Kurzgeschichte von Jacqueline Montemurri - Sonnenmond-Finsternisstern
FICTION

Sonnenmond-Finsternisstern (Jacqueline Montemurri)


Jacqueline Montemurri
17.10.2016

Tief in der Unendlichkeit des Alls ist der Raumfrachter E.S.S. Tynwald auf dem Weg zum Gefängnisplaneten Sinus-13, um einen Serienkiller abzuliefern. Doch eine geheimnisvolle Sendestation unbekannter Herkunft lockt die Besatzung auf den Mond eines unerforschten Planeten. Während sich die Konflikte zwischen den Besatzungsmitgliedern zuspitzen, bemerken sie nicht, dass sie einer unheimlichen und tödlichen Gefahr entgegensteuern.

***

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-12, Bordzeit 22:30 Uhr:

Funksignal von PH1 weist starke Modifikation auf. Entschlüsselung nicht möglich. Nicht identifizierbare Überlagerungen.

Kdt. S. K.

 

»Wir müssen zurück!« Die Stimme der Frau hallte von den metallenen Wänden der Messe wider. Als Technikerin der E.S.S. Tynwald behielt Denise Rallinger bei Problemen normalerweise einen kühlen Kopf. Doch diesmal war es anders. Die ganze Mission war anders.

»Der Plan ist aber, dass wir erst unsere Passagiere auf Sinus-13 absetzen und dann zurückfliegen, um Ted vom PH1-Mond abzuholen. Ich sehe keinen Grund, warum wir jetzt umkehren sollten«, war die ruhige Antwort der Kommandantin Suri Kaliskan.

»Weil er in Not ist!«

»Denise, beruhige dich. Wir können den Funkspruch nicht entschlüsseln. Doch das bedeutet nicht, dass er in Not ist.« Suri bemühte sich, sachlich zu bleiben. »Er hat sich freiwillig dazu gemeldet. Niemand hat ihn gezwungen. Er wollte unbedingt dieses Signal dechiffrieren.«

Die drei Männer am Tisch blickten abwechselnd die Kommandantin und die erregte Technikerin an.

»Zickenkrieg«, murmelte Jake Sullivan.

Denise warf ihm einen missbilligenden Blick zu, stieß geräuschvoll ihren Stuhl nach hinten und sprang auf. »Ted ist verdammt noch mal da draußen! Wir kennen diesen Scheiß-Planeten nicht und auch nicht den Sinn dieser Sendeanlage. Ich hab ein schlechtes Gefühl!«

»Wegen eines Gefühls werden wir doch nicht umkehren!«, höhnte einer der Männer. Seine Füße lagen auf der Tischkante, und er wippte mit dem Stuhl. Es verursachte ein leises Quietschen, das an Suris Nerven zerrte. Als Einziger trug er eine Waffe am Gürtel. Der Grund dafür saß mit betont gelangweilter Miene neben ihm, die Handschellen und Fußfesseln an seinen Gelenken verrieten den Sträfling. Seine Augen aber blickten wachsam auf das Geschehen.

Die Kommandantin des Raumfrachters stieß missmutig den Atem aus. »Schlimm genug, dass wir Passagiere befördern müssen«, dabei blickte sie entschuldigend auf den Bewaffneten, »und dann finden wir auch noch diese seltsame Sendestation, aus der wir nicht schlau werden konnten. Doch ich habe hier das Sagen, und ich entscheide, dass wir weiterfliegen, die beiden auf Sinus-13 abliefern und dann Ted von diesem seltsamen Mond abholen.«

Denise stieß mit dem Fuß den Stuhl um. Der Knall, wie von einer Explosion, bohrte sich schmerzhaft in Suris Ohren, und auch die übrigen Anwesenden zuckten zusammen.

»Ich kann nicht zulassen, dass du Ted im Stich lässt, Suri. Auch wenn du die Kommandantin bist. Was wäre denn, wenn Jake hier Hilfe benötigte? Würdest du ihn auch einfach verrecken lassen?«

Der dritte Mann am Tisch verzog bei Erwähnung seines Namens das Gesicht. Aber er sagte nichts.

Suri blickte ihm in die Augen, als sie erwiderte: »Ich habe nicht vor, jemanden verrecken zu lassen. Doch ich würde genauso handeln, wenn es Jake beträfe.«

»Oh, danke, Suri«, sagte der Erwähnte grinsend. »Ich denke allerdings genauso wie Denise. Das Signal können wir zwar immer noch nicht entschlüsseln, aber es hat sich verändert. Es ist viel komplizierter geworden als zuvor. Entweder hat Ted die Anlage repariert, dann würde jetzt das ursprüngliche Signal gesendet, oder er sendet uns eine Botschaft. Ich tippe auch eher auf einen Hilferuf.« Jake beugte sich erwartungsvoll vor.

»Aber, wie du schon sagtest, könnte es auch das ursprüngliche Signal sein«, erwiderte Suri.

»Für mich ein Grund mehr, zurückzufliegen.«

Suri blickte Jake forschend in die Augen. Ist das wirklich seine Meinung, oder will er mich nur provozieren?

»Siehst du, Suri! Ich bin nicht die Einzige, die sich Sorgen macht! Wir müssen zurück. Zwei zu eins.«

»Denise, ich bin die Kommandantin des Frachters. Hier ist kein Parlament, wo abgestimmt wird, auch wenn der Name unseres Schiffs der des ältesten Parlaments der Erde ist. Doch hier habe ich die Bordgewalt.«

»Ich finde, wir sollten abstimmen«, mischte sich der Bewaffnete ein.

»Sie sind Passagier, Roary. Sie können sowieso nicht mitreden«, gab Suri mit einem aufgesetzten Lächeln zurück. Die kalt-weiße Deckenbeleuchtung schien einen Moment zu flackern.

Denise ballte die Finger zur Faust, bis die Knöchel weiß hervortraten. »Wieso nicht? Die Mission ist aus dem Ruder geraten. Wir hätten diesen verfluchten Planeten PH1 gar nicht anfliegen sollen. Vier Sonnen! Das ist doch schon verdammt außergewöhnlich. Dann ein Sender, der seit Jahrtausenden irgendwas sendet. Aber weil Ted der Meinung war, es handele sich um einen Hilferuf, auf den wir reagieren müssten, haben wir ihn dort abgesetzt. Hier läuft gar nichts nach Plan, Suri. Ich finde, wir sollten abstimmen und unser Passagier auch.«

Suri stand auf und lief eine Weile im Raum auf und ab. Ihre Schritte pochten wie blecherne Herzschläge. Dann blieb sie stehen und blickte in die Runde: zwei Crewmitglieder, ein Passagier und der Gefangene. Es war so still, dass sie meinte, das Rauschen des Stroms in den elektrischen Leitungen durch die Wände hindurch hören zu können. Oder war es das Blut, das durch ihre Adern strömte? Ihre Haltung straffte sich. »Nein! Wir haben einen Terminplan einzuhalten, nämlich diese Passagiere pünktlich abzuliefern. Die Brennstäbe des Reaktors müssen außerdem schnellstmöglich getauscht werden, sonst treiben wir am Ende in diesem abgelegenen Quadranten für ewig antriebslos herum. Zudem sehe ich keine definitiven Hinweise darauf, dass sich Ted in Gefahr befindet.« Damit verließ sie den Raum, ohne den aufkommenden Widerspruch zu beachten.

 

Denise schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich bin für Rückkehr. Denn ich sehe in dem geänderten Signal einen Hilferuf.«

»So sehe ich das auch«, meinte Jake, »aber das ist belanglos. Suri hat hier das Sagen.«

»Diesmal nicht!« Kämpferisch stieß sie die Luft aus und sah den Gefangenen-Transporter auffordernd an. »Roary?«

»Wenn ich’s mir recht überlege, bin ich auch fürs Umkehren. Schließlich sollten wir Ted nicht seinem Schicksal überlassen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.

»Also drei zu eins«, triumphierte Denise.

»Lass es sein«, mahnte Jake.

Denise schüttelte energisch ihre blonden Locken. »Oh nein, Jake. Wir sind ein Frachter. Kein Militärschiff. – Garry soll auch abstimmen.«

Roary grinste belustigt, packte die Kette der Handschellen und zog damit Garrys Hände hoch. »Garry wird sich meiner Meinung anschließen. Sonst kann er den Rest der Reise angekettet im Frachtraum verbringen.« Die gefesselten Hände krachten zurück auf den Tisch. Garry verzog keine Miene.

Denise ignorierte Roarys Äußerung, denn ihre Gedanken kreisten schon wieder um Ted und wie sie Suri beibringen könnte, dass alle außer ihr fürs Umkehren waren.

»Ich werde noch mal mit ihr reden«, entschied sie.

»Lass ihr noch etwas Zeit«, meinte Jake.

 

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-12, Bordzeit 23:15 Uhr:

Mehrheit interpretierte das modifizierte Signal als Hilferuf von Ted Hilgard. Crew hat durch Mehrheitsentscheid Rückkehr gefordert, doch Kommandantin hat sich gegen diesen Beschluss und für das Einhalten des Terminplans entschlossen.

Kdt. S. K.

 

Suri hatte sich in ihr Quartier zurückgezogen und erledigte den Logbucheintrag. Dann lag sie auf dem Bett und starrte die Decke an. Eine Reihe Leuchtdioden tauchte den Raum in bläuliches Licht. Das Fehlen jeglicher Geräusche verursachte ein Rauschen in ihren Ohren. Die letzten Wochen hatten ihr beschauliches Leben als Frachterkommandantin durcheinandergewirbelt. Kurz vor dem Start aus der Umlaufbahn des Minenplaneten Relus hatte sie sich nach zwei Jahren Beziehung von Jake getrennt. Zu mehr war er nicht bereit gewesen. Sie wollte aber nicht nur als nächtliche Gespielin fungieren. Sie wollte mehr. Aber sie wusste selbst nicht, was das war.

Dann kam dieses Shuttle an, und sie musste die zwei Passagiere aufnehmen, um sie auf dem Weg zur Erde auf dem Gefängnisplaneten Sinus-13 abzusetzen. Der Transporter Roary Ceallaigh würde den mehrfachen Mörder Garry van Basten nach Sinus-13 überführen. Suri hegte keine besondere Sympathie gegenüber dem Gefangenen-Transporter. Er wirkte kalt und berechnend auf sie. Wenn er nicht einige Andeutungen über die grausamen Verbrechen dieses Serienmörders gemacht hätte, dann könnte sie sich fast zu diesem Killer hingezogen fühlen. Seine Augen waren so vertrauenerweckend. Schnell schüttelte sie den Kopf, um den absurden Gedanken zu verscheuchen und ihr Denken auf dieses Sonnensystem zu richten, das sie gerade hinter sich gelassen hatten.

PH1. Ein Exoplanet, völlig unerforscht, hatte sie mit einem Signal gelockt. Der Umstand, dass sie es nicht entschlüsseln konnten, weckte ihrer aller Neugier besonders. Ted Hilgard, ihr Bordingenieur, überredete sie, dem Signal auf den Grund zu gehen. Er war fest davon überzeugt, dass es ein Hilferuf war. In Gedanken überflog Suri noch einmal die Logbuch-Einträge:

… Signal von PH1 erfasst. Entschlüsselung nicht möglich. Ted Hilgard (Bordingenieur), interpretiert es als Hilferuf. … Signal auf PH1-Mond geordet. … Mit Shuttle auf PH1-Mond gelandet: Suri Kaliskan (Kommandantin), Ted Hilgard (Bordingenieur), Denise Rallinger (Technikerin). Sendestation lokalisiert. … Sendestation datiert: >100.000 B.C. … Datierung unglaubwürdig. Keine Problemlösung möglich. … Überlagerung identifiziert. Originalsignal nicht entschlüsselbar. Sendestation defekt. … Ted Hilgard meldet sich freiwillig, um für Reparatur auf dem PH1-Mond zu verbleiben. … Besatzung und Passagiere setzen Flug fort, um Passagiere Garry van Basten und Roary Ceallaigh auf Sinus-13 abzusetzen sowie Brennstäbe zu tauschen … dann Rückkehr vorgesehen. …

Es war alles anders gekommen als geplant. Suri schloss die Augen. Die Lüftung setzte unerwartet ein, und das Summen bohrte sich schmerzhaft in ihren Schädel. Sie betätigte einen Schalter und übertönte es mit sanfter Musik.

 

»Nicht gut gelaufen.«

Suri zuckte zusammen. Sie saß am Navigationscomputer, um den Kurs zu überprüfen, und hatte niemanden erwartet. Die anderen hockten wahrscheinlich irgendwo zusammen und planten die Meuterei. Als sie sich zu dem Sprecher umdrehte, erkannte sie Garry.

»Wo ist Ihr Schatten? Dürfen Sie sich denn so frei bewegen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Schläft.«

Seine Augen funkelten sie an, als wolle er mit seinem Blick ihre Gedanken lesen. Sie schüttelte irritiert den Kopf und sah wieder auf die Bildschirme zurück. Ein Fenster wäre schön, so wie in den antiken Geminikapseln, träumte sie, dann könnte man das All mit eigenen Augen sehen. Doch leider gab es in einem Frachter so einen Luxus nicht. Nur elektronisch aufbereitetes Bildmaterial der Sensoren und Kameras am Rumpf des Schiffs.

»Wie funktioniert das?«, fragte er leise. Fast so, als solle es niemand hören. Geheimnisvoll.

»Was?«

»Das Navigieren.«

»Planen Sie die Flucht, oder was?« Es klang härter als beabsichtigt.

»Möglich.«

Wo will er hin? Ein Serienkiller? Er könnte uns alle … Schnell schob sie den beängstigenden Gedanken beiseite.

»Gammastrahlen.« Ihr Tonfall war jetzt freundlicher. Sie hörte das Klirren der Handschellen, als er seine Hand auf ihre Schulter legte und über sie hinweg auf die Monitore blickte. Ein Schauer jagte über ihren Rücken. Beängstigend und zugleich aufregend. Sie spürte seinen Atem. Zog kurz in Erwägung, ihm einen Stoß zu versetzen und ihn auf Abstand zu bringen. Doch irgendwas in ihr genoss seine Nähe. Also tippte sie ein paar Daten ein und erklärte: »Früher hatten die Seefahrer Leuchttürme, um sich zu orientieren. Jeder hatte sein bestimmtes Signal. So wussten die Navigatoren immer, an welcher Küste sie sich befanden. Im All haben wir so etwas Ähnliches: Millisekundenpulsare. Sie senden periodisch Gammastrahlen aus. Jeder besitzt sein unverkennbares Muster. Diese werden von Gammastrahlenteleskopen an der Tynwald gelesen und im Computer zu einer Art dreidimensionaler Landkarte verarbeitet. So können wir unsere Position bestimmen.«

»Interessant«, hauchte er in ihr Ohr. »Ich habe nicht viel Zeit. Wir sollten reden.«

Sie spürte, wie er ihr das Haar aus dem Nacken strich. Ich könnte ihm den Ellbogen in den Magen rammen, überlegte sie. Doch ihr Körper wollte etwas anderes als ihr Kopf. Wieso ist das Böse nur so anziehend? Keine Zeit, darüber nachzudenken. Es war eben das Böse. Abrupt drehte sie sich zu ihm um und hielt ihm die Klinge des Taschenmessers an die Kehle, das sie in ihrer Jackentasche mit sich rumschleppte, seit er an Bord war. Andere Waffen gab es auf einem Frachter normalerweise nicht. Seine dunkelblauen Augen waren so nah, dass sie sich darin spiegeln konnte. Die Frau, die sie erblickte, hatte schulterlanges braunes Haar. Ihre grünen Augen wirkten müde, obwohl sie gerade sechs Stunden geschlafen hatte.

Plötzlich ein dumpfer Schlag. Er zuckte zusammen und ging mit einem kurzen Stöhnen vor ihr zu Boden, gab damit den Blick auf Roary frei. Der grinste sie triumphierend an. Suri hatte sein Eintreten nicht bemerkt. Er steckte die Pistole, mit der er den Killer niedergeschlagen haben musste, zurück ins Holster.

»Immer schön vorsichtig«, grinste er. »Er hat schon eine Menge so schöner Frauen abgemetzelt. Haben Sie sich nicht informiert?«

Suri blickte wie in Trance auf den am Boden Liegenden. Er schien bewusstlos zu sein. Aus einer Platzwunde an seinem Kopf floss Blut. Roarys Hand schoss vor und betätigte die Türverriegelung. Summend wurde die Kommandozentrale von der Außenwelt abgeschirmt.

»Haben Sie sich nicht informiert?«, brüllte er hysterisch.

Suri wurde wie aus einem Traum gerissen.

»Was?«

»Haben Sie sich nicht informiert?« Die Stimme überschlug sich. Der Blick seiner Augen hatte sich verändert. Irgendwie sah sein Gesicht unnatürlich verzerrt aus.

»Nein.« Suri konnte das Verhalten des Polizisten nicht einordnen. »Wir sind zu weit draußen. Kommunikation mit der Erde ist hier nicht möglich.«

»Umso besser!« Roary packte sie plötzlich mit der Linken an der Kehle und entwand ihr mit der Rechten das Messer. Es klirrte zu Boden.

Suri starrte ihn an. Sie begriff nicht, was hier vorging. Während eisenharte Hände ihren Hals zuschnürten, verwirbelten ihre Gedanken zu einem Schwarzen Loch. Dann ein Stoß, und sie krachte auf den Boden, rutschte bis zur Wand. Kaum hatte sie sich gesammelt, war er schon wieder über ihr, drückte sie nach unten, riss ihre Jacke auf. Seine Hand presste sich auf ihre Brust. Er setzte sich auf ihr Becken und fixierte sie mit seinen Schenkeln. Da begann sie, das Unbegreifliche zu ahnen. Trat wild mit den Beinen um sich. Bäumte sich auf, um ihn abzuschütteln. Er grinste höhnisch und schlug ihr mit der Hand ins Gesicht. Blitze zuckten vor ihren Augen.

Plötzlich waren Hände mit Handschellen um seinen Hals, die ihn würgten und von ihr runterrissen. Er röchelte und ließ von ihr ab, konzentrierte sich auf den Angreifer. Sie wischte sich mit dem Handrücken das Blut ab, das aus ihrer Nase strömte, und blickte sich suchend um. Die zwei Männer rangen miteinander, wanden sich fast lautlos auf dem Boden. Nur die Ketten des Killers klirrten. Die Waffe in der Hand Roarys ruckte im Kampf hierhin und dorthin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis …

Suri blickte sich Hilfe suchend um. Da sah sie das Messer, rutschte auf dem Boden darauf zu und packte es. Die Mündung der Pistole hatte jetzt Garrys Kopf im Visier. Sie beobachtete, wie der Killer sie wegzudrücken versuchte. Sein Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Durch die Hand- und Fußfesseln waren seine Bewegungen eingeschränkt. Roary hatte die Oberhand gewonnen und grinste siegessicher. Suri zögerte einen Moment, dann schoss sie vor und rammte dem Gefangenen-Transporter die Klinge in die Halsschlagader. Erschrocken blickte er sie an, tastete nach der Verletzung. Das Blut pulsierte im Takt seiner Herzschläge daraus hervor. Garry stieß ihn von sich. Während Roary seine letzten Atemzüge tat, glotzte er ungläubig auf Suri. Sie blickte ihn kalt an und wartete, bis es endlich vorbei war und er schlaff dalag.

In diesem Moment öffnete sich mit einem Zischen die Tür. Jake und Denise stürmten herein, bewaffnet mit Werkzeugen, blieben aber geschockt von dem Anblick stehen: ein lebender Serienkiller, ein toter Polizist, überall Blut – und eine Kommandantin mit blutverschmiertem Gesicht und zerrissener Jacke.

»Was …?«, stieß Jake entgeistert aus. »Wir haben es auf dem Überwachungsmonitor …«

Der Mörder ging zu seinem toten Bewacher und durchsuchte seine Kleidung. Dann zog er eine Ausweiskarte daraus hervor und hielt sie der Kommandantin vor die Nase. »Wer schaut sich schon an, ob an dem Bild manipuliert wurde, wenn der Auftritt so überzeugend ist«, sagte er und lächelte, während er mit den Fingernägeln über die Karte kratzte.

Das Foto ließ sich ablösen. Suri blickte darauf und schüttelte ungläubig den Kopf. »Oh, Scheiße!« Sie rang nach Luft. »Wieso haben Sie nichts gesagt? Ein Zeichen oder so?«

»Er hatte die einzige Waffe an Bord. Ich habe auf den richtigen Moment gewartet. Da er schon meinen Partner auf dem Gewissen hatte, wollte ich hier niemanden in Gefahr bringen.«

Jake und Denise standen immer noch mit Schraubenschlüssel und Hammer bewaffnet in der Tür.

»Darf ich vorstellen?« Suri lächelte ihre Crew an. »Officer Roary Ceallaigh. Und dort liegt Serienkiller Garry van Basten.«

 

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-13, Bordzeit 09:00 Uhr:

Identität der Passagiere vertauscht. Bei Klärung des Vorfalls wurde der Straftäter Garry van Basten getötet.

Kdt. S .K.

 

Wenige Worte für eine bizarre Situation. Mit einem Tastendruck beendete Suri das Logbuch-Programm. Sie sehnte sich nach einer Dusche. Ihre Hände zitterten, als sie versuchte, ihr Hemd aufzuknöpfen. Bilder des Vorfalls blitzten in ihrem Kopf auf. Ein Messer. Blut. Ihre Hand. Sie hatte tatsächlich einen Menschen getötet. Ihr wurde schwindelig bei dem Gedanken. Das Schlimmste war, dass sie sich dabei ganz irrational von ihren Gefühlen hatte leiten lassen, während ihr zugleich bewusst gewesen war, dass es ein Polizist war, den sie angriff. Es war erleichternd gewesen, als sich die vertauschte Identität herausstellte. Das Gewissen plagte sie dennoch, und ihr graute vor ihrer eigenen Entscheidung zugunsten des vermeintlichen Serienmörders. In diesem Moment kündigte ein sanftes Signal an der Tür einen Besucher an. Also knöpfte sie das Hemd wieder zu und schloss auch die Gedanken tief in sich ein, bevor sie ihr Quartier öffnete. Die zischend zur Seite gleitende Tür gab den Blick auf Roary frei.

»Ich habe ihn mit dem Müll ins All entsorgt.« Er lächelte, und das getrocknete Blut in seinem Gesicht bekam Risse.

»Gut.«

Unbehagliches Schweigen.

»Darf ich reinkommen?«

Sie zögerte. »Ich wollte eigentlich duschen.«

Er trat trotzdem ein. Sein Gesicht kam ihrem ganz nah. »Ich auch«, hauchte er ihr ins Ohr.

Sie schob ihn ein Stück von sich weg. Identität. Vertauschte Identität? »Kann ich den Ausweis noch einmal sehen?«

Er durchsuchte seine Taschen, fand die Karte und gab sie ihr, ohne zu zögern. »Einen anderen Beweis habe ich im Moment nicht.«

Sie blickte auf das zerkratzte Foto, unter dem ein anderes durchschien, das offensichtlich seins war. Natürlich glaubte sie ihm. Sie wollte ihm glauben, doch ein kleiner Rest Zweifel schlingerte noch durch ihre Eingeweide und verursachte ein lustvolles Kribbeln. Wie konnten sie alle seit Wochen mit einem Serienkiller zusammengelebt haben, ohne es zu merken? Ein Schauer kroch über ihren Rücken. Im Grunde war ihr der von ihr heute Getötete schon seit seiner Ankunft unsympathisch gewesen. Man sollte also doch auf seine Gefühle hören. Doch dann hatte Denise möglicherweise recht. Vielleicht war Ted wirklich in Gefahr.

»Alles okay? Es ist nicht leicht, damit klarzukommen. Ich weiß.« Seine Stimme klang sanft. Er strich ihr durchs Haar.

»Ich wusste nicht, wie einfach es ist, einen Menschen zu töten. Es ging so leicht. Erschreckend leicht«, flüsterte sie.

»Du musst es vergessen. Er war ein Killer, ein Psychopath. Glaub mir, er hatte es verdient.«

Er fing an, sie zu küssen. Obwohl er den Geruch von Blut und Schweiß ausströmte, gab sie sich seinem Kuss hin.

»Es beruhigt mich nicht, denn ich dachte ja, er wäre ein Polizist«, gab sie in einer Atempause zu und blickte ihm in die Augen. Ihre Finger strichen durch sein hellbraunes Haar. Blutige Strähnen. »Wir sollten die Verletzung kleben.«

»Okay. Mach das. Ich vertrau dir.«

Sie suchte in ihrem Schrank nach den medizinischen Utensilien, die sie dafür benötigte. Während sie seine Wunde versorgte, wanderten seine Finger unter ihr Hemd. Kurz hielten sie in der Bewegung inne, als sich das Desinfektionsmittel in seine Kopfhaut brannte. Dann wanderten sie weiter, und sie genoss es.

»Komm, lass uns erst mal duschen. Danach sieht die Welt wieder besser aus«, flüsterte er, als sie fertig war.

»Der Kleber muss ein paar Minuten trocknen, bevor …«

Ein Kuss unterbrach ihre Erklärungen. Er begann, ihre Kleider zu öffnen, und sie ließ es geschehen. Manchmal muss man wirklich auf seine Gefühle hören, schoss es ihr durch den Kopf. Es war ein angenehmes Gefühl, seine Finger auf ihrer Haut. Ganz anders als bei Jake. Für diesen Augenblick konnte sie einfach nur sie selbst sein, keine Kommandantin.

 

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-20, Bordzeit 13:40 Uhr:

Kommandantin hat Rückkehr angeordnet, um das Crewmitglied Ted Hilgard wieder an Bord zu nehmen – PH1-System von den Scannern erfasst. Signal unverändert. Planet umkreist auf lemniskatischer Bahn zwei Doppelzentralgestirne.

Kdt. S .K.

 

»Die Bahn ist eine liegende Acht, naja, leicht verdreht«, erklärte Denise.

Suri bemerkte den Stimmungswechsel der Technikerin, seit sie die Rückkehr beschlossen hatte. »Das Zeichen für Unendlichkeit.« Ihr Blick verlor sich durch den Monitor hindurch im All.

Denise tippte auf einen Punkt der grafischen Darstellung. »Hier müsste der Planet jetzt sein, falls diese ganzen Berechnungen einen Sinn ergeben. Hier am äußeren Umkehrpunkt. Der Mond umkreist ihn ziemlich langsam. Ich versuche das mal zu simulieren.«

In die Grafik kam Bewegung. Ein Punkt begann, den Planeten zu umkreisen.

»Die Bahnebenen weisen nur vernachlässigbar kleine Differenzen auf. So genau kann ich das jetzt nicht darstellen.«

»Es wird schon reichen«, meinte Jake. »Sieht so aus, als ob sich der Mond in zwei Tagen in den Planetenschatten schiebt. Und wenn deine Berechnungen stimmen, wird er erst zehn Tage später wieder aus ihm heraustreten.«

Zwischen Roarys Augen bildeten sich zwei senkrechte Falten. »Soll das heißen, dass dann zehn Tage lang Sonnenfinsternis herrscht? Auf einem Planeten mit vier Sonnen?«

Suri streifte wie zufällig Roarys Körper und spürte, wie er die Berührung durch leichten Gegendruck erwiderte. »Ganz genau. Aber es betrifft nicht den Planeten, sondern den Mond. Das ist die längste Sonnenfinsternis, die ich je erlebt habe.«

»Es ist die Einzige, die ich je erlebt habe.«

»Dann kannst du dich auf ein schönes Schauspiel freuen.«

 

Suri untersuchte die Instrumente im Cockpit des Landeshuttles, als Denise zu ihr trat.

»Die Triebwerke sind einsatzbereit. Diesmal habe ich mehr Daten über den PH1-Mond, und wir können den Landeplatz vorsichtiger wählen. Noch so ein Touchdown wie letztes Mal, und das Shuttle ist hinüber.«

»Gut, bereite das schon mal vor.« Suri blickte nicht auf, sondern prüfte die Schaltkreise und Statusanzeigen des Kontrollsystems.

Denise stieß ihr spielerisch in die Rippen und deutete mit dem Kopf nach vorn. Durch die Cockpitscheibe konnten sie die Männer beobachten, wie sie Ausrüstung zusammensuchten. Die Technikerin zwinkerte ihr zu. »Du bist wirklich verrückt.«

»Wieso?«

»Na, ganz ehrlich. Du warst doch schon scharf auf ihn, als wir noch glaubten, er sei der Serienkiller.«

»Quatsch.« Suri war entrüstet.

Denise verdrehte die Augen. »Naja, süß ist er ja.«

»Hör jetzt auf! Und lass bloß die Finger von ihm!«, drohte Suri lachend.

 

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-22, Bordzeit 11:50 Uhr:

Logbucheinträge von Mutterschiff und Shuttle synchronisiert. Gesamte Besatzung auf PH1-Mond gelandet. Kein Kontakt zum Bodenteam möglich.

Kdt. S .K.

 

Das Landegebiet des Shuttles lag ein Stück abseits der Sendestation. Sie ragte als bizarres Gebilde vor ihnen auf, ein Kuppelbau mit zahlreichen, kompliziert aufgebauten Turmkonstruktionen. Sie hatten bei ihrem ersten Besuch vermutet, dass dies die eigentlichen Antennen waren. Doch das Prinzip hatten sie nicht verstanden. Ted war so fasziniert gewesen, dass er den Sender unbedingt reparieren wollte. Suri sah noch das freche Grinsen in seinem mit Sommersprossen übersäten Gesicht vor sich, als er darauf bestand zu bleiben.

Der Mond hatte eine hohe Ozonkonzentration in der unteren Atmosphäre, die deshalb für Menschen nicht atembar war. Das wussten sie durch die erste Landung hier. Doch im Inneren der Station war die Atmosphäre erdähnlich. Um die Distanz zwischen Shuttle und Station zu überwinden, mussten sie ihre Raumanzüge anziehen. Sie bestanden aus hautengem, elastischem Latex, in das Nanokunststoffplatten eingebettet waren, zum Schutz vor Mikrometeoriten und Sonnenstrahlung. Die Kluft verhinderte zudem die Expansion des Körpers ihres Trägers, ohne unter Druck von außen zu stehen. Dadurch wurde größtmögliche Beweglichkeit erreicht. Nur der Helm war unter Druck gesetzt. Über dem flachen Sauerstoffbehälter hatten sie noch Rucksäcke mit Verpflegung und Ausrüstung.

»Oh Mann!«, hörte Suri Roarys Stimme durch das Intercom.

Er war hinter der Gruppe zurückgeblieben und betrachtete fasziniert den Horizont hinter der Station. Die ganze wüstenähnliche Landschaft war in tiefes Rot getaucht. PH1 schob sich langsam über den Horizont nach oben. Der gewaltige Gasplanet war sechsmal größer als die Erde. Schräg über ihm waren vier Fixsterne zu sehen. Zwei eng beieinanderliegende Sonnen besaßen etwa ein Viertel der Größe des Erdmondes. In einigem Abstand, aber schon fast von PH1 verdeckt, gab es eine große, helle Sonne ähnlich jener der Erde. Davor, wie ein Sonnenfleck, war noch eine kleinere, rötliche Sonne mit geringer Helligkeit auszumachen.

Auch Suri, Jake und Denise blieben nun stehen und ließen das außergewöhnliche Schauspiel auf sich wirken. PH1 stieg wie eine gigantische schwarze Scheibe am Horizont auf und schob sich unaufhaltsam vor die Licht spendenden Fixsterne. Zuerst verschwand die rote Sonne hinter dem Gasriesen. Dann wurde allmählich auch die große Hauptsonne verdeckt. Dies war vergleichbar mit einer Sonnenfinsternis auf der Erde. Nur dass hier kein Mond die Lichtscheibe verdeckte, sondern ein gewaltiger, fast den ganzen Himmel dominierender Planet. Sie konnten seinen schwarzen Schatten auf der roten Mondoberfläche unaufhaltsam näher kriechen sehen. Es waren Gebirge zu erkennen, doch nirgendwo ein Anzeichen von Tieren oder Pflanzen. Mit einem letzten Aufblitzen bäumte sich die Sonne gegen ihr Verschwinden auf. Schließlich wurden die Mondoberfläche und die vier Menschen darauf in Dunkelheit gehüllt. Die Taggrenze auf dem Wüstenboden entfernte sich unaufhaltsam von ihnen. Suri hatte das Gefühl, die Kälte, die sich draußen ausbreitete, durch den Raumanzug spüren zu können. Der weiter entfernt liegende Doppelstern war noch eine ganze Weile zu sehen, spendete aber nicht genug Licht, um den Einbruch der Nacht zu verhindern.

»Lasst uns reingehen«, entschied Suri.

»Ja«, entgegnete Jake, »der Wind nimmt auch stetig zu. Es scheint sich ein Sturm anzubahnen.«

In diesem Moment erhellte ein Blitz die Mondlandschaft. Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, doch die Menschen auf dem fremden Himmelskörper zuckten überrascht zusammen. Der Blitz formierte sich über den antennenartigen Türmen des bizarren Bauwerks zu einem breiten blauen Strahl, der wie ein Schwert senkrecht in den Himmel stach.

»Was ist das?«, fragte Jake.

»Keine Ahnung. Vielleicht das Signal, das Ted geknackt hat«, meinte Suri nachdenklich.

Die vier Raumfahrer setzten sich wieder in Bewegung. Die Intensität des Lichtstrahls wurde schwächer, je näher sie dem Eingang der Sendestation kamen. Dann lag die Station wieder dunkel vor ihnen. Kein Lichtschein mehr, weder von außen noch von innen. Sie wirkte ausgestorben. Suri trat unwillkürlich näher an Roary heran und suchte seine Hand.

Er lächelte sie durch das Visier an und ergriff ihre Rechte. »Du hattest recht, so eine Sonnenfinsternis ist faszinierend.«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Nur das Ende sehen wir leider nicht. Denn ich habe nicht vor, hier zehn Tage zu verweilen.«

»Ich auch nicht.«

Durch eine Schleuse betraten sie die Station. Drinnen war es dämmrig, aber alles ging automatisch. Der Druck- und Gasausgleich wurde durchgeführt. Denise öffnete als Erste den Verschluss des Helms. Die anderen taten es ihr gleich. Dann traten sie durch die Schleusentür in die große Halle. Suri schaltete einen kleinen Halogenstrahler ein, der im Schultersegment ihres Anzugs integriert war. Der Lichtkegel erhellte einen glatten, grauen Boden. Wände und Decke blieben im Dunkeln. Ihre Schritte hallten wie in einem Dom und ließen die Größe des Komplexes nur erahnen.

»Hallo!« Mehrfache Echos antworteten Denise. »Ted?« Ihrer Stimme war eine aufkeimende Panik anzuhören.

»Lass gut, sein. Wir werden ihn schon finden«, war Suris ruhige Antwort.

Ein schwefeliger Geruch lag in der Luft und machte das Atmen anstrengend. Suri versuchte, die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Die kleinen Anzugstrahler waren zu schwach, um mehr als den Boden vor ihren Füßen zu beleuchten. Ihre Schritte hallten wie Herzschläge. Ein unregelmäßiger Rhythmus. Der Herzschlag eines Sterbenden.

Endlich erreichten sie eine Wand, und Jake und Roary tasteten sie nach einer Öffnung ab. Ihre Handschuhe glitten kaum hörbar über das kalte Metall. Suri und Denise versuchten, die Fläche mit ihren Strahlern zu erhellen.

»Ich glaube, hier ist was.« Jakes Finger zeigten auf einen Spalt.

Möglicherweise hatte er dabei einen Mechanismus ausgelöst, denn ein pneumatisches Zischen kündigte eine Bewegung an. Sie traten alle unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Mit metallenem Kratzen schob sich eine riesige Tür auf. Ein grelles Licht blendete sie. Es ergoss sich wie ein Schwall flüssiger Lava in die Halle, beleuchtete dennoch nicht die Decke oder gegenüberliegende Wände. Für einen Moment waren sie blind.

»Die Energieversorgung scheint noch intakt.« Suri schaltete ihren Strahler aus, schirmte die Augen mit der Hand gegen das blendende Weiß ab und trat vorsichtig in den Raum. Roary war neben ihr, hatte aus Reflex die Pistole gezogen und sicherte den Raum nach Polizeiart. Als sich Suris Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, wurde die schemenhafte Umgebung deutlicher: Schaltanlagen, Monitore, Apparaturen, deren Sinn sich ihr nicht erschloss und …

… und ein Mensch, der reglos mit dem Rücken zu ihnen auf einem Gestell saß, das an einen Barhocker erinnerte. Seine reglose Aufmerksamkeit schien den Armaturen gewidmet.

»Ted!«, rief Denise erleichtert.

Doch die Person reagierte nicht auf den Ruf. Zuerst sahen sich die vier Eingetretenen unschlüssig an. Dann fing Denise an zu kreischen und wollte nach vorn stürmen. »Ted! Ted!«

Jake hielt sie gewaltsam zurück. »Ganz ruhig, Denise. Keine unüberlegten Aktionen. Wir müssen erst prüfen, ob Gefahr besteht.«

In Suri keimte eine Ahnung auf, und sie musste schlucken. »Denise und Jake, ihr wartet hier! Roary, komm mit!«

Langsam näherten sie sich dem leblosen Körper. Ein fauliger Geruch breitete sich aus. Suri hielt sich angewidert die Hand vor den Mund. Dann konnte sie Ted von der Seite betrachten. Er war eindeutig tot. Der Verwesungsprozess hatte schon vor geraumer Zeit eingesetzt.

»Denise, du bleibst, wo du bist!«, befahl Suri in militärischem Ton. Als sie den zerfallenden Körper ihres Bordingenieurs genauer betrachtete, erbrach sie sich unvermittelt.

 

Roary legte die Pistole auf das Pult und schob Suri ein Stück zurück. Dann betrachtete er die Szene als Polizist, der einen Tatort untersucht. Ted saß an einem Pult, das übersät war mit unbekannten Symbolen. Die Oberfläche glänzte wie Glas. Vielleicht waren es Sensortasten. Sein rechter Arm steckte in einer aufgeklappten Öffnung und war stark verkohlt. Seine Finger waren um weiße, schillernde Bänder gekrallt. Wahrscheinlich Kabel zur Energieübertragung.

»Bleibt zurück!«, kommandierte er.

Ein leises Schluchzen von Denise war zu hören.

»Es sieht so aus, als hätte er einen Stromschlag erlitten.« Suri hatte ihre Fassung wiedererlangt.

Roary drehte sich um und sah, wie Denise Jake, der sie immer noch umklammerte, gegen das Schienbein trat. Er gab sie mit einem Schmerzensschrei frei, und sie jagte zu dem Toten. Als sie Ted sah, den man nur noch am Namensschild seines Anzugs erkennen konnte, und den Verwesungsgeruch wahrnahm, begann sie hysterisch zu schreien. Ihre Augen quollen hervor, und ihr Gesicht war verzerrt. Sie war so außer sich, dass keiner es wagte, ihr zu nahe zu treten.

 

Suri spürte die Verzweiflung ihrer Technikerin, sah, wie ihre Augen Roarys auf dem Pult abgelegte Waffe fixierten. Sie war unfähig, sich zu bewegen, doch ihr wurde klar, dass Denise den Gegenstand registrierte und als einzigen Ausweg einordnete. Bevor sie auch nur den Mund aufklappen konnte, um etwas zu sagen, Denise zurückzuhalten, hechtete die darauf zu, packte die Waffe und setzte ihrem Leben mit einem gezielten Kopfschuss ein Ende. Eine rote Wolke nebelte Suri ein, die, gelähmt von all der Grausamkeit, geschockt dastand.

Irgendwann hatte ihr Verstand die Bilder eingeholt, die ihre Augen wahrnahmen, und sie schrie auf. »Oh Gott!« Sie begann, unkontrolliert zu zittern.

Roary drückte sie fest an sich, um sie zu beruhigen. Suri schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen. Jetzt nur nicht durchdrehen!, hämmerte es in ihrem Kopf. Nur nicht durchdrehen!

Auch Jake näherte sich der Szenerie. Seine Bewegungen wirkten hölzern. »Nein, Denise … warum?« Seine Schultern sackten herab. Er wirkte verwirrt. »Was geht hier vor?«, hörte Suri ihn fragen. »Ted – was hat ihn getötet?«

Roary drehte sich nicht zu ihm um, sondern blickte Suri an. »Er scheint die Hand absichtlich da hineingesteckt zu haben. Möglicherweise ein Unfall. Ich glaube aber eher, es war Suizid.«

Suri war einen Moment sprachlos, dann fand sie ihre Stimme wieder. »Was? Aber wieso?«

»Keine Ahnung …« Roary ließ sie los, holte Wasser aus seinem Rucksack und begann, ihr das Blut und die Überreste von Denises Schädel aus dem Gesicht zu wischen. Suri hatte einen metallenen Geschmack im Mund und musste erneut mit Brechreiz kämpfen.

Roary reichte ihr die Wasserflasche. Sie spülte sich den ekligen Geschmack aus dem Mund und trank einige Schlucke, um ihren Magen zu beruhigen. Es wirkte.

»Ich sehe keine Anzeichen von Kampf«, führte Roary seinen vorherigen Gedanken weiter. »Er ist nicht gefesselt und wirkt – auf den ersten Blick – nicht misshandelt.«

»Aber warum sollte er sich umbringen? Was kann ihn dazu getrieben haben?«, fragte sie.

»Das würde ich auch gern wissen«, murrte Jake.

Roary zuckte mit den Schultern. »Selbstmord ist immer eine Reaktion darauf, dass man keinen Ausweg findet.«

»Also fühlte er sich verlassen. Ich habe demnach doch zu lange mit der Rückkehr gezögert. Lasst uns hier verschwinden«, flüsterte Suri müde und drehte sich zum Gehen um.

»Nein!« Jake schlug mit der Faust auf das Pult. »Soll alles umsonst gewesen sein? Nein! Ich will wissen, was das verdammte Ding sendet! Ich will wissen, warum er sich umgebracht hat!« Er begann, wild auf dem Pult herumzuhämmern. Schnappte sich die Pistole und ballerte wie von Sinnen im Raum umher.

Suri wurde von Roary auf den Boden geworfen.

»Ich will eine Antwort!«, brüllte Jake, und das Echo hallte noch lange in dem gigantischen Komplex nach. Dann wurde es schlagartig schwarz. Er musste das Bedienfeld der Beleuchtung getroffen haben. Sie befanden sich nun in völliger Finsternis.

Roary nutzte die Gelegenheit und stürzte sich auf den Co-Piloten. Er entwand ihm die Waffe. »Sind denn alle plötzlich verrückt geworden?«

Jake antwortete nicht und blieb resigniert liegen. Ein paar beklemmende Atemzüge später durchdrang ein schwaches, blaues Licht den Raum. Es kam aus der großen Halle.

»Lasst uns nachsehen, was das ist!« Suri bewegte sich entschlossen, aber vorsichtig in Richtung Ausgang.

Roary zog Jake auf die Beine, und die beiden Männer folgten ihr.

Die gewaltige, kuppelartige Halle lag immer noch in undurchdringlicher Dunkelheit vor ihnen. Die Wände waren nicht zu erkennen. Nur in der vermutlichen Mitte erhob sich wie eine gläserne Säule von etwa fünf Metern Durchmesser ein bläulicher Lichtstrahl vor ihnen. Er ergoss sich aus unzähligen winzigen Öffnungen im Boden bis in die Kuppel des Bauwerkes.

»Was ist das?«, flüsterte Jake.

Suri schüttelte den Kopf: »Ich weiß es nicht.«

»Lasst uns hier verschwinden«, meinte Roary ruhig. »Ich giere nicht nach Antworten. Ich will nur lebend hier rauskommen.«

In diesem Augenblick ging ein Flackern durch den Strahl. Es begann zu rauschen und zu knistern, als wolle jemand ein altes Transistorradio einstellen. Das Geräusch schwoll an und erfüllte den Raum. Dann formierten sich die Schallwellen zu einem Ton. Er wurde reiner und klarer und …

… zu einer fast menschlich klingenden, weiblichen Stimme: »Wir danken euch«, sagte sie freundlich.

In dem Strahl erschien das Bild von Suris Körper, wie eine Marmorstatue. Die Figur wirkte leblos und drehte sich langsam um die Hochachse. Dann gellte ihr Schrei von vorhin durch die Halle: »Oh Gott!« Es war eine Aufzeichnung des eben Geschehenen.

»Suri Kaliskan, Kommandantin der E.S.S. Tynwald«, erläuterte die Frauenstimme. Es flackerte, und ein anderer Körper formte sich. »Jake Sullivan, Techniker und Co-Pilot.«

Jakes Stimme schrie: »Ich will Antworten!«

Auf diese Weise stellte die körperlose Stimme noch Denise und Ted vor. Bei Letzterem hörten sie: »Was hab ich getan? Ich muss das abschalten!«

Sie sahen sich überrascht an. »Also doch kein Suizid«, murmelte Suri.

Zu Roarys Abbild kommentierte die freundliche Stimme »Garry van Basten, verurteilter Serienmörder.«

Roary lachte kurz auf. »Computer«, war seine lapidare Antwort auf den offensichtlichen Datenfehler. Passenderweise echote sein Satz »Sind denn alle plötzlich verrückt geworden?« durch den Raum.

»E.S.S. Tynwald, Erzfrachter, Bruttoraumzahl 2.448.000«, erklärte die Stimme weiter. Dazu erschien ein dreidimensionales Abbild der Tynwald. Es wurde kleiner, und der Mond von PH1 schob sich seitlich in den Strahl. Der Raumfrachter nahm eine Kreisbahn um den Mond ein. Auf der Mondoberfläche wuchs eine maßstäblich inkorrekte Darstellung der Station, in der sie sich gerade befanden. Ein Strahl ging von ihr aus und traf die Tynwald. Das Raumschiff wurde von dem blauen Licht ummantelt. Einige Sekunden später erlosch der Strahl wieder, doch das Schiff fluoreszierte immer noch blau.

»Wir danken euch für die Informationen.«

Suris Mund öffnete sich wie von selbst: »Wieso sprecht ihr unsere Sprache?«

»Danke für diese Frage. Ich lernte sie soeben aus der Datenbank eures Raumfahrzeugs.«

»Wer bist du?« Jakes Stimme hallte von den unsichtbaren Wänden des Komplexes wider.

»Die elektronische Steuereinheit dieser Sendestation«, war die Antwort. Diese Stimme hallte seltsamerweise nicht.

»Was sendest du?«, fragte nun Roary.

»Zunächst sende ich ein Locksignal, um eine moderne Zivilisation zur Landung auf diesem Trabanten zu veranlassen. Ich nutze eure natureigene Neugier und euren Ehrgeiz. Da sind sich die von mir bis jetzt benutzten Zivilisationen gleich. Ihr wollt unbedingt das Signal entschlüsseln. Durch euer Einwirken werde ich reaktiviert. Vielen Dank. Somit kann ich jedes Mal aufs Neue meinen Auftrag ausführen.«

»Was ist dein Auftrag?«, fragte Suri. Sie stand vor der Lichtsäule und blickte nach oben in sie hinein, als erwarte sie dort den Sitz des Bewusstseins dieser Station.

»Informationen beschaffen, auswerten, weiterleiten und potenzielle Bahnweiser markieren.«

»Was für Informationen?«

»Die Biowerte eures Planeten.«

»Ich habe ein schlechtes Gefühl«, murmelte Jake.

»Ich auch«, flüsterte Suri.

»Danke für eure Zusammenarbeit«, erfüllte die Stimme wieder den Raum.

»Was sind Bahnweiser?«, fragte jetzt Roary.

»Raumfahrzeuge, die uns den Weg zu unserem neuen Planeten weisen, damit wir ihn besiedeln können.«

Jetzt starrten sie alle drei offenen Mundes in den Strahl und beobachteten, wie die fluoreszierende Tynwald durch das Universum flog. Dann schwenkte sie in die Umlaufbahn eines Planeten ein – vermutlich der Erde. Vom Rand des Strahls ergossen sich nun unzählige kugelartige Gebilde und umringten den Planeten. Eines der Gebilde schoss einen kurzen Strahl auf die Tynwald ab, und der Frachter verschwand.

»Meine Erbauer benötigen in regelmäßigen Intervallen einen neuen Planeten zum Besiedeln. Aus diesem Grund haben sie Sendestationen in dem uns bekannten Universum errichtet.«

»Soll das heißen, dass ihr die Erde für euch wollt?« Suri war außer sich.

»Aber …« Jake wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl es kühl war. »… was soll dann aus den Menschen werden?«

»Danke, dass ihr uns mit eurem Schiff den Weg weist«, antwortete die Stimme mit beängstigend emotionsloser Freundlichkeit.

»Was soll das bedeuten?« Roary stierte in den nun wieder flackernden Strahl.

Suri schloss die Augen. Sie versuchte, das alles zu begreifen. »Ich denke, sie haben die Tynwald irgendwie markiert und wollen, dass wir sie damit zur Erde führen.«

»Das können wir nicht zulassen!«, brüllte Jake.

»Nein«, entgegnete Suri. »Lasst uns mit dem Shuttle zur Tynwald zurückfliegen und prüfen, ob wir diese Markierung entfernen können.«

Roary riss sich von dem ersterbenden Strahl los. »Ja, lasst uns zurückfliegen. Wir müssen das verhindern.«

Sie rannten durch die wieder in Dunkelheit versinkende Halle.

»Danke für eure Information«, knisterte es hinter ihnen her. Der Strahl begann, heftig zu flackern. Fast wie ein optisches Lachen.

 

Außer Atem erreichten sie die Schleuse, wo sie die Helme und Sauerstoffbehälter zurückgelassen hatten. Kleine Leuchtsignale an der Innenseite der Schleuse hatten sie durch die Finsternis zu ihr geführt. Vielleicht war das sogar beabsichtigt. Die Anzugstrahler hatten sie in der Aufregung völlig vergessen. Diesmal ging nichts automatisch. Der ersterbende Strahl in der Halle erzeugte einen beklemmenden Stroboskopeffekt. Suri hatte das Gefühl, ihr Herzschlag wolle sich der Lichtfrequenz anpassen. Sie ging in die Knie und rang nach Luft, während sie verzweifelt versuchte, den Helm einzuklinken.

Was sollen wir tun? Können wir überhaupt etwas tun?, fragte sie sich. Können wir je wieder zur Erde, nach Hause zurück?

Roary suchte derweil nach einem Schalter oder etwas in der Art, um die Schleuse zu schließen. Er tastete hektisch die Wände ab, doch es war nichts zu finden. Jake hantierte mit seinem Helm herum und beobachtete sein erregtes Umherwirbeln.

»Verflucht, wie kann man das schließen?«

In diesem Moment glitt die Schleusentür zischend zu und sperrte das Flackern des Strahls aus. Sie verriegelten ihre Helme und brachten die Sauerstoffversorgung in Gang, dann blickten sie erwartungsvoll auf die gegenüberliegende Tür. Suri musste sich zwingen, nicht zu hyperventilieren. Panik hatte sie erfüllt. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab die Station den Weg auf die Mondoberfläche frei.

Draußen fegte ein Sturm über die wüstenartige Landschaft. Das Heulen war bis in ihre Helme zu hören. Wie ein Todesschrei bohrte es sich in Suris Ohren. Aufgewirbelter Staub erschwerte die Sicht. Als sich die Schleuse hinter ihnen schloss, wurden sie von der totalen Sonnenfinsternis empfangen. Roary ergriff Suris Hand. Sie wandte sich um und erblickte Jake, dem die zärtliche Geste nicht unverborgen geblieben war. Es wirkte, als schmerze es ihn, sie verloren zu haben. Er wandte sich ab und marschierte auf die Stelle zu, an der das Shuttle sein musste, das durch das aufgewirbelte Sediment nicht zu erkennen war. Sie stolperten dem Lichtkegel ihrer Anzugscheinwerfer folgend durch die Dunkelheit.

»Wir müssen dem ein Ende setzen!«, keuchte Suri. Ab und zu blickte sie sich ängstlich um, ob sie verfolgt würden.

»Ja!«, hörte sie Jakes Stimme durchs Intercom. »Was für Möglichkeiten haben wir?«

»Habt ihr vielleicht Sprengstoff geladen?«, fragte Roary, während sie weiterhetzten.

»Nein. Erze«, antwortete Jake schon außer Atem. »Aber der Reaktor. Wenn wir die Tynwald …« Er sprach nicht weiter, als ob ihm der Gedanke plötzlich selbst absurd vorkam. Es würde bedeuten, dass sie nie wieder zurückkönnten.

Endlich erreichten sie den Pendler, öffneten hektisch die Luke und stiegen ein. Binnen Minuten heulten die Triebwerke auf.

Suri blickte ihren Co-Piloten an. »Du hast recht, Jake! Wir haben nur eine Möglichkeit. Wir dürfen jetzt nicht an uns denken. Die Existenz der gesamten Menschheit steht auf dem Spiel.«

»Das Blöde ist nur«, sagte Roary mit einem schiefen Grinsen, »dass nie ein Mensch erfahren wird, dass wir die Menschheit gerettet haben.«

»Ja, zu dumm«, antwortete Jake. »Keine Plätze oder Straßen, die nach uns benannt werden.«

 

Suri versuchte, das Shuttle ins All zu steuern. Doch es war fast so, als ob eine unsichtbare Macht an ihm zerrte und es im Schwerefeld des Mondes festhielt, es nicht entkommen lassen wollte. Auf den Anzeigen konnte sie den Kurs der Tynwald verfolgen. Selbst, wenn sie jetzt noch eingreifen wollten, wäre das Unvermeidliche nicht mehr zu stoppen. Die Bahn war über den Shuttle-Computer modifiziert worden. Es gab kein Zurück mehr. Sie hatten überlegt, ein Warnsignal ins All zu senden. Doch sie verwarfen diese Idee wieder, denn so ein Signal konnte von Neuem die Neugier einer Zivilisation wecken …

Die Männer überprüften im hinteren Teil des Raumpendlers die Ressourcen, die ihnen noch zur Verfügung standen, um eine Weile zu überleben. Roary kam zurück und stellte sich hinter Suri.

»Wo ist Jake?«, fragte sie.

»Er überprüft noch die Wasseraufbereitung.«

»Mit dem Shuttle haben wir kaum eine Überlebenschance.«

»Ich weiß …«

In diesem Moment schrillte ein Signalton durch das Fahrzeug. Warnleuchten blinkten auf. Suri stierte auf die Anzeigen. »Der Kohlendioxidwert steigt an. Jemand manipuliert die Lebenserhaltungssysteme!«

Sie blickte verwirrt auf die Anzeigen und tippte auf der Tastatur herum. Bilder der Shuttle-Innenräume erschienen. Sie klickte sie durch und blieb an einer Darstellung hängen: Jake hantierte an der Luftaufbereitung herum. Er blickte hoch in die Kamera, Panik im Blick.

»Was geht hier vor?«, kam seine Stimme aus den Lautsprechern.

»Ich glaube, diese Sendestation hat nicht vor, uns entkommen zu lassen«, antwortete Roary in das Mikrofon.

»Ich werde das nicht zulassen …« Jake wühlte in einem Gewirr von Kabeln herum. Plötzlich schrie er auf, und sie sahen, wie er zu Boden fiel. Das Licht flackerte, bis der Spannungsüberschuss des Kurzschlusses abgebaut war.

»Ich kann nichts machen.« Suri gab es auf, die Tastatur zu bearbeiten. »Wir werden langsam ersticken.«

Roary stand hinter ihr und hatte die Hände liebevoll auf ihre Schultern gelegt. Er küsste sie zärtlich in den Nacken.

»Ich will hier nicht in Zeitlupe krepieren«, flüsterte sie.

Er zog die Waffe und untersuchte das Magazin. »Nur noch ein Projektil übrig. Jake hat vorhin ganze Arbeit geleistet. Theoretisch könnte es uns beide töten. Doch einer von uns könnte auch nur verletzt werden und dann trotzdem qualvoll auf sein Ende warten müssen.«

Suri drehte sich zu ihm um, stand auf und blickte ihm tief in Augen. »Ich hätte gern mehr Zeit mit dir verbracht.«

»Ich auch.«

Er begann, sie zu küssen. Dann blickte er in ihre Augen. »Ich kann einen Menschen mit bloßen Händen töten«, flüsterte er. »Vertrau mir! Es wird schnell gehen, und du wirst nichts spüren.« Er drückte ihr die Waffe in die Hand, legte ihren Finger um den Abzug und drückte sich den Lauf gegen das Brustbein. Suri ließ es geschehen.

»Bleib ganz locker. Den Rest erledigen deine Reflexe.«

Er packte ihren Kopf mit beiden Händen, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Während er sie zärtlich küsste, stierte er auf die Anzeigen. Sie spürte, wie er mit sich rang.

»Es wird nicht wehtun.« Seine Stimme versagte.

Sie wusste, dass es keinen Ausweg für sie gab, kein Entkommen, für niemanden von ihnen. Ihr Blick fixierte die Kohlendioxidanzeige. Sie stieg langsam genug für einen qualvollen Tod. Dann schloss sie die Augen und ließ sich von dem Mann, den sie liebte, in Trance küssen. Ihre Hände drückten ihm die Pistole gegen das Brustbein. Seine pressten sich auf ihre Schläfen. Unerwartet riss er ihren Kopf zur Seite. In der Millisekunde, als sie das Knacken ihres zerberstenden Genicks hörte, sah sie auf dem Monitor, wie die Tynwald ihr Ziel erreichte. Ihre Reflexe reagierten wie versprochen. Der Finger krümmte sich um den Abzug. Das Projektil zerfetzte Roarys Brust, und beide fielen eng umschlungen auf den blanken Boden.

Der Computer des Shuttles zeichnete auf, wie die Tynwald in die Sendestation raste. Ihr Reaktor löste in Sekundenbruchteilen die geplante Kettenreaktion aus. Die Plasmawelle verwandelte ein riesiges Gebiet auf dem PH1-Mond in eine Staubwolke, die sich kuppelförmig ausbreitete und einen gigantischen Partikelsturm ins Universum schleuderte. In diesem Moment war das Shuttle frei und torkelte auf eine unkontrollierte Bahn.

Der Computer errechnete die Schwankungen und löste Alarm aus. Als nach vorgegebener Wartezeit keine Eingabe der humanoiden Crew erfolgte, schaltete er auf automatische Navigation um. Scannte die Umgebung und berechnete einen Kurs, der das Shuttle auf einen stabilen Waitingloop brachte, wo es von elektronischer Geduld getrieben auf Anweisungen wartete. Der automatische Logbucheintrag wurde verfasst:

 

Logbuch E.S.S. Tynwald, Borddatum 2342-04-23, Bordzeit 00:05 Uhr:

Mutterschiff terminiert. Unbekannte Sendestation terminiert. Signal abgeschaltet. Stabile lemniskatische Bahn um das zweifache Doppelzentralgestirn-System berechnet und durchgeführt. Kohlenstoffdioxidwert reduziert und stabilisiert. Keine Lebenszeichen an Bord. Schalte in Stand-by-Modus.

Tynwald

Main System Config.sys Error

Subsystem1

Stand by

 

Das Shuttle schwenkte in die berechnete Bahn ein, die eine liegende Acht um das Sonnensystem darstellte – das Zeichen für Unendlichkeit.



Jacqueline Montemurri wurde 1969 in Sachsen geboren. Sie studierte Luft- und Raumfahrttechnik in Aachen und lebt mit ihrer Familie in Neviges. Nach dem Studienabschluss begann sie damit Kurzgeschichten zu verfassen. Sie ist in verschiedenen Anthologien sowie im SF-Magazin Exodus vertreten. Ihr Debüt-Roman Die Maggan-Kopie war für den Deutschen Science Fiction Preis 2013, ihr Erzählband Fremde Welt für den Deutschen Phantastik Preis 2014 und Sonnenmondfinsternisstern für den Kurd Laßwitz Preis 2016 nominiert.

Homepage: www.jacquelinemontemurri.blogspot.de

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