Fiction Friday: Omega 4 (Frank Lauenroth)

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FICTION FRIDAY

Omega 4 (von Frank Lauenroth)


Frank Lauenroth
25.08.2017

Wenn auf einem Raumschiff zweitausend Menschen im Cryo-Schlaf liegen und zwei davon vorzeitig aufwachen, dann klingt das vielleicht vertraut. Doch hier ist der Mann alt und die Frau noch ein Mädchen. Nur noch wenige Tage Flug bis zum vierten Planeten der Sonne Omega. Das Ziel ihrer Mission befindet sich bereits in Reichweite. Doch dann kommt alles anders als erwartet ...

***

Prolog

»Richard, kommen Sie bitte nach vorn zum Hauptdisplay! Wie Sie wissen, fließt die Bewertung Ihrer heutigen Prüfung zur Hälfte in Ihre Endnote ein. Diese entscheidet darüber, ob Sie eine Stufe-2- oder Stufe-3-Autorisierung erhalten. Sind Sie bereit? Nun denn. Ihre Aufgabe lautet: Erklären Sie uns bitte das Prinzip der Zeitstauchungsbeschleunigung.«

Richard wusste, dass Dekan Harodds ihm alles andere als wohlgesinnt war. Gerade deshalb durfte er sich in dieser Prüfung keine Schwäche erlauben. Die Entscheidung, ob er eine Autorisierungsstufe 2 oder doch nur eine 3 erhielt, entschied zugleich darüber, ob er zur erweiterten Elite oder lediglich zum überqualifizierten Fußvolk zählen würde. Er brauchte die 2er, wenn er bei der Besiedlung von Omega 4 eine spannende Aufgabe erhalten wollte. Zum Glück war die Zeitstauchung eines seiner bevorzugten Themen im Studium gewesen. Genau genommen hätte man ihn nachts wecken können und er wäre sofort bereit gewesen, einen mittellangen Vortrag zu dem Thema zu halten.

»Das Prinzip der Zeitstauchung im dreidimensionalen Raum wurde von Walker und Mercier entdeckt und fußt auf den Arbeiten zur Bündelung von Chrononiten im Raum von Schaffhauser, Stroik und Ventura. Das Prinzip ist eigentlich simpel: Wenn es gelingt, die Zeit, die für die Fortbewegung im Raum aufgebracht werden muss, auf einen bestimmten Raum zusammenzustauchen, würde man sich aufgrund des daraus erhaltenen Zeitraumgewinns entsprechend schnell vorwärts bewegen. Da sich um die Ventura-Röhre, wie der Stauchungsraum genannt wird, eine Art Raumzeitströmungsblase bildet, kann in dieser Blase ein Raumschiff durch den Raum bewegt werden. Allerdings existiert keine Möglichkeit, den Flug zu verkürzen, wenn der Überlichtflug erst einmal gestartet wird. Das Raumschiff agiert dann wie ein Expresslift. Das Aussteigen ist erst am Ziel möglich. Die Außenhaut der Ventura-Röhren besteht aus Elastaron, einer teilosmotischen Stofflichkeit, die mit langsamen Bewegungen durchdrungen werden kann. Rasche Bewegungen hingegen prallen auf beiden Seiten des Elastarons ab, weshalb die schnellen Chrononiten in der Röhre gebunden bleiben. Die theoretische Möglichkeit, eine bestimmte Zeit auf einen winzigen Raum zu stauchen und dadurch quasi unendlich schnell zu reisen, wird jedoch durch die Schaffhauser/Stroik-Schwelle unterbunden. Keine Zeit kann unter einen Raum von 2587 Meter Länge gestaucht werden. Deswegen misst die Spaceneedle 1, das erste Schiff, das mit dieser Antriebsform ausgerüstet wurde, auch genau drei Kilometer vom Bug bis zum Heck …«

 

Name: Spaceneedle 1

Maße: 3000 Meter Länge, 200 Meter Durchmesser

Antriebsform: Zeitstauchungsbeschleunigung, 3 Röhren

Ziel: Omega 4, in der habitablen Zone des Sterns Omega (vormals OM3-G 4787-14)

Auftrag: Besiedlung von Omega 4

Besatzung: 2000 Menschen

Verbleibende Flugzeit: 5 Tage, 2 Stunden, 5 Minuten

Status: Steuerung durch KI, keine besonderen Vorkommnisse

2000 Menschen im Cryo-Schlaf …

Korrektur …

1998 Menschen im Cryo-Schlaf, 2 Menschen in der Aufwachphase.

 

 

Ein Traum, dachte Richard, nur ein Traum, und schlug die Augen auf. Er lag in einer Kapsel, kaum größer als ein Sarg. Über ihm ein Sichtfenster. Dahinter schwaches Licht. Die Fixierungen um seinen Oberkörper und seine Extremitäten begannen sich zu lockern. Er fror.

Es müsste wärmer sein, dachte er. Wir fliegen zu einem fremden Planeten und verkühlen uns als Erstes die Eier. Herzlichen Dank!

Der Kapseldeckel über ihm schwang auf. Die Fixierungen gaben ihn frei. Er blieb liegen, blickte zur Decke. Das Licht war immer noch angenehm gedimmt. Doch es blieb kalt.

Sektion Vier. Kapsel 44. Leicht zu merken. Selbst im Cryo-Schlaf. Es war absolut still. Keine Geräusche von aufschwingenden Deckeln oder sich unterhaltenden Menschen.

Okay, bin ich eben der Erste, dachte Richard. Zugleich wunderte er sich. Denn er war weder der Kapitän noch einer der Offiziere. Richard war Chronoshrink-Techniker, er besaß gerade einmal Autorisierungsstufe 3 und seine Spezialisierung war der Antrieb des Schiffs, die Zeitstauchungsröhren. Damit war er eine der wichtigsten Personen an Bord. Falls der Antrieb ausfiel, war es an ihm, das Problem zu lösen. Allerdings behielt er diesen Status nur, bis sie ihr Ziel erreichten. Mit ihrer Ankunft auf Omega 4 fiel sein Job weg, denn sie reisten ja nicht so lange durchs All, um gleich weiter zu fliegen.

Langsam hoch, erinnerte er sich an die Anweisungen vor dem Cryo-Frost. Aber langsam war noch geprahlt für die Geschwindigkeit, mit der er sich aufzurichten versuchte. Er stemmte seine Arme gegen die Liegefläche der Cryo-Kapsel und … nichts geschah.

Ist die künstliche Schwerkraft zu hoch eingestellt? Aber warum sollte die KI …

Gleichzeitig wurde Richard bewusst, dass, wenn es wirklich so wäre, er diesen Zustand kaum ändern könnte.

Verdammter Mist, ich hab überhaupt keine Kraft, fluchte er in Gedanken. Das Gefühl war ihm neu. Er erinnerte sich an seinen Körper zum Zeitpunkt des Starts, muskelbepackt und durchtrainiert.

Seinen Körper anzuheben, stellte im Moment jedoch eine unlösbare Aufgabe dar.

Die Missionszeit, durchzuckte es ihn. Jeder Teilnehmer trug ein Chronoton am Handgelenk. Es war untrennbar mit ihm verbunden, zeigte seine Autorisierungsstufe, sowie die aktuelle Zeit mit Jahr und Tag als auch die verbleibende Missionszeit bis zum geplanten Eintreffen im Omega-4-Orbit. Es gelang Richard, den linken Arm vors Gesicht zu heben.

Er erschrak.

Das war der Arm eines alten Mannes! Als würde er etwas anderes erwarten, hob er auch den zweiten Arm.

Alt, aaaaaaalt! Verdammt, was war hier los?

Richard geriet in Panik. Wie konnte das sein? Warum war er alt? Und er war schwach und faltig und ... In seinem Kopf war ein heilloses Durcheinander. Sein Bild im Spiegel, damals. Kräftig, athletisch und nun … das! Hier an Bord befanden sich eintausend Frauen. Zu Beginn der Reise war Richard sich sicher gewesen, unter ihnen eine Partnerin fürs Leben zu finden. Dort, auf Omega gemeinsam alt zu werden. Dort … alt … zu … werden.

Die Wut über seinen Zustand verlieh ihm neue Kräfte. Er richtete sich auf, drückte sich von der Cryo-Kapsel ab und fiel ungebremst zu Boden. Die Landung war hart und schmerzhaft. Richard fluchte. Automatisch versuchte er, an der nächsten Cryo-Kapsel Halt zu finden, um aufzustehen. Und hätte dabei fast die Notfallöffnung ausgelöst. An der Unterseite jeder Kapsel befand sich ein Schalter in der Form eines Hakens, mit dem man, falls einmal die Automatik ausfiel, den Aufwachvorgang manuell einleiten und die Kapsel öffnen konnte.

Richard erkannte rechtzeitig, woran er sich festhalten wollte. Er suchte sich eine alternative Möglichkeit, um wieder in die Senkrechte zu gelangen. Mühsam rappelte er sich auf und stand schließlich auf wackeligen Beinen. Doch immerhin … er stand. Traurig und wütend zugleich, blickte er an sich hinab. Dünne Beine. Hager. Das Cryo-Suit konnte seine Statur nicht verbergen. Er besaß einen Körper, den er früher belächelt hätte. Seine Situation wurde nicht besser, als er den Blick hob. Er stand allein zwischen den Kapseln. Alle anderen blieben geschlossen.

Richard schaute durch das Sichtfenster in die Kapsel, die er eben fast geöffnet hätte, und fand darin eine junge Frau vor. Er schleppte sich weiter, zog sich zur nächsten … ein junger Mann. Weiter und weiter ging Richard. Mit jedem Sichtfenster wurde seine Vermutung allmählich zur Gewissheit. Er war als Einziger gealtert.

Richard nahm alle Kraft zusammen und schrie seine Wut heraus. Wieder und wieder. Er ging weiter, suchte verzweifelt einen Leidensgenossen, einen, der wie er selbst gealtert war. Doch alle anderen Schläfer waren jung. Richard schrie, seufzte, weinte. Ausgelaugt stützte er sich auf einer der Kapseln ab.

 

Richard erinnerte sich an Grandpa Henry. Sein Großvater hatte ihn mehr beeinflusst als sein Vater. Was zu einem guten Teil daran lag, dass Henry sich für ihn interessierte, ihn förderte und auch seine Beziehungen spielen ließ, als es für Richard darum ging, Teil des Siedlungsprojekts auf Omega 4 zu werden. Henry besaß klare Vorstellungen vom Leben. Auch vom Leben auf anderen Planeten. Wie gerne hatte Richard als Kind Henrys Geschichten gelauscht! Über das Universum, ferne Galaxien und noch unentdeckte Spezies konnte sein Großvater stundenlang sprechen. Es geschah wohl zwangsläufig, dass auch Richard vom Weltall fasziniert war. Die Sterne konnte er sich ewig anschauen. Der Nachthimmel war ihm das, was anderen die VR-Welten waren. Grandpa Henry bestärkte ihn, wo Richards Vater ihn ängstlich zu bremsen versuchte.

 

Jeder Siedlungsteilnehmer hatte etwas mit in seine Cryo-Kapsel nehmen dürfen, etwas Persönliches, etwas, was ihn oder sie an zuhause erinnern sollte. Bei Richard war es ein Messer, das ihm Grandpa Henry direkt vor dem Abflug geschenkt hatte. Ein Schweizer Armeemesser. Aus der Zeit, als es noch Armeen gab. Und die Schweiz.

Richard schaute in seine Cryo-Kapsel, blickte in das Seitenfach.

Das Messer fehlte.

Hatte er vergessen, es mit in die Kapsel zu nehmen? Lag es bei seinen anderen Sachen, in einem der Frachtabteile im Unterdeck? Er wusste es nicht mehr. Zwar meinte er sich erinnern zu können, das Messer vor dem Schlaf in die Cryo-Kapsel gelegt zu haben, aber er konnte sich auch irren. Nach achtzig Jahren Schlaf konnte man sich irren.

Richard überlegte angestrengt. So sehr, dass sich zu seiner körperlichen Erschöpfung noch Kopfschmerzen gesellten. Richard massierte seinen Nacken. Er würde diese Frage später klären. Wahrscheinlich hatte er das Messer tatsächlich mit zu seinen anderen Frachtstücken gegeben. Hoffentlich!

Etwas war schief gelaufen, musste schief gelaufen sein! Warum sonst sollte nur er wach sein? Müsste sich nicht jemand schleunigst um den Anflug der Spaceneedle kümmern? Eigentlich sollte zuerst der Kapitän oder der Erste Offizier …

Die Missionszeit!

Richard sah auf sein Chronoton.

4. Februar 2181 – 12:05 Uhr / Zeit bis zum Omega-4-Orbit: 5 Tage, 2 Stunden.

Nur noch fünf Tage! Erinnere dich, dachte Richard. Wie war das? Wann sollte die Besatzung geweckt werden? Drei Tage vor dem Ziel?

Er war sich nicht sicher. Doch er glaubte sich zu erinnern, dass er sich bereits beim Start über diese Zeitangabe gewundert hatte.

Andererseits, wenn alles rund lief, würden drei Tage vollauf genügen, um …

Es war, verdammt noch mal, nicht rund gelaufen!

Warum war nur er gealtert?

Erneut flammten Wut, Verwirrung und Erschöpfung in Richard auf. Er riss sich zusammen. Entschied, die Situation erst einmal hinzunehmen. Henry hätte gesagt: Akzeptiere die Situation! Und dann ändere sie!

Nur in diesem Fall … was sollte er jetzt noch daran ändern können?

Er könnte den Kapitän wecken. Allerdings: Richard war kein Spezialist für das cryonische Schlafverfahren. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man den Aufwachvorgang für eine bestimmte Kapsel einleiten konnte. Natürlich gab es an jeder Kapsel den Notfallhaken, doch der war … na ja, eigentlich wusste er gar nicht, ob ein Notfall für das Schiff existierte. Vielleicht war alles in bester Ordnung und er war der Einzige, der erwacht war, weil … weil irgendetwas an seiner Kapsel defekt war. Bislang lag hier nur ein Einzelschicksal vor. So hätte er wohl kaum die Berechtigung, den Kapitän aus dem Cryo-Schlaf zu holen.

Richard nahm sich vor, zuerst einmal zur Brücke zu gelangen, um sich ein Bild von der augenblicklichen Situation zu machen.

Ich muss wissen, ob mit dem Schiff alles in Ordnung ist, dachte Richard und schlurfte zur nächsten Beschleuniger-Plattform. Sie würde ihn zur Brücke bringen. Auf dem Weg dorthin blickte er nacheinander zu den drei Antriebsröhren. Links, rechts und über ihm angebracht, verliefen sie an der gesamten Längsseite des Schiffs, mit fünf Meter Durchmesser komfortabel genug, um hinein steigen zu können. Einmal war Richard bereits in einer der Röhren gewesen. Natürlich als der Antrieb abgeschaltet war. Selbst da musste er einen Skaphander tragen, denn selbst im Standby befanden sich chronometrische Partikel darin, die seine DNS verändern konnten. Obwohl die Chronometrie eine junge Wissenschaft war, verstanden es die Menschen trotzdem, Raumschiffantriebe durch sie zu bauen. Ein wenig erinnerte es Richard an die Entdeckung der Kernspaltung. Immerhin haben die Menschen diesmal zuerst etwas Nützliches mit ihrer Entdeckung gebaut und keine Bombe ... wie damals.

Die Beschleuniger-Plattform war nicht in Betrieb. Sie ließ sich auch nicht aktivieren. Alles, wirklich alles schläft noch auf dem Schiff. Bis auf mich, dachte Richard und schob noch ein gedachtes Verdammte Scheiße! hinterher.

Da bemerkte er das Flackern in der linken Röhre. Genau auf seiner Höhe. Es war nur ein Schatten, der sich im Innern zu bewegen schien. Dann verschwand das Flackern, tauchte kurz wieder auf und blieb verschwunden. Einen Moment stand er unschlüssig an der Plattform, blickte in Richtung der Brücke, wandte sich wieder um und schaute zur Spitze der Spaceneedle.

Ziemlich in der Mitte, dachte er. Das wird ein anstrengender Marsch. Zumindest in diesem Körper.

Richard raffte sich auf. Vielleicht, so hoffte er, würde ihm auf der Brücke etwas einfallen. Mit jedem weiteren Schritt bemerkte er, dass die Muskeln, so schlaff sie auch sein mochten, sich an ihre eigentliche Funktion zu erinnern begannen. Doch obwohl der Marsch ihm leichter als erwartet fiel, erinnerte ihn ein flaues Gefühl in der Magengegend daran, dass seine letzte Mahlzeit Jahre zurücklag. Es gab vier Kantinen auf dem Schiff. Wenn erst alle wach waren, würden sämtliche Plätze ziemlich schnell besetzt sein. Für einen Moment erlaubte Richard sich den Glauben an eine gewisse Exklusivität seiner Lage.

Der positive Aspekt verflog so schnell, wie er gekommen war.

Er war alt und allein.

Da – wieder ein Schatten in der Röhre. Nein, zwei. Richard blickte zu der anderen Röhre hinüber, dann zur dritten hinauf. Dort war alles normal. Und die Schatten in der ersten Röhre waren längst wieder verschwunden.

Richard hatte knapp die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als er ein Zischen vernahm.

Links neben ihm öffnete sich eine weitere Cryo-Kapsel.

Ich bin doch nicht allein, dachte er sofort und rechnete insgeheim damit, dass sich nun alle Kapseln nach und nach öffnen würden. Das aber geschah nicht.

Er schaute kurz auf sein Chronoton. Fünfunddreißig Minuten waren seit seinem Aufwachen vergangen.

In der Kapsel richtete sich eine junge Frau auf, so jung, dass sie beinahe noch ein Mädchen sein konnte.

Richard dachte an seine eigene Alterung und fühlte sofort den Stachel des Neids. Warum ist sie jung geblieben? Warum bin ich alt?

Die Frau hatte ihn derweil gesehen und winkte ihm zu. Richard ging zu ihr.

Sie war schön, gut proportioniert und trug wie er nur das ärmellose Cryo-Suit.

»Hallo, ich bin Alicia und du bist … ziemlich alt?«

»Richard«, entgegnete er und wies auf die ungeöffneten Kapseln um sie herum. »Wir sind wohl die Ersten.« Er hatte keine Lust, auf ihre Bemerkung einzugehen.

»Sieht so aus«, sagte sie und kicherte hinter vorgehaltener Hand.

Ein Mädchen, dachte Richard. Wie hilfreich.

Glücklicherweise fragte Alicia nicht weiter nach seinem Alter. »Hast du Hunger?«, wechselte er das Thema.

Alicia nickte. Richard sah sich um. Eine der Kantinen müsste hier irgendwo … Er entdeckte das Schild. »Dort«, sagte er.

Sie gingen nebeneinander her. Ihr schien jeder Schritt leicht zu fallen. Er hatte immer noch Blei an den Füßen.

»Die Plattformen funktionieren nicht«, sagte er.

»Wir kommen auch so zur Kantine.«

»Das stimmt, Alicia, aber vielleicht funktionieren auch die Spender nicht.«

Sie blieb stehen, schaute ihn an, überlegte, ging weiter. »Wir sehen es, wenn wir da sind.«

Richard stimmte ihr im Stillen zu. Wenig später stellte sich heraus, dass er mit seiner Vermutung richtig lag. Nichts ließ sich aktivieren. Auch die Maschinen schliefen.

»Wir müssen zur Brücke«, sagte nun auch Alicia.

Richard grinste. Er stellte fest, dass ihm ihre Art inzwischen gefiel. Alicia hielt sich nicht mit Jammern und gar Flennen auf. 

Akzeptiere die Situation … und dann ändere sie!

Sie war wie er … zumindest wie er in jungen Jahren einmal gewesen war.

Die Brücke war nur noch hundert Meter entfernt. Da trat das Flackern wieder auf. »Hast du das gesehen?«, fragte Alicia.

»Ist nicht das erste Mal«, antwortete Richard.

»Ist der Antrieb defekt?«

»Kann ich so nicht sagen. Es ist zumindest nicht normal.«

Die Brücke befand sich ebenso im Dämmerlicht wie der Rest des Schiffs. Nur einige Konsolen waren erleuchtet, wenige Displays zeigten Kurven und Diagramme. Auf einem der Bildschirme konnte Richard sogar die Überwachung der Cryo-Kapseln erkennen. 1998 wurden blau angezeigt, zwei rot. Das half ihm nicht weiter. Er wollte wissen, wo sie sich befanden und ob es sinnvoller gewesen wäre, zuerst den Kapitän zu wecken.

Einen Moment lang versuchte Richard, sich zu orientieren. Die Erinnerung an die Führung über die Brücke war achtzig Jahre alt. Alicia war schneller, frischer, wacher. Sie zog ihn zu einem der aktiven Displays. Hier konnten sie sehen, dass die Spaceneedle ihr Ziel fast erreicht hatte. Das Schiff hatte bereits vor vier Stunden in den Unterlichtbereich abgebremst. Plötzlich erwachten die großen Bildschirme vor ihnen zum Leben. Sie würden ihnen gleich zeigen, wie die unmittelbare Umgebung aussah, und vielleicht, wenn sie Glück hatten, würden ihnen die Langstreckensensoren bereits einen ersten Blick auf Omega 4 ermöglichen.

Tatsächlich. Die Autofokussierung fing das Ziel ihrer Reise ein. Der Planet füllte ein Viertel des Bildschirms aus. Allerdings irritierte Richard, dass über dem Planeten eine glühende Blase hing. Und da war noch etwas anderes. Von der Blase führte ein dünnes, helles Band zu einem sehr großen und dunklen Etwas. Ein Mond war es nicht. Omega 4 besaß keine Monde und das, was sich da auf dem Bildschirm zeigte, war zu unförmig für einen Planetensatelliten.

»Kann man das näher heranholen?«, fragte er und zeigte auf das Objekt.

Alicia betrachtete die erleuchteten Tastaturen direkt vor ihr.

»KI, hörst du uns?«, fragte Richard. Eine Antwort blieb aus. »Spaceneedle? Schiff?« Richard wusste nicht recht weiter. Derweil hatte Alicia eine aktive Konsole gefunden, mit der sie den erhofften Effekt herzustellen versuchte. Richard konnte nicht umhin, ihr still Respekt zu zollen. Ihre Finger bewegten sich mit der Leichtigkeit einer professionellen Programmiererin über die Tastatur. Schließlich war sie erfolgreich. Das Bild des Objekts über Omega 4 wurde größer, detaillierter.

»Ein Raumschiff«, flüsterte Alicia.

Richard glaubte nicht, was er sah. Sprachlos schaute er auf den Bildschirm. Das helle Band zwischen der Blase und dem Schiff pulsierte.

Alicia fokussierte mit dem Bildausschnitt auf die leuchtende Blase. »Es sieht wie eine Explosion aus … eine eingefrorene Explosion!« 

»Ich weiß nicht, was dort vorgeht, aber das ist bestimmt nicht gut«, sagte Richard. »Kannst du herausfinden, wie groß das Schiff ist?«

Richard wagte gar nicht zu fragen, ob irgendetwas an dem Schiff wie eine Waffe aussah.

Die Spaceneedle selbst besaß keine Bewaffnung. Es gab zwar eine Schildtechnik, aber Richard hatte keine Ahnung, ob diese einem Angriff gewachsen wäre.

Alicia nickte. »Ich kann es errechnen lassen«, antwortete sie und ihre Finger sausten abermals über die Tastatur. »Wir kennen die Größe von Omega und die relative Position des Schiffs dazu, ein kurzer Abgleich und …« Alicia stockte. »Einhundertachtzehn Kilometer lang und acht Kilometer hoch.«

»Wir müssen die anderen wecken!«, sagte Richard.

Alicia wies auf einen der Cryo-Bildschirme. »Das passiert in zwei Tagen.«

»In zwei Tagen kann es zu spät sein.« Richard wies auf den Schirm. »Es wird zu spät sein!«

Das fremde Raumschiff hatte mittlerweile seine Position verändert und hielt auf die Spaceneedle zu. Das Band zu der leuchtenden Blase war verschwunden. Ohne die Blase expandierte der Feuerball in Myriaden kleinster Lichter. Die Blase war … fort.

»Verdammt! Wir müssen etwas tun!« Richard sah sich um. Fünf Meter von ihnen entfernt befand sich ein besonders auffälliger Knopf an der Steuerkonsole. Er war frei zugänglich und leuchtete hellblau. Bei roter Farbe oder einer Sicherung hätte Richard das Teil nicht angerührt. So aber glaubte er, damit kaum die Selbstzerstörung oder andere verheerende Prozesse einzuleiten. Er hob die Hand über den Knopf und schaute zu Alicia. Die nickte ihm aufmunternd zu. Also drückte er ihn.

Die Brücke, das gesamte Schiff, erwachte aus dem Schlaf. Endlich wurde es heller. Die Cryo-Kapseln auf dem oberen Deck blieben jedoch geschlossen. Richard schickte einen fragenden Blick zu Alicia.

Sie schaute auf die Cryo-Überwachung und schüttelte den Kopf.

»Moment, es gibt hier doch etwas«, korrigierte sie sich.

Richard trat hinter sie.

»Siehst du hier? Wir haben so etwas wie eine Notfallfreigabe. Wir können zwei Besatzungsmitglieder aufwecken, wenn ...«

»Den Kapitän und den Ersten Offizier«, verlangte Richard sofort.

»… wenn wir an diesen Schalter kämen«, beendete Alicia den Satz und zeigte auf einen kleinen Schalter unter einer durchsichtigen Carbonit-Haube. Die war durch vier Perfektschrauben fixiert.

Richard überlegte. »Wir brauchen den Schalter nicht. Jede Kapsel hat einen Notfallhaken. Wir können sie manuell öffnen. Wo schlafen der Kapitän und sein …?«

»Ja, ja, ich muss sie erst mal finden«, unterbrach ihn Alicia und ließ ihre Finger wieder über die Tastatur tanzen. Schließlich deutete sie auf das Display. »Sektion Vier, Nummer Zwölf und Vierzehn.«

Sektion Vier. Da bin ich aufgewacht, dachte Richard. Eineinhalb Kilometer Fußmarsch. Obwohl, vermutlich werden auch die Plattformen wieder in Betrieb sein.

»Wir müssen los«, sagte Richard. Alicia folgte ihm kommentarlos.

Sie liefen zur ersten Plattform. Alicia überholte ihn locker und wandte sich um, um zu überprüfen, ob er ihr folgte. Richard bemühte sich redlich, doch seine Muskeln zeigten nur eine sehr vage Erinnerung an frühere Stärke.

Die Plattformen ließen sich tatsächlich aktivieren. Alicia und er legten die Strecke bis zur Sektion Vier in kurzer Zeit zurück. Bereits von der Plattform aus versuchte Richard zu erkennen, wo an den Cryo-Kapseln die Nummerierungen aufgebracht waren. Er fand sie am Fußende und auf dem Kapseldeckel.

Alicia stoppte die Plattform. Gemeinsam sprangen sie herunter.

»Zwölf und Vierzehn?«

Alicia nickte. Sie begannen zu suchen.

»Hier ist die Zehn, Acht, … falsche Richtung«, fluchte Richard.

»In der nächsten Reihe«, rief Alicia. »Hier liegt der Kapitän!«

Richard beeilte sich, zu ihr zu gelangen. Ein Blick durchs Sichtfenster bestätigte ihm, dass dort der Mann schlief, der sie vielleicht retten konnte. Richard bückte sich und zog an dem Notfallhaken. Es zischte kurz, als der Kapseldeckel sich zuerst nur einen Spalt breit öffnete, ehe er vollends aufsprang.

Richard glaubte, dass der Kapitän sofort ansprechbar sein würde, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Richard rüttelte ihn, rieb die Wangen des Mannes warm, doch eine Reaktion blieb aus. Gerade überlegte er, ob er seinem obersten Vorgesetzten eine Ohrfeige verpassen sollte, als Alicia ihn auf ein Zucken der Lider hinwies. Es tat sich doch etwas.

»Vielleicht können wir ihn zur Brücke mitnehmen? Dann verlieren wir keine Zeit.«

Alicia nickte und begab sich ans Fußende. Richard griff seinerseits unter die Schultern des Kapitäns. Sie zählten bis drei, hoben den Schlafenden seitlich aus der Kapsel und legten ihn erst einmal auf den Boden.

»Okay, zurück zur Plattform«, bestimmte Richard und zog den Kapitän hinter sich her. Es war eine Tortur, doch er biss die Zähne zusammen und schleifte den Schlafenden eilig über den Boden. Alicia lief vor und senkte die Plattform ab.

Plötzlich wurde die Spaceneedle von etwas getroffen. Die Erschütterung lief durch das gesamte Schiff.

Alicia und Richard duckten sich instinktiv.

»Die schießen auf uns!«, rief Richard. Er versuchte, vor Alicia keine Angst zu zeigen. Doch in ihm sah es anders aus. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, er sah sich hastig um. Nichts war eingestürzt. Alles schien weiterhin intakt. »Wir müssen uns beeilen«, überspielte er seine Furcht.

Alicia griff nach seiner Hand, sah ihm in die Augen. »Jetzt den Ersten Offizier?«, fragte sie.

Richard schüttelte den Kopf. »Keine Zeit.«

Sie hoben den Kapitän, der immerhin schon irgendeinen Widerspruch brabbelte, auf die Plattform und glitten zurück zur Brücke. Richard tat es gut, etwas zu tun. Seine Knie bestanden anscheinend aus Pudding. Er hoffte inständig, dass der Kapitän irgendeinen Notfallplan haben würde.

Der Kapitän, ein Vollbart tragender Mittdreißiger mit Namen Pjotr, öffnete die Augen. »Was ist …?«, schaffte er gerade noch, dann fielen seine Lider wieder zu.

Verdammt, dachte Richard. Er schaute Alicia an. Er hatte geglaubt, dass ihr Blick eine gewisse Hilflosigkeit zeigen würde. Das Gegenteil war der Fall. Sie blickte entschlossen gen Brücke, gerade so, als gäbe es dort eine Lösung.

Als die Plattform stoppte, schnappten sie sich wieder die Arme und Beine des Kapitäns und trugen, oder vielmehr zogen Pjotr zur Brücke.

Endlich wurde er wach.

»Warum … nicht … Kapsel? Was … los?«

Die Notöffnung der Cryo-Kapsel war doch keine so gute Idee gewesen, überlegte Richard.

»Bleiben Sie bei uns, Kapitän! Wir brauchen Ihre Hilfe. Dringend!« Alicia wurde mit jedem Wort lauter. Als Pjotr dennoch die Augen wieder zufielen, tat Alicia, woran Richard zuvor nur gedacht hatte. Sie gab dem Kapitän eine Ohrfeige. Tatsächlich wurde der Mann wieder wach.

Richard polterte sofort los. »Wir werden angegriffen. Über Omega befindet sich ein riesiges Raumschiff, das auf uns schießt!«

Pjotr bemühte sich, das Gehörte zu verarbeiten. Das konnte Richard ihm ansehen. Und auch, dass der Kapitän damit noch deutliche Probleme hatte. »Wir sind da?«

»Sind wir, ja. Aber wir werden beschossen. Verfügt die Spaceneedle über irgendeine Form der Bewaffnung?«, fragte Alicia.

»Nein, nein«, antwortete Pjotr und verdrehte die Augen.

»Wach bleiben!«, forderte Alicia.

Richard schaute sich nach einer Wasserquelle um oder irgendeiner Alternative, die den Kapitän erfrischen würde.

Als die Erschütterung des nächsten Treffers durch das Schiff lief, war Pjotr jedoch endgültig wach. »Was war das?«

»Wir werden angegriffen.«

»Von wem?«

»Das ist egal. Das andere Schiff ist erheblich größer als die Spaceneedle und kommt direkt auf uns zu!«

»Haben wir keine Waffen?«, fragte Alicia erneut.

Pjotr schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Irgendetwas an Bord, was uns helfen könnte?«

»Es gibt nur … die Selbstzerstörung.«

»Eine Selbst… wozu denn ...?«, wollte Richard wissen, um sich dann selbst zu unterbrechen. »Lassen wir das! Wir haben keine Zeit!«

»Wir haben doch ein Schutzfeld?«, fragte Alicia.

»Das wurde automatisch aktiviert, als wir in den Unterlichtbereich fielen«, gab Pjotr zurück. »Als Schutz vor Meteoriten oder was auch immer uns hier erwarten würde.« Beim Sprechen rappelte er sich auf und nahm auf einem Sitz an der Hauptkontrolle Platz. Er drückte drei oder vier Knöpfe, und die restlichen Displays und die Kontrollen erwachten zu neuem Leben.

So einfach ist es also, dachte Richard. Wenn man die richtigen Knöpfe kennt und über Autorisierungsstufe 1 verfügt.

»Wo ist die?«, hakte Alicia nach.

»Die was?«, fragte Kapitän Pjotr.

»Die Selbstzerstörung.«

Richard sah fragend zu Alicia, die nur die Schultern zuckte. »Für alle Fälle.«

»Ich hoffe, es kommt nicht dazu«, sagte Pjotr und drückte fleißig weitere Knöpfe. »Ich schicke gerade eine Nachricht, die uns als friedliche Wesen ausweisen soll.«

»Die wollen das, glaube ich, gar nicht wissen«, antwortete Richard und wies auf das Hauptdisplay. Tochterschiffe trennten sich vom Hauptschiff und hielten auf sie zu.

»Es sind drei«, sagte Richard.

»Ich hoffe, sie kommen für Verhandlungen«, sagte Pjotr.

»Wo … ist … die … Selbstzerstörung?«, fragte Alicia erneut. Nun hatte sie die Aufmerksamkeit der beiden Männer.

»Am Bug. Aber die Vorbereitung allein würde rund fünf Minuten benötigen. Und auch, wenn ich sie von hier aus starten kann, muss man dort die letzten Schritte durchführen.«

»Warum bist du so versessen darauf, uns ins All zu blasen?«, fragte Richard.

»Im Moment sieht es so aus, dass entweder die es tun … oder wir. Ich möchte lediglich das Wie selbst bestimmen können.«

»Für dich und für all die anderen Siedler?«

»Vielleicht kommt es nicht dazu, vielleicht ist das alles bloß ein großes Missverständnis.« Alicia hob beim letzten Wort die Hände und zeigte Gänsefüßchen.

Der dritte Treffer führte direkt zum Alarm. Richard zuckte zusammen. Er wechselte mit Alicia besorgte Blicke. Dann schauten sie beide zum Kapitän.

»Bruch der Außenhülle in der oberen Sektion Vier. Die Schotts schließen automatisch«, teilte Pjotr mit.

Sie konnten sehen, wie unzählige Trennwandsegmente aus der inneren Hülle zur Mitte des Raumes schossen und sich dort verbanden. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden.

Sektion Vier. Da hatten Richard und Pjotr zuvor geschlafen.

Richard schaute zum Kapitän. »Die Menschen dort?«

Pjotr schüttelte den Kopf. »Verloren«, antwortete er tonlos. Gleichzeitig startete er die Selbstzerstörungssequenz. »Ich sehe keinen anderen Weg.«

Alicia nickte. So entschlossen, als ginge es nicht auch um ihr eigenes Leben.

Richard schaute ihr in die Augen. »Warum bist du so wild darauf, dich umzubringen?«

Alicia lächelte. »Bin ich nicht. Aber als wir los flogen, hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen. Seien wir doch ehrlich: Wir waren achtzig Jahre im interstellaren Raum unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, es überhaupt heil bis zu unserem Ziel zu schaffen, war verschwindend gering. Als ich mich schlafen legte, war ich ziemlich sicher, nie wieder aufzuwachen. Nun bin ich am Leben, wach und es ist trotzdem wie von mir erwartet.«

»Du kannst um dein Leben kämpfen!«, entgegnete Richard.

»Um in Knechtschaft zu leben?«

Richard gestikulierte empört mit den Armen. »Willst du diese Entscheidung für zweitausend Menschen treffen?«

Alicia wies zu den geschlossenen Schotts. »Eintausendsechshundert, Tendenz fallend.« Ihr Fatalismus war entwaffnend.

Pjotr zog an Richards Arm. »Wir müssen zum Unterdeck. So gelangen wir ganz nach vorne. Dort befindet sich der Knopf, der in fünf Minuten scharf sein wird. Normalerweise gibt es nach Betätigung dieses Knopfes fünfzehn Minuten für eine mögliche Evakuierung. Ich habe diese Zeit aber auf Null gesetzt. Wir müssen nur den Deckel öffnen, Hand drauf, vorbei! Keine Zündschnur, keine Zeit zum Weglaufen.«

Das Schott wurde an einer Stelle glühend rot.

»Sie versuchen durchzubrechen!«

»Schnell, hier herunter.« Pjotr betätigte einen Kontrollschalter an einer Luke hinter ihnen. »Der Tunnel führt zum Unterdeck. Es wurde nicht beschädigt. Wir können auf diesem Weg zum Bug gelangen.«

Alicia verschwand sofort durch die Luke.

»Jetzt du«, forderte Pjotr Richard auf.

Richard zögerte. Er schaute ein letztes Mal zu der nahenden Bedrohung.

Dann brach das Schott. Sofort begann die entweichende Luft an ihnen zu zerren.

Richard bekam in letzter Sekunde den Griff der Luke zu fassen, doch Pjotr wurde fortgerissen.

»Kapitän?«

»Tut es!«, waren Pjotrs letzte Worte, ehe er durch das Loch im Schott gesaugt wurde. Im nächsten Moment tauchten dort die ersten Fremden auf. Metallische, kopflose Körper, mit vier Armen und drei Beinen ausgestattet, groß und Furcht einflößend. Wie gebannt schaute Richard zu den Fremden, als plötzlich eine Hand nach seinem freien Arm griff. Alicia zog ihn mit all ihrer Kraft durch die Luke und schloss sie hinter ihm.

»Danke!«

»Kein Problem. Wir müssen uns beeilen.«

Natürlich war das Mädchen schneller als er, aber angesichts der Alternative bemühte sich Richard, ihr Tempo zu halten. Drei Kilometer zu Fuß. Das war viel für einen alten Mann.

Das Unterdeck war verwinkelter und enthielt die Zugänge zu den Frachtabteilen, außerdem die Notskaphander für die gesamte Besatzung.

Richard lief, wie er wohl noch nie gelaufen war, doch Alicia war schneller.

Als sie hinter sich einen Knall hörten, hielten sie kurz inne. Ihr Fluchtweg war entdeckt worden.

»Lauf allein weiter«, bestimmte Richard. »Ich halte dich nur auf.«

Alicia schaute ihn an. Ihnen war klar, dass es ein Abschied für immer sein würde.

»Es gibt keinen anderen Ausweg«, ermunterte Richard sie.

»Ich weiß«, antwortete Alicia und ergriff seine Hand. »Leb wohl.«

Dann ließ sie ihn los, drehte sich um und lief davon.

Richard schaute ihr noch einen Moment nach. Langsam wandte er sich um. Von ihren Verfolgern war noch nichts zu sehen. Er konnte hier auf sie warten, sie angrinsen und wissen, dass bald alles vorbei sein würde.

Und wenn sie es nicht schafft, durchzuckte es Richard. Er sollte ihr lieber hinterher laufen, sie unterstützen, bei ihr sein. Da war etwas in ihrem Blick gewesen, als sie seine Hand berührte. Etwas Unerwartetes.

Aber er war zu alt und zu langsam … Ein Skaphander! Natürlich. Er musste nur einen der Raumanzüge anlegen. Jeder Skaphander war mit einem Exoskelett ausgestattet. Kleine Motoren, die die Bewegungen unterstützten und verstärkten, ihn stärker und schneller machten.

Er würde Alicia folgen, sie vielleicht sogar einholen. Sie würde nicht allein sein müssen, wenn sie starben.

Die Skaphander standen halb geöffnet an der Wand. Er musste nur hinein springen … na ja, klettern.

Irgendwo hinter ihm rumpelte es. Die Verfolger kamen näher.

Richard ging zu dem erstbesten Skaphander und kletterte hastig in die Beine des Anzugs. Danach schloss er die Oberkörperpanzerung und klappte den Helm nach vorn. Vor seinem Cryo-Schlaf hatte er diese Anzüge mehrfach benutzt. Er hatte sie getragen, wenn er zu Wartungsarbeiten in die Zeitstauchungsröhren steigen musste. Und er erinnerte sich, wie sie zu bedienen waren. Automatisch sprang der Anzug in den Aktivmodus. Richard bewegte die Arme, tat einen ersten Schritt. Fantastisch.  Es war so leicht, wie er es erwartet hatte. Mit langen Schritten stürmte er Alicia hinterher. Im Laufen schaute er sich um. Hinter ihm kamen die Fremden um eine Ecke. Sofort eröffneten sie das Feuer. Zwei Schüsse gingen an Richard vorbei. Der dritte traf ihn, schleuderte ihn herum. Er krachte in dem Skaphander auf den Boden und rutschte ein paar Meter. Hinter einem Frachtabteil kam er zum Liegen. Für einen Augenblick stand Richard unter Schock. Doch der Anzug hatte ihn beschützt.  Er war nicht verletzt. Richard rappelte sich wieder auf. Ohne zu überlegen, sprang er wieder hinaus in die Schusslinie, stürmte weiter, sprang hinter eine andere Wand und war ihnen vorerst entkommen.

Er lief Alicia hinterher, doch die Fremden blieben ihm dicht auf den Fersen.

Hier unten konnte er sich nicht so wie im Oberdeck orientieren. Oben war alles ein riesiger Raum, in dem allein die Cryo-Kapseln standen. Nur ein breiter Weg in der Mitte, auf dem sich die Plattformen bewegten. Im Unterdeck gab es die Frachtabteile. Kein Weg führte länger als zwanzig Meter geradeaus. Das war gut, damit die Fremden nicht auf ihn feuern konnten, und zugleich schlecht, um auch nur halbwegs ermessen zu können, wie weit er noch laufen musste.

Er hatte gerade ein weiteres Frachtabteil umkurvt, als er endlich Alicia vor sich sah. Sie blickte sich kurz um. Richard wusste nicht, ob sie ihn in dem Anzug erkannt hatte, denn sie lief weiter.

Vor ihr befand sich die ersehnte Apparatur. Soweit Richard es erkennen konnte, war die Selbstzerstörung vorbereitet. Vier Säulen, an denen rote, pulsierende Lichtfäden aufwärts führten. Und in der Mitte der finale Knopf. Ebenfalls in leuchtendem Rot. Darüber eine Schutzklappe. Das war alles.

Alicia war vielleicht noch zwanzig Meter entfernt. Der Boden des Unterdecks stieg leicht an, während rechts und links die Außenbahnen des Oberdecks herab führten.  Hier, im Bug der Spaceneedle, endeten auch die Ventura-Röhren, die die Basis für den Zeitstauchungsantrieb bildeten.

Noch zehn Meter für Alicia. Richard war direkt hinter ihr, versuchte, sie gegen potentielle Angriffe zu schützen.

Es gelang ihm nur bedingt. Eine Explosion dicht neben ihm schleuderte ihn auf die linke Seite. Alicia flog von der Druckwelle getrieben weiter nach vorn. Sie blieb direkt vor dem Knopf liegen.

Richard hielt den Atem an. War sie tot? Musste er allein vollenden, was sie gemeinsam geplant hatten?

Da! Alicia bewegte sich.

Nun tauchten die Fremden in seinem Blickfeld auf. Vier bewaffnete Monster. Eines löste sich aus der Gruppe und stürzte auf ihn zu.

Richard wusste nicht, was ihn in diesem Moment antrieb. Wollte er das Unvermeidliche hinauszögern? Hatte er eine Ahnung, was mit ihm geschehen würde? Doch bereits als er neben der Ventura-Röhre gelandet war, war ihm all das Wissen seines Studiums zurück ins Gedächtnis geschossen. Die Röhrenwände bestanden aus halbosmotischem Elastaron. Schnelle Teilchen oder Körper prallten an der Wand ab, langsame hingegen gelangten hindurch. Er durchdrang eine Wand, so langsam es ihm unter den gegebenen Umständen möglich war, bewegte seine Hände im Inneren schnell und zog sich so hinein.

Er konnte sehen, wie die Fremden ihm nacheilten, auf die Röhren schossen und scheiterten. Wie sie dagegen liefen und zurückprallten. Wie Alicia den Schutzdeckel hochklappte. Nur noch Sekundenbruchteile …

Doch bevor sie den Knopf niederdrückte, bewegte sich Richard mit hektischen Schritten, um nicht durch die Wand zurück zu fallen, in der Röhre zurück Richtung Heck. Nur ein paar Zentimeter, doch die veränderten alles. Er sah, wie Alicia den Arm wieder hob, wie er selbst zurück zu der Explosion rutschte, die ihn eigentlich fort geschleudert hatte, wie die Geschosse zurück in die Waffen der Fremden flogen. Mit eiligen Tippelschritten bewegte Richard sich in der Röhre, zurück zum Heck und damit offensichtlich auch rückwärts durch die Zeit. Mit jedem Schritt im Innern der Röhre verlor er ihre Verfolger weiter aus dem Blick. Die Röhren befanden sich auf dem Oberdeck. Sie waren durch das Unterdeck entkommen.

Eröffnete sich ihm hier eine Chance? Doch was konnte er verändern? Fast vergaß er, sich weiterhin schnell trampelnd zu bewegen, damit er nicht durch das Elastaron aus der Röhre fiel.

Nicht aufhören! Richard überlegte. Er konnte zum Beginn ihres überlichtschnellen Fluges zurückkehren, konnte alle warnen. Im selben Moment erkannte er, dass das nicht stimmte. Die Besatzung, alle Siedler, die gesamten zweitausend Menschen befanden sich bereits vor dem Sprung in den Überlichtbereich im Cryo-Schlaf. Und er konnte nicht weiter zurück in der Zeit als bis zu diesem Startpunkt. 

Sie mussten den Flug abbrechen. Er könnte Pjotr früher wecken und der würde alles veranlassen. So könnte er alle retten.

Da erinnerte Richard sich an seine Prüfung. Sie würden den Flug nicht abbrechen können. Der Zeitstauchungsantrieb der Spaceneedle war der Expresslift zu Omega 4. Einmal eingestiegen, konnte man erst am Ziel wieder heraus.

Richard fluchte.

Gab es denn keinen Ausweg? Es musste irgendeinen Nutzen haben, dass er vor den anderen aufgewacht war, dass er sich in der Zeit zurück bewegen konnte. Plötzlich wusste Richard, was er zu tun hatte, was er unbedingt tun musste!

Als er durch die Elastaron-Wand hinaus blickte, erkannte er die Sektion Vier. Jene Sektion, in der er geschlafen hatte. Genau wie Pjotr.

Die Sektion war unversehrt. Kein Wunder, befand er sich längst weit in der Vergangenheit und damit Jahre vor dem Angriff auf die Spaceneedle und die Abriegelung der Sektion.

Richard erinnerte sich an das Flackern, das er bemerkt hatte, als er aus dem Cryo-Schlaf aufgewacht war. Hatte er es ausgelöst? Hatte er sich selber hinter der Röhrenwand gesehen? Richard überlegte. Die Zeit im Innern der Röhre war die Stauchung ihrer gesamten Flugzeit. Millionen von Flugstunden komprimiert auf drei Kilometer. Sein Aufwachen hatte sich, gemessen daran, wenige Zentimeter vor dem Ende abspielen müssen. Ergo hatte er nicht sich selber, sondern eher ein Echo seiner selbst gesehen. Als er sich daran erinnerte, fiel ihm auch wieder ein, dass er das Flackern immer zweimal gesehen hatte.

Ein Verfolger!

Richard blickte sich um. Tatsächlich. Dort war er. Vielleicht zwanzig Meter hinter ihm.

Wie hatte es der Fremde …

War Alicia gescheitert? War sie doch noch aufgehalten worden? Richard hatte ihre Hand über dem Knopf gesehen, nur einen Wimpernschlag von der Selbstzerstörung der Spaceneedle entfernt.

Nein. Unmöglich! Alicia hatte das Raumschiff zerstört. Richard war sich dessen sicher. Mit dem Verfolger im Rücken würde es nicht einfach werden, seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Richard überlegte kurz. Es war egal, an welchem Punkt der Röhre er sich befand. Wenn er die Röhre verließ, gelangte er zeitlich weit vor den Angriff der Fremden. Er konnte Verstärkung holen. Er konnte andere wecken. Egal, ob es über den Notschalter geschah. Sie würden dem Feind zahlenmäßig überlegen sein. Sie würden ihn überwältigen können, ihn besiegen.

Richard sah sich abermals um. Der Feind war weit genug entfernt. Richard verlangsamte seine Schritte, blieb stehen und ließ sich durch die Röhre hinaus gleiten. Dabei schaute er zurück zu dem Fremden und wusste, dass der ihn nicht erreichen würde. Er glitt vollends aus der Röhre … und wurde von einem mächtigen Schlag getroffen. Richard flog einige Meter und stürzte zu Boden. Hastig sah er sich um und erkannte einen weiteren Feind! Wie konnte er …? Wo kam der denn her?

Richard rappelte sich auf. Schnell weg hier!

Sein Skaphander hatte ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. Der andere hatte ihn nur gestoßen und nicht die Waffe benutzt. Richard lief an den Cryo-Boxen der Sektion Drei vorbei. Bald würde er Sektion Vier erreichen. Der Feind folgte ihm langsam. Als wäre er sicher, dass Richard sich nicht vor ihm verstecken konnte.

Was aber konnte Richard tun? Wie den anderen abhängen? Was geschah, wenn der zweite Fremde aus der Röhre hinzu kam? Der brauchte nur weiter in die Vergangenheit zu laufen, um …

Plötzlich begriff Richard, was geschehen war: Es gab nur diesen einen Fremden. Der Angreifer musste einfach weiter als er in die Vergangenheit gegangen sein und hatte hier auf ihn gewartet. Der Feind hatte ihn ausgetrickst.

Akzeptiere die Situation und dann ändere sie.

Es konnte nur eine Lösung geben: Richard musste zurück bis zum Röhrenanfang. Nur dort konnte der Fremde ihn nicht umgehen, ihm nicht zuvorkommen.

Unglücklicherweise hatte ihn der Fremde mit seinem Stoß nicht in Richtung der Brücke geschleudert, sondern Richtung Bug. Richards Plan, die anderen per Notschalter zu wecken, erschien ihm nicht länger durchführbar. Zumindest, solange der Feind sich mitten unter ihnen befand. Richard erinnerte sich, wie lange Pjotr gebraucht hatte, um aufzuwachen, ansprechbar oder gar handlungsfähig zu sein. In der Zeit wäre jeder von ihnen nichts anderes als Schlachtvieh. Richard musste sich etwas anderes einfallen lassen. Einen Plan, den sein Feind nicht vorhersehen konnte.

Gleichzeitig erinnerte er sich an Alicias Worte. Wir haben so etwas wie eine Notfallfreigabe. Wir können zwei Besatzungsmitglieder aufwecken, wenn wir an diesen Schalter kämen.

Die Carbonit-Haube. Richard erinnerte sich an jedes Detail. Er würde sie nicht zerstören können. Nicht einmal mit einem Schlag des Skaphanders. Was er brauchte, war ein Werkzeug. Die Haube wurde von Perfektschrauben fixiert. Werkzeug? Wo sollte er hier Werk … sein Messer! Natürlich! Aber es war nicht in seiner Box gewesen … als … er … erwachte.

Richard befand sich bereits in Sektion Vier. Er versuchte, sich zu orientieren. Der Fremde war fünfzig Meter entfernt. Er folgte ihm stetig, doch ohne Eile. Kein Wunder, dachte Richard. Ich kann ja nur weglaufen. Irgendwann kriegt er mich. Glaubt er zumindest.

Richard sah sich um. Seine Cryo-Kapsel … wo war sie? Sektion Vier, Kapsel 44, leicht zu merken. Er musste dorthin, das finden, was er nirgendwo anders im Schiff suchen konnte. Denn er hatte keine Zeit zum Suchen. Nicht mit dem Feind im Rücken. Endlich fand er sie.

Richard schaute durch das Sichtfenster seiner Cryo-Kapsel. Dort lag er. Jung und kräftig. Für einen Moment war er irritiert. Zugleich wurde ihm klar, was passieren würde … was passiert sein musste. Wie alles zusammen hing. Er bückte sich und zog den Nothebel seiner Cryo-Kapsel. Begleitet vom leisen Zischen klappte der Deckel auf. Richard beeilte sich. Er fand das Messer, wo er es erwartete, und nahm es heraus. Dann drückte er die Cryo-Kapsel wieder zu.

Als er sich umdrehte, war der Fremde bereits erschreckend nah. Richard sprang durch die Reihen der Cryo-Kapseln davon. Sein Ziel war klar. Zurück in die Röhre und von dort bis zum Anfang ihrer Reise.

 

Sein Feind musste sich des Sieges zu sicher sein. Anders konnte Richard sich nicht erklären, warum er so viele Meter zwischen sich und den Verfolger hatte bringen können. Zumindest gelang es ihm erneut, sich durch die Röhrenhaut zu drücken und tatsächlich zurück zur Brücke und gleichzeitig bis zum Start ihres Überlichtfluges zu gelangen.

Als er die Röhre verließ, erwartete Richard, dass sein Feind mit ihm hinaus gelangen würde. Doch wo immer der ihn suchte … er tat es nicht am Nullpunkt ihres Fluges.

Dennoch beeilte Richard sich mit dem, was zu tun er als notwendig erachtete. Er trat an das Pult der Cryo-Steuerung und versuchte sich zu erinnern. In Gedanken stand er wieder hinter Alicia. Siehst du hier? Wir haben so etwas wie eine Notfallfreigabe. Wir können zwei Besatzungsmitglieder aufwecken,  ...

Vorsichtig setzte er die Klinge des Armeemessers auf die erste Perfektschraube.

Es passte! Er drehte alle vier Schrauben heraus. Im Stillen dankte er Grandpa Henry für dieses Geschenk. Schließlich nahm Richard die Carbonit-Haube ab und drückte den Knopf.

»Notfallfreigabe aktiv. Bitte autorisieren Sie sich.«

Richard strich mit seinem Chronoton über den Sensor.

»Autorisierungsstufe 3. Autorisierung der Stufe 3 genügt, um den Cryo-Schlaf von zwei Personen der Stufe 2 oder weniger umzuprogrammieren. Erst ab Stufe 1 erhalten Sie vollen Zugriff auf die Cryo-Steuerung. Bitte wählen Sie die Sektionen und Nummern der Cryo-Kapseln.«

Richard dachte zurück an Dekan Harodds und schüttelte den Kopf. Dies hier wäre anders ausgegangen, wenn er nicht mit der Tochter des Dekans geschlafen hätte.

Sicherlich hätte Richard zwei Offiziere der Stufe 2 aufwecken können. Vielleicht hätten sie einen Weg gefunden, das Ende der Spaceneedle und ihrer Besatzung zu vermeiden. Doch Richard dachte weiter. Was würde geschehen, wenn die Siedler den Fremden lebend in die Hände fielen? Wenn die Angreifer den Weg zur Erde herausfanden? Der Feind war zu mächtig für die technologischen Möglichkeiten der Menschheit. Richard wollte alles dafür tun, dass sie vor dem Besuch der Fremden bewahrt wurde.

Er wusste nicht, was andere tun würden. Ob sie die 2000 Menschen und das Schiff opfern würden, um die Menschheit zu retten?

Akzeptiere die Situation! Und dann ändere sie!

Richard wusste, was Alicia und er getan hatten, vielmehr … was sie tun würden. Und das war unter den gegebenen Umständen alternativlos.

Richard drückte die Tasten, die die beiden Cryo-Kapseln öffneten. Fünf Tage vor der Begegnung mit dem Feind.

Es war getan.

 

Da tauchte der Fremde wieder auf. Genau genommen, sah Richard, wie die Roboterbeine des Fremden aus der Ventura-Röhre glitten.

Richard lief los.

Er musste den Roboter von dem ablenken, was er gerade getan hatte. Musste ihn fortlocken, ihn möglichst unschädlich machen. Alles tun, damit er die Vergangenheit nicht beeinflussen konnte. Richard kannte sein neues Ziel.

Er drückte sich neben dem Feind in die Röhre hinein. Auf gleicher Höhe, doch weit genug entfernt, dass sein Skaphander außer Reichweite für die Extremitäten des Feindes war. Der kopf- und augenlose Rumpf dieses roboterähnlichen Geschöpfs wandte sich sofort zu ihm um und versuchte, sich durch schnelle Bewegungen zurück in die Röhre zu drücken. Richard gelang es, vor dem Feind in der Röhre ins Laufen zu kommen. Er bewegte sich wieder in Richtung des Bugs der Spaceneedle.

Richard blickte sich um und erkannte, dass sein Plan funktionierte. Der Feind folgte ihm.

 

Richard erreichte erneut den Ausgangspunkt. Er sah Alicias Hand über dem Selbstzerstörungsknopf und die Angreifer dicht hinter ihr. Sein persönlicher Feind war ihm bis hierher gefolgt. Die ganze Zeit hatte er keinen Versuch unternommen, die Waffe auf Richard abzufeuern. Es blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern. Vielmehr dachte er ein letztes Mal an Grandpa Henry. An den Dekan Harodds und an dessen Tochter. Zuletzt dachte Richard jedoch an Alicia. Bei diesem Gedanken spürte er eine unendliche Trauer, dass er sie nicht näher hatte kennenlernen dürfen; als junger Mann, auf einem neuen Planeten namens Omega 4. Dass das Schicksal ihnen keine Chance gelassen hatte.

Richard schüttelte die Gedanken ab. Er schaute zu dem Verfolger hinter sich in der Röhre und wartete, dass der Feind ihn erreichte. Richard würde ihn umklammern, ihn halten und mit ihm gemeinsam den letzten Schritt tun.

Ins Licht.

Epilog

Schwerelosigkeit kannte Richard. Körperlosigkeit hingegen …

Dabei fühlte es sich ähnlich an. Irgendwie.

Zuerst dachte Richard, dass er im Himmel wäre, dass es das Leben nach dem Tod tatsächlich gäbe.

Die Stimmen überzeugten ihn, dass es sich anders verhielt. Die Stimmen der Besatzungen der Spaceneedle 1 und 2. Sie waren alle da. Selbst Pjotrs und Alicia. Sie alle hatten überlebt.

Und Richard erfuhr, warum dies so war.

Die Schaffhauser/Stroik-Schwelle hatte sich als zu groß gefasst erwiesen. Unter bestimmten Voraussetzungen konnte der Stauchungsraum der Ventura-Röhren noch weiter verringert und die Flugdauer deutlich verkürzt werden. Die Spaceneedle 2 startete drei Jahre nach der Spaceneedle 1, erreichte Omega 4 jedoch ganze fünf Wochen vor ihrem Vorgänger. Es stellte sich heraus, dass der vierte Planet der Sonne Omega hochtoxisch war und den Menschen nicht als die erhoffte Zuflucht dienen konnte. Zugleich trafen die Menschen auf die Bklek. Die Vertreter dieser fremden Rasse existierten als Seelen, bewohnten Roboterkörper und sahen sich als Wächter des Omega-Systems und der dort befindlichen Planeten. Sie befehligten riesige Raumschiffe, waren im Großen und Ganzen jedoch friedlich.

Ihre größte Errungenschaft waren die Befreiersequenzen. Mittels eines Druck-und-Hitze-Signals konnten sie den Übergang aus der vergänglichen Körperlichkeit initiieren. Im Fall der Besatzung der Spaceneedle 1 lieferten die Menschen eben jenes Signal selbst – durch die Zerstörung ihres Raumschiffs. Die befreiten Seelen wurden mittels eines pulsierenden Energiebandes in eigens dafür ausgelegte Roboterkörper umgesiedelt. Die Bklek hielten Tausende Roboterkörper auf ihrem Hauptschiff vorrätig. Auch Richard konnte nun ein solches metallisches Ungetüm ohne Kopf und mit vier Armen befehligen. Allein durch seine Gedanken und Gefühle.

Dabei war seine Seele keineswegs auf den Körper angewiesen. Die menschlichen Seelen konnten frei und ohne Körper existieren, einzig gehalten vom Energiefeld des Planeten Omega 4. Die Roboterkörper waren reparabel und versetzten die Seelen in die Lage, weiterhin zu erkunden, zu erfahren, ja, auch zu genießen.

Vieles an Richards Leben auf Omega 4 war anders. Einige Dinge musste er neu erlernen, auch seine Sicht auf das Leben veränderte sich.

Doch vor allen Dingen besaß er ein Leben. 

Als Seele war Richard alterslos. Alicia blieb ihm wohlgesonnen und so verbrachten sie viel Zeit miteinander. Es würde nie wieder auf Autorisierungsstufen ankommen, auf Aussehen oder Alter. Das Omega war zum Alpha geworden.

Über den Autor

Frank Lauenroth (* 1963 in Aschersleben) ist ein deutscher Autor. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten. Nach dem Schulabschluss studierte er in Magdeburg Allgemeinen Maschinenbau und Konstruktion. Später zog er für fünf Jahre nach Bad Oldesloe, anschließend nach Hamburg. Dort ist er als Software-Entwickler und Programmierer sowie als Autor tätig. Sein Roman Simon befiehlt war eines der vier Gewinnerbücher des Wettbewerbs „Deutschland schreibt“ des Jahres 2005. 2014 erschien sein erster Science-Fiction Roman Black Ice im Begedia-Verlag. In den Jahren 2013, 2016 und 2017 war er für den Deutschen Science Fiction-Preis in der Kategorie „Beste deutschsprachige Kurzgeschichte“ nominiert. 


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 8. September 2017, genau hier.

 

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© 2017 by Frank Lauenroth
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in Peggy Weber-Gehrke (Hrsg.), Meuterei auf Titan. Verlag für Moderne Phantastik, 2017

Alle Rechte vorbehalten

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