Fiction: Nyarlathotep - H. P. Lovecraft

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FICTION

Nyarlathotep (H. P. Lovecraft)


H. P. Lovecraft
18.12.2016

»Nyarlathotep« ist die Aufzeichnung eines Traums von Lovecraft; eine Vision vom Untergang der Zivilisation, deren kraftvolle Bilder sich einer eindeutigen Interpretation entziehen und die auf eine Weise verstörend wirkt, wie dies bei unseren Träumen zuweilen der Fall ist. Die Figur Nyarlathotep kehrt in späteren Versionen des Cthulhu-Mythos wieder, doch nie wird sie dramatischer in Szene gesetzt als hier.

Geschrieben im Dezember 1920, erschien die Kurzgeschichte erstmals im United Amateur (datiert November 1920, aber frühestens Januar 1921 veröffentlicht).

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Nyarlathotep … das kriechende Chaos … ich bin der Letzte … ich spreche zur lauschenden Leere …

Ich erinnere mich nicht genau, wann es begann, doch es geschah vor mehreren Monaten. Die allgemeine Anspannung war entsetzlich. Zu den allgegenwärtigen politischen und sozialen Unruhen gesellte sich eine eigenartige und trübsinnige Furcht vor einer schrecklichen Gefahr für Leib und Leben; einer weitverbreiteten und allumfassenden Gefahr, einer Gefahr, wie man sie sich wohl nur in den furchtbarsten Phantasmen der Nacht vorstellen kann. Ich weiß noch, dass die Menschen mit blassen und sorgenvollen Gesichtern umherliefen und Warnungen und Prophezeiungen flüsterten, die niemand bewusst zu wiederholen wagte oder sich eingestehen wollte, gehört zu haben. Ein Gefühl ungeheurer Schuld lastete auf dem Land, und aus den Abgründen zwischen den Sternen fegten eiskalte Winde, die Menschen an einsamen und dunklen Orten frösteln ließen. Der Lauf der Jahreszeiten hatte sich auf dämonische Weise verändert – die Hitze des Herbstes verweilte auf furchterregende Weise, und jedermann spürte, dass die Welt, vielleicht das ganze Universum, der Kontrolle bekannter Götter und Mächte entzogen und in die Hände unbekannter Götter und Mächte gelegt worden war.

Und zu dieser Zeit geschah es, dass Nyarlathotep aus Ägypten kam. Niemand konnte sagen, wer er war, doch er entstammte einem der alten Geschlechter und sah wie ein Pharao aus. Die Fellachen knieten nieder, wenn sie ihn sahen, ohne zu wissen warum. Er sagte, er habe sich aus der Finsternis von siebenundzwanzig Jahrhunderten erhoben und höre Botschaften, die nicht von diesem Planeten stammten. Nyarlathotep kam in die zivilisierten Länder, dunkelhäutig, schlank und bedrohlich, stets merkwürdige Geräte aus Glas und Metall mit sich führend, die er zu noch merkwürdigeren Apparaten zusammenfügte. Er sprach viel von den Wissenschaften – von Elektrizität und Psychologie – und stellte eine Macht zur Schau, die sein Publikum sprachlos in die Flucht schlug, seinen Ruhm jedoch gewaltig anschwellen ließ. Menschen rieten einander, Nyarlathoteps Vorstellungen zu besuchen, und schauderten dabei. Und wo Nyarlathotep erschien, gab es kein Rasten mehr; denn die Nachtstunden wurden von Schreien zerrissen, die von Albträumen herrührten. Nie zuvor waren Albtraumschreie solch ein öffentliches Problem gewesen; nun wünschten die Weisen beinahe, sie könnten den nächtlichen Schlaf verbieten, damit das Geschrei der Städte den blassen, mitleidsvollen Mond weniger grausam störte, der auf den grünen Wassern schimmerte, die unter Brücken hindurchglitten, derweil alte Kirchtürme vor einem kränklichen Himmel zerfielen.

Ich erinnere mich, wie Nyarlathotep in meine Stadt kam – die große, die alte, die schreckliche Stadt der ungezählten Verbrechen. Mein Freund hatte mir von ihm und der zwingenden Faszination und der Verlockung seiner Offenbarungen erzählt, und ich lechzte sehnsüchtig danach, seine größten Geheimnisse zu erkunden. Mein Freund sagte, sie seien schrecklicher und eindrucksvoller, als ich es mir in meinen wildesten Fieberträumen ausmalen könnte; etwas, das auf eine Leinwand in einem verdunkelten Raum projiziert werde, sage Dinge voraus, die nur Nyarlathotep zu prophezeien wage, und in seinem Funkenflug werde den Menschen etwas genommen, das ihnen nie zuvor genommen worden sei, sich jedoch nur in den Augen zeige. Und es ging das Gerücht, dass jene, die Nyarlathotep kennengelernt hatten, Dinge sahen, die andere nicht sehen konnten.

In der Hitze des Herbstes zog ich mit der rastlosen Menge durch die Nacht, um Nyarlathotep zu sehen; durch die stickige Nacht und endlose Stufen hinauf in ein drückend volles Zimmer. Und ich sah als Schattenspiel auf einer Leinwand verhüllte Gestalten zwischen Ruinen und gelbe bösartige Gesichter, die hinter umgestürzten Denkmälern hervorlugten. Und ich sah die Welt gegen die Finsternis kämpfen; gegen Wellen der Zerstörung aus den fernsten Regionen des Weltraums, die um die verblassende, abkühlende Sonne wirbelten, schäumten und brausten. Dann umspielten die Funken auf verblüffende Weise die Köpfe der Zuschauer, und unsere Haare sträubten sich, derweil Schatten, grotesker als ich es beschreiben kann, hervorkamen und sich auf unsere Häupter hockten. Und als ich, der nüchterner und wissenschaftlich gebildeter war als die anderen, protestierte und etwas von »Täuschung« und »statischer Elektrizität« murmelte, jagte Nyarlathotep uns alle hinaus, die schwindelerregenden Stufen hinunter auf die feuchten, heißen, verlassenen mitternächtlichen Straßen. Ich schrie laut, dass ich mich nicht fürchtete, dass man mir niemals Angst einjagen könne, und die anderen schrieen zum Trost mit mir. Wir schworen einander, die Stadt sei genau wie früher und immer noch lebendig, und als die elektrischen Laternen zu verblassen begannen, verfluchten wir das Elektrizitätswerk immer wieder aufs Neue und lachten über unsere eigenen verdutzten Gesichter.

Ich glaube, wir spürten etwas vom grünlichen Mond herabkommen, denn als nur noch sein Licht die Stadt erhellte, bildeten wir unwillkürlich eigenartige Formationen und schienen unsere Ziele zu kennen, obwohl wir nicht wagten, an sie zu denken. Einmal sahen wir auf das Straßenpflaster und bemerkten, dass die Pflastersteine locker und vom Gras verdrängt worden waren, während nur ein spärlicher Rest verrosteter Metallschienen davon zeugte, wo einst die Straßenbahn fuhr. Dann erblickten wir einen einzelnen Straßenbahnwagen, fensterlos, verrostet und fast auf der Seite liegend. Ringsum Ausschau haltend, konnten wir den dritten Turm am Flussufer nicht finden und stellten fest, dass der zweite Turm an der Spitze abgerissen war. Dann teilten wir uns in schmale Kolonnen, von denen jede anscheinend in eine andere Richtung gezogen wurde. Eine verschwand in einer engen Gasse zur Linken und hinterließ nichts als den Nachhall eines entsetzlichen Stöhnens. Eine andere marschierte eine von Unkraut überwucherte U-Bahn-Treppe hinunter und heulte dabei in irrem Gelächter. Meine eigene Kolonne zog es aufs offene Land, und sogleich spürte ich eine Kälte, die nicht zu dem heißen Herbst gehörte; denn als wir über das dunkle Moor schritten, erblickten wir rundum das höllische Mondlichtglitzern grimmigen Schnees. Wegloser, unerklärlicher Schnee, der nur in eine einzige Richtung auseinandergeweht wurde, wo eine Kluft lag, die wegen ihrer glitzernden Wände noch schwärzer wirkte. Die Kolonne schien wirklich sehr dünn zu sein, als sie traumwandlerisch in die Kluft trottete. Ich fiel zurück, denn der schwarze Riss im grünbeleuchteten Schnee war beängstigend, und ich meinte, den Widerhall eines beunruhigenden Klagelauts zu hören, während meine Gefährten verschwanden; doch fehlte es mir an Widerstandskraft, um zu verweilen. Als würde ich von jenen, die mir vorausgegangen waren, herangewunken, schwebte ich fast zwischen den gigantischen Schneewehen, zitternd und ängstlich, hinein in den blinden Mahlstrom des Unvorstellbaren.

Schreiend vor Empfindlichkeit, sprachlos phantasierend, nur die dort hausenden Götter mochten wissen, was geschah. Ein angewiderter, empfindungsfähiger Schatten wand sich in Händen, die keine Hände waren, und wirbelte blindlings an gespenstischen Mitternächten der verfaulenden Schöpfung vorbei, vorbei an den Kadavern toter Welten, mit Wunden, die einst Städte gewesen waren, wo Winde aus der Gruft die fahlen Sterne streifen und sie matt flackern lassen. Jenseits der Welten verschwommene Geister von Monstrositäten; halbsichtbare Säulen ungeweihter Tempel, die auf grässlichen Felsen unter dem Weltall ruhen und in die schwindelerregende Leere über den Sphären aus Licht und Dunkelheit aufragen. Und durch diesen widerwärtigen Friedhof des Universums, der gedämpfte, irremachende Schlag von Trommeln und das dünne, monotone Klagen der gottlosen Flöten aus unvorstellbaren, unbeleuchteten Kammern jenseits der Zeit; das abscheuliche Trommeln und Pfeifen, zu dem die gigantischen, schattenhaften, höchsten Götter langsame, unbeholfene und absurde Tanzschritte machen – die blinden, stimmlosen, hirnlosen Scheusale, deren Seele Nyarlathotep ist.

 

Deutsch von Alexander Pechmann

Düstere Ereignisse werfen Ihren Schatten voraus: Bei FISCHER Tor wird im Herbst 2017 eine große kommentierte Ausgabe der Arkahm-Erzählungen von Großmeister H. P. Lovecraft erscheinen, selbstverständlich neu übersetzt. Auf Tor Online veröffentlichen wir erste Kostproben.


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Erstveröffentlichung unter dem Titel ›Last Nyarlathotep‹ im United Amateur (November 1921)
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

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