Sylvia Englert: Vorbeischleichen an der Klischee-Falle

KOLUMNE

Fantasyromane schreiben (Teil 6): Vorbeischleichen an der Klischee-Falle


Joseph Campbell war einer der weltweit bedeutendsten Mythenforscher, in seinem Standardwerk Der Heros in tausend Gestalten hat er Mythen, Märchen und Volkssagen analysiert und immer wieder ähnliche Grundstrukturen und vor allem Gestalten entdeckt – zeitlose sogenannte Archetypen, die tief im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verankert zu sein scheinen. Zu diesen Archetypen gehören Held, Mentor, Torwächter, Herold/Bote, Gestaltwandler, Schatten/Schurke und Gauner/Schelm (im Original „Trickster“). Auch in deiner Story werden mit Sicherheit einige dieser Archetypen auftauchen, und es ist schon einiges darüber geschrieben worden, wie man Campbells Erkenntnisse fürs Drehbuch- oder Geschichtenschreiben verwenden kann. Doch Achtung, wenn du dich von Anfang an solchen Archetypen orientierst, birgt das das Risiko, schablonenhafte Figuren und Handlungen zu erschaffen! Denn dadurch, dass diese Rollen in Literatur und Film schon tausendfach besetzt worden sind, sind sie entweder nur haarscharf vom Klischee entfernt oder schon längst eins geworden. Klischees, die erfahrene Fantasy-Leser zum Gähnen bringen, sind zum Beispiel der alte, schweigsame Mentor mit der geheimnisvollen Vergangenheit oder der unbedarfte Bauernjunge, der zu einer Heldenreise aufbricht.

Archetypen mischen, Klischees aufbrechen

Wie wäre es damit, Archetypen zu mischen? Deine Figur könnte ja Eigenschaften mehrerer dieser Gestalten in sich vereinen (und ist dann deutlicher origineller als das Original). Oder du löst dich beim Entwerfen von Figuren gleich von diesen Rollen und entwickelst etwas Eigenes, einen unverwechselbaren Menschen oder ein Wesen, das uns fasziniert, weil es uns neugierig macht und überraschen kann.

Ähnlich problematisch ist es, wenn du als Rollenspieler gewohnt bist, deine Figur aus bestimmten Vorgaben auszuwählen (bei World of Warcraft zum Beispiel Druide, Hexenmeister, Jäger, Krieger, Magier, Paladin, Priester, Schamane, Schurke, Todesritter und Mönch). Damit fokussierst du deine Gedanken auf bestimmte Rollen, schiebst deine Figuren in geistige Schubladen, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen. Bei echten Menschen ist es umgekehrt – ein und dieselbe Person kann viele verschiedene Rollen einnehmen, manchmal sogar widersprüchliche. „I'm a little bit of everything, all rolled into one”, bringt es Sängerin Meredith Brooks in ihrem Song Bitch auf den Punkt. “I'm a bitch, I'm a lover, I'm a child, I'm a mother, I'm a sinner, I'm a saint, and I do not feel ashamed. I'm your hell, I'm your dream, I'm nothing in between.” Klingt nach einer höllisch starken Hauptfigur, oder?

Aber zur Beruhigung: Du musst nicht zwanghaft versuchen, Klischees zu vermeiden. Das findet auch Natalja Schmidt, Programmleiterin Fantasy bei Droemer Knaur. „Natürlich gibt es in der Fantasy einige Motive, die schon oft wiederholt wurden – der auserwählte Held mit dem Geburtsmal, wiedergekehrte dunkle Götter, Tore, Siegel, Prophezeiungen und Artefakte aller Art. Das kann schon ermüdend sein“, meint sie. „Letztlich ist die Qualität aber immer auch abhängig davon, wie etwas erzählt wird. Wenn ein Autor eine innovative, frische Herangehensweise findet, dann muss seine Geschichte vielleicht das Rad gar nicht neu erfinden. Das ist ein bisschen wie im Krimi- und Thriller-Genre auch: Viele Themen und Figuren sind nicht ganz neu, funktionieren aber trotzdem sehr gut, wenn sie auf überraschende Weise präsentiert werden.“

Helden, Anti-Helden, Feinde und „das Böse“

Die Nischen für Helden sind klein geworden, aber in der fantastischen Literatur können sie sich noch richtig austoben. Hier dürfen Männer stark und Frauen schön sein. Wenn du also Lust hast, einen Sieger oder eine Siegerin in allen Klassen zu erschaffen, dann viel Spaß. Doch selbst in der Fantasy sind die strahlenden, makellosen Helden (fähig, die fiesesten Gegner zu besiegen, allzeit edel und natürlich blendend aussehend) aus der Mode gekommen, weil selbst weniger anspruchsvolle Leser sie als zu eindimensional empfinden und es Mühe macht, sich als unperfekter, mit seinem Leben hadernder Leser mit solchen Figuren zu identifizieren. Nicht erst seit der Spider Man-Verfilmungen von Sam Raimi dürfen selbst Helden Probleme und Selbstzweifel haben. Es widerspricht sich nicht, stark und cool zu sein und sich trotzdem mit Einsamkeitsgefühlen oder verfärbter Wäsche herumschlagen zu müssen. Deshalb habe ich dir in meinem Artikel zur Figurenentwicklung auch empfohlen, deinen Hauptfiguren nicht nur gute Eigenschaften mitzugeben, sondern auch Schwächen, Ängste und eine dunkle Seite. Auch, wenn es dir vielleicht schwer fällt.

„Der Heros hat sich in den letzten Jahren definitiv ge- und verändert“, stellt Fantasy-Experte und Rezensent Carsten Kuhr fest. „Galt früher, eigentlich seit Tolkien, die Maßgabe, einen jungen, entwicklungsfähigen Helden ins Abenteuer zu entsenden, so tauchen in den letzten Jahren immer mehr ältere Protagonisten auf. Diese sind vom Leben gezeichnet, auch nicht mehr ganz eindeutig als gut und aufrecht anzusehen, sondern, wie im wahren Leben, immer vielschichtiger. So werden zunehmend Attentäter, Mörder, Zweifler und Verräter ins Zentrum von Romanen gestellt.“ Und die Leser akzeptieren es, vielleicht auch, weil sie die Nase voll haben von den edlen Helden, die vom Autor auf ein Podest gestellt werden, einem aber nicht wirklich ans Herz wachsen.

Bitte etwas Selbstironie!

Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, bei heldenhaften Figuren unerträgliches Pathos zu vermeiden. Die Zauberzutaten sind Humor und Selbstironie. Jemand, der sich nicht ganz ernst nimmt, wird schnell sympathisch und vermeidet es, in eine unerträgliche „Ich-bin-der-Größte“-Rolle abzudriften. Witzig und selbstironisch erzählt zum Beispiel in Kevin Hearnes Chronik des Eisernen Druiden der in den modernen USA lebende Druide Atticus O´Sullivan. Er sieht aus wie ein attraktiver Collegestudent, aber in Wirklichkeit hat er das eine oder andere Jahrtausend auf dem Buckel – und immer wieder muss er sich mit Göttern und fiesen Wesen herumschlagen. Eigentlich ist er ein Held. Aber er landet auch mal mit dem Gesicht im Matsch (was in seinem Fall gut ist, weil er seine Magie und Kraft aus der Erde zieht) und er betrachtet die Welt und sich selbst mit einem Augenzwinkern. Der Band Verhext fängt so an:

Du brauchst nur einen Gott zu erschlagen, und schon wollen plötzlich alle möglichen Leute mit dir reden. Paranormale Versicherungsvertreter mit speziellen „Gottesschlächter“-Lebensversicherungen. Scharlatane mit Rüstungen, die hundertprozentigen Schutz gegen Götter bieten sollen, und mit Mietangeboten für außerweltliche Geheimverstecke. Vor allem aber andere Götter, die dir erstens zu deiner Tat gratulieren, dich zweitens davor warnen, je solche Scherze mit ihnen zu versuchen, und dir zu guter Letzt nahelegen, doch einer ihrer Rivalen zu erschlagen – nur so zum Spaß, versteht sich.

Oder vielleicht ist deine Heldin unfreiwillig in diese Rolle geraten, kann es nicht ausstehen, dass andere sie eine Heldin nennen und vermeidet den Ruhm, so gut sie kann? Das macht sie in einer Zeit, in der alle sich ins Rampenlicht drängeln und um Beachtung buhlen, umso bewundernswerter.

Falls du Lust auf einen Anti-Helden hast – die geben als Figuren genauso viel her wie Helden! Ein wunderbarer Anti-Held ist zum Beispiel der Elektroartikelverkäufer Shaun in der Horrorkomödie Shaun of the Dead. Er ist nicht gerade ein Schnellmerker, liebt seine Stammkneipe, trauert seiner Ex-Freundin hinterher und lässt jeden Ehrgeiz vermissen – mit seinem eher kräftig gebauten besten Freund Ed auf der Couch abzuhängen gehört zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Ausgerechnet er und Ed müssen gegen eine Invasion von Zombies kämpfen, was natürlich brüllend komisch ist.

In der Fantasy, in der eigentlich die Starken das Sagen haben, gibt es dennoch Platz für Anti-Helden, ob Mensch oder Fabelwesen. Faule, nicht sonderlich hübsche Figuren mit schlechten Manieren, Mundgeruch oder einem Kleidungsstil, der einem die Schuhe auszieht. Nur den Leser nerven dürfen sie nicht, das ist eigentlich das einzige Tabu.

Gute Gegenspieler erschaffen

Jetzt aber zu den Bösen, die sich in Fantasy-Romanen – ihrer angestammten Heimat –, tummeln. Eine starke Figur braucht natürlich einen Gegenspieler (Antagonisten) der mindestens gleichstark – das sorgt für spannende Duelle – oder noch deutlich mächtiger ist als sie selbst. Einen Menschen oder ein Geschöpf, das fast unmöglich zu besiegen ist und durch seine Eigenschaften selbst dem Leser Angst macht, weil er um das Leben der liebgewonnenen Figuren fürchtet. „Im Grunde sind es die Bösen, die die Handlung vorantreiben, denn die Guten wollen eigentlich nur in Frieden leben“, meint Fantasy-Lektor und -Autor Helmut W. Pesch. Doch leider gibt es bei den Antagonisten jede Menge Klischees, wie der Blog Weltenschmiede (http://dieweltenschmiede.blogspot.de) genüsslich aufs Korn nimmt: „Ein Schatten bedroht die Welt. Von seinem Thron aus den Knochen der Gefallenen sieht der Schattenkönig auf das Friedliche Landtm hinab, das er zu unterjochen gedenkt, weil … ja, warum eigentlich? Viele Fantasy-Fieslinge sind bei näherer Betrachtung erstaunlich motivationslos. Der Dunkle Lord will die Welt erobern, weil das zu seiner Stellenbeschreibung gehört oder er ist wahnsinnig oder das Böse selbst. Viele Fantasy-Antagonisten fallen in die Kategorie des Dunklen Lords, womit ihre Charakterisierung scheinbar abgeschlossen ist – dabei hat sie nicht einmal stattgefunden.“

Stimmt leider. Eine düstere Streitmacht und ein furchterregender, oft nichtmenschlicher Gegner, den es zu überwinden gilt, machen noch keinen guten Roman aus. Es lohnt sich, einen Antagonisten zu entwickeln, der auch psychologisch interessant ist. „Die einfach nur abgrundtief bösen Bösen sind ein Klischee und haben in einer intelligenten Story nichts zu suchen“, sagt Fantasy-Experte Helmut W. Pesch weiter. „Je besser das Böse motiviert wird und, so behaupte ich, je mehr Schattierungen Gut und Böse aufweisen, umso größer ist die Versuchung, wenigstens ein kleines Stück auf die dunkle Seite der Macht zu wechseln, und umso besser funktioniert die Geschichte.“

Markus Heitz hat in Die Legenden der Albae das interessante Experiment gewagt, beide Seiten zu schildern – die Bösen aus seinen Zwergen-Romane sind nun zu den Hauptfiguren geworden. Die Albae sind grausam, blutrünstig und absolut skrupellos ... und die Romane über sie verkaufen sich blendend. Vielleicht deshalb, weil es manchen Lesern Spaß macht, zumindest im Kopfkino mit ihnen zusammen so richtig böse sein zu dürfen. Die berühmte Faszination des Bösen. Schon beim Kaltenberger Ritterturnier ist es regelmäßig so, dass nicht etwa dem edlen Weißen Ritter zugejubelt wird. Der Schwarze Ritter ist nämlich viel cooler.

Mir fiel es nicht leicht, einen Draht zu den Albae zu finden, doch sie können Freundschaft und Liebe empfinden, und als die Alben Caphalor und Sinthoras beide einen schweren Verlust erleiden, konnte ich mit ihnen leiden und habe mich nicht etwa darüber gefreut, dass ihnen eins ausgewischt wird für ihre widerlichen Taten. Zudem liegt es in ihrer Natur, böse zu sein, sie haben sich nicht dafür entschieden.

Glaubwürdigkeit ist Trumpf

In George R. R. Martins Lied von Eis und Feuer sind es eher skrupellose, machtgierige Menschen, die den Guten zu schaffen machen. Doch Martin ist ein viel zu guter Erzähler, um platte, womöglich auch noch hässliche Schurken mit dem entsprechenden Lachen zu erschaffen. Der junge Thronfolger zum Beispiel, Joffrey Lennister, ist ein gutaussehender, charmanter Junge, der Sansa Stark bezaubert, doch Mitgefühl ist nicht gerade seine Stärke und immer wieder zeigt sich in ihm eine Kälte, bei der es einen selbst kalt überläuft. Geschickt eskaliert Martin die Situation: Joffrey offenbart immer mehr von seiner wahren Persönlichkeit und leider liegt das Schicksal vieler Hauptfiguren in seinen Händen ... das lässt einen an den Nägeln kauen! Vermutlich hat den jungen Thronfolger seine Erziehung im machtbewussten Hause Lennister geprägt, das kann man verstehen – doch er ist jemand, den man als Leser langsam hassen lernt. Weil er sich bewusst dafür entscheidet, auf eine bösartige Art zu handeln – er könnte auch anders!

Das ist optimal: Ein fieser Gegenspieler, der den Hauptfiguren gefährlich wird und den man richtig hassen kann. Aber das Böse ist so gut motiviert und verstehbar, dass es absolut glaubwürdig ist. Andere Mitglieder der Lennister-Familie begehen ebenfalls grausame oder moralisch verwerfliche Taten. Doch in Passagen, die beispielsweise aus der Perspektive von Jaime Lennister geschrieben worden sind, sieht man ihn von einer ganz neuen Seite: Man erfährt von seiner hoffnungslosen Liebe zu seiner Schwester, seiner eigenen Wahrnehmung des Königsmords durch seine Hände (er sah es als seine Aufgabe, das Land von einem wahnsinnigen Herrscher zu befreien) und seinen Niederlagen. Und es ist nicht so, dass alle Mitglieder der sympathischen Familie Stark einfach nur gut und edel wären. Sansa Stark zum Beispiel ist manchmal unerträglich oberflächlich, naiv und zickig. Die Starks entscheiden falsch, stellen sich stur oder behandeln andere nicht so, wie sie behandelt werden möchten. Gut und Böse sind bei George R.R. Martin eindeutig, aber niemals eindimensional.



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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