FICTION

Operation Gnadenakt (Frank Böhmert)



Geahnt haben wir es alle schon, jetzt haben wir Gewissheit: Er ist wieder da. Wer? Na, wer schon? Um herauszufinden, was es damit auf sich hat, musst du schon diese tolle Geschichte lesen. Erstmals erschienen ist sie 2015 in der Zeitschrift phantastisch! (Ausgabe 57). Und wurde daraufhin prompt mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis als »beste deutschsprachige Kurzgeschichte« ausgezeichnet. Die Redaktion von TOR ONLINE gratuliert!


Eines schönen Tages im Frühherbst 2033 schlug der Präsident seinem Verteidigungsminister vor, die wöchentliche Heimatschutzsitzung mit einem Vier-Augen-Gespräch am Picknicktisch auf dem Südrasen vor dem Oval Office zu beschließen.

Der General sah ihn fragend an, sagte aber nur: »Sehr gern, Sir.«

Wenig später nahmen sie einander gegenüber an dem schweren Holzmöbel Platz. Die Dyson-Kuppel hielt den Sprühregen ab; sämtliche Abhörsicherungen waren hochgefahren. »Nun, Mr. President? Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Nicht so förmlich, bitte. Sagen Sie Liam.«

»Sehr gern, Sir. Womit kann ich Ihnen dienen, Liam? Mit einer persönlichen Einschätzung zur Warm-Standby-Option?«

»O nein.« Der Präsident lachte kurz. Es war kein gutes Lachen. »Nein, nein. Nichts dergleichen.« Er atmete durch. »Noah, ich möchte gern, dass Sie mir etwas über die Operation Gnadenakt erzählen.«

»Mit Verlaub, Sir, ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Auch der Oberbefehlshaber der Streitkräfte muss nicht alles wissen.«

Der Präsident wedelte mit dem Zeigefinger. »Noah, Noah, Noah. Diese Antwort lasse ich nicht gelten. Ich habe hier …« Er griff in die Brusttasche seines Jacketts, zog einen handbeschriebenen Bogen Briefpapier des Weißen Hauses hervor und entfaltete ihn. »Ich habe hier den Übergabebrief meines Amtsvorgängers. Darin steht, und ich zitiere wörtlich: Wenn Ihnen, mein lieber Liam, der beständige Blick in den Abgrund einmal allzu finster geraten sollte und nichts mehr hilft, die Perspektive geradezurücken, dann fragen Sie Ihren Verteidigungsminister nach der Operation Gnadenakt.« Der Präsident sah ihn erwartungsvoll an.

»Dort steht doch sicher auch noch etwas wie: aber nur als letzten Strohhalm wohlgemerkt. Und ich darf hinzufügen, Sir, dass Ihr Vorgänger diesen Strohhalm nie gezogen hat.«

»Er hat eben in weniger interessanten Zeiten gelebt.«

Der General nickte und stand auf. »Wir werden fliegen müssen, Mr. President.«

***

Tief in den unterirdischen Anlagen der Peterson Airforce Base im Cheyenne Mountain, Colorado, hatte Pflegekraft Sophia Mühe, sich nicht die Faust vor den Mund zu pressen. Aber die Überwachungskameras waren überall, und sie durfte sich nicht gehenlassen.

Diese grausige, gepeinigte Kreatur! Nur Haut noch, Knochen, vergilbtes Leder, das sich brüchig spannte – und dann der Aberwitz: diese Zähne. Diese perfekten, blendend weißen Hollywood-Zahnreihen.

Ein Nacktmull lag da am Fußende des Bettes zwischen den weißen Laken zusammengerollt. Ein Riesennacktmull mit perfektem Gebiss.

Sophia war eine gute Amerikanerin. Treue Soldatin, patriotisch, das Herz am rechten Fleck.

Aber sie wusste nicht, wie lange sie das hier noch aushielt.

***

»Hitler? Adolf Hitler?« Der Präsident raufte sich die Haare. »Er lebt? Und Eva Braun wohl auch und Blondi, oder was?«

»Nein, Sir. Eva Braun ist tot; sie hat sich tatsächlich mit dem Gift umgebracht, das sie zuvor an der Schäferhündin erprobt hatte. Wobei wir ihm recht schnell Blondi die Zweite zur Seite gestellt haben; das bot sich aus diversen Gründen an.«

»Aber wieso Hitler? Und wie? Warum?«

»Ein Verbrechen ohnegleichen erforderte eine Strafe ohnegleichen, Sir.« Der General hielt die Dokumentation an, die er dem Präsidenten gerade zeigte. »Also ersann Präsident Truman gemeinsam mit seinem engsten Beraterstab während eines Kamingesprächs das Projekt Gnadenakt. Statt mit dem Tode sollte Hitler mit Lebensverlängerung bestraft werden. Zu diesem Zweck sind der Einfallsreichtum und die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Medizintechnik hier zusammengeführt worden.«

»Aber was ist eine Strafe daran, zu leben? Sie meinen … medizinische Experimente? Folter?«

»Keinesfalls, Mr. President. Ich möchte behaupten, in den vergangenen achtundneunzig Jahren hat nicht ein einziger unserer Ärzte gegen den hippokratischen Eid verstoßen. Adolf Hitler wurde das Beste vom Besten der amerikanischen Medizin zuteil.«

Liam lachte fassungslos auf und deutete mit der Hand zu demjenigen Bildschirm hin, der das Standbild eines Männleins in einem gestreiften Pyjama zeigte. »Sie wollen sagen, Hitler sitzt da den ganzen Tag in einem Ein-Mann-Sanatorium als … was? … als Hundertfünfzigjähriger herum? Und malt Rosen?«

»Hitler malt schon lange keine Rosen mehr, Sir.«

»Sondern?«

»Nun, eine Zeitlang hat er sich gewissermaßen ausgetobt. Jackson Pollock, Sir. Action-Painting. Dann kam eine Zen-Phase. Leere Flächen. Seit einigen Jahrzehnten malt er Heiligenbildchen, anonym wie irgendein Mönch in seiner Waldklause.«

»Hm. Irgendwelche Aufarbeitungen seiner Taten?«

»Nein, Sir. Nichts dergleichen.«

»Was geschieht mit den Bildern?«

»Ach, die werden vernichtet. Dokumentiert für unsere Psychologen und dann vernichtet.«

Liam nickte grimmig. »Das fehlte noch, dass irgendwann durch irgendwelche dunklen Kanäle Hitler-Bilder auf den Kunstmarkt kommen.« Er winkte zu den altmodischen Flachbildschirmen hin. »Aber erklären Sie mir, wie das mit seiner Strafe funktioniert, Noah. Ich verstehe das noch nicht.«

Der General ließ die Doku weiterlaufen, drehte jedoch die Lautstärke herunter. »Nun, Mr. President – Liam, das ist eigentlich ganz einfach. Er darf sich ansehen, wie die Welt aussieht, nunmehr im Jahre 100 seines Tausendjährigen Reiches. Nachrichten, Literatur, Filme, Musik … Wir halten ihn stets auf dem Laufenden.«

»Aber … Sie filtern die Nachrichten doch hoffentlich?«

»Nein, Liam. Wieso? Das läuft alles ethisch völlig korrekt ab. Er soll die Welt so sehen, wie sie ist. Judentum, kapitalistische Demokratien, entartete Kunst, farbige Untermenschen, minderwertiges Leben allüberall. Und er darf immer mitfiebern, wenn irgendwo ein versprengter, ideologisch verblendeter Haufen daran etwas zu ändern versucht.«

»Mein Gott. Das ist …« Der Präsident lachte auf. »Perfide! Brillant!«

»Ich kann Ihnen gern einspielen, wie er damals auf Nine-Eleven reagiert hat, Liam. Und darauf, dass wir uns Osama geholt haben.«

Der Präsident winkte lachend, kopfschüttelnd ab. Schlagartig wurde er ernst. »Und wenn ihn einmal einer meiner Amtsnachfolger begnadigt?«

»Nun, Liam«, der General grinste, »er ist zu sechs Millionen mal lebenslänglich verurteilt worden. Die Kaminrunde damals befand, dass tausend Jahre Reichsentwicklung reichen sollten. Das war ihnen Gnadenakt genug. Bisher hat das jeder Ihrer Vorgänger, der überhaupt etwas über die Operation wissen wollte, auch so gesehen.«

»Verstehe.« Der Präsident nickte, eine Hand vor dem Mund. »Verstehe.« Seine Augen glänzten.

»Ich werde Sie jetzt für einige Minuten der stillen Kontemplation alleinlassen, Liam. Hier können Sie verschiedene, thematisch und zeitlich geordnete Dokus anwählen; das dort sind die Live-Cams. Er befindet sich allerdings im Moment in einer Schlafphase. Mit dem roten Knopf können Sie mich rufen.« An der Tür drehte sich der General noch einmal um. »Wenn Sie mir die Vertraulichkeit gestatten, Mr. President. Das alles«, er deutete eine umfassende Handbewegung an, »macht etwas mit einem. Es empfiehlt sich, dem Raum zu geben.«

***

Pflegekraft Sophia wischte die glatten Flächen mit Desinfektionstüchern ab. Immer wieder linste sie zum Bett hinüber. Da lag dieses Ding, und jeder Atemzug dehnte die Haut über den Rippen. Es schlief wie so oft am Fußende statt dort, wo es hingehörte.

Wo es hingehörte. Sophia schnaubte. Es gehörte doch woanders hin. Aber ganz woanders!

Sie wischte über die Anrichte; fertig. Jetzt noch das Bad, dann war sie durch für diese Schicht.

Das Bad noch, mehr Zeit zum Zögern blieb ihr nicht. Bald würde ihre Schichtkollegin im Dienstzimmer unruhig werden, wenn sie sich so lange auf der Station Neuschwabenland aufhielt, wie die abgeschottete unterirdische Wohnung schon vor Generationen vom Pflegepersonal getauft worden war.

Entweder sie tat es während der für das Badreinigen veranschlagten siebzehn Minuten, oder sie bereitete dieser Quälerei auch heute kein Ende.

Sophia schluckte schwer und ging ins Bad, verfolgt von den Schnarchgeräuschen dieses uralten, wider die Natur am Leben gehaltenen Dings, das doch auch nur eine von Gottes Kreaturen war. Oder hätte sein müssen.

***

Liam zappte sich durch mehrere Dokumentationen und erfuhr, dass Hitler knapp zwei Dutzend Selbstmordversuche unternommen hatte, aber stets gerettet worden war, dass einige revolutionäre Biotechniken an ihm erstmals hatten erprobt werden können und dass die aus seiner Langzeit-Isolation gewonnenen Erfahrungen einen entscheidenden Beitrag zur Realisierung der Internationalen Marsstation geleistet hatten.

Der Präsident gähnte, jedoch nicht vor Müdigkeit, wie er feststellte, eher vor Überforderung. Ihm schwirrte der Kopf. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Sämtliche Biodaten deuteten auf gewaltigen Stress hin. Gleichzeitig empfand er so etwas wie Glück.

Er ließ die Dokus links liegen und widmete sich stattdessen den Live-Cams. Viel war nicht los. Die Zelle, einem Apartment von gehobenem Standard nachempfunden, lag ruhig da. Nur im Badezimmer wirbelte eine Pflegekraft. Sie war eigentlich nicht sein Typ, aber sie war noch jung, hypnotisch jung geradezu nach den vielen Bildern dieses alternden, zum Leben verurteilten Megamörders, und Liam verfolgte gebannt ihren Weg durch das Bad und die klinisch sauberen Räume. An der Tür blieb sie stehen, neigte den Kopf und ging, sich einen Ruck gebend, entschlossen zum Schlafzimmer zurück.

Liam fand den Bildschirm für die Schlafzimmerkamera erst nach einem Moment der Desorientierung und fuhr aus dem Schreibtischstuhl auf.

Die Pflegerin stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf ein Kissen; zwischen den Laken zappelten nackte Gliedmaßen.

Er riss sich von dem Anblick los, dann hieb er auf den roten Knopf.

»O mein Gott, sie bringt ihn um, sie bringt ihn um!«, rief er, als der General in der Tür des Büroraums auftauchte.

Dieser schlug sofort Alarm. Sirenen heulten, Lichter blinkten, hektisches Trampeln von Stiefeln; Soldaten stürmten, via Live-Cam verfolgbar, die Zelle.

Nach einigen Sekunden – Entwarnung.

»Kein Problem, Sir«, sagte der General und atmete durch. »Ist nur der Hund. Kommt gelegentlich vor. Wenn, dann haben sie Mitleid mit dem Hund.«

 

 

© 2016 by Frank Böhmert
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in "phantastisch!", Ausgabe 57, Atlantis-Verlag

Frank Böhmert wurde 1962 in Berlin-Kreuzberg geboren. Mit fünfzehn Jahren beschloss er, Schriftsteller zu werden. Mit einunddreißig Jahren hörte er auf, anderweitig sein Geld zu verdienen, und lebt seitdem von der Textarbeit, hauptsächlich Übersetzungen. Mit vierundfünfzig Jahren bekam er zum ersten Mal einen Literaturpreis. Für diese Geschichte ... Sein Blog findet sich hier


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