Sylvia Englert: Figuren für deinen Fantasyroman

KOLUMNE

Fantasyromane schreiben (Teil 5): Figuren für deinen Fantasyroman


Gute Figuren sind extrem wichtig. Wenn deine Leser und Leserinnen nicht wissen wollen, wie es deinen Hauptfiguren im Verlauf der Handlung ergeht, dann legen sie das Buch weg. Also investiere Zeit und Mühe in die Aufgabe, dein Buch mit interessanten und vielseitigen Menschen (oder Wesen) zu bevölkern! Wetten, auch du erinnerst dich noch gut an manche Figuren, denen du dich nah gefühlt hast, mit denen du durch dicke Bücher hindurch gelebt und gelitten hast? Zu meinen persönlichen Lieblingscharakteren zählt zum Beispiel Fitz, der Held von Robin Hobbs´ Weitseher-Romanen (die man möglichst im englischen Original lesen sollte). Er wächst als Bastard auf, geht halb freiwillig bei einem Assassinen in die Lehre und hat die Fähigkeit, sich geistig-seelisch eng an ein Tier zu binden – der Wolf Nachtauge wird zu seinem treuen Begleiter. In Hobbs´ meisterhaften Romanen begleiten wir ihn vom Kind bis zum alten Mann, und ich bin froh darüber, ihn kennengelernt zu haben. Eine Figur zu erschaffen, die – wie Fitz – gleich mehrere Trilogien tragen kann, ist ein Glücksfall. Aber interessante Figuren zu erschaffen ist keine Hexerei, in diesem Artikel erfährst du einiges darüber.

„Wirklich gelungene Figuren besitzen das Potential, ein Eigenleben zu entwickeln und einen gelegentlich zu überraschen“, erzählt Autor Jan Oldenburg. „Das macht das Schreiben einerseits dank unvorhergesehener Wendungen spannender für einen selbst und verhindert andererseits, dass man seine Figuren bloß benutzt, um eine mechanisch konstruierte Handlung voranzubringen. Das klassische Negativbeispiel wäre der Filmstatist, der einzig aus dem Grund, weil es so im Drehbuch steht, in die Höhle der schrecklichen Kannibalenmutanten schleicht, in der bereits alle seine Freunde ein grausiges Ende gefunden haben. Wie es weitergeht (Spoilerwarnung!), wird man sich denken können.“

Die Figur Schritt für Schritt kennenlernen

Ich selbst entwickle Figuren, indem ich sie erst kurz charakterisiere, in fünf bis sechs Sätzen – diese kurze Form hilft, ein Gefühl für die Figur zu entwickeln, bevor man ins Detail geht.

Wenn ich die „Eckdaten“ der Figur weiß, gehe ich in die Details und versuche meine Figur kennenzulernen, indem ich Fragen zu ihm oder ihr beantworte. Daraus ergibt sich ein „Steckbrief“, den ich besonders zu Beginn eines neuen Projekts immer wieder aufrufe. Nachdem ich Grunddaten wie den vollen Namen, Wohnort, Geburtsdatum etc. erfunden habe, wird es interessant. Hier ein paar Fragen, die du dir zu deiner Figur stellen solltest:

 

  • Was für eine Persönlichkeit hat sie? Ist sie extrovertiert oder eher introvertiert? Fröhlich oder nachdenklich? Lebenslustig oder melancholisch? Selbstsicher oder unsicher? Und so weiter.
  • Wie sieht sie aus, welchen Eindruck hat man von ihr, wenn man sie das erste Mal sieht? Hier spielt ganz Vieles hinein – nicht nur Haar- und Augenfarbe sowie Körpergröße, sondern auch Kleidungsstil, Körperhaltung, Ausstrahlung und Gang.
  • Wie spricht sie? Jeder Mensch hat eine ganz eigene Sprechweise, die seine Persönlichkeit wiederspiegelt und die Art, wie er aufgewachsen ist, z.B. als Findelkind bei Walddämonen oder auf der Burg eines Herzogs. Welche Lieblingsausdrücke hat sie?
  • Wie ist sie aufgewachsen? Wer sind ihre Eltern und Geschwister? Es macht einen Riesenunterschied, ob jemand in einer Familie mit fünf Geschwistern oder als Einzelkind aufwächst. Auch die Persönlichkeit der Eltern sollte man einbeziehen, wie ist deine Figur erzogen worden?
  • Welche Freunde und Feinde hat sie? Zu jedem Menschen gehört sein Umfeld, und über dieses definiert man sich. Feinde sind für deine Figur ebenso wichtig wie Freunde, denn irgendwoher muss ja der Konflikt kommen :-)
  • Welche Bildung und Ausbildung hat deine Figur? Wieso hat sie ihren Beruf ergriffen, was gefällt ihr daran und was weniger? Ist sie erfolgreich in ihrer Berufung, und wenn nicht, warum?
  • Welche Ziele, Träume und Wünsche hat er/sie? Ein ganz wichtiger Punkt, denn diese Träume und Wünsche sind ja oft ganz starke „Antreiber“, die eine Figur und damit die Geschichte so richtig in Bewegung bringen.
  • Was sind seine/ihre positiven Eigenschaften / Stärken? Selbst Anti-Helden, die also eher das Gegenteil von Helden sind, sollten ein paar Stärken haben. Sonst mag man sie nicht durch die Geschichte begleiten. Und sogar Schurkenfiguren können und sollten positive Eigenschaften haben, denn niemand ist durch und durch gemein (darüber später mehr).
  • Hat deine Figur besondere Fähigkeiten oder Talente, zum Beispiel eine magische Begabung, eine Bindung zu bestimmten Fabelwesen oder ein genial gutes Auge als Bogenschütze?
  • Was sind ihre negativen Eigenschaften, Schwächen und Ängste? Ganz wichtig, denn es gibt nichts Langweiligeres als eine perfekte Figur! Meine Figuren werden von Testlesern oft als „zu gut“, geschmäht, dann beeile ich mich, ihnen noch ein paar dunkle Seiten anzudichten. Mit Figuren, die ähnliche Schwächen haben wie sie selbst, identifizieren sich Leser übrigens am liebsten. Und auch die mutigsten Kerle haben Ängste, auch wenn es nur die Angst ist, kahl zu werden :-)
  • Wie verbringt sie ihre freie Zeit, die sogar Menschen in archaischen Welten hin und wieder haben? Versuch hier ruhig, etwas Besonderes zu finden, das deine Figur von anderen abhebt.
  • Was für Angewohnheiten hat deine Figur? Was macht er mit den Händen, wenn er nervös ist? Zupft sie sich immer an einer Locke, wenn sie nachdenkt? Es sind kleine Details wie diese, die eine Figur erst richtig lebendig machen.
  • Welche Gegenstände sind ihr wichtig? Versuch mal, dich in Gedanken im Gemach deiner Figur umzuschauen – was siehst du? Welchen Krimskrams hält sie in Ehren, und aus welchen Gründen? Der Gegenstand muss nicht mal so handlich sein, dass er ins Zimmer passt, er kann auch im Schuppen stehen ...
  • Was mag sie, was mag sie nicht? Versuch hier, nicht nur Allgemeinplätze einzufügen, besonders ungewöhnliche Vorlieben charakterisieren eine Figur. Isst sie besonders gerne in Honig eingelegte Libellen, was alle anderen widerlich finden? Regt er sich gerne über Kleinigkeiten auf, um ein bisschen herumfluchen zu können?
  • Welche wichtigen Erfahrungen in der Vergangenheit hat sie gemacht? Hier kannst du die Vorgeschichte deiner Figur erfinden, und die gibt speziell in der Fantasy eine Menge her. Glückserfahrungen, Traumata, prägende positive und negative Erlebnisse mit Verwandten und Freunden, hier kannst du alles unterbringen.
  • Woran glaubt sie? Glaubt deine Figur an einen bestimmten Gott, an den Retter, an die Kraft des Universums? Ist sie auf Sinnsuche? Wann war sie zuletzt in einem Tempel oder bei einem Wahrsager, und war sie freiwillig dort?
  • Welche Probleme und Konflikte hat deine Figur? Hier liegen die Storys versteckt! Besonders wichtig ist, deiner Figur nicht nur äußere, sondern auch innere Konflikte zu geben. Also zum Beispiel Selbstzweifel oder Schuldgefühle.
  • Was macht deine Figur außergewöhnlich, anders als andere? Woran würde man sie in einer Gruppe von Männern / Frauen / Wesen erkennen?
  • Was ist das größte Geheimnis deiner Figur? Ich glaube, dass jeder Mensch ein Geheimnis hat ... und auch jede Figur sollte ein Geheimnis haben, mindestens eins. Selbst wenn es im Text nicht erwähnt wird. Vielleicht sogar ein dunkles, furchtbares Geheimnis. Eine Figur mit Abgründen ist oft interessanter als ein sonniges Gemüt ...
  • Wie entwickelt sich deine Figur im Laufe des Romans? Denn nur in schlechten Romanen ist die Hauptfigur am Anfang und am Ende genau gleich. Erfahrungen, die wir machen, verändern uns – und wenn deine Hauptfigur zum Beispiel Furchtbares durchmacht auf dem Weg zu einem bestimmten Ziel, ist sie nicht mehr derselbe Mensch, wenn sie dieses Ziel erreicht hat. Anders herum kann sich eine schwer traumatisierte Figur neuen Lebensmut gewinnen durch die Begegnungen und Bewährungsproben, die du für sie ihr vorgesehen hast.

Mehrdimensionale Figuren

Es lohnt sich, bei der Charakterisierung gründlich zu sein. Sonst hat man zum Schluss eine eindimensionale Figur, die nur durch ganz wenige Eigenschaften besitzt und durch deinen Roman läuft, als hätte sie jemand aus Sperrholz ausgesägt. Mehrdimensionale Figuren dagegen haben, wie echte Menschen auch, eine lange Vorgeschichte, viele verschiedene Facetten, manchmal sogar widersprüchliche Eigenschaften, sie verhalten sich manchmal falsch und sind doch so interessant, dass man mehr über sie wissen möchte und mit ihnen mitfiebert, wenn sie in Schwierigkeiten geraten (oder sich selbst in eben solche gebracht haben).

Keine Sorge, für Nebenfiguren reicht eine etwas kürzere Charakterisierung. Hier ergeben wenige, nicht zu durchschnittliche Eigenschaften schon ein Bild. Wichtige Nebenfiguren charakterisiere ich auf ca. einer dicht beschriebenen A4-Seite. Hauptfiguren bekommen manchmal mehr als zehn Seiten.

Eltern? Tot!

Etwas überstrapaziert finde ich, dass in so vielen fantastischen Romanen (und besonders oft in Jugendromanen) Waisen eine so große Rolle spielen. Entweder die Eltern sind von Anfang an tot, oder sie werden in den ersten Kapiteln beiseite geschafft. Jutta Wenske vom Thienemann Verlag: „Ich erkläre mir dieses Phänomen im fantastischen Jugendbuch so, dass Jugendliche einerseits Interesse an ebenbürtigen Figuren haben – hauptsächlich in Romanen, die in der Jetztzeit und an einer normalen Schule spielen – andererseits aber gerne etwas über Figuren lesen, die einen schwierigen Start hatten. Bei denen kann man in einem historischen oder fantastischen Roman mitfiebern, wie sie sich entwickeln.“

Vielleicht ist es auch für die Heldenreise wichtig, dass der Protagonist (also die Hauptfigur) seine Bindungen verliert, um aufbrechen zu können und zu müssen.

Sie lebt!

Irgendwann hast du deine Charakterisierung fertig. Nur ist so eine Beschreibung noch kein lebender, atmender Mensch. Das kommt erst nach und nach. Jeder Autor kennt den Punkt, an dem es Zingggg macht und das Papierwesen plötzlich zu einem lebenden Menschen wird. Im Idealfall passiert das schon während man an der Charakterisierung arbeitet, manchmal aber auch erst richtig, während man das erste Kapitel verfasst. „Ich schreibe erstmal ins Blaue, um ein Gefühl für die Figuren zu bekommen – wie sie reden, wie sie denken“, erzählt Autorin Ju Honisch. „Wenn ich mich selbst etwas in sie verliebt habe und das Gefühl habe, ich kann mit ihnen reden, fange ich nochmal von vorne an. Das ist aufwendig, aber es lohnt sich – es gibt viele Bücher, in denen die Hauptfiguren viel erleben, aber flach bleiben.“

Damit das nicht passiert, stecken viele Autoren viel Arbeit in ihre Figuren, so auch Jürgen Banscherus. „Bis eine Figur lebendig wird, dauert es eine Weile“, berichtet er. „Gerade in den ersten Wochen bin ich mit fast jeder meiner Figuren unzufrieden. Aber da muss ich durch, Wut und Verzweiflung gehören dazu – genau wie Euphorie und Größenwahn. Nach vielen Jahren des Schreibens weiß ich, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem meine Figuren zu leben beginnen. Und eigentlich macht das Arbeiten auch von da an erst Spaß.“

Vielleicht spürst du schon vom ersten Moment an, in dem du deine Figur entwickelt hast, eine Verbindung zu ihr, vielleicht entdeckst du ihr wahres Potenzial aber auch erst beim Schreiben. Wenn du merkst, dass eine deiner Figuren eine ganz starke Lebenskraft und Ausstrahlung entwickelt, dann sei so flexibel, auch mal deinen Plot umzuwerfen und aus der einstigen Nebenfigur eine Hauptfigur zu machen!

In den Kopf hineinschlüpfen

Eine der wichtigsten Eigenschaften, die man als Autor oder Autorin braucht, ist übrigens Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, sich in Menschen und Wesen hineinzuversetzen. Bei manchen Figuren fällt einem das nicht ganz leicht, obwohl es zum Beispiel großen Spaß machen kann, als Frau aus einer männlichen Perspektive zu schreiben und umgekehrt. Je besser du deine Figur kennst, desto leichter wird es dir fallen, in ihren Kopf zu schlüpfen. Viel Spaß!



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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