Fiction: Das Netz der Geächteten (Michael K. Iwoleit)

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FICTION

Das Netz der Geächteten (Michael K. Iwoleit)


Michael K. Iwoleit
12.05.2017

In einer Welt, in der man durch HUDS, Implantate und Retina-Displays in einer Augmented-Reality existiert und die Tristesse der realen Welt gar nicht mehr wahrnimmt, wird der Gamer Spark zu einem Zwangs-Logout verurteilt – mit fatalen Folgen.

Die Story – und gewissermaßen erschreckende Zukunftsvision –  Das Netz der Geächteten von Michael K. Iwoleit über die Macht der Technik und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft wurde vor kurzem mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet.

***

„Ich halte nichts von leeren Ritualen“, sagte Spark. „Das ist hier wie bei den Anonymen Alkoholikern. Können wir nicht normal miteinander reden?“

„Es wird doch nicht viel von dir verlangt“, erwiderte Martin. „Nenne uns deinen Namen und bekenne dich zu dem, was du bist. Es ist ganz einfach.“

Man hätte ihn auf den ersten Blick für normal und sympathisch halten können, ein schlaksiger Enddreißiger mit krausem Haar und gütigen Augen, der entspannt in einem Kunstholzstuhl lehnte und Spark aufmerksam ansah, dabei Notizen in eine virtuelle Tastatur tippte, die sein HUD auf eine Stuhllehne projizierte. Aber Spark kannte diese Typen, die letzten Sachverwalter eines maroden Sozialsystems, das nur noch zur Imagepflege existierte. Martin war so wenig ehrlich, menschlich und authentisch wie alles an­dere in dieser Welt. Gut möglich, dass er dreimal älter war, als er aussah, und schon Gene­rationen von Ausgestoßenen mit denselben Worten denselben Unfug eingetrichtert hatte. Seine Stirn war von Botox-Injektionen geglättet, und seine Gesichtshaut hatte die wäch­serne, künstliche Qualität wiederholter Stammzellen-Behandlungen. An seiner Kinnlinie erkannte Spark eine unzureichend kaschierte Operationsnarbe.

Früher wären ihm solche Kleinigkeiten nie aufgefallen. Der Entzug hatte seine Sinne ungemein geschärft.

„Ich heiße Spark, eigentlich Stefan, aber keiner nennt mich so. Ein Freund hat sich den Spitznamen ausgedacht, weil er meint, dass ich immer für einen Geistesblitz gut bin.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Und ich bin ein Gamer. Oder besser: Ich war einer.“

„Und, war das so schwer?“, fragte Martin. „Als Erstes musst du verstehen, dass du immer noch ein Gamer bist. Du wirst immer einer sein. Es besteht jederzeit die Gefahr eines Rückfalls.“ Die Gesichter der übrigen Patienten, die sich in einem lockeren Halbrund um Martin versammelt hatten, spiegelten in verschiedenen Nuancen dieselbe Ma­laise wider, die Spark jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen blickte: Gamer auf cold turkey, vorzeitig gealterte Teenager, zwei, drei Ü30er dazwischen, die eine Verzweif­lung ausstrahlten wie Slumbewohner in einem Vierte-Welt-Land. Die pflichtschuldige Neugier, mit der sie ihn angafften, mehr Ausdruck eines gebrochenen Genicks als alles andere, ging ihm auf die Nerven. Besonders unangenehm war der bohrende Blick des kleinen, nervösen Typen, der sich vorhin als Chephren vorgestellt hatte. Der Name eines Pharaos, wie witzig. Er wirkte tatsächlich etwas orientalisch: schwarze Haarstoppeln, braune, dunkel unterlaufene Augen, ein schmales Gesicht mit einem noch schmaleren, schiefen Kinn, das so aussah, als sei es von beiden Seiten mit einem Vorschlaghammer bearbeitet worden. Er trug an der Schläfe ein HUD im Design eines ziselierten Schmuckstücks.

Deaktiviert, ohne Netzzugriff, das daumengroße Statusdisplay dunkel, nutzlos wie bei allen hier. Das Schandmal der Ausgestoßenen.

„Du bist heute das erste Mal bei uns“, fuhr Martin fort. „Erzähl uns doch bitte, wie es dazu gekommen ist.“

„Ich bin jedenfalls nicht freiwillig hier“, sagte Spark. „Das Gericht hat mir die Therapie zur Auf­lage gemacht. Wenn ich jemals wieder einen Account bekommen will, bleibt mir nichts anderes übrig.“

„Weswegen bist du verurteilt worden?“

„Ein paar Einbrüche und Konto-Manipulationen. Ein paar Cracks hier und da. Nichts Weltbewegendes. Die Strafe ist völlig überzogen. Ich wollte nur meine Verluste ausgleichen.“

„Nein, so darfst du das nicht sehen“, meldete sich ein Mädchen zu Wort. Es war eins dieser kläglichen, verweinten Geschöpfe, das sein Leid kultivierte wie eine erhabene Gesinnung und in einem so winseligen Ton sprachen, dass man fürchtete, es könnte jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Der materielle Schaden, den du angerichtet hast, ist zweitrangig. Da zählt kein mehr oder weniger. Das Entscheidende ist, dass du verantwortungslos gehandelt hast, dass dir die Kontrolle über dein Leben entglitten ist. Deswe­gen bist du hier.“

„Schön auswendig gelernt“, blaffte Spark er die junge Frau an, und sie zuckte zusammen wie unter einem Stromschlag. „Wer bist du denn? Schau dich doch mal an. Du wärst selber lieber heute als morgen wieder dabei.“

Martin hob beschwichtigend eine Hand. „So wollen wir gar nicht erst anfangen, Spark“, sagte er, und sein Ton wurde eine Spur entschiedener. „Wir können alle verstehen, dass du gereizt bist, aber wir haben unsere Regeln hier, und die wichtigste lautet: gegenseitiger Respekt. Betrachte die heutige Sitzung als eine Gelegenheit, dich mit allem vertraut zu machen. Es liegt in deinem eigenen Interesse. Du weißt doch, welche langfristigen Folgen es für dich hätte, wenn wir dich auch hier ausschließen müssten.“

Die Warnung war unmissverständlich, auch wenn sie nicht wie eine Warnung klang. Spark musste zugeben, dass Martins zur Schau getragenes Wohlwollen, seine penetrante Gutmütigkeit eine einlullende Wirkung hatten. Einlullend wie die freundlichen Pastellfarben, die dezente Beleuchtung und angenehme Klimatisierung des kleinen Therapie­saals, eine Insel der Behaglichkeit im nackten, grauen, achtgeschossigen Korridor-Labyrinth der Bezirksadministration. Ein naiveres Gemüt als Spark hätte glauben können, dass man es hier wirklich nur gut mit den Ausgestoßenen meinte.

„Tut mir leid“, sagte er, krallte für einen Moment beide Hände, die auf seinen Oberschenkeln lagen, in das fast taube Fleisch und ließ den Kopf sinken. „Ich komm schon zurecht.“ Und im Flüsterton, nur zu sich selbst: „Ich bin immer irgendwie zurechtge­kommen.“

***

Man hatte ihn in einer Koje im nördlichen Küsten-Sprawl untergebracht, einer Wabe von kaum vier Metern Durchmesser hoch oben in einem der langgezogenen, terrassenartig angelegten Apartmentkomplexe für Dropouts, die die sechzehn Hektar große Be­zirksparzelle umschlossen wie die Wände eines Kessels; auf der einen Seite eine Schie­betür, gegenüber ein getöntes, deckenhohes Fenster, dazwischen eine verschlissene, schmutzig bezogene Schaumstoffliege, rechts eine winzige Nasszelle, auf beiden Seiten je zwei Spinde, als einzige Unterhaltung ein 2D-Monitor, nicht einmal ein Holo-Dis­play, mit nur einem gebührenfreien News-Kanal in der Decoder-Konsole und einer begrenzten Auswahl alter Filme auf der Festplatte.

In den ersten Nächten hatte er keinen Schlaf gefunden. Solang er denken konnte, hatten seine Innenohr-Implantate mit vierundzwanzigstündigen Musik-Streams, Voice-Mails und von Sounddesignern entworfenen Ambient-Geräuschen den Lärm übertönt, der sich nun überlaut und schmerzhaft in seine Gehörgänge bohrte: das unaufhörliche Rauschen des Verkehrs auf den Stadtautobahnen, das Wummern der elektrischen Anlagen, das Sausen und Pfeifen in den Fernwärmeleitungen, Schritte, Poltern, Stimmen und mitunter auch Schreie aus den Nachbarkojen und dem Korridor. Er hatte sich stundenlang die Hände auf die Ohren gepresst, seinen Kopf unter Stapeln von Decken und Kissen begraben, nur um Ruhe zu finden, und war fast verrückt geworden, weil er dann sogar sein Blut rauschen und sein Herz pochen hörte. Die zwei Wochen zwischen Pro­zessende und Therapiebeginn waren kaum ausreichend bemessen, um sich daran zu ge­wöhnen.

Der Blick aus dem Fenster war mindestens ebenso deprimierend. Ohne eigenen Account, mit inaktivem HUD sah er die Stadt zum ersten Mal so, wie sie im Zeitalter der Augmented-Reality-Netze niemand mehr sehen sollte: verhüllt vom schweflig-gelben Glühen des Haze, einer giftigen, radioaktiven Smogwolke, die ganz Europa und Nord­afrika bedeckte, die Straßenschluchten durchfunzelt von einer monochromen Notbe­leuchtung, die Fassaden schmutzig und ölig beschlagen. Er hätte Morde begangen, nur um für fünf Minuten wieder eine der dunklen Gestalten sein zu können, die dort unten ihrer Wege gingen oder in Automaten-Taxis umherfuhren; um wieder das Kaleidoskop leuchtender Farben zu sehen, mit dem seine Retina-Displays fünfundzwanzig Jahre lang die graue, schmucklose Wirklichkeit überlagert hatten: haushohe Werbetafeln, animierte Logos, wohin das Auge blickte, Info-Banner, Verkehrszeichen, WebTV-Schirme, PoS-Displays. Er konnte es kaum ertragen, an sich selbst herunterzuschauen und nicht mehr die vollendete Symmetrie des schlanken, muskulösen Kunstkörpers zu sehen, an dem er so lang gearbeitet hatte, sondern einen unästhetischen, untersetzten, in verschlissene Jeans und ein graues Hemd gehüllten Leib, mit dem er sich auch zwei Monate nach dem Zwangs-Logout noch nicht identifizieren konnte.

Am schlimmsten war, dass das Spiel ohne ihn weiterging.

Mit jedem Tag, den er ohne Netzzugang leben musste, wurden seine Erinnerungen an das Spiel blasser, verschwommener und irrealer, gewannen die rasanten, harten Rhythmen von Konfrontation und Kampf, Sieg und Rückzug, alten Fehden und neuen Allian­zen, die sein Leben bestimmt hatten, den Charakter eines fernen Traums, einer uner­reichbar gewordenen Verheißung, der er sich als unwürdig erwiesen hatte. Er war einer der Besten gewesen, hatte sich vom Tag seiner Volljährigkeit an zügig hochgearbeitet, von banalen Doom- und Quake-Emulationen, die nur auf freigegebenen Hinterhöfen und in alten Fabrikhallen gespielt werden durften, bis zu anspruchsvollen und kostspie­ligen Adventure- und Rollenspiel-Kanälen, die für ihre User die Standard-AR-Feeds ganzer Stadtbezirke mit alternativen Audio- und Video-Designs überlagerten, sie in Dschungel, mittelalterliche Städte, Fantasy-Welten, ferne Planeten oder was auch immer verwandelten. Hier konnte man die höchsten Prämien einfahren und sich als Werbefigur für Kampagnen der Netzbetreiber empfehlen. Hier konnte man, mit dem nötigen Klein­geld für die entsprechenden Neuro-Plugins, so stark, agil und reaktionsschnell sein, wie man wollte. Er war weit gekommen, hatte es im Südwest-Sprawl bis zum lokalen Idol der Gamer-Gemeinde geschafft und kurz vor dem Aufstieg in die Top-Level gestanden. Damit war es vorbei, seit er vor seinem letzten Duell sein ganzes Guthaben verwettet und alles verloren hatte. Selbst mit Hardware-Deals und Betrügereien hatte er nicht schnell genug Geld heranschaffen können, um sein Minus auszugleichen.

Er hatte zu viel riskiert. Er war zu selbstsicher gewesen. Am Ende hatte er vergessen, was kein guter Gamer je vergessen sollte: dass über ihnen allen ein Damokles-Schwert schwebte, der Ausschluss aus den Netzen, der Rückfall in eine prä-augmentierte Welt, die seine Generation nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kannte.

Und so stand er nun Nacht für Nacht am Fenster und starrte in eine finster und hässlich gewordene Welt hinaus. So schleppte er seinen massigen, unwilligen Körper, fast gefühllos nach der jahrelangen, permanenten Übersteuerung seiner Neuro-Interfaces, zweimal täglich zur Essensausgabe der Wohlfahrt, kam regelmäßig seinen Meldeauf­lagen nach und marschierte, um sein bisschen Taschengeld nicht für U-Bahn oder E-Cabs zu vergeuden, den langen Weg zur nächsten Einsatzzentrale der Bullen, wo er wie Dreck behandelt wurde. Er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass seine einzige Chance auf eine Rückkehr darin bestand, pro Woche sechs Stunden unter den jämmerlichen Losern in Martins Therapiestunden durchzustehen und sich dabei auch noch, wie Martin es ausdrückte, „konstruktiv einzubringen“. Er hatte nie in einem Raster gelebt, er hasste alles Regelmäßige und Vorhersehbare, aber das war noch das geringste Problem. Es war kaum auszudenken, was noch von seinem Witz, seiner Auffas­sungsgabe, seinem wendigen Verstand übrig sein würde, sollte er wirklich gezwungen sein, die gesamte Bewährungszeit so zu leben. Es musste eine Abkürzung, einen Ausweg geben. Es gab immer einen Ausweg. Vielleicht tat er am besten daran, seine Situation als ein eigenes Spiel zu betrachten, auf dem höchsten und schwierigsten Level, den er je in Angriff genommen hatte.

***

Spark verließ immer als Letzter den Saal. Nach zwei Stunden einschläfernd stockend erzählter Lebensgeschichten, nach gebetsmühlenartig vorgetragenen Versicherungen, endlich Einsicht in die Ursachen der Sucht gewonnen, eine neue Perspektive fürs eigene Leben gefunden zu haben, zwei Stunden ohne ein einziges ehrliches Wort, strahlten die Patienten, die träge und ungelenk in den Korridor hinausschlurften, Ermattung und Überdruss wie eine zäh quellende Smogwolke aus. Spark wartete, bis ihre lustlosen Gespräche im Korridor verstummt waren, bis Martin seine Sachen gepackt und sich mit einem Nicken verabschiedet, bis sich auch Chephren hinausgeschlichen hatte, der wie Spark langsam machte, immer noch eine Weile in der Tür herumlungerte und herübersah, mit einer Spur Begehrlichkeit im Blick wie ein Perverser.

Spark war vermutlich der Einzige im Saal, der Martins Rhetorik durchschaute. Martin spielte seine Rolle gut, variierte das begrenzte Repertoire seiner Phrasen, Erwiderungen und Empfehlungen so einfallsreich, dass man schon mit wachem Verstand zuhören muss­te, um das Muster zu erkennen: das ständige Gerede in Begriffen von Gemeinschaft und Verantwortung, das Umdeuten von Schmerz und Verlust in gewinnbringende Erfahrung­en, das Abwiegeln von Wut und Verzweiflung als Krankheitssymptome, die Verweise auf eine solide, greifbare Wirklichkeit, an die er, der selbst keine fünf Minuten auf seine AR-Feeds verzichten wollte, kaum ehrlich glauben konnte. Er gab sich aufgeschlossen und einfühlsam, blieb selbst in den raren Momenten, wenn einem der Teilnehmer die Nerven durchgingen und das Gespräch etwas turbulenter wurde, ruhig und konzentriert, aber hinter der Fassade fühlte Spark nichts als kaltes Desinteresse. Martin war das Wohlergehen seiner Patienten gleichgültig.

Spark fragte sich, wer an diesen Therapiemaßnahmen verdiente. Es verdiente immer irgendwer. Es gab nichts umsonst auf dieser Welt. Die Administration war korrupt ohne Ende. Es musste einen Grund haben, warum man straffällig gewordene Gamer nicht in Verwahranstalten verrotten ließ, sondern Investitionen in sie tätigte, die sie nicht einmal als vorbildliche, resozialisierte Normalbürger würden rechtfertigen können. Es musste einen Grund geben, warum Martin, augenscheinlich ein erfahrener, abgebrühter Profi, sich als kleiner Therapiefurz aus dem schwindenden Sozialetat bealmosen ließ, statt sich in einer Gated Community der Polit- und Showprominenz eine goldene Nase mit der Behandlung neurotischer Ehefrauen zu verdienen, die nach kosmetischer Chirurgie und geriatrischen Gentherapien mindestens so süchtig waren wie ein Gamer nach seinem Stoff, oder mit Gefälligkeitsgutachten für überforderte Managersprösslinge, die in ihrer knapp bemessenen Freizeit in Einkaufszentren Amok liefen.

Nach der fünften Sitzung, als er in einem Rail-Cab die zweihundert Meter hoch geschwungene Fassade bis zum Dachlevel emporfuhr, den Blick auf die nackten Schenkel eines Mädchens auf dem Platz gegenüber gerichtet, und seine Gedanken in immer engeren Windungen um die Frage kreisten, warum sich bei diesem Anblick unter seiner Gürtellinie nichts rührte, merkte er, dass sich jemand neben ihn setzte, eine kleine und leichte Person offenbar. Er drehte den Kopf, sah über einen ungleichmäßig gestutzten Rasen dunkler Haarstoppeln hinweg und erkannte dann erst, das Chephren neben ihm saß.

Er reichte Spark gerade bis zu den Schultern und sah ihn aus denselben weit aufgerissenen Glubschaugen, mit derselben aufdringlichen Neugier an wie mitunter fünf bis zehn Minuten am Stück während der Therapiesitzungen. Spark hatte schon überlegt, ihm in einem dunklen Winkel des Administrationsgebäudes einen Denkzettel in Form einer kleinen Abreibung verpassen, aber er wollte die geringe Chance auf Rückkehr, die er hatte, nicht wegen eines solchen Idioten aufs Spiel setzen. Außerdem zweifelte er, ob er, trotz abgespeckter fünf Kilo, körperlich in der Verfassung war, um auch nur einen Hänf­ling wie Chephren zu beeindrucken.

„Was machst du hier?“, fragte Spark. „Wohnst du nicht unten auf der anderen Seite?“

„Ich habe dich beobachtet und bin dir nachgegangen“, sagte Chephren. Seine Stimme klang weibisch dünn und hatte einen vage asiatischen Akzent. Spark hatte Mühe, ihn durch das entnervende Getöse der Triebwerke zu verstehen. „Wir sollten uns unterhalten.“

„Ich wüsste nicht, was wir zu bereden hätten.“

„Es kotzt dich auch an, nicht wahr?“, fragte Chephren und nickte wie ein Debiler. „Du musst dich zusammenreißen, um die Sitzungen durchzustehen, stimmt’s? Du würdest ihm am liebsten den Hals umdrehen.“

„Das geht uns wohl allen so.“

Chephren wedelte fahrig mit einer Hand. „Vergiss die anderen. Sie sind jenseits von Gut und Böse. Sie werden nie mehr spielen. Sie glauben nicht mehr an sich. Aber du bist anders, das habe ich gleich gemerkt. Ich habe lange auf jemanden wie dich gewartet.“

Sein gieriger Blick war Spark unangenehm wie ein Griff an die Weichteile. Er wandte sich ab und sagte: „Wenn du auf eine enge Männerfreundschaft hoffst, muss ich dich enttäuschen.“

Das Rail-Cab kam mit einem Ruck zum Stehen. Das Mädchen gegenüber stand auf, schritt die Stufen zwischen den Sitzbänken hinauf und stieg am Kopfende aus. Sie war eigentlich hübsch, etwa einssechzig groß, mit kinnlangem schwarzen Haar, schmalen Hüften und kleinen, festen Brüsten unter dem eng anliegenden T-Shirt. Aber ohne AR-Enhancements war sie so wie alles, was Spark seit seinem Zwangs-Logout zu sehen bekommen hatte: fade, schmucklos und unvollkommen. Er hätte gern gewusst, wie sie sich in den AR-Netzen präsentierte, wie sie den leicht schiefen Mund, die zu dünnen Beine, den etwas unrhythmischen Gang kaschierte. Viele kleine Defekte dieser Art, bei ihr und zehntausend anderen grauen, unscheinbaren Gestalten draußen in den weitläufigen Traf­fic Nodes, den düsteren Korridoren und den farblosen Shopping-Galerien, summierten sich zu einem Hintergrundrauschen von Hässlichkeit und Verfall.

„Ach, Quatsch.“ Das Rail-Cab sauste weiter. Chephren wurde für einen Moment gegen Spark gedrückt und grinste ihn mit gebleckten Zähnen an. „Ich hab was viel Besseres. Sag mir, wie lang bist du auf Stand-by?“

„Zwei Jahre“, sagte Spark. „Falls Martin nicht meine Prognose korrigiert oder sonst­ was Unerwartetes passiert.“

„Das hältst du nicht durch.“ Chephren lachte meckernd. „Das hält keiner von uns durch. Glaub mir, ich hab schon viele kommen und gehen sehen. Ich bin nicht das erste Mal in Martins Gruppe.“

„Was bleibt mir anderes übrig?“

Chephren forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu ihm herabzubeugen, und Spark kam widerwillig der Aufforderung nach. „Hast du schon einmal von Piratennetzwerken gehört?“, flüsterte Chephren ihm ins Ohr. „Wir brauchen die Megaprovider nicht. Wir können das selber. Wir können unser eigenes Spiel machen.“

„Ach, Unfug“, schnaubte Spark. „Daraus ist doch noch nie etwas geworden. Hast du eine Vorstellung, welche Infrastruktur dafür erforderlich wäre? Wie willst du das machen, ohne Geld, ohne Satelliten-Backbones, ohne Lizenzen?“

„Aber überleg doch mal. Jeder von uns trägt ein leistungsfähiges Stück Hardware mit sich herum.“

„Ja, den Quatsch habe ich auch schon gehört. So viel ich weiß, wurden tatsächlich schon kleine, lokale Peer-to-Peer-Netzwerke mit gepatchten HUDs realisiert, aber das war’s dann auch. Die HUD-Prozessoren taugen fürs Frontend und zum Abwickeln des Netzwerkverkehrs, aber für komplexes Overlay-Rendering sind sie einfach zu schwach. Das wäre wie ein Rückfall aufs Niveau primitiver VR-Games.“

„Das meine ich nicht.“ Chephren tippte sich mit einem krummen Finger an die Stirn. „Hier, unter unserer Schädeldecke, davon rede ich. Ein massiv-paralleler Multicore-Prozessor mit einer geschätzten Rechenleistung von hundert Petaflop-Äquivalent. Jede Menge ungenutzter Kapazitäten. Wenn wir unseren Wahrnehmungsapparat anzapfen, haben wir alles, was wir brauchen. Die Welt, wie wir sie sehen, ist sowieso in erster Linie eine Konstruktion unseres Gehirns. Schalten wir unsere Köpfe zusammen, und wir können unsere eigene Welt erschaffen. Raus aus dem ganzen Scheiß hier.“

Er kramte in seiner Jackentasche, holte eine kleine Plastiktüte hervor und hielt sie ge­gen die blinkenden Lichter, die entlang der Gleisstrecke vorbeirasten. Sie enthielt ein daumennagelgroßes, rechteckiges Gebilde aus transparentem Kunststoff mit goldglänzenden Kontaktstiften, in dem eine zähe, phosphoreszierende Flüssigkeit schlingerte. Vermutlich ein Biochip-Plugin, das Spark sich bestimmt nicht in den freien Slot seines HUDs stecken würde. Wenn man ihn mit einem Biohack erwischte, wäre er endgültig erledigt.

„Wir haben etwas ganz Neues angefangen“, raunte Chephren ihm zu. „Du kannst dabei sein. Du hast es drauf. Wir nennen es das Netz der Geächteten. Es ist ganz einfach, ein Patch für die Firmware deines HUDs, zwei kleine Biochip-Implantate für die Schläfen­lappen, und schon bist du drin. Ich mache das Angebot nicht jedem Dahergelaufenen.“

Das Heulen, Zischen und Pfeifen des Rail-Cabs steigerte sich zu einem dissonanten Crescendo, als es das letzte und steilste Streckenstück hinauf zur Dachgeschoss-Galerie beschleunigte. Spark ging ein Schmerz wie ein Schwertstich durch den Kopf. Ohne AR-Overlays und Dämpfung wurde der Lärm der Welt bisweilen so aufdringlich, als ob ihm jemand einen Bohrer an den Schädel setzte.

Nach einer Zeit, die er nicht abschätzen konnte, erschütterte ein heftiger Stoß das Fahrzeug und holte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Die Luftdruckbremsen schnauften wie ein Riese, der seinen letzten Atemzug tat, und an beiden Enden der Kabine signalisierten blinkende Rotlichter das Erreichen der Endstation. Hinter den Absperrgittern des Bahnsteigs sah Spark, während das Rail-Cab nachpendelte, die Mündung eines Tunnels wanken, der sich nach vielleicht zwanzig Schritten sternförmig verzweigte, sein Ein­gang in ein Labyrinth aus Korridoren zwischen tausenden Wohnkojen wie seiner eige­nen, den billigsten Notunterkünften in der Bezirksparzelle.

Ganz oben bedeutete hier: ganz unten.

Spark schüttelte sich und sagte, ohne Chephren noch einmal anzusehen: „Kein Interesse. Wir sehen uns am Montag.“

Bevor er aufstand, fasste Chephren seine Rechte, drückte ihm die Plastiktüte in die Hand und schloss seine Finger um den winzigen Gegenstand. „Probier’s aus“, sagte er. „Du wirst es brauchen. Du hast keine Ahnung, wie hart der Entzug wird.“

„Was kann mir ein Piratennetzwerk schon bieten?“, fragte Spark und riss seine Hand los. „Einen billigen Ersatz, eine Prothese, ein ärmliches Trostpflaster.“

„Nein, das beste Spiel überhaupt“, erwiderte Chephren. „Viel besser als die kommerziellen. Du kannst das Netz mit aufbauen. Du kannst eigene Domains entwickeln. Wenn du gut bist, kannst du zum Herrn des Netzes aufsteigen.“ Er stieß ihn mit dem Ellbogen an. Spark ging auf Abstand und wandte sich der nächsten aufgleitenden Schiebetür zu. „Und wer weiß, wenn wir groß genug sind, können wir das Establishment unterwan­dern. Wir können die anderen Netze verschlingen. Wir können uns dafür rächen, dass man uns ausgeschlossen hat.“

***

Eine besondere Qual waren die Flashbacks. Es konnte jederzeit und überall passieren. Von einer Sekunde zur anderen, ohne jede Vorwarnung, schaltete sein Gehirn in einen früheren Zustand zurück, der sich ihm, durch Jahrzehnte unablässiger Reizzufuhr und neurochemischer Stimulation, so tief eingeprägt hatte wie ein Pawlowscher Reflex. Seine Sinne blieben davon unbeeinflusst. Die Welt blieb so laut und hässlich wie zuvor. An seiner Umgebung, ins verschwommene, blassblaue Schimmern der Wartungsbeleuch­tung getaucht, änderte sich nichts. Nur das Gefühl war plötzlich wieder da: das Gefühl, in ein Meer aus Farben, Bewegung, Klängen und Stimmen einzutauchen; das Gefühl, auf einer leichteren, höheren Realitätsebene dahinzuschreiten, allen materiellen und kör­perlichen Beschwernissen entrückt; das Gefühl, an die Welt angebunden zu sein, in ein Netz aus Nachrichten, Impulsen und Informationen hinausgreifen zu können, das den ganzen Globus umspannte. Mehr noch: ein Gefühl von Macht und Energie, das ihn bis in jede Faser seines Daseins durchströmte, eine überirdische Klarheit des Denkens und eine Entschlossenheit der Absichten, als ob er durch einen puren Willensakt geschehen lassen konnte, was immer ihm in den Sinn kam, als ob die ganze Welt ihm zu Füßen lag, bereit, sich seinen Plänen zu fügen. Für ein paar Minuten fühlte er sich wieder wie der Meister der Strategie, Manipulation und Konfrontation, der er einmal gewesen war, glaubte er jeden einzelnen der zahllosen Menschen, die ihn wie eine willfährige Masse umströmten, an innerer und äußerer Größe zu überragen. Für ein paar Minuten spürte er wieder das alte Fieber, konnte es nicht abwarten, sich neuen Rätseln, Hindernissen, Herausforderungen zu stellen, an neuen Gegnern zu wachsen. Er stand kurz davor, wie­der eines der Zauberworte auszusprechen, das ihn in einen neuen Game-Level einloggen und ein Tor vor ihm öffnen würde, das die Welt des 21. Jahrhunderts in ein Phanta­siereich mit ungeahnten Verlockungen und Gefahren verwandelte.

Dann war alles ebenso plötzlich wieder vorbei, und er stützte in einen Abgrund, den nur mehr ein Echo der vertrauten Ekstase durchgeisterte. Eine erstickende Schwere drückte ihn nieder, und alle Kraft und Klarheit verloren sich in einem tauben, schwammigen Leib, der aufzuquellen und mit den rauen, harten Dingen zu verschmelzen schien, an die er stieß. Ein schmerzhafter Druck legte sich auf seine Ohren. Musik, helle Stimmen und die Geräuschkulisse lebhaften Treibens in virtuellen Alleen und Boule­vards verhallten in einem dumpfen Grollen, Schaben und Kratzen, wie in einer Halle, in der riesige Maschinen vor sich hin stampften. Schale bis faulige Geschmacksempfin­dungen strömten ihm durch Mund und Rachen, als ob eine ganze Welt ihm ihren Dreck in den Schädel zu pressen versuchte.

Jeder Flashback riss Löcher in sein Gedächtnis. Er fand sich an Straßenecken, auf Rolltreppen, in Imbissbuden oder Automatentaxis wieder, an Mauern heruntergerutscht, über Tischen zusammengesunken, Passanten vor die Füße gestolpert, und wusste nicht mehr, wo er sich befand, wie spät es war, welchen banalen, alltäglichen Kram er gerade erledigen wollte. Nach jedem solchen Rückfall schnürte eine nackte, kreatürliche Angst ihm den Brustkorb zu, während ihm langsam seine Situation wieder bewusst wurde und das, was ihm in den ersten Momenten wie ein düsterer, klaustrophobischer Alptraum erscheinen wollte, die kalte, abweisende Profanität einer entzauberten Wirklichkeit annahm.

Den Ausschlag gab schließlich ein Flashback, der damit endete, dass Spark, wie die Hauptfigur eines wirr geschnittenen Films, der in seinem Kopf ablief, aus dem Nichts in einer Menschenschlange landete, die vor einer Glastheke mit matt beleuchteter Snack-Auslage und leeren, grauen Menütafeln anstand. Als sei er aus mehreren Metern Höhe fallen gelassen worden, glaubte er, hart auf glitschigen Betonfliesen aufzuschlagen. Die Beine knickten ihm ein, er stolperte gegen seine Vorderleute, prallte zurück vom muffigen Geruch regenfeuchter Kleidung und der schweißigen, säuerlichen Aura anderer Menschen, die ihm seit seinem Zwangs-Logout besonders verhasst geworden war. Er drehte den Kopf hin und her, sah auf der einen Seite eine Brüstung, hinter der die ge­schwungene, mit mosaikartigen Fenstern besetzte Fassade einer Luxus-Shopping-Mall aufragte, auf der anderen Seite eine Reihe düsterer Schaufenster. Ohne AR-Adverti­sings, animierte Info-Displays und optische Effekte wirkten die ausgestellten Geräte, Kleidungsstücke und Sportartikel, die Spark in Umrissen erkennen konnte, wie durch­einander geworfener Müll.

Wenn er eines an seiner Situation zu schätzen gelernt hatte, war es der Umstand, dass sein reizloses, unauffälliges Äußeres ihm erlaubte unterzutauchen, übersehen zu werden, sich frei zu bewegen, ohne dass ihm jemand mehr als einen Sekundenbruchteil Aufmerk­samkeit widmete oder seinen Status als Ausgestoßener zur Kenntnis nahm. Dies wurde ihm nun plötzlich genommen, während sich für einige Sekunden die Welt um ihn dreh­te, er mit fuchtelnden Armen um die eigene Achse taumelte, gegen Leute stieß, die vor ihm auseinander wichen, und im Mittelpunkt eines kleinen, flüchtigen Herds von Irrita­tion und Unruhe stand. Er sah die blinkenden LEDs und Displays an den HUDs der um­stehenden Leute, verwischt zu aufblitzenden Klingen, die auf ihn einstachen, sah die Verärgerung in entrückten Gesichtern, die wie aus Kilometern Höhe auf ihn herabblick­ten, unversehens gezwungen, etwas so Hässliches, Kleines, Degeneriertes wie ihn zur Kenntnis zu nehmen. Er fühlte sich entblößt wie noch nie, wie eine Kuriosität in einem biologischen Labor den Blicken Neugieriger und Angewiderter ausgesetzt, die gerade­wegs in die Abgründe seiner wunden, aufgerissenen, verzweifelten Psyche hinabsehen konnten.

Er hob die Arme, wich aus der Schlange zurück, und als er wieder auf halbwegs sicheren Beinen stand, warf er sich herum und lief weg, ohne darauf zu achten, wohin. Ein Gefühl von Erniedrigung und Ausgrenzung, das körperlich spürbar war, benebelte ihm das Gehirn, und er merkte erst mit Verzögerung, dass er in einer schmutzigen, von Nie­selregen durchwehten Gasse, inmitten von Abfalltonnen und nassen Pappkartons, an einer Mauer herabgesunken war, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt, und zu weinen begonnen hatte. Einige Minuten lang sah er sich selbst, halb bestürzt, halb befremdet, dabei zu, wie aus ihm Gefühle herausbrachen, die er bereits betäubt und verschüttet ge­glaubt hatte. Er hörte sich schreien, winseln, unverständliche Flüche ausstoßen, und fast noch lauter war die anschließende Ruhe, nur erfüllt vom Plätschern des Regens und dem Wummern einer Heizungsanlage, während sich die Teile seines zersprengten Ichs wie­der zusammenfügten, er wieder zu einer kümmerlichen, kraftlosen Gestalt schrumpfte, die keiner der Passanten drüben an der Ecke der Hauptstraße bemerkte.

In diesem Moment erinnerte er sich an Chephrens Angebot.

Er kramte in seinen Klamotten und fand in einer Schenkeltasche der Cargohose das Plastiktütchen wieder, das er, obwohl anfangs versucht, es in der nächsten Abfallton­ne auf dem Bahnsteig zu entsorgen, in einem Moment der Unentschlossenheit doch ein­gesteckt hatte. Die Biochips, inzwischen leicht verdickt wie halb geronnenes Eiweiß, sah­en nicht mehr so frisch aus. Das kräftige chemische Leuchten war zu einem orangefar­benen Glimmen verblasst. Spark beugte sich vor, hielt die Cartridge gegen das bläuliche Licht einer Lampe über einem Lagertor und überlegte hin und her.

Was habe ich eigentlich noch zu verlieren?, dachte er. Im Grunde hatte er von Anfang an nie ernsthaft daran geglaubt, dass ihm die Therapie etwas nutzen würde, dass ihm am Ende der Bewährungszeit die Chance einer Rehabilitation winkte. Die Auflagen, die ihm das Gericht gemacht hatte, waren nichts als eine Posse, deren Sinn er bloß noch nicht durchschaut hatte. Was konnte schon passieren? Vielleicht war etwas dran an der Geschichte. Vielleicht hatte Chephren ihm auch nur einen üblen Biohack angedreht, der ihm endgültig den Verstand rauben würde. Aber wie viel schlimmer konnte es überhaupt noch werden?

Er riss die Tüte auf, hielt die Cartridge zwischen Daumen und Zeigefinger. Er horchte in sich hinein, versuchte einen Anhaltspunkt zu finden, wie viel er noch zu riskieren oder zu opfern bereit war, aber tief in seinem Innern hatte sich eine erstickende Hoffnungslo­sigkeit breit gemacht. Er wusste selbst nicht, warum er die Hand hob und, nach einem kurzen, gedankenlosen Zögern, die Cartridge in den freien Plugin-Slot seines HUDs steckte.

***

In den ersten Tagen bemerkte er keine Veränderung. Er quälte sich durch seine Tage, erwachte stets wie gerädert von kontrastreichen Träumen, hin- und hergerissen zwischen Erinnerungen an prachtvolle, bunte, überwältigende AR-Szenarien und Rückstürzen in die Sinnleere des Entzugs, sprach nach einem geschmacklosen Frühstück aus Sojakeksen und Milchersatz bei seinem Fallmanager in einem entlegenen Winkel des Administrationsgebäudes vor, um seine Essensmarken abzuholen und seine Sozial-Kreditkarte neu aufladen zu lassen, latschte in dem Gefühl, er könne jeden Moment vor Erschöp­fung zusammenbrechen, zur nächsten Polizeiwache in einem Gewerbegebiet im Westen des Bezirks, wo hinter Rolltoren und fensterlosen Mauern automatisierte Fertigungsan­lagen Tag und Nacht unter rhythmischem Stampfen, Zischen und Rumpeln Konsum­güter produzierten und er gefühlte Ewigkeiten in langen Reihen von Schlägern, Freaks und Kleinkriminellen anstehen musste, um anschließend wie zum Hohn von einem Schreibtischbeamten zum nächsten verwiesen zu werden, versuchte dann zwei Stunden lang, sich nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, wie unendlich ihn die leidenschafts­losen Bekenntnisse seiner Mitpatienten in Martins Therapiegruppe anödeten, oder irrte lange Nachmittage durch die dunkle, kahle Stadt auf der Suche nach Ablenkung, die er nie fand, allenfalls einmal für Minuten aus seiner Lethargie gerissen, wenn es ihn in den Norden der Parzelle verschlug und er in der Luft, die zwischen unüberwindlichen Häuser­zeilen hindurchdrang, einen Hauch von Salz schmeckte und ein Rauschen zu hören glaubte, fern und mächtig wie die Verheißung einer Freiheit, die für ihn unerreichbar war. An den Abenden hockte er, ein Sixpack Bier in Reichweite, vor dem Monitor in seiner Koje, zappte zwischen WebTV-Kanälen hin und her, deren Stundentarife ihm keine größeren Löcher in die Kasse rissen, fand aber keinen Sinn darin, sich über die Vorgänge in einer Welt zu informieren, die ihn nie interessiert hatte, oder seine tauben Gehirnwindungen mit Shopping-Shows und recyceltem Serienmüll aus Asien und La­teinamerika vollzustopfen. Die größte Überwindung jedes Tages bestand darin, tief in der Nacht endlich das Licht auszuschalten und sich dem dumpfen Schmerz in seinem Innern zu stellen, einer seelischen Fäulnis und Verwesung, die keinem Gefühl oder Ge­danken Raum ließ und deren laut tönende Leere ihn mitunter bis in die Morgenstunden wachhielt.

Sparks einziges nennenswerte Zugeständnis an die Suchttherapie bestand darin, dass er die Litaneien seiner Leidensgenossen und Martins Reaktionen aufmerksam genug verfolgte, um sich ein Sortiment von Phrasen, Selbstbezichtigungen, Entblößungen und Beteuerungen abzuhören, die dem Therapeuten besonders genehm schienen und geeignet waren, sein erkennbares anfängliches Misstrauen gegen jeden Neuling in der Gruppe zu zerstreuen. Es kam gut an, wenn man ausgiebig über die Belastungen sprach, die man Angehörigen, Partnern und Freunden zugemutet hatte, in möglichst exzessiven Beispielen die eigene Selbstsucht schilderte, auch Peinliches und Unappetitliches nicht ausließ, wenn es um die körperlichen Folgen der Neurostimulationen ging, die häufig vegetative Funktionen wie Verdauung und Sekretierung beeinträchtigten. Es machte das Ringen um Besserung offenbar glaubhafter, wenn man gleichzeitig über seine Selbstzweifel, Mutlosigkeit und den Mangel an Willenskraft sprach. Spark gelang es, indem er seine eigenen Redebeiträge mit solchen Versatzstücken langsam ausbaute, sich ein wenig aus dem Fokus von Martins Aufmerksamkeit zu rücken. Seit ihrem Gespräch im Rail-Cab verhielt sich auch Chephren auffällig zurückhaltend, ging ihm aus dem Weg, grüßte nicht, und von gelegentlichen flüchtigen Seitenblicken abgesehen, sah er wäh­rend der Sitzungen geradezu demonstrativ an ihm vorbei.

Das erste Anzeichen dafür, dass Chephrens Plugin etwas bewirkte, bestand in dem vagen, sich langsam intensivierenden Gefühl, dass sich knapp außerhalb der Reichweite seiner Sinne etwas abspielte, dass etwas Dünnes, Schattenhaftes auf ihn zukam, das allmählich seine Stimmungen und Wahrnehmungen färbte. Es erinnerte ihn an das Gefühl, das man manchmal hat, wenn plötzlich jemand hinter einem steht und man nicht sagen kann, woran man es gemerkt hat, wenn man unwillkürlich den Kopf einzieht und Se­kundenbruchteile später tatsächlich etwas auf einen herabfällt, wenn man einen seitlich­en Zug spürt, aus derselben Richtung, aus der sich eine noch unerkannte Gefahr nähert. Ohne dass etwas Sichtbares mit seiner Umgebung vor sich ging, hatte Spark den Ein­druck, dass die Welt sich in zwei Fraktionen auftrennte, dass neben der greifbaren Reali­tät auf einmal eine feine, substanzlose Gegenwirklichkeit existierte, ganz nah bei, um und in ihm, doch noch um eine Wellenlänge von den Schwingungen seines Nerven­systems getrennt. Während seiner ziellosen Streifzüge durch die Bezirksparzelle kam es vor, dass er kurze Aussetzer erlebte, ein sekundenlanges Abirren seiner Aufmerksamkeit auf eine andere, fremde Daseinsebene, und hinterher war er sich jedes Mal sicher, dass er etwas gesehen hatte, das doch nirgends aufzufinden war, wenn er sich verwirrt um­schaute, ein nebelhaftes Gebilde aus Licht und Farben, das so schnell verblasste wie ein Nachbild auf der Netzhaut. Mit der Zeit erkannte er, dass er die Erscheinungen durch bewusste Willensanstrengung herbeirufen und verstärken konnte.

Knapp zwei Wochen nach der Installation des Plugins hatte eine nervöse Unruhe die düstere Schwermut untergraben, die bis dahin seine Tage bestimmt hatte. Er fühlte ein rätselhaftes Sehnen, einen Drang nach etwas, das er nicht benennen konnte. Es war, als ob unentwegt aus weiter Ferne nach ihm gerufen wurde, kaum hörbar, doch in einem immer dringlicheren Ton; als ob ihn jemand innerlich anstieß, seinen Blick in eine Richtung zu lenken versuchte, die außerhalb des vertrauten dreidimensionalen Raums lag. Er entdeckte, dass er, wenn er sich nur genug konzentrierte und seine Umgebung leicht schielend, aus einem schiefen Blickwinkel betrachtete, geisterhafte Konturen und haar­feine Risse im Raum ausmachen konnte, als ob sich knapp unter der Oberfläche des Sichtbaren jenseitige Dinge abzeichneten. Er ertappte sich dabei, wie er mitten in alltäglichen Handlungen, beim Essen, bei Besorgungen, Behördengesprächen, dem Ausfüllen von Formularen und Anträgen, plötzlich innehielt und unwillkürlich aus sich heraustrat, das Hier und Jetzt beiseiteschob, weil sich ihm das Gefühl aufdrängte, dass etwas Ande­res, Wichtigeres seiner Aufmerksamkeit bedurfte – auch wenn er nicht sagen konnte, was es war.

Bald wurde seine Aufmerksamkeit immer stärker von scheinbar belanglosen Stellen in seiner Umgebung angezogen, der Kante eines Möbelstücks, der Nische in einer Gebäudefassade, der Ecke an einer Straßenkreuzung, einer umgekippten Abfalltonne, ein­em rostigen Laternenpfahl – je bedeutungsloser etwas in der diesseitigen Wirklichkeit war, umso wahrscheinlicher war es, dass es für Spark zum Nexus einer vibrierenden, an­ziehenden Energie wurde. Wenn er alles andere aus seinem Kopf verdrängte und seine ganze Konzentration auf eine solche Stelle richtete, konnte er aus dem Nichts Objekte auftauchen lassen, einfache geometrischer Formen erst, durchscheinende, lumineszie­rende Quader, Zylinder und Kugeln, die allmählich als Teile größerer, zusammenge­setzter Gebilde erkennbar wurden. Es waren keine Dinge, die Spark sehen oder greifen konnte. Die Art der Wahrnehmung war ihm völlig rätselhaft. Es war wie eine Identifi­kation mit Objekten, die sich zugleich innerhalb und außerhalb von ihm befanden, wie der Aufbau von Schnittstellen zu einer sublimen, feinstofflichen Welt, die er schon im­mer mit sich umhergetragen hatte.

Nach intensiven Beobachtungen und Experimenten, nachdem er angefangen hatte, seine Wahrnehmungen zu notieren und Skizzen der rätselhaften Gebilde, ihrer Positionen und Ausrichtungen anzufertigen, kam Spark zu dem Schluss, dass eine Stadt neben der Stadt existierte, eine Schattenstadt in einer um Nuancen gegen die materielle Wirk­lichkeit verschobenen Dimension, zu der ihm das Plugin einen Zugang verschafft hatte; eine Stadt in den Lücken und Zwischenräumen, lose verstreut über das düstere Häuser­gewimmel des Küsten-Sprawls. Wo immer die planlos wuchernde Stadtarchitektur, das Resultat unentwegter Zusammenstöße zwischen öffentlichen Planungsgremien und den Interessen von Konzernen und Unternehmern, freie Flächen und ungenutzte Räume ge­schaffen hatte, auf abrupt endenden Autobahnbrücken, auf vermüllten, nach Verkehrs­umleitungen unzugänglichen Parkplätzen, in leerstehenden, von Spekulanten herunter­gewirtschafteten Shopping-Malls, in Sackgassen und auf riesigen, schuttübersäten Ver­kehrsinseln, konnte Spark Energielinien und Gravitationszentren aufspüren, die es ihm erlaubten, mit ein wenig geistiger Anstrengung Elemente dieser Gegenwelt in seine per­sönliche Wahrnehmungssphäre hinüberzuziehen. Wenn er von der Dachgalerie unweit seiner Schlafkoje hinunterblickte und sich auf den Zug konzentrierte, den die Schatten­stadt auf sein Bewusstsein ausübte, konnte er Dutzende virtuelle Gebäude ausmachen, gläserne Gebilde aus schlanken Türmen, hohen Bögen und steilen Rampen, sorgfältig so platziert, dass sie von den realen Bauten nicht ver- und überdeckt wurden. Vage Kanten, Flächen und Fäden, die sie miteinander verbanden, unvollendete virtuelle Fahrbahnen, die sich hoch in den Himmel schraubten, und Brücken, die verschwommen im Nichts en­deten, deuteten bereits an, dass es noch mehr gab, dass die Schattenstadt viel größer und weiter gediehen war, als es anfangs den Anschein hatte.

Mit jedem Tag sah Spark ein wenig mehr, konnte er feinere Details und Strukturen ausmachen, wurden Farben und Umrisse deutlicher, Texturen satter und plastischer, kostete es ihn weniger Anstrengung, seine Konzentration vom dumpfen, reizlosen Dies­seits auf die ätherische, kristallene Schönheit der Gegenwelt zu verlagern. In einem Winkel seines Kopfes, den er immer weniger beachtete, verhallte ungehört eine Warnung, dass der Ausweg aus seiner verzweifelten Lage nicht so einfach sein konnte, dass Chephren mit seinem Angebot etwas im Schilde geführt hatte, dass auch die Betreiber ei­nes Piratennetzwerks sicher nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit handelten. Seine Sorge, dass Martin, Polizei oder Administration ihm auf die Schliche kommen könnten, dass er womöglich gerade seine letzte und einzige Chance auf Rehabilitation verwirkte, kam bald nicht mehr an gegen das prickelnde, erregende Gefühl des Eintauchens in eine andere Welt, so nah dran am Feeling des Spiels wie nichts mehr seit seinem Zwangs-Logout, ein rudimentärer Ersatz zwar, eine Krücke, ein Strohhalm, aber er stand ja noch am Anfang, vielleicht hielt das Netz der Geächteten noch viel mehr für ihn be­reit. Spark begann seinen profanen, alltäglichen Trott zu vernachlässigen. Es erschreckte ihn bald nicht mehr, wenn ihm bewusst wurde, dass er einen Gesprächs- oder Meldeter­min vergessen, einen ganzen Tag nicht gegessen oder geschlafen hatte, völlig eingenom­men von seinen Streifzügen durch die Bezirksparzelle und seinen intensiven Bemüh­ungen, sich einen genaueren Eindruck von Plan und Beschaffenheit der Schattenstadt zu verschaffen. Er brachte kaum noch Aufmerksamkeit für die Therapiestunden auf, blieb den Sitzungen immer häufiger ganz fern und nahm mit nur beiläufigem Erstaunen zur Kenntnis, dass Martin sein Abdriften überhaupt nicht zu bemerken, jedenfalls nicht zu beachten schien. Nach und nach fiel die diesseitige Wirklichkeit auf den Rang zurück, den sie in Sparks Kopf zweiundzwanzig Jahre lang eingenommen hatte, in die Bedeu­tungslosigkeit eines lästigen, archaischen Anhängsels.

Noch aufregender und interessanter wurde das Netz der Geächteten, als ihm die Bedeutung eines Objekts klar wurde, das anfangs als verschwommener Fleck im Zentrum seines Blickfelds auftauchte. Es irritierte ihn erst, veranlasste ihn immer häufiger, zu blin­zeln oder sich die Augen zu reiben, und er befürchtete schon, dass sich die ersten nega­tiven Auswirkungen der Biochip-Implantate bemerkbar machen. Als das Ding schärfer wurde, erkannte er das Fadenkreuz eines Cursors. Spark merkte schnell, dass der Cursor über sein HUD auf ähnliche Weise angesteuert werden konnte, wie er es aus dem Spiel kannte: ein Blinzeln mit dem rechten Auge öffnete das Kontextmenü eines fokussierten Objekts, ein Blinzeln mit dem linken eine Palette mit Bau- und Editierwerkzeugen. Die meisten Einträge der Kontextmenüs waren noch deaktiviert, doch Spark konnte sich im­merhin ein Info-Fenster anzeigen lassen, das ihm Baudatum, letzte Änderungen, Prim-Anzahl und Alias des Schöpfers eines virtuellen Bauwerks anzeigte. Mit der Baupa­lette versuchte Spark selbst, einige Prims zu generieren und zu verlinken, aber sie ver­schwanden nach dem Rendern gleich wieder. Er war noch nicht ganz drin im Spiel. Er hatte nur minimale Befugnisse. Es war nicht schwer zu erraten, dass er irgendwelche Aufgaben lösen musste, um sich Credits zu verdienen und seine Berechtigungen zu erweitern. Während er durch die Bezirksparzelle zog und die Bauwerke der Schatten­stadt genauer in Augenschein nahm, stellte er fest, dass ihre Fenster und Türen mitunter über Öffnungsmechanismen verfügten, die er manipulieren konnte. Die meisten Rätsel waren einfach zu lösen, erforderten nur ein geschicktes Hin- und Herschieben von Riegeln, Rädern und Hebeln und eröffneten ihm lediglich einen visuellen Zugang zu leeren, unfertigen Innenräumen. Manchmal kletterte sein Kontostand, der ihm in grünen Leuchtziffern am unteren Rand seines Blickfelds angezeigt wurde, um einige hundert vir­tuelle Dollar nach oben, kaum der Rede wert. Doch dann entdeckte er das erste Level-Portal, ein wie kristallen schimmerndes, eisblau glühendes Tor, versteckt in einer Hin­terhofruine, gesichert mit einem Zahlenmechanismus, der mathematische Kombina­tionsgabe erforderte, und als er es geöffnet und durchschritten hatte, veränderte sich die Schattenstadt von Grund auf, erstrahlte um ihn in ungeahnter Pracht und Helligkeit.

***

Nach einer Therapiesitzung, in der ihm vor Unruhe und unbeantworteten Fragen fast der Kopf platzte, verfolgte er Chephren in ein Lokal im Untergrund, den Überresten der alten Stadt acht Meter unter dem Straßenniveau der Sprawl-City, einer Gegenwelt aus Schutt, Ruinen, Dreck und menschlichem Treibgut, einer Zuflucht für Kriminelle, Abweichler, Anarchisten und illegale Einwanderer, einem düsteren, lärmenden Labyrinth aus Notunter­künften, Schwarzmärkten, Drogenhöllen und Bordellen, Spark selbst nur vage aus der Zeit zwischen seiner Pleite und seiner Verhaftung vertraut, als er Geschäftspartner für schnelle, schmutzige Deals gesucht hatte. Dort unten gab es keine Netze, keine gere­gelte Energie- und Wasserversorgung. Dort war das Leben ein einziges Hehlen, Stehlen und Plündern dessen, was die alte Welt in eingestürzten Häusern, verwüsteten Malls und verschütteten Lagerhallen zurückgelassen hatte. Die einzigen Rohstoffe bildeten die Ab­fälle der Oberwelt, die in riesige Deponien hinabgekippt und -geschüttet wurden.

Sparks HUD setzte nach wenigen Minuten Aufenthalt im Untergrund aus. Der Kon­takt zum Netz der Geächteten brach ab. Der Lärm, das Gedränge, der Gestank, die hier unten roh und ungefiltert auf ihn einstürmten, fegten für eine Weile jeden Gedanken an die Schattenstadt aus seinem Gehirn. Er verlor Chephren aus den Augen und fand ihn, nach einigem verwirrenden Hin und Her, in einem breiten Tunnel wieder, früher wohl einmal ein Boulevard, heute ein von Verschlägen und Marktbuden gesäumtes Trümmerfeld, über das sich ein zäher, stockender Strom von Menschen wälzte. Chephren bewegte sich hier unten, wie ein Schauspieler, der eine Rolle abgelegt hatte, sehr viel zügiger, energischer, zielstrebiger, schob Leute beiseite, verschaffte sich mit den Ellbogen Platz, wirkte um einen ganzen Kopf gewachsen. An einem früheren U-Bahnhof stieg er in ein riesiges, von greller Musik dröhnendes Tanzlokal hinab, auf den Bahnsteigen lange The­ken, die Gleise mit Tanzflächen überbaut, auf denen hunderte Gestalten in buntem, stro­boskopartigem Licht zappelten. An einem abseits stehenden Tisch in einer Chillout-Zo­ne, vermutlich einem ehemaligen Wartesaal, wurde er per Handschlag und Umarmung von zwei Männern begrüßt, der eine lang, hager, mit dunkler Haut, der andere kleiner und untersetzt, mit Schlitzaugen in einem teigartigen Gesicht.

Spark zwängte sich an einer Theke am anderen Ende des Saals zwischen eine Gruppe trunken schwadronierender Jugendlicher und beobachtete Chephren für einige Minuten aus sicherem Abstand. Weitere Männer, alle von gepflegter, geschäftsmäßiger Erscheinung, auffällig unpassend für diese Umgebung, kamen an den Tisch und setzten sich kurz zu ihm. Es wurde vertraulich, mit zusammengesteckten Köpfen geredet. Chephren genoss offensichtlich Respekt. Spark sah ihn mit ganz neuen Augen. Die Aura milde irritierenden Irrsinns, die ihn sonst umflirrte, hatte sich hier unten völlig verflüchtigt. Seine Haltung, seine Gesten, die nüchterne, konzentrierte Mimik, mit der er seine Ge­spräche führte, wirkten routiniert und abgeklärt. Unter anderen Umständen hätte Spark brennend interessiert, wer dieser Mann wirklich war, welche Verbindungen er hatte, in welchem Umfeld er operierte. Aber er steckte schon zu tief drin im Netz der Geächteten. Ein Funke der alten Leidenschaft war entzündet worden, und es gab nichts Wichtigeres für ihn, als zu erfahren, wie es weiterging, wie er auf den nächsten Level kommen konn­te, was er tun musste, um in der Schattenstadt eigene Claims abzustecken.

Als Spark schließlich an seinen Tisch trat, wirkte Chephren nicht im Mindesten überrascht. Er beugte sich nacheinander an die beiden Männer heran, die rechts und links von ihm saßen, und flüsterte ihnen etwas ins Ohr. Sie standen auf und nahmen Spark halb neugierig, halb abschätzig in Augenschein, bevor sie sich entfernten. „Setz dich“, sagte Chephren, und selbst seine Stimme hatte sich verändert, den dünnen, nöligen Beiklang verloren und war stattdessen rund, voll und dunkel. Ein tiefes Misstrauen regte sich in Spark. Er ahnte, dass er von diesem Kerl betrogen, für irgendetwas benutzt wurde, das nur in einer Katastrophe enden konnte. Aber andererseits wollte er nicht riskieren, dass ihm vorenthalten blieb, was nur Chephren ihm sagen konnte.

Chephren sah mit einem milden Lächeln zu, wie er sich einen Stuhl heranzog, die zitternden Knie beugte und, die Hände auf den Tisch gestützt, Platz nahm. Spark fühlte sich wie vom Blick eines Arztes gemustert, kühl, aufmerksam, mit einem professionellen Sinn für Details. Er kam sich vor wie ein Versuchstier, das keine Ahnung hatte, was gleich mit ihm geschehen würde. „Wie ist es dir ergangen?“, fragte Chephren nach einer lang gedehnten Pause. „Ich habe gehört, du hast dich auf den vierten Level hochgearbei­tet. Das ist ungewöhnlich gut. So weit ist noch keiner auf sich allein gestellt gekom­men.“

„Was kommt als Nächstes?“, fragte Spark. Er hatte Schwierigkeiten, sich auf das zu konzentrieren, was er sagen wollte. Ein hartnäckiges Warnsignal aus seinem Unterbewussten störte seine Gedanken, versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es besser wäre, die ganze Sache zu vergessen, davonzulaufen, solang er noch konnte. „Also, so viel ha­be ich verstanden: Mit jedem Level sehe ich mehr. Ich glaube, ich kann inzwischen das ganze Szenario überblicken. Mit jedem Level wird die Qualität besser, und auch das Ein­loggen fällt leichter. Seit dem dritten Level brauche ich nicht mehr von vorn durch die Level-Portale zu gehen, sondern muss mich nur konzentrieren und schon verschwindet das Real Life um mich herum und ich bin im Netz wieder da, wo ich mich beim letzten Mal ausgeloggt habe. Seit dem vierten Level kann ich die Avatare der anderen User sehen. Die meisten ignorieren mich, einige haben mit mir gechattet, andere haben mir übel zugesetzt. Ein paar Mal bin ich angegriffen worden, und als ich im Real Life wieder wach wurde, habe ich mich gefühlt wie nach einer Schlägerei. Da ist irgendwas über die Neuroimplantate gegangen. Überall im Netz der Geächteten wird gebaut, bis hoch in den Himmel. Die etablierten User bewachen eifersüchtig ihre Claims. Ich kann nicht überall hin. Wenn ich etwas mache, was ich nicht soll, kann’s unangenehm werden.“

„Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagte Chephren. „Das kennst du doch noch aus dem Spiel. Anders wär’s euch Gamern doch auch langweilig. Aggression, Kampf, Angriff und Verteidigung sind das Lebenselixier eines Gamers. Um ein Piratennetzwerk aufzu­bauen, können wir nur die kühnsten, listigsten und einfallsreichsten Leute gebrauchen. Die unteren Level sind so etwas wie deine Bewährungsprobe. Nur wenn du es auf den Top-Level schaffst, kannst du dich am Ausbau des Netzes beteiligen und eigene Claims erobern. In deinem Fall bin ich da sehr zuversichtlich.“

„Aber wie mache ich das? Wie komme ich jetzt weiter? Ich habe ein Inventory, eine Sammlung von virtuellen Gegenständen, die ich ständig mit mir herumtrage. Aber in der Standardbibliothek ist nur Spielzeug. Mit den Waffen kann ich nur in schlecht gesicher­ten Claims Wirkung erzielen. Nichts dabei, was für einen Angriff taugt.“

Chephren tippte sich mit zwei Fingerspitzen an die Stirn. „Da kommt deine Kreativität ins Spiel. Das ist die eigentliche Herausforderung. Du warst doch damals eine echte Ko­ryphäe. Hast du nie eigene Modifikationen auf Waffen und Ausrüstung vorgenommen? Keine Skripte programmiert? Niemals deine Neuro-Plugins getunt?“

„Dafür hatte ich meine Leute.“

„Dann musst du’s jetzt eben allein hinkriegen. Du bist doch kein Dummkopf. Schau dir deine Inventarobjekte genau an. Beschäftige dich mit den Editoren und Modifikationsmöglichkeiten. Probiere Skripte aus der Standardbibliothek aus. Programmiere ei­gene. Befasse dich mit der API. Wir haben uns an allgemeine Standards gehalten, und du wirst vieles wiedererkennen. Ein bisschen Witz und Ideen, und im Handumdrehen bist du wieder ganz vorn dabei.“

Spark musste zugeben, dass Chephren einen sensiblen Nerv in ihm traf. „Und was dann?“, fragte er.

„Auf dem Top-Level tobt ein Kampf um die Vorherrschaft im Netz der Geächteten“, sagte Chephren. „Es wäre ein Paradies für dich. Wir stehen noch ganz am Anfang, es ist alles offen. Noch hat sich keine Partei mit ihren Vorstellungen durchgesetzt. Wenn du dich zum Administrator hochkämpfst, kannst du die Systemeigenschaften des Netzes mitbestimmen. Ein erfahrener Gamer wie du könnte sogar zum Alleinherrscher aufsteigen.“ Chephren beugte sich über den Tisch, schob mit den Ellbogen Gläser und Aschenbecher beiseite und fasste Spark an den Händen. „Ich darf dir nicht mehr sagen. Du musst es al­lein schaffen, sonst ist alles ohne Wert. Nur so viel: Es gibt für dich in der ganzen Be­zirksparzelle nur ein Top-Level-Portal. Es ist nicht einfach zu finden. Wenn es dir ge­lingt, kannst du einer von uns sein. Im engsten Kreis, einer der Auserwählten. Zurück an der Spitze, wie wäre das?“

***

Drei Wochen Arbeit.

Drei Wochen lang war Spark innerlich zerrissen, konnte er die beiden Seiten Chephrens, die er kennengelernt hatte, nicht miteinander in Einklang bringen, sprengte ihm die Schizophrenie seiner eigenen Situation fast den Kopf. Ein Teil von ihm war fest davon überzeugt, dass ein böses Spiel mit ihm getrieben wurde, dass das Netz der Geächteten vielleicht gar nicht existierte, die Biochip-Implantate ihm etwas vorgaukelten und nur dem Zweck dienten, ihn einer Prüfung zu unterziehen, seine Anfälligkeit für einen Rückfall zu testen, seine Bereitschaft zur Rehabilitation auf die Probe zu stellen. Einem anderen Teil, der nah daran war, das Übergewicht zu gewinnen, waren die Ablenkungen, die das Netz der Geächteten bot, die kleinen Verlockungen und Erleichterungen für sei­ne Gamer-Seele, die er sich durch Erkundungen, Beobachten und das Lösen von Rät­seln in der Schattenstadt verschaffen konnte, längst nicht mehr genug. Er brachte nicht die Geduld auf, um sich eingehend mit all dem Kleinkram in seinem Inventory zu be­schäftigen, wie Chephren es ihm nahegelegt hatte, all den albernen Werkzeugen, Waffen, Schilden, Avatar-Enhancements und Demo-Skripten, die für einen erfahrenen Gamer, wie lang man auch herumprobierte, nichts hergaben. Er hatte das Gefühl, dass ihm mit Blendwerk vor der Nase herumgewedelt wurde, das von Wichtigerem ablenkte. Er war voller Tatendrang, Energie und Spannung, platzte vor Ungeduld, endlich wieder in die richtige Action einzusteigen, virtuelle Duelle auszufechten, zu kämpfen, zu erobern und zu zerstören und nicht wie ein Krüppel und Tölpel durch ein Szenario zu tappen, in dem er wenig ausrichten konnte. Er fühlte sich wie eingeschnürt, wie in eine gläserne Kam­mer eingesperrt, in der er zwar alles sehen, aber sich nicht einmal umdrehen, nicht ein­mal die Arme wegspreizen konnte.

Drei Wochen lang versuchte er, sich zusammenzureißen, sich nicht angreifbar zu ma­chen, die graue, trostlose, diesseitige Wirklichkeit so weit im Blick zu behalten, dass er nicht plötzlich aus allen Träumen und Hoffnungen herausgerissen wurde. Er achtete darauf, jeden Tag genug Stunden außerhalb des Netzes zu verbringen, dass er nicht wei­ter seine Pflichten vernachlässigte, körperlich nicht völlig verwahrloste, seinen Meldeauflagen nachkam, wieder regelmäßig die Therapiestunden besuchte, all dies für den Fall, dass das Netz der Geächteten eine Täuschung war und er sich von einem Moment zum anderen mit der Situation konfrontiert sehen könnte, seine Bewährung und damit jede Chance auf Rehabilitation verwirkt zu haben. Inzwischen kostete es mehr Anstren­gung, im Hier und Jetzt zu bleiben, als sich ins Netz einzuloggen. Ein kleines Nachlas­sen seiner Aufmerksamkeit, ein Unterschreiten eines gewissen Pegels bewusster Kon­zentration auf die materielle Realität, und schon verschwanden seine Koje, die düsteren Straßen, die Menschen ringsum, und der Glanz, die Farben, die transparente Pracht der Schattenstadt drängte sich mit sanfter Macht in sein Bewusstsein. Selbst in diesem Zu­stand versuchte er, sich nicht mehr überwältigt treiben zu lassen, sondern nahm es auf sich, noch einmal gründlich, in wochenlanger mühevoller, systematischer Kleinarbeit, die Schattenstadt bis in jeden Winkel zu erkunden, nichts unversucht zu lassen, um das Top-Level-Portal zu finden. Er nahm gleichmütig zur Kenntnis, welche simulierten Schmerzen und Sinnesstörungen ihm seine Neuroschnittstellen zufügten, wenn er in gesperrte Höfe und Gebäude eindrang. Er merkte sich, welche Foltern ihm Top-Level-User mit virtuellen Peitschen und Blitzwerfern zufügen konnten, wenn er ihnen zu nahe kam oder ihren Anweisungen nicht Folge leistete. Er war bereit, alles zu geben, nur auf die vage Hoffnung hin, selbst einer dieser Herren des Netzes werden zu können, die für einen Sub-Level-Player wie ihn nur als illuminierende, engelshafte Schemen zu erken­nen waren. Aber alle seine Mühen und Martern waren erfolglos – das Top-Level-Portal war nicht aufzufinden.

Die Lösung fand er erst, als er eines Nachmittags, erschöpft und resigniert, von Hunger und Durst geplagt, aber zu träge, um sich etwas aus dem Mini-Fridge zu holen, auf der stinkenden und durchschwitzten Liege in seiner Wohnkoje lag und ihm unversehens eine eigenartige Formulierung in den Sinn kam, die Chephren bei ihrem Gespräch in dem Untergrund-Tanzschuppen benutzt hatte: „Es gibt für dich in der ganzen Bezirksparzelle nur ein Top-Level-Portal.“ Für dich – bedeutete das möglicherweise, dass es für jeden Player, der im Netz der Geächteten ganz nach oben wollte, ein eigenes Portal gab? „Es ist nicht einfach zu finden.“ – vielleicht deshalb, weil man es dort versteckt hatte, wo er am wenigsten danach suchte?

Spark stand auf, ging zur Tür, um das Licht einzuschalten, und schritt langsam, mit aufmerksam schweifendem Blick durch die sechseckige Kammer. Dabei führte er im Kopf jene leichte Verlagerung seines inneren Schwerpunkts durch, die ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Hier drin in seiner Koje bewirkte das geistige Umschalten auf das Netz der Geächteten nichts. Die Schattenstadt befand sich draußen, im großen Kessel der Bezirksparzelle. In der Koje hatte er noch keine virtuellen Objekte gesehen. Allerdings hatte er auch nie einen Grund gehabt, danach zu suchen.

Es sah alles so aus wie sonst: die rauchgläsernen Fenster, die zerkratzten Kunststoffpaneele, die Ritzen und Fugen, die vergilbte Schaumstoffmatte, der defekt flimmernde 2D-Monitor, dazwischen verstreut Sparks ungewaschene Kleidung, zerknülltes Papier und aufgerissene Verpackungen, bekleckertes Plastikgeschirr. Als er in die Nasszelle trat, musste Spark zweimal hinsehen, um zu erkennen, was hier nicht stimmte: Millimeter vor dem Spiegel schien ein zweiter Spiegel, ein fast durchsichtiges, nur an geisterhaften Konturen erkennbares Gegenstück, in der Luft zu schweben. Spark streckte eine Hand aus, und in dem Moment, als seine Fingerspitzen das schwach leuchtende, wie heiße Luft flimmernde Ding berührten, verschwand die ganze Wohnkoje.

 Für einige Sekunden wurde es dunkel. Spark stolperte rücklings aus der Nasszelle und verlor die Orientierung. Er streckte die Arme aus, drehte sich einmal um die eigene Achse und suchte vergeblich nach einem Bezugspunkt. Als irgendwo hinter ihm ein mildes Licht aufschien, fand er sich an einem Ort wieder, der ihm nicht weniger vertraut war als sei­ne Unterkunft: cremefarbene Wände, ein sandgelber Teppich, eine Runde üppig gepol­sterter Kunstholz-Sessel, idyllische Landschaftsfotografien an den Wän­den. Der Therapiesaal in der Bezirksadministration – oder besser: sein virtuelles Gegen­stück.

Martin saß an seinem gewohnten Platz, entspannt, freundlich, mit verschränkten Händen und überschlagenen Beinen. „Na, endlich“, sagte er. „Wir dachten schon, du kommst nie dahinter.“

Spark wusste nicht, was er sagen sollte. Dutzende mögliche Erklärungen gingen ihm durch den Kopf, und er hakte jede einzelne als Unsinn ab.

„Ganz ruhig“, fuhr Martin fort. „Du hast nichts zu befürchten. Ich werde dir alles erklären.“ Und nach einer Pause: „Erst einmal: Ich bin nicht Martin selbst. Ich bin seine Emulation. Ich warte hier seit einiger Zeit, um dich auf dem Top-Level in Empfang zu nehmen. Gratulation, du hast es geschafft.“

Spark schüttelte den Kopf. „Was hast du mit ...?“

„Das will ich dir gern erklären. Setz dich erst einmal.“ Spark schaute vorsichtig umher, und erst als Martin ihn mit einer sanften Geste zu sich heranwinkte, kam er der Auf­forderung nach. „Wie du dir denken kannst, hat Chephren dir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Das Netz der Geächteten ist kein Untergrund-Projekt, sondern wird von mehre­ren asiatischen Unternehmen finanziert, die in den Netzwerk-Markt der europäischen Sprawl-Cities einsteigen wollen, aber bisher keine legalen Lizenzen bekommen haben. Also wollen sie es durch die Hintertür versuchen und ein Piratennetz aufbauen, das mit der Zeit die User-Basis großer europäischer Provider an sich binden soll. Dazu werden erfahrene Leute gebraucht, die mit Betrieb und Aufbau von AR-Netzwerken vertraut sind, und wer wäre besser dafür qualifiziert als Gamer? Und wer wäre mehr motiviert als Gamer auf Stand-by?“

„Aber das kann doch nicht sein. Ich bin legal verurteilt worden. Mir hat ein Gericht die Auflage gemacht ...“

„Das ist schon richtig, aber wenn ein Gericht einmal jemanden an die Sozialdienste verwiesen hat, kümmert sich niemand mehr darum, was wirklich mit ihm geschieht. Entweder sitzt du deine zwei Jahre vorschriftsmäßig ab und bist rehabilitiert oder du wirst rückfällig und bist für den Rest deines Lebens raus aus dem System – mehr interessiert die Gerichte nicht. Das Sozialressort der Sprawl-Cities ist schon seit Langem un­terfinanziert, und als ich das Angebot der Asiaten bekommen habe, musste ich nicht lang überlegen. Es ist eine klassische Win-win-Situation. Jeder hat etwas davon: Die Gamer kriegen ihren Stoff, wir tun der Öffentlichkeit einen Gefallen, indem wir durchgeknallte Ex-Gamer von der Straße holen, und für die Therapeuten fällt auch noch was ab.“

„Und was geschieht jetzt mit mir?“

„Mit dem Aufstieg auf den Top-Level hast du dich für höhere Aufgaben empfohlen, gewissermaßen deine Einstiegsprüfung bestanden. Du wirst angestellt, gut bezahlt und kannst dich am Aufbau des Piratennetzes beteiligen. Ich werde dir eine persönliche Empfehlung schreiben. Du bist einer der cleversten Kandidaten, die mir bisher untergekom­men sind.“

„Moment mal. Ihr könnt nicht einfach über meinen Kopf hinweg entscheiden. Was ist, wenn ich gar nicht ...?“ Noch bevor er den Satz ausgesprochen hatte, wurde Spark klar, dass er sinnlos war.

Martin lächelte, und zum ersten Mal, seit Spark ihn kannte, bemerkte er in seinem glatten, einnehmenden Gesicht eine Spur Bosheit. „Wer sagt denn, dass du eine Wahl hast?“

„Was soll das heißen?“

„Denk doch mal nach. Du hast dir selber zwei Biochips implantiert, die inzwischen fest mit deinem Gehirn verwachsen sind. Wir benutzen dein Gehirn als Netzwerk-Knoten. Das Netz der Geächteten ist in dir.“ In der rea­len Welt wäre Spark in diesem Mo­ment auf ihn losgegangen. Aber was war jetzt noch real für ihn? „Ich habe die Finger am Drücker. Die kleinste Aufsässigkeit, und ich muss nur ein wenig deine Neurotransmitterpegel korrigieren, schon bist du hundertmal süchtiger nach dem Netz, als du es jemals warst. Es gibt kein Zurück. Du kannst es dir leicht oder du kannst es dir schwer machen – das Ergebnis ist für uns dasselbe.“ Auf seinem Gesicht machte sich ein gekünstel­ter, fast väterlicher Ausdruck breit. „Betrachte es doch mal so: Du warst immer schon ein Sklave. Ein Sklave deiner Sucht. Nun wirst du ein gut bezahlter Sklave sein. Ist das kein Fort­schritt?“

Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 26. Mai 2017, genau hier.

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© 2016 by Michael K. Iwoleit
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in (Hrsg.) André Skora, Armin Rößler, Frank Hebben Gamer, Begedia Verlag, 2016

Alle Rechte vorbehalten

Über den Autor

Als Autor ist Michael K. Iwoleit besonders für seine Novellen und Kurzgeschichten bekannt, für die er mehrfach mit dem Kurd Laßwitz Preis und dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet wurde. Zuletzt erhielt er letzteren für seine Geschichte „Netz der Geächteten“. Außerdem ist er Übersetzer und gibt das Science Fiction Magazin Nova heraus.

Mehr über den Autor gibt es auf iwoleit.wordpress.com

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