The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie – Alice Hoffman

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The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie | Alice Hoffman


Lest hier die ersten Seiten aus "The Rules of Magic – Eine zauberhafte Familie" von Alice Hoffman. Der Roman erscheint am 28. Juli bei FISCHER Tor

Und darum geht es in „The Rules of Magic“:

New York, Anfang der 60er Jahre. Für Franny, Jet und Vincent Owens gelten einige strenge Regeln: keine Spaziergänge bei Mondschein, keine roten Schuhe, keine schwarze Kleidung, keine Katzen oder Krähen im Haus. Und vor allem: Sie dürfen sich niemals verlieben. Denn sie sind Hexen – mit einem tragischen Familienschicksal: Jeder, der sich in sie verliebt, muss mit dem Leben dafür bezahlen.

Aber kann man wirklich steuern, ob und wann man sich verliebt? Und was ist zu tun, wenn die Liebe zwangsläufig zur Katastrophe führt?

Natürlich werden Franny, Jet und Vincent jede einzelne dieser Regel brechen – und mit den Folgen leben müssen.

 

*** Leseprobe ***

Es war einmal eine Zeit, da war vieles noch anders als heute, man konnte von zu Hause fortlaufen, seine Herkunft verschleiern und in die feine Gesellschaft aufgenommen werden. Genau das hatte die Mutter der Kinder getan. Susanna gehörte zu den Owens aus Boston, einer sehr alten Familie, der nicht einmal die Gesellschaft der Abkömmlinge der Mayflower und die Töchter der Amerikanischen Revolution die Mitgliedschaft verweigern konnten. Dabei hätten diese exklusiven Vereinigungen ihnen am liebsten die Tür vor der Nase zugeschlagen und den Schlüssel zweimal rumgedreht. Ihre Urahnin Maria Owens, die 1680 zum ersten Mal amerikanischen Boden betreten hatte, blieb ein Mysterium, sogar für ihre eigene Familie. Niemand wusste, wer der Vater ihres Kindes war, oder konnte sich erklären, wie es ihr als alleinstehender Frau, scheinbar ohne Vermögen oder Einkommen, gelungen war, ein so wunderbares Haus zu bauen. Die lange Reihe von Marias Nachfahrinnen wirkte nicht weniger fragwürdig. Ehemänner verschwanden spurlos. Töchter gebaren Töchter. Kinder liefen fort und wurden nie wieder gesehen.

In jeder Generation gab es jemanden, der Massachusetts den Rücken kehrte, und auch Susanna Owens hatte das getan. Sie war als junge Frau nach Paris durchgebrannt, hatte später geheiratet und sich in New York niedergelassen. Um ihre Kinder zu schützen, hatte Susanna ihre Familiengeschichte vor ihnen geheim gehalten, was dazu führte, dass die Kinder immer wieder über ihre Abstammung spekulierten. Sie waren nicht wie andere Kinder, das wurde sehr früh klar, und Susanna sah sich gezwungen, Regeln aufzustellen. Keine Spaziergänge im Mondschein, keine Ouija-Bretter, keine Kerzen, weder rote Schuhe noch schwarze Kleidung, niemals barfuß laufen, keine Amulette, keine nachtblühenden Pflanzen, Katzen oder Krähen, nie Romane über Magie lesen oder weiter als bis zur 14th Street gehen. Doch so sehr Susanna auch auf diese Regeln pochte, die Kinder setzten sich immer wieder über sie hinweg. Sie ließen sich nicht davon abbringen, ungewöhnlich zu sein. Das älteste Kind war Frances, ein Mädchen mit milchweißer Haut und blutroten Haaren. Von klein auf hatte sie eine besondere Verbindung zu Vögeln; schon als sie in der Wiege lag, versammelten sich die Tiere vor ihrem Fenster, als wären sie gerufen worden. Dann kam Bridget, wegen ihrer jettschwarzen Locken kurz Jet genannt, die ebenso schüchtern wie hübsch war und zu wissen schien, was andere dachten. Und zuletzt Vincent, das geliebte Nesthäkchen und in jeder Hinsicht eine Überraschung. Er war der erste und einzige Junge in der Familie, ein begnadeter Musiker, der pfeifen konnte, noch bevor er sprechen lernte, so charismatisch und furchtlos, dass seine besorgte Mutter ihm als Kleinkind ein Geschirr anlegte, damit er nicht entwischte.

Die Kinder wuchsen Ende der fünfziger Jahre auf, sie entwickelten sich schnell, und ihr seltsames Benehmen wurde mit der Zeit noch seltsamer. Für Spiele hatten sie nichts übrig, und die anderen Kinder im Park fanden sie uninteressant. Ihre Familie wohnte in einem maroden Stadthaus in der 89th Street in der Upper East Side. Wenn ihre Eltern zu Bett gegangen waren, kletterten die Kinder aus dem Fenster, turnten auf dem Dach herum und stiegen die Feuertreppen hinunter, später streiften sie zu jeder Tages- und Nachtzeit durch den Central Park. Sie schrieben mit schwarzer Tinte an die Wohnzimmerwände, lasen gegenseitig ihre Gedanken und versteckten sich im Hauswirtschaftsraum im Keller, wo ihre Mutter sie nie fand. Als hätten sie es sich zur Aufgabe gemacht, brachen sie eine Regel nach der anderen. Franny trug Schwarz und zog auf ihrem Fensterbrett nachtblühenden Jasmin, Jet las sämtliche Romane von Edith Nesbit und fütterte in der Seitenstraße streunende Katzen, und Vincent erkundete schon mit zehn den verbotenen Teil der Stadt jenseits der 14th Street.

Alle drei hatten graue Augen, wie jeder in ihrer Familie, doch davon abgesehen waren die Geschwister grundverschieden. Frances war mürrisch und misstrauisch, Jet dagegen gutmütig und so sensibel, dass schon eine kritische Bemerkung bei ihr einen Ausschlag hervorrufen konnte. Die modebewusste Jet folgte den eleganten Fußspuren ihrer Mutter, während Frances meist nachlässig gekleidet war und sich die Haare nicht kämmte. Für sie war es die größte Freude, mit verdreckten Stiefeln durch Sheep Meadow im Central Park zu streifen. Wilden Vögeln war Frances immer noch eng verbunden, sie musste nur die Hand heben, und die Tiere kamen zu ihr. Wenn sie so schnell lief, dass sie selbst fast flog, wirkte es von weitem, als könnte sie mit den Vögeln sprechen und würde eher in ihre Welt gehören als in unsere.

Vincent besaß eine ungeheure Anziehungskraft, schon wenige Stunden nach seiner Geburt versteckte ihn eine Schwester von der Wöchnerinnenstation des Columbia-Presbyterian Hospital unter ihrem Mantel und wollte ihn entführen. Vor Gericht sagte sie aus, das versuchte Kidnapping sei nicht ihre Schuld, sie sei verzaubert gewesen und habe dem Kind nicht widerstehen können. Im Laufe der Jahre kamen solche Behauptungen immer wieder auf. Vincent wurde nach Strich und Faden verwöhnt, von Jet wurde er behandelt wie eine Puppe und von Frances wie ein wissenschaftliches Experiment. Wenn man ihn zwickte, überlegte Frances, würde er dann weinen? Wenn man ihm eine Schachtel Kekse gab, würde er alle essen, bis ihm schlecht wurde? Wie sich zeigte, lautete die Antwort auf beide Fragen Ja. Wenn Vincent ungezogen war, was häufig vorkam, erfand Frances Geschichten über alle möglichen Bestrafungen für kleine Jungen, die nicht hören wollten, aber ihre Schauermärchen konnten ihn nicht aufhalten. Trotzdem beschützte sie ihn immer, auch dann noch, als er sie längst überragte.

Die Kinder verabscheuten ihre Schule, dabei hatte Susanna Owens alles darangesetzt, sie dort unterzubringen, sie hatte sogar Cocktailpartys für die Schulleiter der Starling gegeben. Mit ihrem Haus konnte man immer noch Eindruck machen, auch wenn es aus Geldmangel marode war – ihr Vater war Psychiater und behandelte viele seiner Patienten kostenlos. Susanna staffierte den Salon für diese Besuche mit Silbertabletts und Seidenkissen aus, die sie eigens für den Anlass kaufte und am nächsten Tag zu Tiffany und Bendel zurückbrachte. Die Starling war eine versnobte, klüngelhafte Einrichtung in der 78th Street mit einem Wachmann vor dem Eingang. Alle Schülerinnen und Schüler mussten Uniformen tragen, allerdings zog Franny oft ihren grauen Rock hoch, rollte die kratzigen Kniestrümpfe herunter und zeigte ihre sommersprossigen Beine. Bei feuchtem Wetter kräuselten sich ihre roten Haare, und wenn sie länger als fünfzehn Minuten in der Sonne verbrachte, bekam sie einen Sonnenbrand. Franny fiel in jeder Gruppe auf, was sie furchtbar störte. Sie war groß für ihr Alter und erreichte schon in der fünften Klasse ihre endgültigen eins zweiundachtzig. Ihre Arme und Beine waren schon immer auffallend lang, wie die eines jungen Fohlen. Deshalb dauerte diese schlaksige Phase zehn Jahre, von ihrer Zeit als mürrisches, selbst die Jungen überragendes Kindergartenkind bis sie fünfzehn wurde. Sie trug oft rote Stiefel aus Secondhandläden. Eigenartiges Mädchen, stand in ihrer Akte. Sollte vielleicht psychologisch untersucht werden.

Die Schwestern waren in ihrer Schule Außenseiterinnen, vor allem Jet gab ein leichtes Ziel ab. Die Kinder in ihrer Klasse konnten sie mit einem gemeinen Zettel oder absichtlichem Schubsen zum Weinen bringen. Als Jet begann, sich die meiste Zeit des Tages auf der Mädchentoilette zu verstecken, schritt Franny ein. Die anderen lernten schnell, dass man die Owens-Schwestern nicht verärgern sollte, es sei denn, man wollte über seine eigenen Füße stolpern oder bei einem Referat plötzlich stottern. Die Schwestern hatten etwas Bedrohliches an sich, sogar wenn sie nur in der Mensa Tomatensandwiches aßen oder in der Bibliothek nach Romanen stöberten. Legte man sich mit ihnen an, bekam man die Grippe oder Masern. Machte man sich über sie lustig, konnte man damit rechnen, dass man ins Büro des Direktors gerufen wurde, weil man angeblich geschwänzt oder geschummelt hatte. Offen gesagt war es das Beste, man ließ die Owens-Schwestern in Ruhe.

Frannys einziger Freund war Haylin Walker, der siebeneinhalb Zentimeter größer und genauso ungesellig war wie sie. Die Starling zu besuchen, war in seiner Familie Tradition, er war von Geburt an dazu verdammt. Seine Großeltern hatten die Sporthalle gestiftet, sie hieß Walker Hall und wurde von Franny, die Sport hasste, nur Höllenhalle genannt. In der sechsten Klasse hatte Hay sich bei einer berühmt-berüchtigten Protestaktion an den Dessertwagen in der Cafeteria gekettet und höhere Löhne für die Mitarbeiter dort gefordert. Franny bewunderte seinen Mut, aber die anderen Schüler hatten ihn nur mit großen Augen angestarrt und nicht mit eingestimmt, als er »Gleichheit für alle!« skandiert hatte.

Der Hausmeister hätte Haylin gern gewähren lassen, musste die Ketten aber mit einer Metallsäge durchtrennen. Danach bekam Haylin eine ordentliche Standpauke vom Schuldirektor zu hören. Er sollte einen Aufsatz über Arbeitnehmerrechte schreiben, was er als Ehre empfand, nicht als Strafe. Statt der verlangten zehn Seiten reichte er einen fast fünfzig Seiten dicken Stapel ein, mit Zitaten von Thomas Paine und Roosevelt und ordentlich mit Fußnoten versehen. Er konnte das nächste Jahrzehnt kaum erwarten. In den Sechzigern würde sich alles ändern, sagte er Franny. Und wenn sie Glück hätten, würden sie dann frei sein.

Haylin verabscheute seine reiche, privilegierte Abstammung und trug verschlissene, fadenscheinige Kleidung und alte Stiefel mit Löchern in den Sohlen. Es gab nur zwei Dinge, die er sich wünschte: einen Hund und die Erlaubnis, eine öffentliche Schule zu besuchen. Beides verweigerten ihm seine Eltern. Sein Vater war der größte Anteilseigner einer 1824 gegründeten, weltweit tätigen Bank mit Hauptsitz in Manhattan, was Hay äußerst peinlich war. In der Highschool überlegte er, seinen Namen offiziell in Jones oder Smith zu ändern, damit ihn niemand mit seiner Familie und ihrer berüchtigten Habgier in Verbindung bringen konnte. Franny vertraute er unter anderem deshalb, weil Äußerlichkeiten sie völlig kaltließen. Es war ihr egal, dass er in einem Penthouse an der Fifth Avenue wohnte oder dass sein Vater einen Butler hatte, der in Oxford gewesen war und einen Cutaway und polierte Schuhe trug.

»Was für ein Aufwand«, sagte Franny immer.

Vor allem interessierten sich beide für Wissenschaft. Haylin untersuchte zurzeit die Auswirkungen von Cannabis auf seine Kalorienzufuhr. In weniger als einem Monat hatte er gut zwei Kilo zugenommen, weil er nicht nach Marihuana, sondern nach cremegefüllten Donuts süchtig wurde. Er wirkte tiefenentspannt, es sei denn, er sprach über Biologie, über Ungerechtigkeit oder über seine Zuneigung zu Franny. Ständig lief er ihr nach, und es schien ihm egal zu sein, ob er sich damit lächerlich machte. Wenn sie zusammen waren, lag in seinen Augen ein wildes Funkeln, das Franny beunruhigte. Es war, als hätte er noch eine andere Seite, einen verborgenen, emotionalen Teil seines Wesens, den er und Franny lieber ausblendeten.

»Erzähl mir alles über dich«, bat Haylin sie oft.

»Du weißt doch schon alles«, antwortete Franny dann. Er kannte sie besser als jeder andere. Besser als sie selbst, fürchtete sie manchmal.

Im Gegensatz zu Franny und Jet hatte Vincent in der Schule keine Probleme. Er nahm Gitarrenunterricht und überflügelte seinen Lehrer im Handumdrehen, und bald folgten ihm Scharen verknallter Mädchen durch die Schulflure. Schon früh interessierte er sich für Magie. Er zog seinen Klassenkameraden Münzen aus den Ohren und zündete Streichhölzer durch ein leichtes Pusten an. Im Laufe der Zeit entwickelten sich seine Talente. Er konnte den Strom im Haus der Owens mit einem einzigen Blick verrücktspielen lassen, so dass die Lampen erst flackerten und dann ganz ausgingen. Verschlossene Türen entriegelten sich ohne eine Berührung, Fenster öffneten und schlossen sich, wenn er in der Nähe war. Als Franny fragte, wie er das schaffe, wollte er seine Methoden nicht preisgeben.

»Finde es selbst heraus«, antwortete er grinsend.

Vincent hatte ein Schild mit der Aufschrift Betreten auf
eigene Gefahr an seine Tür gehängt, aber Franny marschierte einfach in sein Zimmer und durchsuchte es. Weder in den Schreibtischschubladen noch im Wandschrank fand sie etwas Interessantes, aber zwischen den Spinnweben unter Vincents Bett entdeckte sie ein okkultes Handbuch mit dem Titel Der Magus. Franny kannte seine Geschichte, weil es zu den Büchern gehörte, die ihre Mutter verboten hatte. Als es 1801 erschien, war es so beliebt, dass nicht genug Exemplare gedruckt werden konnten. Manche Menschen waren so versessen auf das Buch, dass sie es stahlen, und viele Anhänger versteckten es unter den Dielen. Vincents zerlesenes Exemplar hatte nichts von seiner Macht eingebüßt. Es roch nach Schwefel, und als Franny es sah, bekam sie sofort einen Niesanfall. Wenn sie sich nicht täuschte, war sie gegen das Ding allergisch.

Der Magus fühlte sich so heiß an, dass sie sich am Einband die Finger verbrannte, als sie ihn aus seinem Versteck zog. Einen solchen Gegenstand nahm man nicht aus einer Laune heraus in die Hand. Man musste wissen, wonach man suchte, und man musste mutig genug sein, mit ihm umzugehen.

Franny warf den Band auf den Küchentisch, als Vincent zu Mittag aß, so schwungvoll, dass sich der Kartoffelsalat und der Krautsalat über den Tisch verteilten. Der schwarz-goldene Rücken war nach den vielen Jahren gebrochen. Als das Buch auf den Tisch knallte, ächzte es.

»Woher hast du das?«, fragte sie.

Vincent sah sie an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Von einem Stand für gebrauchte Bücher neben dem Park.«

»Im Leben nicht«, widersprach Franny bestimmt. »Du warst noch nie an einem Bücherstand!«

Andere Menschen konnte Vincent hinters Licht führen, selbst Jet konnte er mit seinem Charme hereinlegen, aber Franny hatte für so etwas ein Gespür. Die Wahrheit fühlte sich hell und grün an, doch Lügen sanken zu Boden. Sie waren schwer wie Metall, ein Material, von dem Franny sich möglichst fernhielt, weil es ihr das Gefühl gab, sie sei hinter Gittern gefangen. Aber Vincent war ein reizender Lügner, und Franny spürte ihre Liebe zu ihrem Bruder, als er mit den Schultern zuckte und die Wahrheit sagte.

»Du hast recht. Ein Bücherstand dürfte es auch nicht verkaufen«, gestand er. »Es ist immer noch verboten.«

Um die Jahrhundertwende waren alle Exemplare, die man aufspüren konnte, auf dem Washington Square in einem großen Feuer verbrannt worden, und ein kaum bekanntes Gesetz verbot es den Bibliotheken und Buchläden in New York City noch heute, es zu besitzen oder zu verkaufen. In dem Buch, das jetzt aufgeschlagen auf dem Tisch lag, erkannte Franny Bilder von Hexen, die zu einem Galgenhügel geführt wurden. Unter der Illustration stand 1693. Franny schauderte, sie kannte diese Jahreszahl. Sie hatte vor kurzem in Geschichte einen Aufsatz über die Hexenprozesse in Salem geschrieben und wusste, dass 1693 viele der Beschuldigten aus Neuengland geflohen waren. Sie hatten eine tolerantere Heimat gesucht und sie in Manhattan gefunden. Während in Neuengland Politik, Gier und Religion den Hexenwahn schürten und Cotton Mather und der berüchtigte, grausame Richter John Hathorne die Flammen lodern ließen, fanden in New York nur zwei Hexenprozesse statt. Auf Long Island waren 1658 in Queens und 1665 in der Stadt Setauket in beiden Fällen Bewohner angeklagt, die Verbindungen nach Boston hatten. In New York, hatte Franny herausgefunden, konnte man frei sein.

»Und was willst du mit dem Ding?« Frannys Fingerspitzen waren schwarz verschmiert, und sie hatte ein flaues Gefühl im Magen.

Es passte natürlich zu Vincent, dass er sich für das Okkulte interessierte statt für gewöhnliche Dinge wie Fußball oder Leichtathletik. Er wurde regelmäßig für seine üblichen Streiche von der Schule suspendiert, für Wassereimer, die irgendwo herunterfielen, oder Pfefferspray, das sich von selbst verteilte. Ihrem Vater war Vincents anhaltend schlechtes Benehmen sehr peinlich, zumal er vor kurzem das Buch Ein Fremder im Haus veröffentlicht hatte, eine Analyse verhaltensauffälliger Jugendlicher. Es war seinen Kindern gewidmet, und trotzdem hatte keines von ihnen vor, es zu lesen, obwohl es beinahe ein Bestseller war.

Franny ahnte, woher Vincent den Magus hatte. Von dem Ort auf der Liste ihrer Mutter, der ihnen verboten war. Downtown Manhattan. Gerüchten zufolge bekam man dort alles, was es in anderen Teilen der Stadt nicht gab. Tierherzen, Menschenblut, Zaubersprüche mit tödlicher Wirkung. In Wahrheit wollte ihre Mutter sie aus Greenwich Village fernhalten, weil dort angeblich verlotterte Künstler, Drogensüchtige, Homosexuelle und Anwender der schwarzen Magie lebten. Und trotzdem hatte Vincent es dorthin geschafft.

»Vertrau mir, du musst dir keine Sorgen machen«, brummelte er und zog den Magus schnell wieder zu sich. »Wirklich, Franny, es ist nur ein dummes Buch.«

»Sei vorsichtig«, ermahnte Franny ihn.

Vielleicht wollte sie damit auch sich selbst warnen, weil ihre Fähigkeiten ihr oft Angst machten. Dazu gehörte nicht nur, dass Vögel zu ihr kamen oder sie Eiszapfen nur berühren musste, um sie schmelzen zu lassen. Das ließ sich beides wissenschaftlich erklären. Sie hatte ein ruhiges Wesen und erschrak nicht vor flatternden Vögeln, und ihre Körpertemperatur war höher als die der meisten Menschen, deshalb war es logisch, dass das Eis schmolz. Aber eines Nachts hatte sie auf der Feuertreppe vor ihrem Zimmer gestanden und sich so intensiv vorgestellt, sie würde fliegen, dass es sich einen Moment lang so angefühlt hatte, als würden ihre Füße nicht mehr den Boden berühren. Das war empirisch unmöglich.

»Wir wissen nicht genau, womit wir es zu tun haben«, sagte sie leise zu ihrem Bruder.

»Aber da ist etwas, oder?«, fragte Vincent. »Wir haben etwas in uns. Mutter will zwar, dass wir so tun, als wären wir wie alle anderen, aber das sind wir nicht, und das weißt du.«

Sie ließen diesen Gedanken sacken. Die Mädchen besaßen besondere Fähigkeiten, genau wie Vincent. Zum Beispiel konnte er schemenhaft Bruchstücke der Zukunft sehen. Er hatte gewusst, dass Franny heute den Magus finden und mit ihm darüber reden würde. Er hatte es sich sogar mit blauer Tinte auf die Haut geschrieben. Jetzt hob er den Arm, um es ihr zu zeigen. Franny findet das Buch.

»Zufall«, sagte Franny sofort. Es gab keine andere vertretbare Erklärung.

»Bist du sicher? Wer sagt, dass es nicht mehr ist?« Vincent senkte die Stimme. »Wir könnten versuchen, es herauszufinden.«

Sie zogen ihre Küchenstühle zusammen und setzten sich dicht nebeneinander. Sie wussten nicht, was sich in ihnen entfaltete, aber als sie sich konzentrierten, schwebte der Tisch zwei Fingerbreit in die Höhe. Vor lauter Schreck schlug Franny mit den flachen Händen auf den Tisch, um ihn aufzuhalten. Sofort fiel er krachend zurück auf den Boden.

»Wir sollten noch warten.« Franny war von diesem eigenartigen Moment heiß geworden.

»Warum? Je eher wir wissen, was es ist, desto besser. Wir wollen es kontrollieren und nicht davon kontrolliert werden.«

»Da ist nichts«, beharrte Franny, logisch wie immer. Ihr war klar, dass ihr Bruder von Magie sprach. »Für jede Aktion und Reaktion gibt es eine wissenschaftliche Erklärung.«

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Alice Hoffman - The Rules of Magic - Eine zauberhafte Familie. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.


 

 


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