Gesa Schwartz - Grim Das Siegel des Feuers

KOLUMNE

Fantasy-Romane schreiben (Teil 1): Ideen entwickeln


Du willst einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasy-Roman schrieb.

Sag dir bloß nicht: „Ich brauche eine richtig gute, originelle Idee, die für einen Bestseller taugt!“ Natürlich hätten wir alle gerne einen Bestseller, aber das kann man nicht erzwingen. Und wenn du dir zu viel vornimmst, verkrampfst du dich vermutlich. Wichtig ist, dass du beim Nachdenken nett zu dir bist und dir erlaubst, herumzuspinnen und auch Ideen zuzulassen, die sich später wahrscheinlich als langweilig, albern oder ausgelutscht herausstellen. Das Sortieren kommt später. Jetzt ist die pure Fantasie dran. „Ideen für Geschichten lauern überall und tauchen bevorzugt dann auf, wenn man sie nicht gebrauchen kann, zum Beispiel unter der Dusche oder während der Examensprüfung“, berichtet Gesa Schwartz. „Ich wurde schon von ganz verschiedenen Seiten inspiriert, von Musik, Bildern, der Natur, Menschen natürlich, Architektur und besonderen Kunstgegenständen. Oft ist es nur ein Gedankensplitter, der sich dann in meinen Kopf festsetzt und eines Tages zu einem ersten Bild und schließlich zu einer Geschichte wird.“ 

Grundthema, Welt oder Figur 

Du kannst mit allem anfangen – mit einem Grundthema, um das es in deinem Roman gehen soll, mit einer Welt, die nach einem besonderen Prinzip organisiert ist oder ein besonderes Problem hat, oder mit einer Figur, die dir nicht aus dem Kopf geht. Bei Gesa Schwartz´ Grim-Romanen war es der Gargoyle Grim – eine so starke Figur, dass sie sogar (sowas ist Glückssache) über mehrere Romane trug. „Der Auslöser der Geschichte war ein Bild, das eines Nachts in mir auftauchte“, erzählt sie. „Ich sah eine dunkle, steinerne Gestalt mit gewaltigen Schwingen hoch über den Dächern von Paris. Als ich mich der Gestalt näherte, konnte ich ihr ins Gesicht schauen. Es war das Gesicht eines Gargoyles, eines Engels, eines Dämons – vielleicht von allem ein bisschen. Er sah mich mit seiner Narbe über dem rechten Auge an und nannte mir mit vorsichtigem Lächeln seinen Namen. So lernte ich Grim kennen, und von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass ich seine Geschichte erzählen wollte. Er war und ist immer das Zentrum der Geschichte gewesen, und alles Weitere – die anderen Figuren, der Hintergrund, die Welt, in der er lebt – entwickelte sich um ihn herum.“

Bei anderen Autoren ist es eher eine abstrakte Idee, die am Anfang steht. Oder du hast einfach eine Idee für die Handlung oder ein bestimmtes Ziel und musst dir noch die Welt und die Figuren ausdenken, die dazu passen. So war es bei Christoph Hardebuschs Trollen: „Ich wollte damals klassische Fantasy schreiben, ein wenig düster und mit einem geringen phantastischen Anteil. Keine epische Fantasy, bei der das Schicksal der ganzen Welt auf dem Spiel steht, sondern eine kleinere Geschichte, die für die Figuren natürlich dennoch die ganze Welt bedeutet“, berichtet er. „Aus diesen Überlegungen sind dann organisch die Charaktere, der Hintergrund und die Handlung entstanden, eines bedingte das andere. Bei den Sturmwelten habe ich meine Leidenschaft für die Zeit der Großsegler mit derjenigen für Fantasy verbunden. Es hat ungeheuer viel Spaß gemacht, meine Fantasy-Version der klassischen nautischen Abenteuer zu erzählen.“

Manchmal ist es sogar ein einziges Wort, ein Name oder ein Satz, der zu einem Roman oder Epos anwachsen kann. „Namen erzählen Geschichten“, meint auch Fantasy-Experte und Lektor Helmut W. Pesch. „Es ist bekannt, dass Tolkien einmal bei einer langweiligen Arbeit spontan den Satz ‚In a hole in the ground there lived a Hobbit‘ zu Papier brachte – und alles, was daraus folgte, war ein Versuch, diesen Namen zu erklären.“

Beginne nun deine eigene Ideensuche, indem du in dich selbst hineinhorchst: 

Grundthema

Gibt es ein Thema, das dich immer wieder beschäftigt oder magisch anzieht (sorry, diesen Kalauer konnte ich mir nicht verkneifen)? Dann eignet es sich für eine Geschichte. Natürlich kann und muss ein Fantasy-Roman viele solcher „Zutaten“ haben, und wahrscheinlich hat jede deiner Hauptfiguren ihr eigenes Grundthema, doch hier geht es erst einmal um den Kern und den Mittelpunkt deiner Geschichte. Grundthemen sind zum Beispiel:

  • Familie / Familienkonflikte
  • Freundschaft /verratene Freundschaft
  • Heilung
  • Überleben
  • Wettkampf
  • Trauer und deren Überwindung
  • Konflikte zwischen verschiedenen Kulturen
  • Den eigenen Weg finden
  • Fremdheit
  • Natur / Zerstörung der Natur
  • Armut und Reichtum / Reich werden
  • Suche nach Liebe / schwierige Liebe
  • (unfreiwillige) Wahl des Partners
  • Verbrechen
  • Rache
  • Schuld
  • Ehrgeiz
  • Wiedergutmachung eines Unrechts
  • Vorteile und Nachteile des Fabelwesendaseins (z.B. die Last der Ewigkeit oder Macht über einen bestimmten Lebensbereich)
  • Fremdbestimmtheit – Selbstbestimmtheit
  • Hoffnung
  • Heimat / Heimatlosigkeit
  • Genuss

... bestimmt fallen dir noch weitere Kernthemen ein! 

Zentrale Figur

Gibt es eine Figur, die dir immer wieder in den Kopf kommt, oder eine bestimmte Rolle, die dich besonders anzieht – die des Zauberers, die der taffen Heldin, die des Gauklers? Über solche Figuren in einem späteren Artikel mehr, jetzt bist erstmal du dran:

  • Welche Figuren gefallen dir in Filmen und Büchern besonders gut?
  • Welche Rolle findest du besonders interessant oder anziehend – Beschützer/in, Kämpfer/in, Verbrecher/in, Rächer/in, Bewahrer/in, Heiler/in, Sinnsuchende/r, oder etwas ganz anderes?
  • Was interessiert dich mehr, eine Figur, die für das Gute kämpft, oder eine auf der Seite des Bösen?
  • Schweben dir schon bestimmte Charaktereigenschaften/Eckdaten deiner Figur vor?
  • Gibt es Fabelwesen, die dir besonders sympathisch sind, und über die du gerne schreiben würdest?
  • Welche magischen Eigenschaften und Fähigkeiten würdest du deiner Figur gerne geben? (Wenn du lieber eine nicht-magische Figur hättest, auch kein Problem.)
  • Hast du mal das Bild einer Person aus einer Zeitschrift ausgeschnitten oder aus dem Internet abgespeichert, weil es dich fasziniert hat? Such es heraus – was für ein Mensch könnte diese Person sein, was für eine Geschichte könnte sie haben?

Was macht deine Hauptperson außergewöhnlich, anders als andere? 

Welt

Neue Welten und Kulturen zu erschaffen ist eine Hauptbeschäftigung von Fantasy-Autoren (wobei eine Welt oft mehrere verschiedene Kulturen und Völker enthält). Ideal ist eine Welt, die du mit Spaß an der Sache bis ins Detail ausgestalten kannst. Dabei kannst du dir alle Freiheiten nehmen, selbst wenn du dich von einer realen Kultur inspirieren lassen.

  • Gibt es eine Stadt, die dich fasziniert? Lissabon, Tokio, Istanbul, New Orleans, Dublin, Rio de Janeiro ... Du merkst schon, ich habe die üblichen Städte (New York, London, Paris, Prag, Venedig) erstmal ausgelassen, um deinen Blick auf ungewöhnlichere Orte zu lenken, aber wenn du Lust hast, eine Fantasy-Geschichte in New York dort anzusiedeln, dann mach das.
  • Gibt es eine irdische Epoche oder Kultur, die dich interessiert? Es gibt viele uralte und spannende Kulturen, von denen du dich inspirieren lassen können oder die du als farbenprächtigen Hintergrund für deine Geschichte verwenden kannst: Die Mongolei, das alte China, Japan, Ägypten, die Mayas, die magische Welt der Aborigines oder der Maori ...
  • Nach was für Grundprinzipien könnte deine Fantasywelt bzw. einzelne Kulturen darin organisiert sein? So komplex Gesellschaften auch sind, sie lassen sich oft mit wenigen Stichworten in Umrissen charakterisieren oder fallen durch eine zentrale Eigenheit auf – wenn dir die eingefallen ist, kannst du sie anschließend genüsslich ausgestalten. In Markus Heitz' Albae-Romanen zum Beispiel gibt es sehr verschiedene originelle Kulturen, zum Beispiel ein Volk der Giftmischer (die Fflecx) und ein menschenähnliches Volk von professionellen Nachahmern (die Obboon, auch Fleischdiebe genannt). Die Obboon bewundern die Albae so sehr, dass sie versuchen, ihnen durch Operationen täuschend ähnlich zu werden (auch mit Hilfe von Körperteilen getöteter Albae, daher ihr Spitzname ...).

Ist beim Lesen der Liste deine Fantasie schon in Gang gekommen? Am besten, du spinnst so lange herum, bis du mehrere Ideen für Geschichten hast, und gleich fünf bis sechs verschiedene, die du jeweils in einem Satz zusammenfassen kannst. Unbedingt alles aufschreiben! Junge Ideen, die sich noch nicht richtig im Gehirn verankern konnten, sind Stunden oder höchstens Tage später spurlos verschwunden (Walter Moers würde sagen, sie sind in den See des Vergessens gefallen).

Ideen festhalten, aber nicht erwürgen

Wichtig ist: Wenn eine Idee dich anspringt ... lass sie nicht mehr los! Versuche möglichst bald etwas daraus zu machen, damit die Energie nicht verpufft. Wenn absolut keine Zeit ist, dann notier dir eben nur kurz, was dir eingefallen ist. Zu diesem Zweck haben viele Autoren und Autorinnen, so auch ich, immer und überall ein Ideenbuch bei sich. Darin notiere ich tolle Namen, die mir irgendwo begegnet sind, Dialogschnipsel, Plotideen, Metaphern und alle Arten von anderen Fundstücken. Wenn ich neue Projekte brainstorme, nutze ich dieses Ideenbuch als Steinbruch – und werde oft fündig.

Wenn du intensiv an einer Idee arbeitest, ist es übrigens sinnvoll, ab und zu mal eine Pause mit einer einfachen Tätigkeit, die dich geistig nicht fordert, einzulegen (Spazierengehen, Radeln, Gärtnern, Duschen ...). Mir hilft eine solche Pause besonders, wenn ich mich gerade festgebissen und das Gefühl habe, meine Neuronen rösten sich gerade selbst. Dann nichts wie weg vom Schreibtisch. Während ich entspannt durch den Wald schlendere, arbeitet mein Gehirn unterschwellig an der Idee weiter und auf einmal komme ich auf ganz neue Lösungen, Plot-Knoten lösen sich, frische Ideen driften durch meine Gedanken. Und weil ich inzwischen den Luxus genieße, tagelang in meinem Projekt „drinbleiben“ zu können, arbeiten meine Gedanken sogar nachts daran weiter. Block und Stift auf dem Nachttisch sind in dieser Zeit unentbehrlich.

Rollenspiele nutzen!

Falls du Rollenspiele magst, kannst du natürlich auch dort Ideen entwickeln und auftanken. „Rollenspielabenteuer sind ein großartiger Antrieb für die eigene Fantasie, führen aber nicht unbedingt auch zu guten Geschichten für Bücher“, meint Autor Oliver Plaschka. „Mir half es auf jeden Fall dabei, eigene Welten zu erfinden. Und insoweit an deren Entstehung auch Dritte beteiligt waren, sei es direkt oder durch ihre Teilhabe und Unterstützung, fand ich es wichtig, das offenzulegen.“ In seiner Danksagung ist das detailliert aufgeschlüsselt – beeindruckend, wie ich finde, denn mir sind andere Autorinnen/Rollenspielerinnen bekannt, die es nicht so genau nehmen, von wem welche Idee stammt, und den Dank dafür schuldig bleiben.

Ideen sortieren

Hast du ein paar neue Ideen notiert, gib ihnen eine Prioritäten-Liste – was spricht dich am meisten an, was ist wahrscheinlich nicht so originell? Rede mit Freunden, die Fantasy mögen, darüber – bei welcher Idee sind die Reaktionen lauwarm, bei welcher leuchten die Augen interessiert auf? Aber Achtung, diskutier deine Ideen nicht öffentlich im Internet – nur Texte sind vom Moment ihrer Entstehung an durchs Urheberrecht geschützt, Einfälle nicht.

Mit etwas Glück weißt du bald, welche Idee die Ausarbeitung lohnt. Bis dahin viel Spaß!

 

 

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