Fiction: Blutmond - Sarah Monette

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FICTION

Blutmond (Sarah Monette)


Die Kurzgeschichte „Blutmond“ von Sarah Monette führt uns auf ein abgelegenes Anwesen, zu einer sehr eigenwilligen Großfamilie, deren Bibliothek Kyle Murchison Booth vermeintlich neu ordnen soll. Doch stattdessen lüftet er düstere Familiengeheimnisse ...

Wer mehr Stories rund um Kyle Murchison Booth lesen möchte, sollte einen Blick in die Anthologie ›The Bone Key‹ werfen, in der Sarah Monette einen Teil ihrer Geschichten rund um unsere Hauptfigur veröffentlicht hat.

***

Ich trennte ihren Kopf ab, bevor ich sie begrub.

Mir fehlte das nötige Werkzeug für diese Aufgabe – ich hatte nur mein Taschenmesser und eine Schaufel -, es war eine mühsame, abscheuliche und grausige Prozedur, aber ich musste es tun – und tat es.

Ich durfte nicht zulassen, dass sie wiederkehrte.

Am Anfang hatte ich noch geweint, als jedoch die letzten Fleischfetzen durchtrennt waren, blieb keine Träne mehr übrig, mein Mund, meine Augen und meine Nasenlöcher waren wund von Galle und Salz.

Ich stopfte ihr Wolfswurz in den Mund, wickelte eine silberne Kette um ihre kalten Hände, legte Silbermünzen auf die starrenden Augen.

Dann begann ich, an jener buchstäblich gottverlassensten Weggabelung, im Licht des vollen und gierenden Mondes, Annette Robillards Grab auszuheben.

***

Wie die Robillards wirklich mit Blanche Parrington Crowe verbunden waren, fand ich nie heraus. Sie waren entfernte Verwandte ihres vor langer Zeit verstorbenen Ehemanns, doch ob nun eine Crowe-Tochter in die Robillard-Familie eingeheiratet hatte oder eine Robillard-Tochter in die Crowe-Familie - die Verbindung war vor vielen Generationen geschlossen worden. Wenn überhaupt lief sie nur noch hinsichtlich des Stammbaums als Blutsverwandtschaft. Dennoch wurde mir mitgeteilt, Mrs. Crowe sehe sich gegenüber den Robillards aus familiären Gründen verpflichtet; daher fühlte sie sich, als Marcus Justus Robillard nach einem Archivar für die lange Zeit vernachlässigte Familienbibliothek verlangte, zuständig, ihm einen solchen zu schicken.

Damit, wurde mir weiterhin mitgeteilt, meinte sie mich.

Ich versuchte zu argumentieren, dass jeder der beiden Nachwuchsarchivare – welche die Übung sicherlich dringender benötigten als ich -, für diese Aufgabe überaus geeignet sei und ihre Abwesenheit für das Parrington eher verschmerzbar, doch Dr. Starkweathers Blick ließ mich verstummen, dann sagte er: „Mrs. Crowe hat sich unmissverständlich ausgedrückt, Mr. Booth. Sie scheint Ihnen zu vertrauen.“

Die mürrische Ungläubigkeit in seiner Stimme verriet, dass er Mrs. Crowe davon abgebracht hätte, mich nach Belle Lune, auf das Anwesen der Robillards, zu entsenden, wenn es in seiner Macht gestanden hätte. Er hatte schon mehrfach laut und öffentlich die Meinung vertreten, ich könne nicht bis drei zählen.

„Das heißt dann wohl, dass ich keine Wahl habe“, antwortete ich. „Kann Mrs. Crowe denn abschätzen, wie lange … ich meine, ist es denn ein langer Arbeitsauftrag?“

„Nein“, antwortete Dr. Starkweather nun noch mürrischer, „ich bin angewiesen worden, Sie für eine Woche von Ihren Verpflichtungen zu entbinden. Das sollte genügen, Mr. Booth. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“

„Ja, Sir“, gab ich zurück und verbrachte den restlichen Tag mit der unliebsamen Aufgabe, mein Arbeitszimmer auf eine Woche Abwesenheit vorzubereiten.

***

Es wäre nicht klug, genauere Angaben über die Lage von Belle Lune zu machen. Ich werde nur preisgeben, dass es sich in den Mittelatlantikstaaten befand, so nah an der Küste, dass der Wind, wenn er aus der richtigen Richtung wehte, den Geruch von Salz mit sich brachte. Die Robillards lebten dort bereits seit dem siebzehnten Jahrhundert und das Haus war schon so oft umgebaut und neu gestaltet worden, dass kaum etwas von dem ursprünglichen Stil übriggeblieben war. Es bestand mehr aus Backstein als aus Holz, die Vorderfront des Hauses war mit neoklassizistischen Säulen geschmückt worden wie das Dekolleté einer adeligen Witwe mit einer Diamantbrosche, und es lag direkt an einem Bergsee. Ich nenne es Bergsee, auch wenn es in der Nähe von Belle Lune noch nicht einmal einen Hügel gibt, da mir kein besseres Wort einfällt, um den geheimnisvollen – dunklen und alles andere als einladenden – Eindruck zu beschreiben, den das Wasser machte. Die Robillards nannten ihn den „Spiegel“, auch wenn ich nie ein Spiegelbild darin gesehen habe.

Ich wurde am Montag von einem jungen Mann mit einem Pferdewagen am Bahnhof abgeholt. Er entschuldigte sich, während er sich mir vorstellte: „Justin Robillard. Bitte verzeihen Sie das antiquierte Transportmittel, mein Großvater verabscheut Motoren aller Art und duldet sie nicht auf Belle Lune.“

„Kyle Murchison Booth.“ Sein behandschuhter Handschlag war fest, jedoch nicht strafend; dennoch war ich froh, schnell daraus zu entkommen. „Ich, äh, habe nichts gegen Pferde einzuwenden.“

Sein Lächeln legte eine Reihe weißer, kräftiger Zähne frei und ließ seine braunen Augen beinahe gelblich glitzern. „Sehr gut. Das höre ich gerne, Mr. Booth. Mister ist doch richtig? Oder sollte ich Sie Doktor nennen?“

Er hob mühelos meinen Koffer auf den Pferdewagen und sprang mit derselben Leichtigkeit hinterher.

„Ich habe keinen Doktortitel“, sagte ich und kletterte zu ihm hinauf.

„Gut. Ich wollte nicht unhöflich sein.“ Er lächelte mich erneut an und seine Zähne beeindruckten mich derart, dass ich mich zwingen musste, nicht zurückzuweichen. Innerlich rügte ich mich für meine Nervosität und mein lächerliches Verhalten, war aber dennoch froh, als er sich anderen Dingen zuwandte.

Er schnalzte, das Pferd setzte sich in Bewegung und als wir klappernd den Bahnhofsvorplatz verließen, sagte er: „Wir müssen noch einmal anhalten. Meine Schwester Annette hat darauf bestanden mitzukommen. Sie wollte ohne meine Mutter oder eine unserer Tanten einkaufen gehen.“

Es schien, als warte er auf eine Antwort, aber ich wusste nicht, was ich dazu hätte sagen sollen. Ich konnte wohl kaum vorschlagen, er solle seine Schwester alleine zurücklassen. Unbeholfen murmelte ich irgendetwas Zustimmendes vor mich hin, dann schwiegen wir, bis der Pferdewagen vor einem Gebäude zu stehen kam, auf dessen Fenstern in kitschigen roten und goldenen Lettern GEBRÜDER FOLKOW geschrieben stand.

„Sie hat mir versprochen, hier auf uns zu warten“, sagte Justin Robillard, schien jedoch nicht besonders überrascht darüber, dass sie nicht da war. Er sah auf die Uhr: „Ich gebe ihr fünf Minuten, dann sehe ich drinnen nach ihr. Wir wollen vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein.“

Schon wieder wartete er auf eine Antwort meinerseits. „Ja“, gab ich zurück und wurde dafür mit einem weiteren zähnebleckenden Lächeln belohnt oder bestraft.

Vier Minuten später erschien Annette Robillard mit einem jungen Mann an ihrer Seite. Sie war deutlich jünger als Justin: Ich nahm an, dass er ungefähr fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt war und sie höchstens achtzehn. Sie war zierlich, brünett, sehr hübsch und hatte große braune Augen, die in einem Roman als „sprechend“ bezeichnet worden wären. Ihr Begleiter war ungefähr im selben Alter wie sie, gerade eben kein Junge mehr, so blond wie sie brünett und überaus gut aussehend. Auffallend war, dass keiner von beiden Einkaufstaschen trug.

Justin Robillard sprang vom Pferdewagen: „Das ist also der wahre Grund, warum du in die Stadt wolltest“, sagte er ungehalten. Dann wandte er sich an den jungen Mann: „Verzieh dich, Folkow!“

„Justin!“, protestierte Annette. „Jetzt sei nicht so. Roy hat nur seinem Vater eine Nachricht überbracht, und wir haben uns eben rein zufällig am Eingang getroffen.“

„Großvater hat schon mit dir darüber gesprochen, Annette. Das ist unverzeihlich.“

„Liebe verzeiht alles“, sagte Roy Folkow und vielleicht hätte es nicht ganz so schwülstig geklungen, wenn er ein wenig älter gewesen wäre.

Justins Lachen ließ mich erschaudern: „Mit diesem Unsinn hat er dir also den Kopf verdreht, Annette?“

„Das ist kein Unsinn!“, aber ihre Stimme zitterte.

„Los jetzt, in den Wagen“, sagte Justin mit knurrender Stimme und klang dabei fast wie ein Hund, dann drehte er plötzlich wütend den Kopf in Richtung Roy Folkow. „Wenn du dich noch einmal in die Nähe meiner Schwester wagst, reiß ich dich in Stücke.“

Es hätte ebenso abgedroschen klingen müssen wie Folkows Gemeinplatz, tat es aber nicht. Es wirkte nicht nur, als meine Justin, was er sagte, sondern als wäre es für ihn eine Leichtigkeit, seine Drohung in die Tat umzusetzen.

Folkow wich langsam zurück, einen Schritt, noch einen, dann hielt er inne, den flehenden Blick auf Annette geheftet.

„Geh schon, Roy“, sagte Annette, bemüht so zu klingen, als habe ihre Entscheidung nichts mit der Drohung ihres Bruders zu tun. „Wir sprechen uns später.“

„In Ordnung“, sagte Folkow. „A-auf Wiedersehen, Annette.“ Nervös blickte er noch einmal zu Justin hinüber und verschwand in dem Geschäft wie ein Hase in seinem Loch.

Justin sah ihm nach.

Annette drehte sich zu dem Pferdewagen um, und nahm mich – wie ihr Gesicht verriet - erst jetzt wahr. „Oh, entschuldigen Sie bitte. Sind Sie der Mann vom Museum?“

„Das ist Mr. Booth“, sagte Justin, „ich bin mir sicher, er fand deine kleine Szene höchst amüsant.“

Ich habe doch keine Szene gemacht“, gab sie zurück. „Ich weiß wirklich nicht, was du gegen Roy Folkow hast, also ehrlich, Justin …“

„Lass uns fahren, Annie“, sagte Justin, der nun nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch müde klang.

Sie musterte ihn kurz, dann sprang sie flink in den Wagen, setzte sich auf den Platz direkt hinter ihrem Bruder und drehte sich zu mir um. „Entschuldigen Sie bitte die Wartezeit, Mr. Booth“, sagte sie. „Ich hatte Justin angeboten, nach Hause zu laufen, aber …“

„Und ich habe dir, genau wie Großvater und Tante Olive auch, schon mal gesagt: auf keinen Fall, wenn du nicht vor Einbruch der Dunkelheit Zuhause sein kannst.“ Der Pferdewagen setzte sich, wie ein Widerhall Justins kantiger Worte, ruckartig in Bewegung.

„Ist die Gegend hier so gefährlich?“, fragte ich erstaunt.

„Ach, man erzählt sich schon lange Gerüchte über Wölfe“, antwortete Annette mit einer koketten Kopfbewegung, „aber das ist natürlich Unsinn. Ich glaube Großvater fürchtet, dass ich mich heimlich davonmache.“

Justin lachte auf, was mich erneut frösteln ließ. „Das soll Roy Folkow erst mal wagen. Aber gehen Sie besser nicht nach Einbruch der Dunkelheit hinaus, Mr. Booth. Wölfe hin oder her, die Landschaft hier ist wirklich trügerisch, und wenn Sie mich fragen, würde ich Ihnen sogar davon abraten, bei Tageslicht alleine loszuziehen. Jedes Jahr kommt es vor, dass jemand in ein Schlundloch fällt, manchmal können die Körper geborgen werden und manchmal auch nicht.“

„Wie schrecklich, unseren Gast so willkommen zu heißen“, sagte Annette lachend. Ihr Lachen hatte nichts mit dem ihres Bruders gemein. „Wir alle hoffen natürlich, dass Sie sich in Belle Lune wohlfühlen werden, Mr. Booth, und gar nicht das Bedürfnis haben, trotzdem draußen herumzuwandern. Großvater sagte, Sie bleiben eine Woche bei uns?“

„Ich, äh, ja, so lauten meine Anweisungen.“ Im Zug hatte ich mir mehr und mehr Sorgen darüber gemacht, was wohl passieren würde, wenn am Ende der Woche die Bibliothek von Belle Lune noch nicht vollständig katalogisiert wäre und witterte nun eine Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. „Ist die Bibliothek sehr groß?“

„Nein, überhaupt nicht“, sagte Annette. „Die Robillards sind keine großen Leser.“

„Das stimmt“, sagte Justin, „es ist Urgroßmutter Josephines Sammlung. Sie hat die meisten Bücher mitgebracht, als sie 1846 Samuel Justus Robillard geheiratet hat.“

„Es könnten deutlich mehr Bücher sein“, seufzte Annette, „wenn Urgroßmutter Josephine nicht so früh gestorben wäre.“

„Großvater hat die Bücher zur Erinnerung an sie aufbewahrt“, fuhr Justin fort. „Und dieser Anwalt meinte, sie könnten wertvoll sein.“

Ich hatte durchaus meine Zweifel, aber zumindest schien die Aufgabe ihren Beschreibungen nach machbar zu sein und vielleicht ja sogar interessant zu werden. Ich war erleichtert.

***

Ich hätte es besser wissen müssen, dachte ich bedrückt Freitagabend nach fünf höllischen Tagen. Tatsächlich entsprach die Bibliothek Annettes und Justins Beschreibungen, verschwiegen hatten sie mir jedoch, dass sie gleichzeitig als Aufenthaltsraum genutzt wurde und als solcher ständig von einer oder gleich mehreren von Marcus Justus Robillards Töchtern belagert wurde.

Von den vieren - Olive, Sophia, Christina und Sarah, drei alten Jungfern und einer Witwe - war mir Sarah am liebsten. Als kleines Kind hatte sie durch ein Fieber ihr Gehör verloren und lebte seitdem eine seltsam stille Existenz innerhalb ihrer Familie. Nie sprach jemand mit ihr oder von ihr, aber ihre dunklen und großen Augen, die denen ihrer Nichte glichen, waren hellwach und klug. Als einzige der Familie las sie Josephine Robillards Bücher und hatte meine ersten Erkundungen mit großem Interesse verfolgt, war sogar so weit gegangen, mir einen Stapel Bücher zu bringen, die sie (so nahm ich an) für besonders beachtenswert hielt: Lydia Maria Childs ersten Roman Hobomok; vier leider fleckig gewordene Bände von The Dial und American Bestiary von Matthias Claybourne Cullen – nicht in der seltenen Ausgabe von 1839, sondern als billiger Oktavband von 1845. Dennoch ein interessanter Fund, mit Einträgen über Robbenmädchen, Donnervögel und Werwölfe; ich dankte Sarah mit einem Kopfnicken, sie lächelte, als sei diese Geste weit mehr als sie erwartet hatte.

Die drei anderen Schwestern redeten ununterbrochen, als wollten sie Sarahs Stille wettmachen, und ihre harten, schrillen Stimmen hallten noch lange in meinem Kopf nach, selbst wenn ich ihrer Gesellschaft bereits entkommen war. Sie waren äußerst neugierig und löcherten mich mit Fragen über das Museum, die Stadt, mein Leben (ob ich Familie habe? Verheiratet sei? Oder einer jungen Dame den Hof mache?), ja sogar über die Bücher – ihre eigenen, die seit sie denken konnten, in ihrem Besitz waren -, was mir noch unverschämter vorkam als der gesamte Rest.

Marcus Justus Robillard, ein untersetzter, weißhaariger Patriarch, schien sich seltsamerweise dem Verhalten seiner Töchter gefügt zu haben – tatsächlich versuchte er noch nicht einmal, mich vor ihnen zu retten. Oder möglicherweise war ihm von Anfang an bewusst, dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt gewesen wäre: Sowohl Justin als auch Annette gaben sich Mühe, ihre Tanten abzulenken, ein hoffnungsloses Unterfangen. Wenn Annette es schaffte, Olive und Christina aus dem Zimmer zu lotsen, war Sophia schon da. Und wenn es Justin gelang, Sophia mit einem entschuldigenden und verlegenen Blick in meine Richtung unter irgendeinem Vorwand aus dem Raum zu locken, war Olive bereits zurück. Die einzige Atempause war mir beim Abendessen vergönnt, bevor ich Müdigkeit vortäuschte und mich so schnell wie möglich auf mein Zimmer zurückzog. Doch auch die Essenszeit war kein verlässlicher Ruheort, da schon die kleinste Gesprächspause die Aufmerksamkeit mindestens einer der Schwestern auf mich lenkte. Das einzig ungestörte Mahl nahm ich am Mittwochabend ein, es war mir nur durch einen der offensichtlich seltenen Auftritte von Justins und Annettes verwitweter Mutter vergönnt.

Patrick Robillard war bereits verstorben, als Annette noch nicht einmal Laufen gelernt hatte, und von jenem Tag an hatte sich Marian ihrer endlosen Leidensgeschichte hingegeben. Ich konnte es ihr angesichts dieser Schwägerinnen nicht verdenken. Sie war eine von starken Schmerzmitteln gezeichnete Frau, dünn, mit leerem Blick und schwach, als würde sie durch Wasser waten, das niemand sonst wahrnehmen konnte. Durch ihre Anwesenheit kreiste das Gespräch bei Tisch um Krankheiten anstatt um mich, ich war ihr dankbar dafür, selbst wenn es weder besonderer Klugheit noch eines feinen Gespürs bedurfte, um zu merken, dass ich ihr vollkommen gleichgültig war. Justin musste ihr von Roy Folkow erzählt haben, da Marian Robillard sich bemühte, an dem niemals versiegenden Quell aus lästigen Fragen und grausigen Anekdoten von Olive, Sophie und Christina vorbei und durch sie hindurch, ihre Tochter auszufragen.

Ihre zaghaften Versuche waren nicht von Erfolg gekrönt, da sie direkte Fragen vermied – vielleicht, wie ihre verstohlenen Blicken in Richtung Familienoberhaupt vermuten ließen, da sie die Reaktionen ihres Schwiegervaters fürchtete -, und Annette ihr geschickt auswich. Als Marian sich erhob, ihren Schwiegervater auf die Schläfe küsste und murmelte, sie werde sich in ihr Zimmer zurückziehen, bemerkte ich einen Ausdruck schuldbewussten Triumphes auf Annettes Gesicht. Sie hatte auf das eingeschränkte Durchhaltevermögen ihrer Mutter gesetzt und gewonnen. Ein unangenehmer Einblick, der es nicht einfacher machte, die Anwesenheit der Robillards zu ertragen.

Zumindest das beste Gästezimmer machte seinem Ruf alle Ehre. Es war groß, luftig und deutlich weniger beklemmend als die übrigen Räume in Belle Lune, in schlichtem Blau und Weiß gehalten und mit einem hübschen, antiken Kirschholzsekretär ausgestattet, der für mich nach einem echten Museumsstück aussah, auch wenn amerikanische Antiquitäten nicht gerade zu meinen Spezialitäten gehörten. Das Bett war groß, die Matratze fest und ich wünschte, ich könnte es erfolgreich für den vorgesehenen Zweck nutzen.

Ich rechnete jedoch Freitagnacht nicht damit, mehr Schlaf zu finden als in den Nächten zuvor, zumindest nicht in den nächsten Stunden. Langsam machte ich mich bettfertig, es war deutlich angenehmer, das Badezimmer aufzusuchen, bevor die Familie nach oben kam; zurück in meinem Zimmer verschloss ich die Tür und fühlte mich beinahe sicher. Ich schlug die Bettlaken zurück und zog meinen Schlafanzug an,  da ich schon vor langer Zeit gelernt hatte, dass Ungemütlichkeit eine unnütze Strafe war, was meine Schlaflosigkeit betraf. Ich hatte Sascha Fleury-Dubois‘ Letters from the Guillotine mitgebracht, um mich während der langen, kalten Nächte zu unterhalten, und es war den schweren Koffer wert gewesen.

Gerade als ich den obersten Knopf an meinem Schlafanzug zuknöpfte, klopfte es an der Tür.

Für einen möglichen Beobachter muss mein Versuch lächerlich ausgesehen haben, mich gleichzeitig umzudrehen und nach meinem Morgenmantel zu greifen, noch lächerlicher wirkte ich allerdings sicherlich in dem Moment, als ich die Tür öffnete und Marcus Justus Robillard gegenüber stand.

Die gesamte Woche über hatte er mich kaum eines Blickes gewürdigt, worüber ich ehrlich gesagt froh gewesen war, da ich ihm ansonsten hätte mitteilen müssen, dass es eine Verschwendung meiner Zeit und seines besten Gästezimmers gewesen sei, mich hierher zu holen. Einzig die Bücher, welche Sarah Robillard mir am Montag gezeigt hatte, waren es wert, genauer betrachtet zu werden; alle anderen waren nicht nur in miserablem Zustand, sondern konnten wohlwollend gerade einmal zum Fußvolk des papierenen Heeres gezählt werden, das Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Amerika marschiert war. Es gab weder etwas, das für ein Museum geeignet war, noch etwas von Wert, und ich hatte die gesamte Woche über den Verdacht gehegt, wenngleich ich versuchte, den Gedanken zurückzudrängen, dass Marcus Justus Robillard sich dessen bewusst war.

Nun stand er vor meinem Schlafzimmer, sah mich leicht spöttisch an, und seine Augen glänzten ebenso gelblich wie die seines Neffen. „Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich, Mr. Booth?“

„Äh … mmh, selbstverständlich, wie Sie wünschen.“ Was hatte ich für eine Wahl? Ich trat zur Seite und ließ ihn herein.

Er setzte sich auf den Stuhl an den Sekretär, wodurch ich gezwungen wurde, entweder nutzlos in der Mitte des Raumes herumzustehen oder auf dem Bett Platz zu nehmen, beide Möglichkeiten passten hervorragend zu meinem Schlafanzug und Morgenmantel und betonten meine ungünstige Ausgangslage. Ich entschied mich für das Bett.

Marcus Justus verlor keine Zeit. Er sagte: „Viele Grüße von Ihrem Vetter.“

Die Worte ergaben zuerst keinen Sinn, und selbst als ich sie verstand, erschienen sie unsinnig. „Mein …, äh, mein was?“

„Ihr Vetter“, sagte Marcus Justus klar und deutlich und sah mich mit funkelnden Augen an. „L. M. Ogilvy.“

„Sie … Sie kennen meinen Vetter?“ Das sprach nicht gerade für ihn, ich hatte meinen Vetter Luther Murchison Ogilvy nur ein einziges Mal getroffen und hoffte, ihm nie wieder zu begegnen.

„Wir stehen seit vielen Jahren miteinander in Kontakt“, sagte Marcus Justus. „Man könnte vielleicht sagen, dass wir ein gemeinsames Interesse haben.“

„Was für ein Interesse?“

Er zeigte seine Zähne, aber es war kein Lächeln. „Familienflüche.“

„Oh.“ Mein Vetter Ogilvy hatte mir von dem Murchison-Fluch erzählt. Ich trug das Zeichen des Fluchs in meinen zu früh weiß gewordenen Haaren und sollte ich jemals heiraten, so würde der Fluch meine Ehefrau töten, wie er auch meinen Vater getötet hatte. Meine Mutter hatte ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Ich war fest entschlossen, niemals zu heiraten, niemals einen Menschen so nah an mich heranzulassen und dem Fluch kein neues Ziel zu bieten.

„Meine Familie leidet ebenso unter einem Fluch wie Ihre, Mr. Booth, einem Fluch, bei dem nicht die Hoffnung besteht, dass er jemals enden wird. Aber Ihr Vetter hat einen Vorschlag gemacht. Er berichtete mir von den Erfolgen, welche die Murchinsons durch das Heiraten innerhalb der eigenen Familie erzielen konnten, dass der Fluch sich nicht zeigte, wenn beide Parteien ihn trugen. Da diese Möglichkeit jedoch für mich nicht in Frage kommt, weil die Robillards sich niemals außerhalb von Belle Lune vermehrt haben, kam Ihr Vetter auf die Idee, ob womöglich der Murchison-Fluch und der Robillard-Fluch sich gegenseitig …“, unvermittelt legte er die Hände ineinander, „… sich gegenseitig aufheben könnten.“

„Ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen“, antwortete ich und brachte die Worte nur mühsam hervor, mein Gesicht fühlte sich steif und taub an.

„Oh doch, ich denke, das tun Sie“, sagte Marcus Justus. „Es wäre nicht angemessen, Sie mit einer meiner Töchter zu vermählen – alte Jungfern allesamt, und es scheint, dass Sie sich für keine von ihnen erwärmen konnten.“

„Ich mag Sarah“, erwiderte ich geistlos, trotzig.

Er tat meine Bemerkung ab. „Aber meine Enkelin ist ein hübsches Mädchen. Gut erzogen. Und an Geld mangelt es uns auch nicht.“ Sein höhnisches Grinsen zeigte, dass er die abgenutzten Stellen an den Ärmeln meines Morgenmantels, die ausgefransten Säume meines Schlafanzugs bemerkt hatte.

„Sie wollen, dass ich Annette heirate?“, sagte ich langsam, versuchte bemüht, meine Stimme unter Kontrolle zu halten.

„Es ist ein Wagnis“, sagte Marcus Justus, „aber es ist es wert. Es wird den Fluch natürlich nicht davon abhalten, Annette heimzusuchen, aber Sie sollten dadurch sicher sein. Und es könnte die Auswirkungen auf Ihre Kinder mindern.“

„Oder sie könnten zweifach verflucht sein“, erwiderte ich.

„Darüber haben Ogilvy und ich auch nachgedacht, es scheint uns jedoch nicht sehr wahrscheinlich.“

Ich traute ihren Annahmen nicht, ich war mir zu sicher, dass der Murchison-Fluch Annette töten würde, sobald sie meine … Mir fehlte die Kraft den Gedanken zu Ende zu bringen: meine Braut würde.

Etwas, das ich niemals haben konnte.

Ich wusste, dass es zwecklos, wenn nicht sogar waghalsig war, mich mit Marcus Justus anzulegen. Alles, was ich wollte, war, dass er mein Zimmer verließ, aber vorher musste ich noch eine Frage klären.

Dieser Anwalt meinte, sie könnten wertvoll sein, hatte Justin gesagt.  Ich war davon ausgegangen, dass es um einen Anwalt der Familie Robillard ging, aber auch mein Vetter Ogilvy war Anwalt und aus meiner eigenen Erfahrung wusste ich, dass er gut darin war, sich Vorwände auszudenken. „Deswegen haben Sie mich also herkommen lassen. Es ging Ihnen gar nicht um die Bücher.“

„Ach ja, die Bücher“, sagte Marcus Justus mit einem Achselzucken, das seine Muskeln betonte, ich schätzte ihn auf ungefähr siebzig Jahre, doch er wirkte immer noch sehr kraftvoll. „Sie können sie als Hochzeitsgeschenk haben, wenn Sie sich dafür interessieren. Ogilvy meinte, es sei die einzige Möglichkeit, Sie hierher zu bewegen.“

„Natürlich“, sagte ich. Es tröstete mich nicht, richtig gelegen zu haben. Das Gefühl der Taubheit breitete sich aus und mir wurde schwindelig.

Marcus Justus grinste: „Er hält nicht viel von Ihnen.“

„Er kann eigentlich nicht weniger von mir halten als ich von ihm.“ Ich nahm meine eigenen Worte kaum wahr, da ich verzweifelt überlegte, wie ich Marcus Justus aus dem Zimmer bekommen konnte, bevor ich ohnmächtig wurde – oder einen hysterischen Anfall erlitt -, so dass ich mich fürchterlich erschrak, als er loslachte.

„Vielleicht sind Sie doch gar nicht so ein Schwächling, wie es scheint“, sagte er, und zu meiner Freude und Erleichterung stand er auf. „Sie haben nun über einiges nachzudenken, ich erwarte heute keine Antwort mehr von Ihnen. Schlafen Sie gut.“ Dann ging er hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Mühsam stand ich auf und verschloss die Tür, als würde sie mich tatsächlich schützen. Doch selbst eingebildete Sicherheit war besser als dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins, mit dem mich Marcus Justus soeben zurückgelassen hatte.

Ich atmete tief ein, dann noch einmal. Er konnte mich nicht zwingen, Annette zu heiraten, ich musste nur vermeiden, ihm bis Sonntag eine Antwort zu geben, dann konnte ich zurückkehren …

Und wenn Marcus Justus mich nicht abreisen ließ?

Das war natürlich Unsinn, bestimmt, doch je mehr ich über die Situation nachdachte – die abgeschiedene Lage von Belle Lune; die Art, wie Generationen von Robillards im Wesentlichen die Herren ihres eigenen trostlosen Gutes gewesen waren; die Tatsache, dass ich die gesamte Woche über hatte beobachten können, dass Marcus Justus Wort für die Familie Gesetz war -, desto weniger unbegründet kam mir meine Furcht vor. Er hatte die Macht, Automobile zu verbannen, warum sollte ihn jemand dafür kritisieren, einen Archivar einzusperren? Und ich konnte auch nicht so tun, als gäbe es jemanden, den es interessierte, ob ich in dieser Einöde verschwand. Meinen Kollegen würde es Unannehmlichkeiten bereiten und Dr. Starkweather wäre verärgert, aber niemand würde der Sache, von oberflächlichen Nachfragen einmal abgesehen, auf den Grund gehen.

Niemand würde mich retten.

***

Samstagmorgen kündigte Marcus Justus an, Annette solle mir den robillardschen Friedhof zeigen. Die Geschwindigkeit, mit der die restlichen Familienmitglieder zustimmten, war höchst alarmierend, wies sie doch darauf hin, dass diese nicht nur in den Plan, mich mit Annette zu verheiraten, eingeweiht waren, sondern diesen auch guthießen. Mir kam nichts in den Sinn, wie ich mich aus dieser Situation hätte befreien können, besonders nachdem Marcus Justus geradeheraus sagte: „Und machen Sie sich keine Sorgen um die Bücher.“ Annette selbst schien nichts dagegen einzuwenden zu haben, dass so eigenmächtig über ihren Tag verfügt wurde, aber aus der fehlenden Befangenheit ließ sich ablesen, dass sie nichts von den Plänen ihres Großvaters ahnte, über weit mehr als nur diesen einen Nachmittag zu verfügen.

Sie wusste nichts von dem Fluch.

Als Mittagessen nahmen wir ein Picknick mit, vorbereitet von Sarah und Christina, die beide dümmlich grinsten, und legten zu Fuß die Viertelmeile von Belle Lune bis zur Begräbnisstätte zurück. Es war ein reiner Familienfriedhof, wie Annette mir erzählte; einzig und allein Robillards durften hier begraben werden, er war ausgenommen von den Landes- und Bezirksbestattungsgesetzen. Eine, wie mir schien, überaus zutreffende Metapher für Belle Lune selbst.

Als wir ankamen, bestätigte sich dieser Gedanke. Zu allen Seiten dehnte sich, so weit mein Auge reichte, kalte, braune Einöde aus. Auf drei Seiten wurde der Friedhof von furchteinflößenden, schmiedeeisernen Zaunspitzen eingeschlossen, auf der vierten Seite ging er in eines der Schlundlöcher über, von denen Justin gesprochen hatte. Annette erklärte mir, dass einige der Gräber verloren gegangen seien, als vor beinahe vierzig Jahren der Untergrund weggebrochen war, aber sie nähmen an, dass der Rest stabil sei. Das überzeugte mich nicht.

Bei den Gräbern gab es gepflegte, neuere Grabplatten (für Annettes Vater, Olives Ehemann, Marcus Justus ältesten Sohn, Philip Justus, der in Annettes Alter gestorben war), verzierte Obelisken aus dem neunzehnten Jahrhundert und auch zerbröckelnde, unleserliche Steinplatten, die der Länge nach auf dem Boden lagen und wie die Deckel von Grabkammern aussahen. Annette sagte, niemand wisse mehr, welcher Vorfahr unter welchem Grabstein ruhe, dann zeigte sie jedoch auf einen, der den Familiengeschichten nach in Gedenken an Marie-Marthe de Givère errichtet worden war, die aus einem französischen Kloster geflohen war, um mit ihrem Geliebten Robillard in der Neuen Welt zu leben.

Annette war eine gewissenhafte Fremdenführerin. Sie zeigte mir die Gräber des Sezessionskrieges – die Robillards hatten einen Sohn an jede Seite verloren, Henry Justus an die Nordstaaten und Clarence an die Südstaaten – und Josephine Robillards Grabstätte (mit dem am aufwendigsten verzierten Obelisk). Während des Mittagessens erzählte sie mir alle ihr bekannten Geschichten zu den Gräbern; mir fiel auf, dass es meistens Frauen in den späten Zwanzigern oder sehr frühen Dreißigern waren, alle von ihnen hatten in die Familie Robillard eingeheiratet und wurden der Nachwelt als „Ehefrau und Mutter“ präsentiert. Ein indirekter Beweis für Marcus Justus Behauptungen über einen Familienfluch, und mir wurde bewusst, dass ich das als Anlass für ein Gespräch mit Annette zu diesem Thema nutzen sollte, aber ich konnte es einfach nicht.

Den ganzen Weg lang bis zur Begräbnisstätte hatte ich überlegt, wie ich ihr von dem Fluch erzählen könnte, aber jede mögliche Eröffnung scheiterte an meinem unzureichenden Wissen. Marcus Justus hatte es vorsichtig vermieden – wie mir nun zu spät auffiel -, irgendwelche Details preiszugeben, irgendetwas Brauchbares. Ihr nur mitzuteilen, Ihr Großvater sagt, es läge ein Fluch auf der Familie, würde zu nichts führen.

Und wie konnte ich ihr ohne diesen Hintergrund erklären, warum ihr Großvater wollte, dass ich sie zur Frau nahm? Jedes Mal, wenn ich meinen Mund öffnete, um einen Versuch zu wagen, sah ich sie, liebreizend, jung und lebhaft, in einem geblümten Sommerkleid mit einem breitkrempigen Strohhut, und musste mir das gellende Gelächter vorstellen, aus dem ihre Antwort sicherlich bestehen würde. Ich konnte es ihr nicht verübeln – welche andere Reaktion wäre von einem jungen Mädchen zu erwarten? –, aber bereits der Gedanke daran verschlug mir die Sprache.

Den gesamten Nachmittag über sagte ich nichts.

***

Als wir wieder zurück waren, wurde Annette in das Arbeitszimmer ihres Großvaters zitiert. Irgendwer hatte ihn über Roy Folkow unterrichtet. Während des Abendessens überboten sich die Tanten mit Tadeln: „Der Sohn eines Ladenbesitzers“, sagte Olive und schürzte ihre Lippen bei den Worten, als schmeckten sie geradezu nach Anstößigkeit. Oder saurer Milch. „Also ehrlich, Annette.“ Annette hielt es nicht mehr aus und verließ tränenüberströmt den Tisch, noch bevor der Kaffee aufgetragen wurde. Die Stimmung besserte sich auch dann nicht; ich täuschte Migräne vor, um mich der abendlichen Unterhaltung entziehen zu können.

Sonntagszüge wurden mit keinem Wort erwähnt.

Mit den Letters from the Guillotine legte ich mich auf mein Bett und muss eingenickt sein, da ich plötzlich durch ein Klopfen an meinem Fenster geweckt wurde. Ich fuhr erschrocken hoch, und einen Moment lang fiel das Licht auf Annette Robillard, die dort umrahmt von der Nacht stand, und  ließ ihre Augen golden glühen.

Ich öffnete das Fenster und hörte sogleich: „Mr. Booth, bitte, Sie müssen mir helfen.“

Ihre Augen waren immer noch gerötet und mir gefiel nicht, wie verzweifelt sie aussah. „Äh, wobei?“

„Ich habe mich heute Nacht mit Roy an der Ussher-Weggabelung verbredet, aber ich kann nicht weg, nicht wenn alle hier herumschnüffeln. Aber Sie könnten einen Spaziergang machen.“

„Ihr Bruder hat mir davon abgeraten“, gab ich vorschnell zurück.

Bitte“, sagte sie.

Ich fragte mich innerlich schaudernd, ob Marcus Justus sie in seine Pläne eingeweiht hatte. „Was ist los?“

Sie warf einen Blick über ihre Schulter, auf die dichten purpurnen Wolken und die fern am Nachthimmel glühenden Sterne. Der Mond war noch nicht aufgegangen. „Es stimmt“, sagte sie, „Vollmond ist in diesem Teil der Welt eine riskante Zeit. Und ich kenne Roy. Er wird warten.“

„Wollen Sie denn mit ihm durchbrennen?“

„Nein“, antwortete sie. Sie sah zu Boden, faltete den dünnen geblümten Stoff ihres Kleides zwischen ihren Fingern. Dann sagte sie: „Vielleicht. Ich weiß es nicht! Ich möchte nicht mein ganzes Leben hier verschwenden.“

„Ihr Großvater“, begann ich, ohne zu wissen, wie ich fortfahren wollte, da unterbrach sie mich.

„Mein Großvater geht heute Nacht auf die Jagd.“

„Ihr Großvater geht nachts auf die Jagd?“

„Bei Vollmond. Familientradition.“ Dann entfuhr ihr plötzlich, ungehemmt: „Wie ich es hasse! Mein Vater wurde bei so einer nächtlichen Jagd getötet, Großvater nimmt Justin manchmal mit und Tante Olive und Tante Christina, und manchmal fühlt es sich so an, als warte ich nur darauf, dass auch der nächste von ihnen dabei stirbt. Ich mache mir Sorgen um Roy!“

„Glauben Sie, Ihr Großvater würde ihn erschießen?“ fragte ich. Ich hätte es gern für unwahrscheinlich gehalten.

„Das wäre eine gute Entschuldigung“, sagte sie, die Augen weit aufgerissen, dunkel und voller Grauen. „Jagdunfälle passieren ständig.“

„Und wie kann ich mich vor einem schützen?“

„Großvater macht keine Fehler“, sagte sie so überzeugt, dass ich nicht daran zweifeln konnte.

Mir war bewusst, dass Marcus Justus guten Grund hatte, Folkow nicht nur als lästiges Ärgernis zu sehen, sondern als tatsächliches Hindernis. Und vielleicht … ja, vielleicht könnte ich Folkow erzählen, dass Marcus Justus eine Ehe zwischen mir und Annette vorgeschlagen hatte. Wenn ich an seine Ernsthaftigkeit dachte, die sichtbare Verehrung Annettes auf seinem Gesicht, glaubte ich, dass er schneller verstehen würde als Annette. Ich brachte es einfach nicht fertig, es ihr ins Gesicht zu sagen: Ihr Großvater möchte, dass Sie mich heiraten. Wegen eines Fluchs.

„Lassen Sie mich … äh, ich meine, ich muss mich schnell anziehen“, sagte ich.

Annette strahlte mich an, jedoch besaß dieses Strahlen nicht die Kraft, die Dunkelheit aus ihren Augen zu vertreiben, dann sagte sie: „Ich hole Ihnen eine Taschenlampe.“

***

Annette war mit der versprochenen Lampe zurück, als ich gerade meine Krawatte gebunden hatte – obwohl es sich dabei um eine unnütze und lächerliche Geste der Seriosität handelte, fühlte ich mich sogleich wohler. Annette begleitete mich über die Hintertreppe und durch die Küche, in der Sarah Robillard den Abwasch machte, nach draußen. Sarah bemerkte uns nicht.

„Hat Ihre Familie keine Angestellten?“, fragte ich Annette, sobald sie die Tür des Windfangs hinter uns zugezogen hatte. Das hatte ich mich schon die ganze Woche über gefragt.

„Niemand bleibt freiwillig hier draußen“, erwiderte sie und wechselte rasch das Thema. „Gehen Sie ums Haus herum, dann kommen Sie auf die Straße. Dort halten Sie sich links und nach drei Meilen erreichen Sie die Weggabelung. Es gibt einen Wegweiser, auf dem ‚Ussher‘ steht, dann wissen Sie, dass Sie richtig sind. Und außerdem wird Roy ja da sein.“ Sie schaltete die Taschenlampe ein und gab sie mir.

Ich machte den Mund auf, wollte protestieren, aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte, war nicht einmal sicher, wogegen ich protestieren wollte – von der schändlichen Ungerechtigkeit der gesamten Situation einmal abgesehen, und dafür konnte Annette nichts.

Etwas von diesen Gefühlen muss sich auf meinem Gesicht widergespiegelt haben, denn plötzlich sagte sie: „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen so sehr, Mr. Booth. Hier, das ist für Sie.“ Sie griff nach meinem Revers, und bevor ich ihr ausweichen konnte, steckte sie mir etwas ins Knopfloch, das ich jedoch nicht richtig erkennen konnte.

„Wolfswurz“, sagte sie und lachte nervös, nicht ihr fröhliches Tageslichtlachen. „Die Leute hier pflanzen ihn an, um die besagten Wölfe fernzuhalten.“

„Aber der ist doch ziemlich giftig“, sagte ich.

„Dann naschen Sie lieber nicht davon“, erwiderte sie. Diesmal klang ihr Lachen fröhlicher. Sie hätte möglicherweise meine Wange geküsst, doch ich drehte mich weg, noch bevor ich herausfinden konnte, ob es tatsächlich ihre Absicht gewesen war, und sah sie nicht noch einmal an.

Sie würde niemals meine Braut sein können.

Mühelos erreichte ich die Straße, ohne auf einen anderen der Robillards zu treffen – was insgeheim meine größte Sorge gewesen war. Ich bog links ab, wie Annette es mir aufgetragen hatte, und lief los.

Der Mond ging kurz danach auf, ein gewaltiges leuchtendes Rund. Es war, so dachte ich bei mir, der Jagdmond, da die herbstliche Tagundnachtgleiche gerade einen Monat zurücklag. Mir fiel ein, dass der Jagdmond auch Blutmond genannt wurde, und ich beschleunigte meine Schritte.

Aber besonders schnell kam ich nicht voran, obwohl ich es versuchte. Die Straße war in keinem guten Zustand – wie mir bereits Montagnachmittag aufgefallen war, als ich in Justin Robillards Pferdewagen durchgerüttelt wurde –, und außerdem war mir der Weg fremd. Trotz Lampe stürzte ich zweimal; beim zweiten Mal war ich so außer Atem gekommen, dass ich eine Weile brauchte, bevor ich meinen Weg fortsetzen konnte. Ich redete mir ein, es sei lächerlich, Angst zu haben – während der weiße Mond weiter am Himmel aufstieg -, aber konnte mich nicht eines Gefühls von Dringlichkeit entledigen, eines Gefühls, dass Annette recht hatte und Roy Folkow verloren war, wenn ich zu spät kam.

Lächerlich, sagte ich, diesmal noch eindringlicher, und versuchte gleichzeitig, mich zu beeilen.

Obwohl ich so schnell ging wie ich konnte, brauchte ich eine knappe Stunde, bevor ich endlich eine leichte Steigung erklommen hatte und vor mir die Weggabelung erblickte. Ich sah dort niemanden warten, aber vielleicht hatte Folkow sich hingesetzt – oder sich vernünftigerweise überlegt, im Verborgenen zu bleiben. So schnell ich konnte, bahnte ich mir einen Weg den Hügel hinab.

Lampenlicht und Mondschein ließen mich den Wegweiser entziffern, dort stand tatsächlich USSHER.

„Folkow!“, rief ich leise.

Keine Antwort.

Annette war so sicher gewesen, dass Folkow auf sie warten würde – ich fragte mich schon, ob ich vielleicht die Weggabelung vor ihm erreicht haben könnte. Langsam drehte ich mich einmal im Kreis, um auf den anderen Abzweigungen nach Anzeichen von Bewegungen Ausschau zu halten. Nichts. Vorsichtig ging ich auf den Rand des Weges zu, in der Hoffnung etwas zu finden, auf das ich mich setzten konnte; unabhängig davon, ob Folkow nicht gewartet hatte oder noch nicht angekommen war, wollte ich zumindest eine Verschnaufpause einlegen, bevor ich mich auf den Rückweg nach Belle Lune machte – oder gar, Justin Robillard zum Trotz, den Weg in die nächstgelegene Stadt oder zur nächstbesten menschlichen Behausung einschlug. Ich war noch nicht am Wegesrand angekommen, als mir auf einmal der Geruch von Blut und Exkrementen in die Nase stieg, beides ekelerregend frisch.

Verzweifelt und vergeblich sehnte ich mich danach, irgendwo anders zu sein, nur nicht hier. Dann machte ich einen weiteren Schritt, die Lampe leuchtete mir den Weg, und fand Roy Folkow.

Er war tot, jedoch nicht erschossen worden.

Er war … ich beugte mich vor, dann musste ich mich abwenden, um mich nicht zu übergeben. Er war zerfleischt und, wie ich glaubte, auch teilweise gefressen worden. Es musste gerade erst passiert sein.

Annette hatte sich über die Wolfsgeschichten lustig gemacht, aber was sonst konnte hierfür verantwortlich sein?

Als Antwort nahm ich ein Heulen wahr, ein langsam anschwellendes Geheul, das traurig klang. Es war nicht sehr nah, was mich aber nur wenig beruhigte. Ich konnte nicht hier draußen bleiben, mit Roy Folkows Leiche und einem umherziehenden Raubtier. Belle Lune war der nächste Anlaufpunkt. Ich musste zurück.

Ich sah hinauf zum Jagdmond, dem Blutmond, und betrachtete die Taschenlampe, die Annette mir mitgegeben hatte. Fragte mich, ob ich mir das Genick brechen würde, wenn ich rannte.

***

Ich rannte, zumindest einen Teil des Weges, aber ungefähr eine halbe Meile vor Belle Lune färbte sich plötzlich der Horizont blutrot und es roch nach Rauch.

„Nein“, stieß ich beinahe flüsternd hervor. „Oh nein.“

Aber Leugnen hat noch nie über die Wahrheit hinweggetäuscht. Belle Lune brannte.

Ich rannte schneller, waghalsiger, ein Wunder, dass ich mir nicht das Genick dabei brach. Als ich endlich die Zufahrt von Belle Lune erreichte, humpelte ich, an beiden Füßen hatten sich schmerzende, offene Blasen gebildet und mein linker Knöchel pochte von einem weiteren Sturz.

Das Haus loderte, Flammen schienen aus allen Fenstern zu züngeln. Heldenhaft hineinzustürzen war unmöglich, selbst wenn ich den Mut aufgebracht hätte; es gab kein „Innen“ mehr und an Überlebende war nicht zu denken. Wer den Flammen nicht bereits entkommen war, musste tot sein. Und auch die wertlosen Bücher waren nur noch Asche.

Ich stand am dunklen Wasser des Spiegels und war, wenn ich ehrlich bin, in erster Linie verwirrt. Es gab meines Wissens nach keine Nachbarn und bis zur nächsten Stadt waren es mindestens zehn Meilen. Ich wusste nicht, wo das Pferd war, oder der Pferdewagen, und selbst wenn ich es gewusst hätte, wäre es für mich schwer geworden, die beiden zusammenzubringen. Mir kam der verschwommene Gedanke, ich sollte das Haus auf der Suche nach Überlebenden umrunden – möglicherweise war jemand hinten im Garten? Vielleicht war die Rückseite des Hauses nicht so schnell heruntergebrannt wie die Vorderseite? Immer noch stand ich wie angewurzelt dort, als ich erneut das Heulen hörte.

Mir war sofort klar, dass es von demselben Wesen stammte, woher auch immer ich das wusste. Und es war nun deutlich näher als an der Weggabelung. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass wilde Kreaturen Feuer meiden und ein Flammenmeer wie das von Belle Lune sicherlich sogar die allerschlimmsten und blutrünstigsten Bestien einschüchtern würde, es gelang mir nicht. Wenn sich das Wesen wirklich näherte, auf dem Weg hierher war, brauchte ich entweder ein Versteck oder eine Waffe. Da fiel mir ein Gartenschuppen hinter dem Haus ein; wenn sich dieser nicht als Versteck eignete, fand ich dort vielleicht eine Waffe, und nach Überlebenden musste ich ohnehin suchen, auch wenn es mir aussichtslos erschien.

Ich umrundete das Haus vorsichtig, stapfte durch die Blumenbeete, um nicht zu nah an das Feuer zu kommen.

Hinter Belle Lune war niemand zu sehen. Wenn Marcus Justus nicht auf die Jagd gegangen war, so musste die gesamte Robillard-Familie ausgelöscht worden sein. Während ich die windschiefe Tür des Schuppens bearbeitete, fragte ich mich, wie sie alle von dem Feuer überrascht worden sein konnten. Als ich gegangen war, hatte noch niemand geschlafen und alle waren noch im Erdgeschoss gewesen. Wie konnte sich das Feuer so schnell ausgebreitet haben, dass es niemand mehr hinaus geschafft hatte? Sarah Robillard war doch nur weniger als zwanzig Fuß von der Hintertür entfernt gewesen, und obwohl sie gehörlos war, hätte sie den Rauch doch wie jede hörende Person wahrnehmen müssen.

Im Schuppen fand ich: eine verrostete Gartenschere, von der ich bezweifelte, dass sie mir mehr von Nutzen sein würde als mein Taschenmesser; eine für mich wertlose Leiter; eine Harke, der die Hälfte der Zacken fehlten, und eine Schaufel. Die Schaufel verfügte zumindest über ein breites Eisenblatt und war robust gefertigt. Ich kam mir töricht vor, während ich meine Runde um das Haus mit der Schaufel in der Hand fortsetzte, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich sie als Waffe ebenso handhaben konnte wie jeder andere.

Ich hatte insgeheim gehofft, dass mir jemand begegnen würde, bevor ich die Runde abgeschlossen hatte: einer der Robillards, ein Nachbar oder gar ein Polizist. Jemand, der wusste, was zu tun war, der sich des brennenden Hauses und der vermeintlich toten Körper darin annehmen würde, ganz zu schweigen von der Leiche an der Ussher-Weggabelung. Aber niemand stand vor dem Haus – es gab auch keinen vernünftigen Grund, Gegenteiliges anzunehmen –, und ich verspürte das dringende Bedürfnis, mich einfach hinzusetzen und vor Erschöpfung, Angst und Hilflosigkeit zu weinen.

Bevor ich jedoch meinem Bedürfnis nachgeben oder irgendetwas anderes tun konnte, erklang das Heulen zum dritten Mal, und es war noch nicht verstummt, als etwas die Auffahrt entlang kam und in einer Entfernung von gerade einmal zehn Fuß stehenblieb, wo es sich hinkauerte und keuchte, lange und stoßartige Atemzüge wie Schluchzer. 

Es war kein richtiger Wolf. Es war wie ein Wolf, aber viel zu groß, und seine Beine waren in die falsche Richtung gekrümmt. Die Vorderfüße, mit denen es sich auf dem Kiesweg abstützte, waren plump und unförmig, die Finger waren deutlich zu erkennen – eingerissene Fingernägel, blutige Fingerknöchel. Als es erneut den Kopf zum Heulen hob, sah ich das Blut an seinem Maul, seinem Hals und auf seiner Brust. Mir fiel auf, dass das Maul zu kurz war für einen Wolf, die Zähne zu eben. Und als das Wesen den Kopf senkte, um mich anzusehen, bemerkte ich, dass seine Augen keine Wolfsaugen waren.

Es öffnete das Maul, die Zunge hing schlaff herab, und sagte: „Töte mich!“

Die Stimme klang rau und unangenehm belegt, als wäre das Wesen kurz vor dem Ersticken, aber die Worte waren unmissverständlich.

Ich wich einen Schritt zurück und hörte meinen eigenen Atem, zu schnell und heftig.

„Töte mich“, wiederholte das Wesen, und ich sah, wie es sich schwankend aufrichtete. Es schien sich kaum halten zu können, die grotesken Finger fuchtelten wild in der Luft.

Da bemerkte ich, dass es Überreste von Annette Robillards geblümtem Kleid trug, und meine Beine gaben unter mir nach. Meine Knie schlugen unsanft auf dem Boden auf, so dass meine Zähne schmerzhaft aufeinander stießen, doch ich konnte meinen Blick nicht von dem Monster in Annettes Kleid abwenden, dem Monster, das Roy Folkow getötet hatte – und nun selbst sterben wollte.

„Töte mich“, flehte es mich an und machte einen wankenden Schritt auf mich zu. Ich richtete mich wieder auf, zu verängstigt, um auf dem Boden hocken zu bleiben. Wenn ich es nicht tötete, würde es mich wohl töten – ich nahm zumindest nicht an, dass es sich mir näherte, um seinen Kopf in meinen Schoß zu betten wie das Einhorn der Legende nach. Aber wie sollte ich es nur mit einer Schaufel töten?

Mir kam es vor, als ob es noch einmal sagte: „Töte mich“, aber die Worte gingen in einem Brüllen unter, als seine Beine sich spannten und es sprang.

Ich schwang die Schaufel. Rein instinktiv, ich glaube, meine Augen waren geschlossen, aber das Schaufelblatt muss irgendein Körperteil des Wesens erwischt haben, da der Rückstoß mir in die Schulter fuhr und ich das Biest aufjaulen hörte. Es riss mir jedoch nicht die Kehle heraus; obwohl ich die Hitze und Kraft seines Körpers nahe an meinem spürte, berührte es mich nicht.

Ich öffnete meine Augen und drehte mich nach ihm um. Es stand jetzt mit dem Rücken zum Feuer, was mir ein schlechtes Zeichen zu sein schien, sein Kopf war gesenkt und es sah mich mit gelbfunkelnden Augen an, so wie Justin Robillards Augen gefunkelt hatten. Nun sah es eher wie ein Wolf aus, und ich glaubte nicht, dass es mich erneut bitten würde, es zu töten.

Ich fragte mich, ob ich es schaffen würde - sollte ich die Augen offen halten können, wenn es das nächste Mal zum Sprung ansetzte –, das Wesen mit einem Schlag außer Gefecht zu setzen. Dies schien meine einzige, wenn auch sehr unwahrscheinliche Hoffnung. Ich umfasste den Stiel der Schaufel fester und versuchte, den Angriff vorherzusehen.

Eine Stimme hinter mir schrie: „Runter!“

Nicht Klugheit ließ mich gehorchen. Ich erschreckte mich dermaßen, dass ich beim Umdrehen, um zu sehen, wer da hinter mir war, das Gleichgewicht verlor, hinfiel und beinahe im Spiegel gelandet wäre.

Die Schrotflinte klang nach Weltuntergang.

Einige Augenblicke nach den Schüssen richtete ich mich auf, mein Schädel dröhnte, ich atmete schwer. Da sah ich Marian Robillard, das Nachthemd von den Flammen leuchtendrot gefärbt, die neben dem Wesen kniete. Ich trat vorsichtig näher und sah, dass es Annettes Körper war, zerrissen, zerstört und tot.

Marian drehte sich nicht um, aber an ihrer angespannten Körperhaltung konnte ich erkennen, dass sie meine Nähe spürte. Kurz darauf sagte sie: „Es war ein Familienfluch.“

„Lykanthropie?“ Kein Wunder, dass Marcus Justus so wortkarg gewesen war.

„Ja, soweit die Robillards ihre Ahnen zurückverfolgen konnten, sind sie immer Werwölfe gewesen. Manchmal traf es nur einen in einer Generation, andere Male alle. In der Generation meines Ehemanns wurde Sophia verschont und ich habe gebetet – nur Gott weiß, wie sehr ich gebetet habe -, dass auch Annette verschont bliebe.“

„Sarah war auch ein Werwolf?“, fragte ich erstaunt.

„Sie waren Bestien, aber nicht herzlos“, sagte Marian. „Ich kann mir keinen anderen Grund dafür vorstellen, warum Marcus Justus sie nicht auf eine richtige Schule für Gehörlose geschickt hat. Er konnte das Risiko einfach nicht eingehen – der Fluch konnte in jedem Alter zwischen neun und neunundzwanzig Jahren auftreten -, und wie erwartet stellte sich heraus, dass er Recht gehabt hatte. Sie begann sich schon im Alter von zwölf Jahren zu verändern.“

Marcus Justus „nächtliche Jagd“ nahm ganz neue, furchterregende Dimensionen an. „Was geschah mit Ihrem Ehemann?“, fragte ich sie.

„Die Frage sollte wohl eher lauten, was mir nicht geschehen ist“, gab sie zurück. Sie stand auf und drehte sich zu mir um, da bemerkte ich, dass nicht das Feuer ihr Nachthemd rot färbte. Sie war blutverschmiert. „Früher oder später wendet sich jeder Werwolf gegen den Menschen, den er liebt. Oder den sie liebt.“ Ihr Blick glitt über den toten Körper ihrer Tochter. „Marcus Justus Mutter wurde von seinem Vater getötet, als er noch ein kleiner Junge war. Marcus Justus tötete seine Frau – keines seiner Kinder hat jemals über sie gesprochen, wussten Sie das? Und Patrick hat versucht, mich zu töten.“

„Er ist gescheitert“, sagte ich halb fragend.

„Er war ein seltsamer Mann“, sagte Marian. „Er bewaffnete mich – schenkte mir ein Jagdmesser zur Hochzeit und sagte mir, ich solle es bei Vollmond immer griffbereit am Bett aufbewahren. Das tat ich auch. Als das Monster meine Tür aufbrach, kämpfte ich und gewann. Ich tötete meinen Ehemann.“

Ihre Mundwinkel zeigten ein leichtes, entrücktes Lächeln. „Marcus Justus war erbost. Ich flehte ihn an, meine Kinder wegbringen zu dürfen – seit ich von dem Fluch erfahren hatte, vermutete ich, dass er durch etwas in Belle Lune ausgelöst wurde, Gift im Wasser oder Boden. Er weigerte sich vehement, drohte mir, mich zu jagen, wenn ich es trotzdem versuchen sollte – und Marcus Justus und seine Töchter waren ausgezeichnete Jäger, vertuen Sie sich da mal nicht, Mr. Booth. Ich bettelte erneut, als Justin sich verwandelte, wollte versuchen, Annette zu retten, aber er hielt es für zu riskant. Er sagte, er glaube, Annette sei sowieso kein Werwolf.“

Unser Gespräch fiel mir ein, in dem er ruhig konstatiert hatte: Es wird den Fluch natürlich nicht davon abhalten, Annette heimzusuchen, und da wusste ich, dass er seine Schwiegertochter belogen hatte. Er hatte sehr wohl gewusst, dass seine Enkelin ein Werwolf war. Es schien, als sei die einzig Unwissende Annette selbst gewesen.

„Ich warnte ihn“, sagte Marian Robillard verbittert, düster, „wenn sie sich verwandelte, wüsste ich, wen ich zur Rechenschaft ziehen würde. Er lächelte nur. Ich glaube nicht, dass er verstanden hat, was ich meinte. Bis heute Nacht.“

„Sie haben sie getötet“, schlussfolgerte ich, „und das Haus angezündet.“

„Es gibt nur zwei Möglichkeiten, sicherzustellen, dass ein Werwolf wirklich tot ist, Mr. Booth“, gab sie zurück. „Verbrennen oder den Kopf abtrennen, oder beides. Ich habe beides getan.“

„Bei allen?“ Ich flüsterte nur noch, aber entweder hatte sie mich gehört oder meine Worte erraten.

„Bei allen. Marcus Justus, Olive, Christina, Sarah, Sophia, Justin. Und, zu guter Letzt, Annette.“

„Ich dachte, Sophia sei gar kein Werwolf?“, fragte ich ungläubig.

„Sie wuchs zwischen Werwölfen auf“, sagte Marian mit kaltem, folgerichtigem Wahnsinn, „und war noch jung genug, um Kinder zu bekommen.“

Sie hatte ihre gesamte Familie getötet. Obwohl ich wusste, warum sie so gehandelt hatte, wusste, dass sie in jeglicher Hinsicht das Richtige getan hatte, wich ich vor ihr zurück, als sei sie selbst das Monster und nicht das tote Mädchen zu ihren Füßen.

„Ich möchte nicht, dass meine Tochter verbrennt“, sagte Marian. „Würden Sie sie begraben, Mr. Booth?“

„Ja“, antwortete ich reflexartig, ohne darüber nachzudenken. „Warten Sie, warum können Sie das nicht …?“

„Begraben Sie sie an der Weggabelung“, gab sie zurück. Sie führte ihre Hände zum Hals und nahm eine Kette ab. „Sie ist aus Silber, ich denke, Sie wissen, was zu tun ist.“

„Mrs. Robillard“, antwortete ich. „Ich weiß nicht …“

„Begraben Sie sie nicht mit ihnen“, sagte sie und drehte sich weg. Gemäßigten Schrittes, wie ich es von ihr kannte, ging sie in die Feuersbrunst von Belle Lune hinein. Ich konnte sie nicht erreichen, um sie rechtzeitig zu stoppen, und wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, ob ich es getan hätte, wenn ich gekonnt hätte.

Ich lauschte – ich konnte nicht anders –, aber Marian Robillard gab keinen Ton von sich.

***

Wenn ich gewusst hätte, dass es sich bei Annette Robillards Fluch um Lykanthropie handelte, hätte ich es ihr gesagt. Selbst wenn sie mir das nicht abgenommen, mich für verrückt, naiv oder einfach grausam erklärt hätte, will ich glauben, dass ich es gesagt und mich nicht hinter meiner Feigheit versteckt hätte.

Ich bin ein schwacher Mensch, nicht gerade ein guter, und vielleicht mache ich mir etwas vor, wenn ich annehme, kein Monster zu sein. Aber ich will glauben, dass ich nur geschwiegen habe, weil ich es nicht wusste.

Doch dann denke ich daran: Wenn ich etwas gesagt hätte und Annette nicht gestorben wäre, hätte ihre Mutter nicht die Werwölfe von Belle Lune getötet. Ich denke daran, was Annette mir über die nächtlichen Jagdausflüge ihres Großvaters erzählt hat. Daran, was Justin über nichtgeborgene Körper gesagt hat.

Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich sprechen sollen? Wäre es eine schlimmere Sünde gewesen, ihr das Leben zu retten als sie sterben zu lassen?

Ich weiß es nicht. Kenne keine Antworten, nur Trauer. Trauer um sie und wegen dieser grotesken Szene - näher würde keiner von uns beiden je einer Hochzeitsnacht kommen -, in der ich ihr den Kopf abtrennte und sie im Schein des hämischen Blutmondes begrub.     

 

Deutsch von Karolin Viseneber


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© 2013 Sarah Monette

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Erstveröffentlichung unter dem Titel »To Die for Moonlight« in Apex Magazine, Ausgabe #50, September 2013.

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten


Sarah Monette ist eine vielschichtige Autorin aus Tennessee, USA. Ihr Lieblingsgenre ist eigentlich der Horror, doch hin und wieder wagt sie auch Ausflüge in die Fantasy. So beispielsweise in ihrer Kurzgeschichte „Drei Briefe von der Königin der Elfen“  oder in ihrem vielfach ausgezeichneten Roman „Der Winterkaiser“,  den sie unter dem Pseudonym Katherine Addison veröffentlichte.

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