Kurzgeschichte Spiegelschwester von Kathrin Solberg

FICTION

Spiegelschwester (Katrin Solberg)


Kathrin Solberg
14.11.2016

Spieglein, Spieglein an der Wand: In dieser etwas anderen Fortsetzung des Schneewittchen-Märchens versuchen eine junge Frau und ein Menschenwolf ihrer Vergangenheit zu entkommen. Weit entfernt von dunklen Schlössern und flüsternden Spiegeln bauen sich Myrsina und Matej ein gemeinsames Leben auf, doch eine alte Verbündete und ihre seelenlosen Jäger sind ihnen dicht auf den Versen ...


***

Biella, Piemont, 1541

 

Das Mädchen beobachtet mich seit dem Morgenläuten. Sie gibt sich Mühe, nicht aufzufallen, aber ihre roten Locken leuchten wie ein Signalfeuer.

Ich verkneife mir ein Schmunzeln. Dass andere Menschen mich anstarren, ist nichts Neues. Tatsächlich tue ich alles dafür, um die Blicke der Marktbesucher auf mich zu ziehen. Bunte Farben sind der Schlüssel: Mein rotes Kopftuch, ein grünes Mieder und blaue Röcke lassen mich im Marktreiben hervorstechen wie ein Paradiesvogel. Dazu die Armreife, die an meinen Handgelenken klappern, und schon bleiben die Leute stehen. Und dann, wenn ich Glück habe, vergessen sie mich beim Anblick meiner Ware.

Ich verkaufe Masken. Die meisten davon sind aus Leder genäht und mit Federn, Holzperlen oder Muschelstücken verziert. Eine Menagerie von Eichelhähern, Amseln, Harlekinen und Meermädchen liegt auf dem Teppich, auf dem ich sitze. Leere, verheißungsvolle Augen schauen hinauf und laden den Marktgänger ein, sich in eins dieser fremden Wesen zu verwandeln. Natürlich nur für die kurzen Stunden eines Maskenfests und nur zum Spiel: Dem glücklichen Käufer, der eine dieser Maske aufsetzt, wachsen kein Schnäbel, es sprießen ihm keine Federn oder Krallen oder Schwimmflossen zwischen den Fingern.

Ich berühre die Federbrauen einer Eulenmaske. Auf die kann ich verzichten, oder nicht? Matej muss ja nichts davon erfahren.

Als ich den Kopf hebe, steht das Mädchen hinter einem der Fässer des Olivenhändlers. Ich lächele ihr zu und sie zuckt zusammen. Aber als ich sie herüberwinke, kommt sie näher.

Kein Stadtkind, entscheide ich. Das Mädchen läuft barfuß, aber ihre Kleider sind sauber und ordentlich genäht. Zusammengeflickt aus mehreren Stoffen, aber jemand hat sich Mühe damit gegeben. Sommersprossen überziehen ihr ganzes Gesicht wie ein Sternenregen.

Damit wirst du es nicht leicht haben.

Ich warte, bis sie an der Kante meines Teppichs stehen bleibt, dann halte ich die Eulenmaske nach oben. Die Augen des Mädchens weiten sich.

“Nimm sie ruhig”, sage ich. “Wenn du noch länger hier rüber starrst, fallen dir die Augen aus dem Kopf und dann verkauft sie der große Kerl dort mit seinen Oliven.”

Ein Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht aber sie macht immer noch keine Anstalten, die Maske entgegenzunehmen. Sie berührt die Tasche an ihrem Gürtel und schüttelt den Kopf.

Kein Geld, interpretiere ich. Und keine Stimme. Das Schicksal hat einen schwarzen Humor.

Ich schnalze mit der Zunge. “Nimm sie”, wiederhole ich. “Aber setz’ sie auf und lauf ein bisschen über den Markt damit. Ich kann die Werbung gebrauchen.”

Es ist, als ob die Sonne in ihrem Gesicht aufgeht. Das Mädchen nimmt die Maske so behutsam in die Hand, als wäre sie ein echter Vogel. Ich lächele breiter. Schön, wenn jemand das eigene Handwerk zu schätzen weiß.

Du schläfst wohl gern im Freien, hallt eine Stimme in meinem Kopf. Ich seufze. Soviel zu, Matej muss nichts erfahren.

Das Mädchen streicht mit den Fingerspitzen über die Federn, dann hebt sie sich die Maske vors Gesicht.

“Pass nur auf, dass du keinen Appetit auf Mäuse kriegst”, sage ich. “Und jetzt, husch.”

Das Mädchen grinst, wirbelt herum und läuft zwischen den Marktgängern davon. Biella ist der einzige größere Ort in dieser Provinz, und der Markt ist gut besucht. Sehr gut besucht. Bauern, Diener, Kaufleute und der vereinzelte Landadel drängen sich zwischen den Ständen mit Stoffballen, Gewürzen, Oliven und frisch gebackenem Brot. Nur an meinem Teppich drängt sich heute niemand.

“Hier will ohnehin keiner den Geldbeutel für ein paar Masken aufschnüren”, sage ich.

Und da kannst du deine Lebensgrundlage auch gleich verschenken, oder wie?

Matej bewegt sich lautlos, aber sein Atem streift meinen Nacken, als er auf den Teppich tritt.

Du hast ein zu weiches Herz. Eine struppige Flanke streift an meinem Arm entlang und der wilde Geruch des Waldes erreicht meine Nase. Der Wolf senkt den Kopf und ich lege eine Hand in seinen Nacken.

In Genua wird es besser, verspreche ich ihm und mir. Die Leute in Hafenstädten geben mehr Geld aus für Spielereien.

Matej schnaubt und beobachtet die vorbeiziehenden Menschen mit seinen bernsteinfarbenen Augen. Ich bewundere deine Einstellung.

Ich grabe meine Hand in sein Fell. “Einer von uns muss ja die Flamme der Hoffnung am Leuchten halten.

Erhalt’ dir den Gedanken. Matej zeigt kurz seine Zähne, aber sein Blick weicht nicht ab vom Strom der Marktbesucher. Erst jetzt bemerke ich die Anspannung seiner Muskeln unter dem Fell.

Was ist los? frage ich.

Im Gasthof hinter dem Kirchplatz sind drei Jäger abgestiegen.

Er sagt es ruhig, aber mir fährt ein kalter Schreck in die Glieder.

“Jäger”, wiederhole ich laut. “Von hier, oder...?”

Matej wirft mir einen Blick zu. Ich bin nicht lange genug geblieben, um das herauszufinden. Sie könnten Einheimische sein.

“Oder nicht”, sage ich heiser.

Oder nicht, bestätigt Matej.

Die Warnung genügt. Mit klopfendem Herzen sammele ich die Masken zusammen, rolle meinen Teppich auf, und verlasse den Markt mit Matej an meiner Seite.

* * *

 

All jene Menschen, die sich nicht für meine Masken interessiert haben, versperren mir jetzt den Weg. Ich komme mir vor wie ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Matej läuft voraus und wir bahnen uns einen Weg durch die Händler, die Frauen mit Körben an den Armen, die zappelnden Kinder und die Hirten, die ihre Schafe mitten durch das Getümmel treiben. Wir rennen nicht und vermeiden es, die anderen Marktbesucher anzurempeln.

Mein Herz schlägt so hoch in der Brust, dass ich kaum Luft bekomme. Vielleicht haben die Jäger zufällig den Weg nach Biella gefunden. Mag sein, dass sie nicht einmal ahnen, wie nahe wir uns sind. Aber wenn sie mich sehen, ist es mit dem ‘vielleicht’ vorbei. Dann ist es auch egal, ob ich ihnen heute entkomme, oder nicht. Wenn sie mich sehen, haben sie meine Spur.

Das Stadttor ragt über den Köpfen der Menschen auf wie die Tür zum Paradies. Ich wage schon zu hoffen, als Matej plötzlich zu fluchen beginnt und nach rechts abbiegt.

Jäger am Tor, knurrt er, und mein Magen zieht sich zusammen. Warten sie auf uns?

Wir tauchen in eine Seitengasse ein, in der es nach ranzigem Blut riecht. Geflügel hängt an Haken vor einem der Häuser und Hunde knurren, als Matej an ihnen vorbei läuft. Hier sind weniger Leute unterwegs und einen Augenblick später wissen wir, warum. Der Weg endet in einer Sackgasse. Vor uns ragt die Stadtmauer auf, endgültig und unüberwindbar.

Zurück über den Markt zum Südtor? schlägt Matej vor.

“Versuchen wir’s.”

Ich schultere mein Bündel und wir machen kehrt. “Am besten wir gehen durch die Färbergasse”, fange ich an, als eine Gestalt zwischen den Häusern hervortritt und mir den Weg versperrt. Jetzt geschieht alles blitzschnell. Mein Wolf knurrt, springt an mir vorbei und ich kann mich gerade noch auf ihn stürzen.

“Nicht!” rufe ich und schlinge meine Arme um Matejs Hals. Matejs Krallen kratzen auf dem Pflaster. Sein Kiefer schnappt in der Luft zusammen.

“Matej”, rufe ich verzweifelt. “Matej, nicht!”

Mit klopfendem Herzen knie ich auf dem Boden und klammere mich an den vor Anspannung bebenden Wolf.

Vor uns steht das rothaarige Mädchen und starrt uns mit großen Augen an.

Jesus, Maria, flucht Matej. Er atmet immer noch schwer, aber sein Körper entspannt sich. Ich lasse ihn los und setze mich auf den Boden.

“Und Joseph”, füge ich hinzu und schließe die Augen.

Das Mädchen wiederum scheint das volle Ausmaß der Gefahr nicht begriffen zu haben. Sie weint nicht und läuft auch nicht weg, sondern legt nur den Kopf schief. Sie trägt die Eulenmaske und so, wie sie jetzt dort steht, sieht sie wirklich aus wie ein Vogel.

“Das Glück der Furchtlosen”, murmele ich.

Wohl eher das Glück der Einfältigen, sagt Matej gereizt. Und jetzt? Soll ich sie verschlingen und mich auf die Suche nach ihrer Großmutter machen? Er zeigt seine Zähen in einem wölfischen Grinsen.

Schon gut, sage ich und rappele mich wieder auf die Beine. Seien wir froh, dass es niemand anderes war.

“Du”, sage ich laut. Ich schaue auf das Mädchen und runzele die Stirn. “Du solltest dir wirklich eine andere Beschäftigung suchen. Die Leute mögen es nicht, wenn man ihnen nachspioniert.”

Das Mädchen schiebt die Maske hoch auf ihre Stirn. Ist sie uns die ganze Zeit über gefolgt? Ich weiß es nicht, aber in ihrem Gesicht erkenne ich keine Arglist, nur Neugier.

Ich will ja nicht drängen, drängt Matej.

Neugier, denke ich. Neugier bringt dich in Schwierigkeiten, aber manchmal sind neugierige Kinder und ihr Drang, alles zu erkunden, durchaus nützlich. In fremden Städten zum Beispiel. Ich schaue nach links in den Häuserspalt, aus dem das Mädchen aufgetaucht ist. Dort, im Schatten unter den Giebeln, führt eine schmale Treppe nach oben.

Matej ahnt, was ich fragen werde, bevor ich es ausspreche. Ein weiches Herz und vertrauensselig, sagt er. Ist wirklich ein Wunder, dass wir beide noch am Leben sind.

Ich ignoriere ihn und lege eine Hand auf die Schulter des Mädchens. “Also, kleiner Spion”, sage ich. “Du kennst doch bestimmt einen Schleichweg aus der Stadt?”

Das Mädchen hebt die Brauen, dann grinst sie. Sie zieht die Maske wieder übers Gesicht und winkt uns, ihr zu folgen.

 

~ ~ ~

 

Dein Leben ändert sich, wenn ein Fluch auf dir lastet. Nicht, dass ich mich besonders gut an mein Leben vor dem Fluch erinnern kann. Matej geht es da besser - oder schlechter, je nachdem. Er war achtzehn, als seine Brüder ihn in einen Wolf verwandelten, also kann er auf ein paar wirklich schöne Jahre als Mensch zurückblicken. Ich dagegen war vielleicht zwei, höchstens drei, als der Jäger mich holte.

Manchmal träume ich von einer Küche, einem gemütlichen Ort, an dem ein Feuer im Kamin brennt. Es duftet nach Zimt und Hefebrot und irgendwo in der Nähe wird ein Teig auf einer Tischblatte weich geknetet. Ist das eine Erinnerung, oder ein Wunschtraum? Ich weiß es nicht. Ich habe nie erfahren, wer meine Eltern waren, oder wo wir lebten.

Meine erste, eindeutige Erinnerung enthält bereits den Spiegel. Dieser Moment jedoch ist in meinem Gedächtnis festgebrannt: Ein Mann in grüner Uniform führt mich durch eine Halle, die so groß ist, dass ihre Wände und ihre Decke im Schatten liegen. Meine Kinderbeine sind so kurz, dass ich mehr stolpere, als dass ich laufe, aber die Hand des Jägers zieht mich weiter.

Wir gehen auf etwas zu, das ich nicht verstehe. Zuerst denke ich, der Mond sei auf die Erde gefallen: Eine große, silbrig schimmernde Scheibe schwebt zwischen den Säulen. Dann sehe ich, dass es eine gläserne Scheibe ist, ein Spiegel, der von innen heraus leuchtet. So gewaltig ist diese Erscheinung, dass ich die Frau, die vor ihm steht, zunächst nicht bemerke. Erst als der Mann mich vor dem Mondglas abstellt und das Wort an die Frau richtet, sehe ich sie an.

“Herrin, hier ist das Kind. Wie ihr befohlen habt.”

Die Frau bedankt sich nicht, sie schaut nur auf mich herunter. Ihr Gesicht ist makel- aber auch ausdruckslos, ihre goldenen Brauen und der rosige Mund sehen so aus, als wären sie auf Porzellan gemalt. Ein hoher, weißer Spitzenkragen ragt hinter ihrem Kopf auf und an ihren Ohren glitzern rote Edelsteine wie Blutstropfen. Ihr Kleid ist ebenfalls rot, der Stoff schwer und füllig. Samt, werde ich mir später denken.

Ich weiß nicht, wann uns der Jäger verlässt, aber irgendwann bin ich mit der fremden Frau allein. Ich erinnere mich, wie sie vor mir niederkniet. Sie fasst mich an den Schultern und drückt mich gegen den Spiegel. Kurz sehe ich das Blut in ihrer linken Handfläche, dann legt sie die Hand neben meinem Gesicht auf das Glas. Zuerst fühlt sich der Spiegel in meinem Rücken fest und glatt an, aber dann spüre ich ein Zittern, als ob ein schwerer Vorhang unter meinen Schultern nachgeben würde.

“Spiegel”, sagt die Frau und immer noch zeigt ihr Gesicht nicht die geringste Regung. “Nimm mein Opfer an.”

Ein Beben, ein Schaudern. Luft strömt an mir vorbei als würde etwas unsagbar Großes Atem holen. Die Kerzen in der Halle flackern, die Lichter biegen sich in Richtung des Spiegels. Die Kerzen erlöschen, Kälte kriecht über meine Schultern, meine Schläfen und unter meine Haut. Ich werde nach hinten durch das Glas gezogen und damit ist es vorbei. Oder es beginnt. Je nachdem.

 

* * *

 

Das rothaarige Mädchen heißt Anthea und ich lag richtig: Sie ist ebenso fremd in Biella, wie Matej und ich. Den Weg aus der Stadt kannte sie trotzdem und sie führte uns auch ohne Zögern zum Lager ihrer Begleiter.

Anthea gehört zu einer Theatertruppe, die im Kielwasser der Jahrmärkte und Kirchenfeste durch die nördlichen Provinzen zieht. Eine Theatertruppe, die sich auf das Maskenspiel spezialisiert hat: mehr Glück kann ich mir fast nicht wünschen. Als wir das Lager erreichen, ernten wir zunächst misstrauische Blicke. Aber nachdem ich mein Reisebündel vorzeige und ein paar Masken daraus hervorziehe, akzeptieren mich die Schauspieler als eine der ihren: eine Vagabundin. Matej als Hund zu verkaufen ist schon schwieriger, aber die Möglichkeit, dass mich ein zahmer Wolf begleitet, ist so abwegig, dass Antheas Leute auch das glauben.

Die Truppe nennt sich I Viaggiatori und die Hauptfiguren ihrer Stücke sind mit bunten Farben an die Seite ihres einzigen Wagens gemalt. An diesem Tag grast Pepino, das Zugpferd, auf einer Lichtung außerhalb der Stadtmauern von Biella. Hier hat die Truppe ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen; morgen wollen sie weiter in Richtung Küste ziehen.

Silvio ist der Direktor der Truppe, aber er macht den Eindruck, als wäre er nicht mehr mit dem Herz bei der Sache. Laut Marietta überlässt er die Organisation der Proben Gian, seinem Nachfolger.

“Nachfolger”, schnaubt Marietta. “Aufstrebender Geck trifft es eher.” Marietta ist eine kräftige Frau mit einer noch kräftigeren Stimme, die - wie Marietta stolz erzählt - früher das Publikum zu Beifallsstürmen inspirierte. Nachdem sie für die Bühne zu alt wurde, hat Marietta die Rolle der Kostümschneiderin übernommen.

Anthea ist ihr Ziehkind: Marietta nahm sie unter ihre Fittiche, nachdem ihre Mutter am Keuchhusten verstarb. Die Entscheidung wird ihr nicht gedankt. Die übrigen Schauspieler dulden Anthea und sind mehr oder weniger freundlich zu ihr, aber man merkt schnell, dass ihnen das Mädchen nicht ganz geheuer ist. Ihre Stummheit gepaart mit den roten Haaren macht sie selbst hier zur Außenseiterin, wie ich vermutet habe.

Mittlerweile weiß ich auch, warum Anthea sich so sehr für meine Masken interessiert hat. Gian verbietet Anthea, an den Theaterstücken mitzuwirken. Er behauptet, dass es an ihrer Unfähigkeit zu sprechen liegt, aber Marietta lässt mich wissen, dass er dieses Problem einfach umgehen könnte. Gian macht sich ohnehin gerne zum Erzähler der Stücke und der große Ugolino, der den Capitano spielt, spricht auch kaum eine Zeile.

“Er liebt es, Leute herum zu kommandieren und bei Anthea braucht er sich nicht zurückzuhalten”, sagt Marietta. “Bei den anderen ist er vorsichtiger. Manchmal.”

Marietta, Anthea und ich sitzen am Kochfeuer und schneiden Rettiche und Möhren für einen Eintopf. Iacopo, der Musiker der Truppe, hat einen Hasen auf dem Markt gekauft. Knochen und Fleisch köcheln bereits über den Flammen. Matej hätte noch etwas mehr Wild für den Eintopf beisteuern können, aber es ist besser, wenn er keine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Also liegt er neben mir im Gras und spielt den trägen Schoßhund. Das scheint ihm nicht schwer zu fallen.

“Es war nett von dir, Anthea die Maske zu schenken”, sagt Marietta.

Tatsächlich hat Anthea die Eulenmaske immer noch auf. Wahrscheinlich wird sie sie erst zum Schlafen abnehmen, wenn überhaupt.

“Wie kommst du darauf, dass ich die Maske verschenkt habe?”

Marietta zuckt die Schultern. “War nicht schwer zu erraten. Anthea hat kein Geld. Darin zumindest sind wir uns alle gleich.”

Clarice, eine der Schaupielerinnen, kommt dazu, und schnappt sich ein Stück Rettich. Marietta klopft ihr mit der stumpfen Seite des Messers auf die Finger aber Clarice grinst und kaut genüsslich.

“Läuft es denn so schlecht mit den Aufführungen?” frage ich.

“Mal so, mal so”, sagt Marietta.

“Die Menschen lieben das Theater”, behauptet Clarice. “Aber von den paar Münzen, die sie in den Hut werfen, werden wir nicht satt.” Sie streckt ihre langen Beine aus. “Zu Ostern waren wir in Bergamo. Dort haben sie uns für zwei Tage engagiert, das hält uns gerade noch über Wasser. Aber ohne ein vergleichbares Engagement...”

“...gibt es demnächst Suppe ohne Hase”, brummt Marietta. Clarice greift nach einem weiteren Stück Rettich, aber Marietta hebt warnend ihr Messer. “Denk nicht mal dran.”

Clarice rollt mit den Augen und lehnt sich zurück. “Gian will mit uns nach Genua”, sagt sie. “Er träumt davon, dass irgendein reicher signore sein Talent erkennt und uns unter seine Fittiche nimmt.”

“Davon kann er lange träumen”, sagt Marietta. “Ein abgerissener Haufen wie wir findet eher einen Galgen als einen Gönner.”

“Wir würden mehr hermachen, wenn du uns endlich neue Kleider nähst”, beschwert sich Clarice.

“Und woraus soll ich die nähen, bitte schön?” spottet Marietta. “Wächst Damask neuerdings auf Bäumen?”

Die beiden plänkeln weiter, aber ich höre nur noch mit halbem Ohr zu.

Genua, sage ich.

Was ist damit, will Matej wissen.

Wir könnten mit ihnen gehen.

Matej zuckt mit den Ohren. Reisen mit Fremden. Hältst du das für eine gute Idee? Nachdem wir beinahe deinen Jägern in die Arme gelaufen sind?

Ich lege meine Hand auf seinen Kopf und kraule sein Fell. Drei Jahre ist es her, seit Matej mich auf meiner Flucht über die Alpen gefunden hat. Seitdem ist er mein ständiger Begleiter und mit ihm bin ich wenigstens nicht allein. Aber mir fehlt die Gesellschaft anderer Menschen, und ich weiß, dass es ihm genauso geht. Wozu ist Freiheit gut, wenn man sich immer nur verstecken muss?

Zwei Spuren allein fallen eher auf, als zwei Spuren unter vielen, sage ich. Matej legt seinen Kopf auf seine Pfoten.

Wir könnten es versuchen, sagt er. Nur für eine Weile.

 

* * *

 

Zwei Tage später sind wir in Vercelli. Häuser aus rotem Ziegelstein und blassgelbem Kalk reihen sich entlang des Po, während sich die Türme der Kirchen und palazzi vor dem Panaroma der Berge abheben. Auf den fernen Gipfeln liegt Schnee, aber in Vercelli brennt die Sonne auf den Marktplatz. Das Wetter ist warm für Ende April; die Leute fächeln sich Luft zu. Es ist ein Jammer, dass die Stadtoberen die Mittagszeit für Aufführung festgelegt haben. Abends, im Licht der Fackeln und bei einem Becher Wein wären die Leute bestimmt spendierfreudiger.

Zum ersten Mal sehe ich die Viaggiatori in Aktion. Sie sind gut. Gian, das muss ich eingestehen, ist sogar hervorragend. Seine volle Stimme peitscht über den Platz, seine Bewegungen imitieren perfekt den aufrechten, stolzierenden Gang des Brighella. Seine Darstellung müsste Jubel hervorrufen, aber das Publikum klatscht allenfalls halbherzig.

Als das Stück vorbei ist, geht Anthea mit einem breitkrempigen Hut durch die Menge. Noch immer trägt sie die Eulenmaske, sehr zu Gians Missfallen. Allerdings liegt sein finsterer Gesichtsausdruck im Moment wohl eher an der Knausrigkeit der Städter. Viel zu wenige greifen bei Antheas Vorübergehen nach ihrer Geldbörse.

“Der wird heute eine großartige Laune haben”, prophezeit Marietta. Wir stehen abseits der Bühne und sehen zu, wie Gian seine Kappe in eine Truhe hinter der Bühne pfeffert. Als ahnte sie, dass Gians schlechte Laune sich vor allem ein Ziel suchen würde, sucht Marietta mit den Augen nach Anthea. Das Mädchen läuft unbeirrt auf und ab, und vollführt bei jeder noch so geringen Spende einen Knicks.

Sie ist genauso optimistisch wie du, bemerkt Matej, der zu meinen Füßen liegt.

Und sie hat mindestens genauso viel Grund wie ich.

Noch bevor ich den Gedanken zu Ende gebracht habe, hebt Matej den Kopf und stellt die Ohren auf.

Was ist? frage ich.

Anstatt zu antworten, starrt Matej hinüber zum Rand der Bühne. Dort steht Anthea mit dem Hut in der Hand. Sie hat den Kopf schief gelegt, genau wie in Biella, und schaut zu uns herüber.

Unmöglich, denke ich. Und doch: Es sieht so aus, als ob Anthea uns zuhören würde.

 

* * *

 

An diesem Abend schlagen wir das Lager in einem Olivenhain auf. Das Gras wächst hoch zwischen den Bäumen und ein Teppich aus vertrocknetem Laub knirscht unter unseren Füßen. Hier im Norden gibt es viele dieser verwaisten Haine. Der Krieg mit den Savoyen hat seine Spuren hinterlassen. Die Bauern, die das Pech hatten, zwischen die Fronten zu geraten, liegen jetzt entweder unter der Erde oder sind nach Süden gezogen. Viele Felder bleiben unbestellt, Kräuter wuchern wild in verlassenen Gärten und die Oliven reifen, ohne dass sich jemand darum schert.

Ich habe meinen Teppich am Fuß eines Baumes ausgebreitet und bereite mein Werkzeug vor. Clarices neue Maske ist so gut wie fertig; heute will ich die Feinarbeit erledigen. Ich sammele meine Nadeln und Garnrollen ein und gehe hinüber zur Feuerstelle.

Der Olivenhain erstreckt sich über einen Abhang und die Viaggiatori kampieren auf der untersten Trasse, entlang einer Trockenmauer. Alle sind beschäftigt: Silvios Ehefrau Francesca, Clarice, und Iacopo sortieren den Inhalt ihres Theaterfundus und legen frische Säckchen mit Lavendel und Thymian zwischen die Kleider in den Truhen. Paolo, der wohl nur auf der Bühne Clarices Liebhaber spielt, stopft Löcher in seinen Hosen. Silvio striegelt die Kletten aus Pepinos Mähne und Marietta näht neue Sohlen auf Francescas Schuhe.

Matej liegt im Gras und beobachtet Anthea, die das Holz für das Lagerfeuer zusammenträgt. Ich setze mich neben ihn, lege die Maske in meinen Schoß und wickele den Faden auf.

Meinst du wirklich, dass sie uns hören kann? frage ich, ohne aufzuschauen.

Schwer zu sagen.

Schaut sie jetzt her?

Nein. Aber sie wird gerade abgelenkt.

Ich hebe den Kopf. Gian hat sich vor Anthea aufgebaut und will wissen, warum es mit dem Lagerfeuer so lange dauert. Seine Wut hat sich seit der Aufführung in der Stadt aufgestaut. Als klar wurde, dass eine Übernachtung in einem Gasthof die mageren Finanzen der Viaggiatori sprengen würde, sprach er keine zwei Zeilen mehr mit seiner Truppe. Aber jetzt hat er seine Sprache wiedergefunden und das nutzt er, um Anthea zu beschimpfen. Sie sei faul, eine Belastung für die ganze Truppe, und so weiter.

Mein Ansehen für Gian fällt mit jeder Sekunde. Ich gehe bereits auf die beiden zu, als Gian Anthea die Eulenmaske vom Gesicht reißt. Sie zuckt zusammen und ich stoße einen empörten Laut aus.

“He!”

Gian wirbelt herum, sieht mich, und streckt mir die Maske entgegen.

“Hier”, sagt er barsch. “Die gehört ja wohl dir.”

Innerlich brodelt meine eigene Wut, aber ich bemühe mich, ruhig zu bleiben. “Die Maske war ein Geschenk.”

“Wir betteln nicht”, sagt Gian. “Das ist armseliges Benehmen.”

“Das Mädchen ist nicht diejenige, die sich armselig benimmt.”

Gians Miene verdunkelt sich, aber bevor er etwas erwidern kann, greift Anthea nach ihrer Maske. Wütend fährt Gian zu ihr herum und da erscheint Matej wie ein grauer Schatten zwischen Gian und dem Mädchen. Kein Zähnefletschen, kein Knurren: Matej steht einfach nur da, aber das genügt. Ein hässlicher Ausdruck verzerrt Gians Gesicht, dann dreht er sich zu mir um.

“Dein ‘Hund’ sollte sich besser benehmen.”

Er geht davon und wirft die Eulenmaske achtlos in eine der Truhen zwischen Clarice und Iacopo. Anthea schaut sehnsüchtig hinterher. Ich bin drauf und dran, zum Fundus zu gehen, und ihr die Maske zurück zu holen, als sich Clarice über die Truhe beugt und die Maske einsteckt. Sie zwinkert Anthea zu und legt den Finger an die Lippen.

Anscheinend reicht Gians Gemeinheit aus, um eine neue Loyalität zwischen Anthea und den anderen Schauspielern anzufachen. Wenigstens etwas.

Wenn er das hier für schlechtes Benehmen hält, dann wird er sich noch wundern, sagt Matej.

Diesmal ist es nicht zu übersehen: ein Schmunzeln huscht über Antheas Lippen.

Du kannst uns hören, oder? Matejs Stimme hallt eigenartig, als würde er in einer großen Höhle sprechen. Anthea sieht von ihm zu mir und fast rechne ich damit, eine neue Stimme in meinem Kopf zu hören. Stattdessen ruft Marietta nach Anthea. Das Mädchen läuft los und wir sind vergessen.

Das ergibt keinen Sinn, sage ich.

Matej schnaubt. Während der Rest unseres Lebens absolut logisch verläuft.

Tatsächlich haben wir nie herausgefunden, warum wir auf unsere eigenartige Weise miteinander sprechen können. Ich denke mir manchmal, dass uns die Flüche, die uns verändert haben, verbinden. Aber wie passt Anthea in diese Theorie?

Vielleicht irren wir uns, schlage ich vor.

Besser wär’s. Matej schüttelt sich. Für das Mädchen, meine ich.

 

~ ~ ~

 

Fünfzehn Jahre war ich im Spiegel gefangen. Es kam mir unendlich viel länger vor. Ich weiß nicht, wie oft ich mit den Fäusten gegen das Glas geschlagen habe, oder wie lange ich meine Stirn dagegen drückte. Vergeblich. Der Spiegel öffnete sich nur von der anderen Seite.

Wie lange hat es gedauert, bis ich meine Lage begriffen hatte? Ich weiß es nicht mehr. Noch kann ich mich erinnern, wann mir klar wurde, dass ich in meinem Spiegelgefängnis nicht alleine war.

Der Raum hinter dem Spiegel war ein exaktes Ebenbild der Halle auf der anderen Seite. Ein Boden aus schmucklosen Steinplatten, hohe Säulen und ein Kreis schwarzer Schatten, der den Raum auf allen Seiten einfasste. Der einzige Unterschied war: man konnte den Raum hinter dem Spiegel nicht verlassen. Ich habe es versucht. Ich kämpfte mich durch die Dunkelheit, auf der verzweifelten Suche nach einem Ausgang. Die anderen hatten mich gewarnt, aber ich wollte ihnen nicht glauben. Es musste einen Weg hinaus geben.

Hinter den Säulen waberten die Schatten wie feuchter Nebel. Ich musste mich blind voran tasten und immer hörte ich Geräusche, Schritte, und das Rasseln eines Atems, der nicht mein eigener sein konnte. Je tiefer ich vordrang, umso dichter zog sich die Dunkelheit um mich zusammen. Ich trieb mich voran. Ich klammerte mich an die Hoffnung, ging weiter, und trat aus den Schatten heraus und zurück in die Halle.

Egal, wie viele Male ich versuchte, die Dunkelheit zu durchkreuzen, mein Weg endete immer an meinem Ausgangspunkt. Es kam der Moment, an dem ich mit allem aufhören wollte. Aber hinter dem Glas konnte keine von uns sterben.

Nach einem meiner missglückten Fluchtversuche saß ich hinter dem Spiegel. Ich lehnte mit der Seite am Glas und schaute hinaus in die Zwillingshalle, in die wirkliche Welt, die mir mittlerweile wie ein Traum vorkam. Dort draußen strahlte die Sonne: Goldenes Licht fiel durch hohe Fenster und zeigte, dass diese Halle durchaus Wände und damit auch ein Ende hatte. Ein Ende, und eine Tür.

An dieser Tür hing mein Blick, aber ich hatte nicht mehr die Kraft, mir den Weg dorthin auszumalen.

Eine knöcherne Hand legte sich auf meine Schulter und steife Röcke raschelten neben meinem Ohr. Es war Schwester Mond und dafür war ich dankbar. Sie war die einzige, die meine Fluchtversuche unkommentiert ließ.

Schwester Mond sprach nicht. Sie hatte irgendwann einfach damit aufgehört. Im Vergleich zu dem, wie sich die anderen benahmen, war das fast eine harmlose Reaktion. Schwester Elßlin verbrachte ihre Zeit damit, Verse aufzusagen. Immer dieselben. Manchmal sang sie mit ihrer zittrigen Stimme und tanzte barfuß durch die Halle. Das spärliche, blasse Haar flog ihr dabei um den Kopf wie Spinnweben. Schwester Ferun schnitt Grimassen und manchmal, wenn ich Masken schneide, sehe ich ihr Gesicht vor mir. Schwester Daglind kam zu mir und flüsterte mir hässliche Dinge ins Ohr: sie erzählte von aufgeknüpften Wilddieben und beschrieb, wie ihre Augen hervorquollen und ihre Füße zuckten.

Doch mit all dem konnte ich umgehen. Sicher, am Anfang habe ich mich vor den Schwestern gefürchtet. Als sie das erste Mal aus den Schatten auftauchten, habe ich mich mit den Armen über dem Kopf zusammengekauert und die Augen fest verschlossen. Es dauerte viele Tage, vielleicht Wochen, bis ich mich das erste Mal traute, die Schwestern direkt anzusehen. Damals dachte ich, dass sie alle gleich aussahen: Die Haut dieser Frauen war so bleich wie das Gestirn, nachdem Schwester Mond benannt war. Ihre Schultern zeichneten sich scharf unter ihren zerschlissenen Gewändern ab, und ihre Haut spannte sich über ihre Wangenknochen wie dünnes Pergament. Erst nach und nach bemerkte ich die Unterschiede: Schwester Monds kinderkleine Hände, Schwester Mechthilds breiter, stets verkniffener Mund, oder Schwester Elßlins eng beieinander stehende Augen. Ich fing an, sie auseinanderzuhalten, und ich versteckte mich nicht mehr vor ihnen, sondern hörte ihnen zu. Es war sonst niemand da, mit dem ich hätte reden können.

Trotz ihrer grausigen Erscheinung taten die Schwestern mir niemals weh, und mit der Zeit gewöhnte ich mich an ihre Gesellschaft. Wir fühlten ein Band zwischen uns, aber das war nicht verwunderlich. Immerhin waren wir alle auf die gleiche Art in den Spiegel gekommen.

Jede der Schwestern war dem Spiegel geopfert worden. Wir waren hier als Bezahlung für die ewige Jugend der Gräfin. Sie behielt ihre Schönheit, ihre Lebenskraft, während wir alterten. Warum der Spiegel gerade Mädchen verlangte, und wie er seinen Zauber wirkte, habe ich nie herausgefunden. Ich weiß auch nicht, wie der Spiegel uns am Leben hielt. Wir aßen nichts, und tranken nichts. Schlaf kam selten und wenn, dann träumten wir von der Spiegelhalle. Es gab keine Abwechslung, keine Erholung und kein Entkommen. Kein Wunder, dass die Schwestern alle den Verstand verloren. Schwester Mechthild behauptete, dass viele von ihnen in den Schatten blieben. Wie viele? In guten Momenten hoffe ich, dass es nur eine Handvoll ist. In schlechten Momenten stelle ich mir vor, dass hunderte Frauen durch die Nacht jenseits der Säulen wandern.

“Haben wir wieder einmal gedacht, wir wissen es besser, wie?” schnarrte Schwester Mechthild. Ich drehte mich nicht um. Schwester Mond hockte immer noch neben mir. Sie strich mir über die Haare, aber selbst diese Berührung schien mir belanglos. Ich konnte hier sitzen und erstarren, wie eine der Säulen: Es machte keinen Unterschied.

Schwester Mechthild kam näher, aber sie achtete darauf, nicht in den Lichtkreis des Spiegels zu treten. Ihre graue, hagere Gestalt verschmolz fast mit dem Zwielicht, nur ihre silbernen Augen leuchteten wie zwei Sturmlichter.

“Es gibt einen Ausgang, es gibt einen Ausgang”, äffte sie mich nach. “Du klingst genau wie Elßlin das Mondkalb.”

Warum nicht, dachte ich mir. Warum… Ich hielt inne.

“Ich hab’s dir gesagt, wir alle haben es dir gesagt, aber, nein, du weißt es besser.” Schwester Mechthild schritt auf und ab und ihr Atem zischte. “Ausgang, Ausgang, Ausgang.”

Sie redete sich in Rage, aber ich hörte nicht mehr zu. Ich hörte und sah nichts mehr, außer der Tür, am anderen Ende der sonnenbeschienenen Halle. Die Tür hatte sich geöffnet.

Schwester Mechthild verstummte. Schwester Mond grub die Hand in meine Schulter. Wir alle warteten darauf, dass die Gräfin in die Halle trat. Stattdessen erschien ein Mädchen im Türspalt.

Ich kam auf die Füße. Die Schwestern wichen vor dem Spiegel zurück wie Nebel vor der Sonne, aber ich blieb vor dem Glas stehen.

Das Mädchen schaute über ihre Schulter, dann ging sie mit straffen Schritten durch die Halle. Vor dem Spiegel blieb sie stehen.

Sie war ein wenig kleiner als ich, aber ich schätzte, dass wir in etwa gleich alt waren. Ihr schwarzes Haar bauschte sich in wilden Locken um ihr rundes Gesicht. Sie trug ein schlichtes, blaues Kleid, aber ihre Füße steckten in bestickten Pantoffeln. Sie sah mich an und ihre Augen weiteten sich. Einen Moment lang rührte sich keine von uns, dann legte das Mädchen eine Hand an den Spiegel. Ich berührte das Glas von meiner Seite, und das Mädchen vor dem Spiegel lächelte.

Das war meine erste Begegnung mit Margarethe.

 

* * *

 

Ich wache auf und ein Schrei steckt in meiner Kehle. Glas! Eine Wand aus Glas drückt auf meinen Körper und schneidet mir die Luft ab. Ich ringe nach Atem und kralle meine Hände in den Boden.

Ruhig, ruhig, ich muss mich beruhigen.

Ich schließe die Augen und zähle.

Eins.

Ich zwinge mich, meine Hände zu lösen.

Zwei.

Ich atme ein und kühle Nachtluft strömt in meine Lungen. Das leise Rauschen des Olivenhains dringt zu mir durch und ich rieche den Rauch des Lagerfeuers. Ich atme aus und stemme mich hoch in den Sitz.

Drei, sagt Matej. Er tritt neben mich und drückt seine Stirn gegen meine Seite. Ich schlinge den Arm um seinen warmen Körper und lehne meinen Kopf an seine Schulter.

Du bist hier, sagt Matej. Du bist frei.

Mit jedem Atemzug finde ich zurück in die Gegenwart. Mein Pulsschlag verlangsamt sich, aber meine Kehle schmerzt, als hätte ich stundelang versucht ohne Stimme zu schreien. Ich richte mich auf und zupfe mir das Hemd vom schweißnassen Rücken.

In Ordnung? fragt Matej.

Ja.

Er tippt noch einmal mit der Stirn gegen meine Schulter, dann sieht er hinüber zum Lagerfeuer.

Wir haben Gesellschaft.

Alarmiert folge ich seinem Blick. Die Viaggiatori haben ihr Lagerfeuer vor der Trockenmauer errichtet. Seit unserem Abendessen sind die Flammen heruntergebrannt, aber noch immer sitzt eine kleine Gruppe von Gestalten im Kreis um den rötlichen Schein. Ich erkenne vier der Schauspieler - Gian, Clarice, Iacopo und Paolo - und zwei fremde Männer.

Kesselflicker, sagt Matej. Sie sind vor einer Weile aufgekreuzt. Gian hat sie eingeladen, hier zu übernachten.

Aus der Güte seines Herzens? frage ich.

Wohl eher, weil sie ein paar Krüge Wein im Gepäck haben.

Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und binde sie im Nacken zusammen. Ein Blick auf den Mond sagt mir, dass Mitternacht vorüber ist. Eine kurze Nacht, aber Schlaf kommt für mich heute nicht mehr in Frage.

Ich streife mir die Jacke über, und gehe hinüber zum Lagerfeuer.

Iacopo nickt mir zu und rückt zur Seite, damit Matej und ich neben ihm Platz nehmen können. Gian wirft uns einen kühlen Blick zu, dann dreht er sich wieder zu den Kesselflickern.

Die beiden Männer haben ihre besten Jahre bereits hinter sich. Der Kleinere der beiden sitzt mit gebeugtem Rücken am Feuer, der Größere hat eine Glatze und eine Nase, der man ansieht, dass sie schon einmal gebrochen wurde. Der Kleinere nimmt einen Schluck aus einem Weinkrug und lässt ihn dann durch die Runde kreisen.

“... und ich sage ihm: ich habe schon viele Jäger getroffen, aber keiner hat so ein schönes Wams wie du.” Der Glatzkopf streicht sich geziert über die Brust und die Schauspieler lachen.

Myrsina! Matej zieht die Lefzen zurück aber ich kann mich nicht rühren. Ich bete, dass mein Gesicht mich nicht verrät.

“Er dachte, ich mache ihm ein Kompliment”, sagt der Glatzkopf mit einem Grinsen.

“Sturzbetrunken war der Kerl”, bemerkt der kleinere Kesselflicker. “Hat große Reden geschwungen, wie gut er bezahlt wird.”

“Ja!” Der Glatzkopf spuckt ins Feuer. “Und rumgetönt, dass unser Wein kein einziges seiner Geldstücke wert ist. Bier sei das einzig wahre, und wir mit unserem sauren Wein sind nicht besser als dumme Bauern.”

Der Kleinere der Beiden lächelt grimmig und entblößt ein paar Zahnlücken. “Getrunken hat er den Wein trotzdem.”

“Aufgeblasene Ausländer”, kommentiert Gian.

“Woher kamen sie denn?” will Paolo wissen

“Irgendeine dieser böhmischen Ecken. Andere Seite der Berge.” Der Glatzkopf zuckt die Schulter.

“Ziemlich weiter Weg, um auf Wildschweinjagd zu gehen”, bemerkt Iacopo.

“Ah.” Der Glatzkopf tippt sich an die Nase. “Hier wird es spannend. Diese Jäger sind nicht hinter Wild her. Sie suchen nach einer Frau.”

Gian schnaubt verächtlich. “Eine Frau!”

“Mit roten Haaren”, bestätigt der Glatzkopf.

“Aber ohne Namen”, fügt sein Partner hinzu. “Alles sehr geheimnisvoll.”

Clarice lacht auf. “Als ob ihnen der Name etwas helfen würde! Wenn ich mich vor jemandem verstecken müsste, würde ich als erstes meinen alten Namen vergessen.”

“Und mich verkleiden!” wirft Paolo ein. “Die Haare färben!”

Matej spannt alle Muskeln an und ich muss mich zusammennehmen, um mir nicht an die Haare zu fassen. Sind sie noch braun? Bis zum Ansatz?

“Was wollen sie denn von dieser roten Namenlosen?” frägt Gian.

Die Kesselflicker werfen sich einen Blick zu.

“Oh, komm schon”, ruft Gian aus. “Du brauchst uns nicht auf die Folter zu spannen. Du erzählst eine gute Geschichte, aber wir kennen die Tricks. Also, was hat der Jäger euch erzählt?”

“Nichts”, sagt der kleinere Kesselflicker. “Er kam nicht mehr weiter. Sein Hauptmann kam in den Raum und ab da hat der Grünspan keinen Ton mehr von sich gegeben.”

“Hätte ich auch nicht, wenn das mein Hauptmann gewesen wäre”, sagt der Glatzkopf und greift nach dem Krug. “Irgendwas stimmte nicht mit dem.”

Es liegt an den Augen, denke ich. An ihren Augen kann man sehen, dass die Jäger anders sind. Sie kommen daher wie gewöhnliche Menschen, aber ihr Blick ist kalt und leer wie schwarzes Glas.

“Warum auch immer sie nach dieser Frau suchen, sie suchen gründlich”, sagt der Glatzkopf.

“Seid ihr ihnen wirklich noch nicht begegnet?” fragt der zweite Kesselflicker. “Nach allem, was man hört, tauchen diese Jäger überall hier in der Gegend auf.”

Iacopo stochert mit einem Stock in der Glut und wirft ihn dann aufs Feuer. “Werden die signori nicht nervös, wenn bewaffnete Fremde bei ihnen anklopfen?

“Anscheinend reisen sie mit ihrer Herrin”, sagt der Glatzkopf. “Und die hat ein Händchen mit den noblen Herrschaften, heißt es. Ist wohl selber eine Herzogin.”

“Eine Gräfin”, verbessert ihn der zweite Kesselflicker.

“Wie auch immer.” Der Glatzkopf dreht sich zu seinem Partner. “Battista, du weißt schon, der Bäcker, oben auf dem Catello di Prasco. Er sagt, dass die signori Piuma sie dort beherbergen. War ganz hingerissen. Una bella matina! Eine Schönheit mit Haut, so weiß wie Schnee und Haar so schwarz wie Ebenholz. Und ein Mund, ah. Rot wie Rubine.”

Ich verliere jedes Gefühl in meinen Armen und Beinen. Es fühlt sich so an, als würde mir mein eigener Körper entgleiten. Haut, so weiß wie Schnee...

Sie ist hier. Der Gedanke erstickt jede andere Reaktion im Keim.

“So viel Aufwand für eine einzige Frau”, bemerkt Gian.

“So viel Aufwand”, nickt der Glatzkopf. “Und so viel Geld.”

Gian hebt eine Braue.

“Diese Gräfin hat eine Belohnung auf den Kopf der Roten ausgesetzt”, erklärt der Glatzkopf. “Fünfzehn Goldstücke.”

“Zehn”, verbessert der andere Kesselflicker.

“Jedenfalls eine Menge. Genug für ein paar Fässer mit saurem Wein.”

Gian lacht und prostet ihnen zu. “Hat denn die geheimnisvolle Gräfin wenigstens einen Namen?” frägt er.

Der Glatzkopf zuckt die Schulter und behauptet, er hat sich den Namen nicht gemerkt. Vielleicht stimmt es, vielleicht will er Gian gegenüber nicht zu viel verraten. Zehn Goldstücke sind eine stattliche Summe.

Der Weinkrug wandert in meine Hände aber ich gebe ihn weiter, ohne davon zu trinken.

Ich könnte ihnen den Namen sagen. Margarethe, Gräfin von Preysing.

Gian und die anderen scherzen und lachen und versteigen sich in immer wildere Tagträume davon, was sie mit dem Kopfgeld anstellen würden.

“Träumt weiter”, sagt Iacopo. “Ich sage euch wie das läuft. Wenn diese Jäger einen Hinweis bekommen, sagen sie danke sehr, fangen sich die rote Frau, und heimsen die Belohnung selber ein.”

Nein, denke ich. Das würden sie nicht. Den Jägern ist das Geld egal. Vielleicht ist der junge Mann, den die Kesselflicker ausgefragt haben, ein neuer Rekrut, aber die älteren Jäger, diejenigen, die Jahrzehntelang die Befehle der alten Gräfin befolgten, veranstalten ihre Treibjagd nicht für die Bezahlung.

Was die beiden Kesselflicker nicht wissen: Margarethe hat den Jägern versprochen, ihre wahre Herrin zurückzubringen, sobald sie mich einfangen. Sie lügt, aber was auch immer die Jäger an Margarethes Stiefmutter bindet, es bindet sie über ihr Verschwinden hinaus. Wenn ich je daran zweifele, muss ich nur an Enzo denken. Der alte Maskenschneider, der mir sein Handwerk beigebracht hatte, wollte mich vor den Jägern verstecken. Sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten.

Meine Hand liegt auf Matejs Rücken und wir beobachten die Gesichter der Schauspieler und der Kesselflicker. Was würden sie tun, wenn sie wüssten, dass die gesuchte Frau mit ihnen am Feuer sitzt?

 

* * *

 

Um das Lagerfeuer ist es still geworden. Keiner aus dem Grüppchen hat sich die Mühe gemacht, aufzustehen. Sie liegen neben dem immer schwächer werdenden Feuer und schlafen vor Ort und Stelle.

Ich sitze unter meinem Olivenbaum und Matej wacht an meiner Seite. Der Mond steht hoch am Himmel, uns bleiben nur noch wenige Stunden Dunkelheit.

Wir wissen beide: wenn wir jetzt verschwinden, dann weiß die Truppe Bescheid. Clarice und die anderen würden uns vielleicht nicht sofort an die Jäger verraten, aber Gian und die Kesselflicker zögern mit Sicherheit keine Sekunde.

Was ist die Alternative? Mit den Viaggiatori weiterzuziehen und zu hoffen, dass wir den Jägern nicht begegnen? Meine gefärbten Haare täuschen vielleicht Gian und seine Leute, aber wenn uns einer der Jäger über den Weg läuft, kann ich mich genauso gut selbst ausliefern. Ein bisschen Walnussöl wird Margarethes Häscher nicht hinters Licht führen.

Unten an der Mauer verglüht die letzte Holzkohle mit einem hörbaren Zischen. Keiner der anderen bemerkt es, sie schlafen alle tief und fest.

Lautlos setze ich mich in Bewegung und packe meine Habseligkeiten; den Teppich, die Masken, mein Werkzeug. Fünf Handgriffe später schultere ich mein Bündel und verschwinde mit Matej zwischen den Bäumen.

 

* * *

 

Wir schlagen uns querfeldein, hinauf in die Hügel, bis alle Anzeichen menschlicher Besiedlung weit hinter uns liegen. Es ist beinahe Mittag, als wir uns eine erste Pause erlauben. Wir lassen uns an einem See nieder und trinken ausgiebig. Ich ziehe mir das Tuch vom Kopf, schaufele mir Wasser über die Haare und wasche mir das staubige, verschwitzte Gesicht. Meine Arme sind gesprenkelt mit Mückenstichen und meine Haut juckt abscheulich. Marietta hätte dafür eine Salbe gehabt, denke ich. 

Es war die richtige Entscheidung, sagt Matej.

Ich sage nichts. Die richtige Entscheidung wäre gewesen, sich gar nicht erst den Viaggiatori anzuschließen.

Vielleicht sagen sie nichts, fügt Matej hinzu.

Wir wissen beide, dass die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist. Und wenn Gian die Jäger findet und von mir erzählt? Ich denke an Enzo.

Enzo hat sich ihnen in den Weg gestellt, sagt Matej. Gian wird ihnen bereitwillig Auskunft geben. Sie werden ihnen schon nichts tun.

Ich kann es ohnehin nicht ändern, antworte ich. “Wir sind wie Sturmkrähen. Wo wir uns niederlassen, ist das Unwetter nicht weit.”

Aber Sturmkrähen beschwören das schlechte Wetter nicht herauf.

Wer weiß.

Matej schmiegt seinen Kopf an meine Schulter, dann streckt er sich und hebt die Schnauze in den Wind.

Ich laufe ein Stück zurück und sehe nach, ob uns jemand folgt.

Danke.

Ruh dich aus.

Ich weiß nicht, ob das überhaupt noch möglich ist. Die Aufregung, die uns zur Flucht angetrieben hat, ist verflogen und ich fühle mich leer. Ausgehöhlt. Ich löse mein Mieder und lege es zur Seite, schnüre meine Stiefel auf und ziehe sie von den Füßen. Ich rutsche an den Rand des Sees und stelle meine Füße ins Wasser.

Weglaufen. Weiter und immer weiter. So hatte ich mir mein Leben in Freiheit nicht vorgestellt.

Ich fahre mir mit dem Handrücken über die Augen, dann lehne ich mich über meine Knie und tauche meine Arme in den See. Das kalte Wasser betäubt meine Haut für einige kostbare Sekunden. Der See ist klar, ich kann bis auf den Grund sehen, aber auf der Oberfläche spiegeln sich trotzdem die vorüberziehenden Wolken.

Hört mich jemand?

Wie aus dem Nichts dringt eine Kinderstimme dringt an mein Ohr, hell und verängstigt. Die feinen Haare in meinem Nacken richten sich mit einem Prickeln auf. Plötzlich spüre ich auch Matej, wie er in seinem Lauf innehält und die Ohren spitzt.

Myrsina?

Still.

Wir lauschen. Kurz hören wir nur den Wind in den Bäumen, und dann--

Marietta! Marietta!

Diesmal klingt die Stimme laut und klar. Obwohl wir sie noch nie zuvor gehört haben, wissen wir beide, wem sie gehört. Anthea spricht nicht direkt zu uns, aber in ihrer Panik finden ihre Gedanken ihren Weg dorthin, wo sie gehört werden. Zu uns.

Die Jäger, sagt Matej.

Eine Faust schließt sich um mein Herz.

Schnell. Ich springe auf die Füße und packe meine Stiefel.

 

* * *

 

Wir kommen zu spät. Matejs Nase erkennt den Geruch von Blut, lange bevor wir die Straße erreichen.

Die Schauspieler liegen, wie sie gefallen sind. Francesca liegt ausgestreckt auf dem Rücken und ein Pfeil ragt aus ihrer Brust. Silvio liegt halb über ihr, einen Arm schützend über ihre Taille geworfen. Ein zweiter Pfeil hat ihn direkt zwischen den Schulterblättern getroffen. Ich gehe an den beiden vorbei und finde Gian, der vor dem Paar auf der Straße liegt. Seine Arme sind ausgebreitet, als hätte er sich schützend vor Francesca und Silvio gestellt. Der Pfeil mit den weißen Gänsefedern steckt über seinem Brustbein. Ich gehe neben Gian in die Hocke, schaue nach links, und sehe Ugolino, der wie hingeworfen am Straßenrand liegt.

Tränen laufen mir übers Gesicht. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich angefangen habe zu weinen.

Myrsina!

Ich komme zurück auf die Füße und folge Matejs Ruf.

Der Wagen der Viaggiatori ist noch da, genauso wie Pepino. Das Pferd wendet hoffnungsvoll den Blick und ich streiche über seine Nase, während ich an ihm vorbeigehe.

Marietta lehnt an der Mauer, halb sitzend, halb zusammengesunken. Die Jäger haben sie zweimal getroffen: Der erste Pfeil steckt in ihrer Schulter, der zweite unter ihrer Brust. Ihr Kleid ist rot und nass von ihrem Blut.

Marietta. Wie oft hat Anthea versucht, ihren Namen zu rufen?

Matej macht neben Marietta halt und dreht sich zu mir um. Ich sinke auf die Knie und verberge das Gesicht in den Händen.

 

* * *

 

Wir tun, was wir können. Ich bette die Viaggiatori ins Gras am Rand der Straße und bedecke sie mit den Vorhängen aus dem Theaterfundus. Die Straße weist viele Spuren auf und wird wohl gut genutzt. Andere werden vorbeikommen, und sich der Schauspieler annehmen. Zumindest hoffe ich das.

Die Jäger haben nicht alle getötet: Weder Clarice, Iacopo, Paolo oder Anthea sind unter den Opfern. Ich kann nur annehmen, dass die Männer sie mitgenommen haben, um sie weiter zu befragen. Oder haben sie Anthea aus anderen Gründen eingefangen? Daran versuche ich nicht zu denken.

Egal, weshalb die Jäger die Viaggiatori verschleppt haben, die Auswahl an Entscheidungen hat sich für mich auf eine reduziert. Matejs Sorge um mich schwingt in jedem seiner Gedanken, aber wir sind einer Meinung: wir können unsere Weggefährten nicht im Stich lassen. Unser Plan ist einfach und unmöglich: Wir werden die Jäger einholen. Matej lenkt sie ab, und ich befreie die überlebenden Viaggiatori.

Die Chancen stehen schlecht, sagt Matej. Aber wenn wir es schlau anstellen, dann kommen wir vielleicht mit einem blauen Auge davon. 

“Wer ist jetzt hoffnungslos optimistisch?” frage ich. Ich bin dabei, Pepino vom Wagen der Schauspieler loszubinden.

Matej weigert sich, auf meinen Sarkasmus einzugehen. Dich werden sie nicht töten, sagt er, wie um sich selbst zu überzeugen. Margarethe braucht dich.

Ich streichle über Pepinos Nase und vermeide es, Matej anzusehen.

“Das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr”, sage ich. “Ich bin lange genug davon gelaufen während andere den Preis für meine Freiheit zahlen.

Ich spüre Matejs Schnauze an meinem Bein und presse die Lippen aufeinander.

“Sieh mal im Wagen nach, ob Gian noch irgendwo ein paar Geldstücke versteckt hat”, sage ich. “Wenn wir tatsächlich so viel mehr Glück als Verstand haben, können wir die brauchen.”

Matej stößt schnaubend die Luft aus, trabt los und springt in den Wagen. Ich tätschle Pepinos Hals und gehe ihm nach.

Matej stöbert in einem Haufen abgelegter Kleider, als ich die Tür des Wagens schließe. Er erkennt, was ich vorhabe, aber da ist es schon zu spät. Ich hake das Schloss ein und drehe den Schlüssel herum.

NEIN! Matej wirft sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Nein, nein!

“Verzeih mir”, sage ich leise. Zwei Schläge gegen den Verschlag, dann drückt Matej seinen Kopf gegen das Holz. Ich höre ihn hinter den Brettern atmen.

Myrsina!

Ich lehne meine Stirn an die Tür. Ich werde Anthea zurückschicken, sie wird Matej frei lassen. Oder der nächste, neugierige Reisende wird die Tür für ihn öffnen. Alles ist besser als mit mir in den sicheren Tod zu gehen. Denn bei einem Wolf würden die Jäger nicht zögern.

Matej wimmert und seine Krallen kratzen an der Tür.

Myrsina. Bitte tu das nicht.

Ich lege beide Hände an das schartige Holz und schließe für einen kurzen Moment die Augen. Dann richte ich mich auf, gehe am Wagen der Viaggiatori vorbei, und mache mich auf den Weg.

 

~ ~ ~

 

Fast zwanzig Jahre lang verhängten die Bewohner von Burg Falkenstein ihre Spiegel mit schweren Tüchern. Solange die alte Gräfin von Preysing dort hauste, lebte etwas hinter jeder verspiegelten Fläche. Die Leute sahen Schatten und blasse Gestalten, die hinter ihren eigenen Spiegelbildern aufragten. Am Anfang fragte ich mich, ob sie Angst hatten, selbst in die Spiegel gezogen zu werden. Tatsächlich aber fürchteten die Leute, dass etwas aus den Spiegeln herauskommen könnte.

Margarethe und ich hatten gedacht, dass wir dieser Angst ein Ende bereiten würden. Eine Burg, befreit vom Schatten der alten Gräfin. So hatten wir es uns ausgemalt in all den Nächten, in denen Margarethe sich zum Spiegel schlich und mit mir Pläne schmiedete. Dieses Bündnis – diese Freundschaft – hätte Margarethe beinahe das Leben gekostet. Hatte sie damals gewusst, wie viel sie aufs Spiel setzte? Nein, sie wusste es genau so wenig wie ich.

Das letzte Mal, als ich Margarethe gegenüber saß, war der Tisch zwischen uns gedeckt mit Schalen voller kandierter Quitten und gebratener Fasanenschenkel. Ich dachte, wir würden unseren Sieg feiern. Margarethe hatte ihre Stiefmutter unschädlich gemacht und mir die Freiheit geschenkt. Geschichten enden hier mit dem Versprechen, dass die Überlebenden einer glücklichen Zukunft entgegen gehen. Bei uns war das anders.

Fünf Monate, nachdem ich dem Spiegel entkommen war, führte mich ein Page in Margarethes privates Esszimmer. Dort war der Tisch für zwei eingedeckt: Köstliche Leckereien warteten in blankpolierten Schalen vor silbernen Tellern.

Margarethe stand vor einem Wandteppich, der am hinteren Ende des Raumes hing. Bei unserem Eintreten drehte sie sich um. Ich lächelte und wollte zu ihr laufen, aber etwas in Margarethes Gesicht hielt mich zurück.

“Danke, Philipp”, sagte Margarethe. Der Page verbeugte sich und ließ uns allein. Margarethe setzte sich und ich nahm ebenfalls Platz, obwohl ich mich wunderte, dass sie mich nicht dazu aufforderte. Sie fragte mich, wie es mir ging. Ich antwortete, und fühlte mich bei ihren formellen Tonfall zunehmend unwohl.

Der Wandteppich hinter Margarethes Stuhl zeigt ein Jagdmotiv: Männer auf dem Rücken schwarzer Pferde und eine Herde Hirsche, die vor ihnen davonläuft. Ich dachte an die Jäger der alten Gräfin, jene eigenartigen Männer ohne Freunde und Familie, die im Namen ihrer Herrin nicht nur Hirsche gejagt hatten. Als ich noch im Spiegel steckte, hatte Margarethe einige unschöne Begegnungen mit den Männern in Grün – noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich mir ihre Flucht aus der Burg vorstelle. Ich bin mir nicht sicher, ob Margarethe mir alles erzählt hatte, aber sie zeigte mir ihre Narben: die gezackte Spur einer Pfeilspitze an ihrer Wange und die Spuren eines Hundebisses an ihrer Wade. Die Gräfin hatte die Jäger auf ihre Stieftochter angesetzt. Es ist ein Wunder, dass Margarethe überlebte – und dass sie sich entschied, zurückzukehren, um ihre Stiefmutter zu stellen.  

In ihrer neuen Rolle als Gräfin hatte Margarethe die Jäger aus dem Dienst entlassen, aber in der Burgküche munkelte man, dass sie sich in den Wäldern jenseits von Falkenstein eingenistet hatten. Dort warteten sie. Worauf? Auf den Teufel, heißt es.

“Hast du etwas über deine Familie herausgefunden?” fragte Margarethe.

“Nein, leider”, sagte ich. Margarethe jedoch schien sich nicht wirklich für die Antwort zu interessieren. Sie hob eine Gabel auf und drehte sie achtlos zwischen den Fingern.

“Und was ist mit dir?” Ich zwang mich zu einem fröhlichen Ton. “Hast du unter deinen ganzen Verehrern schon einen Bräutigam ausgesucht?”

“Nein.”

Zwischen uns wurde das Essen kalt, aber Margarethe macht keine Anstalten, nach den Schüsseln zu greifen. Ich öffnete den Mund, aber sie kam mir zuvor.

“Ich habe lange nachgedacht.”

Ein Luftzug wehte durch den Raum. Kerzen flackerten und der große Wandteppich bewegte sich. Ich fragte mich, ob irgendwo ein Fenster offen stand.

Margarethe schloss die Augen. “Haben wir etwas verändert?”

Die Frage ließ mich zusammenzucken. “Was redest du da?” Ich griff nach Margarethes Hand. “Natürlich! Wir haben die Gräfin aufgehalten, bevor sie mehr Mädchen entführen konnte. Wir haben ihrer schwarzen Magie den Garaus gemacht!”

“Haben wir das? Die Magie beendet?”

Die Spiegelung der Kerzenflammen flackerte über die silbernen Teller.

“Margarethe.” Ich drückte ihre Hand, die eigenartig schlaff in meiner lag. “Margarethe, was ist mit dir?”

Ihre nächsten Worte jagten mir eine Gänsehaut über den Rücken. “Katharina war nicht die Quelle der Magie”, sagte sie, und fügte wie beiläufig hinzu: “Es ist der Spiegel. Immer der Spiegel.”

“Der Spiegel?” wiederholte ich. “Der Spiegel ist zerstört! Du hast ihn zerschlagen.” Zumindest hatte Margarethe das behauptet. Als sie mich nach meiner Befreiung aus der Halle führte, hatte sie gesagt: In tausend Stücke werde ich ihn zerschlagen. Und die Scherben begraben wir unter der Burg. Ich hatte angenommen, dass sie dieses Versprechen in die Tat umgesetzt hatte.

“Ich höre ihn”, sagte Margarethe leise. “Egal wo ich bin. Wenn ich versuche zu schlafen, oder wenn Andere reden. Es ist wie ein Summen, wie... .” Margarethe schlug die Augen auf und mein Griff um ihre Hand erschlaffte. “Am Anfang habe ich ihn nicht verstanden, aber mittlerweile höre ich ihn ganz klar.”

Margarethe stand auf und stellte sich wieder vor den Wandteppich.

“Er möchte, dass du zurückkommst.”

Kälte biss in meinen Unterarm und mein Blick zuckte nach unten. Ein fahles Gesicht starrte von der spiegelnden Oberfläche des Tellers zu mir hinauf. Ich riss den Arm nach oben und sprang auf die Füße. Der Stuhl polterte hinter mir zu Boden. Margarethe jedoch legte ihre Hand an den Wandteppich.

“Er hat mir versprochen, dass er mich in Ruhe lässt, wenn du zu ihm zurückgehst”, sagte sie mit verträumter Stimme. “Er braucht dich, verstehst du? Wenn er einmal ein Mädchen bei sich hat, kann er es nicht gehen lassen. Er findet sonst keinen Frieden. Seltsam, oder nicht?”

Ich wich auf tauben Beinen zurück.

“Wir haben gedacht, der Spiegel ist ein Ding. Ein verzauberter Gegenstand ohne eigenen Willen.” Margarethe strich über die gewebten Jäger. “Wir lagen so falsch. So falsch.”

Margarethe zog an dem Teppich, der schwere Stoff glitt zu Boden und gab den Blick auf den Spiegel frei. Er klaffte in der Wand wie ein schwarzer Schlund.

Margarethe streckte die Hand nach dem Glas aus. “Er atmet.”

Ich drehte mich um und lief davon.

 

* * *

 

Ich stehe im Hof des Castello di Prasco und zwinge mich, nicht in den Fenstern nach Margarethes Gesicht zu suchen. Von den Bewohnern der Burg fehlt jede Spur, nur die Jäger stehen an den Mauern und auf den Stufen wie Raben mit schmutzig grünem Gefieder. Mit der rechten Hand halte ich mir die Klinge von Gians Messer unters Kinn, mit der Linken halte ich Pepino.

Lasst die Schauspieler frei, und ich gehe freiwillig zu ihr. Ich habe meine Karten ausgespielt, jetzt ist Margarethe an der Reihe.

Irgendwo bellt ein Hund, dann erklingen Schritte auf den Stufen. Die überlebenden Viaggiatori werden von einem der jüngeren Jäger in den Burghof geführt. Paolo hält sich an Iacopos Arm fest, als hätte er Angst, dass man sie trennen könnte. Clarice führt Anthea an der Hand. Das Mädchen sieht mich an, will zu mir laufen, aber Clarice hält sie zurück. Ich sehe Anthea direkt in die Augen.

Du hörst mich, oder?

Tränen steigen ihr in die Augen, aber sie nickt. Eine blutige Schramme zieht sich über ihre Wange.

Matej. Mein Wolf. Ich sage ihr, wo er ist, aber da zieht Clarice Anthea auch schon an mir vorbei. Iacopo und Paolo kommen als nächstes. Ich halte ihnen Pepinos Zügel hin und Iacopo nimmt sie, ohne mich anzusehen. Nur Paolo starrt mich an, als erwarte er, dass ich mich in ein Ungeheuer verwandle.

Die Jäger beobachten mich. Ihre Körper sind angespannt, wie zum Sprung. Ich warte, bis die Tür im Burgtor hinter meinem Rücken ins Schloss fällt, dann senke ich das Messer.

“Wo ist sie?” 

       

* * *

 

Drei Jäger führen mich in ein Zimmer auf der Westseite der Burg. Es ist ein langgestreckter Raum, durchteilt von Pfeilern aus dunklem Holz. Die Decke ist ebenfalls getäfelt, aber die weißen Wände sind mit Girlanden aus Zitronen und Granatäpfeln bemalt.

Der Himmel hinter den Fensterbögen glüht in feurigem Orange und

der Spiegel reflektiert das letzte Sonnenlicht. Seine glatte Fläche leuchtet wie flüssiger Bernstein.

Margarethe steht vor dem Spiegel, in der exakt gleichen Position, in der ich sie das letzte Mal gesehen habe. Und genauso stand auch die alte Gräfin immer vor diesem vermaledeiten Teufelsding.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie Margarethe die Gräfin überwältigte. Nach Jahren des Planens und der Schachzüge endete alles damit, dass Margarethe ihre Stiefmutter gegen den Spiegel drückte. Die Gräfin wand sich und trat mit den Füßen, aber Margarethe hielt sie fest und presste ihre eigene, blutende Hand gegen das Glas. Da sackte die Gräfin in sich zusammen.

Spiegel... Margarethes Stimme versagte. Auf der anderen Seite des Spiegels überkam mich nackte Panik. Ich trommelte gegen die gläserne Wand und flehte Margarethe an, es zu beenden. 

Ich werde mir nie sicher sein, aber ich glaube, am Ende war es die Gräfin, die die Formel mit schwacher Stimme beendete: Nimm mein Opfer an.

Die Oberfläche des Spiegels verflüssigte sich und meine Hände glitten hindurch. Ich bekam die Schultern der Gräfin zu fassen, zerrte sie über die magische Schwelle und schob mich zeitgleich an ihr vorbei. Für den Bruchteil einer Sekunde verstand ich ihre Gedanken, so wie ich später Matej verstehen würde.

Die Gräfin war erleichtert. Das hätte uns warnen sollen.

Im hier und jetzt dreht Margarethe sich zu mir um und für einen Augenblick sehe ich das Mädchen, das an jenem ersten, sonnigen Tag ihre Hand an den Spiegel legte und mich anlächelte. Sie hat mich befreit. Egal, was danach geschehen ist, Margarethe hat zehn Jahre lang nach einem Weg gesucht, um mich aus meiner Gefangenschaft zu erlösen.

In zwei Schritten bin ich bei ihr, und ergreife ihre Hand. Ihre Hand, die in einen blutigen Verband gewickelt ist.

“Ich hätte sie in den Spiegel sperren können”, sagt Margarethe. “Ich wollte es.”

Ich stelle mir vor, wie Margarethe mit Anthea vor dem Spiegel steht, so wie die Gräfin einst mit mir. Hat der Spiegel da auch zu ihr geflüstert? Haben seine Worte ihre Ohren ausgefüllt, wie ein Schwarm Insekten?

Margarethe sieht mich an und ich kann nicht anders, ich überwinde die letzte Entfernung zwischen uns und nehme sie in den Arm. Ich drücke sie an mich und spüre, wie dünn sie geworden ist. Ihr Haar an meiner Wange ist strähnig und so trocken wie Stroh.

“Du hast das Mädchen gehen lassen”, sage ich.

“Dieses Mal.” Margarethes Stimme ist tonlos. Ihre Arme schließen sich um mich, so fest, dass es weh tut. Sie beginnt, mich in Richtung des Spiegels zu schieben.

“Es wird vorbei sein”, murmelt sie. “Wenn er dich wieder hat, wird es vorbei sein.” Es ist das verzweifelte Flüstern einer Verdammten. Hätte ich das verhindern können? Wenn ich damals nicht fortgelaufen wäre? Tränen steigen mir in die Augen. Ich greife in meinen Ärmel, ziehe mein zweites Messer und presse die Klinge an Margarethes Hals, dorthin, wo ihr Puls schlägt.

Sie könnte mich aufhalten. Sie könnte nach den Jägern rufen. Aber vielleicht ist sie am Schluss genauso erleichtert wie ihre Stiefmutter.

Ich stoße zu und etwas in mir zerbricht. Margarethe sinkt gegen mich und unter ihrem Gewicht sacken wir beide zu Boden. Ich schließe wieder meine Arme um sie und halte sie fest. Ich flüstere ihr tröstend ins Ohr und hoffe, dass sie nur mich hört. Ihr Blut tränkt meinen Ärmel und meine Kehle schmerzt, während ich mein Schluchzen unterdrücke.

Margarethe atmet noch, als der Spiegel mit mir zu sprechen beginnt. Ein Flüstern dringt an mein Ohr, zaghaft, tastend, fast zärtlich. Blanke Wut brandet in mir hoch. Ich presse die Hände gegen meine Ohren und stemme mich auf die Füße. Das Raunen füllt meinen Kopf und steigert sich zum Crescendo, bis ich einen schweren Kerzenständer packe und ihn mit voller Wucht gegen den Spiegel schlage.

Das Glas springt, zersplittert und kracht in einem Regen aus Scherben zu Boden. Meine Ohren klingeln, als hätte irgendwo jemand eine helle Glocke geschlagen. Dann herrscht Stille. Im Raum, und in meinem Kopf.

Der Kerzenständer gleitet aus meiner Hand und poltert zu Boden.

Vorbei. Der Gedanke flutet meinen ganzen Körper. Vorbei! Ich hebe beide Hände vor den Mund, als ob die schiere Erleichterung mir sonst entweichen könnte. Dann beginnen die Scherben auf dem Boden zu rascheln.

Abertausend glitzernde Partikel kräuseln sich in Spiralen und heben sich in Wellen wie etwas Denkendes, Lebendiges. Ich weiche zurück und hebe den Blick. Vor mir erhebt sich der Rahmen des Spiegels und dahinter öffnet sich eine ganze Welt aus Dunkelheit. Dort, aus den Schatten, lösen sich blasse, graue Schemen. Schwester Mond. Schwester Mechthild. Schwester Elßlin. Legionen aschfahler Frauen, die mir traurig und erwartungsvoll entgegen blicken.

Eiseskälte strömt in meine Adern. Zu spät begreife ich: Margarethe hat nicht gelogen. Sie hat den Spiegel zerstört. Nur hat es nichts genützt.

Die Scherben flüstern, erheben sich vom Boden, wirbeln um meinen Körper, und reißen mich zurück in das dunkle Herz des Spiegels.

 

* * *

 

An einem warmen Tag im Mai bewegt sich ein Zug aus grün gekleideten Männern hinauf in die Berge jenseits des Piemonts. Zwischen ihnen rattert ein Karren, auf dessen Ladefläche ein rundes, dick in Felle eingeschlagenes Bündel liegt. Die Männer marschieren zielstrebig, ohne zu ermüden, aber keiner von ihnen bemerkt ihre Verfolger. In den Schatten der Fichten, die sich die Hänge hinaufziehen, laufen zwei Gestalten, lautlos und entschlossen: Ein Wolf und ein Mädchen mit feuerroten Haaren.



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© 2016 by Katrin Solberg
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›Spiegelschwester‹ in Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln von Christian Handel (Hrsg.), Drachenmond Verlag, 2016

Alle Rechte vorbehalten


Katrin Solberg ist mit den Büchern von Michael Ende, Astrid Lindgren und Roald Dahl aufgewachsen. Die Liebe zur Literatur hat sie an die Universität begleitet, wo sie mittlerweile englische Literatur und Kulturwissenschaft unterrichtet. Seit einigen Jahren lebt Katrin in Berlin und nutzt ihre Freizeit dazu, die unterschiedlichen Cafés der Hauptstadt unter die Lupe zu nehmen. Oder zu schreiben. Spiegelschwester ist ihr Fantasy Debüt.

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