Fiction: Monstro von Junot Díaz

© Comfreak, qimono / pixabay

FICTION

Monstro (Junot Díaz)


Junot Díaz
20.12.2016

Junot Díaz schreibt schon seit Jahren, auch für den New Yorker. Dennoch hat der Autor, der für seinen Roman „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ (Fischer,2010) den Pulitzer Preis erhielt, es erst jetzt geschafft, mit einem Science-Fiction-Text in der renommierten Zeitung zum Thema der Woche zu werden. Monstro erzählt von einer Zukunftsvision, in der Haiti von einem schwarzen Pilz heimgesucht wird, der Land und Menschen an den Rand ihres Daseins treibt. Die Geschichte eines Jugendlichen, der sich in der Schwärze zurechtfinden muss.

 

***

Anfangs fanden die Neger es noch lustig. Eine Krankheit, die Haitianer noch schwärzer machen konnte? Das war der beste Witz des Jahres. In unserer Gegend warf jeder jedem vor, er hätte sie. Wenn man auch nur irgendwo einen Fleck hatte oder auf der Straße ein bisschen Sonne abbekam, fing die Frotzelei schon an. Irgendwer zeigte auf den Flecken, den man auf dem Arm hatte, und meinte, Diablo, haitiano, que te pasó?

Sie nannten es La Negrura.

Die Schwärze.

*** 

Heutzutage wollen die Leute immer wissen, was man gemacht hat, als die Welt unterging. Viele Spinner saugen sich irgendeinen aufgeblasenen, eigennützigen Schwachsinn aus den Fingern – aber ich, ich sage die Wahrheit.

Ich war hinter einem Mädchen her.

Ich war einer der Idioten, die auf die ersten Berichte gar nicht achteten, die es kalt erwischte. Was soll ich sagen? Ich hatte einfach keinen Kopf für eine rätselhafte Krankheit – nicht mit meiner kranken Mom und so. Nicht mit Mysty.

Die Säcke meinten immer, irgendwann würde uns ein culo das Genick brechen. Tja, bei mir war es wirklich so.

*** 

Am Anfang haben auch die Ärzte nicht durchgeblickt.

Die Infektion trat zuerst bei einem kleinen Jungen in einem der Auffanglager vor Port-au-Prince auf, im heißesten März seit Menschengedenken. Der Indexpatient war erst vier Jahre alt, und als sein Onkel ihn zum Arzt brachte, glich sein Arm einer riesigen schwarzen Pustel, so groß, dass der Junge wie ein Anhängsel seines Arms wirkte. Auf den Bildern bei Glyph sah er völlig verängstigt aus.

Einen Monat später waren mehrere Tausend Infektionen gemeldet worden. Die Krankheit warf die Menschen nicht so um wie Dengue oder die Pocken. Sie breitete sich langsam aus, wie Lepra. Plötzlich hatte man einen schwarzen modrig-pilzigen Flecken, der immer größer wurde und sich durch einen durchfraß – nur kam dann raus, dass das Zeug weder Moder noch Pilz war. Es war etwas anderes. Etwas Neues.

Alle schoben es auf die Hitze. Gaben der Calientazo die Schuld. Scheiße, allein bei uns hatten wir hundert Tage am Stück über vierzig Grad, der ganze Planet brutzelte wie ein Chimi und hatte nur noch fünf Bäume – irgendwas Irres musste ja passieren. Es waren schon völlig groteske Krankheiten ausgebrochen, Sachen, die niemand benennen konnte, massenweise Zoonosen. Diese neue Sache löste nicht mal besondere Panik aus, weil sie offenbar nur die befiel, denen es sowieso richtig übelging, nur Leute, die neun andere Krankheiten hatten. Man musste echt schon den Kopf unterm Arm tragen, damit sie einen erwischen konnte.

Sie befiel fast immer zuerst die Haut und fraß sich dann weiter und auch nach innen. Die meisten Infizierten konnten sich nach ein paar Monaten nicht mehr bewegen, die schlimmsten Fälle lagen nach sechs Monaten im Koma. Aber seltsam: Nach der Infektion starben nur wenige Opfer sofort, die meisten hielten lange durch. Auf dem Meeresboden hatten sich die Korallenriffe vielleicht verabschiedet, aber auf den Armen und Rücken und Köpfen der Infizierten gediehen sie prächtig. Schwarze faulige, faltige Gebilde wucherten aus den Körpern. Die medicos aus neunzig Ländern vereinigten sich und überschwemmten sich gegenseitig mit Aufsätzen und Hypothesen, machten jeden Test, den sie sich leisten konnten, aber nicht mal die Cracks vom Militär kamen weiter.

In den ersten Monaten gab es nur Notlösungen, weil alles so seltsam war und keiner die Übertragungswege bestimmen konnte – das machte den Schlauköpfen noch mehr zu schaffen als die Krankheit selbst. Sie schien keiner Logik zu folgen – Ehepartner, die ständig Kontakt hatten, steckten sich nicht mit der Negrura an, aber dafür ein armer Hund vom anderen Ende des Lagers, zu dem es keine Verbindung gab. Ein riesiger Wirbel, aber als die Experten merkten, dass sich die Krankheit nicht auf den üblichen Wegen verbreitete und dass Leute mit normalem Immunsystem offenbar überhaupt nicht gefährdet waren, zogen der Renminbi und die Aufmerksamkeit und das Wissen weiter. Und weil die Krankheit nur ein paar armen Haitianern den Arsch aufriss, konnte man nicht viel verdienen. Nachdem sich die ganze bulla gelegt hatte, blieb nur eine Handvoll miserabel finanzierter Teams dort. Für die Infizierten konnten die medicos nicht mehr tun, als sie mit Nahrung und Flüssigkeit zu versorgen – und vor allem zu verhindern, dass sie zusammenwuchsen.

Das war ein echtes Problem. Die Infektion war ganz scharf drauf, die Leute zusammenzukletten, ohne jede Rücksicht auf persönliche Grenzen. Ich weiß noch, wie ich das zum ersten Mal auf Whorl gesehen haben. Alex meinte so: Mira esta vaina. Fast schon begeistert. Glyph zeigte eine verwackelte Aufnahme von zwei nackten, zitternden haitianischen Brüdern in einem verdreckten Kinderbett, die durch diesen schrecklichen Moder zusammengewachsen waren, die beiden Köpfe zu einem vermatscht. So ziemlich das Übelste, was man sich vorstellen kann. Mysty hat es gesehen und sofort weggeguckt, und ich irgendwann auch.

Meine tíos meinten so: Irgendwer müsste eine Bombe auf die Leute schmeißen, und obwohl ich zu den Dominikanern gehörte, die für Haiti waren, dachte ich damals, es wäre vielleicht echt gnädiger.

*** 

Ich war übrigens auf der Insel, als es passierte. Hatte einen Platz in der beschissenen ersten Reihe. Hatte ich nicht ein Glück?

Diejenigen von uns, die es überstanden haben, nennt man heute »Zeitzeugen«. Mir würden dafür ein paar passendere Ausdrücke einfallen.

Ich war in die D.R. gekommen, weil es meiner Mutter richtig mies ging. Im Jahr davor hatte sie ein Virus angefallen, der Rupturen verursacht und sich durch die Hälfte ihrer Organe gefräst hatte, bevor die Ärzte kapierten, was los war. Oben im Norden konnte sie sich auf keinen Fall pflegen lassen. Nicht bei den Preisen, die sogar die billigsten Krankenschwestern nahmen. Also vermietete sie das Haus in Brooklyn an ein paar Mexikaner, steckte die Kohle ein und ging nach Hause.

War besser so. Sie können ja sagen, was Sie wollen, aber die Familie auf der Insel ist bei so heftigem Scheiß wie dem Sterben immer noch verlässlicher als die Familie im Norden. Außerdem waren die Medikamente billiger, weil Haina regelmäßig angeflogen wurde und die chinesischen Fabriken dort Pharmazeutika raushauten wie Gummibärchen und kilometerweise Organgewebe züchteten, und wenn jemand so krank war wie meine Mutter und nur von ihren Mieteinnahmen lebte, war es einfach sinnvoll, dorthin zu ziehen.

Ich sollte eigentlich helfen, aber im Grunde rührte ich keinen Finger für sie. Meine tía Livia hatte alles im Griff, und ich fühlte mich ehrlich gesagt im Haus nicht gerade wohl, wo meine Mutter so krank war. Die vieja konnte kaum aufstehen, um pinkeln zu gehen, und war klapperdürr. War nicht leicht, das zu sehen. Wenn ich mal eine Stunde bei ihr blieb, war das schon lange.

Was für ein Arschloch, oder? Was für ein oberflächlicher Wichser.

Aber ich war neunzehn – und was ist man mit neunzehn schon, wenn nicht oberflächlich? Jedenfalls wollte meine Mutter mich auch gar nicht da haben. Es machte sie traurig, wenn sie sah, wie unangenehm es mir war. Und was konnte ich schon für sie machen, außer die Hände zu ringen? Sie hatte Livia, sie hatte ihre Pflegerin, sie hatte die muchacha, die kochte und putzte. Ich stand nur im Weg.

Vielleicht sage ich das nur, um zu überspielen, wie ich als Sohn versagt habe.

Vielleicht sage ich das nur wegen dem, was passiert ist.

Vielleicht.

Na los, amüsier dich mit deinen Freunden, sagte sie unter ihrer Atemmaske.

Musste sie mir nicht zweimal sagen.

Ich wäre in diesem Sommer auch gar nicht auf der Insel gewesen, hätte ich einen Job oder ein Praktikum ergattern können, aber durch die Dürren in diesem Jahr und die Weltwirtschaftskrise konnte man einen Scheiß ergattern. Sogar die Goldbabys landeten zu Hause bei ihren Eltern. Weil sie mir also das Haus unterm Hintern wegvermietet hatte und ich sonst nirgendwohin konnte, nicht mal mich bei einer Freundin durchschnorren, dachte ich mir: Scheiß drauf, dann verbringst du die Hitzezeit halt auf der Insel. Lässt den guten alten Klimawandel auf dich wirken. Lernst die patria wieder kennen.

*** 

Sechs, sieben Monate lang war es nur eine schreckliche haitianische Krankheit – und wen interessierte so ein Scheiß schon? Ein paar hundert neue Infektionen pro Monat in den Lagern und in der Gegend um Port-au-Prince, im Grunde nur Kleinvieh, nicht zu vergleichen damit, was KRIM im ländlichen Russland anrichtete. Eine Weile lang war es nichts, gar nichts ... und dann wurde es wirklich unheimlich.

Die Ärzte berichteten von einem seltsamen Verhaltenswandel bei den infizierten Patienten: Sie wollten zusammen sein, ganz nah beieinander, und zwar ständig. Sie nahmen nicht mehr hin, dass man sie von den anderen Infizierten trennte, und versammelten sich in der großen Quarantänezone gleich vor dem Champ de Mars, dem größten Auffanglager. Alle Opfer schienen diesen Versammlungszwang zu spüren. Einige gingen dorthin, weil sie sich in der Quarantänezone »sicherer« fühlten, wie sie sagten, andere machten sich einfach ohne ein Wort an irgendwen auf den Weg und liefen quer durchs halbe Land, als würden sie einem Peilsignal folgen. Hatten die Opfer sich erst mal in den Kopf gesetzt zu gehen, konnte man sie nicht davon abbringen. Sie ließen Familie, Freunde, Kinder zurück. Verließen einfach Hochzeitsfeiern, florierende Geschäfte. Und waren sie erst mal in dem Gebiet, bekam man sie nicht mehr fort. Wenn die Behörden versuchten, die infizierten Opfer auf mehrere Quarantänezentren zu verteilen, gingen sie einfach nicht oder kehrten bald in den Hauptbereich zurück.

Ein Arzt aus Martinique, dessen Neugier geweckt war, isolierte ein älteres Opfer von den anderen Infizierten und hielt es in einer Anlage in einiger Entfernung zur Quarantänezone fest. Vierundzwanzig Stunden später hatte die gebrechliche, über siebzig Jahre alte Frau ihre robusten Fesseln abgerissen, war durch ein Sicherheitsfenster mit Drahtnetz gebrochen und den halben Weg zur Quarantänezone gekrochen, bevor man sie wieder einfing.

Der gleiche Arzt unternahm ein weiteres Experiment: Er ließ zwei infizierte Männer mit einem Hubschrauber zu einem Lazarettschiff vor der Küste fliegen. Als sie aus der Quarantänezone gebracht wurden, rasteten sie sofort völlig aus und versuchten mit aller Macht, sich zu befreien und zurückzukehren. Weder Beruhigungsmittel noch gutes Zureden zeigten irgendeine Wirkung, und nachdem sich die Männer vier Tage lang unaufhörlich gegen die Türen ihrer Zellen geworfen hatten, schrien sie schrill auf und starben nur wenige Minuten nacheinander.

Und es kam noch abgedrehter: Acht Monate nach Ausbruch der Epidemie stellten alle Opfer, selbst die gesundesten, jede Kommunikation ein. Sie verstummten. Weder Blutproben noch Scans zeigten etwas Ungewöhnliches. Sie redeten einfach nicht mehr – egal, ob mit Freunden, Familie oder Ärzten. Kein äußerer Impuls konnte sie dazu bringen, zu reden. Sie beobachteten alles und jeden, verstanden offensichtlich Befehle und Informationen – aber weigerten sich, etwas zu sagen.

Das heißt, etwas Menschliches.

Kurz nach dem Schweigen setze ein Phänomen ein, das wir als Chor bezeichneten. Sämtliche Infizierten stießen gleichzeitig einen bizarren Schrei aus – zwei, drei Mal am Tag. Sie fingen zusammen an und hörten zusammen auf.

Nervenaufreibend ist nichts dagegen. Sogar Patienten, denen die Infektion das Gesicht weggefressen hatte, stimmten mit ein – die Schwingungen stiegen direkt aus der wuchernden Masse. Sogar die Patienten im Koma machten mit. Nie länger als zwanzig, dreißig Sekunden – ein unheimlicher Sirenenschrei. Es war für alle Gesunden beinahe unerträglich, aber besonders schien es die gesunden Kinder zu verstören. Nach einer Woche mit dem Gekreisch waren die meisten Kinder aus dem Umfeld der Quarantänezone geflohen und in andere Lager gezogen. Bei irgendwem hätten die Alarmglocken läuten müssen, aber wer achtete schon auf Lagerkinder?

Hirnscans, die während der Attacken durchgeführt wurden, zeigten winzige Veränderungen in den biomagnetischen Impulsen, aber leider ging man diesen Anomalien nicht nach, was für so ziemlich jeden auf dem Planeten schlecht war. Es schien drängendere Probleme zu geben. Es hatten sich Gerüchte verbreitet, die Infizierten seien Teufel, es gab sogar Berichte über Leute, die versucht hatten, befallene Familienmitglieder zu verbrennen.

In meinem Umfeld waren meine Mom und meine tía die Einzigen, die das Ganze überhaupt beachteten; alle anderen verfolgten wie besessen, was mit KRIM passierte. Mom und tía Livia taten unsere armen Nachbarn an der Westküste leid. Sie waren halt ziemliche Kirchentanten. Wenn ich von meinen Ausflügen zurückkam, riss ich Witze: Wie geht es los explotao? Und meine Mutter sagte dann: Das ist nicht lustig, hijo. Sie hat recht, sagte Tante Livia. Wir sind vielleicht die Nächsten, und dann reißt du keine Witze mehr.

*** 

Und was machte ich nun, wenn ich weder meiner Mom half noch beobachtete, wie die Apokalypse näher schlich? Wie gesagt: Ich war hinter einem Mädchen her. Und ich zog mit diesem hijo de mami y papi, den ich von der Brown kannte, über die Insel. Und lebte durch ihn im Grunde wie ein Prinz.

Hat schon Klasse, oder? Meine Mutter in Finsternis gefangen, mit fünfzig Moskitos für jeden Finger, eine Hitze wie in einem Auspuffrohr, und ich ließ es en rico in der Kuppel krachen, wo die Wärmetauscher für frische 27 Grad sorgten und ein Moskito am Abend schon als Invasion galt.

*** 

Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, in diesem Sommer mit Alex abzuhängen – wir waren nicht eng befreundet oder so. An der Brown hatten wir ganz unterschiedliche Freundeskreise, er der Prinz, ich der Proll, aber wir stammten von der gleichen kleinen Insel, um die sich sonst kein Mensch scherte, und das bedeutete etwas, sogar damals. Außerdem kamen wir beide aus der Kunstecke, was in unserer hyperkapitalistischen Welt als so was wie eine ernste Geisteskrankheit galt. Er verdiente schon Kohle mit dem Fotografieren, und ich schrieb erfolglos vor mich hin. Aber er hatte immer gesagt: Komm mal vorbei, wenn du das nächste Mal unten bist. Also meldete ich mich über Glyph bei ihm, bevor ich flog, obwohl ich dachte, er würde nicht antworten, und er reagierte sofort.

Was treibst du so, du Scharlatan, cuando vamos a janguiar? Und viel mehr als zusammen abhängen machten wir bis zum Ende auch nicht.

Ich kannte in der D.R. keinen bis auf meine verrückten Cousins, und die wollten sich immer nur die Kämpfe ansehen, Domino spielen und vögeln. Was eine Woche lang ja schön und gut ist – aber drei Monate lang? Nein, hombre. So inselmäßig war ich nicht drauf. Alex tat mir echt einen Gefallen damit, dass er mich mitschleppte. Mehr als einen Gefallen: Er hat mir den Arsch gerettet. Er holte mich mit der Spritkarre seines Vaters vom Flughafen ab und sah so fit aus, dass ich mich am liebsten auf der Stelle zu Boden geworfen und zwanzig Liegestütz gemacht hätte. Willkommen im Land der maravillas, sagte er mit einem Schnauben und zeigte auf die unzähligen motos, die trotz des Abkommens herumfuhren, und auf die Wahlwerbung, die einen überall ansprang. Nahm mich zu seiner Dachwohnung mit, die sein Dad ihm in der wiederaufgebauten Zona Colonial überlassen hatte. Die Bude war ein einziger Glaspalast mit Blick auf die Versunkenen Viertel, vollgestopft mit seinen Fotos und dem ganzen Krimskrams, den er als Requisiten gesammelt hatte, mit einer Terrasse so groß wie ein Flugzeugträger.

Hier wohnst du?, fragte ich, und er zuckte nur träge mit den Schultern: Bis Papi das Haus verkauft.

In manchen Momenten wird einem erst richtig klar, wie reich manche Leute sind, mit denen man zur Uni geht. Ohne überhaupt darüber nachzudenken, schickte er mir über Glyph einen VIP-Pass für die Kuppel für sechs Monate, der etwa so viel kostete wie ein Jahr Studiengebühren. Nur für den Fall, sagte er. Er war schon vor Semesterende auf die Insel gekommen. Nach einem Monat hier bin ich schon total aplatanao, beklagte er sich. Ich glaube, ich verlerne schon zu lesen.

Wir tranken noch mehr Spike, und ein paar seiner übercoolen Freunde aus der Kuppel, groß, dünn und reich, kamen vorbei, und jeder von ihnen stutzte, wenn er sah, wie dick ich war, und meinen dunklen Akzent hörte, aber Alex stellte mich einfach als Kommilitonen von der Brown vor. Ein Genie, sagte er, und danach war es nicht ganz so schlimm. Was machst du?, fragten sie, und ich sagte, ich wolle Journalist werden. In der Clique hätte ich genauso gut sagen können, ich will Tiere sexuell belästigen. Sie behandelten mich bald wie einen Teil der Einrichtung, wie eines von Alexʼ weniger interessanten Fotos. Sind meine Freunde nicht toll?, fragte Alex. Son tan amable.

An diesem ersten Abend hatte ich irgendwie auf einen Go-go-Club oder was Verrücktes in der Art gehofft, aber es wurde eine Quatschen-und-Spike-und-sehen-wir-uns-Alexʼ-neue-Fotos-an-Party. Was die ganze Sache für mich rettete, war das Mädchen, das als Letzte gegen Mitternacht die Spindeltreppe heraufkam. Alex sagte laut: Seht mal, wer endlich kommt. Und das Mädchen rief: Ich war in der Kirche, coño, worüber alle lachten. Es war ziemlich schummrig, deshalb konnte ich sie erst nicht gut sehen. Nur die Haare und die Absätze, mit denen sie Vampire hätte pfählen können. Dann kam sie endlich herüber, und ich sah den durchtrainierten Körper und diese riesigen Augen und dachte nur, leck mich am Arsch.

Was für ein Mädchen. Mit nur einem verdammten Blick hatte sie alles auf den Kopf gestellt.

Du bist also der Freund? Ich bin Mysty. Aus modellierten Augen musterte sie mich von oben bis unten. Und du bist freiwillig in diesem Land?

Einer irrsinnig schönen mina, die auf Stöckelschuhen eine metallene Spindeltreppe heraufschwebte und im letzten Lichtschimmer der Kuppel über der Stadt ihre perfekte Wange darbot, hätte ich noch widerstehen können. Aber dann zog sie mich die restliche Nacht auf, weil ich total amerikanisiert war, weil mein Spanisch kacke war, weil ich von dem ganzen Inselkram, über den sie redeten, keine Ahnung hatte – und das war’s. Ich war verloren.

*** 

Die ganze Uni kannte Alex. Scheiße, wahrscheinlich kannte ihn sogar ganz Providence. Der Typ war ein echter Star. Ein protziger Privatschüler, der mehr nach fútbal-Spieler aus Uruguay als nach plátano aussah, mit kurzen, krausen Prätorianerhaaren und künstlich geformten Wangenknochen und so ziemlich den grünsten Augen, die man je gesehen hatte. Eins achtundneunzig und extrem von sich eingenommen. Schmiss die übelsten Partys, ging ständig mit den heißesten Mädchen aus, fuhr einen verdammten Eastwood. Aber auf der Insel wurde mir klar, dass Alex nicht nur ein rico war, er war ein V-, ein Sohn der reichsten, privilegiertesten Familie der Insel. Sein abuelo war Nummer neunundneunzig der reichsten Männer in ganz Amerika, und seine abuela besaß über neuntausend Grundstücke. An der Brown hatte er sogar den Bescheidenen gespielt – und das aus gutem Grund. In der Mittelstufe war er für acht Monate entführt worden und hatte es nur knapp überlebt. Er redete nie darüber, nicht mal vage, aber in der D.R. ging er nie ohne Knarre aus dem Haus. Mir bot er auch immer eine Kanone an, als wäre sie ein Apfel oder so. Meinte: Du weißt schon, nur falls was passiert.

V- hin oder her, ich respektierte Alex, weil er sich echt den Arsch aufriss und keiner dieser vividors aus der Oberschicht war, die nur herumsaßen und ein paar Lakh verpulverten. Studierte Philosophie an der Brown und Wirtschaft an der M.I.T., fuhr Bestnoten ein und hatte immer noch Zeit fürs Fotografieren. Und im Gegensatz zu vielen unserer Goldbabys in den Staaten liebte er Santo Domingo. Gab sich nie als Spanier oder Italiener oder Gringo aus. Stand immer dazu, dominicano zu sein, und so, wie plátanos manchmal sein können, heißt das was.

Bei allen guten Seiten konnte Alex auch ein echter Arsch sein. Musste immer im Mittelpunkt stehen. Wenn ich was halbwegs Schlaues sagte, musste er sofort mit mir diskutieren. Und wenn man ihm zeigte, dass er unrecht hatte, meinte er eingeschnappt: Glaube ich ja nicht. Behandelte dominikanische Angestellte in Restaurants und Clubs und Bars wie den allerletzten Dreck. Gab nie Trinkgeld. Solche Leute muss man anschreien, sonst tanzen die einem auf der Nase rum, war sein Motto. Ja, ist klar, Alex, sagte ich dann. Und er verzog das Gesicht: Du bist doch bloß ein Naxalit. Und du bist ein come sole, sagte ich, was er nicht ausstehen konnte.

Er war wirklich ziemlich allein. Keine Geschwister, und seine Eltern hatten sich fast komplett abgemeldet. Sein Vater war so oft im Ausland, dass Alex ihn nur mit Glück bei einer Gegenüberstellung erkannt hätte – und seine Mom hatte mehr Schönheitsoperationen hinter sich als ganz Caracas, flog jede Woche nach Miami, nur um zu shoppen und den senegalesischen Anwalt zu vögeln, von dem bis auf seinen Dad jeder wusste. Alex hatte eine Freundin, Valentina; die beiden kamen aus den gleichen Kreisen, waren zusammen, seit sie zwölf waren, und er hatte sie mindestens zweitausend Mal betrogen, mit Mädchen und mit Jungs, aber wegen seiner Kohle blieb sie bei ihm. Das hat er mir alles erzählt, als er mich ihr vorgestellt hat. Wie findest du das?, fragte er mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Klingt ziemlich beschissen, sagte ich.

Ach, komm schon, meinte er und legte mir onkelhaft einen Arm um die Schultern. So schlimm ist das gar nicht.

Alexʼ großer Traum? (Den kannten wir natürlich alle, weil er ständig über den ganzen Scheiß redete, den er vorhatte.) Er wollte entweder der dominikanische Sebastião Salgado oder der dominikanische João Silva werden (ohne die doppelte Amputation, logo). Außerdem wollte er Romane schreiben, Filme drehen, ein Album aufnehmen, der Star von einem Whorl-Kanal werden – der Typ wollte alles machen. Er stand auf alles, was mit Kunst zu tun hatte und ihn bekannt machen konnte.

Er war auch derjenige, der nach Haiti gehen und die ganzen Infizierten fotografieren wollte. Mysty meinte nur: Du spinnst doch, du kannst dir schön allein die Pest einfangen, aber er winkte ab und sagte sein Motto auf (das auch auf seinen Karten stand): Zeigen, überraschen, bewirken, provozieren.

Sterben, fügte sie hinzu.

Er zuckte mit den Schultern, strahlte sie breit an. Ein Fotograf muss bereit sein, alles zu riskieren. Ein Fotograf kann todo ändern.

Selbstsicher war er, das musste man ihm lassen. Und leichtsinnig. Ich weiß noch, wie ein Bauer in Baní auf seinem Feld eine nicht gezündete Bombe aus dem Bürgerkrieg fand – Alex raste mit uns sofort hin und wollte ein Foto davon machen, wie Mysty im Cheerleaderkostüm auf dem Ding saß. Sie meinte nur: Bist du wahnsinnig? Also setzte er sich selbst auf das Teil, während wir hinter seiner Karre in Deckung gingen, und fotografierte sich mit einem irren Grinsen, erst mit einer Leica, dann mit einer Polaroid. Schaffte es mit dieser durchgeknallten Nummer auf die Titelseite von Listin. Seine Eltern flogen aus ihren jeweiligen Städten her, um ein Wörtchen mit ihm zu reden.

Er glaubte wirklich, er könne todo ändern. Ich für meinen Teil wollte nada ändern; ich wollte nicht berühmt werden. Ich wollte nur einmal ein Buch schreiben, das einen Pfifferling wert war, danach hätte ich gerne Schluss machen können.

Mi hermano, wie ausgesprochen armselig, sagte Alex. Du musst nach den Sternen greifen.

*** 

Tja, mit Mysty griff ich eindeutig nach den Sternen.

Damals war sie meine Wonder Woman, meine Königin von Jaragua, aber ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht mehr besonders gut an sie. Ich habe keine Fotos von ihr – die gingen alle während des großen Zusammenbruchs verloren, als die Speichertürme in die Luft flogen, als la Capital gereinigt wurde. Was man nicht vergessen würde, wofür man keine Fotos brauchte, war, wie schön sie war. Groß, kupferfarbene Haut, einen geschwungenen Rücken wie eine Stradivari. Eine ehemalige Volleyballspielerin, die an der UNIBE Internationales Recht studierte, mit einem Wasserfall aus schwarzen Haaren, aus denen man dreißig Tage voller Nächte weben könnte. Hat an sich arbeiten lassen, als sie dreizehn, vierzehn war, an der Haut und den Knochen wurde auf jeden Fall Hand angelegt, vielleicht an den Brüsten, auf jeden Fall am Hintern, und wer weiß, wo noch – aber sie wäre eher gestorben, als es zuzugeben.

Na klar bin ich pura lemba, sagte sie immer, und darüber musste sogar ich die Augen verdrehen. Guck mich nicht so an. Das stimmt.

Lebte fünf Jahre lang in Quebec, bevor ihre Mutter endlich ihren kanadischen Stiefvater, ein echtes Arschloch, verließ und sie kreischend nach la Capital schleppte. Das nahm sie der vieja immer noch übel, sogar der ganzen D.R. Sprach lupenreines Französisch und bewies es bei jeder Gelegenheit, las ständig scheißlange französische Romane wie La Cousine Bette, und nach dem Studium wollte sie nach Paris ziehen, für die UNO arbeiten und im Café französische Bücher lesen.

In Paris lieben mich die Männer, verkündete sie, als sei es eine Offenbarung.

Hier lieben dich die Männer auch, sagte Alex.

Sie schüttelte den Kopf. Das ist nicht das Gleiche.

Natürlich nicht, sagte ich. In Santo Domingo duschen die Männer. Und sie tanzen. Hast du mal gesehen, wie franceses tanzen? Das sieht aus wie bei einer Epileptikertagung.

Mysty bespuckte mich mit einem Eiswürfel. Franzosen sind die besten Männer, die es gibt.

Und ja, sie mochte mich schon ganz gern. Würde sogar sagen, wir waren Freunde. Damals war ich echt charmant, meine Zunge war spitzer als alle Schwerter der Montagues und Capulets zusammen, als hätte mir jemand eine Überdosis Wahrheitsserum verpasst. Du bist Alexʼ einziger Freund, der sich von ihm nichts gefallen lässt, vertraute sie mir mal an. Du lässt dir ja nicht mal von mir was gefallen.

Ja, sie mochte mich, aber sie mochte mich nicht, entiendes. Und was habe ich sie geliebt. Nicht, dass ich gewusst hätte, wie ich mit so einem Mädchen etwas anfangen sollte. Wir waren nur mal allein, wenn Alex sie losschickte, um mich abzuholen, und sie entweder zu mir nach Hause nach Villa Con oder zum Fitnessstudio kam. Meine verrückten Cousins drehten jedes Mal total ab. Sie sahen nicht oft so eine fresa. Und sie wusste, was sie machte. Sie ließ ihren Fahrer draußen warten und kam ins Studio, um mich zu holen. Zog eine richtige Show ab. Ich merkte immer, wenn sie kam, weil sich im ganzen Studio die Schwerkraft Richtung Tür verschob, und dann blickte ich von meinem Training auf und sah sie dort stehen.

Ich hatte bei ihr nie eine Chance. Auf den Fahrten zu Alex, der auf uns wartete, konnte ich sie höchstens mal fragen, wie ihr Tag war, und sie sagte immer das Gleiche: Scheußlich.

*** 

Die beiden hatten wirklich eine seltsame Beziehung, Alex und Mysty. Mindestens achtzig Prozent der Zeit war sie offenbar stocksauer auf ihn, aber sie war auch ständig bei ihm, und ich hatte den Eindruck, dass Alex deutlich mehr Zeit mit Mysty verbrachte als mit Valentina. Mysty half ihm bei seinen ganzen kleinen Projekten, aber sie wirkte dabei ständig unzufrieden, als wäre es eine totale Zumutung. Mein Gott, Alex, sagte sie, jetzt mach endlich. Tat so, als würde sie alles langweilen, was er machte. Mittlerweile habe ich begriffen, dass das ihr Schutzschild war. Immer gelangweilt zu wirken.

Selbst wenn Mysty sich nicht langweilte, war sie nicht einfach; die jeva war aufbrausend, dauernd ging sie Alex an die Gurgel, weil er irgendwas gesagt hatte oder zu spät kam oder ihr nicht gefiel, wie er sie auslachte. Mir ging sie auch an die Gurgel, wenn ich mich mal auf seine Seite schlug. Nannte ihn mindestens einmal am Tag einen mama huevo, was in der alten D.R. schon heftig war, wenn man es einem Typen an den Kopf warf. Alex störte das nicht, er machte immer einen Witz daraus. Welch süße Worte, ma chère. Sag das noch mal auf Französisch. Was sie natürlich jedes Mal machte.

Ich fragte Alex in diesem Sommer mindestens fünf Mal, ob zwischen ihm und Mysty was lief. Er stritt es glatt ab. Habe sie nie angerührt, sie ist wie meine Schwester, meine Freundin würde mich umbringen usw.

Er soll sie nie gevögelt haben? Hielt ich für verdammt unwahrscheinlich. Irgendwas war zwischen ihnen abgelaufen – Sex auf jeden Fall, aber noch was anderes –, nur was genau, ist immer noch nicht offensichtlich, obwohl ich jetzt älter und dique weiser bin. Es gab immer Mädchen wie Mysty, aus ihrer Liga, die um Goldbabys wie Alex kreisten und hofften, sie würden anbeißen. Nicht, dass die Jungs in der D.R. das jemals taten, aber trotzdem. Als ich mal wieder endlos über sie redete und fragte, warum zum Teufel er sie nie flachgelegt hatte, sah er sich um, dann zog er mich näher und sagte: Du weißt, was mit ihr los ist, oder? Ihr Dad hat sie gefickt, bis sie zwölf war. Unglaublich, oder?

Ihr Dad?, fragte ich.

Er nickte ernst. Ihr Dad. Ob ich das unglaublich fand? Den Inzest? In der D.R. ist das so was wie ein zweiter Volkssport. Ich schätze, ich glaubte es genauso sehr, wie ich Alexʼ ganzen coro von wegen Sie-ist-meine-Schwester glaubte, soll heißen, vielleicht stimmte es, vielleicht auch nicht, aber am Ende machte es keinen Unterschied. Sie tat mir schrecklich leid, klar, aber ich wollte sie noch genauso sehr wie vorher. Was sie und Alex betraf, habe ich nie gesehen, dass sie sich berührten, dass es etwas wie calor zwischen ihnen gab; sie schien absolut kein romantisches Interesse an ihm zu haben, und deshalb dachte ich, ich hätte vielleicht eine Chance.

Ich will keinen Freund, sagte sie immer wieder. Ich will ein Visum.

Liebe, gute Mysty. Schön und zickig und konnte es gar nicht erwarten, aus der D.R. abzuhauen. Ein Mädchen, das sich von keinem herumschubsen ließ, das einmal eine Tussi aus Europa an den Haaren gepackt hatte, weil das Miststück sich vordrängeln wollte. War kein besonders tiefgründiger Mensch. Ich glaube, ich habe sie nie was über Kunst oder Politik oder irgendwas halbwegs Philosophisches sagen hören. Ich glaube, sie hatte keine einzige gute Freundin – scheiße, ich glaube, sie hatte überhaupt keine Freunde, nur jede Menge Leute, zu denen sie in Clubs mal Hi sagte. Sie war genauso allein wie ich. Sie hat nie was für irgendwen gekauft, hat nie Gemeindearbeit geleistet, und wenn sie Kinder sah, machte sie immer einen großen Bogen. Ánimales, sagte sie zu ihnen – und man merkte, dass es kein Witz war.

Nein, sie war alles andere als mitfühlend, aber wer gab mit neunzehn schon was auf Mitgefühl? Sie war buenmosa und unmöglich, und wenn sie lachte, hatte sie etwas Wildes. Ich sah zu, wenn sie mit Alex oder mit anderen Typen tanzte – nie mit mir, ich war nicht gut genug –, und es brach mir das Herz, und alles andere war unwichtig.

Etwa in der dritten Woche, in der wir zusammen abhingen, als in den Camps die ersten Unruhen aufkamen und die Haitianer in der D.R. schon wegen einer Sommersprosse deportiert wurden, fing ich davon an, ich würde vielleicht noch ein paar Monate bleiben. Mir an der Brown ein Freisemester nehmen, um bei meiner Mom zu sein, vielleicht, um als Freiwilliger nach Haiti zu gehen. War dummes Gerede, klar, aber ich wusste, dass ich Mysty nicht mit ein paar Nachrichten über Glyph aus tausend Meilen Entfernung rumkriegen würde. Um so ein Mädchen klarzumachen, brauchte man schon eine große Geste, und in der D.R. zu bleiben, war wirklich eine große Geste für mich.

Ich glaube, ich bleibe noch eine Weile hier, verkündete ich, als wir von den Überresten von Las Terrenas zurückfuhren. Die Karre hatte keine Wärmetauscher, und die Hitze zog uns regelrecht die Haut ab.

Wieso willst du das denn machen?, fragte Mysty. Hier ist es furchtbar.

Es ist nicht furchtbar, widersprach Alex sanft. Es ist das schönste Land der Welt. Aber ich glaube, du würdest nicht lange durchhalten. Du bist zu sehr gringo.

Und was bist du, Enriquillo?

Ich weiß, dass ich gringo bin. Aber du bist zu sehr gringo. Nach einem Monat würdest du zum Flughafen laufen.

Sogar meine Mutter war dagegen. Setzte sich in ihrem Behandlungszelt sogar auf. Du willst die Uni sausen lassen – und wofür? Esa chica plastica? Sei nicht albern, hijo. Zu Hause gibt es genug culo falso.

*** 

In diesem Juli wurde ein Mann namens Henri Casimir in ein Feldlazarett am Champ de Mars gebracht. Früher managte er ein Energieunternehmen, jetzt musste er für die Lagerleitung Jauche durch die Gegend karren. Seine Frau Rosa brachte ihn hin, weil sie sich wegen seines Verhaltens Sorgen machte. Seit ein paar Monaten war der Typ zu komischen Zeiten durchs Camp gestreift, hatte bis zum Erbrechen immer wieder das Gleiche gesagt, nie geschlafen. Die Frau war überzeugt davon, der Mann wäre nicht ihr Mann.

An diesem Tag im Krankenhaus: Eine gewisse Noni DeGraff, eine haitianische Epidemiologin und eine der wenigen Wissenschaftlerinnen, die seit dem ersten Ausbruch an der Krankheit gearbeitet hatten, brillant und nahezu todesmutig, ihre Kollegen nannten sie Dampfwalze, weil sie sich von nichts aufhalten ließ. Casimirs Fall faszinierte sie, deshalb nahm sie an der Untersuchung teil. Abgesehen von einer niedrigen Körpertemperatur machte Casimir einen gesunden Eindruck. Das Blutbild war in Ordnung. Keine Anzeichen von Viren oder der gefürchteten Infektion. Als er befragt wurde, erzählte der Patient aufgeregt von dem Pott, den er nächste Woche bekommen würde. Rosa erklärte den Ärzten bekümmert, besagter Pott sei schon vor zwei Monaten aufgelöst worden. Ihr Mann habe jeden Monat brav seine fünfzig Renminbi in einen Geldpool eingezahlt, aber bevor er an der Reihe war, den Pott zu bekommen, flog die ganze Sache als Schwindel auf. Er hatte keinen Penny wiedergesehen, sagte Rosa.

Als Dr. DeGraff die Frau fragte, was ihrem Mann ihrer Meinung nach fehlte, antwortete Rosa einfach: Jemand hat ihn verhext.

Die Sorge der Ehefrau und Casimirs Verhalten ließen Dr. DeGraff hellhörig werden. Sie fragte Rosa, ob sie Casimir bei einem seiner Streifzüge beobachten dürfte. Ehefrau Rosa willigte ein. Genau, wie sie beklagt hatte, lief Casimir beinahe den ganzen Tag ohne erkennbaren Zweck oder Ziel durch das Lager. Zweimal sprach Dr. DeGraff ihn an, und beide Male sprach Casimir über die Hitze und den Pott, den er bald bekommen würde. Er wirkte fahrig, sogar desorientiert, aber nicht verrückt.

In der folgenden Woche heftete Dr. DeGraff sich wieder an Casimirs Fersen. Dieses Mal erkannte die emsige Frau Doktor ein Muster. Wie oft Casimir auch die Richtung wechselte, er war jedes Mal genau in dem Moment in der Nähe der Quarantänezone, in dem die Infizierten ihren infernalischen Chor anstimmten. Wenn die Attacke verhallte, zögerte Casimir einen Moment und schlurfte dann mit ungerührter Miene davon.

DeGraff beschloss, ein Experiment durchzuführen. Sie setzte Casimir in ihr Auto und brachte ihn von der Quarantänezone fort. Anfangs wirkte Casimir »normal«, redete wieder über seinen Pott, putzte zwanghaft seine Brille, solche Dinge. Nach weniger als einem Kilometer zeigten sich die ersten Anzeichen einer Belastung, er zuckte und wand sich auf seinem Sitz. Er begann, wirr zu reden. Nach anderthalb Kilometern drehte Casimir durch. Riss seinen Sicherheitsgurt los und wollte sich so hektisch aus dem Wagen stürzen, dass er DeGraff dabei einen unglaublich heftigen Schlag versetzte und ihr zwei Rippen brach. Casimir sprang raus, bevor DeGraff das Auto wieder unter Kontrolle bringen konnte, und verschwand irgendwo auf dem Champ de Mars. Als Dr. DeGraff am nächsten Tag die Ehefrau bat, Casimir zu ihr zu bringen, schien er sich an den Vorfall nicht zu erinnern. Er redete immer noch über seinen Pott.

DeGraff ließ sich die Rippen tapen, dann schrieb sie das gesamte medizinische Personal an, das an dem Einsatz in Haiti teilnahm, und erkundigte sich nach Patienten mit ähnlichen Symptomen. Sie rechnete mit vier, fünf Antworten. Sie bekam zweihundertvierzehn. Sie bat um die Unterlagen. Sie bekam sie. Zusammen mit ihrem Kollegen, einem haitianisch-amerikanischen Mediziner namens Anton Léger, durchforstete sie das Material. Fast alle Patienten hatten ebenso wie Casimir Anzeichen für eine niedrige Körpertemperatur aufgewiesen. Also untersuchten sie Casimirs Körpertemperatur genauer. Manchmal war sie normal. Manchmal war sie niedriger, aber nie lange. Ein Techniker im Team hörte von dem Fall und schlug vor, sie sollten eine Wärmebildkamera besorgen, die kleinste Temperaturschwankungen abbilden konnte. Man besorgte also eine Kamera und richtete sie auf Casimir. Bingo. Casimirs Körpertemperatur schwankte tatsächlich, alle paar Sekunden gab es winzige blaue Spitzen. Normale Leute wie DeGraff und Léger – die sich natürlich auch selbst testeten – erschienen rot, aber Patienten mit Casimirs Beschwerden bildete der Monitor in einem dunklen, flackernden Blau ab. Aus Spaß richteten DeGraff und Léger die Kamera auf die Straße vor dem Krankenhaus.

Sie machten sich fast in die Hosen. Ernsthaft. Beinahe jeder achte Fußgänger flackerte blau.

DeGraff erinnert sich noch an den Schrecken, der sie kalt durchfuhr, daran, wie sie zu Léger sagte: Wir müssen zu dem Krankenhaus, wo die Infizierten sind. Jetzt sofort.

Vor dem Krankenhaus richteten sie die Kamera auf den bewachten Eingang. Irgendwie gelangten Kopien dieser Aufnahmen nach draußen. Es ist immer noch gruselig, das zu sehen. Jeder Einzelne, jeder Arzt, Assistent, Pfleger, Hausmeister, der das Krankenhaus betrat oder verließ, strahlte blau.

*** 

Wir machten, was alle überprivilegierten jungen Leute in der D.R. machten: Wir hingen ab. Und weil keiner von uns Eltern hatte, die uns davon abbrachten, gingen wir in die Vollen. Rauchten haufenweise Ganja und mischten die Zona Colonial auf, und wenn uns langweilig war, verließen wir die Kuppel und unternahmen mit dem Auto ausgedehnte Rundtouren von einem Ende der Insel zum anderen. Das Land war wegen der langen Dürre schon halb verlassen, aber selbst im Untergang noch schön.

Alex arbeitete an einer Reihe von Projekten. Fotos von den ganzen Prostituierten in der Feria. Fotos von jedem Chimi-Imbisswagen am Malecón. Fotos von den tributos auf der Conde. Er war auch ganz versessen darauf, alle Strände der D.R. zu fotografieren, bevor sie verschwanden. Diese Strände haben früher die ganze Welt zu uns geholt!, rief er. Sie waren unsere einzige Ressource! Ich vermute, das war nur eine Ausrede, um Mysty in einen Badeanzug zu stecken und sie drei Stunden am Stück zu fotografieren. Worüber ich mich sicher nicht beschwerte. Meine Aufgabe war es, ihm Fotoapparate anzureichen und nachher für jedes Bild, das er auf Whorl postete, einen Titel zu schreiben.

Und das machte ich: nur ein kleines Posting. Das ganze Ding hieß »Mitteilungen von der letzten Küste«. Nett, oder? Ist mir eingefallen. Jedenfalls zickte Mysty während des gesamten Shootings rum: wegen ihrer Badeanzüge, wegen der Hitze, wegen der Moskitos, die durch die Wärmetauscher hereinkamen, und sie schimpfte ständig, Alex solle aufpassen, dass man ihren pipa nicht sieht. Sie war überzeugt, sie hätte einen, was weder Alex noch ich je so sahen, aber wir widersprachen nicht. Vertrau mir, chérie, sagte er. Vertrau mir.

Nach jedem Setup sagte ich ihr: Tú eres guapísima. Und sie antwortete nie, sah mich nur an und zog die Nase kraus. Einmal, direkt vor dem Untergang, klang ich wohl überzeugend genug, denn sie sah mir lange in die Augen. Ich weiß noch genau, wie sich das anfühlte.

*** 

Nun wird es verdammt undurchsichtig. Alles wurde abgeriegelt, und eine Gruppe von Ärzten der WHO wollte sich das Krankenhaus mit den Infizierten in der Quarantänezone ansehen. Neun gingen hinein, aber keiner kam heraus. Minuten später stimmten die Infizierten ihr übliches Geschrei an, nur dauerte es dieses Mal achtundzwanzig Minuten. Und das war mehr oder minder der Moment, in dem der Scheiß zu Ruanda wurde.

In der D.R. hörten wir von den Unruhen. Sahen entsetzliche Videos, in denen Menschen gejagt und niedergemetzelt wurden. Zwei Kamerateams starben, und das spornte Alex erst richtig an.

Wir müssen da hin, rief er. Ich verpasse ja alles!

Du gehst nirgendwohin, sagte Mysty.

Aber seht ihr das?, fragte Alex. Seht ihr das?

Das waren keine normalen Unruhen. Sogar wir merkten das. Alle Auffanglager in der Nähe der Quarantänezone wurden von einem regelrechten Massaker ausgelöscht. Ein Ausbruch mörderischer Gewalt, hieß es in den ersten Berichten. Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie vor Wut einen Finger gehoben hatten – Kinder, viejos, Entwicklungshelfer, neunfache Mütter –, packten Messer, Macheten, Stöcke, Töpfe, Pfannen, Rohre, Hämmer und stürzten sich auf ihre Nachbarn, ihre Freunde, ihre Pfarrer, ihre Kinder, ihre Ehemänner, ihre gebrechlichen Verwandten, auf vollkommen Fremde. Ein mörderischer, rasender Blutrausch. Weder Flehen noch Gegenwehr hielten die Mörder zurück, sie stürmten weiter auf ihre Opfer zu, selbst wenn man mit einem Gaußgewehr auf sie zielte, und hörten erst auf, wenn sie tot waren.

*** 

Eines kann ich Ihnen sagen: Damals hatte ich von nichts einen Schimmer. Ehrlich. Von Frauen wusste ich eindeutig einen Scheiß. Auch über die Welt wusste ich einen Scheiß – offensichtlich. Und schon gar nicht wusste ich irgendwas über die Insel.

Ich dachte ernsthaft, Mysty und ich könnten doch noch zusammenkommen. Schön, oder? In Wahrheit hatte ich bessere Chancen, ein goldenes Ei zu kacken, als ein Mädchen wie Mysty rumzukriegen. Sie kam aus einer familia de nombre, mit einem nadie wie mir würde sie sich nicht abgeben, mit einem morenito aus Villa Con, dessen Mutter damit Geld gemacht hatte, africanos Mittelchen zum Haareglätten zu verkaufen. Würde nicht passieren. Nicht, solange ich nicht weiß wurde oder einen Vertrag für die Major League bekam oder in der beschissenen Lotterie gewann. Nicht, solange ich nicht zu einem Alex wurde.

Und wissen Sie was? Ich hoffte immer noch. Hoffte gegen die ganze Welt, ich hätte noch eine Chance bei Mysty. Lächerlich, klar, aber was erwarten Sie?

*** 

Fast zweihunderttausend Haitianer flohen vor der Gewalt und überließen den Besessenen, wie man sie später nannte, die zweiundzwanzig Lager in der Nähe der Quarantänezone. Weil er die Situation falsch einschätzte, wartete der Leiter der UN-Friedensmission volle zwei Tage, in denen sich die Spannungen »abkühlen« sollten, bevor er versuchte, die Kontrolle zurückzuerlangen. Schließlich fuhren zwei Konvois in die Blutzone und schafften es bis Champ de Mars, bevor sich die Besessenen in immer neuen Wellen auf sie stürzten und sie zerfetzten.

*** 

Eines darf ich nicht vergessen – das absolute Highlight. Drei Tage bevor es richtig losging, flog meine Mutter mit meiner Tante für eine besondere Behandlung nach New Hialeah. Nur für ein paar Tage, erklärte sie. Und das Allerbeste? Ich hätte mitfliegen können! Sie lud mich ein, sagte: In Amerika gibt es genug culo plastico. Können Sie sich das vorstellen? Ich hätte der ganzen verdammten Sache entwischen können.

Ich hätte in Sicherheit sein können.

*** 

Niemand weiß, wie es dazu kam oder wer verantwortlich war, aber es dauerte zwei Wochen, zwei verdammte Wochen, bis den Großmächten das ungeheure Ausmaß der Lage dämmerte. In der ganzen Zeit, berichteten die Geflüchteten, sangen die Besessenen.

Am fünfzehnten Tag der Krise landete eine Vorhut der Raschen Eingriffstruppe in Port-au-Prince. Eine Überwachung mit Drohnen erwies sich als schwierig, weil es im Luftraum über den Lagern eine unbekannte Form von störenden Interferenzen gab.

Trotzdem wurde eine Kampfeinheit in die infizierten Gebiete geschickt. Die Besessenen gingen auch auf diese Einheit los und hätten sie bestimmt komplett aufgerieben, hätte man nicht Hubschrauber geschickt. Die Besessenen waren so hartnäckig, dass sie sich an die Kufen klammerten, man musste sie sogar runterschießen. Das einzig Positive dabei? Die Aufnahmen der Kampfeinheit brachten das Oberkommando dazu, endlich den Arsch hochzukriegen. Ganz Haiti wurde unter Quarantäne gestellt. Der gesamte Flugverkehr wurde gestrichen. Die Grenze zur D.R. wurde dichtgemacht.

Die Joint Chiefs of Staff hielten eine Krisensitzung ab, der Oberbefehlshaber wurde aus dem Urlaub zurückgerufen. Und nur wenige Stunden später startete vom Posten des Southern Command in Puerto Rico aus ein Bomberverband.

Geleakten Dokumenten zufolge hatten die Bomber genug flüssigen Wumms an Bord, um ganz Port-au-Prince eine Woche lang lodern zu lassen. Zuletzt sah man sie als Silhouetten vor dem Vollmond, als sie die nördliche Grenze der D.R. überflogen. Überlebende, die aus dem Gebiet flohen, hörten sie näher kommen – und Dr. DeGraff, die das Massaker überlebt und sich dem Exodus nach Westen angeschlossen hatte, wagte einen letzten Blick auf ihre Geburtsstadt, gerade als die Bomben fielen.

Weil sie eine gottesfürchtige Frau war und keine Ahnung hatte, welche Art Bomben abgeworfen wurden, schloss Dr. DeGraff zur Sicherheit ein Auge, Sie wissen schon, nur falls es wie Sodom und Gomorrha wurde. Was augenblicklich der Fall war. Die Große Detonation – ein besserer Name fiel niemandem ein – färbte die ganze Welt weiß. Volle drei Sekunden lang. Löste ein Beben aus, das auf der gesamten Insel zu spüren war, und verbrannte den Sehnerv in Dr. DeGraffs rechtem Auge.

Aber nicht, bevor sie es gesehen hatte.

Nicht, bevor sie sie gesehen hatte.

*** 

Obwohl ich wusste, dass ich es lassen sollte, tat ich es eines Abends doch. Wir waren in der Zona tanzen, und Alex war mit ein paar deutschen Tussis verschwunden. Ein Nazi cada año no te hace daño, sagte er. Wir waren alle nicht ganz bei uns, und Mysty tanzte mit mir, und Sie wissen ja, wie Mädchen sind, wenn sie tanzen können und das auch wissen. Sie machte mich total an, und das war’s. Ich fing sofort an, mit ihr rumzumachen.

Ich muss echt sagen, in diesem Moment war ich verdammt glücklich, so unglaublich glücklich, und dann gab mir das Leben einen schönen Arschtritt. Mysty hörte plötzlich auf und sagte: Weißt du was? Ich finde, das ist nicht okay.

Ist nicht dein Ernst, oder?

Doch, sagte sie. Wir sollten aufhören. Nach einem unglaublich langen, düsteren Lied löste sie sich von mir und sah sich um. Ich glaube, wir gehen mal lieber. Es ist schon spät.

Ich sagte: Ich habe wohl vergessen, genug Lakh mitzubringen.

Beinahe hätte ich gesagt: Ich habe vergessen, deinen Dad mitzubringen.

Hijo de la gran puta, sagte Mysty und schubste mich.

Und in diesem Moment ging das Licht aus.

*** 

Messstationen in den USA und Mexiko zeichneten ein gewaltiges Beben im Bereich von Port-au-Prince mit 8,3 auf der Richterskala auf. Die Erschütterungen waren noch in Havanna, San Juan und Key West zu spüren.

Die Detonation hatte noch eine zweite, ungewöhnlichere Wirkung: Ein elektromagnetischer Impuls ließ in einem Radius von 1500 Kilometern sämtliche Elektrik ausfallen.

Er hatte jeden einzelnen Stromkreis komplett zerlegt. Beim Militär nannten sie den Impuls den Sensenmann. Sie können sich nicht vorstellen, welchen Schaden er anrichtete. Der Bomberverband, der den Angriff auf die Quarantänezone geflogen hatte – alle tot, in die Karibik gestürzt, die Besatzung wurde nie gefunden.

Zweiunddreißig Linienflugzeuge, die im Sommer voll besetzt waren, fielen einfach vom Himmel. Vier krachten in Städte. Eines überschlug sich am Landeflughafen. Hunderte privater Schiffe und Boote verschollen. Server ausgefallen und Kraftwerke kaputt. Krankenhäuser ins Chaos gestürzt. Sogar Fatline-Kommunikatoren, die eigentlich gegen jede terrestrische Störung immun sein sollten, gingen in die Knie. Die drei Satelliten in geosynchroner Umlaufbahn über diesem Teil der Karibik waren auch im Arsch. Zehntausende starben als direkte Folge der Stromausfälle. Feuer brachen aus. Ufermauern gaben nach. Kuppeln heizten sich auf.

Aber es war nicht nur ein einfacher, einmaliger Impuls. Fahrzeuge, die dem Epizentrum näher als 1500 Kilometer kamen, versagten. Kommunikatoren, die über diese Grenze gezogen wurden, konnten weder senden noch empfangen. Batterien lieferten keinen Strom.

Das ließ jedes Arschloch, das eingeweiht war, komplett durchdrehen. Der Sensenmann hatte sein Werkzeug nicht nur einmal geschwungen, er hielt die Sense immer noch in der Hand. In einem Radius von anderthalbtausend Kilometern war in der Karibik sämtliche Elektronik tot.

Mitternacht.

Niemand wusste, welche Scheiße in der Dunkelheit abging. Niemand außer uns.

*** 

Anfangs glaubte niemand den hysterischen Evakuierten. Zwölf Meter große verdammte Kannibalen sollten auf der Insel rumlaufen? Alter, bitte.

Bis eine Reihe bald legendärer Polaroids es auf einem Klipper aus der Zone schaffte; darauf sah man, wie ein Typ 2, wie er später hieß, sich gerade den zerschundenen, mageren Körper eines Mädchens in den Mund steckte.

Unter das Foto hatte jemand gekritzelt: 4. Mose 11,18. Wer wird uns Fleisch zu essen geben?

*** 

Wir trafen uns frühmorgens in Alexʼ Wohnung. Trugen alle noch die Sachen vom Abend zuvor. Sahen zu, wie sich die Feuer durch die Bezirke fraßen. Hörten den Irrsinn auf der Straße. Und weil die Wärmetauscher nicht mehr funktionierten, spürten wir auf dem Dach zum ersten Mal die unglaubliche Hitze, die von den sterbenden Meeren herströmte. Mysty tat so, als wäre zwischen uns nichts gewesen. Ich tat auch so.

Geht es deiner Mom gut?, fragte ich sie, und sie zuckte mit den Schultern. Sie ist oben im Cibao und besucht Verwandte.

Da oben soll es auch keinen Strom geben, sagte Alex. Mysty schauderte, und ich auch.

Das Einzige, was noch funktionierte, waren die alten Dieselkarren und die vorsintflutlichen Motorräder ohne Zündkontakte oder Kondensatoren. Die Leute versuchten es mit diversen Erklärungen. Ein Erdbeben. Eine Atombombe. Ein Carrington-Ereignis. Die Wiederkunft des Herrn. In Berichten, die über die mittlerweile wackligen Fatlines kamen, hieß es, Port-au-Prince sei zerstört, Haiti sei zerstört, dreizehn Millionen kreischender haitianischer Flüchtlinge würden die Grenzen bedrohen, dominikanische Militäreinheiten seien autorisiert, den Invasoren – der Begriff, den die Regierung mittlerweile benutzte – mit stärkster Gewalt zu begegnen.

Und auf welche schlaue Idee kommt Alex natürlich? Der Idiot beschließt, eine der Oldtimer-Spritkarren von seinem Vater zu beschlagnahmen und zur Grenze zu fahren.

Nur für den Fall, ihr wisst schon, sagte Alex, als er seine Polaroid einpackte; vielleicht passiert ja was.

Und was machen wir noch größeren Idioten? Wir fahren mit.

 

 

Deutsch von Eva Kemper

 

---

© Junot Díaz, 2012
Der Text erschien 2012 unter dem Titel Monstro in The New Yorker.

Deutsche Ersterscheinung in Neue Rundschau, Ausgabe 04/2016
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Junot Díaz  wurde (*1968) in der Dominikanischen Republik geboren. Heute ist er Professor am Massachusetts Institute of Technology, wo er Kreatives Schreiben unterrichtet. Sein Roman ›Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao‹ wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und gilt als einer der bedeutendsten Romane der letzten Jahre. Immer wieder bedient sich der Autor den Elementen des magischen Realismus und verleiht damit seinen Werken eine ganz  besondere Note.

Share:   Facebook