Die Chroniken von Azuhr - Der träumende Krieger (Bernhard Hennen)

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Chroniken von Azuhr - Der träumende Krieger (Bernhard Hennen)


Lest hier exklusiv die erweiterte Leseprobe aus »Die Chroniken von Azuhr - Der träumende Krieger«, Band 3 der Fantasy-Reihe von Bestsellerautor Bernhard Hennen. Der Roman erscheint am 25.9. bei FISCHER Tor. 

Was bisher geschah: Auf der Insel Cilia eskaliert der Konflikt zwischen der Liga der Stadtstaaten und den Herzögen des Schwertwaldes. Die militärische Übermacht der Liga ist erdrückend, und die Hoffnung der Waldbewohner ruht auf einer alten Sage, dass in der Stunde der größten Not die Weiße Königin, die ehemalige Herrscherin des Waldes, zurückkehren wird. Doch wie groß muss die Not werden, bis sich dies erfüllt?

Milan Tormeno versucht, den Wirren des Krieges zu entgehen, denn in seinen Augen kämpft keine von beiden Seiten für eine gerechte Sache. Doch es droht eine weitere Gefahr: Überall auf der Insel erwachen Märengestalten zu neuem Leben. Erst allmählich begreift Milan, wie er dieser magischen Wesen Herr werden – und die Wirklichkeit verändern kann.

*** Leseprobe ***

Korang Hom, Palast der sieben Freuden, Stunde des Affen, 14. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Der prächtige blaue Seidenschal schillerte im Abendlicht. Wie Rubine funkelten die Blutstropfen, die den abgetrennten Kopf des Herrschers säumten.

»König Varmajaya«, murmelte Nok mit leisem Bedauern. Erst gestern hatte sie ihm ein Tablett mit aufgeschnittenem Obst gereicht. Violette Drachenfrüchte, Mangos und Papayas. Er hatte ihr einige Herzschläge lang tief in die Augen gesehen.

Selbst im Tod war er immer noch ein schöner Mann. Sein ebenmäßiges schmales Gesicht mit der nur leicht gebräunten Haut unterschied ihn deutlich von den meist mondgesichtigen Adeligen und Beratern.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, er sei ein großzügiger und zärtlicher Mann.

Nok hatte sich Hoffnungen gemacht, bald seine Auserwählte zu sein, hatte König Varmajaya sie doch gestern gefragt, wann sie auf der Bühne ihre Stimme erheben würde. Mitten im dramatischen Finale der Uraufführung von Lebe wohl, meine Kaiserin hatte der König ihr einen Blick geschenkt. Dann hatte ihn das Stück wieder in seinen Bann gezogen.

Schritte ließen Nok aufschrecken. Im Schatten des überdachten Gangs, der den Hof einfasste, erschien ihr Onkel, General Sao Sovan. Jetzt waren in der Ferne wieder Waffengeklirr und Geschrei zu hören.

»Was tust du hier?«, fuhr Sao sie an. Mit langen Schritten eilte er über den Hof und griff ihr ins Haar, um ihren Kopf zu schütteln. »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du sollst dich verstecken!«

»Was ist geschehen, Onkel?«

Sao blickte auf den Kopf des Königs. »Der eitle Pfau hatte sich ein Nest zu viel bauen wollen …«

»Aber er war immer so nett …«, wagte sie zu sagen.

Sao hatte ein hartes, narbiges Gesicht. Und so gar nichts mit ihrem Vater gemein. Doch während ihr Vater den General nur auf der Bühne spielte, war ihr Onkel ein wirklicher Feldherr. Er hatte dem Tod hundertfach ins Auge gesehen. Und nun blickte der Tod aus seinen Augen.

»Nett zu sein ist keine Eigenschaft, die einen König groß macht, wie du siehst.« Er zog sie mit sich in den Schatten des Gangs. Säulen, die kunstvoll zu Statuen geformt waren, trugen das Dach. Sie zeigten Apsaras, Tänzerinnen, die der Herr des Himmels selbst an den Hof des ersten Königs geschickt hatte, um diesen zu erfreuen und die schönsten seiner Frauen die Kunst des Tanzes zu lehren. Auf einer Lotusblüte stehend, ein Bein angewinkelt, verkörperten sie Anmut und Schönheit …

Sao zog sein Schwert.

Männer der Palastwache stürmten den Hof und hielten an, wo der Kopf des Königs lag. Nok fragte sich, wo sie gewesen waren, als König Varmajaya starb.

»Habt ihr die Gäste aus Sri Naga in Sicherheit gebracht?«, fragte ihr Onkel.

Die Krieger zuckten zusammen, als sie die Stimme aus dem Halbdunkel vernahmen. Dann erkannten sie General Sao Sovan. Ehrerbietig verbeugten sie sich.

»Die Gäste reisen mit starker Eskorte nach Süden«, sagte einer der Krieger.

»Ihr seid jetzt meine Eskorte!«, entschied Sao.

Die Krieger schlugen vor der Brust die geballte rechte Faust in die offene linke Hand und verbeugten sich. »Wie Ihr befehlt, General.«

Sie trugen polierte bronzene Brustpanzer, die wie Gold in der Abendsonne funkelten. Darunter die purpurfarbenen Wickelröcke der Palastwache. Ihre nackten Oberarme waren mit jenen Drachentätowierungen geschmückt, die allein den auserwählten Kriegern des Königs vorbehalten waren.

Nok verachtete sie dafür, dass sie nicht dagewesen waren, als König Varmajaya starb.

»Zum Lotushof!«, befahl Sao Sovan barsch.

Im Gleichschritt setzten sich die Krieger in Bewegung. Laut knallten ihre genagelten Sandalen auf die Steinplatten. Sie marschierten durch den Gelben Turm, in dessen Mauern, viele Schritt hoch, das Gesicht von König Varmajayas Urgroßvater König Ayuttha gemeißelt war.

Gleichgültig folgten ihnen seine steinernen Augen, während sie über eine schön geschwungene rote Holzbrücke den Kanal überquerten, der den königlichen Palast von dem Palast der Schauspieler trennte.

Hunderte Male hatte Nok in diese Augen gesehen. Der Gelbe Turm war der einzige Zugang zum Refugium der Künstler. Ihr Palast lag inmitten eines Labyrinths von Kanälen.

Am Ende der Brücke wartete Kunthea, ihre Mutter. Sie war die schönste Frau im Palast. Onkel Sao hatte sie immer gehasst, und sie hatte diesen Hass erwidert, so sehr sie Saos Bruder Bun auch liebte. Bun und ihr Onkel waren wie Licht und Schatten. Auch Bun war gestern Nacht zum General geworden. Auf der Bühne. Ein tragischer Held.

»Pass besser auf die Kleine auf!« Sao hielt sie noch immer bei den Haaren gepackt. »Ihr habt dem König zu nahe gestanden!«

»Näher als der General, der die Krieger in seinem Palast befehligte?«, fragte Kunthea kühl.

»Hüte deine Zunge, Weib!« Seine Hand krallte sich noch fester in Noks Haar. Dann stieß er sie von sich.

Nok stürzte fast vor die Füße ihrer Mutter.

»Bewacht das Tor im Gelben Turm!«, befahl er seinen Kriegern.

Jetzt erst bemerkte Nok die Blutspritzer an der goldenen Parierstange von Saos Schwert. Sie funkelten wie königliche Rubine im Abendrot.

 

Korang Hom, Palast der sieben Freuden, Stunde des Affen, 14. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Sao Sovan hob Varmajayas Haupt auf. Seit mehr als drei Jahren hatte er als General des Königs heimlich den Karang, den lebenden Schatten, zugearbeitet. Er hatte ihnen Nachrichten zukommen lassen, sie vor den Truppen der anderen Generäle gewarnt. Als er Zeuge geworden war, wie Varmajaya mit Abgesandten des Wandernden Hofs verhandelte, um ihnen einen weiteren großen Hafen des Königreichs zu verkaufen, so wie es einst sein Urgroßvater König Ayuttha getan hatte, um von dem Gold noch schönere Paläste zu bauen, hatte Sao seinem Herrscher ein Ende bereitet.

Traurig schritt Sao durch die weiten Hallen des Palastes. Er hatte den Karang nur gestattet, bis in die Vorhöfe zu kommen. Und wie stets in den letzten Jahren hatten sich die lebenden Schatten an ihre Vereinbarungen gehalten. Es hieß, ihr Anführer sei ein Weiser. Sao war ihm nie begegnet – soweit er wusste … Die Karang machten aus allem ein Geheimnis. Am Anfang, als er sie noch bekämpft hatte, war er dabei gewesen, wie gefangene Aufständische gefoltert wurden. Sie hatten fast nichts verraten können, weil sie nichts wussten. Ihre Anführer waren legendenumwobene Gestalten. Ihr General, den sie nur den Schwarzen Panther nannten, wie auch der Erste Schatten, jener geheimnisvolle Weise, der angesichts immer höherer Abgaben den Widerstand gegen König Varmajaya zu einem Heer von Schatten hatte anwachsen lassen.

Sao trat in die Halle der tausend Geister. Bis hoch unter die rot lackierten Deckenbalken waren die Wände hier mit Schreinen geschmückt. Dämonische Fratzen, mal aus bunt bemaltem Holz, mal aus dem Stein der Mauern geschnitten, starrten auf ihn herab. Dazwischen tanzende Apsaras, wunderschöne Frauen, die – glaubte man den Mären – in den Quellen der Flüsse und in den Wolken lebten. Tausende Räucherstäbchen brannten bei Tag und bei Nacht in der Halle der tausend Geister. Blaugrauer Rauch wogte durch das Halbdunkel, das hier stets herrschte, denn außer durch die beiden hohen Portale an den gegenüberliegenden Enden der fast zwanzig Schritt hohen Halle fiel kein Tageslicht herein.

Wenn man durch den wogenden Rauch schritt und die Wohlgerüche die Sinne benebelten, fiel es nicht schwer, sich vorzustellen, dass hier wirklich Geister lauerten.

Sao hatte nie verstanden, warum diese unheimliche Halle der einzige Weg in den Inneren Palast war. Sollten Besucher durch die Welt der Geister gehen, bevor sie in den Himmel traten? Die Welt aus Licht, in die der Herr des Himmels die Seelen jener holte, die sein Wohlgefallen fanden, konnte nicht schöner sein als der Palast, den König Ayuttha einst erbaut hatte.

Sao trat durch das große Portal in die Nacht. Dort warteten sie, die Schatten. Sie hatten Fackeln entzündet. Schweigend standen sie in dem weiten Hof. Sie trugen schwarze Tuniken und schwarze Hosen. Die meisten waren barfuß. Nur wenige Füße steckten in schlichten Sandalen. Keiner von ihnen besaß maßgefertigte Stiefel, so wie er. Sie waren mit Bambusspeeren bewaffnet und mit einfachen Bögen. Sie trugen Haumesser für den Dschungel in ihren Gürteln. Sao war überrascht, viele Kinder unter ihnen zu sehen. Die Hälfte, schätzte er, war erst dreizehn Jahre alt oder jünger. Er kannte ihre Geschichten, ohne eines der Gesichter zu kennen.

Es waren Kinder von Kleinbauern, die ihr Land verloren hatten, weil immer mehr Abgaben zu entrichten waren. Korang Hom war eine wunderschöne Stadt. Die größte im Königreich. Fast eine halbe Million Menschen lebten hier. Aber sie hatten sich vom Blut der einfachen Bauern genährt. All die Handwerker und Künstler, die Dichter und Kaufleute, Gelehrten und Tunichtgute. Seit Jahren wehrten sich die Karang, die Schatten, die Angehörigen jener, die verhungert waren oder sich in ihrer Verzweiflung das Leben genommen hatten. Seit Jahren herrschte ein Bürgerkrieg, von dem man hier im Palast der sieben Freuden fast nichts mitbekommen hatte.

Die Karang, die schwarze Kleidung trugen und ihre Gesichter mit dem Schlamm der Pfützen schwärzten, trugen goldgelbe Schals, gefärbt mit Safran. Sie waren ein Symbol für das Gold ihrer Seelen, das Gold, das ihnen niemand stehlen konnte.

Sao hob den Kopf des Königs am Haar hoch. »Der Krieg der Schatten ist beendet!«, rief er mit fester Stimme. »Der König ist tot. Ihr habt gesiegt. Nun könnt ihr in eure Dörfer zurückkehren.«

Schweigend starrten ihn die hageren Gestalten an. Sie zeigten keine Regung, als hätten seine Worte sie gar nicht erreicht. Vielleicht waren sie ja wirklich keine richtigen Menschen mehr, sondern nur noch Schatten?

Ein junger Mann löste sich aus der Menge der schweigenden Krieger. Sein Kopf war kahlgeschoren. Ihm fehlten beide Ohrmuscheln. »Der Panther hat einen Befehl für dich, General.«

Sao blickte den jungen Mann durchdringend an. Er sah aus wie die anderen Schatten, trug einen schmutzigen gelben Schal um den Hals, war barfuß und hielt einen Bambusspeer. Ein Bauernsohn wahrscheinlich. Nie zuvor hatte Sao von so jemandem Befehle empfangen.

»Was will der Panther?«

»Morgen um diese Stunde soll die Stadt geräumt sein. Wer nicht freiwillig seine Bleibe verlässt, den holen wir.«

»Ich verstehe nicht … Wer soll gehen?«

»Alle«, sagte der junge Bauer leichthin.

»Das ist unmöglich. Die Stadt braucht Menschen, der Palast …«

»Wir brauchen Korang Hom nicht. Der Erste Schatten sagt, dass es Städte wie diese gibt, ist der Beginn allen Übels«, erklärte der junge Bauer in einem Tonfall, als habe er ein einfältiges Kind vor sich. »Wir werden Korang Hom aufgeben. Soll sich der Dschungel zurückholen, was nie hätte sein sollen.«

Sao blickte über die Unzahl von schwarz gewandeten Gestalten auf dem Palasthof. Er hatte um ihren Marsch durch den Dschungel gewusst. Hatte gewusst, dass sie hier in der Stadt nur auf wenig Gegenwehr stoßen würden. Seit Anfang des Jahres beherrschten die Schatten mehr als die Hälfte der Provinzen des kleinen Königreichs. Das Heer des Königs lieferte nur noch Rückzugsgefechte. Alle Generäle des Königs hatten begriffen, dass dieser Krieg lediglich hinausgezögert, jedoch nicht mehr gewonnen werden konnte. Nicht ohne Hilfe von außen. Aber die war nicht gekommen.

Ein König, der sich mehr dafür interessierte, ein Theaterstück des Ersten Dichters des Khans aufführen zu lassen, als dafür, dass Gerechtigkeit in seinem Königreich herrschte, hatte sein Recht auf den Thron verwirkt. So hatte er geurteilt. Und dann hatte er dieses Urteil vollstreckt. Aber das hatte er nicht kommen sehen. Das war Wahnsinn! Man eroberte doch nicht eine Stadt, um sie dem Dschungel zu übergeben! Er hatte geglaubt, der Erste Schatten würde den Thron an sich reißen …

»Wer die Stadt nicht auf seinen Beinen verlässt, den werden wir an seinen Haaren herauszerren. Oder aber als Fraß für die Geier zurücklassen.« Der junge Bauer sah ihn an, ohne zu blinzeln, ohne eine Miene zu verziehen. Und Sao war sich sicher, dass die Karang diese Drohung wahrmachen würden.

Korang Hom, Palast der Schauspieler, Stunde des Pferdes, 15. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Noch nie hatte Nok den Palast der Schauspieler in solcher Aufregung erlebt. Alle liefen durcheinander, packten, schrien einander an. Die Angst war mit Händen greifbar. Die Karang waren gekommen. Sie hatten die Hauptstadt besetzt, der König war tot, die Welt, in der Nok aufgewachsen war, hatte über Nacht aufgehört zu bestehen.

Abgesehen von einigen wohlbehüteten Ausflügen hatte sie den Palast noch nie verlassen.

Ihre Mutter kniete sich vor ihr nieder. Kunthea hatte ihr Haar auf kunstvolle Art durcheinandergebracht. Es sah nicht mehr nach einer Frisur aus, und doch war sie immer noch atemberaubend schön. »Hab keine Angst, meine Kleine. Wir werden eine Rolle spielen. Wir alle sind Theaterleute. Die Besten! Wir werden das schaffen.«

Kunthea hatte mit ihnen fast die ganze Nacht nähend verbracht. Sie hatten Hosen und weite Tuniken aus grobem schwarzem Stoff gefertigt, die sie nun alle trugen.

Nok sah ihre Eltern fassungslos an. Sie war kein kleines Kind! Ganz gleich, was die beiden ihr erzählten, sie hatte verstanden, dass die Welt, in der sie bis gestern gelebt hatte, mit dem Tod des Königs untergegangen war. Dennoch hatten ihre Eltern Schminke eingepackt, Masken und zwei leichte Kostüme.

Vor zwei Tagen hatten Kunthea und Bun die Hauptrollen in dem neuen Stück Lebe wohl, meine Kaiserin gespielt. Ihre Mutter die goldhaarige Kaiserin Marcia und ihr Vater den stolzen General Xiang Yu. Sie hatten die Mächtigen des Königreichs mit ihrer Kunst verzaubert. Und Nok wusste, wie viel Arbeit hinter dem stand, was auf der Bühne so leicht aussah. Alle Darsteller mit einer Sprechrolle hatten an dem Abend einen Lotus geschickt bekommen. Noch nie war ein Stück so begeistert aufgenommen worden! Noch nie hatte es so viele Einladungen zu diskreten Treffen gegeben. Und das Ensemble ihrer Mutter hatte ein zweites Mal glänzen können.

Nok dachte wieder daran, wie der König sie angesehen hatte. Im nächsten Stück hätte sie eine Sprechrolle bekommen. Sie war so weit! Sie war dreizehn Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben unter Schauspielern verbracht. Sie kannte die zwei Rollen, die jeder Theaterabend einforderte. Die auf der Bühne und die danach. Wer eine Sprechrolle annahm, gab damit dem Publikum das Zeichen, nicht abgeneigt zu sein, an dem Abend noch weitere Rollen zu geben. Nok beherrschte drei Instrumente, sie konnte sich in vier Sprachen unterhalten, war eine gute Tänzerin, allerdings nur eine sehr mittelmäßige Sängerin. Manchmal blieb es dabei, öfter endete ein solcher Abend mit dem Spiel von Wolke und Regen. Doch ganz gleich, wie er endete, er begann immer mit einem Geschenk. Und ihr Vater bestand darauf, dass diese Geschenke nun alle zurückblieben. Die Ketten aus schweren Silbermünzen, die Edelsteine, das Gold. Er war zutiefst davon überzeugt, dass ihnen all dies nur noch Unglück bringen würde, da es die Welt, aus der diese Schätze kamen, nicht mehr gab.

Kunthea hörte nicht auf ihn. Nok hatte beobachtet, wie ihre Mutter einige Edelsteine und etwas Gold in ihrem ausgehöhlten Wanderstab verbarg. Ihr indes bürdeten sie einen kleinen Sack mit Reis, einen Kupferkessel und gleich mehrere wassergefüllte Kürbisflaschen auf.

So schritten sie nebeneinander über die rote Brücke und durchquerten den Palast des Königs bis hin zur Halle der tausend Geister. Nok hatte diesen Ort immer geliebt. All die Wohlgerüche, aber auch das Zwielicht und die treibenden Rauchschwaden, die sie vor neugierigen Blicken verborgen hatten, wenn es ihr gelungen war, sich an den Palastwachen vorbei bis hierher zu schleichen.

Ihr Vater legte ihr einen gelben Schal um den Hals, als sie durch das hohe Portal hinaus in die Welt der Karang traten.

Nok war überrascht zu sehen, dass viele der Schatten nicht älter waren als sie. Mit ernsten Gesichtern betrachteten sie die Künstler, Bediensteten, Berater und Adeligen, die den Palast verließen. Hunderte Angehörige des Hofs versammelten sich auf dem weitläufigen Platz, die meisten bunt wie Paradiesvögel gekleidet. Nur die engsten Freunde ihrer Eltern hatten das Schwarz der Karang angelegt. Die übrigen legten noch Wert auf eine Kleidung, die Privilegien und Standesunterschiede betonte, die es nicht mehr gab.

Nok entdeckte ihren Onkel Sao unter den Aufständischen. Auch er trug das einfache schwarze Leinen der Karang. Seine Füße steckten in schlichten abgewetzten Sandalen. Er hatte das Haar kurz geschoren und trug den gelben Schal der Rebellen als Stirnband.

Sobald er sie entdeckte, eilte er ihnen entgegen. Er hielt sein Schwert in der Linken. Die mit Perlen geschmückte Scheide war nun mit schwarzem Stoff umwickelt und unauffällig.

»Das war klug, Bun«, bemerkte Onkel Sao leise, als er sie erreichte, und deutete auf ihre Kleider. »Von nun an gilt es, unsichtbar unter den Karang zu werden. Sie mögen wie Kinder aussehen, aber sie haben die Seelen von Dämonen.«

Nok überlief ein Schauer. Ob das stimmte? Wenn ihr Onkel eines nicht war, dann ein Schwätzer. Aber Dämonen … die gab es doch nur in Mären, genauso wie Geister oder Apsaras oder die weißen Füchse, die sich in wunderschöne Frauen verwandelten und das Chi ihrer Opfer tranken, und die Riesen in den Bergen des Weltenrückens.

Ihr Onkel beugte sich zu ihr herab. »Kannst du unsichtbar werden, Nok? Du musst sein wie die um dich herum. Und blicke ihnen nicht direkt in die Augen. Für viele ist das eine Herausforderung.«

Nok erinnerte sich an Geschichten über Dämonen, in denen man seine Seele verlor, wenn man ihnen zur falschen Zeit in die Augen sah.

Argwöhnisch blickte sie zu den mürrischen Knaben mit den Bambusspeeren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass diese ungewaschenen Bauerntrampel solche Macht besaßen.

Ein Junge, dem die Ohren fehlten, kam zu ihnen. Er grüßte Sao, als würde er ihren Onkel kennen, was Nok sehr verwunderte.

»Ihr kommt mit mir! Ihr werdet nach Melu Wat gehen.«

»Wo ist das?« Nok hatte noch nie von einer solchen Stadt gehört.

»Mein Dorf!« Der Junge ohne Ohren strahlte sie an, und Nok musste sich beherrschen, um nicht auf die knorpelverwachsenen Höhlen zu starren. »Melu Wat liegt in einer Ebene voller Reisfelder. Wir ernten zweimal im Jahr. Es gibt mehr als hundert Wasserbüffel im Dorf. Und das beste Essen. Riesige Mangos und Wassermelonen, so schwer, dass sich ein Mann das Kreuz bricht, wenn er allein versucht, sie anzuheben und …«

»Und die Bienen tragen einem den Honig in den Mund, wenn man nur die Zunge herausstreckt?«

Der Junge sah sie verwundert an. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, das tun sie in Melu Wat nicht.« Er wirkte geknickt, als sei es für ihn bisher nicht vorstellbar gewesen, dass irgendetwas in seinem Dorf nicht besser als überall sonst sein könnte.

Sao gab Nok einen Klaps auf den Hinterkopf. »Das Mädchen scherzt nur, Trang.«

Ein breites Lächeln erschien auf dem Gesicht des Bauernjungen. »Dann ist ja gut … Dann …« Das Lächeln verschwand. Er sah sich um, wirkte argwöhnisch. Ganz so, als habe er Angst, lächelnd gesehen zu werden. Rasch deutete er mit seinem Bambusspeer auf ihre Eltern. »Ihr kommt mit nach Melu Wat. Und ihr da!« Er ging weiter, wählte weitere Schauspieler, aber auch etliche Palastdiener aus, bis ein großer, kräftiger Kerl ihn anschrie. Daraufhin brach Streit los. Von überallher kamen Knaben, aber auch erwachsene Männer herbei und wollten Frauen aus dem Palast.

Sao winkte Nok und ihren Eltern. Er zog sie auf die Seite.

»Mach nie wieder solche Scherze wie mit den Bienen!«, fuhr er Nok an. »Die Karang verstehen keinen Spaß. Wenn einer von ihnen auch nur glaubt, dass er durch einen Scherz von dir das Gesicht verloren hat, wird er dir deines wegschneiden.«

Ihr Onkel ging vor ihr auf ein Knie nieder und packte sie fest bei den Handgelenken. »Trang ist nicht so harmlos, wie er dir erscheint. Was glaubst du, warum sie niemals lachen? Sie haben es in Jahren der härtesten Entbehrungen verlernt. Ihr werdet das auch.«

Er sah zu Noks beiden kleinen Schwestern, Chenda und Jiut, den Zwillingen. »Bei ihnen wird es anfangen.«

 

Südlich von Korang Hom, Stunde des Hundes, 15. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Noks Schultern schmerzten. Sie würde noch lange gehen können. Die endlosen Übungen während ihrer Ausbildung zur Schauspielerin hatten sie zäh gemacht. Aber sie war es nicht gewohnt, über Stunden schwere Lasten zu tragen. Der Reissack, der Kessel, all die Kürbisflaschen … die Tragriemen schnitten ihr in die Schultern. Weißer Staub haftete an ihrer groben Kleidung.

Chenda, ihre kleine Schwester, hielt ihre linke Hand. Auch sie trug einen kleinen Sack voller Reis. Sie murrte nicht, war aber so erschöpft, dass sie sich immer wieder an Nok anlehnte oder sich von ihr ziehen ließ. Kunthea, ihre Mutter, hatte die jungen Schauspieler im Palast ausgebildet. Sie war eine strenge Lehrerin gewesen. Und bei ihren eigenen Töchtern hatte sie noch weniger Milde walten lassen als bei den anderen Schülern. Onkel Sao hatte keine Ahnung, wie das Leben im Palast der Künstler gewesen war. Er kannte nur den Palast der sieben Freuden. Das war wahrlich eine andere Welt gewesen.

Obwohl sie schon den ganzen Tag die Straße entlangmarschierte, hörte Nok nicht auf, darüber zu staunen, wie unglaublich viele Menschen es gab. Ihr Onkel hatte gesagt, dass alle die Stadt verlassen mussten. Und alle mussten auf ihren eigenen Füßen gehen, so verlangte es die neue Gerechtigkeit. Es gab keine Sänften mehr, die von unzähligen Dienern getragen wurden. Keine Reisewagen mit seidenen Kissen und mannshohen Rädern. Alle waren sie nun gleich.

Die Karang redeten nicht viel, aber das wiederholten sie immer wieder: Sie alle waren gleich. Es gab keine Diener und keine Herren mehr. Und man sollte nur noch das bekommen, was man sich durch ehrliche Arbeit auch wirklich verdiente.

»Hinsetzen!« Trang, der Bauernjunge ohne Ohren, kam die Straße entlanggelaufen und wedelte mit den Armen. »Hinsetzen! Sofort!« Einige andere Burschen begleiteten ihn, und wer dem Befehl nicht schnell genug folgte, dem schlugen sie mit einem Bambusrohr in die Kniekehlen.

Nok ließ sich, wo sie stand, zu Boden fallen und zog Chenda mit sich.

»Warum sind die Karang alle so gemein?«, flüsterte Chenda ängstlich.

»Vielleicht haben sie was Falsches gegessen. Das würde auch erklären, warum sie so lange Gesichter machen.«

Chenda kicherte.

Ihre Eltern und Jiut rückten zu ihnen auf. »Wir müssen näher zusammenbleiben«, zischte Kunthea sie an. »Du wirst nicht wieder mit Chenda vorauslaufen. Und jetzt schlag die Augen nieder!«

Trang kam die Straße entlang zurück. Alle paar Schritt blieb er stehen, raunte den Kauernden etwas zu und ging dann eilig weiter. Auch vor Nok hielt er an.

»Der Hammermann kommt«, stieß er gehetzt hervor. »Ihr dürft ihn niemals belügen! Er kann riechen, wenn man lügt. Sagt immer die Wahrheit, und alles wird gut!«

»Was hat das schon wieder zu bedeuten?«, flüsterte ihr Vater.

»Wer ist der Hammermann?«, rief ihre Mutter Trang nach, doch der Bauernjunge lief schon weiter.

Ihr Vater legte einen Arm um Nok und zog sie zu sich heran. Sie alle fünf hockten dicht beieinander.

Palmen säumten die breite Straße. Ein leichter Wind war mit der Abenddämmerung aufgekommen und trieb kleine Wirbel weißen Staubs zwischen den Heimatlosen dahin.

Jenseits der Palmen lagen Reisfelder. Die wenigen Bauern, die Nok entdecken konnte, hielten weiten Abstand zur Straße. Wasserbüffel konnte sie keine sehen.

Ein ganzer Trupp von schwarz gewandeten Karang kam langsam die Straße herab. Es mussten über hundert sein. Immer wieder hielten sie an und redeten mit den Heimatlosen. Ab und an wurde einer der Kauernden hochgezerrt und fortgebracht. Dann hörte Nok gellende Schreie. Sie wagte es nicht, den Kopf zu heben, um besser sehen zu können, was vor sich ging.

»Alles wird gut«, flüsterte ihr Vater mit seiner warmen, freundlichen Stimme, als die Zwillinge zu weinen begannen. »Alles wird gut.«

Nok drängte sich ganz eng an ihn. Sie zitterte, so wie ihre beiden kleinen Schwestern auch. Ihr Vater aber wirkte in sich ruhend wie der Mondberg, zu dem der Khan ziehen musste, wenn er seine Krone vom Herrn des Himmels verliehen bekam.

Immer näher kamen die lebenden Schatten. Nok erkannte auch ihren Onkel Sao unter ihnen. Ein kleiner, sehr dürrer Mann führte sie an.

Schließlich blieben die Rebellen auch vor ihnen stehen. »Das ist ja mal ein ungewöhnlicher Anblick.« Die Stimme des dürren Mannes klang unangenehm hoch. »Nach Tausenden von Volksverrätern, die sich auch jetzt noch bunt wie die Papageien kleiden, plötzlich eine Gruppe von Flüchtlingen, die aussehen, als seien sie Karang. Wie ist das möglich?« Er wandte sich an einen mondgesichtigen Mann, der neben ihm stand. »Arun, diese hier sollen doch in dein Dorf. Erkläre mir dieses Wunder.«

Der Angesprochene gab ein paar gestammelte Laute von sich. Dann schrie er los. »Trang! Wo steckt der Kerl? Er hat sie ausgesucht. Ich habe damit nichts zu tun.«

Der kleine dürre Mann legte den Kopf schief und sah den Mondgesichtigen durchdringend an. »Diese hier sollen in deinem Dorf zum neuen Leben geführt werden, Bruder Arun, und du hast nichts damit zu tun. Ich weiß nicht, ob dem Ersten Schatten diese Einstellung gefallen würde.«

Trang kam herbeigelaufen.

»Wer sind diese neuen Menschen? Wo hast du sie gefunden?«, fragte der Dürre ihn.

»Sie kamen aus dem Palast des Königs, Bruder Hammermann.«

»Aus dem Palast …« Der Anführer der Karang knetete nachdenklich sein Kinn. Seine Finger sahen seltsam aus. Kurz und krumm, und sie waren voller grässlicher Narben. »Ihr da!« Er deutete auf Noks Eltern. »Zeigt mir eure Hände!«

Kunthea und Bun gehorchten.

Der Hammermann trat näher. Betrachtete die Hände. »Schön gewachsene Nägel«, sagte er leise. »Kein Schmutz darunter. Aber Schwielen … Kräftige Hände. Und so schöne schmale Finger.« Er blickte zu den übrigen schwarz gewandeten Flüchtlingen, die sich Kunthea und Bun angeschlossen hatten. »So viele schöne Frauen … Die Frauen aus dem Dschungel sehen anders aus.« Er ging vor ihnen in die Hocke. »Schaut mich an!«, sagte er mit seiner unangenehm hohen Stimme.

Einen wie ihn hätte man niemals auf einer Bühne geduldet, dachte Nok. Ihm zuzuhören war, als würde einem heißes Wachs ins Ohr geträufelt. Er hatte dunkle, leere Augen. Nok musste an die Geschichte über die Dämonen denken, die ihr Onkel ihr erzählt hatte. In diesen Augen lebte keine Seele mehr.

Der Hammermann streichelte Chenda über das lange schwarze Haar. »Du wirst das Rätsel für mich lösen, meine Hübsche. Sag mir, was war dein Vater am Hof des Königs?«

Chenda sah hilfesuchend zu ihrer Mutter.

»Nur sie spricht!«, sagte der Hammermann scharf, um sich dann wieder an Chenda zu wenden. »Keine Angst, meine Kleine. Ihr Kinder seid der Same der Zukunft. Die Karang lieben Kinder. Ich werde dir nichts tun. Nun sag mir, was war die Rolle deines Vaters am Hof des Königs? War er ein bedeutender Mann? Er sieht wichtig aus.«

»Er ist ein General!«, sagte Chenda. Seit sie die ersten Silben gebrabbelt hatte, hatte sie Sprechunterricht von Kunthea erhalten, genau wie Nok selbst. Ihre Stimme war klar, von angenehmem Klang und trug weit, obwohl sie noch ein Kind war.

»Ein General also …« Der Hammermann erhob sich und trat einige Schritte zurück.

»Sie redet Unsinn«, versuchte Kunthea das Unglück abzuwenden. »Sie ist verunsichert …«

»Kindermund spricht wahr!«, entgegnete der Anführer der Karang. »Ich glaube ihr!«

Nok blickte zu ihrem Onkel. Sao stand mit teilnahmsloser Miene hinter dem dürren kleinen Mann. Er unternahm nichts, um ihnen zu helfen.

»Es stimmt!« Ihr Vater stand auf. »Ich bin General Sao Sovan, der Befehlshaber der Palastwache.« Ihr Vater hatte seine Stimme verändert. Er sprach jetzt in demselben überheblichen Tonfall, den er vor zwei Jahren dem General Ming in dem Theaterstück Die roten Kraniche geliehen hatte. Aber warum gab er vor, sein Bruder zu sein?

Ihr Vater richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. Er war immer schon von stattlicher Gestalt gewesen. Den Hammermann überragte er um mehr als Haupteslänge. Keiner unter den Karang war so groß wie er. Die Bauern mit den Bambusspeeren wichen vor ihm zurück. Nur Onkel Sao nicht. Er legte die Hand auf den Griff seines Schwertes.

Die beiden würden sie retten, dachte Nok. Die zwei Brüder würden dafür sorgen, dass die lebenden Schatten sie nicht töteten.

»Glaubst du, ich habe Angst vor dir?« Nur der Hammermann war auf seinem Fleck stehen geblieben. »Deine Welt ist untergegangen, General Sao. Nicht mehr deine Geburt bestimmt, was du bist. Einzig deine Taten. Dies wird das erste Land, in dem alle Menschen gleich sind. Und diese Idee wird in die Welt hinausziehen, denn sie ist richtig. Künftig bekommt jeder in seinem Leben nur noch, was er sich verdient hat. Und was man sich durch seiner Hände Arbeit erschaffen hat, kann einem nicht mehr einfach genommen werden, nur weil Männer wie du es so entscheiden.« Er winkte seinen bewaffneten Bauern. »Bringt ihn auf die Knie!«

Die Bambusspeere senkten sich.

Nok sah zu ihrer Mutter. »Wir müssen ihm helfen«, flüsterte sie.

»Nein«, entschied Kunthea. »Das will er nicht. Er will uns retten. Wir müssen unsere Rollen spielen.« Sie sah Nok, Jiut und Chenda streng an. »Bleibt sitzen!«

Die Krieger umringten ihren Vater. Plötzlich sprang einer vor und stach mit der Spitze seines Speers nach Buns Gesicht.

Ihr Vater wich elegant aus, griff nach dem Speer und drehte dem Bauern die Waffe aus der Hand. Jeder gute Schauspieler lernte zu kämpfen, um Krieger auf der Bühne auch glaubwürdig verkörpern zu können. Ihr Vater war am Hof des Khans aufgetreten! Er war ein Meister. Im ganzen Königreich gab es wahrscheinlich nur eine Handvoll Krieger, die mit dem Schwert und der Schwertlanze besser umgingen als er.

Er ließ den Bambusspeer herumwirbeln und schlug die Waffen eines Dutzends Bauern zur Seite. Das stumpfe Ende rammte er dem Hammermann gegen die Brust, der in den Staub geschleudert wurde.

Die Bauern schrien erschrocken auf, griffen jedoch weiter an.

»Ich will ihn lebend!«, rief der Hammermann.

Immer mehr Karang drängten heran. Unter den wütenden Rufen ihres Anführers schienen sie alle Angst zu vergessen.

Fasziniert sah Nok ihren Vater kämpfen. Nie hatte er so in einer Rolle geglänzt. Er wirbelte herum, schickte etliche Bauern zu Boden. Doch weil er kämpfte, wie man auf der Bühne kämpfte, tötete er keinen. Die Karang bezogen Prügel, aber es schien, als seien sie das gewöhnt. Und ihr Wille wuchs, ihn mit Todesmut anzugreifen, als sie begriffen, dass in diesem Kampf nur einer sterben würde: der General.

Dutzende zerbrochene Bambusspeere lagen auf der Straße. Die Bauern hatten einen weiten Kreis um ihn gebildet. Es mussten fast hundert Speerspitzen sein, die sich aus drei Reihen von versetzt hintereinander stehenden Karang auf Bun richteten.

Nok sah den Stolz in den Augen ihrer Mutter. Sie, die immer etwas an ihrem Mann zu verbessern gefunden hatte, folgte ergriffen diesem Kampf.

Da zog Onkel Sao sein Schwert und trat zwischen die anderen Karang.

Eines der Augen ihres Vaters war fast zugeschwollen. Blut tropfte aus einer Wunde an seinem linken Arm auf die Straße.

Jemand klatschte. Es war jene Art von Applaus, den alle Schauspieler fürchteten. Müde und ohne Begeisterung. Mehr Spott als Anerkennung.

»Was für ein Spektakel, General!« Der Hammermann schob sich in die Lücke zwischen den Speerträgern, durch die Onkel Sao in den Kreis getreten war. »Und doch wissen wir beide, wie es enden wird. Das Volk siegt immer. Nun sag mir, warum trägst du schwarz? Und wer sind die anderen?«

Ihr Vater setzte ein so selbstgefälliges Lächeln auf, als sei er noch immer Herr der Lage. »Ich dachte, ich mische mich unter die Karang und fliehe, während in der Stadt nach der Eroberung Chaos herrscht.«

Der Hammermann schüttelte den Kopf. »Aber es herrschte kein Chaos. Es ist die Arroganz, die deinen Untergang besiegelt hat, General. Und wer sind die anderen?«

Ihr Vater machte eine wegwerfende Geste. »Meine Köchin und ihre Bälger. Ein paar Bedienstete … Von den meisten kenne ich nicht einmal die Namen. Diener eben.« Er sprach noch immer mit der überheblichen Stimme des Bühnengenerals.

»Dann wird es dir gewiss nichts ausmachen, wenn wir einem der Bälger den Kopf abschneiden.«

»Ganz im Gegenteil. Es wäre mir sogar eine Freude, dabei zuzusehen. Könntest du bitte mit der hirnlosen kleinen Kröte anfangen, die mich verraten hat?«

Es lief Nok eiskalt den Rücken herunter, als sie ihren Vater so sprechen hörte. Es klang so echt, als wünschte er sich wirklich Chendas Tod. Nok sah, wie ihrer kleinen Schwester die Tränen über die Wangen rannen, auch wenn kein Laut über ihre Lippen kam.

»Habt ihr das alle gehört?«, rief der Hammermann triumphierend. »Nun hat dieser große Krieger seine Maske fallen lassen! So sind sie in Wirklichkeit, die Helden aus den Palästen. Kindermörder! Die Karang bestrafen nur jene, die es verdient haben. Niemals Unschuldige!« Er wandte sich ihnen zu. »Hab keine Angst, Köchin. Dir und den Kindern wird nichts geschehen. Wir sind gekommen, um euch zu neuen Menschen zu machen und vom Joch der Knechtschaft zu befreien.« Er winkte seinen Bauernkriegern. »Zwingt ihn zu Boden!«

Wieder stürmten die Bauern auf Bun ein, dieses Mal noch wütender. Doch nun war Onkel Sao unter den Kämpfern. Er wich den Angriffen ihres Vaters geschickt aus und arbeitete sich an ihn heran. Sein Schwert hatte Onkel Sao wieder in die Scheide geschoben und parierte ausschließlich mit verhüllter Waffe.

Nok sah, wie ihr Vater seinem Bruder zunickte. Nur wer mit den Bewegungsmustern der Theaterkämpfe vertraut war, konnte bemerken, dass es diese winzige Geste an der falschen Stelle gab.

Kaum drei Herzschläge später versetzte Onkel Sao ihrem Vater einen Schlag in die Kniekehlen, der Bun zu Boden gehen ließ. Sofort wurde ihm ein Dutzend Speerspitzen auf die Brust gesetzt. Es war vorüber. Und Nok war sich sicher, dass dies nur geschah, weil ihr Vater es so gewollt hatte.

Ihre Mutter drückte ihre Hand fester. Ihr Gesicht jedoch blieb so teilnahmslos, als sei wirklich ein ungeliebter Schinder zu Boden gegangen.

Onkel Sao drehte ihrem Vater die Waffe aus der Hand.

Grobe Hände zerrissen Buns Tunika. Ein halbes Dutzend Bauern hielt ihn fest, so dass er auf den Knien blieb. Onkel Sao aber nahm den Kopf seines Bruders und zwang ihn, zum Anführer der Karang aufzublicken. Der zog einen Hammer unter seiner ausgeblichenen schwarzen Tunika hervor.

»Dieses Werkzeug hat schon sehr viel Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft, General«, verkündete er mit seiner unangenehm schrillen Stimme. Plötzlich hielt er einen langen vierkantigen Nagel in der Hand. Er setzte die Spitze des Nagels auf Buns Stirn. »Die meisten sind sofort tot, General. Einige quälen sich viele Stunden lang … und ganz selten kommt es vor, dass der Herr des Himmels entscheidet, dass ein Verurteilter noch eine Aufgabe in unserer neuen Welt hat. Dann lässt er dich weiterleben, mit dem Nagel in der Stirn. Sehen wir nun also, was das Schicksal für dich vorgesehen hat, General.«

Jetzt waren es Noks Finger, die sich fest wie eine Eisenkralle um die Hand ihrer Mutter schlossen. In einem Theaterstück würde gleich Onkel Sao sein Schwert ziehen, ihre Feinde erschlagen und sie über die Reisfelder in Sicherheit bringen.

»Hast du noch letzte Worte, General?«, fragte der Anführer der Karang.

»Wer den Sturm der Tyrannei herbeiruft, wird vom Blitzschlag der Gerechtigkeit gefällt werden.«

Ein Kloß stieg Nok in den Hals. Ihr Vater hatte diese Worte mit seiner warmen, freundlichen Stimme gesprochen. Seiner wirklichen Stimme!

Der Hammer fuhr nieder. Ein einziger Schlag genügte, um den Nagel fast ganz in der Stirn ihres Vaters zu versenken.

Bun tat einen langen Seufzer. Seine Augen verdrehten sich nach oben. Ein einzelner Blutstropfen trat aus der Wunde, rann an seiner Nase herab, um an deren Spitze hängen zu bleiben.

Die Karang traten von ihrem Vater zurück. Auch Onkel Sao.

Bun hielt sich auf den Knien. Er sackte nicht nach vorn. Sein Mund öffnete sich. Er stieß ein paar leise, unartikulierte Laute aus.

»Dir sind wohl für immer die Worte im Halse stecken geblieben«, bemerkte der Hammermann und schob sein Mordwerkzeug unter seine Tunika. Dann kam er zu ihnen herüber.

»Du und deine Kinder, ihr seid jetzt neue Menschen. Ihr seid zum ersten Mal in eurem Leben frei.« Er beugte sich herab und tastete über den Sack, den Nok trug. »Ihr werdet nun einen köstlichen Reisbrei für mich und meine Freunde kochen.«

Südlich von Korang Hom, Stunde des Ebers, 17. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Zischend schnitt die Bambusrute durch die Luft und klatschte auf den Rücken des wimmernden Maskenschneiders, während einige Karang die Goldstücke aufhoben, die aus seinem aufgetrennten Ledergürtel gerollt waren.

»Nutzloser Tand!«, rief Arun, der mondgesichtige Dorfvorsteher, und ließ noch einmal die Rute auf den Rücken des Handwerkers niedersausen, der im Palast der Künstler die Masken gefertigt hatte, die von den Adeligen zu ihren Festen getragen worden waren. So berühmt waren seine Arbeiten, dass selbst der Khan ihn an seinen Wandernden Hof hatte holen wollen.

Arun bückte sich nach einem der Goldstücke und hielt es dem Handwerker dicht vor die Nase. »Das hier ist nichts!« Er schleuderte das Goldstück in das weite Reisfeld, das den Weg säumte.

Nok hörte, wie es mit einem leisen Platschen im Wasser verschwand.

»Noch mal nichts!«, rief Arun und schleuderte ein weiteres Goldstück in die Nacht. »In der neuen Welt bekommt jeder, was er verdient. Kleidung, Essen, einen Platz zum Schlafen, ein Dach über dem Kopf. Wir sind eine große Gemeinschaft aus Brüdern und Schwestern. Wir teilen alles. Es wird für jeden gesorgt sein, der der Gemeinschaft dient. Münzen haben keinen Wert mehr. Sie wurden von Tyrannen ersonnen, um das Volk ausplündern zu können.« Der Mondgesichtige drehte eine der Münzen zwischen den Fingern. »Warum sollte so ein Ding mehr wert sein als ein großer Sack voller Reis?«

»Ich erkenne, das ist dumm«, wimmerte der Maskenschneider.

»Dann ist ja nicht alle Hoffnung verloren.« Der Dorfvorsteher von Melu Wat klopfte dem Maskenschneider auf die Schulter. »Befreie dich vom Ballast deines alten Lebens. Wirf die übrigen Münzen weit ins Reisfeld hinaus. Du wirst sehen, danach fühlst du dich erleichtert. Und wenn du deine erste Schale mit selbst angebautem Reis isst, wirst du ein glücklicher Mensch sein. Es gibt nichts Besseres als die Zufriedenheit, nachdem man die Früchte seiner Arbeit genossen hat. Ich verspreche dir: Besser hast du dich in deinem ganzen Leben noch nicht gefühlt.«

Nok überlegte, ob das stimmen konnte. Ihr Magen knurrte. Eine Schale voll Reis hätte sie jetzt auch glücklich gemacht. Ihre Mutter hatte für den Hammermann gekocht. Er und sieben andere Männer hatten sich die Bäuche vollgeschlagen und den köstlichen Reisbrei gelobt. Und dann hatten sie für Nok und ihre Familie nur eine Schale wässrigen Reis übrig gelassen. Doch ihre Mutter wagte es nicht, neuen zu kochen. Der Hammermann hatte sie ermahnt, nicht ein Reiskorn zu stehlen. Konnte man von seinem eigenen Reis stehlen?

Der Hammermann hatte entschieden, dass ihr Reis nun ihm gehörte. Sie mussten ihn für ihn tragen, mussten ihn für ihn kochen, aber essen durften sie ihn nicht.

Nok fuhr mit der Hand durch den Kupferkessel, den sie zum Kochen nutzten. Nicht ein Reiskorn war darin geblieben. Hungrig schielte sie zu den mit Reis gefüllten Säcken hinüber. Ihr Vater kauerte daneben. Mit leerem Blick stierte er vor sich hin. Ab und an kamen wirre Silben über seine Lippen, die sich nicht zu Worten formen wollten. Drei Fingerbreit ragte der Nagel aus seiner Stirn. Wie ein dünnes Horn. Mutter hatte ihm die Hälfte der spärlichen Reisration zu essen gegeben.

Noks Magen verkrampfte sich. Sie presste sich die Faust gegen den Bauch. Noch nie war sie so hungrig gewesen.

Der Maskenschneider warf sein Gold ins Reisfeld und lobte dabei überschwänglich die Weisheit des Dorfvorstehers Arun. Kunthea gesellte sich zu den beiden. Nok sah genau, was ihre Mutter tat. Sie hatte von Kunthea schon viel über die zweite Rolle des Theaterabends gelernt. Sie sah, wie ihre Mutter sich in der Kunst des flammenlosen Feuers übte. Die Art, wie sie stand, der Ton, in dem sie sprach … Es gab unzählige diskrete Möglichkeiten, in seinem Gegenüber den Traum von einem Rausch der Sinne erwachsen zu lassen. Doch ging sie viel subtiler vor als jene Frauen, denen Liebe zum Geschäft geworden war. Sie verstand es, die Hitze der Leidenschaft zu schüren, ohne dass der andere bemerkte, dass es eine Flamme gab. Arun sollte glauben, dass alles von ihm ausging. Das Begehren und die Kunstfertigkeit, die Frau zu umgarnen, bis sich seine Wünsche erfüllten. Er sollte sich als unwiderstehlicher Eroberer fühlen, um die Früchte der Nacht noch süßer werden zu lassen. Dies war der Unterschied zwischen den Huren und den Schauspielerinnen, die sich in der zweiten Rolle übten.

Auch wenn Nok den Dorfvorsteher nicht leiden konnte, hoffte sie, dass ihre Mutter ihn gewinnen konnte und er sich als großzügig erwies. Denn dies war das Risiko dabei. Glaubte ein Mann, er habe ganz und gar aus eigenem Vermögen eine Frau erobert, dann verfiel er womöglich dem Irrtum, der Beischlaf sei für die Frau Belohnung genug.

Am Hof des Königs war es nicht so gewesen. Die kultivierten Gäste der Theatervorstellungen waren sich der Regeln des Spiels abseits der Bühne bewusst. Durfte man das auch von einem Bauern erhoffen?

Wieder zog sich Nok der Magen zusammen. Sie stellte den sauber gewischten Kessel fort und legte sich am Rand der Straße in den Staub. Mit dem Blick auf ihren Vater schlief sie ein.

 

Südlich von Korang Hom, Stunde der Ratte, 17. Tag des Erntemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nok erwachte mit einem Gefühl, als würde ein großer, schwerer Stein auf ihrer Brust liegen, der ihr das Atmen unmöglich machte. Sie hielt die Augen geschlossen, wusste selbst im Halbschlaf sofort, wo sie sich befand: im Staub der Straße nach Süden. Sie hörte Schnarchen. Irgendwo entfernt leises Wimmern. Und kaum noch wahrnehmbar das Geräusch der Leidenschaft.

Ganz in der Nähe aber wurde geflüstert. Sie erkannte die Stimme ihres Onkels.

»Entschuldige … So lange habe ich dich falsch eingeschätzt. Dich falsch behandelt … Wenn unser Vater dich hätte kämpfen sehen! Du bist ein Sovan, ein Krieger. Und ein Held.«

Da lag etwas in der Stimme ihres Onkels, das Nok die Augen aufschlagen ließ.

Sao kauerte bei ihrem Vater. Er hielt Bun im Arm, wie man ein Kind im Arm hielt, wiegte ihn und presste ihm dabei fest die Rechte auf Mund und Nase.

»Du bist schon nicht mehr hier … Deine Seele hat dich verlassen. Ist im Palast bei all den anderen. In der weiten Halle, in welcher der Rauch den Geistern Gestalt verleiht. Dies ist nur noch eine Hülle. Das bist nicht mehr du, mein Bruder.«

Ihr Vater leistete keinen Widerstand.

Nok sah, wie seine Beine zitterten, doch der Körper bäumte sich nicht auf, kämpfte nicht an gegen die Hand, die ihm den Atem nahm.

Ihr Magen knurrte. Sie dachte daran, wie ihre Mutter ihm die Hälfte von allem Reis gegeben hatte. Dabei hatte er nichts von ihren Lasten getragen und redete auch nicht mehr. Er hatte sich den Reis nicht verdient!

Das waren die Worte der Karang, wurde ihr bewusst. War es Verrat, so zu denken? Der Hunger peinigte Nok.

Ihr Vater lag jetzt still in den Armen ihres Onkels.

Sao ließ den Leib sanft auf die Straße sinken. Als er sich erhob, bemerkte er, dass sie ihn ansah. Er legte einen Finger an die Lippen.

Nok nickte.

Ihr Onkel kam zu ihr herüber. »Es war meine Pflicht.« Seine Stimme klang gehetzt. »Das war nicht mehr dein Vater. Der Hammermann hat ihm die Seele entrissen …« Sao stockte, suchte nach Worten. »Ich werde jetzt auf euch aufpassen. Auf deine Mutter und auf dich und deine beiden Schwestern. Ihr seid Sovans. Ihr seid stark. Jede von euch hat das Herz eines Kriegers, so wie euer Vater. Ich kann es in deinen Augen sehen, Nok. Du bist etwas Besonderes. Du wirst all dies überstehen. Du wirst bis zum Ende der Straße gehen. Wir Sovan sterben oder wir siegen, aber wie geben niemals auf. So wie dein Vater.«

Nok brauchte keine Worte. Sie war in einer Theaterfamilie aufgewachsen. Sie spürte, wenn jemand seinen Text nicht beherrschte. Ihr Onkel improvisierte. Versuchte schönzureden, was er getan hatte. Es vor sich selbst zu rechtfertigen. Und auch vor ihr. Sie aber brauchte keine Worte. Und auch Chenda und Jiut nicht, nicht einmal ihre Mutter. Nok musste an den köstlichen weißen Reis denken, den Kunthea ihrem Vater in den Mund geschoben hatte.

»Bring uns zu essen!«, sagte sie fordernd zu Sao. Dann schloss sie die Augen und dachte an ihren Vater. Daran, wie er sie in den Armen gehalten hatte. Wie er ihr von klein auf beigebracht hatte, eine Rolle zu spielen und ganz darin aufzugehen, jemand anders zu sein. Alles hinter sich zu lassen. Alle Gefühle.

Der Mann mit dem Nagel in der Stirn war nicht mehr ihr Vater gewesen. Auch nicht der vorgebliche General, der so verächtlich von den Bälgern der Köchin gesprochen hatte. Das alles waren nur Rollen. Ihr Vater war ein Mann mit freundlicher Stimme und liebenden Augen. Und in ihrer Erinnerung würde er so lange weiterleben, wie sie atmete.

Korang Hom, Stunde des Ebers, 10. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Es war eine Lektion in Demut, zu sehen, wie das, was bis vor Kurzem der Mittelpunkt seines Lebens gewesen war, in Bedeutungslosigkeit versank.

Sao schritt durch die verlassene Königsstadt Korang Hom. Die breiten Straßen, die gerade noch vor Leben überquollen, lagen verwaist. In den Fugen zwischen den großen Platten des Straßenpflasters wucherte bereits Gras, obwohl kaum mehr als drei Wochen vergangen waren. Er sah die Auslagen der Stände. Feine Töpferwaren, Säcke mit kostbaren Gewürzen, auf denen blaugrau der Schimmel wucherte. Die Karang hatten nichts von all dem angerührt. Nirgends war geplündert worden. Sao hatte in seinem langen Leben als Krieger schon eroberte Städte gesehen. Er war zwei Jahre mit General Xiang Yu in dessen Eiserner Horde geritten. Als einer von vielen Befehlshabern, die für den großen Krieg, der da kommen musste, Erfahrungen im Kampf gegen die Käsestinker sammeln sollte. Er hatte erlebt, wie es war, wenn ein Heer eine Stadt mit Gewalt nahm, und wie schwer es war, die Krieger nach den Plünderungen wieder zu Zucht und Ordnung zu zwingen.

Die Karang hatten ihn überrascht. Er hätte es niemals für möglich gehalten, dass es eine Eroberung fast ohne Blutvergießen geben könnte. Und dass man diese Stadt, von der alle Macht ausgegangen war, im Augenblick des Sieges einfach aufgab.

Er blickte zum Hammermann, den er begleitete. Der kleine, zähe Rebell bemerkte sofort, dass er ihn ansah. Sie mochten einander nicht. Sao hatte keinerlei Zweifel daran, dass der Hammermann die Versammlung, die der Erste Schatten im Königspalast einberufen hatte, nutzen würde, um ihn zu diskreditieren und hinrichten zu lassen.

»Freust du dich darauf, endlich dem Ersten Schatten zu begegnen?«, fragte ihn der Karang.

»Gefühle wie Freude und Neugierde sind überkommen und aus der alten Welt«, entgegnete Sao glatt. »Ich schöpfe meine Freude daraus, dem Ersten Schatten zu dienen.« Sao war immer wieder überrascht, wie viel Aufhebens die Rebellen um Geheimhaltung machten und was für bösartige Intrigen sich die Machthaber vom Rang des Hammermanns lieferten.

Kaum einer hatte den Ersten Schatten je zu Gesicht bekommen. Gleiches galt für den Schwarzen Panther. Und auch die verschiedenen Befehlshaber auf Provinzebene kannten sich untereinander nicht. Da waren nur die Namen, mit denen man keine Gesichter verband.

Sao hatte herausgefunden, dass der Verräter im Königspalast die Schwarze Distel genannt worden war. Diese Distel war eine Legende. Sao vermutete, dass es der Name war, den die Karang ihm gegeben hatten. Sicher war er sich da nicht, denn die Spitzel, denen er Berichte über Planungen und Truppenbewegungen gegen die Rebellen hatte zukommen lassen, hatten ihn nie so angesprochen. Aber da offensichtlich niemand sonst sich so nennen ließ, hatte Sao den Namen einfach für sich in Anspruch genommen. Der Hammermann hätte ihn gern umgebracht, weil er einer aus dem Palast war. Aber seit er in Anwesenheit von mehr als hundert Karang behauptet hatte, die Schwarze Distel zu sein, war dies nicht mehr möglich.

Der Ruhm der Distel reichte weiter als der des Hammermanns. Und dieser kleine Mistkerl wusste nicht, ob Sao den Ersten Schatten vielleicht sogar persönlich kannte. Sao hatte das nie behauptet, aber Andeutungen gemacht, die man so auslegen konnte.

»Und du bist ein guter Diener des Ersten Schattens?«, fragte der Hammermann gereizt.

»Der Erste Schatten weiß um meinen Beitrag, die neue Welt zu begründen. Er kennt meinen Namen und weiß, dass ich jeden seiner Befehle zu seiner vollsten Zufriedenheit umgesetzt habe«, behauptete Sao. Tatsächlich hatte er nie Befehle vom Ersten Schatten bekommen. Jede seiner Taten, jeden Verrat hatte er aus eigenem Entschluss begangen. Er hatte unzählige Briefe an den Ersten Schatten übermitteln lassen, aber nie einen schriftlichen Befehl vom Anführer der Karang erhalten. Aber das konnte der Hammermann nicht wissen. »Dreimal hat mir der Erste Schatten Briefe gesandt, in denen er mir für meine Hilfe dankte, die neue Welt zu erschaffen, nachdem die Seen-Provinz und die Affenberge erobert werden konnten. Aber das kennst du gewiss, Hammermann. Auch dir wird er für deine großen Taten im Kampf um den Süden gedankt haben.«

Mit großer Genugtuung nahm Sao den Blick zur Kenntnis, mit dem ihn dieser mordende Drecksack bedachte. Eifersucht, Angst und widerwilliger Respekt, all das war in diesem Blick vereint. Wenn dieser dürre kleine Hammerschwinger meinte, er könnte ihn durch eine billige Intrige loswerden, dann hatte er sich geirrt. Sao hatte ein Leben am Hof des Königs verbracht. Ja, er war sogar ein Jahr lang als Gesandter am Wandernden Hof des Khans gewesen. Wie man Intrigen konterte, hatte er mit der Muttermilch aufgesogen.

Der Hammermann sah ihn an. »Weißt du, was passieren wird, wenn ich dir jetzt einen Nagel in den Kopf schlage? Nichts, Distel, denn der König ist tot, der Palast gefallen. Der Erste Schatten braucht dich nicht länger.«

Das war eine stärkere Antwort, als Sao erwartet hatte. Vielleicht steckte in diesem kleinen Bauern ja mehr, als er vermutet hatte?

Sao blieb stehen und drehte sich so, dass das Schwert an seiner Seite gut zu sehen war.

Die beiden Bauern mit Bambusspeeren, die sie als Eskorte begleiteten, sahen nervös zum Hammermann.

»Erinnerst du dich an den Kampf von General Sao auf der Straße nach Süden?«

»Ich wundere mich immer noch über seinen plötzlichen Tod. Dabei schien er den Nagel so erstaunlich gut vertragen zu haben.«

Sao musste all seine Willensstärke aufbieten, um nicht nach seinem Schwert zu greifen. Es durfte nicht hier sein. Diese drei durften hier nicht von seiner Hand sterben. Andere Karang wussten, dass er mit dem Hammermann unterwegs war. Und man würde die Schwertwunden erkennen. Selbst diese dämlichen Bauern. Er musste abwarten. Er durfte sich nicht von seinen Gefühlen hinreißen lassen!

»Das Schicksal nimmt manchmal seltsame Wege«, erwiderte er leichthin.

»Und was war mit dem Kampf gegen General Sao?«, fragte der Hammermann eisig.

»Du erinnerst dich daran, wie er gegen deine Bambusspeerträger gekämpft hat?«

»Weißt du, wie viele Krieger auf den Speeren meiner Männer gestorben sind, Distel? Es ist etwas anderes, gegen einen General zu kämpfen. Vergleichst du dich etwa mit ihm?«

»Wenn ich mich recht erinnere, war ich es, der ihn zu Fall brachte.«

Der Hammermann lachte auf. »Nachdem er schon lange gekämpft hatte und verwundet war. Überschätze dich besser nicht, Distel. Nur weil du ein Schwert an deiner Seite trägst, bist du noch lange kein Kämpfer wie Sao. Es heißt, er sei an der Seite von General Xiang Yu in die Schlacht gezogen.«

»Wahrscheinlich hast du recht …« Sao deutete eine Verbeugung an. »Bitte verzeih meine Unbeherrschtheit, Bruder.«

»Schon vergessen.«

Schweigend folgten sie der breiten Straße zum Palast.

Sao wusste, dass der Hammermann niemand war, der einen Streit vergaß. Er hatte in ihm einen Feind, und im Palast würde der Dreckskerl versuchen, ihn umbringen zu lassen. Sich mit ihm zu streiten war dumm gewesen. Aber er würde ihn töten! Und wenn es das Letzte war, was er tat!

So viele Jahre hatte Sao seinem kleinen Bruder Bun Vorhaltungen gemacht. Hatte mit ihm gehadert, weil er Schauspieler geworden war statt ebenfalls ein Krieger, wie ihr Vater es sich gewünscht hätte. Er hatte Bun verprügelt in seinem Zorn, hatte ihn bedroht, aber sein kleiner Bruder war unbeirrt seinen Weg gegangen. Sao hatte ihn einen Weichling genannt, einen Tofu. Aber Bun schaffte es, den König von seinem Talent zu überzeugen, und wurde für seine Familie unantastbar. Er kam in den Palast der Künstler und erhielt seine Ausbildung. Von da an hatte Sao ihn lange nur noch von Ferne gesehen. Und als er dann auch noch diese Kunthea heiratete … sie stammte aus Samhan, einem Königreich weit im Norden, das berühmt war für seine Künstler, für seinen Gesang und für schöne Kleider.

Für Sao war Kunthea immer nur eine Hure gewesen. Eine sehr teure Hure … Er wusste, dass sie sich König Varmajaya hingegeben hatte wie auch anderen … und dann hatte er begriffen, dass sein Bruder Bun das ebenfalls tat. Jeder, der auf der Bühne stand und eine Sprechrolle hatte, war danach zu haben. Und diese Schauspieler fanden offensichtlich nichts dabei! Er hatte jahrelang mit seinem Bruder nicht gesprochen. Und als Kunthea die Kinder bekommen hatte … Immer, wenn er die Kinder angesehen hatte, hatte er gedacht, dass Bun nicht wissen konnte, von wem sie waren. War seinem Bruder das egal? Und er duldete, dass seine drei Töchter zu Schauspielerinnen ausgebildet wurden. Zu Huren!

Sao war verzweifelt gewesen, wie sein Bruder ihren Namen so in den Dreck ziehen konnte. Seit Jahrhunderten waren die Sovans mit dem Königshaus verbunden. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er darüber nachgedacht, Bun zu ermorden, um alldem ein Ende zu setzen.

Jetzt bereute Sao, dass er nicht zu seinem kleinen Bruder gegangen war, um mit ihm zu reden. Als Bun aufgestanden war und behauptet hatte, er zu sein, als er seinen Bruder hatte kämpfen sehen, völlig furchtlos, als Bun bis zuletzt alles gegeben hatte, um seine Familie zu beschützen – und auch ihn –, da erst hatte Sao begriffen, wie wenig er seinen Bruder gekannt hatte.

Sie erreichten die Brücke zum Palast. Ein einzelner Karang stand dort Wache. Ein junger Bursche von höchstens vierzehn Jahren, schätzte Sao. Er musterte sie mit verschlossenem Gesicht, machte aber keine Anstalten, sie aufzuhalten. Eine Narbe lief quer über seine linke Wange. Diese Narbe … Sao erinnerte sich. Der Junge war ein Stallbursche im Palast gewesen. Er sah ihn scharf an. Erkannte der Kerl ihn auch? Konnte er ihn verraten? Schweißtropfen standen auf der niedrigen Stirn des Jungen. Er hatte etwas Animalisches an sich. Seine Augen waren leer. Keine Spur des Erkennens lag in seinem Blick.

Sao mochte die Karang nicht. Sie hatten den Bürgerkrieg gewonnen, aber richtige Krieger waren sie nicht. Ihr größter Vorteil war es gewesen, von dem überzeugt zu sein, wofür sie kämpften. Von den Schatten, die sich nun hier, im verlassenen Palast, versammelten.

Sao blickte auf das mächtige Portal, hinter dem die Halle der tausend Geister lag. Würde Bun dort sein? Würde sein Bruder voller Verachtung auf ihn hinabsehen, wenn er die Halle durchquerte? Am Ende war der, der den General nur auf der Bühne gespielt hatte, der größere Krieger von ihnen beiden gewesen.

 

Korang Hom, Palast der sieben Freuden, Stunde des Huhns, 10. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Pau hatte Mühe, den Worten des Ersten Schattens zu folgen. Das große Haus des Königs beunruhigte ihn. Der Saal, in dem sie sich versammelt hatten, war größer, als es alle Häuser seines Dorfes zusammen gewesen wären. Des Dorfes, das es längst nicht mehr gab. Wegen des Königs!

Pau fragte sich, wozu ein einzelner Mann einen so großen Saal gebraucht hatte. Früher am Tag war er sogar in einem noch größeren Saal gewesen, in dem ein goldener Stuhl mit glitzernden Steinen gestanden hatte. Er wünschte, der Erste Schatten würde auf dem Hof zu ihnen sprechen, wo er den Himmel hätte sehen können.

Er tastete nach dem Hammer unter seiner schwarzen Tunika. Ob die anderen ihm anmerkten, dass ihm dieser riesige Saal zu schaffen machte? Oder ging es ihnen wie ihm?

Aus dem Augenwinkel spähte er zu den übrigen Karang. Sie waren nun die mächtigsten Männer des Königreiches. Die derben Gesichter machten Pau Mut. Sie waren wie er. Aber der Erste Schatten war anders. Er schien es zu genießen, vor ihnen auf und ab zu gehen und in diesem viel zu großen Saal zu sein. Er sprach von ihren Siegen. Lobte sie. Nannte einige bei ihren Namen. Den Namen, die sie im Krieg angenommen hatten. Mit den richtigen Namen sprachen sie sich nie an. Im Krieg war das besser gewesen. So konnte kein Gefangener etwas über die Familien seiner Mitstreiter verraten.

Paus Blick blieb an der Schwarzen Distel haften. Keiner saß so aufrecht wie dieser Verräter. Er hatte den König hintergangen, in diesem großen Haus gelebt, den Bauch immer voll gehabt, und doch hatte er sich für die Hungernden eingesetzt. Pau konnte diesen Verrat nicht begreifen. Und was er nicht begriff, schaffte er gern aus der Welt. Darum ging es in ihrem Kampf: die Welt einfacher zu machen, damit sie zugleich wieder gerechter wurde.

Die Schwarze Distel passte nicht in diese neue Welt. Das würde Pau dem Ersten Schatten erklären, sobald er Gelegenheit dazu hatte.

Wieder tastete er nach dem Hammer unter seiner Tunika. Es war gut, das Eisen zu spüren. Er hatte auch schon einen Nagel für die Schwarze Distel ausgewählt. Der Krieger strahlte Macht aus, so aufrecht, wie er da auf seiner Matte saß, den Blick fest auf den Ersten Schatten gerichtet. Als Einziger trug die Distel das gelbe Halstuch um die Stirn gewickelt. Als Einziger unter allen Befehlshabern hier führte er ein Schwert. Bambusspeere oder aber einfache Werkzeuge waren die Waffen des Volkes. Die Distel passte nicht hierher. Er war ein alter Mensch. Und er gab sich keine Mühe, das zu verbergen. Wenn man Männer wie ihn am Leben ließ, dann konnte die Welt nicht gut und gerecht werden.

Der Steuereintreiber des Königs, der in ihr Dorf gekommen war, war so ein Mann gewesen. Voller Macht und ohne Gnade. Pau war Dorfvorsteher. Er war mit ihm zu den Feldern gegangen, hatte es ihm gezeigt: Die halbe Ernte war verdorben gewesen. Dennoch hatte der Steuereintreiber darauf bestanden, dass die vollen Abgaben an den König geleistet wurden. Seine Krieger hatten den Reisspeicher leergeräumt. Taub für die Klagen der Bauern. Taub für die weinenden Kinder.

Pau hatte es dabei nicht bewenden lassen. Er war dem Steuereintreiber und den großen Lastkarren gefolgt. In der Nacht hatte er einen Sack Reis gestohlen. Er hätte besser erst die Hunde getötet, aber damals war er nur ein Dorfvorsteher gewesen. Kein Dieb und schon gar kein lebender Schatten.

Der Sack Reis war zu schwer gewesen. Noch ein Fehler … aber er hatte ja auch genügen sollen, um seine Familie durchzubringen. Seinen alten Vater, seine Frau und seine beiden Söhne.

Die Wachen des Steuereintreibers hatten ihn schnell gefasst. Heute noch konnte er sich an jede Einzelheit der Hütte erinnern, in die sie ihn gebracht hatten. Vor allem an den grob gezimmerten Tisch. Sie hatten ihn festgehalten, seine Arme gestreckt, und dann hatten sie zwischen seinen Fingern Nägel in das Holz getrieben, um anschließend jeden einzelnen Finger mit einer starken Schnur festzubinden.

Dann erst war der Steuereintreiber gekommen. Mit einem Hammer. Der Beamte des Königs hatte davon erzählt, was für ein schweres Verbrechen es war, den Herrscher zu bestehlen. Und nach jedem Satz hatte er Pau mit dem Hammer auf die Hände geschlagen. Er hatte ihm alle Finger gebrochen und auch einige der Knochen mitten in der Hand.

Wenn das Wetter umschlug, wenn die Regenzeit kam, dann schmerzten Paus Hände so sehr, dass er Opium rauchen musste, um die Tage zu überstehen. Und erst die Nächte … In den Nächten sah er immer wieder das Gesicht des Steuereintreibers.

Nach der Folter hatten sie ihn hinausgebracht und an eine Würgefeige genagelt. Mehr als ein Dutzend Nägel hatten sie ihm durch Arme und Beine geschlagen. Pau wusste, er hatte das nur überlebt, weil der Herr des Himmels noch etwas mit ihm vorhatte. Keiner aus dem abgelegenen Dorf hatte ihm am nächsten Morgen geholfen, als der Steuereintreiber mit seinen Männern weitergezogen war.

Er hatte das sogar verstanden. Schließlich wollte niemand so enden wie er. Drei Tage hatte er gebraucht, um sich von den Nägeln zu befreien. Dann hatte er sich mehr kriechend als gehend auf den Rückweg in sein Dorf gemacht. Als er es erreichte, war es verlassen. Sie hatten sich auf den Weg nach Norden gemacht, um dem sicheren Hungertod zu entfliehen, so wie Tausende andere es auch getan hatten. Zur Königsstadt Korang Hom. Dorthin, wohin man auch ihren Reis gebracht hatte.

Pau hatte versucht, ihnen zu folgen. Aber er war zu geschwächt gewesen. Seine Wunden eiterten. Maden lebten darin. Irgendwann war er zusammengebrochen. Als er wieder erwachte, fand er sich in einem einfachen Zimmer wieder. Ein wandernder Priester hatte ihn gefunden, sich seiner angenommen und ihn gepflegt. Und dann hatte dieser friedliche Priester ihm die Finger ein zweites Mal gebrochen, denn die Knochen waren so schief zusammengewachsen, dass er in seinem Leben nichts mehr hätte halten können.

Pau hatte Wochen verloren. Als er endlich seine Suche hatte fortsetzen können, gab es keine Spur mehr von seiner Familie. Was er fand, waren Tausende Tote. Verhungert an der Straße nach Norden. Die meisten nicht einmal beerdigt, weil jene, die lebten, zu schwach gewesen waren, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen und für sie ein Grab auszuheben.

Aber er fand auch den Steuereintreiber des Königs. Und in dessen Reisewagen sogar den Hammer, mit dem der Kerl ihm die Hände zerschmettert hatte. Den Hammer, mit dem sein Leben, das er früher einmal besessen hatte, zerschlagen worden war.

Seitdem war er der Hammermann. Er war in den Dschungel gegangen und ein lebender Schatten geworden. Ein Karang. Er hatte ein Ziel für sein Leben gefunden. Er kämpfte für die neue Welt, die der Erste Schatten erschaffen wollte. Eine Welt, in der nie wieder einem Dorf der Reis weggenommen werden würde, um damit Leute zu füttern, die nicht einen Handschlag auf den Feldern getan hatten. Eine Welt, in der jeder genau das bekam, was er verdiente.

Korang Hom, Palast der sieben Freuden, Stunde des Huhns, 10. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Wir werden ein neues Zeitalter einläuten!«

Sao beobachtete den Ersten Schatten nun schon seit mehr als einer Stunde. Der Mann hatte Freude daran zu reden. Er erinnerte ihn an einen Lehrer, den er vor langer Zeit einmal gehabt hatte. Meister Lee hatte ihm als Achtjährigem mit großer Leidenschaft die Welt erklärt. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sehr Bun ihn mit Fragen zur Weißglut gebracht hatte. Ihr Lehrer hatte es gehasst, sich mit Fragen auseinanderzusetzen. Die Dinge waren so, wie er es sagte. Es gab keinen Raum für Diskussionen. Und so war auch der Erste Schatten. Er sprach und sprach, und keiner wagte es, ihn zu unterbrechen. Dabei war der Anführer des Bauernaufstands in jeder Hinsicht unscheinbar. Weder groß noch klein, weder dick noch dünn, mit einem rundlichen Gesicht ohne besondere Merkmale. Das schwarze Haar begann schütter zu werden. Seine Haut war dunkel. Es war nicht zu übersehen, dass er lange im Dschungel gelebt hatte. Aber ihm fehlten die harten, abgehärmten Züge der anderen Männer.

Ungewöhnlich waren allein seine Augen. Groß, rund, von dunkelbrauner Farbe. In ihnen brannte das Feuer der Leidenschaft. Er war von dem besessen, was er tat. Er glaubte daran.

»Wir müssen die Welt wieder einfacher machen!«, rief er voller Inbrunst. »Ein Dorf, in dem jeder die Arbeit des anderen sehen kann, ist der ideale Ort. Städte zu gründen war ein Fehler. Sie sind wie eiternde Wunden im Fleisch des Landes. Sie zehren von seiner Kraft. Denkt an all den Reis, der jeden Tag hierher nach Korang Hom geschafft wurde. An das Gemüse, das Fleisch, den Fisch. Und was haben die Bauern erhalten? Kennt ihr einen, der schöne Töpferwaren statt einfacher Reisschalen auf dem Tisch stehen hatte? Kennt ihr einen, der die Seidenkleider der Schneider dieser Stadt getragen hat? Die Bauern haben ihr Blut gegeben. Und was haben sie bekommen? Nichts!«

Die Anführer der Karang hatten sich im Theatersaal des Palasts der sieben Freuden versammelt. Auf Befehl des Ersten Schattens waren die bequemen Stühle entfernt worden. Sie alle saßen auf einfachen Reismatten auf dem nackten Steinboden und sahen zum Ersten Schatten auf, der, während er sprach, ohne Anmut auf der Bühne auf und ab marschierte. Ohne Pause, als sei der endlos lange Marsch über Dschungelpfade, der ihn schließlich in den Palast des Königs geführt hatte, immer noch nicht zu Ende.

Sao hatte Respekt vor Männern, die, ohne zu zögern, bereit waren, alles zu geben, um ihr Ziel zu erreichen. Solche Männer waren selten. Der Erste Schatten war so jemand.

»Den König zu stürzen und dieses Land vom Übel der Städte zu befreien waren nur zwei Schritte. Unser Weg muss uns noch weiter führen, und nun reisen wir ins Unbekannte.« Er trat an einen Tisch auf der Bühne, auf dem ein seltsames Bündel lag. »Dies ist eines der Knochenbücher aus den geheimen Bibliotheken der Yuan.« Klackernd entrollte sich das Bündel. Es bestand aus flachen Knochen, von denen jeder etwa zwei Finger breit war und ungefähr so lang wie ein Unterarm. Sie schienen mit zäher Schnur miteinander verbunden zu sein.

»Die Knochenbücher sind alt wie die Zeit, heißt es«, fuhr der Erste Schatten fort, und seine Rechte glitt über die mit tief eingekerbten Schriftzeichen bedeckten Knochen. »Ich bin ehrlich zu euch, meine Brüder. Es steht sehr viel Unsinn hier. Mären von Drachenkönigen, weißen Füchsen und Eisschlangen. Sogar über Apsaras und Geister habe ich Geschichten gefunden. Wenn man sie liest, könnte man glauben, es habe diese Gestalten wirklich gegeben … Unsinn! Aber etwas habe ich in diesem Buch gefunden, was zutiefst wahr ist: Wie unsere Welt ist, ist nicht festgeschrieben. Wer jammert und sich über sein Schicksal beklagt, ist nur ein elender Wurm. Wer ein Mann ist, steht auf, nimmt sein Leben in die Hand und formt es. Er überzeugt andere, diesen Weg mit ihm zu gehen. Wie ein Töpfer, der einen Klumpen Lehm zu einer Schüssel werden lässt, formt er die Welt.«

Der Erste Schatten schlug mit der flachen Hand auf das Buch, dass die alten Knochen klapperten. »Es ist unsere Geschichte, die ich in diesem Buch gelesen habe. Und dieses uralte heilige Buch sagt klar: Solange wir fest daran glauben und unbeirrbar unsere Ziele anstreben, können wir alles erreichen. Und was wir in Funan erreichen, werden wir weitergeben. Wir werden eine Welt neuer Menschen erschaffen. Dies soll unser übernächstes Ziel sein. Doch zunächst müssen wir die Dörfer auf dem Land neu ordnen. All jene alten Menschen, die bereitwillig ihre Herzen öffnen, sollen uns willkommen sein. Doch machen wir uns nichts vor, meine Brüder. Dies sind Menschen, die wie Maden im Fleisch der Bauern gelebt haben. Sie werden uns anlächeln, uns nach dem Mund reden, aber sie werden es bedauern, ein Leben verloren zu haben, in dem sie durch die Arbeit anderer träge und fett geworden sind. Wir müssen misstrauisch sein. Wir müssen sie beobachten. Und beim kleinsten Verdacht mit eiserner Strenge gegen sie vorgehen, denn viele von ihnen werden darauf sinnen, unsere neue Welt zu zerstören. Die alte Ordnung wiederherzustellen. Wir haben vieles zu verändern und zu bedenken. Unser Kampf ist noch lange nicht beendet. Er ist schwieriger geworden. Unsere Feinde lauern nun mitten unter uns.«

Sao bemerkte, wie mehrere der Karang ihn ganz offen feindselig ansahen. Er war nicht aus dem Dschungel gekommen. Er hatte nicht an ihrer Seite gekämpft. Er war verdächtig. Dagegen musste er etwas unternehmen. Am besten sofort!

Er wollte gerade aufstehen und das Wort ergreifen, als der Erste Schatten laut in die Hände klatschte.

Aus dem dunklen Hintergrund der Bühne lösten sich Gestalten. Sie mussten die ganze Zeit über dort verborgen gestanden haben. Zehn Frauen, alle im Schwarz der Karang. Sie hatten verschlossene, mürrische Gesichter. Bei allen zeigte sich schon erstes Grau im Haar. Im Gegensatz zu den anderen Schatten hatten sie ihre Halstücher wie Gürtel um die Hüften geschlungen.

»Als Teil unserer neuen Ordnung lege ich die Macht über die zehn Provinzen unseres Reichs Funan in die Hände dieser Frauen. Jede von ihnen hat sich in der Zeit des Aufstands bewährt. Jede hat Talent bewiesen, Dinge zu ordnen und, wenn es nötig ist, ohne Rücksicht durchzugreifen. Es sind die Frauen, die in den Dorfgemeinschaften die Ordnung in den Familien aufrechterhalten. Sie sind es, die das Leben organisieren. Dies ist ihr natürliches Talent. Nun soll es ihnen obliegen, die neue Welt zu ordnen. Es sind die Frauen, die Leben gebären. Sollen sie unseren neuen Staat gebären!«

Sao sah den anderen Karang an, wie mühsam sie um Beherrschung rangen. Offensichtlich hatte der Erste Schatten keinen von ihnen auf diese neue Entwicklung vorbereitet.

Dies war für ihn die Gelegenheit zu handeln! Nun konnte er seine eigene Stellung festigen und den Hammermann vernichten. Sao stand auf.

 

Korang Hom, Palast der sieben Freuden, Stunde des Huhns, 10. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Sao begann voller Begeisterung zu klatschen, ganz so, als sei dies noch immer ein Theater und als sei gerade ein großartiges Stück aufgeführt worden.

Die Karang sahen ihn verwundert an. Doch als der Erste Schatten lächelte, sprangen auch die anderen auf. Sie klatschten, zwar mit ausdruckslosen Mienen, aber lautstark. Gefühle zu zeigen gehörte nicht in die Welt der Schatten.

Auch die Frauen, die um den Ersten Schatten gruppiert standen, klatschten. Länger und länger zog sich der Applaus. Sao brannten bereits die Handflächen. Nie zuvor hatte er erlebt, wie ein Publikum so lange Beifall spendete. Unauffällig sah er zu den anderen. Ohne das geringste Anzeichen zu zeigen aufhören zu wollen, schlugen ihre Handflächen aufeinander. Alle hielten sie den Blick auf den Ersten Schatten gerichtet, und ihre Hände klatschten unermüdlich.

Da begriff Sao. Die Karang hatten Angst. Demjenigen, der als Erster aufhörte zu applaudieren, mochte man es so auslegen, dass er nicht wirklich hinter den Plänen des Ersten Schattens stand.

Dieser machte keine Anstalten, das Lärmen zu beenden. Der Beifall musste nun bereits ein Viertel von einer Stunde dauern. Vielleicht auch schon länger.

Sao machte das Spiel noch eine Weile mit. Dann rief er aus Leibeskräften: »Großartig!« Zugleich hörte er auf zu applaudieren.

Nun wagten auch andere, das groteske Geklatsche einzustellen.

Der Erste Schatten sah von der Bühne zu ihm herab. »Du bist die Schwarze Distel, nicht wahr?«

Sao verneigte sich knapp. »So ist es, Bruder. Und als alter Mensch war ich General Sao Sovan, Befehlshaber der Palastwachen. Vor allem aber war ich immer ein Freund des Volkes, weshalb ich mich gegen den König gestellt habe, als Varmajaya das Wohl seiner treuen Untertanen aus dem Blick verlor. Ich war es, der dem Hammermann den Kopf des Königs aus dem Palast brachte. Varmajaya starb von meiner Hand.«

Der Erste Schatten hob die Hände und klatschte. Sofort taten es ihm alle anderen gleich.

Dieses Mal wurde es nur ein kurzer Beifall. Der Anführer der Karang hörte schnell wieder auf. »Du hast uns im Kampf um die neue Welt große Dienste erwiesen, Bruder Schwarze Distel. Deshalb sei dir verziehen, dass du einmal General Sao Sovan warst, ein treuer Diener des Königs.«

»Ich sorge mich um unsere neue Welt«, sagte Sao, bevor der Erste Schatten ein anderes Thema aufgreifen konnte.

»Warum?«

»Weil es genau so ist, wie du sagtest, Bruder. Der Krieg um Funan mag gewonnen sein, doch nun stehen uns neue Kämpfe bevor. Ich sehe die Gefahr, dass es Männer gibt, die ihre neue Macht nutzen werden, um ihre Rache auszuleben. Männer wie den Hammermann. Wenn sie ihren Weg gehen dürfen, dann werden wir die Herzen des Volkes verlieren.« Sao deutete auf den Mörder seines Bruders. »Ihn hat der Krieg wahnsinnig gemacht, Erster Bruder. Er wird diesen Wahnsinn in den Frieden tragen.«

Der Anführer der Karang nickte ernst. »Mir wurde berichtet, auf welche Weise der Hammermann tötet. Er verbreitet Schrecken.«

»Ich übe Gerechtigkeit!«, begehrte der Hammermann mit seiner unangenehm schrillen Stimme auf.

»Er findet Gefallen daran, Menschen zu quälen!«, setzte Sao nach. »Ich habe dies schon bei Kriegern gesehen. Manchmal freunden sie sich so sehr mit dem Tod an, dass er stets an ihrer Seite steht. Sie können Frieden nicht mehr ertragen. Dies ist solch ein Mann! Wir müssen ihn aus unserer Mitte entfernen, bevor er Schaden anrichtet. Wir wollen eine neue Welt erschaffen. In einer Welt, in der es ihn gibt, kann nur Dunkelheit sein.«

Der Hammermann griff unter seine Tunika. »Ich mach dich tot, Lügner!«

»Siehst du es, Erster Schatten?« Sao lächelte. Es war sogar noch leichter, als er erwartet hatte. Der Bauerntrottel spielte ihm in die Hände, so wie er sich aufführte. Jetzt riss er den Hammer hervor und hob ihn drohend.

Der Erste Schatten hatte Sao erreicht.

»Ich töte gar nicht mit dem Hammer, es sind Nägel«, stammelte der Hammermann. »Ihr alle wisst das doch.« Er sah zu den anderen Karang, die nun vor ihm zurückwichen. »Daran seht ihr schon, dass er lügt.« Er lachte haltlos. »Ich töte nur unsere Feinde …«

»Er hat einen Mann getötet, der so dumm war, sich als General Sao Sovan auszugeben. Er hat den falschen General nicht einmal angehört. Der Mann hatte aufgegeben. Er war unbewaffnet, trug die Gewänder eines Karang. Ihn zu töten war die reine Willkür!«

»Dein Schwert«, sagte der Erste Schatten sanft, doch seine Augen waren hart, als er sprach. »Wenn jemand einen weiten Weg mit mir gegangen ist, dann richte ich über ihn. Niemand sonst!«

Sao überreichte ihm die Klinge.

Der Erste Schatten wog die Waffe prüfend in der Hand.

»Seine eigene Tochter hatte gesagt, dass er ein General ist. Ein kleines Kind. Kinder lügen nicht!«, schrie der Hammermann mit seiner unangenehm schrillen Stimme.

Der Erste Schatten wirbelte herum und rammte Sao das Schwert in den Bauch. »Glaubst du, ich vertraue einem Mann, der seinen König hintergangen hat, mehr als einem Bauern, der schon seit vielen Jahren für unsere Sache kämpft? Du wolltest gleich bei unserer ersten Versammlung Zwietracht säen. Du hast in diesem Palast so lange in einer Welt aus Lügen und Intrigen gelebt, dass du glaubst, Herrschaft kann nur so sein. Doch wir werden eine neue Welt erschaffen, General Sao. Eine Welt, in der es für Männer wie dich keinen Platz mehr gibt.«

Sao blickte auf das Schwert in seinem Bauch. Er spürte seine Beine nicht mehr, aber er empfand keinen Schmerz. Nur Überraschung …

»Und du, Hammermann«, fuhr der Erste Schatten fort, »finde das kleine Mädchen, das dich angelogen hat. Finde alle, die es begleiten. Dort wächst eine Intrige gegen die neue Welt heran. Töte alle, die mit dem Mädchen und dem falschen General zu tun haben!«

Sao wollte aufbegehren. Wollte dem Ersten Schatten erklären, dass er sich täuschte. Doch kein Wort kam ihm über die Lippen. Nur ein Röcheln … Er dachte an Nok. An die Nacht, in der er ihr versprochen hatte, dass er sie beschützen würde. Er hatte das Gegenteil getan. Er hatte ihnen den Tod geschickt.

Sieben-Drachen-Fluss, Stunde des Drachen, 12. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nok beobachtete, wie Arun im Fieber am ganzen Leib zitterte. Sie hatte kein Mitleid mit dem Dorfvorsteher. Eine Gruppe seiner Karang stand am Lager des mondgesichtigen Mannes. Sie hatten die Äste des Buschwerks, das am Ufer wucherte, miteinander verflochten, damit diese ihm ein wenig Schatten spendeten.

Nok kauerte etwas abseits unter einem Schwarzholzbaum und beobachtete die Karang. Ohne ihren Anführer wirkten sie ratlos. Seit zwei Tagen warteten sie schon am Rand der Straße, die hier, nahe dem Sieben-Drachen-Fluss, entlang einer steilen Böschung verlief. Das Ufer war von lehmigem Rot, und auch das Wasser des Flusses war rotbraun.

Obwohl es noch früh am Morgen war, herrschte bereits eine schwüle Hitze. Nok sehnte sich nach den kühlen Gemächern des Palastes zurück. Sie hatte in den letzten Wochen gelernt, mit dem Hunger umzugehen. Sattgegessen hatte sie sich nicht ein einziges Mal, seit der Zug nach Süden begonnen hatte. Sie waren nicht mehr viele. Vielleicht etwas über dreihundert. Tausende hatten die große Straße verlassen und waren von den Karang zu irgendwelchen Dörfern geführt worden. Nur für sie, jene Unglücklichen, die Arun auserwählt hatte, wollte der Weg kein Ende nehmen.

Trang kam vom Lager des Kranken. Der junge Bauer ohne Ohren wirkte bedrückt. »Geht ihm nicht gut«, murmelte er, als er Nok erreichte. »Kann sein, er stirbt.«

»Dann lassen wir ihn liegen«, bedrängte ihn Nok. »Kannst du uns nicht nach Melu Wat bringen?«

Trang schüttelte erschrocken den Kopf. »Das wäre Verrat. Er hat uns alle schwören lassen, dass wir bei ihm bleiben. Das können wir nicht machen!«

»Schlag ihm doch mit einem Ast auf den Kopf. Dann ist es vorbei.«

»Mach ich nicht«, kam es störrisch von Trang.

»Weil du Angst hast?« Er war ganz und gar wie die dummen Bauern aus den Theaterstücken, die ein goldenes Herz hatten. Wenn er nur nicht so hässlich wäre. Ihre Mutter hatte Nok geraten, sich unter den Karang einen Beschützer zu suchen. Kunthea hatte dabei an Trang gedacht, das wusste Nok.

»Er ist ein Freund vom Hammermann«, sagte Trang leise. »Der Hammermann wird es herausfinden, wenn wir ihn im Stich gelassen haben oder Schlimmeres …«

»Aber wir haben nichts mehr zu essen!«, begehrte Nok auf. Seit zwei Wochen hatte es von Tag zu Tag mehr Tote gegeben. Wer auf dem Marsch zusammenbrach, den verprügelten die Karang mit Bambusruten, bis er entweder wieder aufstand oder sich gar nicht mehr regte. Es waren die Alten, die neben der Straße liegen blieben, aber auch jene Künstler, die ihre Arbeit im Sitzen ausgeübt hatten. Die Dicken, die Kurzatmigen. Unter den Schauspielern hatte es bislang kaum Tote gegeben. Sie waren zäh.

»Wenn du Hunger hast …« Trang deutete hinab zum Fluss. »Da unten findest du weiße Würmer. Ich war selbst dort, heute bei Tagesanbruch.«

Noks Magen knurrte. Aber er schmerzte nicht länger. Seit zwei Tagen hatten sie gar nichts mehr zu essen. Seit Arun krank war. Vorher war ihre Mutter in den Nächten zu ihm gegangen. Irgendwas hatte sie immer bekommen. Wenigstens eine Handvoll Essen. Eine Papaya. Einmal sogar kalten Curryreis und einen kleinen Fisch. Aber Arun hatte den anderen Karang wohl deutlich gemacht, dass ihre Mutter ihm allein gehörte. Keiner wagte es, sie zu berühren, ja, sie trauten sich kaum, sie anzuschauen, so sehr sie sich auch in der Kunst des flammenlosen Feuers übte.

Jetzt lag Kunthea ein paar Schritt weiter unter einem Busch und schlief. Das war am klügsten, das hatte Nok auch schon verstanden. Sich in den Schlaf zu flüchten. Aber wenn sie von Essen träumte, wurde sie wach.

»Du kannst doch auch zum Fluss gehen«, schlug ihr Trang vor.

»Und dann erschlagen mich deine schwarz gewandeten Brüder, so wie den Goldschmied vor drei Tagen.«

Der junge Bauer schüttelte ärgerlich den Kopf. »Das war ein Befehl von Arun. Aber der gibt jetzt keine Befehle. Außerdem hat sich der Kerl vor unseren Augen vom Weg geschlichen, um Kokosnüsse von Palmen zu stehlen. Die gehören immer jemandem. Wenn du zum Fluss hinabgehst, ist das was anderes. Deine Schwestern sind schon dort unten.«

Noks sah zu ihrer Mutter. Jiut und Chenda hatten sich zusammen mit Kunthea hingelegt, aber jetzt waren sie nicht mehr bei ihr.

Erschrocken sprang sie auf. Ohne an die Bambusruten zu denken, eilte sie die Böschung hinab. Äste peitschten ihr ins Gesicht und zerrten am dünnen Stoff ihrer schwarzen Tunika. Sie rutschte aus, stolperte über Wurzelstränge. Und dann sah sie die beiden. Sie standen bei einer reglosen Gestalt.

Chenda beugte sich vor. Mit spitzen Fingern nahm sie etwas auf.

Nok rannte am Flussufer entlang. »Nicht!«, schrie sie aus Leibeskräften.

Chenda drehte sich zu ihr um. Trotz lag in ihrem Blick. Sie hob die Hand zum Mund.

Da war Nok bei ihr und schlug ihr auf die Finger. »Nicht! Das essen wir nicht!«

Am Ufer lag der Maskenschneider, der sein Gold ins Reisfeld geworfen hatte. Ob er sich aus eigener Kraft hierhergeschleppt hatte? Wahrscheinlich. Keiner kümmerte sich mehr um die Toten. Seine braunen Augen sahen zum Himmel hinauf. Um Nase und Lippen wimmelten Maden.

»Warum essen wir das nicht?«, fragte Chenda. »Mein Bauch tut weh!«

»Meiner auch«, wimmerte Jiut.

»Wir essen nichts, was sich von toten Menschen nährt!«

»Warum?«, drängte Chenda. Obwohl sie und Jiut Zwillinge waren und einander zum Verwechseln ähnlich sahen, unterschied sich ihr Charakter wie Tag und Nacht. Jiut war die Brave, die immer gehorchte und die schnell anfing zu weinen. Unter den Theaterleuten hatte sie den Spitznamen Tränenprinzessin gehabt. Chenda war völlig anders. Wenn es Ärger gab, war sie nie weit.

»Wir haben gestern einen Frosch gegessen«, erklärte Jiut und sah beschämt zu Boden. »Wir haben dir und Mutter nichts gesagt. Er war so klein.«

»Sie hatte die Beine, ich den Rest.« Chenda sah sie herausfordernd an. »Wir haben ihn nicht gekocht oder gebraten.«

»Und? War er gut?«

»Glitschig«, sagte Jiut leise.

»Er war gut!«, behauptete Chenda.

»Wenn ihr Frösche fresst, ist mir das egal.« Nok war verärgert darüber, dass die beiden ihr und ihrer Mutter nichts abgegeben hatten. »Aber Würmer, die auf einem Toten kriechen …« Sie sah den Maskenschnitzer an. Da war immer noch dieser gütige Zug in seinem Gesicht. Nok konnte sich nicht erinnern, je ein böses Wort von ihm gehört zu haben. Einmal während der Regenzeit hatte sie einen ganzen Tag lang bei ihm gesessen, während er eine Fuchsmaske für sie schnitzte. Sie hatte die Maske geliebt. Letzten Sommer hatte ihre Mutter sie zerbrochen und fortgeworfen, weil sie angeblich zu alt war für solches Spielzeug.

Und nun war dieser freundliche Mann, der nie jemandem etwas getan hatte, tot. Heißer Zorn stieg in Nok auf. Die neue Welt war grausam. Sie würde sie bekämpfen, wo immer sie konnte!

»Was ist mit Würmern, die auf Toten kriechen?«, bedrängte Chenda sie.

»Du wirst dein Chi verunreinigen, wenn du Würmer frisst, die von einem toten Menschen gefressen haben. Der Herr des Himmels verachtet das.« Ganz sicher war sich Nok bei dieser Behauptung nicht. Ihre Mutter mochte keine Priester und hatte dafür gesorgt, dass sie möglichst wenig mit deren Vorstellungen von der Welt behelligt wurden.

Jiut blickte ängstlich zur Sonne auf, dem Tagauge des Herrn des Himmels. »Er sieht uns immer zu.« Sie trat einen Schritt von dem Toten zurück. »Er sieht alles, nicht wahr?«

»Blödes Gerede!« Chenda packte ihre Zwillingsschwester beim Arm und hinderte sie daran, noch weiter zurückzuweichen. »Man kann sogar Fleisch von Menschen essen. Hast du vergessen, was Trang uns erzählt hat?«

»Trang?« Nok traute ihren Ohren nicht. »Ihr hört darauf, was dieser einfältige Bauernbursche zu sagen hat?«

»Er wird hier der Anführer sein, wenn Arun stirbt«, stellte Chenda fest. »Und dann wird Trang darüber bestimmen, wer wie viel zu essen bekommt …«

»Er hat uns erzählt, wie er seine Ohren verloren hat«, fiel Jiut ihrer Schwester ins Wort. »Arun hat sie ihm zur Strafe abgeschnitten, weil er so oft nicht gehört hat. Und dann hat Arun ihn gezwungen, seine eigenen Ohren zu essen, auf dass sie ihm wenigstens einen Abend lang den Bauch füllen.«

»Das hat er erfunden.«

»Ich glaube nicht, dass er schlau genug ist, um Geschichten zu erfinden«, sagte Jiut kleinlaut.

»Wenn ihr ein paar Zehen oder Ohren von euch essen wollt, halte ich euch nicht auf«, fuhr Nok die beiden an. »Eurem Chi wird das nicht schaden. Und jetzt kommt ihr mit die Böschung hinauf.«

Chenda hob die Arme und begab sich in den tiefen Stand, bereit, mit ihr zu kämpfen. »Ich werde von den Würmern essen!«, sagte sie entschieden, und noch bevor Nok etwas erwidern konnte, ging ihre kleine Schwester mit Tritten und Fausthieben auf sie los.

Es gelang Nok, auszuweichen. Sie wollte Chenda nicht wehtun. Zugleich aber hatte sie das Gefühl, innerlich in Flammen zu stehen. Aller Zorn der letzten Wochen wollte aus ihr hervorbrechen. Ehe sie ins Wasser abgedrängt wurde, würde sie zurückschlagen!

»Aufhören!« Kunthea stand oben an der Böschung. »Kommt zu mir. Sofort!«

Jiut war die Erste, die loslief, doch auch Chenda gab sofort ihre rebellische Haltung auf und eilte zu ihrer Mutter. Nok ertrug den tadelnden Blick. Sie wusste, was sie zu hören bekommen würde. Sie als Älteste hätte es nicht zu einem solchen Streit kommen lassen dürfen.

Doch statt sie zu tadeln, winkte ihre Mutter ihr nur ungeduldig zu.

Gemeinsam mit ihren Schwestern stieg Nok die Böschung hinauf. Auf der Straße hatten sich ein Dutzend Karang um Trang versammelt. Sie redeten aufgebracht auf ihn ein. Der junge Bauer schüttelte immer wieder den Kopf.

»Sie werden hier verhungern, Dummkopf!« Ein großer, breitschultriger Mann baute sich vor Trang auf. Er trug eine Tunika ohne Ärmel. Um seinen linken Arm wand sich eine breite tätowierte Schlange. »Ist es das, was du willst?«, herrschte er den jungen Bauern an. »Dass sie alle verhungern?«

Trang druckste herum.

»Antworte mir!« Der große Karang versetzte Trang eine schallende Ohrfeige.

»Ich darf niemanden ziehen lassen«, beharrte Trang. »Arun hat es verboten.«

»Ein Mann, dem das Fieber den Verstand vernebelt! Und du gehorchst ihm noch? Ich frage mich, um wen von euch beiden es schlimmer bestellt ist.«

»Aber Arun hat gesagt …«

»Was interessiert mich, was ein Leuteschinder sagt. Wie viele von euren Städtern sind auf dem Marsch gestorben?«

Trang glotze den großen Mann verständnislos an.

»Wie viele?«, wiederholte der Tätowierte seine Frage und hob die Hand, als wolle er erneut zuschlagen.

»Ich weiß es nicht …«

»Wir kommen aus Korang Hom«, mischte ihre Mutter sich ein. »Als wir aufgebrochen sind, waren wir zweihundertvierzehn unter Aruns Befehl. Jetzt sind wir noch einhundertsiebenunddreißig.«

»Ihr hattet siebenundsiebzig Tote?« Ein ganzer Hagel von Schlägen ging auf Trang nieder. Einige andere Karang wollten ihm zu Hilfe eilen, doch die Männer, die zu dem Tätowierten gehörten, hoben drohend ihre Bambusspeere.

Trang hatte Nok nie etwas getan. Es waren Arun und vor allem der Hammermann, der sie vor zwei Wochen verlassen hatte, die für die Toten verantwortlich waren. Dennoch erfüllte es Nok mit Genugtuung zu sehen, wie der tumbe Bauernbursche verprügelt wurde.

»Das ist nicht die neue Welt, die wir erschaffen wollten. Ihr führt euch ja schlimmer auf als die Steuereintreiber des Königs. Was ist aus der Forderung geworden, dass jeder bekommt, was er verdient?« Trang lag am Boden, und der Fremde setzte ihm einen Fuß auf die Brust. »Siebenundsiebzig Tote – ist das Gerechtigkeit?«

»Sie waren zu schwach oder aufsässig …«

Der Tätowierte drückte seinen Fuß nieder, als gälte es, irgendein Ungeziefer zu zertreten. »Werdet ihr euren Dorfvorsteher zurücklassen, nur weil er krank ist? Oder werdet ihr ihn totprügeln, damit ihr weiterziehen könnt?«

»Natürlich nicht!« Trang blutete aus der Nase und den aufgeplatzten Lippen.

»Aber die hier lasst ihr einfach verrecken?«

»Es sind alte Menschen …« Weiter kam Trang nicht. Ein Fußtritt brachte ihn zum Schweigen.

»Gebt ihnen Gelegenheit, zu neuen Menschen zu werden. Ich werde die Kinder mitnehmen, die Kranken, die Alten und die Schwachen und deren Angehörige. Und euch lasse ich die Hälfte von meinen Vorräten hier.«

»Wie heißt du?«

Der Fremde spuckte auf Trang. »Glaubst du, ein Wurm wie du hat es verdient, meinen Namen zu wissen? Glaubst du, ich wüsste nicht, worum es dir geht? Suche nicht nach uns. Du wirst uns niemals finden.«

Die Männer aus dem Gefolge des Tätowierten grinsten verschwörerisch. Sie waren anders als die Karang, die Nok bisher gesehen hatte. Sie wirkten irgendwie lebendiger. Als hätten sie Freude am Leben.

»Ihr beiden!« Der Fremde deutete auf Jiut und Chenda. »Dort hinüber zu meinen Leuten!«

»Das sind meine Töchter!« Kunthea stellte sich schützend vor die Zwillinge.

»Dann nimm deinen Mann und deine anderen Kinder und geh hinüber. Ihr kommt mit mir.«

Nok bemerkte, wie der Blick des Tätowierten etwas zu lange auf ihrer Mutter verweilte. Ebenso, wie ihr auffiel, dass Kunthea ihr Haupt ein wenig zu spät senkte, ehe ein wahrhaft bühnenreifes geheimnisvolles Lächeln ihre Lippen umspielte.

Der Fremde ging weiter. Er wählte die Kranken aus und die Schwachen, ganz wie er es angekündigt hatte. Aber er nahm auch jeden mit, der den Mut aufbrachte, ihn darum zu bitten. Mehr als die Hälfte jener, die Arun aus dem Palast geführt hatte, wechselten zu den Karang unter dem Befehl des Fremden.

Er wies seine Männer an, die Gebrechlichen zu stützen. Zwei Kranke, die gar nicht mehr gehen konnten, wurden getragen. Für die Menschen, die er nicht mitgenommen hatte, ließ er drei Säcke Reis zurück.

Nok sah, wie Trang ihnen im Schatten der Bäume folgte, als sie auf der Straße nach Süden weiterzogen.

 

Sieben-Drachen-Fluss, Stunde des Ebers, 12. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Sie waren am Ende ihrer Kräfte. Noch nie waren sie so lange an einem Tag marschiert. Der Fremde, der so freundlich gewesen war, trieb sie gnadenlos an, ohne zu erklären, was sein Ziel war. Längst war das letzte Abendrot gewichen, die Straße in Dunkelheit versunken, der Dschungel ein Wall aus Finsternis. Zu ihrer Linken befand sich unverändert der breite Fluss.

Noks Füße schmerzten. Der tätowierte Mann trug ihre beiden Schwestern auf den Armen. Seit mehr als einer Stunde schon. Seine Kräfte schienen unerschöpflich. Jiut war eingeschlafen. Aber Chenda hielt sich stolz aufgerichtet und bedachte sie ab und an mit einem spöttischen Lächeln, das Nok in der Dunkelheit mehr erahnte denn sah.

Einige der Karang hatten Tragen aus Bambusspeeren und Tuniken improvisiert.

»Haltet noch ein wenig durch«, sagte der Fremde mit lauter Stimme. »Es ist nicht mehr weit.«

»Und wo werden wir dann sein?«, fragte Nok.

Ärgerlich verpasste ihre Mutter ihr einen Knuff.

»Lass sie. Mir gefällt, dass sie vor nichts Angst zu haben scheint.« Der tätowierte Mann neigte sein Haupt. »Ich bin mir sicher, der Ort, an den ich euch bringe, wird dir gefallen.«

»Wie willst du denn wissen, dass es mir dort gefällt?«

»Es ist ein Ort, der die Mutigen belohnt.«

»Dann wird er mir gefallen«, mischte sich Chenda ein.

Der Fremde lachte. »Er ist gut für uns alle. Es ist ein Ort der Freiheit, des Lichts …«

Für Nok klang das wie aus Mären. Vielleicht stimmte es. Zunächst aber war es schlimmer geworden. Sie mussten immer weiter auf der Straße gehen, ohne Rast. Allerdings wurde niemand geschlagen. Wer am Ende der Kräfte war, dem halfen die Starken weiterzukommen.

So schleppte auch Nok sich weiter, vernahm die Geräusche in der Dunkelheit: das Konzert der Frösche am Flussufer, das Wispern des Windes in den Baumwipfeln, die Schreie der Affen.

Inzwischen hatten einige der Karang Fackeln entzündet. Sie gingen an der Spitze des Zuges. Ab und an stieg einer ein Stück die Böschung hinab. Es schien, als suchten sie etwas.

Nok vermied es, zu den Fackelträgern zu blicken. Ins Licht zu schauen ließ die Finsternis noch undurchdringlicher erscheinen. Sie quälte sich weiter. Ihre Füße waren wund. Die Sohlen ihrer Schuhe so dünn, dass sie auch das kleinste Steinchen auf dem Weg spürte.

Plötzlich wurde etwas am Anfang der Kolonne gerufen. Die Fackeln wurden geschwenkt. »Wir haben sie gefunden!«, rief jemand.

Unter den Karang brandete allgemeiner Jubel auf. Das hatte es bei Aruns Männern nie gegeben.

Nok blickte sich um. Ob Trang ihnen noch folgte? Ganz sicher! Er war nicht sonderlich helle, dafür aber umso sturer. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann brachte er es auch zu Ende. Die Verfolgung aufzugeben, nur weil es dunkel geworden war, das passte nicht zu ihm.

Dort, wo die Fackelträger angehalten hatten, führte ein schmaler Weg durch das Buschwerk zum Fluss hinab. Es dauerte lange, die erschöpften Flüchtlinge dorthin zu bringen. Nok wartete nicht, bis sie an der Reihe war, sondern schlug sich seitlich durch die Büsche.

Der Fluss hatte das Wurzelwerk vieler Sträucher freigelegt. Einzelne Bäume standen im Wasser. Nok hatte keine Wahl, als in den Fluss zu waten, denn es gab kein richtiges Ufer. Fluss und Dschungel gingen hier ineinander über.

Zwischen dem Astwerk sah sie die Fackeln der Karang. Und dann, vor Blicken von der Straße verborgen, Stege … und Dutzende flache Flussboote. Sampans! Manche mit gewölbten Dächern aus geflochtenen Matten über der Bootsmitte. Die größten waren vielleicht zwölf Schritt lang, viele maßen nur die Hälfte. Sie waren bunt bemalt. Bei einigen entdeckte Nok einen umgelegten Mast im Rumpf.

Sie trat auf einen der hölzernen Stege. Die vielen Flüchtlinge, die sich bereits am anderen Ende drängten, ließen den Boden schwanken. Unter der Aufsicht des tätowierten Mannes mussten bereits die ersten in die Sampans steigen.

Nok hörte, wie ihre Mutter ihren Namen rief, konnte Kunthea aber nicht entdecken. Jemand stürzte ins Wasser. Geschrei erhob sich. Dann gab es Gelächter. Nok sah, dass eines der Boote gekentert war. Ein dicker Kerl mit Glatze, der Vorsteher des Palastes der Lotusblüten, den alle immer nur scherzhaft den Gärtner genannt hatten, wurde von zwei Karang aus dem Fluss gezogen. Seine Aufgabe war es gewesen, den Nebenfrauen des Königs alle Wünsche zu erfüllen.

»Nok!« Ihre Mutter winkte ihr zu. »Wo treibst du dich wieder herum?« Sie hatte Jiut und Chenda bei sich.

Nok drängte sich durch die Menge. Die Flüchtlinge hatten Angst. Niemand hatte zuvor etwas von Booten gesagt. Und nach wie vor wollte auch keiner der Karang darüber sprechen, wohin es gehen sollte.

Schon lösten sich die ersten Sampans von den Stegen. Je ein einzelner Ruderer im Heck genügte, um die schmalen Nachen durch das Gewirr aus Wurzeln und Baumstämmen hinaus aufs offene Wasser zu bringen.

»Nok!« Ihre Mutter schloss sie in die Arme. Nok konnte Kuntheas Herz schlagen hören. Ihre Mutter drückte sie so fest an sich, als wollte sie sie nie wieder freigeben.

»Ihr kommt mit mir.« Der tätowierte Mann deutete mit seiner Fackel auf ein langes Boot. Es war rot und weiß, und im tanzenden Licht der Flammen erkannte Nok eine schwarze Schlange, die über die ganze Länge des Rumpfs auf die Planken gemalt war.

Kunthea gehorchte, ohne Fragen zu stellen. Ihre Mutter kam Nok verändert vor, als sei in den Wochen auf der Straße etwas in ihr zerbrochen. Früher schien sie stets ein Glanz umgeben zu haben. Etwas, das aus ihr herausstrahlte. Nun nicht mehr. Sie wirkte müde. Ihr Haar war voller Staub. Es hing ihr in ungeordneten Strähnen in die Stirn.

Vorsichtig hob Kunthea Jiut und Chenda in den leicht schwankenden Sampan. Nok sprang zu ihnen hinab. Das Boot schwankte nun noch stärker. Ihre Mutter musste die Arme ausstrecken, um das Gleichgewicht zu halten.

Alle vier zogen sie sich unter das gewölbte Regendach aus geflochtenem Reisstroh zurück. Das Boot wiegte sich in der Strömung des Flusses. Dieses sanfte Schaukeln beruhigte Nok. Sie hockte neben ihrer Mutter, die Jiut und Chenda mit den Armen umfangen hielt. Die beiden schliefen schnell ein. Nok blieb wach. Sie beobachtete den tätowierten Mann.

Er war anders als die übrigen Karang, die sie bislang getroffen hatte. Er war ein Anführer, aber die anderen Männer gehorchten ihm nicht aus Furcht, sondern offensichtlich, weil sie ihn achteten. Auch behandelte er die Flüchtlinge freundlich. Er half den Gebrechlichen, in die Boote zu steigen, hörte sich mit unendlicher Geduld jede Frage an, sorgte dafür, dass Familien nicht versehentlich getrennt wurden.

Er war der Letzte, der in sein Boot stieg. Er griff nach dem Ruder, und alle Anspannung fiel von ihm ab, sobald er es eintauchte, um das Boot zwischen den Bäumen hindurch ins offene Wasser zu bringen.

Als sie dem dichten Blätterdach der Mangroven entflohen, stand der Mond wie eine riesige silberne Laterne am Himmel. Der tätowierte Mann legte das Ruder ins Boot und entzündete eine Kerze, die er mit einem fahlgelben Lampion gegen den leichten Wind, der über das Wasser strich, abschirmte.

Die beklemmend schwüle Hitze des Ufers war hier nicht mehr spürbar. Nok drehte sich und blickte zu den anderen Sampans. Auf jedem der Boote waren Lampions entzündet worden.

Das stete Schwanken, mit dem der Sampan der Strömung folgte, ließ Nok schläfrig werden. Sie spürte die Wärme ihrer Mutter. Blinzelte gegen die Müdigkeit an und dachte, dass bei halb geschlossenen Lidern die Lampions aussahen wie Sterne, die vom Himmel zu ihr hinabgestiegen waren.

Sieben-Drachen-Fluss, Stunde des Drachen, 13. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nebel trieb, als Nok erwachte, über dem Wasser. Undeutlich sah sie durch die ziehenden Schwaden tiefhängende Äste. Benommen brauchte sie einige Herzschläge, bis sie sich erinnerte, wo sie sich befand. Sie war, an ihre Mutter gelehnt, eingeschlafen. Jiut schnarchte leise. Auch Chenda schlief noch.

Nok verharrte still, um sie nicht zu wecken. Sie beobachtete den Karang mit der Schlangentätowierung am Arm. Er saß leicht vorgebeugt im Heck des Sampans. Ihm blieb nicht lange verborgen, dass sie erwacht war. Er lächelte ihr freundlich zu und führte einen Finger an die Lippen, als sorge er sich um den Schlaf ihrer Mutter.

Nok nickte kaum merklich. Es fühlte sich gut an, über die anderen zu wachen. Träumend blickte sie zu den Ästen hinauf. Breite Bahnen goldenen Lichts stachen durch den Nebel, brachen sich spiegelnd im dunklen Wasser und ließen geisterhafte Lichter über nahe Baumstämme und den Rumpf des Bootes tanzen.

Es lag etwas Magisches in diesem Morgen. Die ganze Welt war wie verzaubert. Die Schrecken des langen Marsches waren weit fort an diesem Ort.

Nok lauschte dem unregelmäßigen Eintauchen des Paddels, wenn der tätowierte Mann den Kurs des Sampans korrigierte. Sie sah orangerote Krebse aus dem Wasser an den Wurzeln und der borkigen Rinde der Bäume emporklettern. Ab und an stürzte einer in die Fluten zurück.

Je mehr der Nebel sich lichtete, desto deutlicher wurde das gewölbte Dach aus Ästen sichtbar. Der Fluss war hier zu einer schmalen, etwa fünf Schritt breiten Fahrrinne verengt. Ein Ufer gab es nicht. Bäume auf stelzenartigen Wurzeln säumten diese Fahrrinne. So weit das Auge reichte gab es keinen festen Grund. Doch die treibenden Nebelschleier erlaubten es auch nicht, tief in das Dickicht des Mangrovenwaldes zu spähen.

Schlingpflanzen wanden sich um die Zweige über Nok. Blüten wucherten in dichten Stauden zwischen den leuchtend grünen Blättern. Alle Farben des Regenbogens schienen in der Pracht der Blüten versammelt. Es war wunderschön.

Einige der Blüten regten sich. Dabei spürte Nok keinen Windhauch. Sie lösten sich in taumelndem Flug von den Ästen, und plötzlich war alles voller schwebender Blüten, und Nok erkannte, dass sie sich geirrt hatte. Es waren Schmetterlinge. Tausende von ihnen, die sich zu farbenschwirrendem Tanz erhoben.

»Nicht bewegen«, flüsterte der tätowierte Mann vom Heck.

Nok wagte kaum zu atmen, aus Furcht, sie könne den Reigen der Schmetterlinge stören. Sie stiegen nun durch den Nebel herab, tanzten dicht über dem dunklen Wasser, flogen über den Sampan hinweg, kamen ganz nah. Dann setzte sich einer auf Noks gelbes Halstuch. Sie verdrehte die Augen, um die schön gezeichneten Flügel sehen zu können. Ein weißes Augenpaar, umrandet von samtigem Schwarz, blickte von den Flügeln zu ihr auf. Daneben prunkten Streifen von einem dunklen Orange, sich abwechselnd mit Schwarz und einem fahlen Gelb.

Ein zweiter Schmetterling ließ sich auf ihrem Halstuch nieder. Seine Flügel zeigten ein schwarzweißes Streifenmuster mit kleineren Augen am Rand. Dann folgte einer in einem schillernden Blau, fast von der Farbe des Seidenschals, den König Varmajaya an dem Abend getragen hatte, als Lebe wohl, meine Kaiserin aufgeführt wurde.

Weitere Schmetterlinge kamen hinzu. Ihre Flügel öffneten und schlossen sich. Ihre zarten Rüssel tasteten über Noks Schal.

Plötzlich stieß Chenda einen Schrei aus und schlug sich auf den Hals. Alle Schmetterlinge stoben auf. Jiut und Kunthea erwachten.

»Alles ist gut«, sagte der tätowierte Mann mit warmer Stimme. »Ihr seid in Sicherheit.«

Nok blickte auf den schillernd blauen Schmetterling, der mit zerdrückten Flügeln zuckend im Rumpf des Bootes lag. Und sie hasste Chenda. Ganz kurz war die Welt ein magischer Ort geworden. Alle Schrecken der letzten Wochen waren verschwunden gewesen.

Jiut indes schaute zu den Schmetterlingen auf, die über ihnen durch das Grün gaukelten. »Wie schön!«, sagte sie ergriffen.

Kunthea streckte den Fuß vor und zerdrückte den Schmetterling mit den gebrochenen Flügeln mit ihrem dicken Zeh.

»Wenn ihr still sitzt, werden sie zurückkommen«, sagte der tätowierte Mann. »Sie halten die gelben Halstücher für Blüten und suchen nach Nektar.«

»Wie heißt du?«, fragte Kunthea.

»Ich bin Niti«, stellte sich der tätowierte Mann vor und deutete eine Verbeugung an. »Nun, da wir auf dem Fluss sind, kann ich euch meinen Namen ja nennen, ohne dass Arun mich gleich findet … sofern er sich denn von seinem Fieber erholen sollte.«

Kunthea maß den Fremden mit abschätzendem Blick. »Warum hast du uns mitgenommen?«

»Weil ich hoffe, dass meine Welt durch euch schöner wird. Darum ging es doch im Aufstand der Karang: eine schönere und gerechtere Welt zu erschaffen.«

Nok spürte, wie ihre Mutter sich anspannte.

Was stellte sich Niti unter solch einer Welt vor? Welche Rolle hatte er ihnen zugedacht?

Statt sich zu erklären, blickte der tätowierte Mann zu den tanzenden Schmetterlingen auf. »Ich mag es, wenn ihre Flügel sanft über meinen Hals streichen und alles um mich herum voller schillernder Farben ist.«

 

Sieben-Drachen-Fluss, Stunde des Pferdes, 19. Tag des Hitzemondes im 15. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Sechs Tage waren sie nun schon auf dem Wasser. Die Ufer waren inzwischen so weit in die Ferne gerückt, dass sie nur noch schmale grüne Streifen waren.

Die Weite machte Nok Angst. Sie fühlte sich ausgeliefert. Sie wusste, ihre Kräfte würden nicht genügen, um schwimmend eines dieser Ufer zu erreichen. Und ihr Sampan wirkte so klein und zerbrechlich in der Wasserwüste, die sie umgab.

Von den vielen Booten waren nur noch sieben geblieben. Auf allen war nun in der Mitte ein Mast aufgestellt. Ein dreieckiges Segel knatterte in der mittäglichen Brise. Der Wind trieb sie immer weiter hinaus, dorthin, wo am Horizont der breite Fluss und der Himmel eins wurden.

»Ist das hier schon das Meer?«, rief Jiut neugierig. Sie stand am Bug und schien keine Furcht zu verspüren.

Chenda hingegen fluchte leise vor sich hin. Eine seltsame Krankheit hatte sie befallen. Ihr war immer wieder übel. Sie vermochte kaum noch, ihr Essen bei sich zu behalten.

»Das Meer ist es, wenn das Wasser salzig schmeckt«, rief Niti vom Heck, von wo aus er das lange Boot mit seinem Ruder auf Kurs hielt.

Jiut tauchte die Hand ins Wasser und kostete davon. »Nicht salzig!«, rief sie ausgelassen.

»Dann ist es wohl nicht das Meer«, kam es vom Heck.

Nok bemerkte, wie ihre Mutter den tätowierten Mann ansah. Kunthea war ihm dankbar. Auch wenn er ihnen immer noch nicht verraten hatte, wo ihre Reise enden würde.

Ihre Fahrt mit Niti hatte sie über schmale Seitenarme des Sieben-Drachen-Flusses und durch Mangrovenwälder geführt. Sie waren tief ins Delta vorgedrungen, und nach und nach hatten sich immer mehr Sampans aus ihrer kleinen Flotte gelöst. Manchmal waren sie an Dörfern, deren Häuser am rotbraun verschlammten Ufer auf Pfählen standen, vorübergeglitten. Stets hatten diese Orte verlassen gewirkt, aber Niti behauptete, die Bewohner hätten sich lediglich versteckt. Die Jahre des Kampfes gegen die Truppen des Königs hatten die Menschen vorsichtig werden lassen.

»Da ist ein rotes Segel!«, rief Jiut vom Bug.

»Das ist kein Segel.« Der tätowierte Mann lachte. »Das ist Kaoh Kraham, die Rote Insel, meine Heimat.«

»Aber sie sieht aus wie ein dreieckiges Segel«, beharrte Jiut.

»Nur aus der Ferne. Das ist ein gewaltiger roter Felsen, der sich aus dem Meer erhebt, meine Hübsche. Es gibt dort Wälder und drei Quellen, wo das köstliche Wasser aus den Tiefen des Berges aufsteigt. Reiche Fischgründe umgeben die Insel, und wer Glück hat, findet dort die schönsten Perlen der Welt. Manche werden so groß wie Weinbeeren.«

»Die möchte ich sehen!«, rief Jiut begeistert.

»Das wirst du«, versprach Niti und änderte leicht den Kurs, so dass der Sampan auf die Insel am Horizont einschwenkte.

Ein Ziel vor Augen zu haben nahm Nok etwas von ihrer Angst. Wie lange es wohl dauern mochte, bis sie die Insel erreichten? Sie wandte den Blick vom Meer ab und betrachtete die Tätowierung an Nitis linkem Arm. »Was für eine Schlange ist das?«

Das Lächeln, das eben noch auf Nitis Antlitz gestrahlt hatte, verschwand. Plötzlich wirkte er düster und verschlossen. »Das ist eine Muräne, keine Schlange.«

Nok hatte noch nie von einem solchen Tier gehört. »Und was ist das?«

Ihre Mutter legte ihr eine Hand auf den Arm. »Still …«

»Lass sie.« Niti schloss die Augen. Sein Mund wurde zu einer schmalen Linie. Sein Gesicht wirkte jetzt hart und kantig. Er war völlig verändert. »Ich hatte einmal einen kleinen Bruder. Muränen sind schlangenartige Raubfische. Sie verstecken sich gern, um dann pfeilschnell ihre überraschten Opfer anzugreifen. Ihr Maul ist voller messerscharfer Zähne. So eine Muräne hat meinem kleinen Bruder den Arm abgebissen. Er ist verblutet, bevor wir das Boot erreichen konnten.«

Niti öffnete die Augen und sah Nok an. »Wir waren selbst schuld. Wir haben getaucht, wo wir es nicht sollten. Dort, wo der Riese ruht, der alle Weisheit der Welt verschlungen hat. Ich hatte es vorgeschlagen, obwohl unser Vater es uns verboten hatte, dort nach Perlen zu suchen. In der darauffolgenden Nacht bin ich noch einmal dorthin zurückgekehrt. Ich habe die Muräne erlegt, die meinen Bruder getötet hatte. Und noch zwei weitere. Damals war ich etwa so alt, wie du es bist, Nok. Für die Menschen auf der Insel bin ich ein Held«, sagte er tonlos. Dann strich er über die schwarze Muräne auf seinem Arm. »Mich erinnert die Tätowierung an meine Vermessenheit. Wir wollten etwas Besonderes sein, mein Bruder und ich. Wir wollten uns einen großen Namen machen. Das war dumm! Ehrgeiz ist das wahre Gift dieser Welt. Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich es nicht bedauere, meinen Bruder dazu überredet zu haben, mit mir dort zu tauchen.«

Niti richtete den Blick auf die Insel. Schweigen senkte sich auf das Boot. Das Segel blähte sich im stetigen Wind und trug sie wie auf Flügeln Kaoh Kraham entgegen.

Die anderen Sampans machten noch mehr Fahrt. Die Karang an den Rudern riefen sich scherzhaft Herausforderungen zu und lieferten sich ein Rennen darum, wer die Insel zuerst erreichte.

Sie begannen ein ausgelassenes Lied zu singen.

»Verzeih meine Frage«, sagte Nok verlegen.

Niti schüttelte den Kopf und lächelte traurig. »Die Tätowierung ist ja nicht zu übersehen. Ihr habt euch lange mit der Frage Zeit gelassen. Ich möchte euch einladen, in meinem Haus zu leben. Dann müsst ihr auch wissen, wer ich bin.«

»Ist das ein großes Haus?«, fragte Jiut und verließ ihren Platz am Bug.

»Groß genug …«

»Und wenn wir die Einladung nicht annehmen?«

Die Frage ihrer Mutter ließ Nok zusammenfahren. War es klug, Niti in dieser Stimmung auch noch zu reizen?

Der tätowierte Mann zuckte mit den Achseln. »Dann werden wir euch ein eigenes Haus bauen müssen. Das ganze Dorf wird dabei helfen. Ich schätze, es werden einige neue Häuser in den nächsten Wochen entstehen.«

Mit den Flüchtlingen, die Nitis Gruppe von Karang bereits begleitet hatten, drängten sich sechsundfünfzig neue Bewohner für Kaoh Kraham auf den Sampans, die der Roten Insel entgegenstrebten.

»Du könntest doch in unser Haus kommen«, schlug Jiut vor.

Niti lachte auf. »Das könnte ich auch, wenn eure Mutter es erlaubt.«

»Wir werden sehen …«

Nok verstand die Zurückhaltung ihrer Mutter nicht. Kunthea hatte sich Arun für eine Handvoll Reis hingegeben. Niti war ein netter Mann. Und bei ihm zögerte sie.

»Ich würde mit dir in einem Haus wohnen«, sagte Nok entschieden.

»Ich auch!«, stimmte Jiut sofort zu.

Niti lächelte sie an. »Ich fürchte, diese Entscheidung liegt bei eurer Mutter.«

Kunthea sagte nichts. Nok wusste, dass es sinnlos wäre, auf ihre Mutter einzureden. Nicht einmal Jiut versuchte es. Und Chenda … ihr ging es nach wie vor nicht gut. Mit aschfahlem Gesicht lag sie im Boot und starrte zum Himmel hinauf. Sie, die immer aufsässig war, hatte all ihre Kraft an das Meer verloren.

Die Rote Insel wurde nun schnell größer. Bald konnte Nok die Wälder erkennen, die auf den roten Klippen wuchsen, Klippen, die sich fast senkrecht aus dem Meer erhoben. Ein Schwarm großer weißer Vögel stieg in die Luft auf und kam ihnen entgegen.

Nun beteiligte sich auch Niti an dem Rennen zur Insel. Er brachte ihren Sampan dichter an den Wind. Doch der Vorsprung der anderen war schon zu groß. Sie holten auf, aber einholen konnten sie die Boote nicht mehr. Sie alle strebten einem tiefen Einschnitt zwischen den Felswänden entgegen, vor dem das Meer in einem Kranz weißer Gischt wütete.

Hoch in den Klippen ertönte der dumpfe Ruf von Muschelhörnern.

Niti lehnte sich weit nach links über die Reling. Angespannt musterte er den breiten Halbkreis aus Gischt. Schon glitt der erste der anderen Sampans durch das schäumende Weiß.

Noks Linke schloss sich fest um die niedrige Bootswand.

Niti zerrte an der Leine, mit der er das Segel führte. Er lehnte sich so weit nach links, dass sich der Rumpf des Sampans steuerbord leicht aus dem Wasser hob.

Chenda keuchte auf.

Jiut jubelte.

Sie wurden durchgerüttelt, während sie das Halbrund aus Gischt passierten. Nok sah schwarze Felsen in dem aufgewühlten Wasser. Dann war es geschafft. Sie glitten zwischen den hohen Klippen hindurch in eine weite Bucht, deren gegenüberliegendes Ende von einem flachen Sandstrand gesäumt wurde. Dahinter erhoben sich auf Pfählen Häuser mit steilen Dächern aus Palmblättern. Es war kein großes Dorf. Nok zählte nur siebzehn Häuser.

Die Bewohner kamen zum Strand herab. Schon legten die ersten Sampans an. Die Heimkehrer wurden aus den Booten herausgehoben und von der lachenden Menge an den Strand getragen.

Der Rumpf ihres Sampans schob sich auf den Strand. Doch Niti wurde anders willkommen geheißen. Die Dorfbewohner grüßten ihn. Manche verneigten sich sogar. Ihn hoben sie nicht auf ihre Schultern, auch wenn sie freundliche Worte für ihn hatten. Nok hatte das Gefühl, als sei er so etwas wie ein König. Aber ein einsamer König.

Jiut sprang über Bord in das flache Wasser und lief johlend vor Freude dem Strand entgegen.

Einige Männer und Frauen halfen, Nitis Sampan weiter auf den Sand zu ziehen.

Nok war ihrer Mutter behilflich, Chenda aus dem Boot zu heben. Ihre kleine Schwester war zu geschwächt, um sich aus eigener Kraft auf den Beinen zu halten.

Die Dorfbewohner sahen sie neugierig an, bedrängten sie aber nicht mit Fragen. Ein alter Mann legte Chenda einen Kranz aus Blumen um den Hals. »Die Meereskrankheit wird hier schnell vorbeigehen«, sagte er voller Mitleid. »Ich weiß, wie das ist. Ich kann auch nicht auf Booten fahren.«

Niti ging zu einem Feuer, das am Strand brannte, und zog einen langen Ast heraus, den er kräftig durch die Luft schwenkte, bis aus der Glut an seiner Spitze Flammen schlugen. Mit dieser Fackel in der Hand stieg er einen kleinen Hügel hinauf, auf dessen Kuppe ein großes Pfahlhaus stand. Das steile Dach war von Moos und Zeit dunkel geworden. Den Giebelbalken schmückte ein unheimlicher Fischkopf mit einem Maul voller dolchlanger Zähne.

Nok und Jiut folgten ihm. Das Haus auf dem Hügel war mindestens zwölf Schritt lang. Es wirkte verlassen. Irgendwie einsam, so wie es abseits vom Dorf stand.

Niti schleuderte die Fackel auf das Dach. Sofort griff das Feuer auf die trockenen Palmblätter über. Nur wenige Herzschläge, und lange Flammenzungen leckten zum Giebel hinauf.

»Was machst du da?«, staunte Nok.

»Ich habe Kaoh Kraham verlassen, um mit den Karang für eine neue Welt zu kämpfen. Eine Welt der Gerechtigkeit. Eine bessere Welt. Nun ist es an der Zeit, die neue Welt auch hierher zu tragen. Das Haus ist voller düsterer Erinnerungen. Ich möchte sie hinter mir lassen.«

Er sah zu Nok hinab und wirkte erleichtert. »Ich werde für deine Mutter und deine Schwestern ein neues Haus bauen. Ein Haus, in dem euer Lachen wohnt. Ein Haus voller Farben und Schönheit. Und mir baue ich eine Hütte. Ich brauche nicht viel Platz.«

Jiut, die nun auch bei ihnen angelangt war, nahm seine Hand. »Ich werde dir dabei helfen, Niti.«

Nok ergriff seine andere Hand. Die Linke, über der sich die Muränentätowierung den ganzen Arm emporwand. »Ich helfe dir auch!«

Kaoh Kraham, Stunde der Schlange, 19. Tag des Knospenmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nein, das Wasser ist hier zu tief für dich, Jiut. Nok wird mit mir tauchen«, entschied Niti in einem Tonfall, der eigentlich keinen Widerspruch erlaubte.

Ihre kleine Schwester kreuzte schmollend die Arme vor der Brust. »Was Nok kann, kann ich auch«, grummelte sie vor sich hin. »Denkt bloß nicht, dass ich Angst hätte.«

Nok band sich das Muschelmesser mit dem Griff nach unten an ihren linken Oberarm, so wie es auch Niti getan hatte. Seit acht Monden waren sie auf Kaoh Kraham, und nie war ihr Leben schöner gewesen. Der Perlentaucher nahm sie und ihre kleine Schwester oft mit hinaus aufs Meer. Er hatte unendlich viel Geduld mit ihnen und brachte ihnen alles bei, was er über das Meer und seine Eigenarten wusste.

Wie versprochen, hatte Niti ihrer Mutter ein großes Haus gebaut. Er selbst bewohnte eine kleine Hütte am Waldrand. Über die Monde war er ihrer Mutter nähergekommen. Kunthea hatte sich ihm gegenüber lange kühl und abweisend verhalten. Sie hatte erobert werden wollen. Insgeheim hatte Nok allerdings den Verdacht, dass ihre Mutter Niti vom ersten Augenblick an gemocht hatte. Der Perlentaucher strahlte eine selbstbewusste Ruhe aus. Ganz so, wie früher einmal ihr Vater.

Wenn sie jetzt an Bun dachte, war Nok nicht mehr traurig. Es war für sie wirklich so gekommen, wie die Karang es gesagt hatten. Sie lebte in einer neuen Welt. Die Flüchtlinge waren in dem Dorf gut aufgenommen worden. Für die Fischer bedeuteten sie eine Bereicherung ihres Lebens. Kunthea brachte den Kindern und auch etlichen der Erwachsenen aus dem Dorf Lesen und Schreiben bei und wurde es niemals müde, Gedichte vorzutragen oder aus den großen Theaterstücken zu rezitieren, in denen sie einst Königinnen und Prinzessinnen gespielt hatte.

Die Schrecken des langen Marsches nach Süden lagen weit hinter ihnen. Von Trang, Arun und dem Hammermann hatten sie nichts mehr gehört. Und nur sehr selten kamen Boote der Provinzvorsteherin, um Abgaben für die Karang einzutreiben. Bei diesen Gelegenheiten hörten sie, dass auf dem Festland viel Wald gerodet worden war, um neues Ackerland zu schaffen, dass große Bewässerungskanäle gegraben wurden und dass man Deiche aufschüttete, um beim Frühlingshochwasser dem Wüten der Sieben Drachen Einhalt zu gebieten.

»Träumst du, Nok?«

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, griff nach der Holzklammer, die neben ihr im Boot lag, und stülpte sie sich auf die Nase.

»Ich sollte mit dir tauchen«, drängte Jiut, aber Niti überhörte die Kleine einfach.

»Bereit?«, fragte der große Perlentaucher noch einmal.

Nok atmete tief ein und tastete nach dem Messer an ihrem Oberarm, dann nach dem kleinen Netz an ihrem Gürtel. Alles war, wo es sein sollte. Abgesehen von einem Lendenschurz, waren sie alle drei nackt. Obwohl der Himmel in diesem Mond fast immer grau war und es beinahe stündlich Regenfälle gab, war es bereits sehr warm.

Nok nahm sich einen der mit Seilen umwickelten schweren Steine, die am Boden des Bootes lagen. Pfeifend stieß sie die Luft aus. Dann atmete sie erneut ein, trat mit einem Fuß auf den Bootsrand und ließ sich, ohne zu zögern, ins Wasser fallen. Der Stein, den sie hielt, zog sie in die Tiefe. Er blieb durch das Seil mit dem Boot verbunden.

Nok ließ ein wenig Luft aus ihrem Mund entweichen, die in großen silbrigen Perlen dem dunklen Bootsrumpf über ihr entgegenstrebte. Ihre Ohren fühlten sich an, als habe jemand seinen Daumen hineingesteckt und drücke nun mit aller Kraft zu. Sie ignorierte den dumpfen Schmerz und betrachtete den Meeresboden, dem sie sich schnell näherte. Leuchtend rote, weit verästelte Korallen wuchsen auf den Felsen am Meeresgrund. Dazwischen Seeanemonen, fast so weiß wie die Kirschblüten im Königspalast. Ihre dünnen Fäden wogten in der Meeresströmung. Einzelne Seeigel klammerten sich an die Felsbrocken. Dazwischen lagen weite Muschelbänke.

Bevor sie den Korallenästen zu nahe kam, ließ Nok den Stein los. Dass diese zarten Ästchen Wunden verursachten, die nur langsam heilten, hatte sie auf schmerzhafte Weise gelernt.

Sie stieß ein wenig Luft aus und entschied sich für eine Ansammlung von etwa dreißig schwarzsilbern glänzenden Muscheln. Mit zwei Schwimmzügen war sie bei ihnen. Geschickt löste sie die erste Muschel vom Fels und verstaute sie in dem kleinen Netz an ihrem Gürtel.

Aus dem Augenwinkel wurde sie einer Bewegung gewahr. Sie drehte den Kopf und sah den Ankerstein ruckend zur Wasseroberfläche aufsteigen. Jiut! Was machte ihre kleine Schwester da?

Nok drehte sich um sich selbst. Suchte nach Niti. Schließlich entdeckte sie den Perlentaucher vielleicht zwanzig Schritt entfernt neben einer besonders üppigen Koralle. Mit kräftigen Zügen schwamm sie zu ihm hinüber. Er bemerkte sie, bevor sie ihn erreichte.

Aufgeregt deutete Nok zur Wasseroberfläche.

Nitis Blick folgte ihren Gesten. Ein Schwall silberner Blasen quoll aus seinem Mund. Sofort ließ er von den Muscheln ab und strebte der Wasseroberfläche entgegen. Der dunkle Umriss des Bootsrumpfs glitt bereits davon.

 

Kaoh Kraham, Stunde der Schlange, 19. Tag des Knospenmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Sie konnte genauso lange die Luft anhalten wie Nok, dachte Jiut wütend. Und sie konnte auch genauso gut schwimmen wie ihre große Schwester. Es war ungerecht, sie nie zu den Muschelbänken im tiefen Wasser tauchen zu lassen. Dort fanden Niti und Nok immer die schönsten Perlen.

Ächzend zog sie den schweren Ankerstein an seinem Seil an Bord. Dann eilte sie ins Heck des Sampans und griff nach dem Paddel, das dort lag. Heute würde sie allen beweisen, dass sie das Herz eines Tigers hatte!

Geschickt drehte Jiut den Sampan in die Strömung und begann mit aller Kraft zu paddeln. Eine halbe Meile entfernt erhob sich der Bilderberg aus dem Wasser, eine Klippe, in deren geglättete Oberfläche man vor langer Zeit riesige Reliefs geschlagen hatte. Menschen, groß wie Brotfruchtbäume, waren zu sehen, die steif voreinander standen und sich mit Waffen bedrohten oder einem Herrscher auf einem hohen Thron Geschenke darbrachten.

Jiut hörte hinter sich wütende Rufe, aber sie drehte sich nicht um. Sie hatte zwei luftgefüllte Schweinsblasen aus dem Boot geworfen, obwohl sie eigentlich wusste, dass Niti und Nok so gute Schwimmer waren, dass sie solch eine Hilfe gar nicht benötigten. Sie würden ihr folgen und das Boot schnell wieder eingeholt haben. Eine halbe Meile war nicht so weit.

Trotzdem würde ihr genügend Zeit bleiben, um zwei- oder vielleicht dreimal zu tauchen. Jiut war sich ganz sicher, dass sie am Bilderberg Muscheln mit Perlen finden würde. Dort unten mussten die Felsen geradezu mit Muscheln überkrustet sein. Niemand wagte es, dort zu tauchen. Es war der Ort, an dem Nitis Bruder von der Muräne getötet worden war.

Aber sie hatte keine Angst! Danach würden die beiden sie nicht mehr im Boot zurücklassen!

Während sie paddelte, stellte sie sich die Perlen vor, die sie finden würde. Dick wie Nitis Daumen würden sie sein. Schöner als die Perlen, die sie im Palasttempel des Herrn des Himmels gesehen hatte.

Bald war sie bis auf zehn Schritt an den Bilderberg heran. Sie musste mit dem Paddel gegensteuern, um der Steilklippe nicht zu nahe zu kommen. Kein einziger Busch wuchs hier auf dem geglätteten Fels. Jiut stieß den Ankerstein über Bord. Als das Boot sicher lag, griff sie nach der Klammer für ihre Nase. Sie prüfte den Sitz des Messers am Arm.

Kurz blickte sie auf die Wellen, die sich mit sattem Klatschen an der Steilklippe brachen. Sie wusste, sie würde jede Menge Ärger bekommen. Aber wenn sie eine wirklich große Perle fand, würde Nitis Zorn sicher schnell verrauchen. Vielleicht könnte sie ihn dann sogar überreden, ihrer Mutter nichts zu sagen.

Entschlossen hob sie einen der Tauchsteine auf. Verdammt schwer war das Ding. Sie schleppte ihn zum Bootsrand, wuchtete den Stein hinauf und ließ sich mit ihm zusammen über Bord fallen.

Das Wasser war angenehm kühl. Sie spähte an ihren Füßen vorbei in die Tiefe und erschrak. Hier gab es keinen Grund. Unter ihr klaffte Dunkelheit. Der Ankerstein hatte sich an einem Felsvorsprung verfangen, der wie ein riesiger Dorn aus der Steilwand ragte.

Jiut ließ den Tauchstein los. Ihre Ohren schmerzten, sie war schon zu tief. Auch davor hatte Niti sie eindringlich gewarnt. Sie sollten auf keinen Fall tiefer als zwanzig Schritt tauchen!

Nie zuvor hatte der Rumpf des Bootes über ihr so klein ausgesehen, dachte Jiut. Aber um sich mit solchen Gedanken aufzuhalten, war jetzt keine Zeit. Sie schwamm ein wenig nach links. Auch hier unten war die Felswand seltsam glatt. Sie war …

Erschrocken wich Jiut von der Steilwand zurück. Dort war ein riesiges Auge. Nein, mehr als das. Ein gewaltiges Gesicht war in den roten Stein geschnitten. Weder Korallen noch Muscheln wuchsen darauf. Der Mund des steinernen Antlitzes war weit geöffnet. Eine klaffende Höhle reichte tief ins Gestein. Und ganz am Ende war etwas …

Ein Licht!

Sie durfte sich damit nicht aufhalten. Bald würde ihr die Luft ausgehen. Es war ein weiter Weg bis zur Oberfläche. Und sie musste noch ein paar Muscheln finden! Sie durfte nicht ohne irgendwelche Schätze zur Oberfläche zurückkehren.

Sie strebte von dem Gesicht fort, schräg nach oben, bis sie endlich den geglätteten Fels hinter sich ließ.

Ihre Lungen brannten. Der Schatten des Bootsrumpfs war nun ein ganzes Stück weit weg. Es war schwer, die Entfernung bis zur Oberfläche einzuschätzen …

Sie tauchte an wogenden Anemonen vorbei und fand eine Muschelbank, größer als alle, die sie je gesehen hatte. Es mussten Tausende sein. Eine richtige Stadt der Muscheln.

Jiut zog ihr Messer. Geschickt begann sie, die Perlmuscheln vom Fels zu lösen. Da entdeckte sie eine, die doppelt so lang wie ihre Hand war. Die musste es sein. Dicht bei einer Spalte stand sie vom Felsen ab.

Jiuts Klinge schabte über den Stein. Verfluchte Muschel. Sie schien regelrecht mit dem Felsen verwachsen zu sein. Hatte sich da etwas in der Spalte bewegt?

Verzweifelt stocherte Jiut mit dem Messer. Endlich! Die Muschel brach ab.

Etwas schnellte aus der Felsspalte. Ein Maul voller nadelspitzer Zähne schnappte nach ihr. Jiut rammte die Muschel hinein und ließ los.

Silberne Perlen entwichen ihrem Mund. Auftauchen! Sie musste schnell fort.

Ihr Kopf schmerzte.

Sie brauchte Luft.

Es war so weit bis zur Grenze. So weit bis zu der Grenze, an welcher der Himmel das Wasser küsste.

Ihre Arme wurden schwächer.

Sie musste es schaffen.

Musste …

Kaoh Kraham, Stunde der Schlange, 19. Tag des Knospenmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Dort! Das muss sie sein!« Niti deutete auf etwas, das ein ganzes Stück vom Boot entfernt im Wasser trieb.

Nok schwamm aus Leibeskräften. Jiut trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Ihr langes Haar hatte sich gelöst und wogte wie eine Nachtwolke um ihren zerbrechlichen Leib.

Nok packte ihre Schwester unter den Achseln und drehte sie um. Dunkle Augen starrten leblos zum Himmel hinauf.

»Wir müssen sie ins Boot schaffen!«, schrie Niti gegen das Geräusch der Brandung an.

Gemeinsam brachten sie Jiut zum Sampan. Nok war blind vor Tränen. Sie hätte es besser wissen müssen. Hätte ihre trotzige kleine Schwester besser kennen müssen. Sie hätte voraussehen sollen, was geschehen würde.

Niti erreichte als Erster den Sampan. Hastig zog er sich ins Boot. Nok hielt Jiuts leblosen Körper in den Armen. Dann zog Niti die Kleine an Bord.

Als Nok in den Sampan kletterte, sah sie, wie der Perlentaucher beide Hände über Kreuz auf Jiuts Brust gelegt hatte und drückte. Und drückte … und drückte …

Plötzlich bäumte sich ihre kleine Schwester auf. Sie keuchte, rang um Atem, beugte sich vor und spuckte Wasser, ehe sie neuerlich nach Luft schnappte. »Die Muschel …«, stieß sie hervor. »Die Perle …« Wieder spie sie Wasser. Dann hustete sie und presste sich beide Hände an die Schläfen. »Tut weh …«, stammelte sie, »… das Licht, tief im Mund …« Noch einmal hustete sie. Dann sackte sie in sich zusammen.

»Wir müssen zurück zum Dorf.« Niti nahm das Paddel und eilte zum Heck des langen Boots.

»Was hat sie da gesagt? Was für ein Licht?«

Der Perlentaucher schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, davon zu sprechen. Nicht hier … nicht so nah! Hol den Anker ein.«

Nok griff nach der Leine, zerrte daran, doch sie bekam den Ankerstein nicht frei.

»Schneid die Leine durch!«, befahl Niti und spähte über Bord, als fürchtete er sich vor etwas dort unten im Wasser.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Ebers, 19. Tag des Knospenmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nok stieg den Hügel hinauf, auf dessen Kuppe nur noch rußgeschwärzte Pfähle an Nitis Haus erinnerten. Der Perlentaucher saß an einen dieser Pfähle gelehnt und blickte auf die Bucht hinab. Unten im Dorf erscholl das Lied der Heilung. Die Frauen der Insel hatten sich bei Kunthea versammelt, um für Jiut zu singen. Diese war in einen tiefen Schlaf gesunken, aus dem sie niemand aufzuwecken vermochte, und ihr Körper glühte vor Fieber.

»Darf ich mich zu dir setzen?«

Niti nickte knapp.

Nok ließ sich an seiner Seite nieder und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es ist nicht deine Schuld.«

Der Perlentaucher schüttelte den Kopf. »Ich hätte Jiut erst gar nicht mitnehmen dürfen. Deine Mutter hat recht, wenn sie mir Vorwürfe macht.«

Nok wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Sie hatte ihre Mutter gehört und fand die Vorhaltungen, die sie Niti machte, ungerecht. Jiut hätte das Boot nicht nehmen dürfen. Zwei Taucher auf offener See zurückzulassen … dafür hätte man sie, wenn sie erwachsen gewesen wäre, aus dem Dorf verbannt. Jiut war es, die gegen alle Regeln verstoßen hatte, nicht Niti.

Lange blickten sie schweigend auf die Bucht, in deren Wasser sich, zerbrochen in tausend schillernde Splitter, der Vollmond spiegelte.

»Was wirst du tun?«, fragte Nok schließlich.

»Es gibt Gerüchte, dass ein Krieg gegen den Khan bevorsteht. Wie es aussieht, haben die Karang es geschafft, ihn gegen sich aufzubringen. Vielleicht gehe ich zurück in den Dschungel, um zu kämpfen.«

»Du bist nicht wie der Hammermann und die anderen. Du passt nicht zu ihnen«, wandte Nok ein. »Wir brauchen dich hier.«

»Wozu?« Niti machte eine vage Geste in Richtung des Dorfes.

In den letzten Monden hatten sie viele neue Hütten errichtet. Die Flüchtlinge waren ein Teil der Siedlung geworden. Manche fuhren mit hinaus aufs Meer, um zu fischen. Ein Silberschmied aus dem Palast hatte begonnen, die Perlen, die Niti und andere am Meeresgrund sammelten, zu wunderschönen Schmuckstücken zu verarbeiten. Sie hatten Baumwolle angepflanzt, um selbst Tuch herstellen zu können, und zwei Bruthäuser für Seidenraupen gebaut. Wohlstand war in das Dorf eingezogen, obwohl die Karang inzwischen fast genauso hohe Abgaben forderten wie einst König Varmajaya.

»Du verhandelst für uns alle mit den Kapitänen der Yuan. Du kannst nicht einfach gehen, Niti«, versuchte Nok den Perlentaucher zu überzeugen.

Doch dieser tat es wieder nur mit einem Achselzucken ab. »Das könnte deine Mutter genauso gut. Beim letzten Mal hat allein ihr Lächeln genügt, um den besten Preis zu erzielen, den ich je bekommen habe. Seitdem frage ich mich, was sie wohl erreichen könnte, wenn sie an meiner Stelle verhandeln würde.«

Alle paar Monde ankerte eine der großen Handelsdschunken der Yuan vor der Einfahrt zur Bucht. Bislang war es stets Niti gewesen, der zu den Viermastern hinausfuhr, um mit den Kapitänen Perlen gegen Reis, Tuche, Salz, Gewürze und ein paar Metallwaren zu tauschen. Beim letzten Besuch hatte er Kunthea und sie mitgenommen.

Das riesige Schiff der Yuan würde Nok niemals vergessen. Es glich einem schwimmenden Palast. Der Kapitän hatte sie zur Teezeremonie in seine Gemächer geladen und ihnen in Schalen eingeschenkt, deren Porzellan dünn wie Eierschalen war. Ihre Mutter hatte sich die ganze Zeit über zurückgehalten und kein Wort gesagt, sondern nur den Verhandlungen gelauscht. Dabei war es eine Qual, Niti dabei zuzuhören, wie er sich an der fremden Sprache versuchte. Seitdem unterrichtete ihre Mutter den Perlentaucher jeden Abend in der Zunge der Yuan. Ob sie das in Zukunft noch tun würde?

Wieder horchten sie beide auf den Gesang unten im Dorf. Nok hatte für Jiut gebetet, und Chenda, die sonst oft grob zu ihrer Schwester war, saß seit dem Nachmittag bei ihr und hielt Jiuts Hand.

»Meine Schwester hat etwas von einem Mund gesagt …«, versuchte Nok erneut ein Gespräch in Gang zu bringen. »Was hat sie damit gemeint? Gibt es dort unten eine Felsspalte, die wie ein Mund aussieht?«

Niti schüttelte den Kopf. »Dort ist ein riesiges Gesicht in den Fels geschnitten.«

»So wie die Gesichter in manchen der Türme des Königspalasts?«

Der Perlentaucher schnaubte. »Nein, viel größer. Der Mund ist so groß, dass eine Dschunke hindurchsegeln könnte. Und tief im Mund gibt es ein Licht …«

»War jemals jemand dort?«, fragte Nok. Sie liebte Geschichten von Abenteuern und unheimlichen Orten.

»Keiner, der dorthin schwimmt, kehrt lebendig zurück. Alle zwanzig oder dreißig Jahre gibt es einen Perlentaucher, der verrückt genug ist, zur Quelle des Lichts zu schwimmen. Irgendwann werden ihre Leichen in die Bucht gespült. Sie alle ertrinken.«

»Hast du es je versucht?«, drängte Nok.

Niti drehte den Kopf und sah sie durchdringend an. »Mein Vater hat es getan. Ich werde seinen Fehler nicht wiederholen.«

»Das … Das tut mir leid«, stammelte sie verlegen.

»Das muss es nicht. Du bist ja nicht für seine Fehler verantwortlich.«

»Und dein Bruder ist auch dort gestorben …«

Niti seufzte. »Ja. Das war, nachdem mein Vater tot war. Dieses Gesicht im Fels ist unheimlich. Keine Algen wachsen dort, keine Korallen, keine Muscheln, nichts. Vielleicht, weil sie den Stein so gut geglättet haben?« Er zuckte diesmal auf eine Art mit den Schultern, die klar erkennen ließ, dass er es längst aufgegeben hatte, eine Lösung für dieses Rätsel finden zu wollen. »Wo das Steinbild aufhört und der natürliche Fels wieder beginnt, befinden sich tiefe Spalten. Dort lauern die Muränen. Und es gibt reiche Muschelbänke. Aber es ist einfach zu gefährlich, dort zu tauchen.« Seine Finger krallten sich in den Sand. »Ich wünschte, ich könnte diesen Tag noch einmal von vorn beginnen. Ich würde mein Leben dafür geben.«

Nok glaubte ihm jedes Wort. Sie würde ihm so gerne helfen, wusste allerdings nicht, wie. So verfielen sie erneut in Schweigen, während das Lied aus dem Dorf zu ihnen drang.

»Es gibt eine Mär zu dem Gesicht«, sagte Niti unvermittelt. »Es heißt, die Silberne Prinzessin, die Tochter des Herrn des Himmels, habe einen Riesen aus dem roten Stein der Berge des Weltenrückens erschaffen. Angeblich war er ihre letzte Schöpfung, bevor sie sich auf einer fernen Insel in den Krähenmann verliebte.«

Nok hatte von dem Krähenmann und seiner Liebe zu der Prinzessin gehört. Doch von dem Riesen wusste sie nichts. Gebannt lauschte sie der Erzählung des Perlentauchers.

»Lange überlegte die Prinzessin, was sie dem Krähenmann am Tag ihrer Vermählung schenken sollte. Sie schätzte seine Weisheit und seine Bescheidenheit. Und schließlich entschied sie, dass ein Beweis ihres unendlichen Vertrauens in ihn ihr Geschenk sein sollte. Und so schrieb sie alle Geheimnisse der Welt in zehn Knochenbüchern nieder und beauftragte den Roten Riesen, über diesen Schatz zu wachen und ihn niemandem als dem Krähenmann anzuvertrauen. Doch die Liebe der Prinzessin nahm einen tragischen Verlauf. Ihr Vater entriss ihr die Seele und schleuderte sie vom Herzmond hinab auf die Welt, an deren Rücken sie in drei Teile zerbrach. Und dann schleuderte er den Mond, auf dem seine Tochter ohnmächtig niedergesunken war, hinaus in die Finsternis hinter den Sternen. Danach stieg der Herr des Himmels auf die Erde hinab und forderte von dem Roten Riesen die Knochenbücher, die dieser bewachte. Aber der Riese blieb der Prinzessin treu. Er weigerte sich, sie herauszugeben, und versuchte, ins Meer zu fliehen. Dort jedoch traf ihn der Fluch des Schöpfervaters, und er verlor sein Qi und wurde wieder zu dem, was er einst gewesen war: ein seelenloser roter Fels, der nun dort liegt, wo der Sieben-Drachen-Fluss und das Meer untrennbar eins werden.«

»Eine schöne Mär«, sagte Nok, als es schien, dass Niti nicht mehr weiterreden wollte.

»Es ist mehr als das, Nok. Nur hier auf Kaoh Kraham gibt es rotes Felsgestein. Du kannst Hunderte Meilen in jede Himmelsrichtung reisen und wirst keinen Berg aus rotem Gestein finden. Wie kam es hierher, wenn nicht so, wie in der Mär beschrieben? Und dann das Gesicht im Fels … Alles fügt sich, wenn man den Mären glaubt.«

Nok widersprach ihm nicht, obwohl sie Mären lediglich für Geschichten hielt, mit denen Kindern die Welt erklärt werden sollte. Sie war zu alt, um solchen Unsinn zu glauben. »Was wurde aus den zehn Knochenbüchern?«

»Zwei von ihnen gehören angeblich dem Khan. Eines ging verloren, die anderen aber soll der Rote Riese heruntergeschluckt haben, um sie vor dem Herrn des Himmels zu verstecken.«

Nok atmete scharf ein. »Diese Geschichte darfst du niemals meinen beiden kleinen Schwestern erzählen. Chenda würde jeden Stein auf der Insel umdrehen, um nach den Büchern zu suchen, und Jiut würde noch einmal zu dem großen Gesicht hinabtauchen.«

»Meine Lippen werden versiegelt sein«, versicherte Niti.

Nok mochte den großen Perlentaucher mit der Muränentätowierung auf dem Arm. Er war ein geradliniger Mann. Ganz anders als die Schauspieler und die Höflinge, die sie aus dem Palast kannte. Ein bisschen wie Onkel Sao. Wenn Niti einen Entschluss fasste, dann ging er ohne Umwege auf sein Ziel zu. Seit er in ihr Leben getreten war, wurde alles besser. Das Schicksal hatte ihnen eine neue Welt geschenkt. Und Niti war der Fels, auf dem diese Welt ruhte.

»Ich finde, Mutter ist ungerecht zu dir. Ich werde …«

Er hob die Hand und schnitt ihr mit der Geste das Wort ab. Dann deutete er hinaus zum Eingang der Bucht. Dort war ein blaues Leuchten im Wasser, rings um die Riffe, an denen sich die Wellen brachen.

Das Muschelhorn des Wachpostens hoch in den Klippen ertönte. Es begrüßte das Leuchten mit einem tiefen, langgezogenen Ton, von dem Nok das Gefühl hatte, dass er geradewegs ihr Herz berührte.

Das Lied unten im Dorf verstummte.

»Was ist das?«, flüsterte Nok. Das Licht trieb wie in Schlieren im Wasser, war unterschiedlich intensiv. Am hellsten leuchtete es bei den Klippen. Jetzt ergoss es sich durch den Eingang zur Bucht. Da war etwas inmitten des Lichts. Deutlich erkannte Nok eine dreieckige fahle Flosse, die aus dem Wasser ragte.

»Der Geisterhai.« Niti sprang auf. »Er kommt ihretwegen …«

»Wegen Jiut?«, fragte Nok erschrocken.

Statt ihr zu antworten, lief der Perlentaucher den Hügel hinab.

Noch rief das Muschelhorn in den Klippen. Jetzt erschien es Nok ein düsterer, unheilverkündender Ton zu sein. Der Geisterhai … Sie hatte noch nie eine Mär über ihn gehört. Aber augenscheinlich war er keine Geschichte. Ihn gab es wirklich!

Kaoh Kraham, Stunde des Ebers, 19. Tag des Knospenmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Niti stürmte in das große Haus, das er mit den anderen Dorfbewohnern für Kunthea und deren Kinder gebaut hatte. Die Wände aus Bastmatten waren hochgerollt, so dass es zu allen Seiten hin offen war.

Jiut lag bei der offenen Feuerstelle auf bunten Decken. Die Frauen des Dorfes kauerten in Kreisen um das bewusstlose, fiebernde Mädchen. Ihr Gesang war verstummt.

Jene, die immer schon auf Kaoh Kraham gelebt hatten, sahen ihn schicksalsergeben an. Sie wussten, was der Ruf des Muschelhorns verkündete. Die anderen, die neu hinzugekommenen Frauen, wirkten ängstlich. Bis auf Kunthea. Ihr Blick war wie ein Dolchstoß. Sie wollte ihn nicht unter ihrem Dach sehen.

Niti hatte an vielen Kämpfen gegen die Krieger König Varmajayas teilgenommen. Anfangs waren es fürchterliche Gemetzel gewesen. Die gut ausgebildeten Kämpfer des Königs hatten mit ihren langen Schwertern und ihren Pfeilen unzählige Karang niedergemacht. Sie anzugreifen erforderte selbstmörderischen Mut. Doch keiner dieser Gefechte hatte ihn so viel Überwindung gekostet, wie nun Kuntheas Haus zu betreten und Jiut zu holen.

»Das Meer ruft nach deiner Tochter.« Seine Stimme klang in seinen Ohren fremd. Als spräche ein anderer.

Kunthea stellte sich ihm in den Weg. »Du wirst keine meiner Töchter mehr mit dir nehmen!«, fuhr sie ihn an. Ihre Augen sprühten vor Zorn.

Er senkte den Blick vor ihr. »Das ist nicht unsere Entscheidung. Das Meer ruft Jiut. Sieh hinaus!«

»Was ist das für ein Unsinn!« Kunthea schaute nur flüchtig zu dem Leuchten, das fast den Strand vor dem Dorf erreicht hatte.

»Das Meer ernährt uns. Wir leben mitten in ihm«, sagte Niti eindringlich. »Wir dürfen uns seinem Ruf nicht verschließen. Ich liebe dich, Kunthea. Ich empfinde für deine Kinder, als seien es meine eignen …«

»Du hast nie Kinder gehabt! Du weißt nicht, wovon du redest …«

Er schob Kunthea zur Seite und trat in den Kreis der Frauen. »Wenn das Meer ruft, geht es uns alle an. Deine Trauer und deine Ängste stehen nicht über dem Wohl des Dorfes.« Er sah aus dem Augenwinkel, wie Kunthea nach dem hölzernen Schwert griff, das an einem der Pfosten lehnte, die das Dach trugen. Sie hatte es aus dem Kernholz eines Mahagonistammes gefertigt, täglich mit der Waffe geübt und auch ihre Kinder im Kampf unterwiesen. Es war beängstigend gewesen, ihnen zuzusehen. Als seien die Krieger des Königs mitten unter ihnen.

»Haltet sie zurück!«, befahl Niti mit tonloser Stimme.

Kunthea zögerte einen Augenblick, das Holzschwert gegen die Frauen zu richten, die gerade noch mit ihr für Jiut gesungen hatten. Sie wurde überwältigt.

Niti beugte sich neben dem Lager der Kleinen nieder. »Wir gehen diesen Weg gemeinsam. Dieses Mal werde ich bei dir sein.« Er hob Jiut auf die Arme und trug sie aus dem Haus.

»Ich verbiete dir, sie zum Meer zu bringen!«, rief Kunthea.

Chenda, die mit den Frauen gesungen hatte, griff nach dem Holzschwert, doch auch sie wurde gepackt und festgehalten. Die Frauen des Dorfes wussten, dass es Unglück heraufbeschwor, wenn sie sich dem Meer widersetzten. Sie alle hatten die See schon zornig gesehen. Keine würde es mutwillig herausfordern.

Niti ging dem Ufer entgegen, als Nok ihn erreichte. »Was wirst du tun?« Sie lief an seiner Seite, stellte sich ihm aber nicht in den Weg.

»Was ich tun muss«, entgegnete er niedergeschlagen. Der Geisterhai zog in weiten Kreisen durch die Bucht. Eine Spur aus blauem Leuchten, durchsetzt mit Lichtpunkten, weiß wie fallende Sterne, markierte seinen Weg.

Niti erreichte den Uferstreifen. Das ganze Dorf war auf den Beinen. Doch die anderen hüteten sich, dem Wasser nahe zu kommen. Schweigend sahen sie zu, warteten auf das Urteil des Meeres.

Ein einziges Mal hatte Niti erlebt, dass einer der Geisterhaie in die Bucht gekommen war. Damals hatte ein alter Fischer im Sterben gelegen. Sie hatten ihn auf ein Floß aus luftgefüllten Schweinsblasen gebunden und in die Bucht hinaustreiben lassen. Heute noch schreckte Niti manchmal aus dem Schlaf auf, wenn er von dieser Nacht träumte, von den Wolken aus Blut, die durch das blaue Leuchten wogten.

Ganz gleich, was kommen würde, er würde den Weg mit Jiut gemeinsam gehen. Auch wenn Kunthea es nicht glaubte, ihre Mädchen waren wie Töchter für ihn.

Er schritt hinaus ins Wasser. Rings um ihn leuchtete es auf, als wollte das Meer ihn grüßen.

Der Geisterhai machte eine weite Kehre und schwamm ihm entgegen. Die großen Räuber kamen nur selten in Küstennähe.

»Was tust du da?« Nok war neben ihm im Wasser.

»Das ist eine Sache zwischen dem Meer und deiner Schwester. Geh zurück!«

Die letzten beiden Worte hatte er ihr ins Gesicht geschrien, doch Nok hörte nicht auf ihn. Sie wich nicht von seiner Seite.

»Das Meer wird sie heilen oder zu sich holen.«

Es war zu spät. Der Geisterhai war nur noch wenige Schritt entfernt. Seine Rückenflosse zerschnitt das leuchtende Wasser. Wenn das Mädchen nun vor ihm floh, würde ihn das nur reizen.

»Steh ganz still, egal was nun geschieht!«, sagte Niti beschwörend.

Dieses Mal gehorchte Nok, eingeschüchtert vom Geisterhai.

Die Meeresbestie war fast so lang wie sein Sampan, dachte Niti, während er mit seiner Rechten Jiuts rechte Hand anhob und sie dem Hai entgegenstreckte. Was immer geschehen würde, es würde ihnen gemeinsam widerfahren.

Das riesige Maul klappte einen Spalt weit auf. Seelenlose schwarze Augen blickten zu Niti empor. Der weiße Hai schwamm dicht an ihnen vorbei. Jiuts und seine Fingerspitzen streiften die raue Haut. Der Räuber drehte ab und steuerte auf Nok zu.

Niti stockte der Atem. Er hätte sie aufhalten müssen!

Doch der Hai glitt auch an ihr vorüber. Sie streckte die Hand aus, berührte sacht die Rückenflosse.

Dann schwenkte der Räuber ab. Umspielt vom blauen Meeresleuchten, strebt er der Lücke zwischen den Riffen am Ende der Bucht entgegen, um in der endlosen Weite zur verschwinden.

Jiut regte sich in Nitis Armen. Sie schlug die Augen auf und sah ihn verwundert an. »Das steinerne Gesicht«, stammelte sie. »Ich …« Entsetzen lag in ihrem Blick. »Ich bin ertrunken.«

»Fast.« Niti nickte. »Du warst an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Das Meer hat uns einen Boten geschickt, um dir die Richtung zu weisen. Du sollst leben. Du hast einen Geisterhai berührt. Das können nur sehr wenige von sich sagen.«

Jiut lächelte erschöpft. »Darauf wird Chenda immer eifersüchtig sein.«

Niti konnte den Sturm seiner Gefühle nicht länger beherrschen. Er lachte laut auf, drückte sie fest an seine Brust. Zugleich rannen ihm Tränen über die Wangen.

Er hielt Jiut ganz fest an sich gepresst, lebendig in seinen Armen, während er zum Ufer zurückwatete, wo Kunthea ihn mit versteinerter Miene erwartete. Und ganz gleich, was sie zu ihm sagen würde – er wusste, dieser Augenblick, genau jetzt, war der wundervollste seines Lebens.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Ebers, 5. Tag des Erntemondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Die ist größer als die größte Erbse, die ich je gesehen habe.« Jiut hielt die Perle, die sie gefunden hatte, dem Licht der Sonne entgegen.

»Ich würde sagen, sie ist fast so groß wie eine fette Bohne«, rief Niti vom Heck.

»Eine Linse trifft es wohl eher«, neckte Nok ihre kleine Schwester.

»Du hast keine Ahnung vom Kochen, von Erbsen, Linsen und Bohnen. Und noch weniger von Perlen!« Jiut sah schmollend zu ihr hinüber. »Und überhaupt bist du das eifersüchtigste Geschöpf unter dem Tagauge des Herrn des Himmels.«

»Ich verneige mich in Demut vor dem Urteil der großen Perlensucherin.« Nok beugte sich vor und zauste ihrer kleinen Schwester das Haar. »Eins muss ich auf jeden Fall zugeben: drei Perlen in drei Tagen habe ich noch nicht gefunden.«

Jiut grinste sie breit an. »Sag ich doch, dass du keine Ahnung hast. Ich sehe den Muscheln an, in welcher sich eine Perle verbirgt.«

»Eindeutig.« Nok wies mit ihrem Muschelmesser auf den großen Haufen von Schalen zu Füßen ihrer Schwester. »Warum bringst du all die anderen Muscheln mit hoch, wenn du genau weißt, in welcher von ihnen eine Perle steckt?«

»Na, weil ich die Pelikane so liebe!« Jiut knackte eine Muschel und warf das Muschelfleisch über Bord. Noch bevor es im Wasser versinken konnte, schnappte es sich einer der Pelikane, die neben dem Sampan in der Meeresdünung paddelten und das Boot nicht einen Herzschlag lang aus dem Blick ließen.

»Wenn es darum geht, wer hier am besten nach Perlen taucht, hat Jiut unbestreitbar den ersten Platz errungen.« Niti ließ ihr Boot auf den Halbkreis aus schäumender Brandung einschwenken, der es so schwer machte, die große Bucht von Kaoh Kraham anzusteuern.

Triumphierend hielt Jiut ihre Perle in die Luft. »Beste Perlentaucherin!«

»Mir geht es eher so wie Nok«, fuhr Niti fort. »Ich muss weit über hundert Muscheln hochholen, um auch nur eine Perle darin zu finden. Einmal habe ich einen ganzen Mond lang keine einzige vom Meer geschenkt bekommen.«

Nok mochte das Gefühl der Verbundenheit, das Niti in ihr weckte. Und Jiut genoss es, von ihm zur Siegerin erklärt worden zu sein – sie hatte zehn Wochen lang nicht aufs Meer hinaus gedurft. Vor drei Tagen erst hatte Kunthea ihr wieder erlaubt, in Nitis Sampan zu steigen. Jeder im Dorf sah in Jiut nach der Nacht des Geisterhais ein Kind des Meeres. Und am allermeisten Jiut selbst. Sie hatte darunter gelitten, kein Boot mehr besteigen zu dürfen. Sie war dürr geworden. Kein Tag war vergangen, an dem sie nicht geweint und ihre Mutter bedrängt hatte.

Was Kunthea dazu bewogen hatte, ihre Meinung zu ändern, wusste Nok nicht, aber sie war davon überzeugt, dass nur Niti der Grund sein konnte. Die stille, in sich ruhende Art des Perlentauchers beeindruckte ihre Mutter, auch wenn dies Kunthea nicht davon abhielt, sich mit Niti über allerlei Kleinigkeiten zu streiten.

Nok schaute zu den Felsen, die am Eingang zur Bucht aufragten, und schob ihr Muschelmesser in die Scheide an ihrem Oberarm. Die Flut musste fast ihren Höhepunkt erreicht haben. Die Passage zwischen den Riffen war nun leichter zu meistern.

Niti stieß das Paddel in schnellerem Rhythmus ins Wasser. Sie nahmen an Fahrt auf. Das Boot begann zu schaukeln, während sie durch die Brandung zwischen den Felsen glitten. Gischt sprühte ihnen ins Gesicht.

Jiut eilte zum Bug und genoss es, das Meer zu spüren.

Dann war es überstanden. Sie glitten in das ruhige Fahrwasser der Bucht.

Nok blickte zum Dorf. Kaum jemand war außerhalb der Häuser zu sehen. Die Sonne stand schon tief. Die Zeit der größten Hitze war vorüber. Eigentlich sollten Fischer am Strand hocken, Netze flicken oder sich Geschichten über ihren letzten Fang erzählen. Nirgends stieg der Rauch von Kochfeuern auf. Aber sie erkannte die Schattenrisse der Bewohner im Halbdunkel der offenen Häuser.

Nok hatte ein Gefühl, als berührte sie eine kalte Hand im Nacken. Da war noch mehr, was nicht stimmte. Sie sah zum Heck, zu Niti. Auch der Perlentaucher hatte etwas bemerkt. Er bückte sich nach dem Fischspeer, den er beim Tauchen manchmal mitnahm, und lehnte ihn neben sich an den Bootsrand.

Jetzt ging Nok auf, was nicht stimmte. Kein Muschelhorn hatte sie begrüßt, als sie in die Bucht einfuhren.

Sie rückte näher zum Heck, darauf bedacht, es beiläufig erscheinen zu lassen, um Jiut nicht zu erschrecken. Ihre Schwester saß noch immer gutgelaunt im Bug.

»Was ist da los?«, flüsterte Nok.

Statt zu antworten, schüttelte Niti nur den Kopf. Er paddelte dem Ufer entgegen. Ohne zu zögern, ohne den Rhythmus zu ändern, ganz so, als sei es ein Tag wie jeder andere.

Für Nok fühlte es sich an, als würden sie einem Abgrund entgegentreiben. Sie tastete nach ihrem Muschelmesser.

»Greif gleich nicht danach«, raunte Niti. »Es würde nicht helfen. Bitte versprich mir das!«

In seinem Blick lag eine Härte, die Nok noch nicht an ihm kannte. Sie ließ die Hand vom Messergriff sinken.

Ihr Sampan glitt auf den flachen Sandstrand. Niti sprang ins seichte Wasser, um das Boot weiter an Land zu schieben, ganz so, wie er es immer tat.

Jiut war ebenfalls aus dem Boot gesprungen. »Ich bin die Perlenkönigin von Kaoh Kraham!«, rief sie und reckte stolz die Faust, in der sie ihre Perle hielt. Sie lief geradewegs auf das Haus ihrer Mutter zu.

Niti nahm jetzt den Fischspeer aus dem Sampan. Nok blieb an seiner Seite.

Schattenhafte Gestalten lösten sich aus dem Halbdunkel des Langhauses. Karang! Sie trugen die schwarzen Hosen und Tuniken, wie während des langen Marsches nach Süden. – Die Männer und Frauen, die im letzten Jahr für die Karang gekämpft hatten und mit Niti ins Dorf zurückgekehrt waren, hatten diese schwarze Kleidung längst abgelegt.

Nok entdeckte Trang unter den Karang. Und dann sah sie den Hammermann. Er stand neben ihrer Mutter, der die Hände auf den Rücken gebunden waren und die sie mit einem gelben Halstuch geknebelt hatten.

Nok trat noch etwas dichter an Nitis Seite. Der Hammermann machte ihr Angst.

»Die lebenden Schatten vergessen nicht, wenn einer aus ihrer Mitte zum Verräter wurde«, rief ihnen der Hammermann entgegen.

»Zeig mir einen Verräter, und ich werde ihn genauso entschlossen bekämpfen, wie du es tust!«, entgegnete Niti stolz.

»Dann schneide dir die Kehle durch, denn du bist der Verräter! Du hast unserem Bruder Arun seine Gefangenen gestohlen, als er krank war und sich dir nicht widersetzen konnte.«

Nok sah, dass auch am Rand des Dschungels Karang standen. Weitere von ihnen zeigten sich jetzt in den übrigen Häusern des Dorfes. Der Hammermann und Trang mussten mit mindestens fünfzig Kriegern gekommen sein.

»Frag Arun«, entgegnete Niti mit selbstsicherer Stimme. »Ich habe ihn mit Reis versorgt. Und ich habe ihn nicht bestohlen, sondern ihm die Bürde genommen, zu viele Gefangene versorgen zu müssen. Ich habe ihm geholfen, so wie ein Bruder es tun sollte.« Niti wies mit dem Fischspeer auf Trang. »Der Junge dort kann das bestätigen. Er war dabei.«

»Und eben dieser Junge erzählt eine andere Geschichte.« Der Hammermann kam ihnen langsam entgegen und zog dabei seinen Hammer unter der Tunika hervor. »Drei Sack Reis kommen in dieser Geschichte nicht vor.«

Nok konnte nicht länger an sich halten. »Dann lügt er!« Sie stellte sich vor Niti.

»Die Wahrheit scheint ein Flittchen zu sein. Jedes Mal, wenn man jemanden nach ihr fragt, trägt sie ein neues Gewand.« Der Hammermann gab seinen Gefolgsleuten einen Wink. Zwei Kriegerinnen brachten Kunthea herbei und zwangen sie zu Boden. »Wir Karang möchten eine einfache Welt. In unserer neuen Welt ist nur Platz für eine Wahrheit. Und ich glaube Trang, denn von ihm weiß ich, dass er keinen Handel mit den Feinden Funans treibt.«

Niti seufzte leise, sagte aber nichts.

»Hat unsere Schwester Yupa, die Vorsteherin der Provinz Sieben Drachen, euch nicht mitteilen lassen, wie viel Reis ihr abzutreten habt, um den Kampf der Karang weiter zu unterstützen?«

»Wir haben alle Abgaben geleistet und sogar noch mehr«, stieß Nok empört hervor. Sie konnte nicht begreifen, warum Niti nichts dazu sagte. Und auch sonst niemand aus dem Dorf.

»Du lässt jetzt junge Frauen für dich sprechen?« Der Hammermann lachte auf. »Wo ist der Held, von dem sich alle Fischer auf den Sieben Drachen erzählen? Der Vorsteher des Dorfes von Kaoh Kraham, der mit einem kleinen Mädchen auf den Armen einem Geisterhai entgegengetreten ist, um das Meer zu beschwören, das Kind zu heilen? Der tätowierte Mann mit einer Schlange auf dem Arm. Der Verräter!« Der dürre kleine Mann wies mit einer weit ausholenden Geste zum Dschungel und auf die umliegenden Berge. »Wo sind die Reisfelder, die es bei jedem Dorf geben soll? Haben wir die alten Menschen nicht aus den Städten gezerrt, damit sie neue Felder anlegen? Soll nicht ein jeder selbst anbauen, was er isst? Wie kann unser neues Funan frei sein, wenn wir es den Yuan überlassen zu entscheiden, ob wir den Reis bekommen, den wir benötigen, um unsere hungernden Kinder zu füttern?«

»Du hast mich durchschaut, Hammermann.«

Niti sprach mit einer Stimme, die gar nicht zu ihm passte. Kalt und überheblich. So war er nie zu ihr gewesen. In Noks Ohren klang er wie ein schlechter Schauspieler, der versuchte, sich eine neue Rolle anzueignen.

»Ich bin der Herrscher von Kaoh Kraham, der neue König der Sieben Drachen werde ich sein. Ich habe mir dieses Dorf untertan gemacht. Und das Meer! Seine Kreaturen kommen zu mir, um zu zeigen, wie sie sich mir unterwerfen. Siehst du dieses Dorf voller Feiglinge?« Niti deutete zum Hügel, auf dem sein Haus gestanden hatte. »Als ich für die Karang in den Krieg gezogen bin, kam das Gerücht auf, ich sei erschlagen worden. Diese nichtswürdigen Würmer hier haben meinen Palast niedergebrannt und um die Flammen getanzt. Aber ich habe mich gerächt. Sieh sie dir an, Hammermann, wie sie zittern. Sie wissen, dass du mich nicht besiegen kannst. Sie fürchten, was geschehen wird, wenn ich mit dir fertig bin. Denn ich bin kein gnädiger Herr wie der Erste Schatten. Hier auf der Insel geschieht nichts ohne meinen Willen. Ich habe ihnen verboten, das Schwarz der Karang zu tragen. Ich habe ihnen verboten, im Dreck zu wühlen und Reis anzupflanzen, wo auf dem Meeresboden Perlenschätze liegen, mit denen ich Waffen für mein Heer kaufen kann. Sie haben …«

»Werft ihn nieder!«, befahl der Hammermann. »Aber tötet ihn nicht!«

Von allen Seiten stürmten Karang auf Niti zu. Sie stachen und schlugen mit den stumpfen Enden ihrer Bambusspeere auf ihn ein.

Nok versuchte ihm zu helfen. Sie entriss einem der Kämpfer seinen Speer, wandte an, was sie von ihrer Mutter und ihrem Vater gelernt hatte. Sie drängte einige der Angreifer ab, aber es waren zu viele. Ein harter Hieb traf sie auf den Rippenbogen, und sie ging, um Luft ringend, zu Boden. Mehrere Speerträger drückten sie mit ihren Waffen in den Sand. Hilflos sah sie mit an, wie Niti niedergeschlagen wurde.

Er hatte gar nicht gewinnen wollen. Er spielte jemanden, der er nicht war. Er war weder ein Tyrann noch ein ungeschickter Kämpfer. Er leitstete gerade so viel Widerstand, dass es nicht zu leicht war, ihn zu überwinden.

Der Hammermann suchte nach Feinden der Karang. Und Niti gab ihm die Möglichkeit, in ihm den Ursprung aller Verfehlungen des Dorfes gegen die Ideale der Karang zu sehen. Er gab sich als ein Herrscher aus, der er nie gewesen war. Und so opferte er sich. Für ihre Mutter, ihre Schwestern, für sie, für das ganze Dorf.

Niti wurde von über seinen Schultern gekreuzten Speerschäften auf die Knie gezwungen. Er hatte aufgehört, Widerstand zu leisten.

»Du hältst dich für den König dieser Insel, Bruder Niti?« Die Stimme des Hammermanns klang bedauernd. »Ich frage mich, wie uns das entgehen konnte. Wie konntest du so viele unserer Brüder und Schwestern täuschen?« Er sah sich um, als erwartete er tatsächlich, dass einer hier am Strand eine Antwort für ihn hätte.

Als niemand die Stimme erhob, zog er einen langen Nagel aus dem Beutel an seinem Gürtel. »Das Großartige an der neuen Welt ist, dass die Wahrheit zuletzt immer zu Tage kommt. Es ist eine Welt, die nicht länger duldet, dass ein Einzelner sein Recht über die Rechte der Vielen stellt.«

Der Hammermann setzte den langen Nagel mitten auf Nitis Stirn, ohne dass der Perlentaucher versuchte, sich gegen den Anführer der Karang aufzulehnen.

»Du hast deine Schwestern und Brüder verraten. Du hast jeden einzelnen Bewohner dieser Insel verraten. Dafür kennen wir Karang nur eine Strafe …«

Der Hammermann zögerte es hinaus. Nok hörte in der angespannten Stille den fernen Schrei eines Pelikans und das leise Geräusch der Brandung.

»… nämlich den Tod!« Der scharfe Klang von Metall, das auf Metall traf, folgte den zwei Worten. Der Hammermann hatte mit der Kraft unbändigen Zorns zugeschlagen, und der Nagel versank fast ganz in Nitis Stirn.

Nok schrie auf. Ebenso Jiut. Alle anderen blieben stumm.

Als die Speerschäfte zurückgezogen wurden, sackte Niti zur Seite. Seine weit aufgerissenen Augen starrten blicklos in den wolkenlosen Himmel.

»Unsere neue Welt benötigt neue Menschen«, verkündete der Hammermann. »Es sind die Kinder, die unsere Zukunft sind. Deshalb ist es falsch, sie jenen zu überlassen, die sich vielleicht noch nicht von den zahllosen Irrtümern der alten Welt frei machen konnten. Sie benötigen einen Ort ganz ohne die Anhaftung des Überkommenen. Deshalb werdet ihr alle Kinder in das große Haus in der Mitte des Dorfes bringen. Dort werden sie unter der Obhut meiner Karang stehen, die ihnen die neue Welt erklären. Es gibt keine Familien mehr. Sie sind ein Teil der alten Welt. Wir alle sind eine große, gerechte Gemeinschaft, in der jeder bekommt, was er sich verdient.«

Kaoh Kraham, Stunde des Hasen, 6. Tag des Erntemondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Raus mit euch!«

Die harsche Stimme schreckte Nok aus einem unruhigen Schlaf. Man hatte sie mit ihrer Mutter in Nitis kleiner Hütte am Rand des Dorfes untergebracht. Chenda und Jiut waren, wie alle anderen Kinder des Dorfes, in das große Haus gesteckt worden, in dem sie gestern noch zu viert gelebt hatten.

»Zieht das an!« Die Karang, die sie geweckt hatte, warf ihnen schwarze Hosen und Tuniken in die Hütte.

Nok schob sie von sich.

»Tu es«, flüsterte ihre Mutter ihr zu. »Lass Nitis Opfer nicht vergebens gewesen sein.«

Tränen der Wut traten Nok in die Augen, als die Bilder vom Tod des Perlentauchers wieder in ihrer Erinnerung aufstiegen. Sie streifte die Hose über. Dann die Tunika. Der grobe Stoff kratzte auf ihrer Haut.

Ihre Mutter drehte ihr Haar hoch und steckte es mit einem Essstäbchen fest, strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. Dann trat sie als Erste aus der Hütte.

»Schneller!«, drängte draußen die herrische Frauenstimme.

Nok zog die Schnur im Hosenbund zusammen und verknotete die Enden. Dann folgte sie ihrer Mutter. Es war ein strahlend heller Sommermorgen. Die Sonne hatte sich gerade erst aus dem Meer erhoben. Ihr klares Licht blendete Nok. Sie blinzelte zum Dorf hinüber.

Ihre Wächterin, eine Karang mit Augen, die Nok an die toten Augen des Geisterhais erinnerten, scheuchte sie mit ihrem Bambusspeer vor sich her.

Am Strand, nahe des großen Hauses, in dem die Kinder versammelt waren, wurden alle Erwachsenen zusammengetrieben. Selbst Fischkopf, der kahle Dorfälteste, dem man wegen der tiefen Falten an seinem Hals, die an Kiemen erinnerten, seinen wenig schmeichelhaften Spitznamen gegeben hatte, war von seinem Lager aufgescheucht worden. Er stützte sich schwer auf seinen knotigen Stock. »Feiern wir denn ein Fest?«, fragte er Nok.

Sie wusste nicht, was sie ihm darauf sagen sollte. Wusste nicht, warum sie hier war. Sie sah die Angst in den übernächtigten Gesichtern. Hörte einige Kinder im großen Haus nach ihren Eltern rufen. Einmal glaubte sie, auch Jiuts Stimme zu hören. Doch niemand ging zu den Kindern hinüber.

»Wir werden Reisfelder anlegen«, erhob sich Trangs Stimme über das leise Gemurmel der Dorfbewohner. »Ihr alle werdet lernen, gemeinsam Hand in Hand zu arbeiten. Wir werden euch mit dem Gefühl tiefer Zufriedenheit beschenken, am Ende eines Tages voll harter Arbeit den Reis miteinander zu teilen. Wir werden euch lehren, neue Menschen zu sein!« Der ohrlose Bauernbursche trug die Worte mit so monotoner Stimme vor, als wiederholte er einfach nur etwas, das er hundertfach gehört hatte, ohne es zu verinnerlichen.

»Los jetzt!« Trang winkte ihnen zu und führte den Zug der Dorfbewohner in Richtung des Hügels, auf dem einst Nitis altes Haus gestanden hatte.

»Du bleibst hier!« Die Karang, die sie aus Nitis Hütte geholt hatte, packte Kunthea am Arm.

»Was macht ihr mit ihr?«

Statt zu antworten, schlug die Karang mit dem Speerschaft nach Nok.

»Geh mit den anderen!« Ihre Mutter sah sie flehend an. Noch nie hatte Nok sie so erlebt, und es brach ihr schier das Herz, die stolze, selbstbewusste Frau, die ihre Mutter immer gewesen war, so hilflos zu sehen. »Geh«, wiederholte sie. Jetzt hatte sie sich fast wieder in der Gewalt. »Alles wird gut!«

Ihre Mutter war gerade unsichtbar geworden, dachte Nok. So erwartete man es von guten Schauspielern. Sie schlüpften ganz in ihre Rolle, und der Mensch, der sie eigentlich waren, verschwand.

Nok erinnerte sich an die Worte ihres Onkels Sao, der sie in der Nacht auf der Straße, als er ihren Vater ermordete, aufgefordert hatte, unter den Karang unsichtbar zu werden. Zu sein wie sie, damit die lebenden Schatten sie nicht mehr wahrnahmen. Sie würde sich darum bemühen müssen. Niedergeschlagen schloss sie sich wieder der Gruppe der Dorfbewohner an.

Fischkopf, der schwer auf seinen Stock gestützt vorwärtsschlurfte, war der Letzte. Er hatte keine Verwandten mehr im Dorf, seit seine Kinder und Enkel vor Jahren bei einem schweren Sturm ertrunken waren, und er lebte auch nicht mehr ganz in dieser Welt. Er vergaß, was vor wenigen Augenblicken geschehen war, und sprach über Dinge, die sich vor Jahrzehnten ereignet haben mussten, als seien sie gerade eben erst geschehen.

»Wird auf dem Fest ein Schwein gebraten?«

»Wenn wir Glück haben, vielleicht.« Nok half ihm den Hügel hinauf. Zwischen den verkohlten Pfählen, die einmal Nitis altes Haus getragen hatten, lag die zusammengekrümmte Leiche des Perlentauchers. Die Karang mussten sie hier heraufgeschafft haben. Im Tod wirkte er kleiner, als er im Leben gewesen war.

»Schneller!«, rief einer der Karang und hob drohend eine Bambusrute.

Nok biss sich auf die Lippe, schluckte die Widerworte herunter, die ihr schon auf der Zunge lagen.

»Beweg deine alten Knochen, Großväterchen!« Der Karang versetzte Fischkopf einen leichten Hieb mit der Rute. »Wer essen will, der muss auch arbeiten!«

»Wir werden uns beeilen«, sagte Nok und hielt den Blick demütig zu Boden gerichtet. Sie zogen dem dichten Dschungel entgegen, der nicht weit hinter dem Hügel begann.

»Wenn es Schwein gibt, wirst du dann das Fleisch für mich weichkauen?«, fragte Fischkopf. »Hab keine Zähne mehr.« Wie um zu beweisen, dass er die Wahrheit sagte, zog er die Lippen zurück und zeigte ihr seine zahnlosen Kiefer.

»Alles wird gut!«, sagte Nok und ertappte sich dabei, im selben Tonfall wie ihre Mutter gesprochen zu haben.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Schafes, 6. Tag des Erntemondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Pau betrachtete Kunthea. Ihr Auge war schon weniger zugeschwollen als vorhin. Selbst jetzt, gezeichnet von seinen Ohrfeigen, war sie eine schöne Frau. Sie hatte ihm am Ende alle seine Wünsche erfüllt. Nie hatte er sich träumen lassen, dass es so sein könnte. In den letzten Jahren, während der Zeit im Dschungel, vor allem aber danach, hatte er Dutzende Frauen gehabt. Aber nie war es so gewesen. Es mangelte ihm an Worten, um diese Gefühle zu beschreiben. Was ihn ärgerte. Er fühlte sich dumm …

Sie aber war anders. Kunthea hatte König Varmajaya erfreut, wenn die Gerüchte über sie stimmten. Und nach diesem Morgen mit ihr war er mehr als bereit, alles zu glauben.

Er erhob sich von dem Lager aus Reismatten und Decken, zog seine fadenscheinige schwarze Hose an, steckte den Hammer an seinen Platz und kniete neben dem Wasserkrug beim Eingang nieder. Durch die Tür blickte er auf das himmelblaue Meer. Er hatte für sich eine der kleinen Hütten nahe dem Haus ausgewählt, in dem die Kinder untergebracht waren. Er hörte die harte Stimme der Karang, die den Kindern von der Schönheit der neuen Welt erzählte.

Pau trank ein wenig von dem lauwarmen Wasser im Krug. Obwohl die Mittagsstunde verstrichen war, war es immer noch unglaublich heiß. Kunthea zu nehmen hatte an seinen Kräften gezehrt. Er hätte sich gern hingelegt und noch etwas geschlafen. Doch er sollte sich unter seinen Karang zeigen. Es wäre gut, wenn er hinauf in den Dschungel stieg, um die Rodungsarbeiten zu beaufsichtigen. Er war sich ziemlich sicher, dass sie sich darum drücken würden, die tiefen Wurzeln ganz aus dem Erdreich zu holen. Er hatte diese Arbeiten selbst alle schon verrichtet. Er wusste um die Mühsal, die damit verbunden war.

Als er zu den bewaldeten Hängen der Berge blickte, ergriff ihn ein Gefühl der Beklommenheit. Er hatte gewusst, dass man hier auf Kaoh Kraham Handel mit den Yuan trieb. Hatte gewusst, dass der Reis, den sie der Provinzvorsteherin Yupa überließen, von den Dschunken stammte, die diese Insel ansteuerten. Er hatte den Reis gesehen. Hatte die kürzeren, etwas runderen Körner, die verrieten, dass dieser Reis von den Feldern der Yuan stammte, durch seine Finger gleiten lassen. Aber dass es hier kein einziges Reisfeld gab, hatte ihn dann doch überrascht. Er würde in Schwierigkeiten geraten, wenn die Provinzvorsteherin in ein paar Monden die nächsten Abgaben forderte.

Zum Glück hatte das Dorf gut gefüllte Vorratsspeicher. Er würde sie alle kurzhalten. Seine Karang, aber vor allem die Dorfbewohner. Fett waren sie. Es war ihnen viel zu gut gegangen. Er würde auch schauen, dass er die unnützen Esser loswurde. Das würde schnell gehen. Wer nicht genug arbeitete, der bekam nur den Reis, den er sich verdient hatte. Dann fehlte den Faulen am nächsten Tag die Kraft zu arbeiten, und es gab noch weniger Reis … Er hatte das schon einige Male so gehandhabt. Er würde es schaffen, die Forderungen der Provinzvorsteherin zu erfüllen!

Pau blickte zu der schlafenden Frau. Ihr Körper war nicht bedeckt. Sie war etwas zu schmal für seinen Geschmack. Dafür hatte sie Haut wie Seide. Das Blut stieg ihm erneut zwischen die Lenden. Er besaß die Hure des Königs! Er hatte sie sich verdient!

Gleich würde er sie nehmen wie ein Hund. Er würde sie aus dem Schlaf reißen. Er würde ihr noch einmal zeigen, was für ein Mann er war. Sie hatte etwas an sich, was ihn aufstachelte. Sie hatte ihn gefordert. Hatte gekeucht und geschrien vor Lust. Hatte geschworen, noch nie von einem Mann wie ihm genommen worden zu sein. Ihre Worte und ihr Lächeln waren wie Honig. Ob sie ihn anlog? Es hatte alles so echt geklungen.

Wie lange es wohl so bleiben würde, wie es heute gewesen war? Bisher war der Reiz jeder neuen Frau stets nach ein paar Tagen für ihn verflogen. Er könnte sie später vielleicht zusammen mit ihrer Tochter Nok nehmen. Die war alt genug, um den Karang Kinder zu gebären. Wie es wohl war, zugleich mit Mutter und Tochter?

Trang hatte ihm verraten, dass ihm Nok gefiel. Vielleicht würde der Junge sich auch mit Kunthea begnügen? Pau seufzte. Irgendwann würde er sich der Tatsache stellen müssen, dass die Hure eines Königs nicht wirklich in die neue Welt passte. Sie hatte zu viel von einem Leben gekostet, das nie wieder so süß sein würde, wie es im Palast der sieben Freuden gewesen war. Wenn sie davon erzählte, würde sie Unzufriedenheit stiften. Aber noch konnte er sie genießen. Der Herr des Himmels hatte sie ihm geschenkt, weil er ein gerechter Mann war. Sie würde einen weiten Weg mit ihm gehen, allein schon, um ihre drei Töchter zu beschützen. Schließlich würde sich gewiss alles so fügen, wie es für ihn von Nutzen war. Kunthea hatte so viel Weisheit gefressen, dass sie am Ende wieder dumm geworden war. Er brauchte gar nichts zu unternehmen. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie etwas tun würde, was es ihm erlaubte, sie zu verurteilen.

Er platzierte seinen Hammer neben dem Wasserkrug, streifte seine Hose ab, ging zu ihr hinüber und legte beide Hände auf ihren Hintern, um sich zu holen, was er sich verdient hatte.

Kaoh Kraham, Stunde des Drachen, 6. Tag des Erntemondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nok hackte sich durch das Unterholz. Ihr Haumesser war erbärmlich stumpf, aber es tat gut, ihren Zorn an dem Gestrüpp auszulassen. Und sie stellte sich vor, ein Schwert zu haben … stellte sich vor, dem Hammermann entgegenzutreten.

Heftig atmend lehnte sie sich an einen grauen Baumstamm. Der Wald war erfüllt vom dumpfen Klang der Handäxte, mit denen die Dorfbewohner gegen die Urwaldriesen antraten. Sie arbeiteten an einem Hang, nahe einem kleinen Bach. Trang hatte ihr erklärt, dass hier Terrassen für Reisfelder entstehen sollten.

Derbes Gelächter ließ Nok aufblicken. Zwei Karang schlugen mit ihren Bambusruten auf Fischkopf ein. Den ganzen Morgen ging es schon so. Jetzt zerrten sie ihn hoch, auf die Beine. Er taumelte. Keiner der Dorfbewohner wagte es, ihm zu Hilfe zu eilen.

Noks Hand schloss sich fester um das stumpfe Haumesser. Sie war vierzehn Jahre alt. Die beiden Karang waren gewiss doppelt so alt wie sie. Es waren zähe, abgehärtete Männer. Lebende Schatten. Was waren Schatten? Etwas Dunkles, das am Boden lag. Sie würde so nie sein. Aber sie musste an Chenda, an Jiut und an ihre Mutter denken. Wenn sie sich gegen die Karang auflehnte, brachte sie alle drei in Gefahr.

Sie wartete, bis die beiden Schläger von dem alten Mann abließen. Dann ging sie zu ihm hinüber. Er konnte nicht arbeiten, das war doch nicht zu übersehen. Blutige Striemen bedeckten seine Arme. Einer lief ihm quer über das Gesicht. Zwei weitere über den Hinterkopf.

Er sah Nok verloren an. »Ich muss hingefallen sein«, murmelte er, und Blut quoll ihm über die Lippen. »Mir tut alles weh. Ich muss hingefallen sein …« Er sank auf die Knie. Wankte.

Nok sprang ihm zur Seite, fing ihn auf, hielt ihn in den Armen. Seine dunklen Augen, die so viele Jahre gesehen hatten, waren jetzt ganz klar. »Du bist wieder da …«, murmelte er und tat einen tiefen Seufzer. Seine krummen Finger krallten sich in ihr Fleisch.

Sie wollte ihm noch einmal sagen, dass alles gut werden würde, aber die verlogenen Worte mochten ihr nicht über die Lippen kommen. Und dann begriff sie, dass er sie eh nicht mehr hören würde. Er hatte aufgehört zu atmen, war in ihren Armen gestorben.

Wen hatte er in ihr gesehen? Du bist wieder da … Welche Erinnerung hatte ihn von seiner Einsamkeit erlöst?

»Ist er tot?« Trang war zu ihr herübergekommen.

Nok kämpfte gegen ihre Wut an. Mit Mühe schaffte sie es, zu nicken.

»Dann muss er auf das Totenfeld …«

»Zum Gräberfeld?« Sie sah zu Trang auf, der entschieden den Kopf schüttelte.

»Keine Gräber. Die alten Menschen bringen wir auf das Totenfeld. Ihr werdet jeden Tag an ihnen vorübergehen, damit es euch leichter fällt, neue Menschen zu sein. Sie werden nicht beerdigt. Du musst ihn dorthin bringen, wo schon dieser tätowierte Kerl liegt.«

»Nicht beerdigt«, wiederholte Nok mit tonloser Stimme.

»Nur die alten Menschen. Am Anfang ist es schwer … Die alten Menschen wollen uns davon abbringen, die Welt zu verändern. Aber das werden sie nicht schaffen. Dies ist nicht das erste Dorf, in das ich komme. Glaub mir, am Ende gibt es immer nur noch neue Menschen. Wer klug ist, der sieht das gleich zu Anfang ein.« Er zögerte kurz. »Du bist doch klug, Nok, oder?«

»Natürlich …«

»Schaffst du es, ihn zu tragen?«

Nok betrachtete den alten Mann, und ihr ging auf, dass sie nicht einmal seinen richtigen Namen kannte. Alle hatten ihn immer nur Fischkopf genannt. »Ich werde das schon hinkriegen«, behauptete sie.

»Dann los! Bring den Toten fort!«, befahl er ihr in harschem Ton und so laut, dass die anderen Karang es gut hören konnten, und auch etliche der Dorfbewohner.

Nok nahm den Alten auf die Arme. Sie war überrascht, wie leicht er war. Kaum schwerer als ihre kleinen Schwestern. Doch der Weg war lang. Als sie den Hügel beim Dorf erreichte, taumelte sie. Am Ende ihrer Kräfte bettete sie den Alten neben Niti. Sie versuchte, den Perlentaucher nicht anzusehen. Versuchte, das Summen der Fliegen zu überhören. Eilig zog sie sich von den Leichen zurück.

Aus dem großen Haus unten im Dorf ertönte vielstimmiger Kindergesang.

In den Dörfern und auf den Feldern

herrschte große Traurigkeit,

doch dann traten die Schatten aus den Wäldern.

Nun leuchten die Gesichter der Menschen,

denn eine neue, bessere Welt ist geboren.

Müde lauschte Nok dem Lied. Wenn die Eltern dieser Kinder aus dem Dschungel zurückkamen, würden sie glücklich sein, ihre Kleinen wiederzusehen. Sie würden wirklich mit strahlenden Gesichtern vor ihren Kindern stehen. Und den Kleinen würde vollkommen wahr erscheinen, was die Karang ihnen beibrachten.

Die Kinderstimmen klangen begeistert, ja fröhlich. Nok fragte sich, wie es Jiut und Chenda gerade wohl erging.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Ebers, 6. Tag des Erntemondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Nimm das.« Ihre Mutter steckte ihr verstohlen ein großes Stück Kokosnuss zu. »Und pass auf, dass dich niemand beobachtet, wenn du es isst.«

Nok war erschrocken, wie Kunthea aussah. Ihr linkes Auge war halb zugeschwollen und dunkellila. Ihre Mutter aber gab sich kämpferisch, und Nok war sich sicher, dass sie nicht über das reden würde, was geschehen war. Sie schob sich das Kokosnussstück in den Hosenbund.

Die Kinder hatten gemeinsam mit den Karang, die auf sie aufpassten, für das Dorf gekocht. Aber viel zu wenig! Keiner von denen, die den ganzen Tag im Wald gearbeitet hatten, war satt geworden.

Nok war müde. Sie spürte ihre Arme nicht mehr. Am liebsten wollte sie sich einfach in Nitis Hütte hinlegen, doch eines galt es vorher noch zu erledigen: Sie wollte einen Blick in Fischkopfs Hütte werfen, wollte sehen, ob es dort irgendetwas gab, was seine Worte Du bist wieder da erklärte.

Ihre Mutter drückte sie. »Wir passen uns an, bis das alles vorbei ist«, raunte sie ihr zu. »Wir überstehen das.«

Kuntheas Gesicht strafte ihre Worte Lügen. Als sie davonging, hatte Nok das Gefühl, dass sie sogar leicht hinkte.

Nok blickte zum Hammermann, der sich auf der umlaufenden Veranda des großen Pfahlhauses aufgebaut hatte, in dem die Kinder unterrichtet worden waren. Selbstgefällig schaute er auf das Dorf, das jetzt ihm unterstand. Und ihre Mutter ging zu ihm!

Nok wünschte sich, sie könnte dem Widerling einfach die Kehle durchschneiden.

»Gleich werden sich alle, die im Wald arbeiten waren, unten am Strand einfinden. Ich möchte euch die neue Welt erklären, damit ihr sie besser verstehen könnt.«

Nok war sich darüber im Klaren, dass dies ein Befehl und keine freundliche Einladung war. Sie stahl sich rasch davon und schlich zum südlichen Rand des Dorfes. Fischkopfs Hütte stand ungewöhnlich nah am Strand, auf besonders hohen Pfählen. Ein streunender Hund machte sich davon, als Nok sich näherte. Sie sah sich mehrfach um, bevor sie die Leiter hinaufstieg. Fischkopf hatte nur eine schmale Veranda vor dem Eingang der Hütte gehabt. Trotz der Hitze, die selbst jetzt, eine gute Stunde nach Sonnenuntergang, kaum nachgelassen hatte, waren alle Reismatten, aus denen die Wände bestanden, herabgelassen.

Nok duckte sich durch die niedrige Tür. Es stank nach Altmännerschweiß. Sie tastete sich durch die Hütte und fand einen kleinen Feuertopf, in dem noch ein letzter Rest Glut schwelte. Daran entzündete sie ein Lämpchen, das nach ranzigem Palmöl roch. Ein paar alte Kleider, flache Holzschalen, ein Fischspeer. Das einzig Ungewöhnliche waren einige Tiegel mit Farbresten. Als Nok die Lampe anhob, entdeckte sie, dass die nach innen gewandten Seiten der Reismatten mit grellbunten Bildern bemalt waren. Märengestalten wie weiße Füchse und Drachen waren zu sehen. Eine ganze Wand wurde von einem flammenden Vogel bedeckt. Ob er das getan hatte, um sich in seiner Hütte weniger einsam zu fühlen? Nok war sich selbst nicht klar, was sie zu finden gehofft hatte. Einen Hinweis auf eine Frau? Auf irgendjemanden aus seiner Vergangenheit, der ihm einmal viel bedeutet und von dem er geglaubte hatte, er sei im letzten Augenblick seines Lebens bei ihm gewesen?

Es sah so aus, als würden die Worte Du bist wieder da ein Rätsel bleiben.

Als sie vor die Hütte trat, sah sie im klaren Mondlicht die Versammlung am Strand. Eilig sprang Nok in den Sand hinab und lief hinüber.

Der Hammermann stand auf einem der Boote. Er gestikulierte mit den Armen. Als er sie kommen sah, hielt er inne. Alle drehten sich zu ihr um. Vielleicht lag es am Mondlicht … die Gesichter der Dörfler erschienen Nok noch verängstigter und fahler als bei dem kargen Abendessen.

»Du hältst es also für nebensächlich, ein neuer Mensch zu werden, Mädchen«, sagte der neue Dorfvorsteher eisig.

»Ich … Entschuldigung. Ich … Ich habe schrecklichen Durchfall. Ich wollte nicht, dass ich, wenn ich hier sitze …« Nok presste sich eine Hand in die Seite, als hätte sie Leibkrämpfe. »Also, ich dachte, es wäre eine schreckliche Beleidigung für die ganze Sache, wenn ich einsaue, während wir darüber reden, neue Menschen zu werden. So soll das ja nicht sein. Ich …«

»Machst du dich über mich lustig?«, zischte der Hammermann.

»Sie hat den ganzen Tag schon Durchfall«, kam ihr Trang zu Hilfe. »Ich kann das bezeugen.«

»Zwanzig Rutenhiebe, damit sich das Mädchen in Zukunft besser zu beherrschen lernt!«, entschied der Hammermann.

Trang machte sich auf den Weg zu ihr.

»Nicht du!«, schnitt die eisige Stimme durch die Nacht. »Lawan, du bestrafst sie. Und schlag so zu, dass sich das Mädchen noch lange erinnert.«

Die Frau, die sie am Morgen aus der Hütte geholt hatte, erhob sich. Mit ausdrucksloser Miene kam sie ihr entgegen. »Bück dich«, befahl sie.

Nok gehorchte. Kaum hatte sie ihren Rücken gekrümmt, sauste die Bambusrute nieder. Nok keuchte vor Schmerz. Schlag um Schlag traf sie. Stumm zählte sie mit. Sie würde nicht schreien, würde den verfluchten Karang nicht die Genugtuung geben, dass sie wie ein kleines Kind um Gnade winselte.

Beim neunten Schlag stürzte sie vornüber in den Sand. Heißer Zorn stieg in ihr auf. Doch der Schmerz überstieg alles, was sie je zuvor erlitten hatte. Sie spürte, wie die Haut auf ihrem Rücken aufplatzte. Spürte, wie das warme Blut in ihre Tunika sickerte.

Sie konnte nicht länger. Beim sechzehnten Schlag schrie sie auf. Sie war dafür nicht gemacht. Nie war sie so geschlagen worden. Ihre Mutter war immer eine strenge Lehrerin gewesen. Schläge waren Nok wohlvertraut. Aber nie war sie so erbarmungslos geprügelt worden.

Ihre Finger krallten sich in den Sand. Sie hasste sich für ihre Schwäche.

Zwanzig. Es war überstanden. Ihr Atem ging keuchend.

Einundzwanzig! Was war das? Sie war zu zwanzig Hieben verurteilt. Konnte diese blöde Reisbäuerin nicht zählen?

Zweiundzwanzig!

»Genug!«, beendete der Hammermann die Tortur. »Setz dich zu den anderen, Mädchen. Höre mir gut zu, und sitz gefälligst gerade.«

Nok konnte nur noch kriechen. Ihr ganzer Rücken war eine einzige Fläche feurigen Schmerzes. Mit Mühe richtete sie sich auf. Sie verschränkte die Beine zum Lotussitz und drückte den Rücken durch, wie sie es in den unzähligen Unterrichtsstunden ihrer Mutter gelernt hatte. Sie war Anmut und Schönheit, das würde sie sich nicht von den Karang nehmen lassen. Darin unterschied sie sich von ihnen, dachte sie stolz, und sie war nicht bereit, diesen Unterschied aufzugeben.

Sie atmete den Schmerz aus, wie sie es gelernt hatte, um selbst dann noch weiterproben zu können, wenn jeder Muskel ein Strang aus Flammen war.

Sie lauschte aufmerksam den Worten des Hammermanns über die neuen Menschen, die sie alle werden sollten. Sie öffnete seiner Rede ihren Verstand, denn sie wusste, ihr Leben würde künftig davon abhängen. Ihr Herz aber verschloss sie.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Hundes, 11. Tag des Nebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Regen trommelte unablässig auf Noks Kegelhut. Die Kleidung hing ihr nass vom Leib. Sie fror, zitterte und fürchtete sich davor zu husten. Wer krank wurde, bekam keinen Reis mehr, weil er ihn sich nicht verdient hatte. Sie waren keine lebenden Schatten, dachte sie oft, sie waren lebende Tote.

Es gab keine Wohlgenährten mehr im Dorf. Alle waren sie abgemagert. Nok erinnerte sich, dass sie sich auf dem langen Marsch nach Süden gewundert hatte, dass niemand von den Karang je lächelte. Jetzt verstand sie es. In der neuen Welt war kein Platz für Freundlichkeit, und es gab keinen Grund zur Freude. Alle hatten sie jetzt verschlossene, ausdruckslose Gesichter.

Die Kolonne verließ den Wald und erreichte den niedrigen Hügel. Wie jeden Tag mussten sie vorbei am Totenfeld.

»Augen links!«, rief irgendwo hinter Nok eine Karang. Sie klang wie Lawan, die der Hammermann inzwischen, zu Trangs Ärger, zu seiner Stellvertreterin gemacht hatte.

Nok wandte den Kopf, sah in Richtung der Toten auf dem schlammigen Feld. Mehr als dreißig Männer, Frauen und Kinder lagen dort.

Sie hielt jedes Mal den Atem an, wenn sie hier vorübergingen. Dieser unerträgliche süßliche Geruch trug etwas mit sich, was sich wie eine Schicht im Mund ablagerte und dann lange nicht mehr von der Zunge weichen wollte. Der Tod hatte einen Geschmack, und die Karang zwangen sie, jeden Morgen und jeden Abend davon zu kosten.

Nok blickte über die Leichen hinweg auf die Bucht. Heute Morgen hatte sie draußen auf dem offenen Meer einen verschwommenen roten Fleck entdeckt. Eine der großen Dschunken der Yuan. Gewiss war sie gekommen, um dort auf die Sampans der Insel zu warten. Jetzt war der rote Fleck nicht mehr zu sehen.

Es musste am Regen liegen und an der einsetzenden Dämmerung. Die Dschunke war bestimmt noch dort. Die Yuan waren geduldig. Sie wollten Geschäfte machen. Sie wollten die Perlen von Kaoh Kraham.

Jiut hatte ihre drei Perlen an einem der Pfähle vergraben, die das Haus der Kinder trugen. Das hatte sie Nok vor ein paar Wochen zugeflüstert, als die Karang feierlich alle Perlen, die sie hatten finden können, weit draußen in der Bucht ins Meer geworfen hatten. Perlen waren in ihren Augen nutzloser Tand. Mit ihnen hatten sich jene alten Menschen geschmückt, die sich in ihrem ganzen Leben nicht an einem einzigen Tag ihr Essen durch ihrer Hände Arbeit verdient hatten. Und solche Menschen gab es in der neuen Welt nicht mehr, also waren auch Perlen überflüssig geworden.

Den ganzen Tag über hatte Nok an das riesige Schiff dort draußen denken müssen. An die Frachträume voll mit Reis, schönen Stoffen, Werkzeugen. Allem, was das Leben leicht machen würde. Und es gab ganz sicher genügend versteckte Perlen im Dorf, um sich ein ganzes Jahr ein leichtes Leben zu kaufen.

Das Wasser lief ihr im Munde zusammen, als sie an gebratenes Fleisch dachte. Einen Herzschlag lang glaubte sie, es schmecken zu können. So wie damals im Palast der sieben Freuden. Und eine schöne, warme Decke zu haben … Ein Schauer überlief sie bei der Vorstellung.

Sie richtete den Blick wieder auf den schlammigen Pfad. Es war nicht gut, irgendwo anders hin als auf den Boden zu schauen. Letzte Woche hatte der Hammermann Chompoo hingerichtet. Die alte Perlentaucherin, die einst Niti in die Geheimnisse des Meeres eingeweiht hatte, hatte zu lange in den Himmel geblickt. Chompoo hatte bis zuletzt beteuert, dass sie nur abschätzen wollte, wie das Wetter der nächsten Tage würde. Doch irgendein Spitzel hatte dem Hammermann gesagt, dass sich die Lippen der Taucherin bewegt hatten, als sie zum Himmel sah. Deshalb wurde ihr vorgeworfen, sie habe zum Herrn des Himmels gebetet, und das war Verrat an der neuen Welt. Die Karang konnten alle Sorgen von den Schultern der neuen Menschen nehmen. Wer betete, zweifelte daran. Und an den Karang zu zweifeln war der schlimmste denkbare Verrat.

Als sie das Dorf erreichten, suchte Nok Schutz unter dem Haus der Kinder. An einen der dicken Pfähle gelehnt, ließ sie sich niedersinken. Sie war so müde. Und der Tag war noch lange nicht vorüber. Nach dem gemeinsamen Essen mussten alle hinaus zum Strand, wo der Hammermann oder irgendjemand anders zu ihnen sprechen würde. Jeden Tag ging das so.

Jiut brachte ihr eine dampfende Schale mit Reisbrei. Nok war sogar zu müde, um ihre kleine Schwester anzulächeln. Dankbar schloss sie die Hände um die warme Schüssel. Wirklicher Brei war es schon lange nicht mehr, was sie bekamen. Nur eine dünne Brühe, in der einzelne Reiskörner und ein wenig Gemüse schwammen.

Ihre Schwester bewegte sich wortlos weiter. Den Kindern ging es noch am besten. Sie bekamen mehr zu essen als die Erwachsenen. Die Karang kümmerten sich gut um sie. Dennoch wirkte Jiut immer traurig. Aber Nok hatte keine Kraft mehr, sie aufzumuntern. Sie setzte die Schale an die Lippen und schlürfte die dünne Brühe.

»Aufstehen!«, rief Trang. Dabei hatte sie sich eben erst niedergelassen. »Unser Erster Bruder will zu euch sprechen.«

Nok stellte die Schale ab und erhob sich gehorsam. Wie alle anderen schlurfte sie am Haus der Frauen vorbei, einer zwanzig Schritt langen Pfahlhütte, in der bei Nacht alle Frauen schliefen. Am anderen Ende des Dorfes gab es nun auch ein Haus der Männer. Die alten Hütten waren verlassen. Paare, die Jahrzehnte zusammengelebt hatten, waren auseinandergerissen worden. Familien, das gehörte zur alten Welt. Jetzt lebten sie alle gemeinsam. Arbeiteten gemeinsam. Aßen gemeinsam. Wer mit einem Mann oder einer Frau für eine Nacht zusammen sein wollte, der musste es sich verdienen. Ein Leben als Paar, darüber redete man besser nicht mehr …

Am Strand gruppierten sie sich zu drei großen Gruppen. Rechts saßen die Frauen. In der Mitte die Kinder. Links die Männer.

Auch Nok setzte sich in den nassen Sand. Immer noch ging feiner Regen nieder. Fiel in großen Tropfen vom Rand ihres Kegelhuts auf ihre Beine, als sie den Lotussitz einnahm und den Rücken durchdrückte. Sie versuchte sich in Gedanken fortzuträumen. Manchmal war sie sich der Wirklichkeit nicht ganz sicher. Sie glaubte ein fremdes Gesicht zu sehen. Eine Frau. Das war natürlich Unsinn. Es kamen ganz gewiss keine Fremden hierher, um sich unter sie zu mischen. Sie hatte auch nicht den Willen, diesem Hirngespinst nachzugehen. Wie alle wich sie inzwischen keinen Schritt von den Wegen ab, die die Karang ihnen vorgaben. Und wie alle richtete sie ihren Blick meist zu Boden.

Der Hammermann stieg auf einen der Sampans, die kieloben am Strand lagen. Seit vielen Monden war keines der Boote mehr hinausgefahren. Sie hungerten, obwohl sie an einem Meer voller Fische lebten.

»Neue Menschen!«, rief der Hammermann ihnen zu. »Brüder und Schwestern! Gerade ist mir von einem schändlichen Verrat berichtet worden. Ich hatte geglaubt, nach all den Monden wären wir zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die alles miteinander teilt. Doch die alten Menschen verbergen sich immer noch in unserer Mitte und verbreiten ihr Gift unter uns.«

Noks Magen verkrampfte sich. Sie ahnte, was nun kommen würde. Sie reckte sich ein wenig, suchte in den Reihen der Frauen nach ihrer Mutter. Sie trafen einander kaum noch. Und wenn sie sich begegneten, waren es Momente der Traurigkeit. Es brach Nok das Herz zu sehen, was aus ihrer Mutter geworden war. Ihre Augen waren leblos. Man sah ihr an, dass der Hammermann sie prügelte und angeblich auch die anderen Männer, die er in seine Hütte holte. Nok weigerte sich zu glauben, was alles über sie geflüstert wurde.

»Nang, tritt bitte vor uns und sage uns allen, was du mir eben gesagt hast«, forderte der Hammermann.

Ein kleines Mädchen von vielleicht neun Jahren erhob sich inmitten der Sitzreihen der Kinder. Ohne zu zögern und ohne das geringste Anzeichen von Scheu ging sie nach vorn und kletterte neben dem Hammermann auf den Sampan. Wie eine Königin schaute die Kleine auf sie herab. Nok dachte daran, wie sie einst auf der Bühne am Königshof gestanden und wie sie es genossen hatte.

»Ein Schiff der Yuan, der Feinde der neuen Menschen, liegt vor der Bucht«, sagte Nang mit fester Stimme. Sie war ein schmales, zierliches Mädchen. Ihr Haar war gerade noch so lang, dass es ihr bis zum Kinn reichte. Viele der Frauen unter den Karang trugen diese Frisur.

Wahrscheinlich würden lange Haare bald ein Zeichen dafür sein, dass man zu den alten Menschen gehörte, dachte Nok bitter, die ihr langes Haar liebte.

»Die Yuan wollen die neue Welt verhindern. Und hier mitten unter uns sind zwei, die heute Nacht mit einem Sampan hinausrudern wollten, um Perlen gegen Reis zu tauschen und alle Leckereien, die sie noch dafür bekommen könnten. Sie wollten dich, Bruder Hammermann, schlecht aussehen lassen, indem sie mit einem Boot, hoch beladen mit dem köstlichsten Essen, zu uns zurückgekehrt wären.«

Nok wünschte sich sehnlich, diese dämliche kleine Göre hätte den Mund gehalten und es wäre so gekommen.

»Wer sind die Verräter, Nang? Hab keine Angst, meine kleine Schwester«, bat der Hammermann geradezu fürsorglich. »Wir neuen Menschen sagen immer die Wahrheit. Man muss sich nicht vor ihr fürchten, weil wir uns immer gegenseitig beschützen werden.«

Nang deutete auf den Block der Männer. »Es waren mein Vater, Anuwat, der Silberschmied …« Ihr ausgestreckter Arm schwenkte zu den Reihen der Frauen. »… und meine Mutter, Khamna.«

Anuwat sprang auf. »Das hat sie falsch verstanden. Bitte verzeih, Bruder Hammermann, wenn es deshalb Ärger gibt. Sie ist doch noch ein Kind … Sie versteht nicht alles.«

»Kindermund spricht wahr!«, entgegnete der Hammermann. »Aber vielleicht gibt es ja noch mehr Zeugen für deinen Verrat?«

Chenda stand auf.

Nok stockte der Atem. Ihre kleine Schwester gehörte bereits seit drei Monden zu den Mädchen, die ihr Haar kurz trugen. Doch dass Chenda schon so sehr eine Karang geworden war, hatte sie nicht erwartet.

»Was Nang sagt, ist wahr!«, behauptete Chenda. »Anuwat wollte zu den Yuan. Und er wollte mit einem Boot voller Essen zu uns zurückkehren.«

»Ich kann nicht einmal einen Sampan steuern!«, rief Anuwat verzweifelt. »Ich wäre mit dem Boot niemals zwischen den Klippen hindurchgekommen. Jeder hier weiß das!«

»Bringt Anuwat und Khamna zu mir«, befahl der Hammermann und zog zwei Nägel aus dem Beutel an seinem Gürtel.

Alle, die in der Nähe der beiden Beschuldigten saßen, rückten von ihnen ab, als die Karang kamen.

»Du hast das sehr gut gemacht, Nang!«, lobte der Hammermann. »Du sollst uns allen ein Vorbild sein. Du bist wirklich ein neuer Mensch!«

 

Kaoh Kraham, Stunde des Pferdes, 17. Tag des Eisnebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Pau blickte mit Furcht auf die Reihe der Sampans mit schwarzen Segeln, die in die Bucht einliefen. Der Regen hatte schon vor mehr als einer Woche aufgehört. Seitdem hatte er täglich mit dem Eintreffen dieser kleinen Flotte gerechnet.

»Ist sie das?«, fragte Kunthea hinter ihm in der Hütte.

»Still, Weib!«, fuhr er sie an. Die Schlampe hatte sich die Ankunft der Provinzvorsteherin Yupa sicherlich herbeigewünscht. Pau war klar, wie sie von ihm dachte. Er war kein Narr, nur weil er ein einfacher Bauer war und niemals Lesen und Schreiben gelernt hatte. Kunthea war die Närrin, weil sie sich darauf verlassen hatte, ihr angehäuftes Wissen würde einen Unterschied machen. Er hätte ihr längst einen Nagel in die Stirn treiben sollen! Aber er musste sich eingestehen, dass sie seine Schwäche war. Keine andere Frau hatte ihm je solche Lust bereitet. Er zog die Hose hoch, schlüpfte in seine Tunika und schob den Hammer in seinen Hosenbund. Er würde sich dem stellen, was ihn nun erwartete. Er war nie vor irgendeiner Auseinandersetzung davongelaufen. Hunderte Male war er das Gespräch in Gedanken durchgegangen, dass er nun führen wollte. Er konnte erklären, was geschehen war …

Er nahm seinen Gürtel auf und schnallte ihn um. In dem Beutel daran klirrten leise die letzten beiden Nägel. Bald würde er neue benötigen. Es gab einfach zu viele alte Menschen!

Er stieg die Leiter vor der Hütte hinab und ging ohne Eile zum Strand. Yupa stand im Bug des ersten Sampans. Ihr Haar war nach der neuen Art der Karang nur noch kinnlang. Pau fand das nicht sonderlich ansprechend, aber auch mit längerem Haar wäre die Vorsteherin der Provinz Sieben Drachen nicht nach seinem Geschmack gewesen. Sie war mager und klein, dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Sie erschien ihm feindselig.

Yupa sprang als Erste auf den Strand. Ihr folgte eine ganze Gruppe von Kriegerinnen. Alle hatten Bambusspeere mit stählernen Stichblättern, an denen sich funkelnd die Sonne brach, und sie trugen Schuppenpanzer aus überlappenden Lederstücken. Das war neu! Pau starrte die Frauen an. Er hatte noch nie Karang gesehen, die Rüstungen trugen.

Immer mehr bewaffnete Frauen kamen an Land. Eine Leibwache ohne einen einzigen Mann. Wie ungewöhnlich. Und es waren beunruhigend viele Kriegerinnen, dachte Pau beklommen.

Yupa schnippte laut mit den Fingern. »Bekomme ich deine Aufmerksamkeit, Bruder Hammermann, oder willst du noch weiter meine Eskorte angaffen?«

»Ich … ähm … war nur überrascht …«

»Beuterüstungen aus ersten Kämpfen gegen die Yuan.« Yupa war sichtlich stolz. »Bislang gelingt es den Karang des Schwarzen Panthers ganz gut, die Heerscharen des Khans aus unseren Wäldern zu vertreiben.«

»So sieht es aus.«

»Aber der Kampf auf unseren Reisfeldern ist natürlich genauso wichtig, Bruder Hammermann.« Die Provinzvorsteherin machte eine Geste den Strand hinauf. »Wo ist mein Reis? Unsere Dschungelkrieger müssen versorgt werden.«

»Im Vorratshaus, Schwester. Dein Besuch kommt überraschend …«

»Tut er das?«, unterbrach sie ihn. »Wo ist übrigens Niti, der mich sonst immer empfangen hat?«

Pau wandte sich ab und ging in Richtung des Dorfes. Konnte er riskieren, ihr die Antwort schuldig zu bleiben? Vermutlich eher nicht … »Wie sich zeigte, war Niti ein alter Mensch.« Damit war alles gesagt, ohne dass er es aussprechen musste.

»War er das?«

Pau sagte dieses Mal nichts mehr. Er ging ein Stück am Strand entlang und bog dann zum Dorf ab.

Das Vorratshaus war eine kleine, runde Pfahlhütte, deren Wände mit braunem Lehm bestrichen waren. Es hatte eine massive Holztür, und die Pfähle waren von zwei handbreiten flachen hölzernen Scheiben umschlossen, um zu verhindern, dass Ratten oder anderes Getier an den alten Holzpfählen hinaufklettern konnten.

Die Provinzvorsteherin schob ihn beiseite und kletterte noch vor ihm in die Lagerhütte hinauf. Sie stieß einen Seufzer aus, der eher verärgert als überrascht klang.

Pau folgte ihr. Im Halbdunkel waren deutlich die Reissäcke zu sehen. Sieben volle und ein zur Hälfte geleerter.

»Gibt es noch einen anderen Vorratsspeicher, Bruder Pau?«

»Wir …« Er räusperte sich. Sein Mund und seine Kehle waren staubtrocken. »Wir hatten eine sehr schlechte Ernte. Und in der Regenzeit gab es eine Schlammlawine, die fünf der neu angelegten Felder weggerissen hat.«

»Wenn ich Geschichten hören will, rufe ich mir einen Märenerzähler«, bemerkte Yupa frostig. »Steig die Leiter hinab und mach mir Platz!«

Stumm gehorchte er. Unten angekommen, musste Pau feststellen, dass die Eskorte der Provinzvorsteherin in weitem Kreis den Vorratsspeicher umstellt hatte.

»Bruder Pau, ich klage dich an, der Sache der Karang geschadet zu haben.«

Pau schnappte nach Luft. »Was? Bist du verrückt geworden, Yupa?«

»Ich bin hier, um die vierzehn Sack Reis abzuholen, die Kaoh Kraham als Abgaben zur Unterstützung des weiteren Kampfes der Karang zu leisten hat«, erklärte die Provinzvorsteherin schroff. »Es sind nur sieben Säcke hier. Ich stelle fest, dein Vorgänger, unser Bruder Niti, der sich vielfach im Kampf gegen die Feinde der Karang bewährt hatte, hat bei meinem letzten Besuch zwanzig Sack Reis an uns abgegeben. Du bringst uns nur ein Drittel dessen.«

»Niti war ein Verräter!«, rief Pau aufgebracht. Er konnte einfach nicht glauben, dass sie ihn anklagte. Ihn, der alles für die Karan gegeben hatte. »Niti hat mit unseren Feinden, den Yuan, Handel getrieben. Er war der Verräter. Nur so konnte er an zwanzig Sack Reis gelangen. Als ich hierher nach Kaoh Kraham kam, gab es nicht ein einziges Reisfeld. Dabei soll sich nach den Worten des Ersten Schattens doch jedes Dorf mit Reis selbst versorgen. Wenn du mich anklagst, Schwester Yupa, dann wirst du den Zorn des Ersten Schattens erwecken. Ich bin seinen Worten immer gefolgt.«

»Der Erste Schatten hat uns allen befohlen, den Yuan auf jede erdenkliche Art zu schaden. Er befielt uns ausdrücklich, mit unseren Feinden Handel um Reis zu treiben, denn so schädigen wir sie in zweifacher Weise«, fuhr Yupa gnadenlos fort. »Jedes Reiskorn, das wir unseren Kriegern geben können, stärkt unser Heer, und zugleich ist es ein Reiskorn, das den Yuan fehlt. Das ihre Bauern hungern lässt und das nicht zur Verfügung steht, um ihre Truppen zu nähren. Der Erste Schatten hat erfahrene Karang in alle Nachbarreiche ausgesandt, um die neuen Gedanken in die Dörfer unsrer Feinde zu tragen. Bald werden sich überall die Bauern erheben.« Sie legte den Kopf leicht schief und sah ihn verächtlich an. »Hast du die Befehle des Ersten Schattens etwa nicht gelesen?«

Pau schluckte, und zugleich loderte Zorn in ihm auf. »Kunthea!«, entfuhr es ihm. Er konnte nicht lesen, das wusste die Provinzvorsteherin sicherlich auch. Er hatte sich die Befehle, die Kaoh Kraham erreicht hatten, immer von Kunthea vorlesen lassen. Diese Schlange hatte ihn hintergangen! Sie hatte irgendwelche Belanglosigkeiten erfunden und ihm vorgetragen, so dass er den Willen des Ersten Schattens nicht länger erfüllt hatte.

»Kunthea? Ist das die Konkubine von König Varmajaya, die du dir zu deinem Vergnügen hältst?«

Pau wusste nicht, was für eine Biene das sein sollte. Er hatte dieses Wort nie zuvor gehört.

»Man hat mir zugetragen, dass du halbe Tage mit einer Bettgefährtin des Königs herumhurst, Bruder Pau.« Eisige Verachtung lag in den Worten der Provinzvorsteherin. »Und ich sehe, wozu diese Zügellosigkeit geführt hat. Du hast dich vergessen. Du hast unsere Sache vergessen. Du bringst nur noch die Hälfte der Abgaben, die wir Karang brauchen, um unseren Kampf fortzuführen. Einst warst du ein Held, Bruder Hammermann, dessen Name im ganzen Reich Funan bekannt wurde. Doch du hast dich verführen lassen, ein alter Mensch zu werden.« Sie spuckte ihn an. »Nehmt ihm seinen Hammer ab!«

Etliche der Kriegerinnen stürmten auf ihn ein.

Pau riss den Hammer unter seiner Tunika hervor, doch ein Speerschaft traf ihn in die Nieren. Er strauchelte. Andere Speerschäfte droschen auf ihn ein. »Schwester …«, stieß er verzweifelt hervor, ehe ihn ein Schlag so schwer auf die rechte Hand traf, dass ihm der Hammer entglitt.

Grelle Lichtpunkte tanzten vor seinen Augen, als ihn ein Hieb in den Nacken traf. Er sank mit dem Gesicht in den Sand.

»Hat sie Kinder? Und einen Mann?«, hörte er undeutlich die Stimme der Provinzvorsteherin.

»Nur Kinder. Drei Töchter. Sonst gibt es niemanden.«

Pau drehte sich auf die Seite. Keine weiteren Schläge gingen auf ihn nieder. Voller Verbitterung erkannte er, dass es Lawan war, die mit der Provinzvorsteherin sprach. Lawan, die er dem treuen Trang vorgezogen hatte. Er war so dumm gewesen!

»Bringt die Konkubine und ihre Töchter!«, befahl Yupa. »Der Erste Schatten lehrt uns: Wenn man Unkraut beseitigen will, muss man es mit der Wurzel ausreißen!«

 

Kaoh Kraham, Stunde des Schafes, 17. Tag des Eisnebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Keuchend stieg Nok zum Hügel hinab. Den ganzen Weg hatten die Kriegerinnen sie vor sich hergetrieben. Sie immer wieder aufgefordert, schneller zu gehen. Nok hatte diese Karang nie zuvor gesehen. Sie trugen lederne Rüstungen wie die Krieger der Yuan. Sie hatten ihr nicht gesagt, worum es ging, als sie sie von ihrer Arbeit auf dem Reisfeld fortgezerrt hatten.

Auf der Hügelkuppe, beim Totenfeld, waren noch viel mehr Kriegerinnen versammelt. Da lagen neue Leichen. Nackt, wie all die anderen Toten. Eine Frau mit so langem Haar, dass es ihr bis zu den Kniekehlen reichte.

Nok biss die Zähne zusammen. Da war auch der Hammermann mit einem Nagel in der Stirn. Das war unmöglich. Das musste ein Traum sein. Niemand tötete den Hammermann und …

Sie schüttelte den Kopf. Versuchte verzweifelt, aufzuwachen, sah zu den Kriegerinnen. Nur ihre Mutter hatte auf Kaoh Kraham so langes Haar. Aber ihre Mutter hatte so viele Gefahren überstanden; sie konnte jetzt nicht einfach tot im Schlamm liegen …

Als Nok wieder hinschaute, lagen da noch immer ihre Mutter und der Hammermann.

»Vorwärts!«

Sie wurde derb von den Kriegerinnen am Rand des Totenfelds entlanggestoßen. Jetzt sah sie das Antlitz ihrer Mutter von der Seite. Sah den Nagel in ihrer Stirn und das zufriedene Lächeln auf ihren Lippen. Sie lächelte wie die goldblonde Marcia, die sie in Lebe wohl, meine Kaiserin gespielt hatte, an jenem letzten Theaterabend im Palast. Es war ein Lächeln, als habe sie im Augenblick des Todes noch einen Triumph errungen.

»Zieht sie aus!«, befahl eine kleine weißhaarige Karang. Nok erkannte sie. Es war die Provinzvorsteherin Yupa, der Niti den Reis der Yuan übergeben hatte.

»Ihre Kleider sollen jemandem gehören, der sie sich verdient. Die Verräterin braucht sie nicht mehr!«

Nok schaffte es, dass ihr keine Tränen in die Augen traten, doch ihre Hände zitterten. Zu oft hatte sie gesehen, was jetzt kam. Sie wusste, dass alles Jammern und Weinen nichts half, wenn die Karang beschlossen hatten, dass man ein alter Mensch war. Sie wollte gehen wie ihre Mutter. Das hier war einfach nur der letzte Akt in einem Schauspiel. Sie stellte sich vor, dass sie die Kaiserin Marcia war, die auch dann noch voller Stolz blieb, als ihre Feinde ihr das Haupt ihres geliebten Xiang Yu, des Generals der Ehernen Horde, brachten.

»Ich ziehe mich selbst aus!«, rief Nok, als die Kriegerinnen der Karang nach ihr griffen.

»Lasst sie gewähren!«, befahl Yupa.

Nok streifte ihre Tunika ab und faltete sie sorgsam. Dann löste sie den Bund ihrer Hose. Auch diese faltete sie und gab die Kleidungsstücke einer der Kriegerinnen, ehe sie einen Fuß in den kalten Schlamm des Totenfelds setzte.

»Nicht dort, Mädchen! Tritt vor mich!«, befahl die Provinzvorsteherin.

Da war wieder das Zittern. Sie musste sich beherrschen, dachte Nok. Es war nur eine Rolle. Jetzt war sie die Kaiserin Marcia, die sich gleich mit einem Lächeln die Kehle durchschneiden würde, um ihren Feinden im Augenblick des Triumphs den höchsten Preis, das ungeborene Kind in ihrem Leib, zu entreißen.

Sie war gar nicht hier! Sie war auf einer Bühne. Und so wie in einem Theatersaal war es still, und alle Blicke ruhten auf ihr.

Solange sie denken konnte, hatten ihre Mutter und ihr Vater sie darauf vorbereitet, auf großen Bühnen zu stehen. Sie konnte das Zittern unterdrücken! Und tatsächlich, ihre Hände waren jetzt ruhig, als sie vor die Provinzvorsteherin trat, die den blutigen Hammer in ihrer Rechten hielt.

Nok dachte an die Theatervorstellung, während der sie dem König geschnittenes Obst gebracht hatte, als ihre kurze Rolle auf der Bühne vorüber gewesen war. Als sei es erst gestern gewesen, erinnerte sie sich an den letzten Abend der alten Welt. Daran, wie sie davon geträumt hatte, einmal wie ihre Mutter die große Rolle der Marcia zu spielen.

Sie kniete sich vor der Provinzvorsteherin hin und drückte den Rücken durch. Sie würde ganz Anmut sein, so wie sie es gelernt hatte.

»Ich werde dir folgen, wo auch immer du nun sein magst, mein Geliebter«, sagte Nok leise die letzten Worte der Marcia, »wie wir es einander versprochen haben.«

»Was faselt sie da?«, störte die Provinzvorsteherin ihren Auftritt. »Bringt die beiden Mädchen!«

Nok blinzelte verwirrt.

Chenda und Jiut wurden neben sie gezerrt und auf die Knie gezwungen. Sie beide waren schon nackt.

»Das … das ist falsch«, stammelte Nok und blickte in die gnadenlosen Augen der Provinzvorsteherin. »Die beiden sind Karang!«

»Ich sehe hier höchstens eine Karang«, sagte die Provinzvorsteherin und betrachtete die beiden Mädchen. Eines mit langem Haar und eines mit Haaren, die ihr nur bis zum Kinn reichten.

»Chenda ist wirklich ein vorbildlicher neuer Mensch«, beteuerte die widerliche Lawan, die in den letzten Wochen immer an Paus Seite gewesen war.

»Ist sie das?« Die Provinzvorsteherin hielt Chenda den blutigen Hammer hin. »Zeige, dass du eine von uns bist. Erschlage deine beiden Schwestern, dann werde ich es glauben.«

Und Chenda nahm den Hammer. Ohne zu zögern, stand sie auf und versetzte Jiut einen Schlag mitten auf den Kopf. Jiut keuchte, doch sie brach nicht zusammen.

»Du musst sie dorthin schlagen«, sagte die Provinzvorsteherin und deutete auf Jiuts Schläfe. »Dort sind die Knochen nicht so stark.«

Wieder sauste der Hammer nieder. Voller Entsetzen sah Nok, wie der eiserne Kopf des Werkzeugs in Jiuts Schläfe versank. Wie ihr langes Haar bei dem wuchtigen Schlag in die Wunde gedrückt wurde.

»Jetzt die andere!«, forderte die Provinzvorsteherin.

Und Chenda hob den Hammer.

Dann wurde es schwarz. So schwarz wie auf einer Bühne, wenn am Ende des Stücks der Vorhang fiel.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Hundes, 17. Tag des Eisnebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Da war das Platschen von Schritten im Schlamm. Nok sah Jiuts weit aufgerissene Augen. Und sie begriff, wo sie war. Auf dem Totenfeld. Warmer Regen rann über ihren Rücken.

»Augen links!«, erscholl Trangs Stimme.

Es war Abend, die Überlebenden kehrten von der Arbeit auf den Reisfeldern zurück.

Sie durfte sich nicht bewegen, dachte Nok. Sie musste eins sein mit den Toten, denn wieder sahen sie alle an, da war sie sich ganz sicher, auch wenn sie mit dem Gesicht vom Pfad abgewandt im Schlamm lag.

Es dauerte und dauerte, bis das Platschen der nackten Füße auf dem Pfad endete. Und auch danach blieb Nok noch eine ganze Zeit lang liegen.

Endlich wagte sie es, sich hochzustemmen – und sackte sofort wieder in den Schlamm. Ihr war schwindelig. Ihr Kopf schmerzte, als würde Chenda wieder und wieder mit dem Hammer auf sie einschlagen.

Nok tastete nach ihrer Schläfe und zuckte zusammen. Es wurde schwarz um sie.

Als sie erneut erwachte, standen tausend Sterne am klaren Himmel. Sie hörte das Summen der Fliegen. Spürte, wie sich etwas Kleines auf ihrem Körper wand. Sie musste von hier fort! Sie war keine Tote!

Morgen früh, sobald es Augen rechts hieß, würde jemand merken, dass sie fehlte. Irgendjemand sah sich die Toten immer genau an. Dann würde man sie suchen und dafür sorgen, dass sie das Totenfeld kein zweites Mal verließ. Wollte sie überleben, musste sie wirklich verschwinden. Wahrhaft unsichtbar werden!

Mit langsamen Bewegungen begann sie sich mit Schlamm einzureiben. Immer wieder musste sie innehalten. Schmerz pochte in ihrer Schläfe.

Endlich richtete sie sich auf, kam auf die Füße. Sie taumelte. Ihr Gleichgewichtssinn war durcheinander. Immer wieder stürzte sie zwischen die Leichen.

Beim dritten Mal war sie am Ende ihrer Kraft. Sie starrte in die leeren Augen eines Totenschädels, aus dessen Stirn ein rostiger Nagel ragte. So würde auch sie bald aussehen, wenn sie jetzt aufgab.

Sie erinnerte sich an die endlosen Unterrichtsstunden bei ihrer Mutter. Daran, wie Kunthea ihr beigebracht hatte, dass man Schmerz ausatmen konnte. Dass man mit wunden Füßen und brennenden Gliedern immer noch weiterproben konnte, wenn man den Schmerz aus sich herausfließen ließ.

Nok atmete langsam aus. Stellte sich vor, wie das, was sie nicht in sich tragen wollte, aus ihr herausfloss.

Du machst das gut.

Das war die Stimme ihres Vaters. Ihre Mutter hatte nie lobende Worte für sie gehabt. Wie konnte das sein? Nok starrte den Totenschädel an. Ihr Vater war nicht hier gestorben. Er lag irgendwo im Graben an der endlosen Straße nach Süden.

Du machst das gut.

Die Worte gaben ihr neue Kraft. Sie erhob sich zwischen den Toten. Hinter dem Hügel verlief ein schmaler Pfad, den die wilden Schweine aus dem Wald benutzten. Nok war ihm einmal mit Niti gefolgt. Er führte tief in den dunklen Dschungel.

Sie fand ihn und schleppte sich voran, bis auch ihre letzten Kräfte erschöpft waren. Als sie niedersank, rollte sie sich etwas abseits des Pfades und bedeckte sich mit Schlamm und Laub, bis sie ganz mit der Insel verschmolz.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Affen, 18. Tag des Eisnebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


So weit kann sie niemals gekommen sein.«

Die Stimme riss Nok auf dem Schlaf. Sie hörte das Platschen nackter Füße im Schlamm.

»Man überlebt auch keinen Schlag mit einem Hammer«, gab eine andere Männerstimme zu bedenken. »Ich war da. Ich hab es gesehen. Alle haben gedacht, sie sei tot.«

Still liegen!, ermahnte sich Nok in Gedanken. Die drei gingen über den Pfad. Sie würden sie nicht sehen, denn sie war eins mit der Insel geworden. Das Gesicht in den Schlamm gepresst, verharrte sie. Hielt den Atem an.

»Wartet. Ich muss mal pissen.«

Schritte kamen näher. Zu nahe!

Sie hörte ein Seufzen über sich. Darauf ein Plätschern direkt neben sich. Dann rann etwas warm über ihren Rücken.

»Beim Herren des Himmels …«

Nok drehte sich um.

Der Karang, der neben ihr stand, griff nach dem Speer, der neben ihm am Baum lehnte. Er wirbelte die Waffe herum. Die stählerne Spitze stieß nieder.

Nok rollte zur Seite.

Nicht schnell genug. Der Stahl durchbohrte sie. Sie war getroffen! Seitlich in den Bauch.

Die Welt zersplitterte.

Der Karang reckte seinen Speer hoch wie ein Jäger, der über seine Beute triumphierte. Nok hatte nicht gesehen, wie er seine Waffe aus der Wunde zog. Da fehlte ein Splitter in ihrer Erinnerung.

Jetzt standen drei Karang um sie herum. Sie hatte sie nicht kommen sehen. Verstand nur einzelne Worte von dem, was sie sagten. Wo waren die Splitter …

Ihre Augenlider flatterten. Sie musste sie nur schließen, dann umfing sie friedliches Dunkel.

»Schau sie dir an. Diesmal ist sie hinüber.«

»Stimmt, die …«

Wieder fehlte ein Splitter. Es war vorbei.

Helden interessiert es nicht, was andere denken. Sie stehen auf und kämpfen weiter, wo andere sterben. Willst du einmal eine Heldin auf der großen Bühne sein? Dann steh auf und mach weiter!

Diesmal war es die Stimme ihrer Mutter. Immer nur fordernd, nie lobend.

»Verpass ihr noch einen Stich. Mal sehen, ob sie noch zuckt.«

Diese Stimme war echt.

Nok sah die Speerspitze.

Schnell, wie eine Schlange zustieß, packte sie den Schaft der Waffe dicht über der stählernen Spitze, so wie sie es tausendfach im Bühnenkampf geprobt hatte. Mit einer Drehung wand sie dem überraschten Karang die Waffe aus der Hand. Die Spitze wirbelte nach oben und schnitt dem Karang neben ihm quer über die Kehle.

Mit einem Satz war Nok auf den Beinen. Stach zu. Traf den Mann, der sie entdeckt hatte, mit dem Speer dicht unter dem Rippenbogen. Trieb das Stichblatt in ihn hinein, schräg nach oben, dorthin, wo sein Herz war.

Platschende Schritte im Schlamm.

Nok setzte einen Fuß auf den Bauch des Sterbenden, riss den Speer aus seinem Leib und fuhr herum. Sie warf die Waffe aus der Bewegung heraus mit aller Kraft, die ihr geschundener Leib noch aufbrachte.

Der Speer traf den Karang hoch im Rücken. Dort, wo die Knochenkette war, die den Körper stützte wie eine Säule. Der neue Mensch ging zu Boden. Rührte sich nicht mehr.

Sie aber musste fort von hier. Bald würden weitere Karang kommen. Nok wusste, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte.

Helden interessiert es nicht, was andere denken. Sie stehen auf und kämpfen weiter, wo andere sterben. Willst du einmal eine Heldin auf der großen Bühne sein? Dann steh auf und mach weiter!

Ihre Mutter war wie immer gnadenlos. Kunthea hatte Nok stets das Gefühl gegeben, dass sie fest mit dem Scheitern ihrer Tochter rechnete. Und dass sie so von ihr dachte, hatte Noks Trotz geweckt. Hatte letzte Kräfte aufflackern lassen, wo es nichts mehr hätte geben sollen.

Nok taumelte weiter. Spürte, wie das Blut warm an ihrem Bein hinabrann. Dann fiel erneut der Vorhang, und alles wurde schwarz.

 

Kaoh Kraham, Stunde des Tigers, 19. Tag des Eisnebelmondes im 14. Jahr vor Sasmiras zweiter Thronerhebung


Da war safrangelbes Licht. Ein Lampion. Einer von den länglichen, wie man sie beim Fest der Lichter steigen ließ. Eine Flamme brannte in der dünnen Blechschale, die unter dem Lampion befestigt war.

Langsam erhob er sich vom hellen Strand und strebte einem Himmel voller Sterne entgegen.

»Du bist ungewöhnlich.«

Die Stimme klang ein wenig wie die von Meister Lee, dem alten Lehrer aus dem Reich der Yuan, der einst ihren Vater und viel später auch sie unterrichtet hatte. Aber es war die Stimme einer Frau.

Nok wollte sich umdrehen. Doch ein stechender Schmerz ließ sie innehalten. Sie sah an sich herab. Jemand musste sie gewaschen haben. Der Schlamm war verschwunden. Ein Verband aus weißem Leinen wand sich um ihren Bauch. Ein roter Fleck erschien jetzt auf dem Stoff. Und er wuchs.

»Wenn du still liegen bleibst, wird die Blutung wieder aufhören. Du solltest geizig mit deinem Blut sein. Du hast viel davon verloren.«

»Du bist eine Yuan.«

Leises Lachen erklang. »Dir entgeht nichts, Nok. Meine Sprachkenntnisse waren stets mein größter Mangel. Ganz gleich in welcher Zunge, ich behalte immer meinen Dialekt.«

»Bist du eine Schauspielerin?«

Wieder ertönte ein Lachen. »In einem gewissen Sinne … Aber im Augenblick bin ich eines der Augen des Khans.«

Jetzt drehte Nok sich um. Und sie büßte sofort dafür. Die Wunde in ihrem Bauch schmerzte, als habe der Speer sie ein zweites Mal getroffen. Eine drahtige Frau hockte neben ihr am Strand. Sie war gekleidet wie eine Karang. Ihr Haar reichte ihr nur bis zum Kinn. Nok hatte sie nie zuvor gesehen. Sie musste mit der Provinzvorsteherin gekommen sein.

»Ich bin schon länger als einen Mond auf Kaoh Kraham«, sagte die Yuan, als habe sie ihre Gedanken gelesen. »Wie gesagt, ich bin ein Auge. Ich beobachte.«

»Wofür die Laterne? Die Karang werden sie am Himmel sehen und kommen.«

»Wir sind auf der Rückseite der Insel, Nok. Sie werden eine Weile brauchen.« Die unbewaffnete Frau wirkte gelassen. »Und sollten doch einige Karang hier eintreffen, bevor das Boot für mich anlegt, wird das nicht mein Unglück sein.«

Die Fremde strahlte dasselbe unerschütterliche Selbstvertrauen aus wie Noks Mutter früher, bevor sie auf die Bühne ging.

»Was tust du hier?«

»Ich beobachte euch. Morgen werde ich einen Bericht über euch schreiben. Darüber, was die Provinzvorsteherin über den Reis gesagt hat.«

»Du warst dort?«, staunte Nok.

Die Fremde lächelte erneut. »Mit der Provinzvorsteherin sind viele neue Karang auf die Insel gekommen. Das war eine gute Gelegenheit, mich unter euch zu mischen. Solange ich nicht spreche, falle ich nicht auf. Ich war auch abends im Dorf, wenn alle zu erschöpft waren, um genauer hinzusehen. Ich habe sogar einmal hinter dir am Strand gesessen, als der Hammermann über die neuen Menschen geredet hat. Dumm, aber doch interessant … Allerdings kann nichts von Bestand sein, wenn der Khan es nicht duldet. Er hat die neuen Menschen in der Provinz Funan geduldet, bis …«

»Königreich Funan!«, verbesserte Nok sie verärgert.

»Kann man ein Königreich sein, wenn man keinen König mehr hat? Aber sei es drum. Ihr seid wie viele Königreiche, die der Khan sich unterworfen hat. Er hätte die Karang vielleicht gewähren lassen, wenn sie nicht Rebellen in andere Provinzen des Reiches ausgesandt hätten. Das war ein Fehler. Der Khan wird euch beobachten. Und dann wird der Krieg beginnen.«

Nok runzelte verwundert die Stirn. »Der Krieg hat doch schon begonnen. Der Schwarze Panther hat euch zurückgedrängt.«

Die Fremde schüttelte den Kopf. »Das waren nur Plänkeleien. Glaube mir, wenn der Khan ernsthaft einen Krieg führt, dann ist sein Heer ein Tsunami, der alles verschlingt. Aber reden wir nicht von dem, was sein wird. Sprechen wir über das Jetzt. Du hast mich beeindruckt, Nok, und das geschieht sehr selten. Vor dir liegen zwei Wege, und es ist an dir, dich nun zu entscheiden.«

»Wovon sprichst du?«

»Du kannst hier auf Kaoh Kraham bleiben, und wenn die Karang dich das nächste Mal finden, werden sie dich ganz gewiss töten, denn du bist am Ende deiner Kräfte.«

»Und der andere Weg?«

Die Fremde wirkte plötzlich ernst. »Der andere Weg konfrontiert dich auch mit dem Tod. Aber der Tod und du, ihr habt einen seltsamen Umgang miteinander. In der kurzen Zeit, die ich dich kenne, hättest du eigentlich schon zweimal sterben sollen. Also bestehst du vielleicht auch die Prüfungen an jenem Ort, an den ich dich bringen könnte, obwohl du eigentlich schon zu alt bist, um dort aufgenommen zu werden. Wenn du überlebst, wirst du am Ende sein, was ich bin.«

»Ein Auge des Khans?«, fragte Nok.

»Nein, viel mehr. Du wärst eine Weiße Tigerin.«

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Bernhard Hennen - Die Chroniken von Azuhr: Der träumende Krieger. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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