Der Tag vor der Revolution - Vorgeschichte zu Ursula K. Le Guins "Freie Geister"

© Markus Weber | Guter Punkt

FICTION

Der Tag vor der Revolution (Ursula K. Le Guin)


Aus Anlass der Neuübersetzung von Ursula K. Le Guins berühmtesten Roman »The Dispossessed«, der soeben unter dem Titel »Freie Geister« bei FISCHER Tor erschienen ist, präsentieren wir auf Tor Online diese »Vorgeschichte«, ebenfalls von Karen Nölle neu ins Deutsche übertragen.

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Paul Goodman (1911-1972) zum Gedenken

 

Mein Roman Freie Geister handelt von einer kleinen Welt voller Menschen, die sich Odonier nennen. Der Name geht auf die Begründerin ihrer Gesellschaft zurück, Odo, die einige Generationen vor der Zeit lebte, von der im Roman erzählt wird, und deswegen nicht Teil der Handlung ist, oder höchstens implizit, weil mit ihr alles angefangen hat.

Odonismus ist Anarchismus. Nicht die Sorte mit der Bombe in der Tasche, die nichts anderes als Terrorismus ist, ganz gleich mit welchen Namen sie sich aufzuwerten sucht; nicht der sozialdarwinistische Wirtschafts-»Liberalismus« von ganz rechts; sondern ein Anarchismus, wie er im frühen Taoistischen Denken vorweggenommen und von Shelley und Kropotkin, Goldman und Goodman dargelegt wurde. Das wichtigste Angriffsziel des Anarchismus ist der autoritäre Staat (ob kapitalistisch oder sozialistisch); seine wichtigste moralisch-praktische Leitidee die der Kooperation (Solidarität, gegenseitige Hilfe). Es ist die idealistischste und für mich interessanteste aller politischen Theorien.

Sie in einem Roman zu verlebendigen – etwas, das vor mir noch keiner unternommen hatte – war für mich eine schwierige, langwierige Aufgabe, die mich viele Monate vollständig in Anspruch nahm. Als es geschafft war, fühlte ich mich verloren, verbannt – heimatlos. Deswegen war ich sehr dankbar, als Odo über die Kluft der Wahrscheinlichkeit hinweg ans Licht trat und wollte, dass ich eine Geschichte schrieb, nicht über die von ihr geschaffene Welt, sondern über sie selbst als Person.

Es ist die Geschichte von einer der vielen, die sich von Omelas abwandten.

***

Die Stimme des Redners war so laut wie leere Bierlaster auf einer Kopfsteinstraße, und die versammelten Menschen standen dicht aneinandergedrängt, Pflastersteine, über denen die mächtige Stimme dröhnte. Irgendwo auf der anderen Seite des Saals war Taviri. Sie musste zu ihm. Mühselig schob und schlängelte sie sich zwischen den dunkel gekleideten, dicht an dicht stehenden Leuten hindurch. Sie hörte nicht die Worte, sah die Gesichter nicht: nur das Dröhnen und die hintereinander gezwängten Leiber. Taviri konnte sie nicht sehen, sie war zu klein. Ein dicker, mit einer schwarzen Weste bekleideter Bauch verstellte ihr den Weg. Sie musste zu Taviri durchkommen. Schwitzend stieß sie mit der Faust zu. Nichts rührte sich. Es war, als würde sie auf Stein schlagen, doch direkt über ihrem Kopf stieß die riesige Lunge einen gewaltigen Ton aus, ein Brüllen. Sie duckte sich. Dann begriff sie, dass der Schrei gar nicht ihr galt. Auch andere brüllten. Der Redner hatte etwas gesagt, etwas Gutes über Steuern oder Schatten. Freudig stimmte sie mit ein – »Ja! Ja!« – und gelangte dann auf einmal fast wie von selbst auf die offene Weite des Exerzierplatzes von Parheo hinaus. Der Abendhimmel über ihr war dunkel und ohne Farbe, und um sie herum nickte das hohe Wiesenkraut mit den trockenen weißen, dichtgefüllten Blüten. Sie hatte nie gelernt, wie die Blumen hießen. Sie nickten über ihrem Kopf und wiegten sich in dem Wind, der in der Abenddämmerung immer wehte. Während sie zwischen ihnen hindurchlief, neigten sie sich und richteten sich federnd wieder auf, ohne Geräusch. Taviri stand in seinem guten Anzug auf der Wiese, dem grauen, mit dem er aussah wie ein Professor oder Schauspieler, streng und elegant. Er sah nicht glücklich aus, aber er lachte und sagte etwas zu ihr. Beim Klang seiner Stimme musste sie weinen, und sie griff nach seiner Hand, aber sie blieb nicht stehen, nicht ganz. Sie konnte nicht stehen bleiben. »Oh, Taviri«, sagte sie. »Da geht‘s jetzt los!« Im Weitergehen wurde der merkwürdig süße Duft der weißen Blumen schwer. Dornen behinderten ihr Fortkommen, Winden an den Füßen, Unebenheiten, Löcher. Aus Angst zu stürzen, zu stürzen, blieb sie stehen.

***

Sonne, blendend heller Morgen, direkt vor den Augen, gnadenlos. Sie hatte am Abend vergessen, den Vorhang zuzuziehen. Jetzt kehrte sie der Sonne den Rücken zu, aber auf der rechten Seite lag sie nicht bequem. Es hatte keinen Zweck. Tag. Sie seufzte zweimal, dann richtete sie sich auf, hievte die Beine über die Bettkante und blieb gebeugt im Nachthemd sitzen und besah sich ihre Füße.

Die vom ewigen Tragen billiger Schuhe zusammengedrückten Zehen waren da, wo sie sich berührten, fast viereckig und obendrauf von Hühneraugen entstellt; die Nägel waren verfärbt und formlos. Zwischen den höckerigen Knöcheln verliefen feine, trockene Falten. Die kleine ebene Fläche unterhalb der Zehen war noch immer zart, aber die Haut war braun wie Lehm, und auf dem Spann ringelten sich klumpige Adern. Ekelhaft. Traurig, deprimierend. Gemein. Mitleiderregend. Sie probierte die Wörter nacheinander an, und sie passten alle, wie hässliche kleine Hüte. Hässlich, ja auch das. Sich anzuschauen und für hässlich zu befinden, was für ein Unfug! Doch andererseits – als sie nicht hässlich gewesen war, hatte sie da so rumgesessen und sich angestarrt? Selten! Ein gesunder Körper ist kein Objekt, kein Gegenstand, kein Besitz zum Bewundern, sondern einfach Du, du selbst. Erst wenn er nicht mehr Du ist, sondern dein, etwas, das du hast, macht man sich Sorgen darum – ist er in guter Verfassung? Taugt er? Wird er halten?

»Wen schert‘s«, sagte Laia erbittert und stand auf.

So plötzlich hochzukommen machte sie schwindlig. Sie musste sich am Nachtschrank festhalten, um nicht zu stürzen. Und dabei fiel ihr ein, dass sie im Traum nach Taviri gegriffen hatte.

Was hatte er gesagt? Sie wusste es nicht mehr. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie seine Hand berührt hatte. In dem Versuch, die Erinnerung zu erzwingen, zog sie die Stirn kraus. Sie hatte so lange nicht mehr von Taviri geträumt, und jetzt wusste sie nicht einmal mehr, was er gesagt hatte!

Es war weg, einfach weg. Sie stand in ihrem Nachthemd da, den Kopf gesenkt, die Hand am Nachtschrank. Wie lange war es her, dass sie an ihn gedacht – oder auch nur von ihm geträumt, ihn in Gedanken »Taviri« genannt hatte? Wie lange, seit sie seinen Namen ausgesprochen hatte?

Asieo hat gesagt. Als Asieo und ich im Norden im Gefängnis waren. Bevor ich Asieo kannte. Asieos Theorie der Gegenseitigkeit. Ja, natürlich redete sie von ihm, redete zweifellos zu viel von ihm, ohne Ende, bei jeder Gelegenheit. Aber immer nur von »Asieo«, mit seinem Nachnamen, von der öffentlichen Figur. Der Privatmann war verschwunden, unwiderruflich. Es waren so wenige von denen übrig, die ihn noch gekannt hatten. Sie waren alle im Gefängnis gewesen. Damals hatten sie gelacht, über all die Freunde im Gefängnis. Aber nicht einmal dort waren sie mehr. Jetzt lagen sie auf den Gefängnisfriedhöfen. Oder in Massengräbern.

»Ach, ach, meine Liebe«, sagte Laia laut und ließ sich wieder auf das Bett sinken, weil ihr die Kraft aus den Beinen wich, als sie an jene ersten Wochen in der Festung dachte, jene ersten Wochen der neun Jahre in der Festung von Drio, in der Zelle, jene ersten Wochen, nachdem man ihr gesagt hatte, dass Asieo bei den Kämpfen auf dem Großen Platz des Kapitols getötet und mit den Vierzehnhundert in den Kalkgräben hinter dem Oringtor beerdigt worden war. In der Zelle. Ihre Hände legten sich in ihren Schoß wie damals, die linke geballt und von der rechten umfasst, während der rechte Daumen sich leicht bewegte, immer hin und her, und den Knöchel ihres linken Zeigefingers rieb und drückte. Stunden, Tage, Nächte lang. Sie hatte aller gedacht, jeder und jedes Einzelnen der Vierzehnhundert, und sich vorgestellt, wie sie lagen, wie sie von der Kalkerde zerfressen wurden, wie die Knochen sich im brennenden Dunkel berührten. Wer berührte ihn? Wie lagen die schlanken Knochen seiner Hände jetzt? Stunden, Jahre lang.

»Taviri, ich habe dich nie vergessen!«, flüsterte sie, und diese Dummheit holte sie wieder ins Tageslicht, auf das zerwühlte Bett zurück. Natürlich hatte sie ihn nicht vergessen. Dergleichen versteht sich zwischen Mann und Frau von selbst. Jetzt standen ihre hässlichen alten Füße wieder auf dem Boden, genau wie vorhin. Sie war kein Stück vorangekommen, hatte sich im Kreis gedreht. Mit einem missbilligenden, angestrengten Ächzen stand sie auf und holte ihren Morgenmantel aus dem Schrank.

Die jungen Leute im Haus liefen leicht bekleidet durch die Gänge. Was ihnen gut stand, aber sie war dafür zu alt. Sie wollte mit ihrem Anblick keinem jungen Mann das Frühstück verderben. Außerdem waren die Jungen mit dem Prinzip von freier Kleidung und freiem Sex und alledem aufgewachsen, aber sie nicht. Sie hatte es sich bloß ausgedacht. Das war nicht dasselbe.

So ähnlich, wie wenn sie Asieo als »mein Mann« bezeichnete. Dann zuckten sie zusammen. Das Wort, das sich für eine gute Odonierin gehörte, war »Partner«. Aber warum zum Teufel sollte sie eine gute Odonierin sein?

Sie schlurfte durch den Flur zu den Badezimmern. Dort war Mairo und wusch sich in einem Waschbecken die Haare. Voller Bewunderung betrachtete Laia die lange, glatte, nasse Mähne. Inzwischen kam sie so selten aus den Haus, dass sie nicht wusste, wann sie zuletzt einen schicklich rasierten Schädel gesehen hatte, aber der Anblick eines vollen Haarschopfs befriedigte sie immer noch, befriedigte sie sehr. Wie oft war sie als Langhaar, Langhaar verhöhnt, von Polizisten oder jungen Rüpeln an den Haaren gezogen, in jedem neuen Gefängnis von einem grinsenden Soldaten kahl rasiert worden? Und hatte sie anschließend jedes Mal wieder lang wachsen lassen, vom Flaum zur Krause zu den Locken zur Mähne ... Damals, vor langer Zeit. Du lieber Himmel, konnte sie denn heute an nichts denken als an damals?

Angezogen, das Bett gemacht, ging sie hinunter in den Gemeinschaftsbereich. Das Frühstück war gut, doch seit dem Schlaganfall hatte sie keinen Appetit mehr. Sie trank zwei Tassen Kräutertee, aber mit dem Stück Obst, das sie sich genommen hatte, wurde sie nicht fertig. Als Kind hatte sie einen solchen Heißhunger auf Früchte gehabt, dass sie gestohlen hatte, und in der Festung – ach, du lieber Himmel, hör auf! Lächelnd erwiderte sie die Begrüßungen und freundlichen Fragen der anderen Frühstücksesser und des dicken Aevi, der an diesem Morgen hinter der Theke stand. Er war es, der sie mit dem Pfirsich gelockt hatte: »Schau her, den habe ich für dich aufbewahrt.« Wie hatte sie da widerstehen können? Sie hatte Obst immer geliebt und nie genug bekommen; einmal, mit sechs oder sieben, hatte sie unten auf der Straße am Fluss einen Apfel von einem Obstkarren stibitzt. Doch wie sollte sie essen, wenn alle so aufgeregt durcheinanderredeten. Es gab Neuigkeiten aus Thu, echte Neuigkeiten. Anfangs wollte sie die gar nicht ernst nehmen, aus Skepsis gegenüber Strohfeuern, doch bei näherem Hinsehen dachte sie mit einer merkwürdigen, tiefen und zugleich kalten Gewissheit: Aber ja, es ist so weit; sie kommt. Und in Thu, nicht hier. Thu wird hochgehen, bevor sie hierher überspringt; die Revolution wird dort zuerst siegen. Aber was machte das schon! Es würde keine Staaten mehr geben. Trotzdem machte es ihr irgendwie zu schaffen, ihr wurde ein wenig kalt und traurig-neidisch ums Herz. Dümmer ging es wohl nicht. Sie beteiligte sich kaum am Gespräch, erhob sich bald, um auf ihr Zimmer zurückzukehren, und tat sich leid. Sie konnte die Aufregung nicht nachempfinden. Sie stand außen vor, ganz und gar außen vor. Es ist nicht leicht, sagte sie sich, die Treppe hinaufkeuchend, zur Rechtfertigung, es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass man draußen ist, wenn man fünfzig Jahre drinnen war, im Zentrum des Ganzen. Ach, du lieber Himmel. Dieses Gejammer!

Die Treppe und ihr Selbstmitleid hinter sich lassend betrat sie ihr Zimmer. Es war ein gutes Zimmer, und es war gut, allein zu sein. Was für eine Wohltat. Auch wenn es streng genommen nicht gerecht war. Oben unterm Dach wohnten einige der jungen Leute zu fünft in Zimmern, die nicht größer waren als dieses. Es gab immer mehr Menschen, die in einem Odonierhaus leben wollten, als man ordentlich unterbringen konnte. Sie hatte dieses große Zimmer nur ganz für sich, weil sie eine alte Frau war, die einen Schlaganfall gehabt hatte. Und vielleicht weil sie Odo war. Wenn sie nicht Odo wäre, sondern bloß eine alte Frau mit einem Schlaganfall, hätte sie es dann auch bekommen? Höchstwahrscheinlich. Wer zum Teufel wollte schließlich ein Zimmer mit einer sabbernden Alten teilen? Aber ganz sicher war sie nicht. Begünstigungen, Elitedenken, Führerkult schlichen sich immer wieder ein. Aber sie hatte auch nie gehofft, dass sie noch zu ihren Lebzeiten ausgerottet werden könnten, in nur einer Generation. Alle großen Veränderungen brauchten Zeit. Und dies war ein schönes, großes sonniges Zimmer, angemessen für eine sabbernde alte Frau, die eine Weltrevolution angezettelt hatte.

In einer Stunde würde ihre Schreibkraft kommen, um ihr mit den heute anstehenden Arbeiten zu helfen. Laia bewegte sich mit kleinen Schritten zum Schreibtisch, einem wunderhübschen, großen Möbel, das ihr von der Schreinergenossenschaft in Noi geschenkt worden war, weil jemand mal gehört hatte, wie sie bemerkte, dass sie sich im Leben nur nach einem einzigen Möbelstück gesehnt habe, einem Schreibtisch mit Schubladen und viel Platz obendrauf ... Mist, die Oberfläche war fast vollständig von Papieren bedeckt, mit Merkzetteln dran, fast alle in Nois kleiner, gestochener Schrift: Dingend – Nördliche Provinzen – Mit R.T. beratschlagen?

Ihre Handschrift hingegen war nach Asieos Tod nie wieder so geworden wie früher. Eigentlich seltsam. Schließlich hatte sie in den fünf Jahren danach die gesamte Analogie verfasst. Und es gab die Briefe, die dieser große Aufseher mit den wässerigen grauen Augen, wie hieß er noch – ach, egal –, zwei Jahre lang für sie aus der Festung geschmuggelt hatte. Die Briefe aus der Gefangenschaft hießen sie jetzt, es gab sie in unzähligen Ausgaben. Dieses ganze Zeug, die Briefe, von denen die Leute ihr immer sagten, sie strahlten so von »geistiger Kraft« – was vermutlich bedeutete, dass sie beim Schreiben vor lauter Anstrengung, den Mut zu behalten, gelogen hatte, dass sich die Balken bogen –, und die Analogie, mit Abstand das gründlichste Werk über ihr Denken, das sie je zustande gebracht hatte, das alles war in der Festung von Drio entstanden, nach Asieos Tod. Man musste irgendwas machen, und in der Festung waren Papier und Stifte erlaubt ... Aber es war alles in der hastigen Kritzelschrift verfasst, die sie nie als ihre eigene empfunden hatte, nicht so wie die runde, schwarze, flüssige Schrift des Manuskripts von Gesellschaft ohne Regierung vor fünfundvierzig Jahren. Taviri hatte nicht nur das Glück ihres Herzens und ihres Leibes mit in die Kalkerde genommen, sondern auch ihre schöne, klare Schrift.

Aber die Revolution hatte er ihr gelassen.

Wie tapfer von dir, weiterzumachen, in der Gefangenschaft zu arbeiten, zu schreiben, nach einer solchen Niederlage für die Bewegung, nach dem Tod deines Partners! Ständig hatte sie das von Leuten zu hören bekommen. Verfluchte Idioten. Was hätte sie sonst machen sollen? Tapferkeit, Mut – was war Mut? Das hatte sie nie begriffen. Ohne Angst zu sein, meinten einige. Trotz Angst weiterzumachen, meinten andere. Doch was konnte man anderes tun als weitermachen? Hatte man wirklich eine Wahl, jemals?

Sterben hieß nur, eine neue Richtung einzuschlagen.

Wer nach Hause gelangen wollte, musste immer, immer weitergehen, das hatte sie sagen wollen, als sie schrieb: »Wahres Reisen ist Wiederkehr«. Aber das war nie mehr als eine Intuition gewesen, und sie war jetzt weiter denn je davon entfernt, sie rational fassen zu können. Sie bückte sich, zu abrupt, sodass sie leise über das Knirschen ihrer Knochen stöhnte, und begann in der untersten Schublade ihres Schreibtischs zu kramen. Ihre Hand stieß an eine altersschlaffe Mappe und zog sie heraus, denn sie hatte durch die Berührung erkannt, was nun der Blick bestätigte: das Manuskript von Gewerkschaftliche Organisation im revolutionären Übergang. Den Titel hatte er in Druckschrift auf die Mappe geschrieben und darunter seinen Namen gesetzt, Taviri Odo Asieo, IX 741. Die Schrift war wirklich elegant, Buchstabe für Buchstabe wohlgeformt, kühn und fließend. Trotzdem hatte er es vorgezogen, einen Stimmendrucker zu verwenden. Das ganze Manuskript lag in Stimmendruck vor, in hoher Qualität, jegliches Zögern und sprachliche Eigenheiten ausgebügelt. Es war darin nicht zu sehen, dass er das »o« weit hinten in der Kehle gesprochen hatte wie die Leute an der Nordküste. Es enthielt nichts von ihm, außer seinem Denken. Abgesehen von dem Namen auf der Mappe hatte sie überhaupt nichts mehr von ihm. Seine Briefe hatte sie nicht behalten. Es war sentimental, Briefe aufzubewahren. Und sie bewahrte ohnehin nichts auf. Ihr fiel nichts ein, was sie jemals mehr als ein paar Jahre besessen hätte, außer diesem klapprigen alten Körper natürlich, und an den war sie gefesselt ...

Jetzt dualisierte sie schon wieder. »Ich« gegen »ihn«. Alt und krank sein machte dualistisch, eskapistisch. Der Verstand insistierte: Er ist nicht ich, er ist nicht ich. Aber er war es doch. Vielleicht konnten die Mystiker Geist und Körper trennen, sie hatte sie immer ein wenig um diese Möglichkeit beneidet, ohne je zu hoffen, dass sie es ihnen nachtun könnte. Flucht war nie ihre Sache gewesen. Sie hatte hier nach Freiheit gesucht, jetzt, für Körper und Seele.

Erst Selbstmitleid, dann Eigenlob, und hier saß sie noch immer, lieber Himmel, mit Asieos Namen in der Hand, warum? Kannte sie seinen Namen nicht, ohne ihn nachzusehen? Sie hob die Mappe an die Lippen und drückte einen festen Kuss auf den handgeschriebenen Namen, legte die Mappe wieder in die unterste Schublade, schob sie zu und setzte sich aufrecht hin. Ihre rechte Hand kribbelte. Sie kratzte sie, wedelte ärgerlich damit. Die Hand hatte sich nach dem Schlaganfall nicht wieder ganz erholt. Auch das rechte Bein und das rechte Auge und der rechte Mundwinkel nicht. Sie waren träge, ungeschickt. Sie kribbelten. Sie gaben ihr das Gefühl, ein Roboter mit Kurzschluss zu sein.

Und die Zeit lief ihr weg. Gleich würde Noi da sein; was hatte sie seit dem Frühstück bloß gemacht?

Sie erhob sich so rasch, dass sie ins Taumeln geriet, und hielt sich an der Stuhllehne fest, um nicht zu stürzen. Dann ging sie durch den Flur ins Bad und schaute dort in den großen Spiegel. Ihr grauer Knoten saß schief und zu lose, sie hatte ihn vorm Frühstück nicht richtig festgesteckt. Nun mühte sie sich erneut damit ab. Es fiel ihr schwer, die Arme hochzuhalten. Amai, die auf dem Weg zum Klo vorbeilief, blieb stehen, sagte: »Lass mich mal machen!«, und flocht ihn im Nu lächelnd und stumm mit ihren runden, starken, hübschen Fingern fest und ordentlich zusammen. Amai war zwanzig, weniger als ein Drittel so alt wie Laia. Ihre Mutter und ihr Vater waren beide in der Bewegung gewesen, er war im Aufstand von `60 umgekommen, sie war noch immer in den Südprovinzen aktiv. Amai war in Odonierhäusern aufgewachsen, für die Revolution geboren, eine echte Tochter der Anarchie. Und ein so stilles und freies und schönes Kind, dass einem die Tränen kamen, wenn man dachte: Das ist es, wofür wir gearbeitet haben, das ist es, was wir gemeint haben, das ist es, hier ist sie leibhaftig, die schöne, friedfertige Zukunft.

Laia Asieo Odos rechtes Auge weinte ein paar kleine Tränen, während sie zwischen den Waschbecken und den Toiletten stand und sich von der Tochter, die sie nicht zur Welt gebracht hatte, die Haare hochstecken ließ; aber ihr linkes, das heile Auge weinte nicht und scherte sich nicht darum, was das rechte machte.

Sie bedankte sich bei Amai und eilte in ihr Zimmer zurück. Im Spiegel hatte sie einen Fleck auf ihrem Kragen entdeckt. Pfirsichsaft vermutlich. Dumme alte Trieletante. Sie wollte nicht, dass Noi sie beim Eintreffen mit Sabber auf den Kragen vorfand.

Während das saubere Hemd über ihren Kopf glitt, dachte sie: Was ist an Noi so besonders?

Sie verschloss die Knebel am Kragen mit der linken Hand, langsam. Noi war Anfang dreißig, ein schmächtiger, muskulöser junger Mann mit einer sanften Stimme und wachen dunklen Augen. Das war das Besondere an Noi. So einfach war das. Sex, wie immer. Sie hatte sich nie zu einem hellhaarigen Mann oder einem beleibten hingezogen gefühlt oder zu den langen Kerlen mit dickem Bizeps, niemals, nicht einmal als Vierzehnjährige, als sie sich in jeden dahergelaufenen Furz verliebt hatte. Dunkel, schlank und feurig, das war das Rezept. Taviri natürlich. Dieser Knabe war nicht halb so intelligent wie Taviri und sah auch nicht so gut aus, aber so war es eben: Sie wollte nicht, dass er sie mit Sabber auf dem Kragen und aufgelösten Haaren sah.

Ihren dünnen, grauen Haaren.

Noi trat ein, nach einem kurzen Zögern an der offenen Tür. Himmel, sie hatte nicht einmal die Tür zugemacht, während sie das Hemd wechselte. Sie schaute ihn an und sah sich selbst. Die alte Frau.

Du könntest dir die Haare bürsten und dein Hemd wechseln oder das Hemd von letzter Woche anhaben und die Zöpfe von gestern Abend oder dich in goldene Stoffe hüllen und deinen rasierten Schädel mit Diamantpuder bestäuben. Es würde alles nicht das Geringste ändern. Die alte Frau würde so oder so lächerlich wirken, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger.

Man hält sich aus Anstand sauber und ordentlich, aus bloßer Vernunft und Rücksicht auf andere.

Bis schließlich auch das vorbei ist und man ungeniert sabbert.

»Guten Morgen«, sagte der junge Mann mit seiner sanften Stimme.

»Hallo, Noi.«

Nein, bei Gott, man machte es nicht nur aus Anstand. Der Anstand konnte sie mal. Nur weil der Mann, den sie geliebt hatte und dem ihr Alter gleichgültig gewesen wäre – weil er tot war, sollte sie so tun, als bedeutete ihr der Sex nichts? Sollte sie die Wahrheit unterdrücken wie eine prüde, obrigkeitsgläubige Gans? Noch vor einem halben Jahr, vor dem Schlaganfall, hatte sie Blicke von Männern auf sich gezogen, und die hatten es genossen, sie anzusehen; und jetzt, wo sie keinen Genuss mehr bereiten konnte, konnte sie verflucht nochmal machen, was sie wollte.

Schon mit sechs, als Papas Freund Gadeo häufig abends nach dem Essen vorbeikam, um mit ihm über Politik zu reden, hatte sie die goldfarbene Kette umgebunden, die Mama auf einer Müllkippe gefunden und ihr mitgebracht hatte. Sie war so kurz, dass sie immer unter dem Kragen verschwand und keiner sie sehen konnte. Es gefiel ihr so. Sie wusste, dass sie sie umhatte. Sie saß auf der Schwelle und lauschte ihrem Gespräch und wusste, dass sie sich für Gadeo schön gemacht hatte. Er war dunkelhäutig und hatte blitzweiße Zähne. Manchmal nannte er sie »hübsche Laia«. »Da ist meine hübsche Laia!« Das war vor sechsundsechzig Jahren.

»Was sagst du? Mein Kopf ist dumpf. Ich hatte eine furchtbare Nacht.« Das stimmte. Sie hatte noch weniger geschlafen als sonst.

»Ich habe gefragt, ob du heute Morgen die Zeitungen gesehen hast.«

Sie nickte.

»Bist du glücklich über Soinehe?«

Soinehe war die Provinz in Thu, die gestern Abend ihre Abspaltung vom Thuvischen Staat verkündet hatte.

Er war glücklich. Die weißen Zähne blitzen in seinem dunklen, wachen Gesicht. Hübsche Laia.

»Ja, und besorgt.«

»Klar. Aber diesmal ist es ernst. Es ist der Anfang vom Ende der Regierung in Thu. Sie haben nicht einmal versucht, Truppen nach Soinehe zu entsenden, weißt du. Dort würden die Soldaten lediglich schneller zu den Rebellen überlaufen, und das wissen sie.«

Das dachte sie auch. Sie war sich dessen genauso sicher. Aber seine Begeisterung konnte sie nicht teilen. Nach einem langen Leben der Hoffnung, weil es nichts als Hoffnung gab, verlor man den Geschmack am Sieg. Echtes Triumphgefühl brauchte vorher echte Verzweiflung. Sie hatte vor langer Zeit das Verzweifeln verlernt. Es gab keine Triumphe mehr. Man machte einfach weiter.

»Sollen wir heute diese Briefe erledigen?«

»Ja, gut. Welche Briefe?«

»An die Leute im Norden«, sagte er ohne jede Ungeduld.

»Im Norden?«

»In Parheo und Oaidun.«

In Parheo, der schmutzigen Stadt am schmutzigen Fluss, war sie geboren. Erst mit zweiundzwanzig war sie hierhergekommen, um die Revolution in die Hauptstadt zu tragen, wobei es damals, bevor sie und die anderen alles gründlich durchdacht hatten, eine ziemlich unreife, naive Revolution gewesen war. Streiks für höhere Löhne, Abgeordnetensitze für Frauen. Wahlen und Löhne – Macht und Geld, du lieber Himmel! Na, man lernte offenbar doch ein bisschen dazu, in fünfzig Jahren.

Aber dann musste man alles wieder vergessen.

»Oaidun zuerst«, sagte sie und setzte sich in den Lehnstuhl. Noi war am Schreibtisch bereit. Er las Ausschnitte aus den Briefen vor, die sie beantworten wollte. Sie versuchte sich zu konzentrieren und schaffte es immerhin, einen ganzen Brief zu diktieren und mit dem zweiten zu beginnen. »Vergesst nicht, dass eure Bruderschaft in dieser Phase anfällig ist für die Bedrohung durch ... nein, für die Gefahr ... für ...« Sie suchte weiter, bis Noi vorschlug: »Gefahren wie den Führerkult?«

»Ja. Und dass nichts so schnell durch Machthunger zu korrumpieren ist wie der Altruismus. Nein. Und dass nichts den Altruismus korrumpiert – nein. Ach, du lieber Himmel, du weißt, was ich sagen will, Noi. Schreib du‘s. Sie wissen es auch, es ist bloß immer wieder das Gleiche. Warum können sie nicht meine Bücher lesen!«

»Berührung.« Noi zitierte das odonische Prinzip mit sanftem Lächeln.

»Ja schön, aber mir reicht es mit den Berührungen. Wenn du den Brief schreibst, setze ich meinen Namen drunter, aber mehr ist heute Morgen nicht drin.« In seinem Blick stand eine Frage – oder Sorge. Gereizt sagte sie: »Ich habe anderes zu tun!«

*** 

Noch ganz erschrocken von ihren Worten setzte sie sich, als Noi weg war, an den Schreibtisch und schob Papiere hin und her. Sie hatte nichts anderes zu tun. Das hier war ihre Arbeit, ihr Lebenswerk. Die Vortragsreisen und die Versammlungen, und die Straßenagitation waren für sie nicht mehr zu machen, aber schreiben konnte sie noch, und das war ihre Arbeit. Und überhaupt: Wenn sie etwas anderes zu tun hätte, dann wüsste Noi das. Er führte ihren Terminkalender und erinnerte sie taktvoll an Verpflichtungen – wie den Besuch der ausländischen Studenten heute Nachmittag. Ach, Mist. Sie mochte die jungen Leute, und von Ausländern konnte man immer etwas lernen, aber sie hatte genug von neuen Gesichtern und genug davon, im Mittelpunkt zu stehen. Sie lernte von ihnen, aber sie lernten nichts von ihr; sie hatten längst alles gelernt, was sie zu lehren hatte, aus ihren Büchern, durch die Bewegung. Sie kamen nur als Schaulustige, so als wäre sie der Große Turm von Rodarred oder die Tulaevea-Schlucht. Ein Phänomen, ein Denkmal. Sie bestaunten sie ehrfürchtig. Und wurden von ihr angeknurrt: »Denkt eure eigenen Gedanken!« – »Das ist kein Anarchismus, sondern bloßer Obskurantismus.« – »Ihr meint doch nicht etwa, Freiheit und Disziplin wären unvereinbar?« Sie nahmen ihre Standpauken kleinlaut entgegen wie Kinder; dankbar, als wäre sie eine Art All-Mutter, die Abgöttin des großen, schützenden Mutterschoßes. Sie! Sie, die die Werften in Seissero vermint und Premierminister Inoilte vor 7000 Leuten ins Gesicht gesagt hatte, er würde sich noch die eigenen Eier abschneiden und in Bronze gießen und als Andenken verkaufen, wenn er meinte, daraus Profit schlagen zu können. Sie, die gekreischt, geflucht und Polizisten getreten und Priester angespuckt und auf dem Großen Platz des Kapitols öffentlich auf die große Messingtafel mit der Aufschrift AN DIESEM ORT WURDE DER SOUVERÄNE STAAT A-IO GEGRÜNDET BLABLABLA gepisst hatte. Pssssssssssss auf das alles! Und jetzt war sie die Großmama, die von allen geliebte alte Dame, das süße alte Denkmal, kommt her und huldigt am Schoße. Das Feuer ist erloschen, Jungs, ihr könnt ohne Sorge nähertreten.

»Nein«, sagte Laia laut. »Das mache ich nicht.« Es war ihr nicht peinlich, dass sie Selbstgespräche führte, denn das hatte sie immer getan. »Laias unsichtbares Publikum«, hatte Taviri immer gesagt, wenn sie murmelnd durchs Zimmer lief. »Ihr braucht nicht zu kommen. Ich werde nicht da sein«, erklärte sie dem unsichtbaren Publikum jetzt. Sie hatte soeben beschlossen, dass sie tatsächlich etwas vorhatte. Sie musste hinaus. Sie musste hinaus auf die Straße.

Die ausländischen Studenten zu enttäuschen war rücksichtslos. Es war launenhaft, typisch senil. Es war un-odonisch. Psssssss auf das alles. Was nützte es, sein Leben lang für die Freiheit zu schuften, wenn man am Ende selbst keine Freiheit mehr hatte? Sie würde einen Spaziergang machen.

»Was ist ein Anarchist? Einer der seine Entscheidung trifft und sie hinterher verantwortet.«

Auf der Treppe beschloss sie widerwillig, doch noch die ausländischen Studenten zu empfangen. Aber danach wollte sie raus.

Die Studenten waren sehr jung, sehr ernst: rehäugige, zottelige, entzückende Geschöpfe von der Westhalbkugel, aus Benbili und dem Königreich Mand. Die Mädchen in weißen Hosen, die Jungen in langen Röcken, kriegerisch und archaisch. Sie erzählten von ihren Hoffnungen. »Wir in Mand sind so weit von der Revolution entfernt, dass wir ihr vielleicht ganz nahe sind«, sagte eines der Mädchen mit sehnsüchtigem Lächeln: »Kreislauf des Lebens!« Und sie zeigte mit ihren schlanken, dunkelhäutigen Fingern, wie die Extreme einander begegneten. Amai und Aevi servierten ihnen weißen Wein und braunes Brot als Gaben des Hauses, aber die Besucher waren bescheiden, und nach kaum einer halben Stunde standen alle auf, um sich zu verabschieden. »Nein, nein, nein«, sagte Laia. »Bleibt noch, unterhaltet euch mit Aevi und Amai. Ich werde nur steif vom Sitzen, versteht ihr, ich muss mich bewegen. Es war so schön, euch kennenzulernen, werdet ihr mich bald wieder besuchen kommen, meine kleinen Brüder und Schwestern?« Denn sie hatte sie ins Herz geschlossen, und ihnen ging es ebenso. Sie gab allen Küsschen und freute sich an den dunklen jungen Wangen, den liebevollen Blicken, dem parfümierten Haar, bis sie schließlich hinausschlurfte. Sie war wirklich ein wenig erschöpft, aber jetzt nach oben zu gehen und sich hinzulegen wäre eine Niederlage. Sie hatte rausgewollt. Und sie würde rausgehen. Wie lange war sie nicht mehr aus dem Haus gewesen? Seit dem Winter! Vor dem Schlaganfall. Kein Wunder, dass sie morbide wurde. Es war eine echte Gefängnisstrafe gewesen. Draußen, in den Straßen, das war ihr Leben.

Sie verließ das Haus leise durch den Seiteneingang und ging am Gemüsegarten vorbei zur Straße. Der schmale Streifen mit saurem Stadtboden war wunderschön angelegt und erbrachte eine gute Bohnen- und Ceea-Ernte, aber Laia hatte kein Auge für Pflanzenzucht. Natürlich war es immer klar gewesen, dass anarchistische Gemeinschaften, auch schon in der Zeit des Übergangs, danach streben mussten, sich optimal selbst zu versorgen, aber wie das mithilfe von Erde und Pflanzen praktisch umzusetzen war, ging sie nichts an. Dafür gab es Bauern und Agronomen. Ihre Wirkungsstätte waren die Straßen, die lauten, stinkenden Kopfsteinstraßen, in denen sie aufgewachsen war und wo sie abgesehen von den fünfzehn Jahren im Gefängnis ihr ganzes Leben verbracht hatte.

Liebevoll betrachtete sie die Fassade des Hauses. Dass es ursprünglich eine Bank gewesen war, erfüllte die gegenwärtigen Bewohner mit einer merkwürdigen Befriedigung. Sie lagerten ihre Mehlsäcke im bombensicheren Geldtresor und ließen ihren Most, abgefüllt in kleine Fässer, in den Schließfächern altern. Über den verschnörkelten Säulen zur Straße hin stand noch in gemeißelten Lettern: »Nationale Investoren- und Getreidehändler-Bank K. G.« Die Bewegung legte nicht viel Wert auf Namen. Sie besaß keine Fahne. Parolen kamen und gingen, wie sie gebraucht wurden. Man konnte jederzeit den Kreislauf des Lebens in Wände und Gehwege ritzen, wo sie der Obrigkeit auffallen mussten. Doch Namen waren ihnen gleichgültig, sie nahmen alle an, die für sie erdacht wurden, und ignorierten sie ohne Angst vor Festschreibungen und Beschränkungen, ohne Angst vor Lächerlichkeit, und deswegen hieß dieses berühmteste und zweitälteste aller Kooperativhäuser bei allen nur »die Bank«.

Es ging auf eine breite, ruhige Straße hinaus, doch nur eine Ecke weiter begann der Temeba, ein offener Markt, früher berühmt als ein Schwarzmarktzentrum für Psycho- und Teratogenerika, während es dort heute nur noch Gemüse, gebrauchte Kleidung und erbärmliche Schaubuden gab. Von der verruchten Lebendigkeit war nichts mehr übrig, es blieben nur noch halbgelähmte Alkoholiker, Süchtige, Krüppel, Hausierer und fünftklassige Nutten, Pfandleiher, Spielhöllen, Wahrsager, Körperplastiker und billige Hotels. Laia wandte sich dem Temeba zu wie Wasser, das der Schwerkraft folgt.

Sie hatte die Stadt nie gefürchtet oder verachtet. Sie war ihre Heimat. Wenn die Revolution siegte, würde es keine Elendsviertel wie dieses mehr geben. Aber Elend würde fortbestehen. Es würde immer Elend, Verschwendung, Grausamkeit geben. Sie hatte nie vorgegeben, den menschlichen Charakter ändern zu wollen, eine Mama zu sein, die alles Tragische von den Kindern fernhielt, damit sie sich nicht wehtaten. Alles andere als das. Solange die Menschen eine freie Wahl hatten, war es allein ihre Angelegenheit, ob sie beschlossen, sich mit Fliegenwurz zu betrinken und in Kloaken zu leben. Hauptsache sie waren nicht Opfer von Geschäftemacherei oder Mittel zum Profit und zur Macht anderer.

Das alles hatte sie bereits gespürt, als sie noch gar nichts wusste. Lange bevor sie das erste Pamphlet geschrieben, bevor sie Parheo verlassen hatte, bevor sie einen Begriff vom »Kapital« hatte, bevor sie aus der Straße am Fluss herausgekommen war, wo sie mit den anderen Sechsjährigen auf verschorften Knien auf dem Gehweg Kullerfangen gespielt hatte, war es für sie klar gewesen, dass sie und die anderen Kinder und ihre Eltern und deren Eltern, und die Trinker und Nutten und alle in der Straße am Fluss der Bodensatz von etwas waren – das Fundament, die Wirklichkeit, die Quelle. Aber später hatten die anständigen Leute erschrocken gerufen: Willst du die Zivilisation in den Dreck zerren? Und sie hatte jahrelang versucht, ihnen zu erklären, wenn man nichts habe als Dreck, dann forme man daraus, so man Gott war, Menschen, und als Mensch versuche man, daraus Häuser zu bauen, Wohnstätten für Menschen. Aber das konnte keiner, der sich für etwas Besseres hielt als Dreck, verstehen.

Während Laia jetzt, im Sog der Schwerkraft, Dreck zu Dreck, durch die übelriechende, laute Straße schlurfte, wurde die ganze Hässlichkeit und Schwäche ihres Alters zur Selbstverständlichkeit. Die verschlafenen Nutten mit ihren schiefen, zotteligen, gelackten Hochfrisuren, die Einäugige, die mit müdem Geschrei ihr Gemüse anpries, die schwachsinnige Bettlerin, die nach Fliegen schlug, das waren ihre Leute. Sie sahen aus wie sie. Sie waren allesamt traurig, garstig, abstoßend, erbärmlich, unappetitlich. Sie waren ihre Schwestern, Angehörige ihres Volkes.

Laia fühlte sich schwach. Sie war schon lange nicht mehr so weit gelaufen, über vier oder fünf Querstraßen ganz allein, durch den Lärm und das Gedränge unter der heißen Sommersonne in den Straßen. Sie hatte in den Koly Park gehen wollen, zum spärlich begrünten Dreiecksplatz am Ende des Temeba, um sich dort eine Weile zu den anderen alten Männern und Frauen zu setzen, die immer dort saßen, weil sie sehen wollte, wie es war, dort zu sitzen und alt zu sein. Aber es war zu weit. Wenn sie jetzt nicht umkehrte, würde ihr vermutlich bald schwindelig werden, und sie hatte schreckliche Angst davor zu stürzen, zu stürzen und dazuliegen und zu den Leuten aufblicken zu müssen, die kamen, um die hilflose alte Frau anzustarren. Also trat sie den Rückweg an und machte vor Anstrengung und Selbstekel ein finsteres Gesicht. Sie spürte, dass sie hochrot war, und in ihren Ohren kam und ging ein schwebender Ton. Es wurde ein bisschen viel, sie hatte wirklich Angst umzukippen. Da erblickte sie einen Hauseingang, der im Schatten lag, und ging hin und ließ sich vorsichtig auf der Stufe nieder und blieb sitzen und seufzte.

In der Nähe saß ein Obstverkäufer stumm hinter seinen verstaubten, welken Waren. Leute gingen vorbei. Keiner kaufte ihm etwas ab. Keiner sah sie an. Odo, wer war Odo? Berühmte Revolutionärin, Autorin von Gemeinschaft, der Analogie, etc. pp. Sie, wer war sie? Eine alte Frau mit grauen Haaren und rotem Gesicht, die Selbstgespräche führte und in einem Armenviertel auf einer schmutzigen Türschwelle saß.

Stimmte das? War sie das? Jedenfalls war es das, was die Passanten sahen. Aber war das sie, sie selbst, mehr als die berühmte Revolutionärin etc.? Nein, ganz und gar nicht. Aber wer war sie dann?

Die Frau, die Taviri liebte.

Ja. Ganz sicher. Aber das reichte nicht. Das war vorbei; er war schon so lange tot.

»Wer bin ich?«, fragte Laia ihr unsichtbares Publikum leise, und es kannte die Antwort und gab sie ihr mit vereinter Stimme. Sie war das kleine Mädchen mit den verschorften Knien, das in der Spätsommerhitze vor der Tür saß und in den schmutzig goldenen Dunst der Straße am Fluss stierte, die Sechsjährige, die Sechzehnjährige, das wilde, von Träumen getriebene Mädchen, unberührt, unberührbar. Sie war sie selbst. Sie war auch die unermüdliche Arbeiterin und Denkerin gewesen, aber diese Frau hatte ihr ein Blutgerinnsel in einer Vene genommen. Ja, sie war auch die Liebende, die mitten im Strom des Lebens Schwimmende gewesen, aber diese Frau hatte Taviri mit in den Tod genommen. Es war nichts mehr, wirklich nichts mehr übrig als der Urgrund. Sie war heimgekehrt; sie hatte ihr Zuhause nie verlassen. »Wahres Reisen ist Wiederkehr.« Staub und Dreck und eine Türschwelle im Armenviertel. Und dahinter, ganz am Ende der Straße, das Feld voll hoher trockener Blumen, die sich im Wind wiegten, wenn die Nacht kam.

»Laia! Was machst du hier? Ist alles in Ordnung?«

Jemand aus dem Haus natürlich, eine nette Frau, ein wenig übereifrig und mit einem Mundwerk, das nie stillstand. Laia kam nicht auf ihren Namen, obwohl sie sie seit Jahren kannte. Sie ließ sich nach Hause bringen, und die Frau redete unentwegt. Im großen, kühlen Gemeinschaftsraum (in dem einst Kassenbeamte hinter blanken Tresen gestanden und unter der Aufsicht von bewaffneten Wachposten Geld gezählt hatten), setzte sich Laia auf einen Stuhl. Sie mochte sich noch nicht an die Treppe wagen, auch wenn sie gern allein gewesen wäre. Die Frau redete weiter, und es kamen noch mehr aufgeregte Leute hinzu. Offenbar wurde eine Demonstration geplant. Die Ereignisse in Thu hatten ein solches Tempo erreicht, dass sie die Stimmung hier anfachten und etwas getan werden musste. Für übermorgen, nein morgen, war ein Marsch anberaumt, ein großer, von der Altstadt zum Platz des Kapitols, die alte Strecke. »Wieder ein Aufstand im neunten Mond«, sagte ein junger Mann lachend und mit einem glühenden Blick zu Laia hin. Er war zur Zeit des Aufstands im neunten Mond noch gar nicht auf der Welt gewesen, er kannte ihn nur aus der Geschichte. Jetzt wollte er selbst Geschichte schreiben. Der Raum hatte sich gefüllt. Morgen wollte man hier eine Generalversammlung abhalten, um acht Uhr morgens. »Du musst sprechen, Laia.«

»Morgen? Oh, morgen bin ich nicht hier«, sagte sie brüsk. Der Mann, der sie angesprochen hatte, grinste, ein anderer lachte, nur Amai sah sich erstaunt nach ihr um. Sie diskutierten und brüllten weiter. Die Revolution. Was hatte sie nur getrieben, diese Antwort zu geben? Wie konnte man am Vorabend der Revolution so etwas sagen, selbst wenn es die Wahrheit war.

Sie wartete noch eine Weile ab, dann raffte sie sich auf und schaffte es trotz ihrer Schwerfälligkeit, den Leuten und ihren Plänen und ihrer Aufregung unbemerkt zu entschlüpfen. Sie erreichte den Flur, die Treppe, und stieg sie Stufe für Stufe hinauf. »Generalstreik«, sagte eine, sagten zwei, sagten zehn Stimmen unten in dem Raum hinter ihr. »Generalstreik«, murmelte Laia, als sie auf dem Absatz ausruhte. Oben, vor ihr, in ihrem Zimmer, was erwartete sie dort? Ihr privater Schlaganfall. Das war fast komisch. Sie stieg den zweiten Treppenabschnitt hinauf, Stufe für Stufe, erst mit einem Bein, dann mit dem anderen, wie ein kleines Kind. Ihr war schwindlig, aber sie hatte kein Angst mehr davor zu stürzen. Da hinten, vor ihr in der Ferne, nickten die trockenen weißen Blüten und wisperten auf dem offenen abendlichen Feld. Zweiundsiebzig Jahre, und nie hatte sie die Zeit gefunden, ihren Namen zu lernen.



Deutsch von Karen Nölle


Karen Nölle lebte als freie Übersetzerin und Lektorin in Niederkleveez. Sie hat unter anderem Doris Lessing und Alice Munro ins Deutsche übertragen.

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© 1974 by Ursula K. Le Guin
Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Day Before the Revolution« im August 1974 in der Zeitschrift Galaxy
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin, vermittelt durch die Agentur Fritz + Fritz, Zürich
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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