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FICTION

Ruthie (Oliver Plaschka)


Oliver Plaschka
21.11.2016

Eine Geschichte über Wiedergeburt und Neuanfang: eine kranke Welt der nahen Zukunft, ein kranker Mann auf der Suche nach dem Verlorenen, eine schlafende Frau, ein defektes Schiff, das auf seinen Abflug wartet ... alles in dieser Erzählung sehnt sich danach, von vorn zu beginnen, doch wenn dieser Wunsch überhaupt jemandem erfüllt wird, dann nicht so wie erwartet.

Entnommen dem Band Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt, dessen Titelgeschichte im Oktober 2016 mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet wurde.


***

Breite deine Schwingen aus über mir

und versetze mich unter die unvergänglichen Sterne ...

– Gebet an die Himmelsgöttin Nut

 

»Ist es nicht wunderschön?« Der alte Mann in dem Mantel legte den Kopf in den Nacken und hielt sich den Hut. Von dort, wo er stand, hatte er eine gute Sicht auf den Raumhafen. »Was für ein Anblick! Einfach umwerfend.«

»Hm?« Der Obdachlose gähnte. Er trug mehrere Pullover und hatte sich in einem kaputten Schwebeauto eingerichtet. Eine hochgeklappte Flügeltür diente ihm als Schutz vor dem Graupel. »Was ist umwerfend?«

»Das Schiff«, sagte der alte Mann und zeigte auf die große Silhouette, die ein gutes Stück des kupferfarbenen Himmels von Phoenix verdeckte. »Mein Gott, ich habe noch nie ein so großes Schiff gesehen.«

»Sie kommen wohl nicht sehr häufig her. Die Tutanchamun steht hier schon seit ein paar Jahren.«

»Eigentlich wohne ich in der Gegend«, sagte der alte Mann. »Vermutlich ist sie mir bloß noch nie aufgefallen ... Genauso wenig, wie man die Lichter der Innenstadt bemerkt ... oder den Geruch von Schnee.«

Der Obdachlose streckte skeptisch die Hand aus, um ein paar der halbgeschmolzenen Flocken zu fangen. »Ehrlich gesagt ist es mir lieber, wenn er nicht riecht. Er brennt viel schlimmer auf der Haut, wenn er riecht.«

»Das habe ich auch schon bemerkt.«

»Wo wohnen Sie?«

Der alte Mann lächelte verlegen. »Ich bin mir leider nicht ganz sicher. Ganz in der Nähe, aber ich komme gerade nicht drauf. Ich glaube, ich war eine Zeitlang krank. Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus.«

»Nicht im Geringsten«, antwortete der Obdachlose und suchte nach etwas im Auto. »Ich würde mir aber Sorgen machen, wenn ich keinen Platz für die Nacht hätte. Es wird ziemlich kalt, wissen Sie.«

»Sie scheinen es hier ja ganz gemütlich zu haben«, stellte der alte Mann fest und untersuchte das kaputte Auto. »Das muss einmal ein schönes Stück gewesen sein.«

Der Obdachlose zuckte die Achseln. »Es fliegt nicht mehr. Ich geh nirgends mehr hin. Also bleib ich.«

»Sie könnten es reparieren.« Der alte Mann begutachtete flüchtig die Steuerdüsen und die kleinen Heckflossen. »Ist das ein Buick?«

»Keine Ahnung.« Der Obdachlose nahm einen tiefen Schluck aus einer Dose, während der alte Mann sich kopfschüttelnd wieder dem Schatten des großen Raumschiffs in der Ferne widmete. Kräne schmiegten sich an seine Flanken wie die Schläuche und Geräte an einen todkranken Patienten.

»Wie haben Sie es noch gleich genannt?«

Der Obdachlose wischte sich den Mund ab. »Was, die Tutanchamun?«

»Der Name kommt mir bekannt vor. Mein Gott, es sieht aus, als würde sie jeden Moment abheben.«

»So weit sind sie noch lange nicht. Anscheinend gibt’s Probleme mit der Statik. Letztes Jahr wär sie fast umgekippt.«

»Eine Schande ist das.«

»Sie wollen sie zwar noch fertigbauen, aber ihnen geht ständig das Geld aus. Na ja, die Passagiere haben’s ja nicht eilig.«

»Wieso nicht?«

»Na weil sie tiefgefroren sind. Die Tutanchamun soll Leute im Kälteschlaf nach Memphis bringen – Tau Ceti, nicht Tennessee. Dort können sie dann nochmal ganz von vorn anfangen, auf einem netten, neuen Planeten mit sauberer Luft und blauem Himmel. Irgendwann.«

Der alte Mann nickte beeindruckt, wusste aber offenbar nicht, was er sagen sollte. Der Schnee fiel wieder dichter.

»Sie sind wirklich aus der Gegend?«, fragte der Obdachlose.

»Ich und Ruthie. Zumindest war unsere Wohnung mal irgendwo hier. Ich kann sie aber gerade nicht finden.«

»Sie sollten sich wirklich besser rasch nach einem Platz für die Nacht umschauen. Ihr Mantel wirkt etwas dünn.«

»Sie haben recht. Ich muss los – Ruthie finden.« Der alte Mann schlang sich den Mantel eng um den Körper und marschierte los, nur um nach ein paar Schritten wieder umzudrehen. »Falsche Richtung«, entschuldigte er sich mit einem Lächeln. »Vielen Dank nochmal! Vielleicht können wir unser Gespräch irgendwann fortsetzen.«

»Ich geh nicht weg«, sagte der Obdachlose.

 

//

 

»Oh, hallo«, sagte der alte Mann, als er nächsten Monat zurückkehrte. Das Wetter war so schlecht wie zuvor, und der Nieselregen roch deutlich nach Ammoniak.

»Hallo«, sagte der Obdachlose. Seine zusammengewürfelte Kleidung verbarg mehr schlecht denn recht, dass er die letzten Wochen ziemlich abgemagert war. Er saß unter dem Schutz der hochgeklappten Flügeltür und wärmte sich die Hände an einem kleinen Feuer, das er in einer Dose vor sich auf dem Boden entfacht hatte. »Verfolgen Sie die Fortschritte?«

»Entschuldigung?« Der alte Mann trug einen neuen Hut und einen Mantel, der ihm ein wenig zu weit war. Abgesehen davon aber wirkte er unverändert und genauso verwirrt wie zuvor. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

»Allerdings«, sagte der Obdachlose und kratzte sich die Arme. »Letzten Monat. Sie haben sich nach der Tutanchamun erkundigt. Das große Raumschiff da drüben, Sie wissen schon.«

»Ist es nicht wunderschön?«

»Es fliegt immer noch nicht weiter als dieses Schwebeauto«, erwiderte der Obdachlose und tätschelte den Türrahmen.

»Eine Schande ist das.«

»Ja, das sagten Sie bereits.«

»Ich fürchte, ich kann mich nicht an unsere vorige Unterhaltung entsinnen«, entschuldigte sich der alte Mann. »Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, Sie könnten mir mit dem Heimweg helfen.«

»Stimmt, ich erinnere mich. Sie sagten ja, Sie wohnen in der Gegend.«

»Es hat sich so viel geändert. Der Park, in dem Ruthie und ich immer waren, ist einfach verschwunden. All die schönen alten Bäume! Und wo das Einkaufszentrum war, scheint sich nun eine Art große Werkstatt zu befinden. Die ganze Gegend ist wie ausgestorben.« Er wirkte bekümmert.

»Viele der alten Gebäude wurden abgerissen, und man hat einfach nie neue gebaut.«

»Aber wieso?«

»Angeblich will man den Raumhafen erweitern. Die meisten Anwohner sind schon auf und davon, und die ganzen Geschäfte sind ihnen gefolgt.«

»Sie aber sind geblieben«, stellte der alte Mann lächelnd fest. »So wie ich.«

»Tja, wissen Sie, ich geh nirgends mehr hin«, sagte der Obdachlose.

»Das hier ist also Ihr Zuhause?«

Der Obdachlose grinste. »Sieht ganz so aus, als hätte ich genauso wenig ein Zuhause wie Sie.« Er zuckte die Achseln. »Oder doch?«

»Aber ich habe ein Zuhause – ich kann’s bloß nicht finden. Ruthie hat immer gesagt, eines Tages werde ich mich noch in der eigenen Nachbarschaft verlaufen. Da hat sie wohl recht behalten.«

»Ruthie ist Ihre Frau, richtig?«

»Genau.« Der alte Mann lächelte wieder. »Keine Ahnung, was ich ohne sie anstellen würde.«

»Es ist gut, so jemanden zu haben.«

»Haben Sie denn niemanden?«

»Nein.« Der Obdachlose hustete und kratzte sich wieder. »Ist wahrscheinlich auch besser so.«

»Wieso sagen Sie das?«

»Weil ich krank bin.«

»Sie sehen wirklich etwas angeschlagen aus«, sagte der alte Mann besorgt. »Ist es sehr schlimm?«

»Es ist die Niere. Die Ärzte geben mir noch einen Monat. Aber den geben sie mir jetzt schon seit drei Jahren.«

»Wie furchtbar!« Der alte Mann klang entsetzt. »Sind beide Nieren betroffen?«

»Hatte nie mehr als eine. Schätze, es wird Zeit für eine neue.«

»Gibt es nicht genug Spender?«

»Wenn man heutzutage ’ne Niere braucht, sucht man nicht nach einem Spender. Man züchtet einfach eine neue.«

»Wo liegt dann das Problem?«

Der Obdachlose machte eine dank mehrerer Jahrzehnte bargeldlosen Zahlungsverkehrs überholte Geste, die der alte Mann jedoch problemlos verstand.

»Wie furchtbar«, sagte er abermals.

»Es gibt Schlimmeres.«

»Schlimmer, als keine Niere zu kriegen, bloß weil man kein Geld hat?«

»Es liegt nicht nur daran«, sagte der Obdachlose. »Krankenhäuser mögen Leute wie mich nicht sonderlich, und die neuen Gesetze treiben die Schwarzmarktpreise nur noch weiter in die Höhe. Aber wollen wir nicht alle irgendwas Neues? Manche von uns haben sogar schon dafür bezahlt. Denken Sie nur an die Passagiere der Tutanchamun, die auf ihre Auferstehung warten – ein neues Organ, ein Platz auf dem Schiff, ein Leben in den Kolonien ... ein Neuanfang für jeden von uns. Wir können nicht alle kriegen, was wir wollen.«

»Wenn ich Geld hätte, würde ich’s Ihnen geben.« Der alte Mann durchsuchte seine Taschen, um ganz sicherzugehen, dass er nichts darin hatte.

»Das ist sehr nett von Ihnen. Aber Sie haben sicher Ihre eigenen Wünsche.«

»Ich habe immer nur Ruthie gewollt«, sagte der alte Mann. »Nichts sonst.«

»Wissen Sie, manchmal muss man laufen, so schnell man kann, einfach nur, um an derselben Stelle zu bleiben.« Der Obdachlose hustete. »Fragt sich nur, wie schnell laufen Sie?«

 

//

 

»Entschuldigen Sie.« Die Frau klopfte erst zaghaft an die Autoscheibe, dann bestimmter. Nach einer Weile wachte der Obdachlose auf und stemmte hustend die große Flügeltür auf.

»Was ist?«

»Keine Angst. Ich gehöre nicht zur Polizei.«

Der Obdachlose musterte sie und nickte. Sie war Mitte vierzig und hatte eine Nylonjacke an, wie ihm schon lange keine mehr untergekommen war. Am Ohr trug sie ein kleines Headset, und ihre schmucklose Brille diente ihr als Display ihres persönlichen Netzwerks. Nach allen gängigen Maßstäben war sie recht hübsch – die Nase nicht zu groß, der Mund nicht zu klein – aber unscheinbar in ihrer Beliebigkeit.

Der Obdachlose kramte durch seine Besitztümer, die dort, wo sich einmal der Beifahrersitz befunden hatte, auf einem Haufen lagen, fand ein selbsterhitzendes Nahrungsmittelkonzentrat und riss den Deckel ab. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich suche jemanden.« Sie hielt ihm ein kleines Pad unter die Nase. »Haben Sie diesen Mann schon mal gesehen?«

»Sie sind aber nicht Ruthie, oder?«

Sie seufzte.

»Mein Name ist Margaret Rosen. Ich arbeite für das Queen Valley Seniorenheim. Mr. Walker ist einer unserer Schutzbefohlenen.«

»Ich hab mir schon so was gedacht. Er kommt öfter her und sieht sich den Raumhafen an, und wir plaudern ein bisschen. Ich hab ihn aber eine Zeitlang nicht mehr gesehen. Machte einen verwirrten Eindruck. Meinte, er wär eine Weile krank gewesen oder so.«

»Mr. Walker leidet unter einer seltenen Krankheit seines Temporallappens, die eine anterograde Amnesie verursacht. Verstehen Sie, was das bedeutet?«

»Er kann sich nichts Neues mehr merken?«

Sie nickte überrascht. »Mehr oder weniger, ja. Er lebt nur in der Gegenwart, allerdings nicht derselben Gegenwart wie Sie und ich. Er erinnert sich problemlos an alles bis vor etwa zwanzig Jahren, aber neue Informationen kann er nicht länger als ein paar Minuten, höchstens eine Stunde behalten. So lebt er von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag, erinnert sich an früher und versucht, die Lücken zu füllen. Er ist aber unfähig, das Hier und Jetzt zu erfassen.«

»Er hat oft davon geredet, wie hier früher alles aussah und wie er und Ruthie immer in den Park gingen.«

»Er hat sie sehr geliebt. Und ständig schnappt er sich ein Shuttle oder Taxi und kommt zurück in dieses Viertel, wie ein Zugvogel, der seinem inneren Kompass folgt.«

»Sie sagten: ›Er hat sie geliebt‹. Was ist denn mit Ruthie?«

Sie zögerte. »Eigentlich sollte ich die Krankengeschichte unserer Patienten nicht mit Fremden diskutieren.«

Der Obdachlose zuckte die Achseln. »Wenn er nächstes Mal Hallo sagt, weiß ich besser, was Sache ist, oder? Die Gegend hier wird immer schlimmer, je weiter von der Kuppel er sich entfernt.« Er nippte an seinem dampfenden Konzentrat. »Davon abgesehen werd’ ich’s schon niemandem erzählen, und lang mach ich’s auch nicht mehr. Ich bin krank, wissen Sie?« Er hustete nachdrücklich und kratzte sich unter den schmutzigen Pullovern.

Die Frau bedachte ihn mit einem skeptischen Blick. »Howard Walker war einmal ein sehr erfolgreicher Ingenieur. Nicht märchenhaft reich, aber wohlhabend – genug, seiner Frau ein Ticket nach Memphis zu kaufen, als sie überraschend krank wurde. Soweit ich weiß, hat er an dem ein oder anderen Schiff sogar mitgearbeitet.«

»Sie machen Witze. Er hat Raumschiffe gebaut, und sie ist tiefgefroren?«

Sie nickte. »Sie liegt jetzt schon seit vielen Jahren in einem Kryotank in einer Lagerhalle, zusammen mit ein paar tausend anderen, und wartet darauf, verladen zu werden, sobald die Tutanchamun endlich startklar ist. Vielleicht träumt sie von dem neuen Leben, das man ihnen allen versprochen hat, wer weiß?«

»Aber wieso ist er nicht bei ihr?«

»Er geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Wollte sich um zu viel kümmern, ehe er abflog. Dann hat sich sein eigener Zustand verschlechtert – hat es wahrscheinlich schon eine ganze Weile, aber unbemerkt. Natürlich hatte er vor, auch sich selbst einfrieren zu lassen und seine Frau zu begleiten. Er hat es aber immer wieder verschoben, und dann schließlich ... vergessen. Heute reichen seine Rücklagen gerade noch für seinen Aufenthalt bei uns. Aber das weiß er alles nicht. Für ihn ist alles wie vor zwanzig Jahren, Ruthie geht es gut, und sie leben in ihrem kleinen Apartment hinter dem Park und staunen über den neuen Raumhafen und all die Veränderungen in ihrem Leben.«

»Er erinnert sich an nichts? Was er getan hat und was nicht? Und wenn man es ihm sagt, vergisst er’s einfach?«

Sie nickte wieder. »Es muss wie ein ständiges Aufwachen sein, ohne die leiseste Ahnung, wo man ist oder herkommt. Zumindest hat man mir das so erklärt.«

Der Obdachlose pfiff anerkennend. »Verdammtes Schlitzohr.«

»Wie bitte?«

Er grinste. »Na, er hat doch ganz schön Schwein gehabt, oder nicht? Von allen Leuten, die davon träumen, alles hier hinter sich zu lassen, ist er der Einzige, der’s geschafft hat. Er darf ständig wieder von vorn anfangen, sogar mehrmals am Tag.«

Die Frau runzelte die Stirn. »Das scheint mir doch ziemlich unsensibel zu sein.«

»Tut mir leid. Er ist ein netter Kerl. Wollte mir sogar ’ne Niere spendieren. Ich glaube, er hätte mir seine eigene angeboten, aber ihm fiel seine Blutgruppe nicht ein.«

Sie rückte ihre Brille zurecht, und er sah, wie sich das kleine Display darin aktivierte und sie einige Scans durchführte. Dann wich sie einen Schritt vor ihm zurück.

»Was wollen Sie mit einer Niere?«, rief sie. »Sie sind nicht mal ein echter Mensch – Sie sind künstlich!«

»Wer ist jetzt unsensibel?«, entgegnete der Obdachlose. »Stimmt, manche meiner Teile wurden in einer Fabrik hergestellt. Andere nicht, und ich werd’ nicht verraten, welche. Heißt das jetzt, dass ich nicht meine Träume haben darf? Ich muss mich durchschlagen wie alle anderen. Und echte Organe sind immer noch besser als die meisten Filtersysteme. Wollen wir nicht alle das Beste?«

Sie verzog das Gesicht und reichte ihm ihre Karte. »Wenn er wieder auftaucht, würden Sie diese Nummer hier anrufen? Können Sie das tun?«

»Klar. Ich kümmer’ mich um Howie.« Er hustete wieder und kratzte sich die Arme. Sie kam nicht umhin, die kränkliche Farbe seiner Haut zu bemerken.

»Sie sollten sich das ersetzen lassen«, sagte sie. »Die meisten Polymerbeschichtungen bieten einen weit besseren Schutz als Haut – glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Außerdem würde es Ihre Symptome verbergen.«

»Ist einfach nicht das Gleiche. Das verstehen Sie doch sicher, oder?« Er tippte sich an die Nase und rückte eine imaginäre Brille zurecht.

Mit einem letzten zögerlichen Blick wandte sie sich zum Gehen. »Viel Glück«, sagte sie.

»Auch Ihnen viel Glück, Ms. Rosen.«

 

//

 

Es ist sonnig im Hof, und eine angenehme Brise weht durch das Fenster. Er lächelt und denkt, was für ein wunderschöner Tag, und dreht sich um, es Ruthie zu sagen, doch Ruthie ist nicht da. Er schaut sich um und sieht alle möglichen Leute, die er nicht kennt, alle beschäftigt, sie beachten ihn nicht, und er erkennt auch den Ort nicht, also steht er auf und geht zur Tür, macht einen Schritt hinaus. Draußen ist es kälter als erwartet, und er begreift, dass er einer Simulation aufgesessen ist, und staunt, wie glaubhaft diese Täuschungen mittlerweile sind. Aber all das ist jetzt nicht wichtig, denn er hat keine Ahnung, wo er ist, und Ruthie ist nicht da, es ihm zu sagen – er muss sie finden. Er geht noch einmal hinein und nimmt sich einen Mantel und einen Hut vom Haken – sie wird böse auf ihn sein, wenn er sich erkältet –, dann tritt er abermals nach draußen.

Der Himmel über der Straße ist rostfarben und riecht nach Motoren und Schnee, die Sonne bloß ein kalter Klecks aus Messing darin. Er schlingt den Mantel um sich, doch er passt ihm nicht besonders. Er erinnert sich an den letzten Mantel, den er sich gekauft hat, gerade neulich, im Einkaufszentrum am Park. Ruthie hat er gut gefallen, aber wahrscheinlich hat er ihn wieder verlegt – ihm passiert so was ständig.

Die Lichter der Innenstadt schimmern in der Ferne wie Weihnachtskerzen hinter Buntglas, und er kommt nicht umhin zu bemerken, wie schön sie sind. Zwar müsste man dringend etwas gegen die Abgase unternehmen, aber der Anblick all der Lichter durch den Smog hat etwas für sich. Er findet eine Haltestelle, und es erweist sich, dass er nicht allzu weit von daheim ist. In einer Stunde aber wird es dunkel. Zum Glück muss er nicht lange warten: Ein Shuttle hält, und er steigt ein. Von außen macht es einen sehr modernen Eindruck, er kann nicht mal mit Sicherheit sagen, was es antreibt, doch innen ist es erstaunlich heruntergekommen. Er zahlt mit der ID-Karte in seiner Tasche, bloß um festzustellen, das es nicht seine eigene ist, und schüttelt den Kopf. Kein Wunder, dass der Mantel so schlecht sitzt! Er muss unbedingt daran denken, den armen Mann, dessen Mantel er versehentlich genommen hat, zu kontaktieren, sobald er daheim ist.

Es sitzen nur wenige Leute im Shuttle, und natürlich gibt es keinen Fahrer, bloß eine Attrappe mit einem gefrorenen Lächeln – Studien haben gezeigt, dass Menschen sich so sicherer fühlen als mit einem leeren Sitz. Er erinnert sich noch gut daran, dass Busse früher von echten Menschen gefahren wurden, aber die meisten der Passagiere sind wahrscheinlich zu jung, um das zu wissen. Ihre Gesichter sind ausdruckslos, und er fragt sich, ob sie auf dem Weg zum Raumhafen sind, allerdings wirken sie schläfrig, fast wie betäubt, vielleicht nehmen sie Drogen, und das macht ihn traurig.

Er steigt an derselben Station aus wie immer, froh, dass er es beinahe geschafft hat, froh, bald Ruthie zu sehen. Vielleicht können sie sich später noch ein Spiel anschauen, aber er ist sich nicht sicher, was für ein Tag es ist, also gibt es vielleicht gar kein Spiel, und vielleicht wäre es besser, sich einfach eine Weile hinzulegen und Ruthie sich um alles kümmern zu lassen. Vielleicht ist er krank, und eine flüchtige Sekunde hat er den Eindruck, schon länger krank zu sein, wahrscheinlich ist es jedoch bloß die ganze Arbeit. Egal, wie sehr er sie zu reduzieren versucht, sie holt ihn immer wieder ein. Aber lieber Himmel – sie bauen ein Raumschiff! Und ein kleiner Teil von ihm wird mit ihm fliegen. Vielleicht nur ein sehr unwichtiger Teil, wie das Recyclingsystem, das er letztes Jahr patentiert hat – doch viele Jahre nach dem Start ins All, wenn auf der Erde schon Jahrhunderte vergangen und er und Ruthie lange vergessen sind, wird die Crew dieses Schiffes immer noch seine Erfindung benutzen. Dann fragt er sich, ob die Menschen während der Reise überhaupt wach sein werden oder die Crew nur aus Androiden besteht, während die Menschen im Kälteschlaf in ihren Tanks liegen und träumen, und ob ein Androide sein Recyclingsystem und das menschliche Gehirn, das es erdachte, zu schätzen wissen wird.

Etwas stimmt nicht – er bleibt stehen und schaut sich um, und einen Moment lang glaubt er, dass er sich wieder verlaufen hat – o bitte nicht, nicht schon wieder, er wird es nie bis nach Hause schaffen, wenn er ständig den Überblick verliert – dann begreift er, dass nicht mit ihm etwas nicht stimmt, sondern mit seiner Umgebung. Wo der Park sein sollte, klafft bloß ein großes Loch im Boden, die Erde ist gefroren, und die ganze Überdachung fehlt, und alles ist von einer dünnen, schmutzigen Schneeschicht bedeckt. Er keucht und eilt weiter, hofft auf einen Fehler und dass der echte Park auf wundersame Weise gleich hinter der nächsten Ecke erscheint, aber einen Block später wird ihm klar, dass nichts davon geblieben ist: Er erkennt sogar die Grundrisse der kleinen Laube, zu der Ruthie und er immer gingen. Und es ist nicht bloß der Park – die ganze Skyline ist falsch, Gebäude fehlen, ein Gebiss voller Lücken. Er sucht nach dem Einkaufszentrum, blickt jedoch nur in die gähnenden Tore einer Garage, die auf Lastwagen wartet, die niemals kommen. Die Straßen sind so gut wie ausgestorben.

Er hat keine Erklärung für die geisterhafte Wandlung. Vermutlich ist doch alles bloß ein Irrtum, und er ist an der falschen Haltestelle ausgestiegen, in einer Gegend fast wie seiner, nur viel schlimmer. Sehen nicht alle Straßen in einer Stadt wie Phoenix irgendwie gleich aus? Eine Weile geht er so schnell, dass er beinahe rennt, dann muss er anhalten und durchatmen – man muss aufpassen im Freien, deshalb wird ja alles überdacht. Dennoch eine Schande, wie schlecht die Luft inzwischen ist. Nach ein paar Minuten geht es wieder, und er orientiert sich.

Die Gegend kommt ihm vertraut vor. Er muss ganz in der Nähe des Raumhafens sein, das heißt, seine Wohnung ist auch nicht weit. Er setzt sich wieder in Bewegung. Ruthie wird sich schon Sorgen machen! Er freut sich so, sie zu sehen. Allein der Gedanke an sie hebt seine Stimmung, und er pfeift eine kleine Melodie.

Die Sonne ist beinahe untergegangen, als er sich in einem Hinterhof wiederfindet, voller Müll und Schutt von einer nahen Baustelle. Am anderen Ende des Hofs steht ein Schwebeauto geparkt, und er sieht einen Umriss darin und geht darauf zu, hofft, dass der Fahrer ihn vielleicht mitnehmen oder ihm wenigstens den Weg sagen kann. Er fragt sich, ob er ihm Geld anbieten soll – er drängt sich Leuten nur ungern auf, aber er möchte wirklich so schnell es geht nach Hause, also sucht er nach seiner ID-Karte, nur um festzustellen, dass es nicht seine eigene ist, was daran liegt, dass auch der Mantel ihm nicht gehört. Er schüttelt den Kopf über sich, doch dann muss er lächeln, denn es beginnt wieder zu schneien, und bei Schnee muss er wieder an Ruthie denken. Er war nie ein Freund der Kälte, aber Ruthie hat Eis und Schnee immer gemocht.

Er erreicht das Auto. Der Mann auf dem Fahrersitz scheint zu schlafen und bewegt sich selbst dann nicht, als er an die Scheibe klopft. Enttäuscht wendet er sich ab, dann erstarrt er wie vom Donner gerührt, denn in diesem Moment begreift er, dass die gewaltige Silhouette da drüben, die er für einen Wolkenkratzer gehalten hat, ein riesiges Schiff ist! Es wirft seinen Schatten über den Raumhafen und ist so viel größer als alles, was er je gesehen oder sich vorgestellt hat: die riesigen Schleusen, die mächtigen Triebwerke, bereit, den Koloss einer der Kolonien entgegenzutragen, Tanis, Neu-Theben oder was für farbenprächtige Namen auch immer die Entdecker für ihre jungfräulichen Welten gewählt haben, und er denkt, wie wunderschön es doch ist, was für ein eindrucksvolles Beispiel menschlicher Erfindungsgabe und Ingenieurskunst! Er muss unbedingt Ruthie davon erzählen – ein neuer Anfang, ein zweites Leben ... Das wäre doch was!

Er klopft wieder an die Scheibe, aber der Fahrer regt sich immer noch nicht, obwohl er ein gefrorenes Lächeln auf den Lippen trägt, das ihn an die Attrappen in den öffentlichen Shuttles denken lässt. Dann erkennt er, dass das Auto wohl ohnehin nicht mehr fliegt, der Innenraum ist voller Müll und der Fahrer wahrscheinlich ein Obdachloser, der sich hier verkrochen hat. Es tut weh, dass Leute unter solchen Bedingungen leben müssen, wo es doch genug Geld gibt, ein Schiff wie das titanfarbene Wunder da drüben zu bauen. Was die Zukunft wohl noch alles bringt? Er kann kaum Schritt mit all den aufregenden Neuerungen halten, und er ist dankbar, dass er ein Teil davon ist. Wie heißt es doch? Um die Zukunft zu bauen, soll man die Gegenwart leben. Er hofft, Ruthie wird nicht böse auf ihn sein, weil er so spät dran ist – was hat er um diese Zeit überhaupt hier draußen zu suchen, ganz allein? Er hat das Gefühl, ihr etwas versprochen zu haben, und hofft, dass es nichts Wichtiges war, denn er ist müde, und würde sich gern eine Weile hinlegen.

Dann erkennt er ein Gebäude und eilt darauf zu, lässt Hof und Auto hinter sich. Er ist nicht weit von zu Hause, bloß spät dran, so spät, und er will Ruthie nicht länger warten lassen. Ich komme, denkt er – komme, Ruthie! Gleich bin ich daheim. Was war es, das er eben noch dachte? Ein letztes Mal dreht er sich um und staunt über das riesenhafte Schiff am Horizont. Richtig, das Schiff – ist es nicht wunderschön? Was für ein Anblick! Dann eilt er weiter, durch den Schnee, heim zu Ruthie.


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© 2016 by Oliver Plaschka
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags Torsten Low


Oliver Plaschka
, geboren 1975 in Speyer, promovierte an der Universität Heidelberg über pastorale Motive in der phantastischen Literatur und und arbeitet als freier Autor und Übersetzer. Seine ersten Romane erschienen bei Feder & Schwert: Fairwater gewann 2008 den Deutschen Phantastik Preis für das beste deutschsprachige Romandebüt, es folgte der Steampunkroman Der Kristallpalast (gemeinsam mit Alexander Flory und Matthias Mösch).

Bei Klett-Cotta erschienen die Gaslichtromanze Die Magier von Montparnasse und der episch angelegte Fantasy-Roman Das Licht hinter den Wolken. Sein aktuelles Buch, Marco Polo: Bis ans Ende der Welt, ist sein erster Ausflug ins Historiengenre.

Die zwischen diesen Romanen entstandenen Kurzgeschichten erschienen erstmals komplett und in neuer Bearbeitung in Das öde Land und andere Geschichten vom Ende der Welt.

 

Über die vorliegende Story sagt der Autor: »›Ruthie‹ entstand ursprünglich für den von Fabienne Siegmund herausgegebenen Sammelband Das Tarot. Dafür hatte Fabienne jedem beteiligten Autor eine zufällige Karte der großen Arkana zugelost – und so fand ich ausgerechnet an einem Freitag dem 13. völlig unverhofft den ›Tod‹ in meinem Briefkasten.

Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, beschloss ich (getreu der Bedeutung der Karte) eine Geschichte über Wiedergeburt und Neuanfang daraus zu machen: eine kranke Welt der nahen Zukunft, ein kranker Mann auf der Suche nach dem Verlorenen, eine schlafende Frau, ein defektes Schiff, das auf seinen Abflug wartet ... alles in ›Ruthie‹ sehnt sich danach, von vorn zu beginnen, doch wenn dieser Wunsch überhaupt jemandem erfüllt wird, dann nicht so wie erwartet.«

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