Fiction-Friday: Valerius von Arbogast und sein fabelhafter Krakun (Thorsten Küper)

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FICTION FRIDAY

Valerius von Arbogast und sein fabelhafter Krakun (Thorsten Küper)


Thorsten Küper
14.07.2017

Unsere  Geschichte zum Fiction Friday: Charles Darwin hat ein neues, furchteinflößendes und krakenartiges Wesen entdeckt: den Krakun. Doch als der Wissenschaftler plötzlich an Bord eines Luftschiffes, das gerade auf dem Weg zum Polarmeer ist, spurlos verschwindet, fällt der Verdacht auf seinen Assistenten Valerius von Arbogast, der Darwin ermordet haben soll.

Autor Thorsten Küper führt in seiner Steampunk-Geschichte Wissenschaft, Literaturgeschichte und Historisches zusammen, auf eine Art und Weise, die einem Gänsehaut bereitet.

***

Die Welt unter uns, ein zu Kristall erstarrter Traum aus Mondlicht. Monolithen aus blauem Kristall trieben auf einem Ozean aus schwarzem Glas. Die Eisberge spiegelten sich in den stets gleichmütigen Augen des Krakun. Er hing seinen alten Gedanken nach und scherte sich wenig um das Hier und Jetzt.

„Sind das nicht wundervolle Menschen, Captain Shaffer?“, fragte ich.

Die tanzenden Paare auf dem transparenten Boden des Ballsaals drehten lächelnd ihre Runden im Dreivierteltakt eines Wiener Walzers. Schwebend, fünfhundert Fuß über dem eisigen Meer.

Was sich hier oben auf der Empore abspielte, entging ihrer Aufmerksamkeit. Nach sechs gemeinsamen Tagen an Bord war selbst der Krakun in seinem zwanzigtausend Gallonentank zu einem vertrauten Anblick geworden. Noch am ersten Reisetag hatten sich die Herren die Nasen am Glas platt gedrückt wie zehnjährige Flegel an der Schaufensterscheibe eines Bonbonladens in London. Derweil klammerten sich Gattinnen oder Konkubinen an ihre Arme und suchten mit Unbehagen, aber gleichermaßen fasziniert, den Blick des Krakuns. Wenn eines seiner Tentakel gegen das Glas schnellte, kreischten sie vergnügt und genauso verschreckt, als wäre er ihnen damit direkt unter die weiten Röcke gefahren.

Und wie sie mit offenen Mündern da gestanden hatten, bei unserer großen magischen Revue am gestrigen Abend. Der Ballsaal und das Innere des Tanks, nur erleuchtet von einem nebulösen blauen Lichtschein, von dem einige argwöhnten, er sei elektrischer Natur gewesen. Ich hatte den berühmten Westinghouse so etwas raunen hören. Aber viel mehr noch als das Licht hatten die feinen Damen und Herren die Schwärme roter und blauer Fische in ihren Bann geschlagen. Sie umkreisten den Krakun in einem einzigartigen Ballett, ordneten sich wenig später zu geometrischen Formen an und dann … ja, auf dem Höhepunkt der Revue, hatten sie sich vor dem atemlosen Publikum zu menschlichen Gesichtern formiert. Gesichter zusammengesetzt aus hunderten kleiner Fischleiber. Gesichter, deren Münder sich bewegten, als schienen sie zu sprechen.

Ich hatte nicht hören können, ob Westinghouse auch dabei spekuliert hatte, es möge Elektrizität dahinter stecken. Aber sein heruntergeklappter Kiefer war mir nicht entgangen.

Auch gestern hatte unsere Revue nicht ihre Wirkung verfehlt. Valerius von Arbogast und sein fabelhafter Krakun. Krakun - Es klang wie eine exotische Schreibweise des Wortes Kraken und die Damen und Herren der guten Gesellschaft begehrten alles Exotische.

Das Jahr 1872 war noch jung und ich spürte, es würde ein großartiges Jahr für uns werden. Nun, zumindest hatte ich das vor wenigen Stunden noch so empfunden.

„Arbogast, ich frage Sie erneut. Wo ist Charles Darwin?“

Der Lauf von Captain Shaffers neunschüssigem LeMat Revolver an meiner Stirn, war so eisig, wie der Nordatlantik über dem die Celeste durch die Polarluft dieser klaren Nacht pflügte. Die Narben auf der linken Wange ließen seine Züge noch entschlossener aussehen. Dieser Mann scheute sich nicht, Konsequenzen zu ziehen.

Mit einer vagen Geste meiner Hand deutete ich hinunter in den Ballsaal, die Stirn theatralisch in Falten gelegt. „Nun vor einem Augenblick war es mir, als sähe ich ihn dort unten. Nicht unter den Tänzern. Er ist so ernsthaft, dieser Charles Darwin. Er sollte sich gelegentlich einer gewissen Leichtigkeit des Seins hingeben.“

„Darwin ist seit sechs Stunden unauffindbar.“ Shaffer verstärkte den Druck auf meine Stirn. Unwillkürlich, wie mir schien, genau wie das leichte Zittern seines Handgelenkes. „Wir haben Kabinen und Laderäume durchsucht, selbst die Maschinendecks und Kohlebunker. Er ist nicht mehr an Bord, oder jemandem ist es gelungen, ihn auf eine Art und Weise zu verstecken, wie es nur ein Magier tun könnte. Ein Magier wie Sie, Arbogast.“

„Nicht Magier, Captain Shaffer. Meine Finger wären viel zu ungeschickt für einen Bühnenzauberer. Ich denke, selbst einige ihrer Heizer beherrschen bessere Kartentricks als ich. Ich bin nur Illusionist, ein Konstrukteur, eher noch Geschichtenerzähler, aber kein …“

Shaffers scharfe Stimme durchschnitt den Raum. Die beiden Matrosen und der erste Offizier Farnsworth, die einen Ring um mich bildeten, schreckten zusammen. „Ich warte auf ihre Antwort, Arbogast. Darwin suchte mich heute auf der Brücke auf und er verschwand nur wenig später.“

Kurz wich Shaffers Blick ab, richtete sich auf den Krakun, der in diesem Moment die Augen geschlossen hatte. Er schilderte mir eine Geschichte, die für mich im besten Fall wie ein Schauerroman, eher aber doch wie die Ausgeburt eines kranken Geistes klang. Eine Geschichte, in der es um ihn und Sie, den bekannten Illusionisten Valerius von Arbogast und seinen Krakun ging.“

In gespielter Überraschung riss ich die Augen auf. „Darwin spricht über mich? Einen wenig bekannten Bühnenmagier? Das ist zu viel der Ehre. Es wäre wohl eher an mir, seine wissenschaftlichen Leistungen zu preisen. Wer bin ich schon, dass ein Darwin über mich berichtet?“

„Er behauptete, Sie zu kennen, Arbogast. Unter anderem Namen. Dass Sie einen Teil seiner Arbeit gestohlen hätten. Und dass der Krakun kein Kraken sei.“

„Xenophobie, Captain Shaffer. Selbst ein Wissenschaftler wie Darwin kann sich davon nicht freisprechen. Mag sein, dass meine Krake einen alten Mann geängstigt hat.“

„Ich habe viel von der Welt gesehen, Arbogast. Ich bin zur See gefahren, war sogar Fischer. Kraken haben keine zwölf Arme, Kraken haben keine vier Augen“, sein Adamsapfel hob sich, als er schluckte. „Kraken lesen keine Bücher.“

„Ich bitte Sie Shaffer, wie kommen Sie auf die Idee, er würde lesen?“ Ich deutete auf das Podest vor dem Tank, darauf die aufgeschlagene reich illustrierte Ausgabe von Jerseys Handbuch für Luftschifffahrer. „Er schaut sich nur die Bilder an.“

„Arbogast, bei ihrer Revue gestern haben Sie Dinge vorgeführt, die ich mir beim besten Willen nicht erklären konnte. Eines weiß ich zumindest. Es gibt keine Lichtquelle in ihrem Tank. Er ist nicht mit den Generatoren der Celeste verbunden. Und was da mit diesen Fischschwärmen vor sich ging … ich finde keine vernünftige Erklärung dafür. Irgendwelche Drähte hätten wir gesehen. Ich stand direkt daneben. Aber da war nichts. Und wie waren Sie in der Lage, die Szenen zu zeichnen, an die einige Gäste aus dem Publikum dachten, als sie von Ihnen aufgefordert wurden, sich an einen bedeutsamen Moment ihres Lebens zu erinnern?“

Shaffer war nicht der Erste, den mein Gedankenlesetrick irritierte. Aber der Erste, der jemals tatsächlich auf die Idee kam, es könnte mehr als eine Illusion gewesen sein. Anscheinend waren wir besonders gut gewesen am gestrigen Abend, der Krakun und ich.
Eine abwiegelnde Geste meiner Hand. „Ich bitte Sie, Captain Shaffer. Ein erfahrener Soldat wie Sie, ehemaliger Seemann, jetzt Captain eines Luftschiffes. Ein Mann der Technologie. Sie werden doch nicht billige Jahrmarkttricks für etwas Reales halten?“

Ich plauderte einfach zu gern. „Woher wissen Sie, dass ich Soldat war?“, fragte Shaffer nun noch misstrauischer als vorher.

Zeit für eine kleine Improvisation. „Ihr amerikanischer Akzent, der LeMat Revolver, die Schrapnellnarbe an ihrer Wange und ich wette, ihr linker Unterschenkel liegt auf irgendeinem Acker bei Gettysburgh. Sie waren zweifellos im Sezessionskrieg.“

Kurz hatte ich ihn aus der Fassung gebracht. Aber nur einen Moment. „Sie haben für Westinghouse das Bild zweier Züge skizziert, die aufeinander zurasen. Wie konnten Sie wissen, dass er ausgerechnet daran denkt?“

„Shaffer, denken Sie logisch.“ Ich zwinkere ihm unter dem Lauf der Waffe zu. „Westinghouse sah als junger Mann, wie zwei Züge kollidierten, und kam auf die Idee einer Luftdruckbremse für die Eisenbahn. Hat ihn zu einem wohlhabenden Mann gemacht. Woran wird er sonst denken? Meinen Sie ernsthaft, ein Gentleman wie er stellt sich in einem solchen Moment vor, wie seine reizende Gattin unter der Tournüre ausschaut?“

„Westinghouse sagte, Sie hätten die Szene so präzise wie eine Fotografie skizziert. Und die Dame, die an dieses Picknick am Fluss dachte.“

„Shaffer, so nehmen Sie doch Vernunft an.“ Ein Schmunzeln umspielte meine Mundwinkel. „Dieser Trick basiert allein auf meiner Wirkung auf Frauen. Sie empfand eine gewisse Vorliebe für mich und wollte mich nicht bloßstellen. Sie hat gelogen.“

„Sie hat geweint, als Sie ihr die Kohlezeichnung überreichten. So als hätten Sie in ihren Kopf geschaut.“

 Ich hob die Schultern. „Vielleicht waren Sie zu lange unter Männern, Shaffer. Alle Frauen und vor allem ihre Herzen schlagen im gleichen Takt.“

„Es gibt Zeugen unter der Mannschaft, die beobachtet haben, dass Sie kurz vor seinem Verschwinden mit Darwin gestritten haben.“

„Eine bedeutungslose Zwistigkeit, eine wissenschaftliche Diskussion, bei der ich ohne Zweifel unterlegen war. Mag sein, dass ich ein wenig grimmig ob meiner eigenen Unzulänglichkeit wirkte.“

„Wir haben Sie in Darwins Kabine gestellt und ich glaube, Sie waren dort, weil Sie das hier gesucht haben.“ Shaffer zog mit der freien Hand einen kleinen Ledereinband aus der Innentasche seiner Uniform. „Darwin hat mir das überbringen lassen, nur wenige Augenblicke, nachdem ich ihm empfohlen habe, sich zurückzuziehen und auszuruhen. Mein Fehler, ihn nicht sofort ernst genommen zu haben. Aber ich habe es überflogen, Arbogast. Und es gibt alte Aufzeichnungen darin, die der Geschichte entsprechen, die mir Darwin kurz geschildert hat. Falls er wirklich geisteskrank war, dann schon seit sechs Jahren. Damals war er zumindest noch kein verwirrter alter Mann.“

Ich starrte das Buch an. Bedauerlicherweise war Shaffer tatsächlich im Besitz dessen, was ich gesucht hatte. „Wie dumm von mir, es nicht sofort bei Ihnen zu suchen, Captain Shaffer.“

„Sie geben es zu?“

Das Wasser im Tank geriet in Bewegung, als der Krakun sich rührte. Seine vier Augen betrachteten uns gerade noch desinteressiert, im nächsten Augenblick öffnete sich schon eine schwarze Blüte sich ausbreitenden Gallensaftes in dem gläsernen Behältnis.

Die Wolke aus Verdauungssekret verhüllte das Antlitz des Krakuns. Reste blauer und roter Fische trieben darin. Die Schwärme, die wir bei der Revue nutzten, dienten ihm danach stets als Speisung.

Doch gestern war er noch nicht satt gewesen. Etwas Größeres schälte sich aus der Schwärze, sich um die eigene Achse drehend stieß es gegen das Glas, trieb von dort nach oben, zwei staunende Augen auf uns gerichtet. Obwohl von den Verdauungssäften des Krakuns bereits angegriffen, war es doch noch ein erkennbares und auch bekanntes Gesicht, dessen Züge wir alle aus Büchern und Zeitungen kannten. Der Kopf des Charles Darwin blickte vorwurfsvoll von der Wasseroberfläche auf uns herab.

Die Matrosen stöhnten auf, Farnsworth wendete sich ab. Lediglich Shaffer starrte mit bleicher Miene auf das Haupt des berühmten Naturforschers, bevor er nach Sekunden des Begreifens ein atemloses „Mein Gott!“ hervorstieß.

Resignierend faltete ich die Hände vor dem Bauch, mir durchaus bewusst, dass mir der Krakun soeben einen kleinen Streich gespielt hatte. Er liebte das, doch ließ sein Gefühl für den rechten Zeitpunkt oft zu wünschen übrig. Seufzend stellte ich fest:

„Wie mir scheint, hat meine Glaubwürdigkeit gerade erheblich gelitten.“

***

Niemand im Ballsaal hatte bemerkt, dass sich die Plattform mit uns und dem Tank darauf nach unten senkte, dabei die Ebene, auf der die Bühne lag, passierte und dann auf Höhe des Frachtdecks stehen blieb. Das Orchester übertönte das Zischen und Rasseln der riesigen dampfbetriebenen Winde, die stark genug war, um ganze Theaterkulissen mit einem kompletten Schauspielensemble darauf zu bewegen. Einer der Matrosen hatte mir vor Tagen stolz erklärt, man habe damit sogar einen Elefanten für eine der ersten Aufführungen der gerade so populären Oper Aida nach oben transportiert. Ihn und mehr als 30 Komparsen.

Shaffer war sicherlich nicht in Stimmung für einen Ball oder eine Oper. Noch immer hielt er den Revolver auf mich gerichtet, genauso wie sein erster Offizier Farnsworth. Seine andere Hand hielt den Griff eines unauffälligen Messinghebels an der Wand.

Die Ladeluke stand weit offen unter dem Tank des Krakuns. Darunter nichts weiter als tiefe Finsternis und eisige Luft, die an unseren Körpern  emporkroch.

Ich setzte ein charmantes Lächeln auf. „Zuweilen ist der Humor meines zwölfarmigen Begleiters gewöhnungsbedürftig, Shaffer.“

Der Captain fixierte mich. „Es ist ihre Entscheidung, Arbogast. Sie werden mir jetzt die Wahrheit sagen.“ Eine Kopfbewegung in Richtung des Hebels. „Oder ich öffne die Halterung. Wir sind 600 Fuß hoch. Ich glaube kaum, dass ihr zwölfarmiger Freund den Aufschlag überleben würde und falls doch, so bezweifele ich, dass ihm die Temperaturen des Nordatlantiks zusagen werden. Denn das ist kein Krake und offenbar legt er ja Wert auf eine beheizte Umgebung.“

„Wie es scheint, Shaffer, sind Sie nun am Zug und noch dazu am längeren Hebel. Sagen Sie, wäre es möglich, uns zuvor einen Tee bringen zu lassen. Es ist sehr …“

„Reden Sie, Arbogast“, bellte Shaffer. „Und hören Sie endlich auf, den Komödianten zu geben. Eine Rolle, die einem Mörder nie gut ansteht.“

Wenigstens auf den Luxus eines Sitzplatzes wollte ich nicht verzichten, reinigte eine Holzkiste mit einer Hand vom Staub und nahm darauf Platz.

„Kennen Sie Darwins Buch Über die Entstehung der Arten?“

Shaffer nickte knapp.

„Sehen Sie, man sagt, diskutiere nie mit einem Priester über die Evolutionstheorie, aber ich sage Ihnen, diskutieren Sie erst recht nicht mit Darwin darüber.“ Darwins Schädel blickte mich noch immer, oben im Tank treibend, vorwurfsvoll an. „Ich bin 1856 von Irland nach England gegangen. 1863 wurde ich Darwins Assistent. Er arbeitete an einem neuen Buch, aber parallel dazu widmete er sich einer Forschungsarbeit, für die er mich als Gehilfen engagiert hatte. Ich baute Apparaturen und Tanks, bei seinen Aufzeichnungen assistierte ich ihm und er betraute mich mit der Überwachung einiger Experimente an Fischen, Ratten, kleinen Vögeln.“

„Wissen Sie, diese Tätigkeit gestaltete sich schwierig, denn Darwin war nicht gerade offen mir gegenüber. Seine Versuchsanordnungen empfand ich zuweilen als bizarr. Doch die Resultate waren selbst für Darwin so verstörend, dass er mir den Hintergrund seiner Forschungsarbeit – von der übrigens niemand erfahren durfte – eines Abends offenbarte. Ich glaube, er war zu diesem Zeitpunkt zutiefst verängstigt.“

„Und was hat das alles mit dem Krakun zu tun?“ Es war das erste Mal, dass sich der Erste Offizier zu Wort meldete, nachdem er mich gemeinsam mit den beiden Matrosen in Darwins Kabine gestellt und aufgefordert hatte, ihm unauffällig zu folgen.

„Nun, es hing offenbar mit der Expedition der Beagle zusammen. Als Darwin 1836 zurückkehrte, brachte er nicht nur die Erkenntnisse mit, die er dann zur Transmutationstheorie, oder wie man jetzt neumodisch sagt, Evolutionstheorie, zusammenfasste. Sondern auch noch einen Fund, den er für sich behielt, den er vor der Welt verbarg und, wie er mir in dieser Nacht im Jahr 1863 gestand, in einen Tresor einschloss, um ihn vor allem vor sich selbst zu verstecken. Sie hatten im Wasser vor Galapagos etwas gefunden. Nicht besonders tief. Etwas, das er als einen Mechanismus bezeichnete, der etwas enthielt. Etwas, das nicht in sein Weltbild passte.“

„Den Krakun“, Shaffer deutete mit der Waffe auf den Tank.

Ich nickte. „Nun ja, nicht in dieser Form und auch nicht diesen, aber grundsätzlich ja.“

„Was ist das für ein Wesen?“

„Darwin war das Genie.“ In einer ratlosen Geste zeigte ich auf den Kopf im Tank. „Wenn nicht mal er es erklären konnte, sollten Sie von mir erst recht keine Antwort erwarten. Sein Ursprung lag für uns im Dunklen und Darwin offenbarte niemals die genaue Position des Fundortes. Den Mann, der damals bei ihm und offenbar für ihn getaucht war, muss er wohl bestochen haben und, wie er mir sagte, sei der nun schon seit Jahren tot. Wir würden die Stelle wohl kaum wieder finden und ich denke, das ist gut so. Ich weiß zwar viel über dieses Wesen, aber es ist für mich dennoch genau so ein Rätsel wie für Darwin. Nicht wahr, alter Freund?“ Ich griff in meine Innentasche, Shaffer und der erste Offizier zielten. „Nein, keine Waffe, nur ein altes Hausmittel. Sie gestatten?“ Kurz prostete ich Darwin mit der Taschenflasche zu. Sie enthielt irischen Whiskey und ich nahm einen Schluck Erleichterung und Erinnerungen aus ihr. „Ich trinke auf Charles Darwin. Du hättest mir nicht folgen sollen, alter Mann. Und es war dumm, sich so nah an den Tank zu stellen. Aber feige warst du ja nie, Charles.“

„Sie haben ihn ermordet“, stellte Shaffer kühl fest.

Den Whiskey noch immer im Mund winkte ich ab, schluckte langsam und entgegnete heiser. „Nein, habe ich nicht. Die Tentakel meines Begleiters sind äußerst geschickt und schnell und unglaublich stark noch dazu. Sie ahnen nicht, wie froh ich bin, dass er das, was er mit Darwin getan hat, nicht mit mir getan hat, als ich ihn zum ersten und einzigen Mal im Schach besiegt habe. Damals war er wohl berauscht durch ein Dutzend Kugelfische.“

„Sie behaupten, die Kreatur hat ihn getötet?“ Farnsworth betrachtete das Wesen im Tank. Man sah ihm an, dass er nicht an seiner Gefährlichkeit zweifelte.

„Mein Freund hatte zu viel Angst vor Charles Darwin, um Gnade walten zu lassen. Nicht nach all der Zeit im Labor.“

 „Diese Experimente. Worum ging es?“, forderte Shaffer zu erfahren. „Ich konnte Darwins Aufzeichnungen nicht ganz nachvollziehen. Er schrieb etwas von Kontrolle.“

„Kontrolle ist die Leine am Hals eines Hundes, aber das geht über Kontrolle hinaus.“ Ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken. „Darwin verfügte über eine Art Behälter. Darin acht von ihnen. Acht nur ein paar Inch große Krakune, aber so fremdartig, dass sie Darwins Bild einer sich langsam entwickelnden Welt ins Wanken brachten. Schon als er sie das erste Mal sah. Als er sich irgendwann um 1860 entschloss, den Tresor wieder zu öffnen und sie näher zu untersuchen, hoffte er wohl auf eine einfache Antwort, die ihn beruhigen würde.“

„Sie sagten, er fand die Tiere 1836.“ Den Kopf zur Seite geneigt überlegte Farnsworth. „Wenn er sie so lange weggeschlossen hat, dann hätten sie längst tot sein müssen.“

Ich nickte. „Ja, nur eines von vielen Geheimnissen, die unsere Krakune umgeben. Der Behälter allein könnte Generationen von Archäologen und Ingenieuren beschäftigen, aber Darwin ging es um ihre Anatomie, ihren Stoffwechsel und später vor allem um ihre Fähigkeiten. Er wählte den Ersten und begann. Und als der zu groß geworden war, tötete er ihn und weckte den Nächsten.“

„Und bei diesen Versuchen ist er auf etwas gestoßen, nicht wahr?“

Ich verschloss die Taschenflasche, steckte sie zurück in meine Weste. „Nach einer Lebensspanne von einigen wenigen Wochen, begann jeder Krakun kleine Ableger zu werfen. Sie starben sehr schnell, trieben dann im Wasser. Es war mehr ein Zufall, als eines der kleinen Aquarien zerbrach, in das wir den ersten Krakun zeitweise gesetzt hatten. Die Katze trank von der Wasserlache.“

„Und starb?“, wollte der erste Offizier wissen.

„Nein. Nichts dergleichen. Aber als wir dem Krakun im Rahmen eines Experimentes die Nahrung entzogen, geschah etwas Ungewöhnliches.“

Die Männer lauschten mir gebannt, wie es sonst mein Publikum tat. Ich war ein guter Erzähler, nur war diese Geschichte keine erfundene. „Die Katze begann dem Krakun Fische zu bringen.“

Shaffer runzelte die Stirn. „Ich bin nicht sicher, ob ich das verstehe.“

„Das waren wir auch nicht. Aber Darwin hatte einen Verdacht und wir gaben anderen kleinen Tieren die noch lebenden Ableger mit ins Wasser. Ein einziger reichte. Nur Millimeter groß. Und sie alle fütterten den Krakun. Wir nannten sie Diensttiere. Darwin und mir missfiel der Begriff Sklaventiere, obwohl er naheliegender gewesen wäre.“

„Wollen Sie damit sagen, dass der Krakun diese Tiere seinem Willen unterworfen hatte?“ Farnsworth  musterte mich unwillig. „Das setzt doch eine gewisse Intelligenz voraus.“

„Viel mehr als das. Es setzt einen steuernden Einfluss auf das Gehirn eines völlig anderen Lebewesens voraus. Etwas, das selbst wir als Menschen nicht zu tun in der Lage sind.“

Shaffer nickte. „Es ist genau das, was ich in Darwins Aufzeichnungen gelesen habe. Und darüber sind Sie beide in Streit geraten, nicht wahr?“

„Darwin tötete die Krakune. Einen nach dem anderen. Jeden ließ er etwas weiter wachsen. Und ihre Intelligenz steigerte sich ganz offensichtlich mit der Größe. Wir stellten sie vor Aufgaben und beobachteten, wie sie ihre Diensttiere strategisch einsetzten, um alle Hindernisse zu überwinden. Der vorletzte Krakun schien uns bereits überlegen zu sein – und er hat tatsächlich versucht, zu fliehen. Durch die Wasserleitung. Aber wir haben ihn vorher getötet. Uns blieb nichts anderes übrig. Und genau das wollte Darwin auch mit dem letzten tun.“

„Den Sie gestohlen haben“, ergänzte Shaffer.

„Ihn zu töten, hätte bedeutet, eine einzigartige Chance zu vergeben. Der Krakun in den richtigen Händen wäre ein unglaublich mächtiges Werkzeug.“

Der Captain nickte. „Denn er kann Menschen kontrollieren, wenn man ihnen seine Ableger einflößt, nicht wahr?“

Sicherlich war mein Schmunzeln in dieser Situation etwas unangebracht. „Das und viel mehr. Wissen Sie, was Darwins größte Furcht war? Er hat es mir einmal verraten. Der Krakun passte nicht in die Entwicklungsgeschichte. Es war, als wäre er als erster da gewesen, als würde er über allen anderen Wesen stehen. Darwin fürchtete, er habe Gott entdeckt.“

„Er hielt dieses Ding für Gott?“, empörte sich Farnsworth.

„Zumindest argwöhnte Darwin, dass die Krakune einen Einfluss auf die Entstehung der Arten gehabt haben könnten. Und damit wären Sie fast gottgleich, oder?“

„Arbogast, ich habe genug gehört.“ Shaffers Hand griff erneut nach dem Hebel. „Ich kann nur vermuten, dass Sie bereits jetzt Passagiere unseres Schiffes mit Ablegern infiziert haben. Und deswegen bleibt mir nur eines. Ich beende das jetzt.“

„Ich verstehe, Captain. Ich sehe meine Einschätzung ihrer Person war richtig. Sie sind ein prinzipientreuer Mann. Und ich respektiere das.“ Den Sitz meiner Kleidung korrigierend, erhob ich mich, faltete die Hände hinter dem Rücken. „Wir akzeptieren ihr Urteil, Captain Shaffer. Vielleicht sollte ich sagen: Walten Sie ihres Amtes?“

Irritiert von meiner Reaktion suchte Shaffer den Blick seines ersten Offiziers. Der nickte ihm bestätigend zu.

Also umfasste der Captain der Celeste den Hebel fester und … nichts geschah.

Shaffers Gesicht gefror zu einer bleichen Totenmaske. Sein Offizier begriff ebenso schnell und auch er wurde blass. Mit zitternder, zu einem Krächzen verkümmerter Stimme sprach Shaffer aus, was er schon vor Minuten hätte ahnen müssen: „Ich kann es nicht.“

„Natürlich nicht Shaffer. Ich habe tausende von Ablegern im Trinkwassertank der Celeste ausgesetzt. Sie, ihre Mannschaft, sämtliche Passagiere …“

Der Matrose stürzte plötzlich los in Richtung des Hebels.

„Tun Sie das nicht!“, brüllte ich.

Der Krakun reagierte ebenfalls, aber durch den ersten Offizier. Dessen Arm ruckte hoch in Richtung des Matrosen, den er mit einem präzisen Kopfschuss niederstreckte. Farnsworth stand da, den Blick fassungslos auf die eigene Hand gerichtet, die in dieser Sekunde nicht er führte. Der durch das gerade geschehene offenbar nicht klüger gewordene zweite Matrose machte Anstalten, es nun selbst zu versuchen.

Ich verstand, welchen Fehler wir gemacht hatten: Es musste einen separaten Tank für die einfache Besatzung geben. Sie tranken nicht dasselbe Wasser wie die Passagiere. 

Dieser Matrose war flinker. Doch die Hand des ersten Offiziers reagierte ebenso schnell. Ein zweiter Schuss peitschte über das Frachtdeck – und Shaffers erster Offizier brach mit blutigem Schädel zusammen, tödlich getroffen von einer Kugel aus der Waffe seines Captains.

Der Captain musste Farnsworth für einen Komplizen gehalten haben. Oder vielleicht hatte er nur seine Schulter treffen wollen.

Der Matrose erkannte, dass Shaffer ihn geschützt hatte und ergriff die Gelegenheit, rannte auf den Hebel zu. Derweil führte Shaffer einen grotesken Ringkampf gegen seinen eigenen Arm, den er mit aller Gewalt daran zu hindern versuchte, den Revolver gegen seinen Mann zu richten. Shaffer gelang, was nur wenigen möglich war. Er leistete Widerstand gegen den Befehl des Krakuns.

Deswegen hatte er Farnsworth getötet. Weil er und der Krakun miteinander in dieser Sekunde um die Kontrolle über die Waffe rangen. Der Captain hatte seinen Offizier bestimmt nur kampfunfähig machen wollen. Aber Shaffers energischer Widerstand änderte nichts am Resultat.

Beherzt warf sich der Matrose in Richtung des Hebels. Doch der über den oberen Rand des Tanks schnellende Tentakel griff ihn praktisch im Flug, rollte sich ein und zerbrach den Körper mit einem furchtbaren Geräusch, während der Mann ein letztes Gurgeln hervorstieß. Für einen Schrei ließ ihm sein zermalmter Brustkorb keine Luft mehr.

Statt ihn zu verschlingen, legte der Krakun die sterblichen Überreste des Matrosen in einer seltsam sanften Geste auf das Frachtdeck.

Ich bezweifelte, dass Shaffer die Bewegungen der Tentakel über den drei Toten am Boden richtig zu deuten wusste. Ich schon. Mein Freund hoffte, dass sie noch am Leben waren.

Er hatte die beiden Matrosen in einem Schutzreflex getötet. Es war nicht seine Absicht gewesen.

Anders als bei Darwin. Der Krakun erinnerte sich sehr genau daran, dass der berühmte Naturforscher ihn in ein lebloses Präparat hatte verwandeln wollen. Ich hatte nichts für den brillanten Wissenschaftler tun können, als der dem Tank schimpfend und gestikulierend zu nah gekommen war. Darwin hatte seine Experimente an den Krakunen sicherlich niemals mit bösen Absichten durchgeführt. Ihm war es nur um Erkenntnisse und vor allem um den Schutz der Menschheit gegangen.

Meine Ziele waren ironischerweise dieselben. Aber ich hatte andere Konsequenzen gezogen als er.

Shaffer sank mit dem Rücken gegen die Wand hinter ihm. „Er hat meine Männer ermordet. Genau wie er Darwin getötet hat.“

„Nein“, ich legte eine Hand ans Glas, eine Geste, die meinen Freund im Tank beruhigen sollte. „Er hat sich verteidigt.“

„Wie nennen Sie das, was hier gerade passiert ist, Arbogast? Sie haben ihre Bestie auf uns gehetzt. Nur dass Sie sich nicht mit einem bissigen Hund begnügen. Sie sind ein Anarchist, Arbogast. Sie versuchen, die Passagiere dieses Schiffes zu ihren Marionetten zu machen. Über die Absichten dahinter kann ich nur spekulieren.“

„Nein, Shaffer, ich bin weder ein Anarchist, noch ein Mörder, vielleicht ein Dieb, aber ich musste den Krakun retten. Wir haben nur diese eine Chance, Shaffer.“

„Eine Chance wozu? Menschen den freien Willen zu rauben?“

„Sie verkennen meine Absichten. Mir geht es um die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit. Die will ich erzwingen, Shaffer. Sie selbst haben doch die Folgen von Fehlentscheidungen erlebt, genau wie ich. Ich habe mit angesehen, wie meine Freunde, meine Familie verhungerten. Damals 1849 während der Hungersnot in Irland. Und das, weil sich Politiker weigerten, Entscheidungen zu treffen.

Behaupten Sie nicht, dass Sie sich nie dasselbe gewünscht haben – die wesentlichen Entscheidungen lenken zu können. Soll ich ihnen die brennende Stadt mit Kohle skizzieren? Sie erkennen sie selbst in der kleinsten Kerzenflamme wieder und in ihren Träumen kehren Sie fast jede Nacht dorthin zurück. Der Krakun hat diesen Moment in ihrem Kopf gesehen. Wieder und wieder. Und was er sieht, sehe auch ich.“

Shaffer lachte auf. Aber das ohne jede Spur von Humor „Nicht mal unsere Gedanken sind vor ihm sicher!“

„Er ist das Teleskop, das in die Köpfe unserer Mächtigen schaut, damit wir sie aufhalten können, bevor es zu spät ist.“

„Ich werde SIE aufhalten, bevor es zu spät ist.“

Shaffer humpelte plötzlich davon. Als ich ihm nachsetzen wollte, wurde mir jedoch klar, dass der Krakun noch immer über der offenen Frachtluke hing. Was, wenn ein anderes Besatzungsmitglied alles mit angesehen hatte und den Hebel betätigte?

Mir blieb nichts anderes übrig, als mir die Zeit zu nehmen, die Luke zu verriegeln und den Tank mit der Hebevorrichtung zurück über die Bühnenplattform zu fahren. Es kostete mich wertvolle Zeit. Zeit, in der Shaffer etwas unternehmen könnte, das der Aufmerksamkeit des Krakuns entging.

„Verrätst Du mir, alter Freund, wieso du Shaffer nicht an der Flucht hinderst?“

Die Antwort ließ mich der Krakun wissen, so wie er mich stets alles wissen ließ, was er wusste: Er konnte es nicht.

„Hast du die Narben in seinem Gesicht gesehen? Diese Soldaten haben manchmal Splitter in ihren Köpfen.“ Es konnte sein, dass sich Shaffer deswegen zu einem gewissen Grad dem Zugriff des Krakuns entziehen konnte.

Endlich gelang es mir, den Tank sicher abzusetzen. Ich eilte dieselbe Treppe hinauf, wie es Shaffer getan hatte. Fand mich oben auf einem Gang, der erhöht um den Ballsaal herum führte. Das Orchester spielte noch immer, und wie mir schien noch lauter. Csárdás - wie passend in diesem Augenblick. Die dramatische Untermalung einer Verfolgungsjagd auf der Bühne eines schlechten Theaters.

Die Tänzer jedoch rührten sich nicht mehr. Sie hatten die Arme erhoben, und sie alle zeigten in dieselbe Richtung. Der Krakun wies mir so den Weg. Hin zur Brücke der Celeste.

Wohin sonst würde der Captain wollen?

Dann spürte ich es. Fühlte, wie die Celeste sank. So rapide, dass es einige der Gäste im Ballsaal aus dem Gleichgewicht brachte. Sie stürzten, ohne dabei einen Laut von sich zu geben. Der Krakun hielt ihren Verstand fest in seinem Griff. Niemand von ihnen würde sich mir in den Weg stellen.

Ein Schuss hallte durch den Korridor. Ich warf mich zu Boden, erkannte jedoch rasch, dass er nicht mir gegolten hatte.

Ich fand Shaffer, wo ich ihn erwartet hatte. An den Rudern. Neben ihm die Leiche des zweiten Offiziers, der gerade noch als Steuermann fungiert hatte. Shaffer hatte ihn exekutiert, um zu verhindern, dass der Krakun durch ihn das Schiff steuern konnte. Der Captain entschied kaltblütig und schnell. Das musste man ihm lassen. Leider traf er dabei nur jene Fehlentscheidungen, die ich selbst so zu hassen gelernt hatte. Nur noch rund 400 Fuß trennten uns laut der mechanischen Anzeige vom Ozean, der sich wie ein schwarzer Spiegel für das Mondlicht bis zum Horizont erstreckte. Einen Horizont, der sich nun verbarg hinter einem Wall aus blauem Eis. Und wir fuhren direkt darauf zu. Die messerscharfen Kämme der Eisberge würden die Brücke und sämtliche darunter liegende Decks vom Schwebekörper der Celeste schälen, und wenn sie noch weiter sank, würde sie komplett an ihnen zerschellen. Uns blieben allenfalls Minuten.

„Shaffer, Sie sind ein Dramatiker. Ein Passagierschiff mit einem Eisberg kollidieren lassen. Mit zweihundert Menschen an Bord. Das ist der Stoff für eine Jahrhunderttragödie. Überlassen Sie es lieber den Theaterdramatikern oder der Zukunft so eine Geschichte zu schreiben.“

„Bedauerlicherweise ist es der einzige Weg, Sie daran zu hindern, demnächst ganz allein für die Welt Entscheidungen zu treffen.“ Er legte einen weiteren Hebel nach vorn. Der Rumpf der Celeste antwortete darauf mit einer Sinfonie beunruhigender Geräusche. Sie klang wie ein riesiger Wal im Todeskampf. Shaffer tat Dinge, die man ihm so an der Fliegerschule nicht beigebracht hatte.

„Der Krakun wird Sie zwingen, das Schiff wieder steigen zu lassen.“

Shaffer lachte. Es war ein trauriges Lachen, aber sein Blick war es, der mich alarmierte. „Das würde er ohne Zweifel tun. Denn wer sonst sollte das Schiff zurück auf Kurs bringen? Mein erster Offizier ist tot. Und der Zweite auch. Gott möge mir das vergeben.“

„Shaffer, Sie und ich, wir haben dieselben Prinzi …“

Die Waffe war plötzlich in seinem Mund. Zu schnell für mich, selbst zu schnell für den Krakun. „Captain …“

Der Knall war unglaublich laut. Die Kugel brachte seinem Schädel zum Bersten, sprengte seinen Hinterkopf, dessen Inhalt gegen die Fenster spritzte.

Dahinter wuchsen die Eisberge in die Höhe. Wie Götter, die sich uns in den Weg stellten, erzürnt über unsere Arroganz, sich über sie erheben zu wollen.

„Was ist hier los?“ Eine wuchtige Stimme, gleichermaßen fordernd wie panisch. Einer der Matrosen. Ein verdammt großer Kerl. Hinter ihm zwei weitere. Sie hatten die Schüsse gehört.

Hin und wieder verlangte ein Engagement einem Künstler eine kleine Improvisation ab.

„Captain Shaffer ist wahnsinnig geworden. Er hat diesen Mann hier, Farnsworth und zwei Matrosen getötet“, erklärte ich. „Sie wollten ihn in Arrest nehmen, weil er die Celeste mit einem Eisberg kollidieren lassen will.“

„Aber wieso …“

„Bringen sie das Schiff wieder auf Höhe“, herrschte ich ihn an.

Die drei Matrosen gafften mich an. „Das können wir nicht. Shaffer oder einer der beiden Offiziere steuern das Schiff. Farnsworth ist auch tot, sagen Sie?“

Ich nickte, dann zwinkerte ich ihnen zu. „Nun, meine Herren, dann bleibt ihnen nichts anderes, als auf meine Improvisationskunst zu vertrauen.“

Und mir blieb nur zu hoffen, dass der Krakun Jerseys Handbuch für Luftschifffahrer genauso aufmerksam studiert hatte, wie sonst nur die reich illustrierten französischen Unterwäschekataloge, die er so schätzte.

„Gentlemen. Dann wollen wir mal sehen, wofür diese Hebel gut sind.“

Der Krakun begann mir zuzuflüstern.

Tief in meinem Kopf.

***

Es ist ein strahlender Tag in London in diesem April 1912.

Von hier aus dem 27. Stock, in dem ich nun seit nunmehr 22 Jahren residiere, eröffnet sich der Ausblick über die Stadt und die Themse, den ich so sehr zu schätzen gelernt habe. Das Gebäude ist meines, genau wie fast vierzig andere. In London, New York, eines in Paris und in der Schweiz.

„Sie haben sich einen guten Tag ausgesucht, um mich zu besuchen. Von hier werden Sie sie sehen können.“

Die letzten dreißig Jahre haben es gut gemeint mit England, mit Europa, der ganzen Welt und mit mir. Anlässlich des feierlichen Ereignisses kreisen nicht nur englische Luftschiffe über unseren Köpfen. Es sind auch amerikanische dabei, französische, deutsche, russische, selbst chinesische Air Dragons, die nachts das farbigste Feuerwerk über London entfesseln, das ich je gesehen habe.

„Die Zeitungen ernannten mich damals zum Retter der Celeste. Sie können sich vorstellen, dass diese Ereignisse meine Popularität und die des Krakuns noch erheblich steigerten. Wir führten unsere Revue auf in Paris, Mailand, Venedig, drüben in den Staaten. Ich habe fast vergessen, welche Länder wir bereisten. Und ich wurde innerhalb von einem halben Jahrzehnt nicht nur zu einem äußerst wohlhabenden, sondern unglaublich reichen Mann. Sehr hilfreich war dabei natürlich, dass man in sämtlichen Bankhäusern mir gegenüber sehr aufgeschlossen war, was Investitionen anging.“

Ich spüre den Blick des schlanken, etwas schlaksigen jungen Mannes auf mir. Die klugen Augen unter der hohen Stirn hält er, während er mich begrüßt, zu Boden gerichtet. Sein Händedruck ist schwach. Aber ich halte ihn für einen aufrichtigen Burschen. Er ist ehrlich. Und er hat tatsächlich gewagt, mir einen sehr provokanten Brief zu schreiben. „Die Geschichte hat sich genau so zugetragen, wenn es auch gewisse Ungenauigkeiten in meiner Schilderung gegeben haben mag, die meinem Alter zuzuschreiben sind. Aber dennoch halte ich meine Erinnerungen für sehr präzise. Sie sind der Erste, dem ich in aller Ausführlichkeit berichtet habe, was sich damals zutrug.“

Ein leichter Druck gegen den Steuerhebel meines Rollstuhls. Der Tesla-Motor dreht ihn um hundertachtzig Grad. Nun sieht er mich direkt an. Doch sein Blick kehrt immer wieder zurück zum Becken, in dem der Krakun ruht. Es ist kein Tank mehr wie in den alten Tagen, sondern ein gigantisches Aquarium. Heute teilen sich mein Freund und ich die gesamte siebenundzwanzigste Etage dieses Gebäudes. Ich habe für ihn den Ozean vor Galapagos hier nachbilden lassen. Das mindeste, was ich für ihn tun kann.

„Früher hat er nicht so viel geschlafen“, stelle ich fest. „Aber er ist nach wie vor geistig rege. Und auch sein Körper zeigt keine Ermüdungserscheinung. Nicht so wie der meine. Und nein, Sie haben keinen Grund, sich zu fürchten. Weder er noch ich werden ihnen ein Haar krümmen. Sie wissen zwar alles. Aber wer wird ihnen glauben, wenn sie versuchen, ihr Wissen publik zu machen? “

Seine Hände suchen verlegen nach Taschen in seinem Jackett, er schweigt aber noch immer.

„Ich war so frei, einige Erkundigungen über Sie einholen zu lassen. Dabei sind uns verschiedene Punkte ihrer Biographie aufgefallen, die ich – wenn Sie mir persönlich diese private Anmerkung gestatten – für tragisch halte. Auch ihr Nervenzusammenbruch im Jahr 1908 hat Eingang in verschiedene Aufzeichnungen gefunden. Wir würden das der Presse im Falle eines Falles zuspielen. Aber bitte missverstehen Sie mich nicht. Es liegt mir völlig fern, Ihnen zu drohen. Denn ich halte Sie für einen sehr fähigen Kopf und ich möchte Ihnen vielmehr ein Angebot machen.“

Er lässt die Hände sinken, plötzlich noch viel aufmerksamer. Zu jung, ist er, zu unerfahren um sein Interesse verbergen zu können.

„Hier in diesem Gebäude befinden sich die Pascal-Maschinen unseres Institutes. Sie tun nichts anderes, als Berechnungen anzustellen. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, Zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Wir erstellen mit ihnen Prognosen. Wollen herausfinden, wo wir eingreifen müssen, um von Menschen gemachte Katastrophen zu verhindern. Unruhen, Seuchen, Hungersnöte.“

Den Kopf zum Fenster neigend führe ich aus: „Lassen Sie sich nicht täuschen. Die Leichtigkeit dieses Sommertages ist trügerisch. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn unsere Maschinen sagen uns, dass in zwei, vielleicht drei Jahren etwas geschehen wird. Ein Domino-Stein wird umfallen und die Folge wird ein Kollaps sein. Es reicht ein Putsch, eine Naturkatastrophe, vielleicht ein Attentat. Ein winziger Zündfunken, der einen Krieg auslösen wird, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Und mit den Waffen, die uns jetzt zur Verfügung stehen, will ich mir nicht ausmalen, was die Folgen sein werden.“

Meine zitternde Hand entgeht ihm nicht. „Parkinson. Heute ist einer der guten Tage, aber von denen warten nicht mehr viele auf mich. Ich suche fantasiebegabte Männer, so wie Sie. Sie haben diese wundervollen Zeitschriften über Wissenschaft und Astronomie verfasst und selbst herausgebracht. Ich habe mir einige Exemplare beschaffen können. Sie besitzen eine große Begabung. Es schmeichelt mir außerdem, dass Sie ein altes Foto meines Freundes da drüben im Tank in ihrer Kurzgeschichte gedruckt haben. Und dass Sie sich mit ihrem Verdacht tatsächlich an mich gewandt haben, zeugt von einer gewissen Kühnheit, die ich sehr schätze. Ihre Theorie von der Existenz dieser alten Lebewesen und ihr Verdacht, der Krakun könnte eines von ihnen sein. Ich glaube Darwin hätte sie in seinen letzten Tagen als eine Möglichkeit in Erwägung gezogen. Mir ist ebenfalls nicht entgangen, dass die alten Legenden, die sie erwähnt haben, die Heimat dieser gottähnlichen Wesen im Pazifik wissen wollen. Dort liegt auch das Archipel Galapagos. Ein erstaunlicher Zufall, ist es nicht so?“

Etwas hinter mir scheint seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Ich wende den Rollstuhl wieder zum Fenster. Und da ist sie. Das etwas so Großes sich so lautlos bewegen kann. „Meine Güte, sie ist unglaublich schön.“ Mit meinem bebenden Zeigefinger, versuche ich ihren Umriss nachzuzeichnen. Einen Stift kann ich seit Jahren nicht mehr führen. „Die Zeitungen schreiben, nicht mal Gott kann sie vom Himmel holen.“ Ich kichere. „Wussten Sie, dass ich Anteile sowohl an der Werft als auch der Reederei besitze. Winken Sie mit mir meinem Geld zu.“

Die Titanic schwebt über der Themse wie ein Berg aus Stahl, der gegen die Naturgesetze aufbegehrt. Die riesigen Schornsteine zu beiden Seiten des Schwebekörpers sind wie vier gerade ausgebrochene Vulkane. Die Stadt jubelt ihr zu. Selbst die chinesischen Air Dragons weichen ehrfurchtsvoll vor ihr zurück. Deren Piloten beherrschen das Kunststück, den Bug ihrer Schiffe wie in einer Verbeugung zu neigen. Eine große Geste, die von der Titanic mit ihren Hörnern beantwortet wird. Die Trompeten von Jericho würden gegen sie klingen wie die verstaubte Orgel eines Dorfpfarrers.

„Morgen wird sie in Liverpool sein und von da aus geht es raus auf den Nordatlantik. Bis hoch ins Polarmeer.

Sie setzt ihre Passagiere zum Picknick auf Eisbergen ab, wussten Sie das? Irgend so ein Künstler hat dort oben eigens dafür sogar riesige Schwäne und einen Poseidon ins Eis gesprengt. Manchmal glaube ich, es geht den Menschen heute ein bisschen zu gut.“

Mit gesenktem Blick füge ich hinzu: „Noch zumindest.“ Einen Augenblick erinnere ich mich an die Furcht in Darwins Augen und die in Captain Shaffers, bevor er den Abzug betätigte. „Wenn wir diese Welt erhalten wollen, wenn wir das verhindern wollen, was sich gerade abzeichnet. Dann brauche ich die Hilfe von Männern wie Ihnen.“

Um ihm mein Angebot zu unterbreiten, wende ich den Stuhl erneut zu dem jungen Mann. „Wollen sie mir dabei helfen? Wenn, dann sollten Sie meine Hand schütteln, solange das noch möglich ist. Also.“ Ich strecke meinen Arm nach ihm aus und stelle ihm die entscheidende Frage, obwohl ich seine Antwort längst zu kennen glaube. „Wie stehen Sie zu meinem Angebot, Howard Phillips Lovecraft?“


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 28. Juli 2017, genau hier.


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© Thorsten Küper

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung in Ingo Schulze & André Skora (Hrsg.), Volldampf: Fiktionale Steamgeschichten, Amrun, 2014 

Alle Rechte vorbehalten.

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