Fiction: Drachenreigen von Kai Meyer
FICTION

Drachenreigen (Kai Meyer)


26.01.2017

Es ist die Nacht, in der sich die Drachen zu ihrem feurigen Paarungstanz am Himmel treffen. Die Nacht, in der ein Junge und ein Mädchen im Schein des Drachenfeuers ihre ersten eigenen Erfahrungen mit der Liebe machen. Eine phantastische Kurzgeschichte über den Zauber frühen Verliebtseins von Bestseller-Autor Kai Meyer.

***

»Ich komm gern hierher«, sagte ich, und das war nicht gelogen. »Auch ohne die Drachen.«

»Ja«, sagte sie. Ich war nicht sicher, wie sie das meinte: Ging sie selbst manchmal her, oder bedeutete es nur, dass sie sich natürlich vorstellen konnte, dass einer wie ich sich oft hier draußen herumtrieb?

Ich hätte sie danach fragen können, aber an einem Abend wie diesem hatte ich Angst vor der Antwort. Nur keinen Fehler machen. Nicht heute. Nicht mir ihr.

»Ja«, sagte sie noch einmal, diesmal leiser, aber das machte die Sache auch nicht klarer.

Ich zuckte die Achseln und lächelte. Sie mochte mein Lächeln, das hatte sie mir auf dem Weg hierher gesagt, und wie war das für den Anfang? Seitdem zeigte ich es ihr, so oft ich nur konnte, und das war immer dann, wenn sie mich ansah.

Sie saß neben mir im hohen Gras. Die Halme bildeten um uns eine Mulde, die von außen nicht einzusehen war. Der Feuerschein spiegelte sich auf ihren nackten Schenkeln, auf ihren Unterarmen, auf ihrem langen Haar. Während sie mich vorhin geküsst hatte – ja, sie hatte mich geküsst, was hoffentlich nicht nur an meinem Lächeln lag, aber eigentlich war mir das egal, solange sie nur weitermachte – während sie mich also geküsst hatte, hatte sie zugelassen, dass ich meine Hand auf ihren Schenkel legte und langsam daran hinaufstrich. Bevor es aber ernst werden konnte, hatte ich mir Sorgen gemacht, dass ich zu voreilig sein und sie verärgern könnte, und das wäre dann wohl das Ende dieses Abends gewesen. Deshalb hatte ich die Hand wieder hinuntergeschoben, ganz langsam, dann wieder hinauf und wieder hinunter. Es war schön, sie zu streicheln. Sie fühlte sich toll an.

Die Luft war fast windstill, als hätten sich selbst die Naturgewalten zurückgezogen um die Drachen zu beobachten, so wie das wohl jeder tat in dieser Nacht. Nach Sonnenuntergang hatten sich die meisten Menschen auf den Straßen versammelt oder waren hoch auf die Stadtmauer geklettert, um das Spektakel von dort aus zu bestaunen. Eigentlich war es verboten, sich heute im Freien aufzuhalten, aber niemand kümmerte sich darum, zumindest was die Straßen und die Plätze und die Mauer anging.

Hierher zu gehen, wo wir beide jetzt saßen – oder lagen –, war etwas anderes. Den Ring der Stadtmauer zu verlassen war ein schwerer Verstoß gegen das Gesetz, aber als ich den Vorschlag gemacht hatte, hatte sie mich so verliebt angesehen, dass ich meinen Fuß eher freiwillig unter ein Karrenrad meines Vaters gestellt hätte, als jetzt noch vernünftig zu werden.

Nur wir zwei. Ganz ungestört. In der Nacht der Drachen.

Wir waren durch den Mauerspalt aus der Stadt geschlichen, durch den Ring aus Buschwerk, dann die steile Wiese hinunter und zu dem schmalen Weg, der auf dieser Seite unterhalb der Stadtmauer verlief. Hand in Hand waren wir gelaufen, und sie hatte gelacht, während wir den Kuhfladen ausgewichen waren, und ich hatte das Gefühl, nie in meinem Leben etwas so Bezauberndes gehört zu haben. Sie trug ein kurzes Kleid, das bei jedem Schritt an ihren langen Schenkeln hinaufrutschte, und ich hatte Mühe, die Fladen und ihre Beine im Auge zu behalten. Ich weiß nicht mal, ob es ihr auffiel, aber ich denke, doch. Sie war schlau. Viel schlauer als ich, glaubte ich damals, und normalerweise hörte ich gern dabei zu, wenn sie sprach.

Was nun die Drachen anging – ich glaube, in keiner ihrer Paarungsnächte habe ich jemals so wenig zum Himmel hinaufgeschaut wie in dieser, und selbst wenn ich es tat, sah ich eigentlich gar nicht hin, sondern tat nur so, damit sie nicht in meinen Augen lesen konnte, wie aufgeregt ich war.

»Deine Hand zittert«, sagte sie prompt.

»Ach ja?«

»Ich kann´s spüren ... auf meinem Bein.«

»Oh, das!« Ich schluckte. »Tut mir leid.«

Sie kicherte. »Deshalb musst du sie nicht gleich wegziehen.«

»Ich dachte nur ... ich ...«

»Ich hab gesagt, dass sie zittert, nicht, dass sie mich stört.«

»Ah ... gut.« Ich legte die Hand wieder hin, wenn auch eine Spur vorsichtiger.

»Siehst du – sie zittert noch immer.«

»Vielleicht friere ich.«

»Mitten im Sommer?«

»Wohl nicht, was?«

»Kann ich mir nicht vorstellen.« Da war es wieder, ihr Lachen. Wie konnte jemand, der so wunderschön lachte, mir Komplimente über mein Lächeln machen? Ich habe nie wieder ein so hübsches Mädchen gesehen. Ehrenwort.

Sie beugte sich vor und küsste mich. Ich erwiderte den Kuss, und erst, als ich den Kopf zurückzog, wurde mir bewusst, dass ihre Zungenspitze über meine Lippen gestrichen war. Und ich hatte sie fest aufeinandergepresst! Purer Instinkt. Nein, Scheu. Oder Dummheit. Wer wusste schon, ob so eine Gelegenheit je wiederkam.

Aber, ach was, sie lag doch neben mir im Gras, keiner sonst war hier, und sie hatte nichts dagegen, dass meine Hand über ihre Oberschenkel glitt. Diese ganze Nacht war eine einzige große Gelegenheit. Der Gedanke beruhigte mich ein wenig, und vielleicht hörten sogar meine Finger auf zu zittern. Jedenfalls erwähnte sie es nicht mehr.

Ich versuchte, in ihre Augen zu blicken, aber sie schaute schon wieder zum Himmel hinauf. Ich betrachtete ihr Profil, beschienen vom gelbroten Flackern der Flammenzungen, ihre langen Wimpern und die bildschöne Nase, deren Spitze ein klein wenig nach oben wies, und die Grübchen, die selbst dann zu sehen waren, wenn sie nicht lachte. Ich schaute an ihrem langen Hals hinab bis zu der schmalen Vertiefung oberhalb des Brustbeins. Über dem Kleid trug sie ein Wildlederhemd ihres Vaters, es war ihr zu groß, und die beiden oberen Knöpfe aus Horn standen offen. Sie hatte kleine Brüste, die sich unter dem weichen Leder abzeichneten, und ich überlegte fieberhaft, wann ich es wohl wagen könnte, sie dort zu berühren, und wie es sich anfühlen würde, diese Knöpfe zu öffnen und, überhaupt, all das andere.

Einmal, beim Schwimmen, hatte ich einen Blick auf eine ihrer Brustwarzen erhaschen können, sie waren klein und sehr hell. Eigentlich hatte ich sogar noch mehr von ihr gesehen, aber das war ein paar Jahre her, damals waren wir elf oder zwölf, und wir waren im Wald gewesen, auf der anderen Seite der Stadt, und sie hatte gesagt, sie müsse mal – das viele Wasser aus der Quelle, ich wisse schon –, und dann hatte sie sich einfach hingehockt, ihr Kleid hochgeschoben, und ich hatte zugeschaut, und es hatte ihr nichts ausgemacht. Damals hätte das nichts Besonderes sein müssen, aber das war es eben doch, jedenfalls für mich, und sogar jetzt, mit sechzehn, dachte ich noch manchmal daran zurück.

»Dein Herz, mein Amethyst«, sagte sie. Ich weiß nicht mehr, wann sie angefangen hatte, mich so zu nennen, aber es lag Jahre zurück.

»Was ist damit?«

»Es schlägt so laut.«

Ich hob beide Augenbrauen. »Du kannst mein Herz hören?«

»Sicher.« Sie schmunzelte. »Und die Leute oben auf der Stadtmauer wahrscheinlich auch, bei all dem Lärm, den es macht.«

Ich versuchte, auf meinen eigenen Herzschlag zu lauschen. »Ehrlich?« Ich muss ziemlich rot geworden sein, aber sie besaß genug Feingefühl, mich nicht darauf anzusprechen.

Meine Hand lag noch immer auf ihrem Oberschenkel, und nun beschloss ich, alles auf eine Karte zu setzen. Langsam ließ ich meine Finger höher gleiten, dorthin, wo ihre Haut vom Saum des Kleides bedeckt wurde, straff gespannt über einem schattige, tiefen Winkel. Sie sagte nichts, blickte nur weiter zum Himmel hinauf, zum Schauspiel der kreisenden Drachen und ihren turmhohen, glutgelben Feuerstößen.

Mein Finger passierten den Saum ihres Kleides. Ich zögerte kurz, sah sie wieder an, sah sie lächeln, obwohl sie meinen Blick nicht erwiderte. Ich schaute wieder hinab auf meine Hand, sah sie unter dem Stoff verschwinden. Als ich das nächste Mal zu ihr aufblickte, hatte sie die Augen geschlossen. Der Feuerschein warf die Schatten ihrer langen Wimpern bis auf ihre Wangen.

Meine Fingerspitzen berührten etwas, ganz sanft. Weiche Haarspitzen. Mein Herzschlag war jetzt so laut, dass ihn selbst die Drachen hören mussten.

»Schon gut«, sagte sie leise, immer noch mit geschlossenen Augen.

Wie war das gemeint? Ich ließ meine Finger, wo sie waren, forschte nicht weiter, zog sie aber auch nicht zurück.

Aus Furcht, sie könnte etwas dagegen sagen, küsste ich sie, diesmal heftiger, aber jetzt öffnete sie die Lippen nicht mehr, und ich dachte, verdammt noch mal, wahrscheinlich würde ich noch in dreißig Jahren diesem einen Augenblick von vorhin nachtrauern. Dem Augenblick, dem Kuss, diesem Mädchen.

In diesem Moment war ich sicher, dass ich sie liebte. Wirklich und wahrhaftig liebte.

Natürlich sagte ich das nicht. Sie hätte es doch nur kindisch gefunden und vielleicht gelacht. Ich war ziemlich sicher, dass sie mich nicht liebte. Es wäre anmaßend gewesen, das zu hoffen.

»Du kannst so süß sein, wenn du willst«, sagte sie.

Süß. Immerhin.

Ich schob meine Finger eine Winzigkeit weiter. Wieder berührte ich sie dort unten, und alles schien mir warm und pulsierend, als läge mein Herz mit einem Mal in ihrem Schoß. Und irgendwie tat es das ja auch.

Dann presste sie ihre Oberschenkel zusammen, und für einen Moment war meine Hand dazwischen gefangen.

»Warte«, sagte sie.

Das Wort hallte mir in den Ohren nach. Obwohl es nur diese beiden Silben waren, hätten es ebenso gut unsere Freunde sein können, die mit einem Mal neben uns im Gras aufsprangen und losgröhlten.

Ich zog die Hand zurück, fast bis zu ihrem Knie.

Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Vielleicht hätte ich sie einfach liegen lassen sollen. Vielleicht wollte sie, das ich das tat.

Schweigen. Ein langes Schweigen. Ein Schweigen von der Sorte, das schnell zu Sätzen führt wie: »Nun, danke jedenfalls für den netten Abend.«

Aber so weit ließ sie es nicht kommen. »Schau mal!« Sie sah mich nicht an, blickte wieder zum Himmel hinauf, in den strudelnden, trudelnden Paarungstanz der Drachen.

Mir lag ein »Ja, sehr schön« auf der Zunge, aber dann folgte ich tatsächlich ihrem Blick, und zum ersten Mal sah ich sie wirklich dort oben, sah sie in all ihrer Schönheit und Macht.

Es waren sechs oder sieben, und der Nachthimmel gehörte ihnen. Einmal im Jahr, immer im Juli, kamen sie aus den Bergen herab und trafen über der Ebene aufeinander. Mit ihren Schwingen tanzten sie einen Reigen, Stunde um Stunde, ohne sich zu berühren, bis sie irgendwann ihre Wahl getroffen hatten. Bis es so weit war, flogen sie über- und umeinander, die Nacht war voll von ihnen. Sie schlängelten sich durch die Lüfte wie Figuren eines exotischen Ornaments. Jedes freie Stück Schwärze schienen sie auszufüllen wie Vignetten im Initial einer Handschrift, mit kunstvollem Federstrich umrissen und dann mit Gold ausgemalt. Das Gold am Himmel war der Schein ihrer Feuerstöße, die sie in immer schnelleren Abständen hinausbliesen in die Nacht, nicht gegeneinander, nicht im Kampf, sondern als Zeichen von Stärke und – so vermuteten wir Menschen und gingen dabei vielleicht mal wieder zu sehr von uns selbst aus – als Zeichen ihrer Zeugungskraft. Aber was immer ihre Beweggründe waren, es war ein Schauspiel ohnegleichen, das schönste aller Bilder, ein Spektakel aus Feuer und maßloser, fremder Eleganz. Diese Nacht war der Höhepunkt des Jahres, denn er erinnerte uns alle an das, was wir waren und niemals sein konnten.

Aber wir konnten es immerhin versuchen, und gerade eben noch war ich auf dem besten Weg dorthin gewesen. Jetzt aber lag meine Hand wieder auf ihrem Oberschenkel, viel zu weit entfernt vom Ziel, und ich spürte einen ganz schwachen Luftzug an den Fingerspitzen, weil sie noch immer ganz feucht waren.

Und obwohl mir all das durch den Kopf ging, blickte ich gemeinsam mit ihr zum Himmel hinauf und sah, was sie schon früher entdeckt hatte als ich.

Zwei Drachen hatten ihre Wahl getroffen und schlängelten sich im Flug umeinander, trugen sich jetzt mit vier statt mit zwei Schwingen, ein monströses Liebesspiel, bei dem jeder Atemstoß zum Feuerball wurde.

Einen Moment lang bekam ich kaum Luft, so großartig war dieser Anblick, so ungeheuerlich, so überwältigend. Für drei, vier Herzschläge vergaß ich alles andere und brachte nichts als stummes Staunen zustande.

Und dann löste sich etwas wie eine Goldmünze aus dem Knäuel der beiden Körper und segelte langsam zu Boden, schaukelte auf den Sturmstößen der mächtigen Schwingen vor und zurück und senkte sich dabei zur Erde herab.

»Siehst du das?«, fragte sie.

»Ist das – ?«

»Eine Drachenschuppe.« Sie bekam vor Erregung kaum Luft. Verstohlen wünschte ich mir, sie hätte dafür einen besseren Grund gehabt. »Eine echte, wahrhaftige Drachenschuppe.«

Das glühende goldene Ding kam näher, und jetzt wurde deutlich, dass es nicht weit von hier zu Boden fallen würde.

Sie streifte meine Hand und meine Umarmung ab und sprang auf.

Ich hockte neben ihr im Gras, und beinahe wäre ich sitzen geblieben, als sie mir ihre Hand entgegenstreckte.

»Komm«, sagte sie. »Weißt du, was ich jetzt tun will?«

»Nach Hause gehen?«, fragte ich elend.

»Ach was, du Kindskopf.« Sie lachte, und da musste ich einfach nach ihren Fingern greifen. »Lass uns danach suchen.«

»Nach was?«

»Nach der Drachenschuppe, natürlich!« Hinter ihr erhellte ein triumphaler Flammenstoß den Himmel, hüllte einen Atemzug lang alles in fließendes, schimmerndes Kupferlicht.

»Du willst die Schuppe suchen?«

»Das sag ich doch!«

»Jetzt?«

»Natürlich. Bevor irgendwer anders auf die Idee kommt.«

»Aber wir sind die Einzigen hier draußen vor der Stadt.«

»Um so besser.« Sie rannte los, meine Hand immer noch in der ihren, und ich hatte keine andere Wahl, als mitzulaufen. Als hätte ich auch ernsthaft irgend etwas anderes in Erwägung gezogen.

Ganz kurz blickte ich über die Schulter zurück zur Stadtmauer, zwei- oder dreihundert Schritt weit hinter uns. Dann hatte ich genug damit zu tun, auf meine Füße zu achten, während wir durch das hohe Gras stürmten, durch ein unberührtes Meer aus wogenden Halmen, halb so hoch wie wir selbst. Wir liefen parallel zu einem Streifen aus Buschwerk und niedrigen Bäumen, der sich von der Stadt bis zum See hinabzog und dort in den Uferwald mündete.

»Da«, rief sie begeistert, »sie ist noch immer in der Luft.«

»Sieht aus, als würde sie in den See fallen.«

»Sei kein solcher Griesgram.«

»Bin ich gar nicht.«

»Bist du doch.« Sie blieb plötzlich stehen, drehte sich zu mir um, umarmte mich aus heiterem Himmel und sah mir mit lachenden Augen ins Gesicht. »Ach, Amethyst ... du großer, dummer, süßer Junge. Du musst keine Angst haben, dass dir irgendwas entgeht heute Nacht. Ich weiß, was du willst, und glaub mir, ich will genau dasselbe.«

Hatte sie das wirklich gesagt?

»Aber erst«, fuhr sie fort, »suchen wir die Schuppe. Und dann …« Sie gab mir den großartigsten Kuss, den man sich vorstellen kann – den jedenfalls ich mir vorstellen konnte. Plötzlich rannte sie wieder, und ich hinterher, aber das waren nur meine Beine, denn mein Kopf schwebte noch immer irgendwo da hinten und versuchte zu verarbeiten, was sie gerade gesagt hatte.

Ich weiß, was du willst, und glaub mir, ich will genau dasselbe.

Ich hätte ihr alles geglaubt in diesen Augenblicken. Ich hätte alles für sie getan. Sogar eine Drachenschuppe gesucht, die wir nie finden würden, weil niemals zuvor ein Mensch eine Drachenschuppe gefunden hatte.

»Wir schon«, sagte sie, und ich überlegte ernsthaft, ob sie meine Gedanken las. Aber das war nur, weil wir wirklich beide dasselbe dachten in dieser Nacht.

Wir pflügten durch das Gräsermeer, während auf der Stadtmauer ein großes Geschrei anhob. Ich dachte, man hätte uns entdeckt, aber tatsächlich war es Jubel, und er galt dem Drachenpaar am Himmel, das jetzt wie ein Feuerrad vor den Sternen rotierte und Glutwogen in alle Richtungen schleuderte. Das ist es, warum wir Menschen ein gutes Feuerwerk so schätzen: Es erinnert uns an den Tanz der Drachen, an das, was uns nur einmal im Jahr zu sehen vergönnt ist und das vielleicht bald für immer Vergangenheit sein wird. Schon damals gab es nicht mehr viele Drachen, von Jahr zu Jahr wurden sie weniger, und es lag etwas Verzweifeltes in ihrem Paarungstanz am Nachthimmel, denn selten entstand dabei der Nachwuchs, den sie so dringend brauchten.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte mich die Trauer der Drachen wohl angesteckt – ich neige dazu, das Leid anderer anzunehmen, jedenfalls sagen mir das alle –, aber in diesen Minuten hatte ich anderes im Kopf.

Beim Laufen rutschte ihr Kleid wieder höher, doch sie beachtete es nicht. Nicht um mich zu necken, sondern weil es für sie keine Rolle spielte. So war sie eben, und es war Teil von dem, was ich so an ihr mochte.

Heute wünsche ich, ich könnte sie wiedersehen. Noch einmal mit ihr über die Wiesen laufen, mich durchs Unterholz zwängen. Noch einmal den Augenblick erleben, als der See vor uns lag.

»Du hast recht«, sagte sie, als wir am Ufer stehen blieben.

Das hatte ich tatsächlich, aber ich war nicht stolz darauf.

Die Schuppe trieb in der Mitte des Sees, gewölbt und so groß wie ein Ruderboot. Sie glühte unverändert im Dunkeln und beschien einen Umkreis von zehn, zwanzig Schritt. Ihr Schein zersplitterte auf den sanften Wogen, die der Aufschlag verursacht hatte; es sah aus, als triebe flüssiges Gold auf dem schwarzen Wasser.

»Und nun?«

Sie überlegte einen Moment, dann sah ich im Feuerschein ihre Mundwinkel zucken. »Was denkst du?«

»Ich seh dir an, was du denkst.«

»Schön«, sagte sie lachend und streifte das Hemd ihres Vaters ab, ohne die Knöpfe zu öffnen. »So eine Gelegenheit kommt nie wieder.«

Das dachte ich auch – obwohl mir die Befürchtung kam, dass sie etwas anderes meinte als ich.

»Du willst rüberschwimmen?«, fragte ich sicherheitshalber.

»Du nicht?«

»Doch. Klar.«

Sie löste die schmalen Lederbändchen, die das Kleid auf ihren Schultern hielten, und ich sah zu, wie es an ihren Hüften hinabglitt, an ihren Schenkeln, und rund um ihre Füße liegen blieb. Das alles im Halbschatten, denn gerade jetzt legten die Drachen am Himmel eine Verschnaufpause ein.

Nur für Sekunden.

Dann fauchte der nächste Feuerstoß durch die Nacht, und in seinem Schein konnte ich sie ansehen, sah, wie sie in die Hocke ging, um die Riemen ihrer Sandalen zu lösen, und dabei fiel ihr langes Haar über die Schultern.

»Du auch«, sagte sie, während sie die Lederschnüre von ihren Unterschenkeln wickelte.

Während ich Wams und Hose auszog, blieben meine Blicke auf sie gerichtet, auf ihre seidige Haut im Glanz der Flammenzungen. Sie streifte die Sandalen ab und richtete sich auf. Sie betrachtete mich ein wenig verstohlen, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass auch sie nervös war. In meiner Erinnerung ist ihr Lächeln kein bisschen blasser geworden. Es ist ihr Lächeln, und das wird es immer für mich bleiben.

Gleich darauf nahm sie mich bei der Hand, wir rannten zum Wasser, tauchten kurz die Füße hinein, mussten beide lachen, weil wir die gleiche Gänsehaut bekamen, und liefen weiter, ein wenig schwankend wegen der Steine, dann noch lauter lachend, als die Wasserpflanzen nach uns tasteten und unsere Haut berührten.

Ich war der bessere Schwimmer – zumindest etwas, in dem ich sicherer war als sie –, aber sie war trotzdem recht schnell, und ich blieb auf einer Höhe mit ihr. Nicht für alle Drachenschuppen dieser Welt hätte ich freiwillig darauf verzichtet, ganz in ihrer Nähe zu sein. Bei jedem Schwimmstoß tauchte sie Gesicht und Haar unter Wasser, nicht wie die anderen Mädchen, und immer, wenn sie wieder auftauchte lag das flüssige Gold des Drachenscheins auf ihren Zügen. Tropfen funkelten wie Diamanten in ihren Wimpern. Meine Beine und Arme wurden wie Blei bei diesem Anblick, und hätte ich mich nicht gezwungen, mich aufs Schwimmen zu konzentrieren, wäre ich untergegangen wie ein Stein. Es war nicht leicht, geradeauszuschwimmen und dabei die ganze Zeit zur Seite zu schauen.

Hin und wieder blickte auch sie zu mir herüber, und einmal spie sie mir quietschend einen Wasserstrahl ins Gesicht. Wenn ich´s genau bedenke, benahmen wir uns wie zwei Kinder, wir fühlten beide nichts von der Erhabenheit, die wir beim Anblick der Drachenschuppe hätten spüren müssen. Die einzige Ehrfurcht, die mich überkam, war die vor dem Mädchen neben mir im Wasser, und dagegen waren die Schuppe und die Drachen und die ganze Welt so unbedeutend wie irgendein Sandkorn am Grunde des Sees.

Wir schwammen lange – es ist ein großer See, auch heute noch –, aber irgendwann stießen wir in jenen Bereich vor, den die Schuppe mit ihrem Licht erfüllte, und die Wärme, die über dem Wasser lag, ließ mich für einen Augenblick zögern.

»Kannst du es spüren?«, fragte sie zwischen zwei Schwimmstößen.

»Ja. Glaubst du, dass sie heiß ist?«

»Weiß nicht.« Und woher auch? Niemand sonst hatte je eine Drachenschuppe berührt, zumindest keiner, den wir kannten.

Wir schwammen jetzt beide auf der Stelle, gleich nebeneinander. Ich starrte die Schuppe an, ihre hochgewölbten Ränder, die eine gute Armlänge über den Wellen trieben. Von hier aus konnten wir nur einen Teil der Außenseite sehen, nicht aber ins Innere.

»Komm mal her«, sagte sie unvermittelt.

Ich wandte überrascht meinen Kopf zu ihr um, aber da war sie schon heran, hielt sich nur mit den Beinen in der Schwebe und legte ihre Hände an meine Seiten. Es war fast eine Umarmung, das Nächstbeste, das inmitten eines Sees mit hundert Mannslängen Leere unter einem möglich ist. Trotz des Abgrunds unter uns, trotz der glühenden Schuppe, trotz der Drachen am Himmel raubte mir die Berührung den Atem. Ich stellte mir ihre nackten Beine in der Dunkelheit vor, wie sie sich streckten und anwinkelten, und wie das Wasser um ihren ganzen Körper floss.

»Amethyst«, flüsterte sie wieder und sah mich mit flammenden Augen an.

Ich bewegte meine Beine ein wenig schneller, um die Umarmung erwidern zu können, dann küssten wir uns mit allem Drum und Dran, schluckten irgendwann Wasser, mussten schrecklich lachen und gingen darüber beide für einen Augenblick unter.

Als ich wieder auftauchte, war ich allein. Ich spürte ihre Berührung nicht mehr, und das Wasser fühlte sich kälter an.

Ich paddelte wild auf der Stelle, drehte mich im Kreis, rief ihren Namen, aber sie kam nicht wieder hoch.

Die Schuppe beschien meine Panik mit stoischem Goldglanz. Am Himmel kreisten unaufhörlich die Drachen, schleuderten Feuer, tanzten mit sich selbst und miteinander, und ich trieb in der Leere, in der Stille, und mein Herz setzte bei jedem zweiten Schlag aus und drohte zu erstarren.

»He, Amethyst!«

Mein Kopf fuhr herum, und dann sah ich sie lächelnd über den Rand der Schuppe gebeugt. Sie streckte mir ihre Hände entgegen. Ich wusste nicht, wann sie dort hinaufgeklettert war und warum ich es nicht bemerkt hatte.

»Komm, schweb mit mir.«

Das war die sonderbarste Einladung, die ich in meinem ganzen Leben erhalten habe, aber ich wäre lieber gestorben, als noch einen Herzschlag länger zu zögern.

Ich überwand das letzte Stück, legte eine Hand an die Außenseite der Schuppe – sie war warm, aber nicht heiß –, ließ zu, dass ihre Finger über meine Wange strichen, dann zog ich mich mit beiden Händen über den Rand. Die Schuppe schwankte nur ganz leicht, weniger als jedes Boot.

Wir küssten uns wieder, als wir uns in der Mulde gegenüberhockten, sie im Schneidersitz, ich auf den Knien, und bald lagen wir beieinander, und ich konnte ein sanftes, fernes Pulsieren unter der Oberfläche der Schuppe spüren, wie ein Nachhall des Herzens, das einst darunter geschlagen hatte. Unter uns war das Gold des Drachens und über uns der Feuerschein, und ich war froh und dankbar, und vermutlich stellte ich mich furchtbar ungeschickt an, aber das ist ganz in Ordnung, denke ich. Wir waren beide so aufgeregt, wie man es später nur noch selten ist, und ich glaube, irgendwann in dieser Nacht habe ich ihr dann doch noch gesagt, dass ich sie liebe, und sie hat nicht gelacht, sondern nur meine Lippen mit den ihren berührt, ein zarter Stups, eine hochgezogene Augenbraue und dann wieder die ganze Wärme ihres Körpers und dieses Lächeln.

Gegen Morgen verlor die Schuppe an Glanz, der Himmel leerte sich, und wir schwammen müde und glücklich zurück ans Ufer. Ich wusste genau, wenn ich mich umdrehte, würde die Schuppe verschwunden sein, versunken im See, und so war es dann auch.

Ich werde sie nie vergessen, das sagte ich ihr, und heute weiß ich, dass es die Wahrheit war.

Ich werde mich immer an das erinnern, was sie gesagt hat, als sie hinter dem Rand der Goldschuppe auftauchte und mir ihre Hand entgegenstreckte.

Ich kann mich an alles erinnern, an ihre Augen, ihre Lippen, an ihren Geschmack und die Muster der Wassertropfen auf ihrer Haut.

Amethyst – sie war die Einzige, die mich jemals so genannt hat, und ich weiß bis heute nicht, warum. Aber das spielt keine Rolle, nicht wahr?

Komm, schweb´ mit mir.

Ich schwebe noch immer, dann und wann, und das wird so bleiben, mein Leben lang.


---

© 2002 by Kai Meyer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Michael Meller Literary Agency GmbH
Erstdruck 2007 in: Wolfgang Hohlbein (Hrsg.), Flammenflügel (unter dem Titel »Komm, schweb mit mir, mein Amethyst«)

© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

Share:   Facebook