Seth Dickinson: Die Verräterin - Das Imperium der Masken

Seth Dickinson: Die Verräterin - Das Imperium der Masken

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Verräterin - Das Imperium der Masken (Seth Dickinson)


TOR Team
02.05.2017

Baru Kormoran ist eine junge und hochbegabte Frau, die miterleben muss, wie das Imperium der Masken ihre Heimat Taranoke erobert, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen: Der übermächtigen Handelsflotte hat die abgelegene Insel nichts entgegenzusetzen. Anstatt aufzubegehren, lässt Baru sich von den Imperialen anwerben und steigt rasch selbst zu einer Machtposition auf. Ihr Ziel: das Imperium von innen heraus zu zerstören.



***

Kapitel 1

Es war wieder Handelszeit. Baru war noch zu jung, um den Wind des Imperiums zu riechen.

Die Maskerade schickte ihre bevorzugten Truppen, um Taranoke zu erobern: Segeltuch, Farbstoffe, glasierte Keramik, Robbenleder und Öle, Papiergeld, das in ihrer falcresischen Sprache bedruckt war. Die kleine Baru, die im heißen schwarzen Sand Burgen baute, sah gerne zu, wenn die Kauffahrer im Hafen einliefen. Anhand der Schiffe und der sie umkreisenden Seevögel lernte sie zählen.

Fast zwanzig Jahre später sollte sie sich an jene Segel am Horizont erinnern, als sie die Feuerbringer-Fregatten im Farbenspiel des Nordlichts krängen sah. Doch im Alter von sieben Jahren maß das Mädchen Baru Kormoran ihnen keine Bedeutung bei. Sie interessierte sich vor allem für Arithmetik, für Vögel und für ihre Eltern, die ihr die Sterne zeigten.

Aber es waren auch ihre Eltern, die ihr beibrachten, Angst zu haben.

Im herbstlichen Abendrot gingen Barus Väter, bevor die Sterne herauskamen, mit ihr hinunter zum Strand, um Kelp zu sammeln und ihn zu Asche zu verbrennen, mit der sie dann Glas herstellen konnten, aus dem sich wiederum mit Vulkangestein glattgeschliffene Teleskoplinsen anfertigen ließen, welche für den neuen Handel bestimmt waren. Als sie den Strand erreichten, sah Baru die Handelsschiffe der Maskerade am Horizont, wie sie in großem Abstand Halas Riff umrundeten.

»Seht doch, Daas«, sagte Baru. »Die kommen zum Markt in Iriad.«

»Ich sehe sie.« Vater Salm beschirmte seine Augen mit der Hand und beobachtete mit blutleeren, zusammengepressten Lippen die Schiffe. Er hatte Schultern wie ein Berg, und dicke Muskeln spielten unter seiner Haut. »Geh deinen Eimer vollmachen.«

»Schaut mal.« Vater Solit, der scharfe Augen hatte, nahm die Hand seines Ehemanns und deutete auf See hinaus. »Da ist noch ein drittes Schiff. Jetzt segeln sie schon in Konvois.«

Baru lauschte, während sie so tat, als grübe sie nach Seetang.

»Piraten sind ein guter Vorwand für einen Konvoi«, sagte Salm. »Und der Konvoi ist ein guter Vorwand für Geleitschutz.« Er spuckte in die Brandung. »Ritzel hatte recht. Dieses Abkommen ist vergiftet.«

Baru, die die Spiegelbilder der beiden beobachtete, sah, wie Solit Salm bei der Schulter griff, die schwieligen Hände gegen die rohe Kraft seines Mannes drückte. Beide Männer trugen ihre Haare zu Zöpfen geflochten, wobei Solits für die Arbeit in der Schmiede kurzgebrannt waren, während die von Salm ihm bis auf die Hüfte fielen – zum Ruhme im Kreis des Tötens, gegen die Flachländer.

»Siehst du es denn?«, fragte Solit.

»Nein. Aber es ist dort draußen. Hinter dem Horizont.«

»Was ist da draußen, Daa?«, fragte Baru.

»Mach deinen Eimer voll, Baru«, grollte Salm.

Baru liebte ihre Mutter und ihre Väter von Herzen, aber sie liebte es noch ein kleines bisschen mehr, Dinge zu wissen, und seit kurzem hatte sie die Verschlagenheit für sich entdeckt. »Daa«, sagte sie, an Solit gewandt, der oft umgänglicher war, »gehen wir morgen nach Iriad auf den Markt und sehen uns die Schiffe an?«

»Mach deinen Eimer voll, Baru«, sagte Solit, und weil er Salms Worte wiederholte, anstatt nachzugeben, wusste sie, dass er sich Sorgen machte. Kurz darauf fügte er jedoch hinzu: »Schleif heute Abend dein Glas, dann haben wir genug zu verkaufen. Und dann kannst du nach Iriad mitkommen und dir die Schiffe ansehen.«

An jenem Abend schlug sie das von Hand abgeschriebene Wörterbuch ihrer Mutter auf, las bei Kerzenschein mit zusammengekniffenen Augen und ging die Buchstaben des urunokischen Alphabets durch, bis sie bei Konvoi – eine Gruppe oder eine Karawane von Schiffen, die sich zum gegenseitigen Schutz zusammenschließen, insbesondere unter dem Schutz eines Kriegsschiffs ankam.

Ein Kriegsschiff. Hm.

Es ist da draußen, hatte Vater Salm gesagt.

Vom Hof ihres Hauses aus Aschenbeton drangen das Kreischen von Stein auf Glas und die leisen, besorgten Stimmen ihrer Mutter und ihrer Väter – Jägerin, Grobschmied und Schildträger – zu ihr herein. Einmal mehr zerbrachen sie sich den Kopf über das Abkommen.

Auch dieses Wort schlug sie nach, in der Hoffnung, es zu verstehen, weil das Verstehen ihr Macht über die Dinge gab. Aber sie begriff nicht, wie ein Abkommen Gift sein konnte. Vielleicht würde sie es auf dem Markt von Iriad herausfinden.

Baru stellte das Wörterbuch ihrer Mutter zurück. Dann zögerte sie, die Finger immer noch am abgesteppten Einband. Mutter hatte ein neues Buch in ihrer Sammlung, das in fremdartiges Leder gebunden war. Laut sprach sie den Titel auf der ersten Seite aus, der in seltsamen, rechtwinkligen Blockbuchstaben gedruckt war, spröde und unnahbar: Eine Einführung ins Aphalonische, die Reichshandelssprache; dem Volke Taranokes zum einfachen Gebrauche bereitgestellt.

In der unteren Ecke prangte eine laufende Nummer, die fast größer war, als sie zählen konnte.

Wo das Meer zwischen den Basaltarmen der Bucht von Iriad wogte, unterhalb der Zuckerrohr-, Makadamia- und Kaffeefelder, die in der Vulkanerde wuchsen, präsentierte der Markt sich wie ein stolzer, goldener Jüngling.

Bereits länger, als Baru sich erinnern konnte, wie man sich erinnert, waren die Kais von Iriad voller Markstände, und auf der ganzen Welt gab es nichts Lauteres und Fröhlicheres. Dieses Jahr lagen mehr Schiffe im Hafen – nicht bloß taranokische Fischerboote und Feluken, nicht bloß die vertrauten Kauffahrer der Oriati aus dem Süden, sondern auch hohe Maskeraden-Handelsschiffe mit weißen Segeln. Mit ihrer Ankunft war der Markt über die Gehsteige gequollen und trieb nun auf schwankenden Koa- und Walnussholzflößen einher. Trommler spielten in der hellen Wärme.

Als Baru heute auf den Markt kam, entdeckte sie etwas Neues, das ihr Vergnügen bereitete: das Intrigieren. Sie würde herausfinden, was ihren Eltern Sorgen machte, den Knoten von Kriegsschiffen und Abkommen entwirren. Sie würde es in Ordnung bringen.

Ihre Familie fuhr mit dem Kanu. Baru saß im Bug, während Mutter Ritzel und Vater Salm paddelten und Vater Solit nervös über die Teleskoplinsen wachte. Der von See kommende Wind hob Schwärme von Bergenten und Gänsesägern empor, Trupps von Alawas mit struppigen Kragen, die ihre Zweitonrufe ausstießen, Fischerreiher und Sturmvögel und Fregattvögel, und viel weiter oben große Raubmöwen, die als nachtschwarze Keile am Himmel standen. Fest entschlossen versuchte Baru, sie zu zählen und dabei die verschiedenen Arten auseinanderzuhalten.

»Baru Kormoran«, sagte Mutter Ritzel lächelnd. Für Baru war sie eine Brandungswoge im Sturm, ein Blitzschlag, so bedächtig und machtvoll wie das Sonnenlicht. Ihre dunklen Augen und die Zähne in ihrem Lächeln waren das, was Baru sich ausmalte, wenn sie von Panthern las. Die Bewegung ihrer Paddel war so sicher und geschmeidig wie die der Wellen darunter. »Das war ein guter Name.«

Baru, gewärmt und geliebt und begierig darauf, die anderen mit ihren Vogelzählkünsten zu beeindrucken, umarmte den Oberschenkel ihrer Mutter.

Sie suchten sich einen Kai, an dem sie ihre Teleskope ausladen konnten, und das Wogen des Markts hüllte sie ein. Baru bewegte sich zwischen Knien und Knöcheln hindurch und blieb, weil das geschäftige Treiben sie ablenkte, hinter ihren Eltern zurück. Taranoke war seit jeher ein Handelshafen, ein sicherer Inselhalt für die Dromonen der Oriati und die Kanus der Inselbewohner, weshalb Baru von klein auf ein wenig darüber wusste, wie der Handel funktionierte: Schiedsgerichte, Wechselkurse, Einfuhr und Ausfuhr. Wir verkaufen Zuckerrohr und Honig und Kaffee und Zitrusfrüchte, sagte Mutter Ritzel, und wir kaufen Stoffe, Segeltuch, Geldsorten, die andere Händler wollen – Baru, hör zu!

In letzter Zeit hörte sie immer zu. Etwas Zerbrechliches lag in der Luft, der Geruch eines aufziehenden Gewitters, und es machte ihr Angst, dass sie den Grund dafür nicht verstand.

Auf dem Markt roch es nach gekochter Ananas und frischem Ingwer, nach rotem Eisensalz und Anis. Inmitten der Trommeln und der Rufe der Tänzer und Zuschauer auf Urunokisch und Oriati und in der neuen Handelssprache Aphalonisch war das Klingen harter Münzen und Riffperlen zu hören, die von Hand zu Hand gingen.

»Soliiiit«, rief Baru. »Ich möchte …!«

»Ich weiß.« Solit, der bei der Arbeit war, erübrigte ein Lächeln für sie. Er war früher Schmied gewesen und brachte allem, was er gemacht hatte – Baru eingeschlossen – , Großherzigkeit entgegen. »Geh dich umsehen.«

Ausgezeichnet. Jetzt würde sie herausfinden, was das Wort Abkommen wirklich bedeutete.

Sie fand den Stand eines Fernhändlers, der im Weiß der Maskerade gestrichen war. Den Mann hinter den hoch aufgeschichteten Tuchbahnen – die man aus Schafen webte, bei denen es sich wohl um große, dumme Tiere handelte, die hauptsächlich aus Haaren bestanden – hätte man aus der Entfernung für einen Taranoker halten können, doch aus der Nähe verrieten ihn seine Lidfalten und seine flache Nase. Das war der erste Eindruck, den Baru von den Leuten aus Falcrest erhielt: sture Kinnpartien, flache Nasen, tief in den Höhlen liegende Augen mit Lidfalten, die Haut blassbraun oder kupfer- oder haferfarben. Zu jener Zeit kamen sie ihr gar nicht so anders vor.

Der Mann sah gelangweilt aus, weshalb Baru keine Hemmungen hatte, auf seinen Stand zu klettern. Er hatte Wachposten, zwei Frauen mit rasierten Köpfen und Seglerhosen, die allerdings damit beschäftigt waren, die Sprachbarriere zu einem jungen taranokischen Fischer zu überwinden.

»Hallo, mein Liebes«, sagte der Mann hinter dem Stand. Er schob einen Stapel Warenmuster beiseite, um Platz für sie zu machen. Baru fiel sein hervorragendes Urunokisch auf. Wahrscheinlich war er ein sehr gewissenhafter Händler, oder er hatte eine Begabung für Sprachen – und auch dafür, sich in fremden Kulturen zurechtzufinden, denn Händler verstanden oft nicht, was auf Taranoke als freundlich empfunden wurde. »Brauchen deine Eltern Stoffe für kaltes Wetter?«

»Warum sind die kahl?«, fragte Baru und deutete auf die Wachposten. Durch eine Geste oder durch ihre Zungenfertigkeit hatten sie den Fischer zum Erröten gebracht.

»Auf Schiffen gibt es Läuse«, sagte der Händler, während er müde auf den Markt hinaussah. Er hatte dichte Brauen, wie Festungen, die über seine Augen wachten. »Sie leben in den Haaren. Und ich glaube nicht, dass deine Eltern Stoff brauchen, bei dem Klima hier. Was habe ich mir nur dabei gedacht, hier Tuch verkaufen zu wollen? Wenn ich zurückkomme, muss ich ins Armenhaus.«

»O nein«, versicherte ihm Baru. »Wir werden schon etwas mit deinem Tuch anfangen, da bin ich mir sicher, und außerdem können wir es Händlern verkaufen, die nach Norden unterwegs sind, und dabei Gewinn machen. Benutzt du Papiergeld?«

»Ich bevorzuge Münzen und Edelsteine, aber wenn ich kaufe, zahle ich mit Papiergeld.«

Zu seiner linken hatte er einen Stapel Schafsleder-Palimpseste – Dokumente, von denen man die Tinte abkratzen und sie wiederverwenden konnte. »Sind das deine Zahlen?«

»Das sind sie, und sie sind ganz sicher zu wichtig, um sie dir zu zeigen.« Gereizt blies der Tuchhändler eine summende Fliege weg. »Benutzen deine Eltern denn Papiergeld?«

Baru fing die Fliege und zerquetschte sie. »Anfangs hat es niemand benutzt. Aber jetzt, wo eure Schiffe so oft kommen, brauchen es alle, weil man damit so vieles kaufen kann.« Dann fragte sie nach etwas, das sie bereits wusste, weil es einem Vorteile brachte, nicht zu zeigen, wie schlau man war: »Kommst du von der Maskerade?«

»Ich komme aus dem Imperium der Masken, ja, oder auch aus der Reichsrepublik. Es gehört sich nicht, das abzukürzen.« Der Mann betrachtete seine Wachen mit einem väterlichen Stirnrunzeln, als meinte er, sie beaufsichtigen zu müssen. »Ja, das ist meine Heimat. Allerdings habe ich Falcrest seit einigen Jahren nicht gesehen.«

»Werdet ihr uns erobern?«

Er sah sie lange an, die Augen nachdenklich zusammengekniffen. »Wir erobern nicht. Eroberungen sind ein blutiges Geschäft und ziehen außerdem Seuchen nach sich. Wir sind als Freunde hier.«

»Dann ist es seltsam, dass ihr Waren für Münzen und Edelsteine verkauft, aber selbst nur mit Papier bezahlt«, sagte Baru. Obwohl sie das nicht unbedingt wollte, änderte sich ihre Art zu sprechen, und für einen Moment klangen ihre Worte wie die ihrer Mutter. »Wenn ich meine Zahlen nämlich richtig verstehe, bedeutet das, dass ihr uns all die Dinge wegnehmt, die wir benutzen, um mit anderen zu handeln, und uns Papier gebt, mit dem wir nur mit euch handeln können.«

Der Tuchhändler musterte sie mit einem Mal sehr aufmerksam.

»Meine Eltern haben Angst«, fügte Baru hinzu. Sie war peinlich berührt von seinem Blick.

Er beugte sich vor, und mit einem Mal erkannte sie seinen Gesichtsausdruck wieder, weil sie ihn schon früher auf Märkten bei Händlern gesehen hatte. Es war ein Ausdruck von Habgier. »Sind deine Eltern hier?«

»Ich komme gut allein zurecht«, sagte sie. »Hier kennt jeder jeden. Ich kann mich nicht verlaufen. Aber falls du ein Teleskop kaufen möchtest …«

»Ich verzehre mich nach einem Teleskop«, sagte er. Vielleicht dachte er, dass sie noch nie etwas von Sarkasmus gehört hätte. »Wo sind sie?«

»Dort oben.« Sie deutete mit ausgestrecktem Finger. »Meine Mutter ist die Jägerin Ritzel, und meine Väter sind Solit der Grobschmied und Salm der Schildträger.«

Mit einem Mal schürzte er die Lippen, als beunruhigte ihn der Gedanke an Väter. Vielleicht gab es in Falcrest keine Väter. »Und du?«

»Ich heiße Baru«, sagte sie, da man auf Taranoke bereitwillig seinen Namen verriet. »Baru Kormoran, weil ich erst zu weinen aufgehört habe, als ein Kormoran kam.«

»Du bist ein sehr kluges Mädchen, Baru«, bemerkte der Händler. »Ich sage dir eine glänzende Zukunft voraus. Komm mich mal wieder besuchen. Frag nach Kunrad Hufner.«

Als er später vorbeikam, um sich mit ihren Eltern zu unterhalten, konnte er den Blick anscheinend erst nicht von ihren Vätern abwenden und dann nicht von ihrer Mutter. Dabei schürzte er die Lippen, als hätte er sich an seinem eigenen Rotz verschluckt. Trotzdem kaufte er zwei Teleskope und ein paar Spiegel, und selbst der misstrauische Salm war zufrieden.

Der letzte Maskeradenkonvoi der Handelszeit umrundete Halas Riff und ging draußen vor dem Hafen von Iriad vor Anker, und zwar in Begleitung einer schlanken Fregatte mit roten Segeln – das Kriegsschiff, dessen Eintreffen Vater Salm vorhergesagt hatte. Blaffende Seeleute rannten auf Deck umher. Ein Kind mit einem Fernglas konnte auf den Vulkan klettern und ihnen den ganzen Tag lang bei ihrem Treiben zusehen, wenn es sträflich neugierig und noch dazu eine so schlechte Tochter war, dass es sich nicht um seine Arbeit kümmerte. Baru hatte ein Fernglas, und sie war genau diese Sorte Tochter.

»Sie haben Soldaten an Bord«, sagte Baru zu ihren Eltern, ganz aufgeregt, dass sie etwas so Bedeutsames herausgefunden hatte. Jetzt konnte sie an den geheimen Beratungen im Hof teilnehmen und auch von vergifteten Abkommen flüstern. »Mit Rüstungen und Speeren!«

Doch Vater Salm schnallte sich nicht seinen Schild um, um gegen sie zu kämpfen. Mutter Ritzel nahm Baru nicht beiseite und erklärte ihr die Taxonomie von Feldwebeln und Offizieren und welche Waffengattungen die Maskerade verwendete. Vater Solit gab ihr keine Ananas zu essen und fragte sie nicht nach den Einzelheiten. Stattdessen arbeiteten ihre Eltern im Hof und brummten etwas von Abkommen und Botschaften. »Wenn sie die erst mal gebaut haben«, sagte Salm immer wieder, »dann verschwinden sie nie wieder.« Worauf Solit mit ausdrucksloser, Sich-streiten-ohne-zu-streiten-Stimme erwiderte: »Sie bauen sie, ob wir unterschreiben oder nicht. Wir müssen Bedingungen aushandeln.«

Baru, die sich vernachlässigt fühlte und deshalb keine Lust hatte, sich um ihre Aufgaben und Zahlen zu kümmern, fiel ihnen lieber weiter auf die Nerven. »Solit«, sagte sie, während er ihre Kelpernte in einen Beutel stopfte, um sie zum Brennofen zu bringen, »wann kannst du wieder mit dem Schmieden anfangen?«

Als Baru klein gewesen war, hatte er wunderschöne und gefährliche Gegenstände aus den Erzen hergestellt, die man aus der Erde und aus den heißen Quellen holte. »Wenn die Handelszeit vorbei ist, Baru«, sagte er.

»Und wird Mutter über den Berg ins Flachland gehen und den Ebertöterspeer benutzen, den du für sie gemacht hast?«

»Sicher wird sie das.«

Baru blickte zufrieden zu ihrer Mutter, deren lange Beine und breite Schultern besser für die Jagd geeignet waren als zur Teleskopherstellung, und dann zu ihrem anderen Vater, der ebenso wild trommeln wie kämpfen konnte. »Und wenn die Soldaten kommen, wird Vater Salm dann den Menschentöterspeer verwenden, den du für ihn gemacht hast?«

»Du bist ja von oben bis unten dreckig, Kind«, sagte Solit. »Geh zu Lea Perlentaucher nach Hause und hol dir ein Stück Bimsstein. Und nimm ein wenig Papiergeld mit und kauf Olivenöl bei ihr.«

Baru las ausgiebig über Abkommen und Währung und Schlichtung, und wenn sie nicht mehr konnte oder nichts mehr verstand, löcherte sie Ritzel oder saß da und dachte nach. Ganz offensichtlich war etwas falschgelaufen: Ihre Eltern waren letztes Jahr glücklicher gewesen als dieses.

Diese Entwicklung musste man umkehren. Aber wie?

Auf dem Markt von Iriad saß der Händler Kunrad Hufner an seinem Stand, bewacht von den beiden Frauen, die einen zufriedenen Möwenblick zur Schau trugen. Der Markt war, grau und abweisend, auf einen stürmischen Tag zum Ende der Handelszeit gefallen. Bald würden die kreisenden Passatwinde der Aschensee den niederfahrenden Stürmen weichen. Aber die Bucht von Iriad schützte den Markt vor dem schlimmsten Wellengang, und die Trommler trommelten nach wie vor. Baru ging geradewegs zum Stand des Wollhändlers.

Hufner sprach gerade mit einem Taranoki-Flachländer, der offenbar den ganzen Weg über den Berg gekommen war, und weil man Baru beigebracht hatte, nicht mit Flachländern zu sprechen, ging sie stattdessen zu Hufners Wachposten. Die kahlen Frauen blickten auf sie herab, widmeten ihr erst nur flüchtige Aufmerksamkeit, wirkten dann gereizt und bedachten sie schließlich, als sie immer noch nicht ging, mit einem kleinen Lächeln – zumindest eine der beiden. Die andere Frau sah ihre Gefährtin hilfesuchend an, was Baru verriet, dass die beiden anscheinend Soldatinnen waren und welche von ihnen das Kommando hatte.

Ihr Lesen und ihr Nachdenken waren nicht vergebens gewesen.

»Hallo, Kleines«, sagte die Befehlshabende. Ihre Haut hatte die Farbe guter Erde, ihre Lippen waren breit, und sie hatte leuchtend blaue Augen, wie eine Urwaldkrähe. Ihr Uronokisch war ebenso hervorragend wie das von Kunrad Hufner.

»Ihr seid die ganze Handelszeit über hier gewesen«, sagte Baru. »Ihr fahrt nie mit den Handelsschiffen weg.«

»Wir kehren mit dem letzten Konvoi nach Hause zurück.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Baru. Die andere Frau straffte sich ein wenig. »Ich glaube nicht, dass ihr Kunrad Hufners Leibwachen seid oder auch nur Händler, denn wenn ihr es wärt, dann hättet ihr inzwischen festgestellt, dass man auf dem Markt von Iriad keine Wachen braucht, und er hätte euch losgeschickt, damit ihr nach anderen Gelegenheiten Ausschau haltet, um Geld zu verdienen.«

Die steife Frau sagte etwas auf Aphalonisch, der Sprache der Falcresier, und Baru erkannte aus ihrer Wörterbuchlektüre die Wörter für Einheimische und Stehlen. Aber die Frau mit den blauen Augen kniete sich nur hin. »Er hat gesagt, dass du ein sehr schlaues Mädchen bist.«

»Ihr seid Soldatinnen, nicht wahr?«, fragte Baru. »Von diesem Schiff. Dem Kriegsschiff, das die ganze Handelszeit über geblieben ist und außer Sichtweite vor Anker liegt, während die Handelsschiffe kommen und gehen und dabei eure Berichte abliefern. Das ist auch offensichtlich. Händler hätten die Sprache einer kleinen Insel nicht so gut gelernt wie ihr, also seid ihr Spione. Und jetzt, wo die Passatwinde zum Erliegen kommen, ist euer Schiff in den Hafen eingefahren, um hierzubleiben.«

Die Frau mit den blauen Augen nahm sie bei der Schulter. »Ich weiß, was es bedeutet, fremde Segel im Hafen zu sehen, kleine Lerche. Ich heiße Shir, und ich komme aus Aurdwynn. Als ich noch klein war, hat die Maskerade in Bundtberg vor Anker gelegen, unserer großen Stadt. Aber letztlich hat alles ein gutes Ende genommen, und meine Tante konnte sogar den abscheulichen Herzog töten. Hier hast du ein Geldstück. Geh eine Mango kaufen und bring sie mir, dann schneide ich dir etwas davon ab.«

Baru behielt die Münze.

Am Abend ließ die Fregatte mit den roten Segeln, die im Hafen lag, Boote zu Wasser. Geführt von Offizieren in salzfleckigem Leder und mit Stahlmasken kamen sie an Land. Durch ihr Fernglas beobachtete Baru, wie die Ältesten von Iriad die Soldaten der Maskerade in ihr neues Gebäude geleiteten: eine weiße Botschaft aus Aschenbeton.

Später kam Baru zu dem Schluss, dass das wohl der Moment gewesen war, in dem das Abkommen unterzeichnet wurde: Der Schluss eines Bundes zum beiderseitigen Wohl der Völker von Taranoke und der Reichsrepublik von Falcrest.

Bei Sonnenuntergang hissten sie ihr Banner: zwei geöffnete Augen in einer Maske, von zwei Händen umfasst. Und am nächsten Morgen begannen sie, Tuffstein zu schneiden, um daraus die Schule zu errichten.

Die Sturmzeit senkte sich über Taranoke, und alles fiel in sich zusammen.

Baru verließ sich seit jeher darauf, dass ihre Mutter es liebte, Dinge zu verstehen und ihr dieses Wissen zu vermitteln. Aber Ritzel entfernte sich zunehmend von ihr und wurde launisch, und was sie liebte, wurde von einem schrecklichen, brütenden Zorn überschattet, so dass Baru sich selbst einen Reim auf die Geschehnisse machen musste.

So erklärte sie es einigen der anderen Kinder, denen von Lea Perlentaucher und Haea Aschkok, unter denen Lao, ihre Cousine zweiten Grades, die Älteste war – jetzt schon ein storchbeiniges Geschöpf, das seine langen Gliedmaßen zwischen die salzigen Felsen seines geheimen Schlupflochs am Meer zwängen musste …

»Die Flachländer sind wütend auf uns«, erklärte Baru also, »wegen des Abkommens. Sie sagen, es ginge darum, dass Taranoke für sich steht, und wir hätten es verraten, indem wir der Maskerade erlaubt haben, eine Botschaft zu errichten. Aber wir wissen es besser.« (Bei diesen Worten murmelten immer alle zustimmend, weil sie von klein auf gelernt hatten, wie eifersüchtig die Schlammleute von den östlichen Ebenen Taranokes waren.) »Sie glauben, dass wir uns einen fremden Verbündeten gekauft haben, mit dem wir ihnen drohen können. Sie glauben, dass wir ein Monopol auf den neuen Handel wollen.«

Und die weiteren Ereignisse gaben ihr recht. Zu Beginn der Regenzeit quetschten alle Kinder aus der Gegend von Halaes Riff sich in die salzige Burg am Meer, damit Baru ihnen erklären konnte, was es mit den Feuern auf sich hatte. »Die Flachländer haben einen Kriegstrupp geschickt«, sagte sie und sonnte sich in der Macht, mit der sie die anderen nach Luft schnappen und sich vorbeugen lassen konnte, aber vor allem in der Macht, Lao dazu zu bringen, dass sie die Arme um die Knie schlang und Baru entsetzt und bewundernd anstarrte. »Sie sind über den Berg gekommen und haben einen Teil unseres Zuckerrohrs und unseres Kaffees verbrannt. Das war eine Botschaft, versteht ihr? Also sind die Familien der Hafenseite in Iriad zusammengekommen, um sich zu beraten, und haben einen eigenen Kriegstrupp losgeschickt. Kämpen, die ihre Schilde nach Osten tragen und sich der Herausforderung stellen.«

»Was werden sie tun?«, fragte Lao zu Barus höchster Zufriedenheit.

»Mit ihnen reden, wenn es geht«, erwiderte Baru und schützte Beiläufigkeit vor, indem sie einen Stein zwischen ihren Händen hin- und herwarf. »Kämpfen, wenn nicht.«

»Wie kämpfen sie?«

Wie außerordentlich befriedigend für die Tochter des Schildträgers Salm und der Jägerin Ritzel, der größten Kämpen der Hafenseite. »Kriege werden in einem Trommlerkreis von Kämpen ausgetragen. Die Trommeln werden geschlagen, und die Kämpen bewerfen sich abwechselnd mit Speeren und stoßen einander mit ihren Schilden, bis der Verlierer aufgibt oder stirbt.« Baru knallte ihren Wurfstein auf den Fels unter ihren Füßen, was die anderen Kinder zusammenzucken ließ. »Und dann gehen die Flachländer zum Schmollen nach Hause, und wir verkaufen ihnen zu Wahnsinnspreisen Stoffe.«

Aber so kam es nicht. Als der Kriegstrupp über den Berg geschickt wurde, um die Flachländer herauszufordern, wurde er von den Garnisonstruppen der Maskerade begleitet. In dem Abkommen war von gegenseitigem Beistand die Rede.

An diesem Punkt verlor Baru den Überblick über die Ereignisse, weil Mutter Ritzel und Vater Salm den Trupp ebenfalls begleiteten – den Kriegstrupp, der mit Schilden und Mann­speeren und Obsidianmessern als pfauenbunter Zug die Bergflanke emporstieg, mitten darunter Salms Zöpfe als Ruhmeszeichen und Ritzels auf ihren braunen Rücken geschnallter Speer. Und hinter ihnen kamen mit wehenden Bannern die maskierten, in Reihen gehenden Soldaten der Maskerade und verwandelten die Straße mit ihren Stiefeln zu Schlamm.

Der letzte Krieg zwischen der Hafenseite und den Flachländern war lange her. Um Iriad herum gab es alte Fehden, Frauen, die keinen Mann aus dem Flachland wollten, und Männer, die einer Frau aus dem Flachland niemals ihren Samen für ein Kind geschenkt hätten. Aber während der fetten Jahre war es leicht gewesen, nicht an diesen Hass zu denken.

Baru und Vater Solit blieben zu Hause. Die Glasmacher verbrannten keinen Kelp mehr, also gab es auch keine Spiegel mehr zu schleifen. Ohne die Händler der Maskerade im Hafen war das Papiergeld wertlos, aber andererseits war es das auch wieder nicht, weil alle es haben wollten, sobald die Passatwinde wieder wehten, und nun um jeden Fetzen davon feilschten.

Der Wollhändler Kunrad Hufner kam persönlich vorbei, um Baru zum Besuch der neuen Schule einzuladen, einer großen, von Tuffsteinwänden gesäumten Anlage oberhalb der Bucht. »Ach«, sagte Vater Solit mit unfreundlicher Stimme, »ich weiß nicht. Was könnt ihr ihr schon beibringen, was sie nicht bei uns lernen kann.«

»Etwas über die Länder um die Aschensee«, erwiderte Hufner und lächelte Baru verschwörerisch zu. »Neue Arten von Arithmetik und Algebra. Astronomie – wir haben ein hervorragendes Teleskop, hergestellt von den Stakhieczi des fernen Nordens. Wissenschaft und ihre einzelnen Disziplinen. Wir können ihr auch beibringen« – noch immer hielt sein Lächeln –, »welche Arten von Sünden und gesellschaftlichem Versagen es gibt. Die Reichsrepublik ist fest entschlossen, allen, denen wir begegnen, zu helfen.«

»Nein«, sagte Solit und ergriff sie bei der Schulter. »Eure Hilfe ist ein Angelhaken.«

»Du musst es natürlich am besten wissen«, sagte Hufner, obwohl der Ausdruck der Gier nicht aus seinen Augen gewichen war.

Aber ohne Salm und Ritzel war Vater Solit einsam und niedergeschlagen, und Baru wollte unbedingt die Erlaubnis, diese wunderbare Schule zu besuchen, die möglicherweise voller Antworten auf Fragen steckte, die sie überhaupt erst im Ansatz stellen konnte – was ist die Welt?, wer lenkt sie? und derlei mehr. Ob es nun daran lag, dass sie Solit wütend machte oder traurig oder dass ihm klarwurde, dass er sie ohnehin nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, jedenfalls traf sie mit ihrem Flehen ins Schwarze. (Später stellte sie sich diese Frage noch oft und kam zu dem Schluss, dass es nichts von alledem gewesen war. Er hatte die Flammen am Horizont gesehen und seine Tochter in Sicherheit bringen wollen.)

Sie besuchte die Schule, wo sie ihre eigene Uniform und ihr eigenes Bett im überfüllten Schlafsaal bekam, und dort lernte sie bereits in ihren ersten Stunden zum Thema der wissenschaftlichen Gesellschaft und des Inkrastizismus die Begriffe Sodomit und Tribade und Sozialverbrechen und ererbte Volksgesundheit und sogar das Mantra des Herrschens: Ordnung ist Unordnung vorzuziehen. Sie musste Reime und Syllogismen auswendig lernen, die Vorbehalte der revolutionären Philosophie, und sie lasen aus einer Kinderversion des falcresischen Handbuchs der Manumission.

Sie wissen so viel, dachte Baru. Ich muss all das lernen. Ich muss jeden Stern und jede Sünde benennen können, die Geheimnisse des Verfassens von Abkommen und des Veränderns der Welt ergründen. Dann kann ich nach Hause zurückkehren und weiß, wie man Solit wieder glücklich macht.

Sie lernte auch eine Menge andere Dinge: Astronomie und gesellschaftliche Vererbung und Geographie. Sie fertigte eine Karte der Aschensee mit ihren jahreszeitabhängigen Passatwinden an, die die Schiffe in einem großen, im Uhrzeigersinn (noch ein neues Wort) verlaufenden Kreis leicht vor sich hertrugen, angefangen im östlich gelegenen Falcrest, im Süden dicht an Taranoke und Oriati Mbo vorbei und weiter zu Ländern mit vielen verschiedenen Namen, bis hin zu Aurdwynn im Norden und dann wieder nach Falcrest.

So viele Länder. Unten Oriati Mbo, gelehrt und zänkisch, ein Flickenteppich von Bundesstaaten. Oben das kalte Aurdwynn, wo man statt einer Sturmzeit den Winter hatte, kein vernünftiges Obst und stattdessen Wölfe.

Und Falcrest. Dort gab es sicher unzählige Geheimnisse zu erfahren.

»Du könntest es durchaus nach Falcrest schaffen, Baru Kormoran!« Der Gesellschaftshygieniker Dilin, ein sanftmütiger Mann mit der Hautfarbe eines Weißfischs, richtete seinen Füllfederhalter auf sie. »Am Ende der Ausbildung legt jedes vielversprechende Kind eine Prüfung für den Staatsdienst ab. Das Reich gibt allen eine Chance. Anhand inkrastischer Leitlinien werden wir deine gesellschaftliche Funktion bestimmen. Vielleicht wirst du Übersetzerin, Gelehrte, vielleicht sogar eine Technokratin in einem fernen Land.«

»Lebt der Kaiser in Falcrest?«, fragte Lao, ihre Cousine zweiten Grades. Nachts flüsterten sie einander Gerüchte über den schweigenden Kaiser und den Gesichtslosen Thron, auf dem er saß, zu.

Dilin lächelte ausdruckslos. »Allerdings. Wer kann den Vorbehalt des Hierarchen aufsagen?«

Baru konnte es.

Die Prüfung für den Staatsdienst wurde zu Barus Leitstern. Sie stellte sich vor, dass man von ihr verlangen würde, die Geheimnisse der Macht aufzuzählen. Und Vater Solit wieder zum Lächeln zu bringen.

Doch an ebendiesem Tag brachte Dilin ihnen den Beweis für die streng beschränkte Vererbung bei. »Ein männlicher Vater«, sagte er, während er die Klasse genau im Blick behielt, als rechnete er damit, dass ein wilder Eber aus ihr hervorbräche. »Eine weibliche Mutter. Nicht weniger. Nicht mehr.«

Die Schüler glaubten ihm nicht. Cousine Lao fing an zu weinen. Baru versuchte, diesen idiotischen Beweis zu widerlegen und schrie sich zum ersten Mal mit jemandem an. Sie war die Tochter einer Jägerin und eines Grobschmieds und eines Schildträgers, und jetzt wollten sie ihr erzählen, dass sie das nicht wäre?

Sie musste Mutter Ritzel danach fragen.

Doch Ritzel kam allein nach Hause.

Sie kam aus dem Krieg nach Hause, dieser blutgetränkten Katastrophe bei Jupora, bei der die Seesoldaten der Maskerade die Kämpen der Flachländer totgeschossen und ihren ganzen Kriegstrupp abgeschlachtet hatten. Während sie Vater Solits bebendes Gesicht in den Händen barg, berichtete sie krächzend von ihrer persönlichen Katastrophe: »Salm ist auf dem Marsch zurück verschwunden. Bei den fremden Soldaten gab es ein paar, die ihn gehasst haben. Ich glaube, sie haben ihn geholt.«

»Warum?« Solits Stimme klang wie versiegelt, eiskalt, verzweifelt bemüht, etwas drinnen oder draußen zu halten. »Was haben sie an ihm zu hassen gefunden?«

»Dich. Keiner dieser Männer hat Ehegatten. Sie hassen Ehegatten.« Sie senkte den Kopf. »Er ist fort, Solit. Ich habe gesucht … ich habe lange gesucht …«

Es lag an ihrem Unterricht in Wissenschaftlichkeit und Inkrastizismus, dass die einzige Frage, die Baru in diesem Moment einfiel, lautete: »War Salm mein echter Vater? Oder war er ein Sodomit?«

Und es lag an dieser Frage, dass Vater Solit aufschrie und Mutter Ritzel von der Schule erzählte. Daran lag es, dass Mutter Ritzel rasend vor Wut Baru schlug und sie aus dem Hof warf, so dass sie schluchzend zurück zu den weißen Wänden und dem Maskenbanner lief.

Natürlich kam ihre Mutter ihr hinterher, um sich zu entschuldigen, und sie weinten und waren wieder eine Familie oder zumindest ein trauernder Teil einer Familie. Aber das Leid war geschehen, und die Schule schien sogar über noch mehr Wissen zu verfügen als Mutter Ritzel, die Baru nun nichts mehr beibrachte – sie flüsterte nur noch mit Solit über Feuer und Speere und Widerstand.

»Bleib auf der Schule«, sagte Solit. »Dort bist du am sichersten. Dieser Hufner« – er blähte angewidert die Nasenflügel – »wird nicht zulassen, dass dir etwas geschieht.«

Ich muss herausfinden, warum das mit Salm passiert ist, dachte Baru. Ich muss es verstehen, damit ich verhindern kann, dass es jemals wieder passiert. Ich werde nicht weinen. Ich werde es verstehen.

Das war Baru Kormorans erste Lektion in Ursache und Wirkung. Aber es war genau genommen nicht das Wichtigste, was sie je von ihrer Mutter gelernt hatte.

Das war früher gewesen, lange vor der Schule und vor dem Verschwinden des tapferen Vaters Salm. Als sie das Kriegsschiff mit den roten Segeln im Hafen von Iriad beobachteten, fragte Baru: »Mutter, warum kommen sie her und schließen Abkommen? Warum fahren wir nicht zu ihnen? Warum sind sie so mächtig?«

»Ich weiß es nicht, Kind«, sagte Mutter Ritzel.

Seit Baru sich erinnern konnte, war es das erste Mal, dass sie diese Worte aus dem Mund ihrer Mutter gehört hatte.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Seth Dickinson – Die Verräterin - Das Imperium der Masken. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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