Kurzgeschichte Im Himmel der Aasgötter von Laird Barron
FICTION

Im Himmel der Aasgötter (Laird Barron)


Laird Barron
10.10.2016
HORROR |

Weil Lorna es bei ihrem brutalen Ehemann Bruce nicht mehr aushält, bringt sie ihre Tochter bei Verwandten in Sicherheit und flieht mit ihrer Geliebten Miranda in eine abgelegene Bergregion. Auf einem Hochsitz in der Nähe findet Miranda ein nicht näher bestimmbares Raubtierfell – und plötzlich scheint ein dunkler Schatten auf dem Leben der beiden Frauen zu ruhen ...

Laird Barron veröffentlicht seit anderthalb Jahrzehnten unheimliche Geschichten und gilt als einer der besten Horror-Autoren unserer Zeit. Er wurde bereits mehrfach mit dem ›Shirley Jackson Award‹ und dem ›Bram Stoker Award‹ ausgezeichnet.

Die Blätter wurden bunt.

Lorna tankte das Auto an einer kleinen, familienbetriebenen Tankstelle im Städtchen Poger Rock auf, Einwohnerzahl: 190. Poger Rock war eine von der Welt vergessene, dahinsiechende Ansammlung von Häusern, die einen Steinwurf von Olympia entfernt in einem bewaldeten Tal kauerten. Vom Vordach der Tankstelle blätterte die Farbe ab, so dass die Aufschrift nicht mehr zu entziffern war. Auf einem Kiesplatz einen halben Block weiter, auf der anderen Seite der zweispurigen Straße und gegenüber von der Post und einer Farm, befand sich eine Kneipe namens Mooney’s. Neben einer Mülltonne waren zwei Promenadenmischungen im Koitus miteinander verkeilt und starrten dabei geduldig in entgegengesetzte Richtungen – Dr. Dolittles »Stoßmich-Ziehdich« für das 21. Jahrhundert. Mit Ausnahme von leeren Parkplätzen, die von Sträuchern und Erlen überwuchert waren, und einer einsamen veralteten Ampel an der Kreuzung, die aus dem Ort führte und von der aus man entweder Richtung Olympia oder tiefer ins Hinterland fahren konnte, gab es nicht viel mehr zu sehen. Lorna humpelte zum Zahlen rein und nahm noch ein paar Vorräte mit – Dosenpfirsiche und Früchtecocktails, da es auf der Hütte keinen Kühlschrank gab. Außerdem griff sie sich die drei Flaschen Bourbon, die ganz unten auf einem Regalbrett Staub fingen.

Dem Mann an der Kasse fielen ihre zusammenklappbare Krücke und der Stützverband um ihr linkes Bein auf. Sein Angebot, ihre Taschen zu tragen, lehnte sie ab. Nachdem sie die Sachen in ihren Subaru geladen hatte, unternahm sie einen Abstecher in die Kneipe und bestellte sich zwei Tequilas. Drinnen war es düster und verraucht, und die antiken Steinschlossgewehre über der Bar und die ausgestopften Tierköpfe, die von den Wänden herab­starrten, vermittelten eine dezente Wildwest-Atmosphäre. Ein großer schwarzer Wolf bleckte auf einem Podest am Eingang die Zähne. Der Barkeeper sah zu, wie sie ihre Shots pur runterkippte. Er spendierte ihr einen weiteren und sagte: »Sie wohnen in der Haugstad-Hütte, was?«

Sie zögerte, das Glas halb erhoben, stellte dann den Drink auf die Theke und humpelte davon, ohne eine Antwort zu geben. Auf der langen Fahrt die trügerische Straße hoch zur Hütte kaute sie auf der Frage des Mannes herum, auf seinem vieldeutigen, makaberen Grinsen. Sie kapierte schon, worauf er hinausgewollt hatte. Angesichts von Horrorfilmen und Schundromanen hatten solche Gesprächsvorstöße etwas Anrüchiges: Das Leben ahmte die Kunst nach. Klar wohnte sie in der Haugstad-Hütte. Trotzdem würde sie den Köder nicht schlucken. Sie kannte die Leute im Ort nicht, und sie fragte sich, woher der Barkeeper wusste, wo sie wohnte. Offenbar hatten die Hügel Augen.

Vor zwei Wochen war Lorna mit Miranda, ihrer Geliebten, in die Wildnis geflohen, zu einer alten Jagdhütte. Miranda war der Grund dafür ­gewesen, dass sie den Mut gefunden hatte, ihren Ehemann Bruce zu verlassen, und sie war der Grund dafür gewesen, dass er Lorna bei den Haaren gepackt und sie im Parkhaus des Flughafens von Seattle/Tacoma eine Betontreppe runtergeschmissen hatte. Das war das zweite Mal, dass Lorna versucht hatte, ihm zusammen mit ihrer Tochter Orillia zu entkommen. Die süße Orillia, die nächsten Monat elf werden würde, war bei Verwandten in Florida in Sicherheit. Lorna vermisste ihre Tochter, aber sie schlief besser in dem Wissen, dass sie für Bruce außer Reichweite war. Er interessierte sich nicht dafür, dem Kind nachzustellen; zumindest stand das nicht weit oben auf seiner Prioritätenliste.

Bruce war ein jähzorniger Mann, und Lorna fürchtete sich vor ihm, wie man sich vor einem Hurrikan, einem Vulkanausbruch oder einer Flutwelle fürchtete. Seine Wutanfälle ließen ihn völlig die Beherrschung verlieren. Bruce war eine Naturgewalt, ganz ohne Frage, und er war zu weit Schlimmerem fähig, als ihr das Bein zu brechen. Er besaß eine Pistole und eine Messersammlung und hatte vor vielen Jahren im Knast gesessen, weil er bei einem Streit um Spielschulden auf jemanden eingestochen hatte. Oft betrank er sich, saß in seinem Sessel und reinigte seine Pistole oder schärfte ein großes, gemein aussehendes Messer, das er als »Arkansas-Zahnstocher« bezeichnete.

So waren sie also hier gelandet: Lorna und Miranda zusammen in den Bergen, während Lornas entfremdeter Ehemann, auf Kaution frei, in ­Seattle seinen Prozess erwartete. Geld war kein Problem – Bruce verdiente als Manager bei einer Bauholzfirma eine ganze Menge, und Lorna hatte ordentlich zugegriffen, bevor sie die Beine in die Hand genommen hatte.

Beide Frauen waren Einzelgängerinnen aus Notwendigkeit oder mög­licherweise auch aus Überzeugung, die einander auf einer Cocktailparty von einem von Bruce’ Kollegen kennengelernt hatten und bei denen es sofort Klick gemacht hatte. Lorna hatte seit ihrem kurzen Zwischenspiel an der Kinokasse zu Collegezeiten nicht mehr gearbeitet – Bruce hatte darauf bestanden, dass sie zu Hause blieb und sich um Orillia kümmerte, und als Orillia älter wurde, sparte er sich die Vorwände und versetzte Lorna einen Faustschlag ins Gesicht, sobald sie ernsthafter davon zu reden begann, sich einen Job zu suchen. Sie hatte immer davon geträumt, auf die Hochschule zu gehen und einen Abschluss als Sozialarbeiterin zu machen.

Miranda war Künstlerin und mehr oder weniger im Ruhestand; in gewissen Kreisen erfreute sie sich einiger Bekanntschaft, und ihre Wachsskulpturen waren sehr gefragt. Bestens gelaunt richtete sie sich ein Mini-Atelier im freien Schlafzimmer ein, nur um nicht aus der Übung zu kommen. Ihre jüngste Leidenschaft war das Fotografieren, und sie hatte mehrere komplizierte und teure Kameras mitgenommen. Außerdem war sie die Witwe eines Bildhauers, der früher einmal berühmt gewesen war. Mit ihrer Arbeit und den Tantiemen ihres Mannes war sie zwar nicht gerade reich, aber auch nicht arm. So ein paar Monate »draußen in der Wildnis« würden sie schon überstehen. Miranda schlug vor, das Ganze als Urlaub zu betrachten, zur vorgezogenen Feier von »Brucifers« (ihr Kosename für Lornas zukünftigen Ex) Aufenthalt im Gefängnis von King County.

Sie war durch ein verschlungenes Netzwerk von Verbindungen an die Hütte gekommen. Mirandas Kusine zweiten (oder dritten?) Grades gab ihnen einen Schlüsselbund und eine Karte, anhand derer sie das Grundstück finden konnten. Es lag in den Bergen, zwanzig Kilometer abseits jeder Zivilisation, zwischen hohen Bäumen und inmitten eines Gewirrs ungenutzter Holzwege. Die Zufahrt war in einen Steilhang geschnitten, ein hundert Meter langer, unbefestigter Weg, verborgen hinter Massen von Gestrüpp und Bäumen. Das ideale Versteck.

Hier, auf diesem Aussichtsposten, von dem aus sie das Nirgendwo im Auge behalten konnten, würde Bruce sie niemals finden.

Lorna kam ein paar Minuten vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zurück. Miranda trat auf die Veranda heraus und winkte ihr zu. Sie war groß, hatte langes, goldbraunes Haar, und ihre Haut war dunkel und makellos. Lorna fand sie wunderschön; üppig und reif, wie eine Frau aus einem Rubens-Gemälde. Sie stand in scharfem Kontrast zu Lornas Blässe und ihrem kantigen, sehnigen Körperbau. Lorna fand es lustig, dass sich ihre Physiognomien in ihren Persönlichkeiten widerspiegelten – Miranda neigte zu Gelassenheit, zu Nachgiebigkeit und zu süßer Melancholie, während Lorna nur aus Ecken und Kanten bestand.

Miranda half ihr dabei, die Einkäufe reinzutragen – sie hatte ange­boten, selbst zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, aber Lorna hatte das abgelehnt. Der Grund dafür blieb unausgesprochen, stand jedoch wie ein Elefant im Raum. Nicht nur ihr Bein musste heilen. Bruce hatte die Einkäufe gemacht, die Rechnungen bezahlt und dreizehn quälende Jahre lang alle Entscheidungen getroffen. Es war nicht alles auf einen Schlag so gekommen, sondern nach und nach, bis er sie mit seiner sogenannten Liebe erdrückt, erstickt hatte. Das war nun vorbei. Ein wenig Schmerz und Leid im Dienste der Emanzipation – sowohl im übertragenen als auch im buchstäblichen Sinne – erschienen ihr nach einem verlorenen Jahrzehnt völlig angemessen.

Die Haugstad-Hütte war fast schon ein Fossil und besaß eine dunkle Vergangenheit, über die Miranda zwar Andeutungen gemacht hatte, aber nicht mehr verraten wollte. Dafür, dass man sie in den zwanziger Jahren gebaut hatte, war sie gut in Schuss und sogar recht gemütlich; sie hatte dicke Steinwände und ein moosbewachsenes Schindeldach. Zwei Schlafzimmer, eine Speisekammer, einen Speicher, ein enges Bad mit Toilette und ein Wohnzimmer mit einer kleinen Küchenecke. Die Falltür zum Keller war in der Speisekammer versteckt. Lorna hatte nicht vor, dort hinunterzusteigen. Sie verabscheute Spinnen und all die anderen Krabbeltiere, von denen es an so einem feuchten, lichtlosen Ort bestimmt wimmelte. Auch der zerfledderte Bärenfellteppich vor dem Kamin gefiel ihr nicht, und ebenso wenig das Ölgemälde von einem Jäger in Hirschlederhosen, der unter einem Zwielichthimmel über einen Grat pirschte, oder das kleinere Bild eines Hirsches mit spitzem Geweih, der ebenfalls bei Sonnenuntergang als bedrohlicher Schattenriss an einem Steilhang stand. Allein schon die Vorstellung des Jagens war Lorna zuwider. Sie machte sich lieber keine Gedanken darüber, wo das Hühnchen in der Hühnersuppe herkam, und erst recht nicht darüber, was mit Kühen gemacht wurde. Diese Artefakte einer Geisteshaltung und Philosophie, die so stark von der ihren ab­­wichen, waren verstörend. Ein paar Sachen waren modernisiert worden – ein tragbarer Stromgenerator lieferte Elektrizität für Abwassersystem und Licht. Ein Telefon gab es allerdings keines. Nicht, dass das wichtig gewesen wäre, denn trotz der wilden Umgebung hatten sie hier ganz vernünftigen Handyempfang. Wegen ihrer erhöhten Lage am Osthang bekam auch das Transistorradio ein brauchbares Signal herein.

Miranda hob eine Braue, als sie auf die Old Crow-Flaschen stieß. Sie stellte sie kommentarlos in einen Schrank. Gemeinsam kochten sie sich eine einfache Pasta, mit Pfirsichen als Beilage und zwei, drei Gläsern Wein zum Nachtisch. Später entspannten sie sich am Feuer. Ihr Gespräch ging in ein behagliches Schweigen über, bis Lorna kicherte, als sie sich an die unheilschwangere Frage des Barkeepers erinnerte, die ihr jetzt, während sie angetrunken in den Armen ihrer Liebsten döste, eher albern denn bedrohlich vorkam. Miranda fragte, was so lustig sei, und Lorna erzählte ihr von dem Zwischenfall in der Kneipe.

»Menschenskind, ich habe heute was Seltsames entdeckt«, sagte Miranda. Sie hatte sich versteift, als Lorna von ihren Tequila-Shots erzählt hatte. Lornas Trinkgewohnheiten waren ein Streitpunkt. Sie hatte mit dem Saufen angefangen, als Orillia in die erste Klasse gekommen war und sie den Großteil zu vieler einsamer Tage allein zu Hause gewesen war. Anfangs war es nicht weiter besorgniserregend gewesen: Hier und da mal ein Schlückchen vom Küchensherry, dann und wann ein Gläschen Wein zwischen den Soap Operas, später gelegentlich eine Flasche Wein und dann auch mal eine Flasche Maker’s Mark oder Johnny Walker, und schließlich hatte sie die Flasche fünf Minuten, nachdem Orillia zum Bus losgelaufen war, geöffnet in der Hand, und der Korken kam erst fünf Minuten, bevor ihre Kleine nach Hause zurückkehrte, wieder rein. Seit sie die Sache mit Miranda am Laufen hatte, versuchte sie, nur noch in Gesellschaft zu trinken, zum Abendessen und so. Aber verdammt nochmal, immerhin war sie nicht eingeknickt und hatte wieder angefangen zu rauchen.

»Wo warst du denn?«, fragte Lorna.

»Ich bin den Weg hinter dem Holzschuppen entlanggegangen. Ich wollte ein paar Fotos machen. Hier oben festzusitzen macht mich ein kleines bisschen kirre.«

»Und, was war nun so seltsam?«

»Vielleicht ist seltsam nicht ganz das richtige Wort. Eklig. Eigentlich war es eher eklig.«

»Jetzt sag schon.«

»Dieser Weg ist ganz schön lang. Ich glaube, Rehe benutzen ihn als Wildwechsel, weil er nämlich schmal ist, aber gut ausgetreten. Wir sollten die Tage mal sehen, wie weit er geht. Ich wüsste zu gern, wo er aufhört.«

»Wege hören nicht auf. Sie verlaufen sich einfach. Wir würden uns verirren und den Winter über die Rinde von den Bäumen nagen, wie George Donner mit seinen Siedlern.«

»Du bist echt morbide!« Miranda lachte und küsste Lorna aufs Ohr. Sie erzählte, wie sie nach etwa einem halben Kilometer eine kleine Lichtung überquert hatte. Am gegenüberliegenden Ende stand eine Gruppe Douglasfichten, und sie bemerkte das Baumhaus erst, nachdem sie innegehalten hatte, um ein paar Bilder zu machen. Wahrscheinlich war es genauso alt wie die Hütte; die Bretter, die zwischen Moos und Ästen hervorragten, waren knochengelb. Die Plattform befand sich etwa fünf Meter über dem Boden, und an die Rückseite des Baums war eine Leiter genagelt.

»Du bist doch nicht etwa auf den Baum geklettert«, sagte Lorna.

Miranda ließ die zerkratzten Knöchel knacken. »Na klar bin ich auf den Baum geklettert.« Die Leiter war ziemlich wacklig, und die Plattform selbst so verrottet, dass Teile von ihr abgefallen waren. Anscheinend hatte sie aus nichts als purer Langeweile Leib und Leben riskiert, um auf die Plattform zu krabbeln und sich die Sache näher anzuschauen.

»Das ist überhaupt kein Baumhaus«, sagte Lorna. »Was du da entdeckt hast, ist ein Jägersitz. Auf solchen Plattformen verstecken sich die Jäger in den Ästen. Irgendwann kommt irgendein armes, unglückseliges Tierchen vorbei, und bamm! Dummerweise habe ich eine ganze Menge aus Bruce’ Lieblingsfernsehsendungen gelernt. Was zum Geier hat dich dazu getrieben, mitten im Wald auf einer Todesfalle herumzukraxeln? Das hätte übel ausgehen können.«

»Der Gedanke ist mir auch gekommen. An einer Stelle bin ich mit dem Fuß durchgebrochen und hätte mir fast in die Hosen gemacht. Wenn ich steckengeblieben wäre, hätte ich den ganzen Tag schreien können, ohne dass mich jemand gehört hätte. Das Risiko war es allerdings wert.«

»Tja, was hast du denn nun gefunden? Eingemachtes Mondlicht? Das Skelett von D. B. Cooper?«

»Zeit für die große Enthüllung!« Miranda wand sich aus Lornas Armen und ging die Tür aufmachen. Kalte Nachtluft wehte herein. Sie kehrte mit etwas zurück, das wie ein schmutziges Lumpenbündel aussah, und rollte es aus.

Lorna erkannte das, was ihre Freundin ihr zeigte, als ein Tierfell. Jemand hatte einen unförmigen Umhang oder Mantel daraus genäht, dem Alter und Wetter übel mitgespielt hatten und der am Saum eingelaufen war. Der Kopf gehörte zu irgendeinem nicht näher bestimmbaren Raubtier – vielleicht zu einem Wolf oder Kojoten. Um was für ein Tier es sich auch handeln mochte, es war jedenfalls ein Prachtexemplar gewesen. Trotz seines jämmerlichen Zustands konnte sie sich den Umhang gut über den Schultern eines tobenden Wikingers oder eines Indianerkriegers vorstellen. Sie sagte: »Dir ist klar, dass du zusammen mit diesem scheußlichen Ding gerade mehrere Kolonien von Flöhen, Zecken und Läusen in unser Zuhause geholt hast?«

»Ich bin dir um Längen voraus, Baby. Ich habe es mit Desinfektionsmittel eingesprüht. Das Ding hat nur so von Läusen gewimmelt. Ist das nicht hübsch?«

»Es ist grauenvoll«, erwiderte Lorna. Und trotzdem konnte sie den Blick nicht abwenden, als Lorna es am ausgestreckten Arm hochhielt, so dass das Fell im Feuerschein glänzte. Was war das? Wer hatte das getragen, und warum? War es einfach nur ein Kleidungsstück, das einen warm halten sollte, oder diente es auch dazu, mit der Umgebung zu verschmelzen? Das Gemälde mit dem Jäger darauf lag im Halbdunkel, aber sie dachte an den Mann, der in Hirschlederhosen herumschlich und nach etwas suchte, dass er töten, nach einer Kehle, die er aufschlitzen konnte. Sie fasste sich an den Hals.

»Das hing an einem Haken. Eigentlich wundert es mich, dass es nicht völlig hinüber war, da draußen in Wind und Wetter. Schräg, was? Ein Kleidungsstück aus den Zeiten Daniel Boones.«

»Da läuft es einem kalt den Rücken runter.«

»Wieso? Ist doch nur ein Pelz.«

»Ich steh nicht auf Pelz. Pelz ist total out.«

»Lustig. Ich frage mich, ob das Ding was wert ist.«

»Das bezweifle ich. Wen interessiert’s? Gehört ohnehin nicht uns.«

»Jetzt schon«, sagte Miranda. Sie hielt sich den Mantel an den Busen, als nähme sie mit einem Kleid maß. »Groar! Ich bin eine wilde Frau. Pass heute Nacht lieber auf!« Sie hatte genug Wein intus, um in Stimmung für eine kleine Schauspieleinlage zu sein. »In skandinavischen Legenden heißt es, dass man, wenn man die Haut eines Tiers trägt, selbst zu dem Tier wird. Haugstad ist im Jahre 1910 als Ausgestoßener nach Amerika geflüchtet. In seinem Heimatland hatte es eine Reihe ungeklärter Morde gegeben und andere unschöne Taten, und alle Spuren führten zu seiner Haustür. Die Leute in seinem Dorf schworen Stein und Bein, dass er einen Haufen Tierhäute in seinem Lagerhaus aufbewahrte, die er manchmal anzog, um sich in etwas Nichtmenschliches zu verwandeln. Sie behaupteten, dass er es war, der das Vieh einer Familie in Stücke gerissen hatte, dass er es war, der zwei Jungen abgeschlachtet hatte, die in den Feldern auf Kaninchenjagd gewesen waren, dass er es war, der in mageren Zeiten Gräber entweihte und das Fleisch der Toten aß. Also nahm er, einen mistgabelschwingenden Mob hinter sich, die Beine in die Hand. Er baute sich diese Hütte und lebte als Einsiedler. Allerdings ließ seine dunkle Vergangenheit ihn nicht in Ruhe. Einige der Bewohner von Poger Rock hörten von den alten Skandalen. Einer der örtlichen Trunkenbolde behauptete, gesehen zu haben, wie der Trapper sich in einen Wolf verwandelte, und niemand lachte so laut, wie man es hätte erwarten sollen. Wann immer eine Kuh verschwand oder die Milch sauer wurde oder irgendetwas passierte, gab man Haugstad die Schuld. Und dann verschwanden im Laufe von etwa zehn Jahren mehrere Holzfäller und Farmer. Die Eingeborenen wurden unruhig, und irgendwann gab es wieder die gleichen Szenen wie in Norwegen.«

»Was ist aus ihm geworden?«

»Eines Winters ist er in die Berge gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Entfernte Verwandte haben die Hütte hier übernommen und die letzten dreißig, vierzig Jahre gelegentlich hier gewohnt. Aber die Leute erinnern sich immer noch an die alten Geschichten.« Miranda zog eine Grimasse und wedelte mit den Fingern. »Buuh!«

Lorna lächelte, aber der Pelz stieß sie ab, und Mirandas gerötete Wangen und ihr leicht irres Grinsen beunruhigten sie. Anders als an manch anderen Abenden fand sie die Spielchen ihrer Liebsten heute nicht besonders witzig. Sie sagte: »Wirf doch bitte dieses scheußliche Fell raus, ja? Lass uns ins Bett gehen. Ich bin kaputt.«

»Kaputt, was? Dann habe ich ja jetzt Gelegenheit, das auszunutzen.« Blinzelnd strich Miranda mit der Hand über den Pelz. Anstatt zur Tür nach draußen zu gehen, schritt sie mit ihrer Trophäe ins unbenutzte Schlafzimmer und legte sie dort ab. Dann kam sie zurück und nahm Lorna in die Arme. Ihre Augen glänzten zu hell. Ihr Atem roch deutlich nach Wein. »Ich habe dir doch gesagt, dass es hier cool wird. Weiß der Himmel, was wir noch alles finden, wenn wir genau hinsehen.«

Sie liebten sich leidenschaftlich. Miranda war sehr viel aggressiver als sonst. Der Schmerz in Lornas Knie wurde von einem kleinen Flämmchen zu weißglühender Pein, und ihren Orgasmus spürte sie nur als Verkrampfung der Schenkel und Moment der Kurzatmigkeit. Jedes Vergnügen daran wurde von den Schmerzen überschattet. Miranda fielen die Tränen auf Lornas Wangen, ihr hektisches Stöhnen nicht auf. Als sie fertig waren, küsste sie Lorna auf den Mund. Sie schmeckte nach Moschus und Salz, mit einer unbestimmbaren bitteren Note. Danach klappte sie auf dem Bett zusammen und schlief innerhalb von Sekunden ein.

Lorna lag an ein Kissen gelehnt da, die Finger in Mirandas Haar geschlungen. Der blassgelbe Schein des dreiviertelvollen Mondes spähte über den Bergkamm auf der anderen Seite des Tals und fiel durch das Fenster auf den Fuß des Bettes. Das Glas beschlug von ihrem Atem, offenbar war es draußen kalt. Sie zuckte zusammen, als ein Wolf heulte, ein Ruf, der eine urtümliche Angst in ihrer Brust aufflackern ließ. Sie wartete, bis Miranda ruhiger atmete, und schlich sich dann aus dem Bett. Lorna zog sich Mirandas Bademantel an, nahm sich eine Flasche Old Crow und ein Glas, schenkte sich ein und trank am großen Fenster im Wohnzimmer.

Dann und wann zogen dünne Wolken rasch vor dem Gesicht des Mondes vorbei, so dass sein Licht zu flackern schien und Schatten wie Klauen­finger über die silbrige Landschaft aus felsigen Anhöhen und Schluchten, Fichten- und Kiefernwäldchen strichen. Die Sterne loderten einen Fingerbreit über den benachbarten Gipfeln. Weiter unten lag das Land in tiefe Schatten getaucht, ein finsterer Spalt, der nicht von einem einzigen menschengemachten Licht erhellt wurde. Sie und Miranda waren hier nicht willkommen, und das Gleiche galt für die Hütte und ihre ehemaligen Bewohner, obwohl sie sich beharrlich gezeigt hatten wie Zecken auf der Flanke eines Hundes. Das Ausmaß der Leere hier machten ihr Angst, und einen Moment lang vermisste sie Bruce und die vergleichsweise sichere Umgebung ihres Vorstadtzuhauses, den goldenen Käfig, sogar ihre Fesseln. Sie blinzelte, verärgert über ihren Rückfall in diese miese alte Denkweise, und trank ihren Whiskey. »Ich bin kein geprügelter Hund, verdammt noch mal.« Sie schenkte sich gar nicht erst nach, sondern nahm den nächsten Zug direkt aus der Flasche.

Der Wolf heulte erneut, und ein anderer Wolf antwortete ihm. Es klang, als wären die Tiere ganz in der Nähe, und sie fragte sich, ob sie um die Hütte herumstrichen, ob sie Lorna und Miranda rochen oder ob sie vielleicht nachts gut genug sehen konnten, um sie durch das Fenster zu erkennen – angetrunken, eine Flasche in der herabhängenden Hand, das linke Bein entlastend, schwach und von der Herde abgeschnitten. Sie dachte über das abschreckende Beispiel von Sven Haugstad nach und trank noch einen Schluck. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie wartete auf das nächste Heulen, fest entschlossen, es diesmal selbst zu beantworten.

Mirandas Arme schlangen sich um sie. Sie legte die Hände auf Lornas Brüste und leckte ihr am Ohrläppchen, knabberte an ihrem Hals. Lorna schrie auf und packte Miranda am Handgelenk. Dann begriff sie, mit wem sie es zu tun hatte, und entspannte sich. »Scheiße noch mal, ich habe fast einen Herzinfarkt gekriegt!« Der Boden quietschte entsetzlich – sie hatten sogar schon Flohwalzer gespielt, indem sie rhythmisch mit den Schuhen auf verschiedene Dielen gedrückt hatten –, aber sie hatte nicht gehört, wie ihre Geliebte das Zimmer durchquert hatte. Nicht einen Laut.

Metall klickte, eine orangefarbene Flamme spiegelte sich in der Fenster­scheibe, und süßer, beißender Rauch stieg Lorna in die Nase. Miranda hielt Lorna behutsam eine Zigarette an die Lippen und sagte: »Das habe ich schon die ganze Zeit gebraucht, ich war einfach nur zu faul, um unter der Decke hervorzukommen. Besser spät als nie.«

»Himmel, du kannst Gedanken lesen.« Lorna nahm einen Zug und atmete zufrieden aus. Die Mischung aus Nikotin und Alkohol entfaltete ihre magische Wirkung. Ihre Angst vor dem Nachtland und seinen Geschöpfen fiel von ihr ab. »Dann kann ich dir wohl verzeihen, dass du dich an mich rangeschlichen hast, schließlich hast du mir dafür eine Friedenspfeife angeboten. Ahhh, ich bin schwach geworden. Du bist böse. Hast du die Wölfe gehört?«

»Das sind keine Wölfe«, sagte Miranda. Sie nahm sich ihre Zigarette wieder und atmete tief ein. Der Glutpunkt schwebte im Fenster, zusammen mit ihrem Gesicht, ein verwaschener Fleck über Lornas Schulter. »Das sind Kojoten.«

»Echt jetzt?«

»Bist du deshalb so schreckhaft? Dachtest du, dass die Wölfe dich holen kommen?«

»Ich bin nicht schreckhaft. Tja, na gut – es ist beinahe Vollmond, Wölfe heulen im Moor, äh, im Wald. Du musst schon zugeben, dass das ein bisschen gruselig ist.«

»Keine Wölfe. Kojoten. Komm ins Bett … es ist kalt.«

»Klar. Kojoten«, sagte Lorna. »Wie peinlich. Das ist ja, als macht man sich wegen Dingos oder Waschbären in die Hose.«

Eingekuschelt in einen Haufen Decken, dämmerte Lorna schon wieder ein, als Miranda verträumt sagte: »Genau genommen sind Kojoten sehr viel gruseliger als Wölfe. Echt hinterlistige kleine Mistviecher. Fressen einen mit Haut und Haaren. Lecken das ganze Blut auf.«

»Wie?«, brummte Lorna. Miranda antwortete nicht. Sie schnarchte.

Eines Morgens klopfte eine Frau, die Vivan Leigh in der Blüte ihres Ruhms ähnlich sah, an die Tür. Sie trug eine grüne Jacke, ein grün-gelbes Halstuch und eine gelbe Sonnenbrille. Ihre Handtasche bestand aus glänzendem roten Plastik an einem roten Plastikgurt. Ihre Handschuhe waren weiß. Ihr Rock war schwarz, und ihre Schuhe waren ebenfalls schwarz. Sie lächelte, als Lorna die Tür aufmachte, und ihr Lippenstift war so blutrot wie das Laub. »Ach, es tut mir sehr leid, Sie zu stören, Ma’am. Anscheinend habe ich mich ein bisschen verirrt.« Die Frau stellte sich als Beth vor. Sie war mit dem Auto unterwegs und auf der Suche nach dem Muskrat-Creek-­Campingplatz. »Ich wäre fast von der Straße gekippt«, erklärte sie und lachte ein waschechtes Bühnenlachen. »Wo wir gerade beim Thema ­Kippen sind, macht es Ihnen etwas aus, wenn ich …?« Sie holte eine Emaille­dose hervor, zog eine Zigarette heraus, steckte sie in einen silbernen Halter und zündete sie sich mit einem Streichholz an. Es war ein faszinierender Anblick.

Lorna war beinahe in Panik geraten, als sie das Klopfen gehört hatte. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass Bruce sie aufgespürt hatte. Nun erholte sie sich allmählich von ihrem Schreck, bat die Frau herein und schenkte ihr eine Tasse Kaffee ein. Miranda war auf ihrem Morgenspaziergang, so dass Lorna die Aufgabe, die Fremde zu bewirten und dabei unangenehmen Fragen auszuweichen, allein zufiel. Sie holte die Straßenkarte aus ihrem Subaru und breitete sie auf dem Tisch aus. Mit einem Bleistift markierte sie den Campingplatz, der gut dreißig Kilometer von der Hütte entfernt lag. Beth war ganz schön vom Kurs abgekommen.

»Gott sei Dank bin ich Ihnen begegnet. Diese Straßen gehen ja ewig weiter.« Beth trank einen Schluck Kaffee und paffte ihre sonderbare Zigarette. Sie steckte ihre Sonnenbrille in die Handtasche und sah sich in der Hütte um. Ihr Blick wanderte langsam umher und maß alles, worauf er fiel. »Sie sind hier ja wirklich weit ab vom Schuss.«

»Wir sind gerne für uns«, sagte Lorna. »Wo ist Ihr Auto?«

Beth deutete Richtung Straße. »Es steht um die Ecke. Ich wusste nicht, ob ich hier wenden kann, deshalb bin ich lieber zu Fuß gegangen. Dabei hab ich Dummerchen mir einen Absatz abgebrochen.« Sie hob den Unterschenkel, um vorzuführen, dass der Absatz ihres rechten Stöckelschuhs tatsächlich wackelte.

»Sind Sie allein unterwegs?«

»Ja. Ich wollte mich eigentlich auf dem Campingplatz mit Freunden treffen, aber ich erreiche niemanden. Keine Balken. Ich bin ziemlich verstimmt über diese Leute und die Wegbeschreibung, die sie mir gegeben haben.«

Lorna blinzelte und brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die Frau meinte, dass ihr Handy keinen vernünftigen Empfang hatte. »Meins funktioniert wunderbar. Sie können gerne damit anrufen …«

»Danke, nicht nötig, Liebes.« Beth hatte sich die Wegbeschreibung in ein Notizbuch gekritzelt. »Jetzt, wo ich wieder auf der richtigen Spur bin, wird das ein Kinderspiel.« Sie trank ihren Kaffee aus, bedankte und verabschiedete sich und winkte ihr unbeschwert zu, während sie die zerfurchte Straße hinabstieg.

Lorna warf den Generator an, um warmes Wasser für eine kurze Dusche zu haben. Nach der Dusche machte sie sich Toast und neuen Kaffee, setzte sich an den Tisch und entspannte sich bei einer von mehreren netten kleinen Taschenbuchschmonzetten, die sie in weiser Voraussicht mitgebracht hatte. Durch das Fenster erhaschte sie einen Blick auf eine Bewegung zwischen den Bäumen, eine geduckte, massige Gestalt, in der sie einen großen Hund erkannte – nein, das war kein Hund, sondern ein Wolf. Das Tier war fast ganz und gar mit dem fauligen Laub und dem nassen Gestrüpp verschmolzen, hatte die Nase dicht am Boden und bewegte sich ruckartig, als hinkte es. Dann erhob es sich auf die Hinterbeine, und Lorna schnappte nach Luft. Miranda zog die Kapuze des Pelzumhangs zurück und lehnte sich gegen einen Baum. Ihr Gesichtsausdruck war seltsam; als wäre sie nicht ganz sie selbst. Sie schauderte wie jemand, der aus einer Trance erwachte, ging zur Biegung in der Auffahrt und steckte dort in jeweils einem Meter Abstand drei Pappteller in die Bank. Auf jeden war mit Filzstift eine Zielscheibe gemalt.

Miranda kam rein. Den Pelz hatte sie abgelegt. Ihr Haar war zerzaust und voller Zweige und Blätter. »Wer war hier?« Ihre Stimme klang heiser, als hätte sie geschrien.

»Irgendeine Frau, die auf der Suche nach einem Campingplatz war.« Lorna berichtete von dem kurzen Besuch, zu verstört, um zu erwähnen, was sie soeben beobachtet hatte. Das Herz hämmerte ihr in der Brust, und ein Schwindel suchte sie heim, so dass der Boden ihr wie ein Trampolin vorkam. Miranda sagte nichts. Sie öffnete ihren Seesack und holte einen Revolver daraus hervor. Untersuchte die Pistole, klappte den Zylinder auf und wieder zu. Lorna kannte sich nicht besonders gut mit Waffen aus, aber sie hatte Bruce oft genug zugeschaut, um zu wissen, dass diese geladen war. »Ich dachte, wir wollten darüber reden, bevor du eine kaufst«, sagte sie.

Miranda klapperte mit einer kleinen Schachtel Patronen und steckte sie sich in die Westentasche. »Ich habe sie nicht gekauft. Ein Freund hat sie mir gegeben, als ich ihm von Brucifer erzählt habe. Ein Exbulle. Das Ding hat keine Seriennummer.«

»Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Sie hatte sich nur verfahren. Das ist alles.«

»Klar, das ist alles.«

Lorna beobachtete, wie sie die Waffe in die andere Tasche steckte. »Was ist denn?«

»Du hast doch immer nur bar bezahlt? Nicht mit Kundenkarte, nicht mit Kreditkarte, stimmt’s?«

»Du meinst im Ort?«

»Ich meine immer. Wie abgemacht. Keine Kreditkarten.«

»Sag mir, was los ist! Sie hatte sich verfahren. So was kommt vor. Sogar ziemlich oft. Außerdem spielt es keine Rolle. Ich habe ihr meinen Namen nicht gesagt. Ich habe ihr überhaupt nichts erzählt. Sie hatte sich verfahren. Was hätte ich denn machen sollen? Nicht an die Tür gehen? Ihr die Waffe da vor die Nase halten und ihren Ausweis verlangen?«

»Der Campingplatz hat geschlossen«, sagte Miranda. »Ich war draußen, während sie ihre Nummer mit dir abgezogen hat. Sie ist in einem Lieferwagen gekommen. Am Steuer saß ein Typ mit Bart und Sonnenbrille. Ich konnte ihn nicht genauer sehen.«

Lorna hielt sich die Hände vors Gesicht. »Ich glaube, mir wird schlecht.«

Mirandas Stiefel klangen auf den Dielen, als sie zur Tür ging, laut und schwer. Einen Moment lang zögerte sie, ehe sie sagte: »Schon in Ordnung. Du hast das gut hingekriegt. Bruce hat wirklich zu viel Geld.«

Lorna nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. »Wir werden ja sehen, wie viel er noch hat, wenn mein Anwalt mit ihm fertig ist.«

Miranda lächelte. Es war ein schmales, gepeinigtes Lächeln, aber ein Lächeln. Sie machte die Tür hinter sich zu. Lorna rollte sich auf dem Bett zusammen. Der Revolver wurde abgefeuert, die Entladung von den dicken Mauern der Hütte gedämpft. Sie stellte sich die schwarzen Löcher im weißen Papier vor. Sie stellte sich schwarze Löcher vor, die sich in Bruce’ weißes Gesicht bohrten. Peng, peng, peng.

Miranda führte Lorna zu einem Wäldchen am Rande einer Lichtung und zeigte ihr den Jägersitz. Die blutrote Sonne sank erdwärts, und der fast ebenso rote Mond schwang sich wie ein Pendel empor, um sie am unteren Rand des schwarzen Himmels zu ersetzen. »Na das ist mal ein großer, böser, gelber Mond«, sagte Miranda.

»Wunderschön«, sagte Lorna. »Wie ein Eisberg, der durchs All schwebt.« Sie fand, dass der Vollmond mit seinem astralen Licht eine Art kosmischen Umschwung verhieß. Das Blut rauschte ihr durch die Adern, und die Haare auf ihren Armen stellten sich auf. Es war zu dunkel, um die Plattform zwischen den Ästen zu sehen, aber sie spürte, dass sie dort war, hörte das Knarren der Bretter in der Brise.

»Ich hatte in letzter Zeit seltsame Träume«, sagte Miranda. »Meistens sind sie verworren. Im letzten, an den ich mich erinnere, ging es um Leute, die früher hier gelebt haben, vor langer Zeit. Jedenfalls waren sie nicht besonders nett.«

»Das ist ja wohl offensichtlich«, sagte Lorna. »Sie hatten einen Hirschkopf über dem Kamin, und sie haben arme Waldtiere gehäutet und in die Bäume gehängt.«

»Ja«, sagte Miranda. Sie zündete sich eine Zigarette an. »Willst du eine?«

»Nein.«

Miranda hatte ihre Zigarette schon fast aufgeraucht, bevor sie wieder etwas sagte. »Im letzten Traum war es Winter, die Fensterscheiben waren von dickem Raureif überzogen. Ich habe auf dem Bärenpelzteppich gesessen. Es war spätnachts, ein großes Feuer hat im Kamin geknistert, und ein alter Mann, also wirklich steinalt, saß zurückgelehnt in einem Schaukelstuhl und redete mit mir, erzählte mir alles Mögliche. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, weil er im Halbdunkel saß. Er trug altertüm­liche Kleidung und eine Pelzjacke, und einen Hut, der aus einem Tierkopf gemacht war. Von einem Kojoten oder einem Wolf. Er hat mir erklärt, wie man Kaninchenfallen baut und wie man Rehe häutet. Der Traum hat sich verändert und einige Zeit übersprungen, wie das bei Träumen so ist, und im nächsten Moment haben wir auf dem Boden gekniet, vor dem Kadaver von … sonst was. Ich glaube, es war ein Opossum. Das Fleisch war grün und weich; es war schon eine ganze Weile tot. Der alte Mann hat zu mir gesagt, dass man, wenn man überleben will, das isst, was es gibt. Dann hat er sein Gesicht ins stinkende Fleisch gesteckt und zugebissen.«

»Das ist eine Botschaft«, sagte Lorna. »Das große Universalbewusstsein will dir, will uns sagen, dass wir uns anpassen müssen. Uns anpassen oder sterben.«

»Oder vielleicht war es einfach nur ein Traum, Punkt.«

»Glaubst du das?«

»Ich glaube, es ist Zeit, dass wir uns klarmachen, wie die Dinge so stehen. Uns dem Unvermeidlichen stellen.«

»Dem Unvermeidlichen?«

»Wir werden ihm nicht entwischen«, sagte Miranda.

»Na, das ist ja eine großartige Einstellung.«

»Ich habe den Lieferwagen noch einmal gesehen. Geparkt in der Kiesgrube unten an der Straße. Die beobachten uns, Lorna.«

»Ach Himmel!«

»Mach dir keine Gedanken um diese Mistkerle. Das regelt sich schon.«

»Das regelt sich? Wie meinst du das?« In Lornas Kopf blitzte das Bild des Revolvers auf. Die Vorstellung, dass Miranda kaltblütig jemanden erschießen könnte, war lächerlich. Aber hier in der Dunkelheit, außer Reichweite gesellschaftlicher Regeln und jeglicher Vernunft, hatten solche weit hergeholten Vorstellungen ein gewisses Gewicht. »Komm bloß nicht auf dumme Gedanken.«

»Ich meine nur, mach dich nicht krank vor Sorge wegen seiner Helfershelfer. Nein, das größere Problem ist dein Mann. Wie viel Zeit wird Bruce absitzen müssen? Ein paar Monate? Ein Jahr? Du hast von deinem Anwalt geredet. Bruce’ Anwalt ist clever. Vielleicht kommt er überhaupt nicht ins Gefängnis. Gemeinnützige Arbeit, ein strenger Verweis vom Richter, sich von nun an keine Fehltritte mehr zu erlauben.«

Lorna zuckte zusammen. Wenn sie angespannt war, begann ihr Bein zu pulsieren. Der Zigarettenrauch trieb sie fast in den Wahnsinn vor Verlangen. Sie verbiss sich eine spitze Erwiderung und sah stattdessen zum Mond. Angesichts seiner kalten, unerbittlichen Majestät verflüchtigte sich ihre hilflose Wut. Sie sagte: »Ich weiß, so ist es nun mal auf der Welt. Leute wie Bruce gewinnen immer.« Am Nachmittag hatte sie Orillia angerufen und sie gefragt, wie es an der neuen Schule lief. Orillia wollte nicht über die Schule reden; sie wollte wissen, wann sie Daddy wiedersehen durfte, und machte sich Sorgen, dass er einsam sein würde. Lorna hatte versucht, sich ihre Gefühle nicht anhören zu lassen, als sie erklärt hatte, dass Mom und Dad gerade ein paar Probleme klären müssten und schon bald alles wieder in Ordnung sein würde. Bruce achtete immer sorgfältig darauf, Lorna nicht vor ihrer Tochter zu schlagen, und obwohl Orillia die Blut­ergüsse und die Brüche und das Schluchzen ihrer Mutter wahrnahm, schien sie all das gedanklich nicht mit ihrem Vater in Verbindung zu bringen.

»Es gibt andere Wege zu gewinnen.« Miranda war ein schwarzer Schatten vor dem toten, silbrigen Gras. »Wie du schon gesagt hast – sich anpassen oder sterben. Der alte Mann hat es mir gezeigt. Am Anfang braucht man noch ein Hilfsmittel, aber es wird leichter, wenn einem erst mal klar ist, dass alles nur im eigenen Kopf stattfindet.«

Es war ein langer Weg zu Fuß zurück durch den Wald. Trockenes Laub knirschte unter ihren Schuhen. Sie schlossen sich in der Hütte ein und machten sich bettfertig.

Lornas Träume waren in letzter Zeit ebenfalls seltsam, doch das hatte sie für sich behalten. Über so etwas redete sie nicht offen, nicht einmal mit Miranda. Der Geist des alten Haugstad sprach nicht zu Lorna; stattdessen versetzten ihre Träume sie auf die kahlen Hänge oberhalb der Baumgrenze des Talkessels. Der Mond schwelte und warf Blasen. Sie steckte als blinder Passagier in einem fremden Körper, einem Körper, aus dessen Tiefen eine ungeheure Vitalität emporbrodelte. Das gelbe Mondlicht ließ das Blut schneller durch ihre Adern strömen, und sie rannte den Hang hinab zwischen die Bäume. Sie roch das Land, schmeckte es auf ihrer heraushängenden Zunge, sog die Witterung der frischen Wildfährten ein, und auch die des Kojotenmoschus, eines jeden Pisse­tröpfchens auf Steinen und im Gebüsch. Sie roch frisches Blut und fleischgeschwärzte Knochen. Viele, viele Knochen waren über die Bergflanke verteilt. Generationen waren hier aufgehäuft – Rippen, Oberschenkelknochen, Hörner, Schädel. Diese Friedhöfe waren geheime Orte, kilometerweit verteilt auf verborgene Lagerstätten in der Tiefe und auf den felsigen Gipfeln.

Lorna strich Miranda über den Bauch. In den vergangenen Tagen war ihr Übergewicht dahingeschmolzen. Von den Tagesausflügen und den verpassten Mahlzeiten war sie drahtig geworden, und auch ihr Geruch hatte sich verändert, war nun beinahe tierhaft. Ihr Haar war strähnig und rau. Sie bewegte sich unruhig und winselte im Schlaf. Wenn sie sich liebten, biss sie zu fest zu.

Miranda nahm Lornas Hand und sagte: »Was ist los?«

»Ich habe Angst, dass du mich verlassen wirst.«

»Wie zum Geier kommst du denn darauf?«

»Irgendetwas hat sich verändert. Du hast mir nicht ehrlich gesagt, wo du den Mantel gefunden hast. Den Pelz.«

Miranda lachte freudlos. »Weck keine schlafenden Hunde.«

»Ich bin nicht in der Stimmung für Albernheiten«, erwiderte Lorna.

»Meine Süße. Ich habe das weggelassen, was dir … vielleicht Angst gemacht hätte. Du bist schon so schreckhaft genug.«

»Und ich habe keine Lust auf Frage-und-Antwort-Spiele. Was hast du damit gemeint – dass der alte Mann es dir gezeigt hat?«

»Der alte Haugstad hat mir gezeigt, wo ich nachschauen musste, was ich machen musste.«

»In einem Traum.«

»Nicht in einem Traum. An dem Tag, an dem ich den Jägersitz entdeckt habe, ist ein Kojote aus dem Gebüsch gekommen und hat mich geführt. Er war so groß wie eine Dogge, an der Schnauze schneeweiß und von Narben übersät.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Lorna, obwohl sie Angst hatte, dass sie es durchaus verstand.

»Es gibt einen Grund für unser Hiersein. Spürst du die Macht, die uns umgibt? Nachdem ich Jack verloren hatte und endlich einsah, dass es ihn nicht mehr gibt, hatte ich mehr oder weniger beschlossen, mich umzubringen. Wenn ich auf dieser Party nicht dich kennengelernt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich ein paar Tage später tot gewesen. Ich hatte mir schon die Pillen ausgesucht, die Kleider, die ich anziehen wollte, und wusste genau, wo es passieren sollte. Die einzige Frage war, wann.«

Lorna fing an zu weinen.

»Ich verlasse dich nicht. Aber es kann gut sein, dass du mich nicht begleiten möchtest.« Miranda rollte sich zu ihrer Bettseite hinüber und sprach kein weiteres Wort mehr. Lorna dämmerte langsam ein. Später erwachte sie im Dunkeln. Mirandas Hälfte war ein kalter, leerer Fleck. Ihre Kleider lagen noch in einem Haufen auf dem Boden. Einer morbiden Eingebung folgend knipste Lorna die Taschenlampe an und sah in dem unbenutzten Schlafzimmer nach, wo Miranda den Pelzmantel inzwischen an einem Haken an der Tür aufbewahrte. Natürlich war er weg.

Sie raffte ihren Bademantel fest um sich und dachte einen Moment lang darüber nach, wie sehr sie den todgeweihten Heldinnen auf den Titel­bildern zahlreicher reißerischer Schauerromane glich. Schließlich trat sie in die eiskalte Nacht hinaus. Ihre Zähne klapperten, und ihre Furcht war nicht mehr von der Kälte zu unterscheiden. Sie ging um die Hütte herum und rief dann und wann den Namen ihrer Liebsten, wenn auch leise, weil sie Angst davor hatte, die Wölfe oder Kojoten oder irgendetwas anderes anzulocken, das hier nachts durch die Wälder streifte.

Schließlich näherte sie sich dem Holzschuppen und sah, dass die Tür einen Spaltbreit offen stand. Sie trat ein. Miranda kauerte auf dem Erdboden. Der Schein der Taschenlampe war schwach, und der flackernde Lichtkegel ließ nur Umrisse erahnen. Der Pelz umfing Miranda, verbarg sie und ließ sie als unförmigen Klumpen erscheinen. Sie winselte, zitterte, bemerkte das blasse Licht, und als sie sich regte, hatte Lorna das sichere Gefühl, dass der Pelz kein locker über ihren Schultern hängender Mantel, kein schlecht sitzendes Kleidungsstück war, sondern etwas ganz anderes, denn er bewegte sich mit jedem Zucken von Mirandas Muskeln.

Das Glas der Taschenlampe sprang und implodierte. Sofort lag der Schuppen, von einem dünnen Streifen Mondlicht abgesehen, der gelb in Mirandas Augen loderte, in völliger Finsternis. Lorna hatte einen trockenen Mund. »Liebes?«

Miranda sagte mit einer Stimme, die eingerostet und wie betäubt klang: »Geh doch einfach … ins Bett. Ich komme gleich. Ich komme ganz schnell nach, dann sehen wir uns.« Sie stand auf, eine bedächtige und doch geschmeidige, schlangenartige Bewegung, und ihr Kopf streifte die niedrige Decke.

Lorna verließ hastig den Schuppen und stolperte zurück zur Hütte. Sie sah nicht über die Schulter, obwohl sie meinte, im Nacken heißen Atem zu spüren.

Sie sprachen nicht über den Vorfall. Ein paar Tage lang sprachen sie fast gar nicht miteinander. Miranda kam und ging wie ein Geist, und Lorna hatte Angst davor zu fragen, wo sie mitten in der Nacht hinwollte und warum sie nichts außer dem Pelz trug. Abends sanken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, und doch schien Miranda nicht darunter zu leiden, sondern vielmehr aufzublühen. Sie hatte die ganze Woche nicht einen einzigen Bissen von ihren Dosenvorräten gegessen, hatte überhaupt keine Mahlzeiten zu sich genommen. Lorna lag wach und starrte an die Decke, während der Herbstregen ans Fenster prasselte.

Am fünften oder sechsten Nachmittag aß sie allein am Küchentisch und kippte das letzte bisschen Old Crow hinunter. Am vorangegangenen Abend hatte sie zwei lebhafte und verstörende Träume gehabt. Im ersten servierte sie bei einer Grillparty Getränke. Dutzende von Gästen waren da. Bruce wendete Frikadellen und quatschte mit seinen Kumpels von der Arbeit. Orillia rannte mit einer Wasserpistole umher und schoss hilflose Erwachsene ab, um anschließend davonzuflitzen. Die geheimnisvolle Frau namens Beth und ein bärtiger Kerl im Trainingsanzug, den sie als ihren Mann vorstellte, traten zu ihr und erzählten ihr, was für eine schöne Feier das sei, was für ein schönes Haus, was für eine wunderbare Familie sie habe, und Lorna reichte ihnen Getränke und lächelte ein breites, dümmliches Lächeln, während Miranda abseits stand, blinzelte und mit dem Kopf auf einen Lieferwagen deutete, der ein Stück entfernt auf dem Rasen parkte. Der Wagen wackelte, und ein Kojote kam darunter hervor, knurrend und geifernd und nach der Luft schnappend. Das Fell des Tiers war ölverschmiert, so dass seine gelben Augen hell wie Feuer daraus hervorleuchteten.

Im nächsten Moment war Lorna im Wald und jagte den bärtigen Mann von der Party. Sein Trainingsanzug hing in flatternden Fetzen und war blut- und schmutzbefleckt. Der Mann stolperte und stürzte einen Abhang hinab. Unten schlug er, die gebrochenen Gliedmaßen von sich gestreckt, auf, den Mund voller zersplitterter Zähne und schwarzem Blut. Flehend hob er eine verstümmelte Hand in ihre Richtung. Sie setzte ihm nach, bestieg ihn, leckte ihm das Blut ab und fraß dann sein Gesicht. Schließlich erwachte sie mit einem Aufschrei, und die Galle kam ihr hoch.

Lorna stellte die leere Flasche weg. Sie zog ihren Mantel über und holte den Revolver aus der Nachttischschublade, in der Miranda ihn aufbewahrte. Lorna hatte die Waffe bisher nicht abgefeuert, obwohl Miranda ihr angeboten hatte, damit zu üben. Allerdings hatte sie gesehen, wie ihre Geliebte es machte – entsichern, abdrücken, klick, nichts dabei. Sie brauchte die Waffe nicht, würde sie auch nicht benutzen, aber irgendwie fühlte das Gewicht in ihrer Tasche sich gut an. Sie ging die Auffahrt hinab, wobei sie sich vorsichtig bewegte, um ihr lädiertes Knie zu schonen, und folgte der Straße zu der Kiesgrube, in der angeblich der Lieferwagen stand. Der Regen ließ nach und wurde zu einem leichten Nieseln. Hier und da waberte Nebel in den Senken und Schluchten, kroch durch Farndickichte am Straßenrand. Das Tal lag still da, ein brütender Riese.

In der Kiesgrube war niemand. Ein bisschen verkohltes Holz und ein paar zerdrückte Bierdosen verrieten allerdings, dass hier vor nicht allzu langer Zeit jemand gecampt hatte. Sie atmete schwer, teils wegen des ständigen Pochens in ihrem Knie, teils vor Erleichterung. Was hätte sie gemacht, wenn die Arschlöcher, die ihr Mann ihr hinterhergeschickt hatte, hier gesessen und Würstchen gegrillt hätten? Hatte sie ernsthaft geglaubt, dass es reichte, solche Leute ein bisschen zu beschimpfen, damit sie verschwanden? Hätte sie wirklich das nötige Rückgrat gehabt, um mit der Waffe herumzufuchteln und sie auf die John-Wayne-Tour in die Flucht zu schlagen?

Den ersten gedämpften Schrei hielt sie für einen Vogelruf, aber beim zweiten merkte sie auf. Das Herz hämmerte ihr in der Brust, als sie schließlich feststellte, dass er von unten kam, etwa hundert Meter weiter die Straße entlang. Reifenspuren zweigten von der schmalen Straße ab und führten zu einem fünfzehn Meter tiefen Abhang, an dessen Fuß eine Schlucht mit Felsen und Bäumen lag. Der Lieferwagen war auf der Seite gelandet. Die Heckklappe stand offen, die Scheibe war gesprungen. Dort unten hätte sie ihn nie entdeckt, wenn nicht eine Frau um Hilfe gerufen hätte. Ihre Stimme klang schwach. Aber das war nur logisch – Beth steckte schon seit mehreren Tagen in dem Fahrzeugwrack fest, oder? Einfach das Bremskabel durchschneiden, dann war hier in den Bergen alles gelaufen. Miranda machte keine halben Sachen. Lorna biss sich auf den Handballen, um einen Schrei zu ersticken.

»He«, sagte Miranda. Ebenso verstohlen wie der Nebel hatte sie sich genähert und lauerte nun ein paar Schritte weiter neben einem Dornengestrüpp. Sie trug das räudige Fell, mit dem Raubtierschädel auf dem Kopf, so dass ihr Gesicht im Verborgenen blieb. Sie war barfuß und unter dem Pelz nackt. Ihre wunderschöne Haut war voller Blut und Dreck. Um den Mund hatte sie weindunkle Flecken. »Tut mir leid, Schätzchen. Ich dachte wirklich, dass sie inzwischen den Geist aufgegeben hätten. Tja, so ist das halt. Mach dir keine Gedanken. Es wird nicht mehr lange dauern. Die Vögel sind schon da.«

Krähen hüpften zwischen den Ästen umher und zogen Kreise über dem Wrack des Lieferwagens. Sie krächzten und zankten sich. Die Frau rief etwas Unverständliches. Sie jaulte auf und verstummte. Lornas Lippen zitterten, und der Rotz lief ihr aus der Nase. Mit einer Armbewegung deutete sie auf ihre Umgebung. »Warum hast du mich hergebracht?«

Miranda legte den missgestalteten Kopf auf die Seite und lächelte ein trauriges, grausames Lächeln. »Ich möchte dich retten, Baby. Du bist schwach.«

Lorna starrte in die Schlucht. Der Nebel wurde dichter, füllte langsam Spalten und Schluchten und verbarg den Lieferwagen und seine Insassen. Sie konnte unmöglich den steilen Hang hinabsteigen, nicht mit ihrer Verletzung. Ihr Handy lag in der Hütte auf dem Tisch. Sie konnte beinahe hören, wie die Zahnrädchen des Universums ineinandergriffen und ein großes, dunkles Scheinwerferlicht über die kosmische Bühne strich, um sich in ebendiesem Augenblick auf sie zu richten. Sie sagte: »Ich weiß nicht, wie man tut, was du getan hast. Wie man sich so verändert. Es sei denn, dieser Pelz ist für zwei.«

»Mach dir keine Gedanken, Baby.« Miranda nahm sie bei der Hand und führte sie zur Hütte zurück, wo sie sie behutsam auszog. Sie lächelte leise, als sie den Revolver nahm und auf den Tisch legte. Sie küsste Lorna, und ihr Atem war heiß und faulig. Dann trat sie einen Schritt zurück und zog sich den Pelz ab, und als er sich hob, löste sich auch die darunterliegende Haut, pellte sich ab wie Schorf. Blut lief Miranda über Brust und Bauch und pladderte auf die Dielen. Ihre Wangen- und Kiefermuskeln zogen sich zusammen, und sie fauchte, verdrehte die Augen, und dann hatte sie es geschafft, und das triefende Bündel hatte sich ganz von ihrem glitschigen, roten Fleisch gelöst. Lorna war wie gelähmt vor Entsetzen und Ehrfurcht, aber schließlich regte sie sich und versuchte, sich gegen die Annäherung ihrer Liebsten zu wehren. Mit der flachen Hand versetzte Miranda ihr einen Schlag gegen die Schläfe, der sie fast betäubte. Sie sagte: »Halt still, Baby. Du wirst mir noch danken.« Und damit legte sie Lorna den Mantel um die Schultern und zog ihr die Tierschädelkapuze über die Augen.

»Deshalb bist du hergekommen?«, fragte Lorna, während der schleimige und überhitzte Pelz sie ganz einhüllte. Ihre Sicht wurde abwechselnd verschwommen und wieder scharf.

»Nein, Baby. Ich bin einfach der Spur gefolgt, und jetzt sind wir hier. Und es ist gut. Du wirst sehen, wie gut es ist, wie es alles verändert. Wir haben in einem Käfig gelebt, aber das ist nun vorbei.«

»Mein Gott, ich habe dich geliebt.« Lorna blinzelte sich das Blut aus den Augen. Sie warf einen Blick in Richtung Tisch, auf dem der Revolver lag, stumpf und tödlich und glänzend im verblassenden Licht. Ohne zu überlegen griff sie nach der Waffe, drückte sie Miranda unters Kinn und entsicherte sie, genau, wie sie es gesehen hatte. Sie zitterte am ganzen Leib. »Dachtest du, dass ich einfach meine Tochter zurücklassen und mich ohne ein Wort ins Nimmerland davonmachen würde? Spinnst du jetzt völlig?«

»Warte einen Moment«, sagte Miranda. Mit den Fingern der Linken strich sie über den Pelz. »Nur einen Moment. Warte, biss der Pelz seinen Zauber wirkt. Dann wirst du die Dinge in einem anderen Licht sehen. Komm schon, Süße.« Sie griff nach dem Revolver, der bellte und sich in Lornas Händen wand.

Lorna weinte nicht. Innerlich war sie wie versteinert. Sie ließ die Waffe fallen und stand schwankend da, ohne etwas Bestimmtes anzuschauen. Das Licht schwand. Sie ging hinaus und setzte sich auf die Veranda. Sie roch alles, und seltsame Gedanken schossen ihr durch den Kopf.

Es gab einen Moment zwischen Zwielicht und Dunkelheit, in dem es ihr fast gelang, sich von dem Fell zu befreien und die nötigen Anrufe zu tätigen, die sie in die Welt zurückkehren lassen würden, zu ihrer Tochter und der apokalyptischen Abrechnung mit dem Mann, der sie viel zu lange unterdrückt hatte. Doch der Moment verging, wurde von einem älteren und sehr viel mächtigeren Impuls verdrängt. Ihre Gedanken wandten sich den Wäldern, den Hügeln, einem Universum der dunklen, süßen Düfte zu. Der Jagd.

Zwei Wochen später entdeckte ein Wanderer eine ausgelassen krächzende Versammlung von Krähen um das Wrack des Lieferwagens. Er rief den Rettungsdienst. Männer und Hunde und Hubschrauber schwärmten auf dem Berg aus. Der Fall kam in alle Zeitungen, und die örtlichen Radiostationen berichteten tagelang. Die Ermittler fanden in dem Lieferwagen zwei Leichen – einen Mann und eine Frau. Die Todesursachen waren Stoßtraumata und Wind und Wetter. Eine genauere Untersuchung förderte zutage, dass man die Bremskabel des Lieferwagens durchtrennt hatte, was auf einen Mord hinwies. Die Mordtheorie erhärtete sich dadurch, dass man in einer nahegelegenen Hütte eine tote Frau fand. Sie war an einer Schusswunde im Kopf gestorben. Eine vierte Person, die ebenfalls dort gewohnt hatte, blieb verschwunden und wurde später für tot erklärt. Man nahm den Ehemann der verschwundenen Frau, der von ihr getrennt gelebt hatte, sehr genau unter die Lupe. Während des sich anschließenden Verfahrens beteuerte er seine Unschuld. Dass er die beiden Verstorbenen im Lieferwagen angeheuert hatte, damit sie seiner Frau nachspionierten, trug nicht unbedingt zu seiner Glaubwürdigkeit bei.

Jahre später schrieb ein Mordermittler einen Bestseller über die Einzelheiten des Falls. Als Fußnote nahm er einige abseitige Aussagen und Fakten mit auf; darunter befanden sich auch die Kommentare der Gerichtsmedizinerin, die die Autopsien beaufsichtigt hatte. Ihr zufolge war es ein Glück, dass man am Tatort Ausweispapiere mit Lichtbildern der Verstorbenen gefunden hatte. Beim Eintreffen der Behörden waren bereits Tiere an den Leichen gewesen, sogar an der in der Hütte. Die Gerichtsmedizinerin sagte, sie sei versucht gewesen, in ihrem Bericht darauf hinzuweisen, dass sie in den dreißig Jahren ihrer Arbeit nie zuvor etwas so Bizarres und Bösartiges wie diese Bisswunden gesehen hatte. Letztendlich habe sie sich aber dagegen entschieden.


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Deutsch von Jakob Schmidt


© 2011 by Laird Barron
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The Carrion Gods in Their Heaven‹ in: Ellen Datlow (Hrsg.), Supernatural Noir (Milwaukie: Dark Horse Books, 2011)
Die Übersetzung folgt dem Abdruck in: Laird Barron, The Beautiful Things That Await Us All (New York: Night Shade Books, 2013)

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Laird Barron (*1970) wuchs in einer abgelegenen Region von Alaska auf, schlug sich als Fischer auf der Beringsee durch und nahm drei Mal am längsten und härtesten Hunderennen der Welt, dem Iditarod, teil. 2001 publizierte er seine erste Story. Seither sind zudem die Romane The Light is the Darkness (2011) und The Croning (2012) veröffentlicht worden. Seine Erzählungen liegen in den Bänden The Imago Sequence & Other Stories (2007), Occultation (2010) und The Beautiful Thing That Awaits Us All (2013) gesammelt vor. Im Netz ist er hier zu finden.

 

 

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