälligst lohnen! Außerdem muss man dem Leser ja erstmal erklären, wo er ist, wie es in diesem Reich so zugeht und wie das politische System so ist! Und natürlich auch, was sich in der Vergangenheit in dieser Welt ereignet hat und was für ein Herrscher dort gerade am Ruder ist, welche Verbündeten und Feinde er hat! Unter anderem.

Unerfahrene Fantasyautoren laden diese Informationen am Anfang der Geschichte auf dem Leser ab. Sie erklären, erklären, erklären. Nur hört ihnen schon nach zwei, drei Seiten keiner mehr zu, weil ein Lektor oder Agent das Manuskript schon in einem Rückumschlag untergebracht hat oder – falls es tatsächlich gedruckt wurde – das Buch dauerhaft mit dem Gesicht nach unten auf irgendeinem Tisch liegt.

Falls du beim Lesen dieses Tipps ertappt errötet bist – wirf die Informationen raus. Alle. Dann schreib am besten neue Anfangskapitel, in dem du deine wichtigsten Figuren einfach in Aktion zeigst. Bring die Story in Gang, mach uns neugierig. Du wirst sehen, die Informationen zu deiner Welt werden ganz nebenbei einfließen, während die Handlung ihren Verlauf nimmt. Ohne bewusste Anstrengung deinerseits. Wenn man in ein fremdes Land reist, erfährt man ja auch viel darüber, wenn man es nach und nach erkundet. Ganz ohne besserwisserischen Fremdenführer, der einem alles erklärt.

Doch auch in den besten Fantasyromanen ist vieles neu und fremd. Ein leises Stöhnen entfährt dem Leser, wenn immer mehr Namen, fremdartige Bezeichnungen und komplizierte politische Zusammenhänge ins Spiel kommen. Eine Figurenliste, Karte und Glossar helfen dabei. Damit machst du dir Freunde!

 

Fehler Nr. 3: Klischee lass nach

Schwarz gekleidete, hässliche Schurken mit dem entsprechenden hämischen Lachen. Unscheinbare Normalos, die sich aus Auserwählte herausstellen und die Welt retten müssen. Spitzohrige, schöne Elfen mit Bogen. Trinkfreudige Zwerge. Gut gebaute Frauen, leicht bekleidet natürlich, die sich vom Helden an der Hand aus der Gefahrenzone zerren lassen. Riesige Monsterspinnen. Alles schon sehr, sehr oft dagewesen und gerade deshalb nervig, manchmal bis zur Schmerzgrenze.

Wenn du also zum Beispiel Zwerge in deinem Roman nicht entbehren möchtest, dann versuch, ihnen etwas Originelles, ein paar neue Facetten abzugewinnen. Sie neu zu interpretieren statt einfach nur Tolkien nachzubeten. Eigene Einfälle zu bringen. Oder, am allerbesten, das Klischee zu brechen, indem man ein bisschen daran herumwerkelt! Wie wäre es stattdessen mit schönen Zwergen, die zahme, sehr verschmuste Riesenspinnen halten, trinkfreudigen Elfen und gut gebauten Männern, die von Heldinnen gerettet werden? Okay, okay, ich hör ja schon wieder auf ... aber ihr wisst, was ich meine. Originell ist besser als abgelutscht.

 

Fehler Nr. 4. Adjektiv-Orgie

Fantasyautoren lieben Adjektive. Und das ist gut so – wie soll man anders als über adjektivreiche Beschreibungen erfahren, wie es in einer fremdartigen, exotischen Welt aussieht? Wie die Menschen und Wesen aussehen, was sie tragen? Doch oft, wenn ich Fantasy-Manuskripte von Erstautoren lektoriere, zucke ich innerlich zusammen – Adjektive, überall! In Horden! In Stapeln! Große Kisten von Adjektiven, freigebig über den Text verteilt! Das klingt dann ungefähr so:

 

"Die leckenden Flammen setzten das braune, hölzerne Dach in Brand. Febyan stieß einen düsteren Schrei der Verzweiflung aus. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung fuhr er herum und lief mit langen Schritten zum kleinen Stall, um die drei edlen Pferde darin zu befreien. War das ein heimtückischer, hinterhältiger Angriff? Noch während des Laufens tastete er mit der rechten Hand nach seiner scharf geschliffenen Axt, dem langen Schwert an seinem Gürtel, dem kostbaren Dolch und der hölzernen Armbrust über seiner Schulter."

 

Das klingt wirklich trashig. Mit gezücktem Grünstift (ich korrigiere immer in grün, das erinnert nicht so an die Schule) mache ich mich an die Arbeit. Natürlich müssen nicht sämtliche Adjektive gehen. Als Erstes fliegen alle raus, die doppelt sind („heimtückischer, hinterhältiger“) oder offensichtlich überflüssig, weil sie keine wichtige Informationen vermitteln (natürlich ist Holz braun, die „fließende Bewegung“ ist längst ein Sprachklischee, und warum müssen wir unbedingt wissen, dass er mit der rechten Hand nach seinen Waffen tastet?). Außerdem alle, die zu dick aufgetragen sind (der „düstere Schrei“) oder holprig oder seltsam klingen (die „leckenden Flammen“). Manche Autoren scheinen den inneren Zwang zu haben, an jedes Substantiv ein Adjektiv zu klatschen (hier z.B. bei der Aufzählung der Waffen). Raus damit! Hat man diese Aufräumarbeiten erledigt, kommt es darauf an, ob es noch immer insgesamt zu viele Adjektive sind. Dann müssen auch ein paar der eigentlich sinnvollen dran glauben, damit sie den Text nicht zu sehr aufblähen. Und tschüss! In der Beispielpassage ist ordentlich etwas rausgeflogen, und jetzt liest sie sich so:

 

"Die Flammen setzten das hölzerne Dach in Brand. Febyan stieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Er fuhr herum und lief mit langen Schritten zum Stall, um die drei edlen Pferde darin zu befreien. War das ein heimtückischer Angriff? Noch während des Laufens tastete er mit der Hand nach seiner scharf geschliffenen Axt, dem Schwert an seinem Gürtel, dem kostbaren Dolch und der Armbrust über seiner Schulter."

 

Besser, oder?

Besonders in Actionszenen, in der das Erzähltempo anziehen sollten, solltest du auf Verben setzen und mit Adjektiven sparsam umgehen. Aber gute Bilder und Vergleiche sind natürlich erlaubt!

 

Fehler Nr. 5: Wo war nochmal der Rote Faden?

Meine Testleser gehen nicht übermäßig schonend mit mir um. Und das ist auch gut so. So konnte ich zum Beispiel in einem meiner eigenen All-Age-Romanmanuskripte (später auch als Buch bei einem namhaften Verlag erschienen) mal am Rand lesen – „Wo wollen die nochmal hin? Hab vergessen, weswegen sie reisen.“ Peinlich, peinlich! Mittlerweile achte ich darauf, möglichst viel Druck aufzubauen (ein Problem, das unbedingt gelöst werden muss), die Figuren ganz klar zu motivieren und immer wieder daran zu erinnern, was das Ziel der Reise ist.

Seither habe ich – durch Erfahrung wird man klug – in vielen Manuskripten anderer Autoren die „Wohin reisen sie nochmal, und warum?“-Frage an den Rand gekritzelt. Denn es ist ja schön und gut, mehr über die zwischenmenschlichen Spannungen in der Gruppe zu erfahren, aber das Ziel sollte niemals aus dem Blick geraten.

Am besten, du arbeitest schon bei deiner Anfangsplanung ganz klar den Roten Faden deines Projekts heraus und definierst, wie deine Geschichte beginnen, verlaufen und enden soll. Es hilft auch enorm, ein Exposé zu schreiben (3-4 Seiten) und es Testlesern zu geben. Kapieren sie die Handlung, oder wirkt dein Plot auf Menschen, die dein Projekt noch nicht kennen, unübersichtlich, wirr oder kompliziert? Einmal sollte ich für eine Coaching-Kundin ein Exposé für einen historischen Roman lektorieren, das im alten Ägypten spielte. Obwohl ich mich voll konzentrierte, hatte ich nach kurzer Zeit den Faden verloren und mich hoffnungslos im Gewirr der Namen und komplizierten politischen Intrigen verloren. Nicht zu erwarten, dass es einem Verlagslektor anders ergeht, die Veröffentlichungschance war gleich null. Im Fantasy-Bereich, in dem wir es ständig mit fremden, ungewohnten Welten und Verflechtungen zu tun haben, ist die Gefahr die gleiche. Da kann es sich lohnen, der Übersichtlichkeit wegen ein paar verzichtbare Nebenfiguren und Verästelungen des Plots ersatzlos zu streichen. Ich drücke dir die Daumen!



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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