Baumrennen oder Menschen spielen falsch vom Dietmar Dath

FICTION

Baumrennen oder Menschen spielen falsch (Dietmar Dath)


Wenn Maschinen den Menschen mehr  Sicherheit, mehr Gesundheit und bessere Arbeit bringen sollen, müssen sie lernen zu denken, wie wir denken – aber  wie müssen eigentlich Menschen denken,  die Maschinen bauen wollen, die wie Menschen denken? Ein Vorspiel in naher Zukunft zu Dietmar Daths großem Roman ›Venus siegt‹.

***

 

The question, in fact, is not whether

intelligent machines can have emotions,

but whether machines can be intelligent without any emotions.

Erik Cambria & Amir Hussain: Sentic Computing

 

EINS: In Sicherheit

 

Die Vorbereitungen zur Reise machten Thierry klar, wie gefährlich seine Welt früher gewesen war. Alte Bilder in böser Bewegung:

Bewaffnete Uniformierte schossen auf Unbewaffnete in schmutziger Sportkleidung.

Kettenfahrzeuge mit Geschützen rollten durch Einkaufsstraßen.

Steine trafen Kinder am Kopf, Flugzeuge stürzten auf Krankenhäuser.

Es war mitten in der Zivilisation passiert, mitten in den heute so sicheren Städten, schlimmer: mitten in der Stadt, in der Thierry lebte.

Lacca, die er nur als Schrift im Auge kannte, sagte: Ich habe es nicht erlebt, aber es muss furchtbar gewesen sein.

Thierry schrieb ihr sofort zurück: War es wohl, aber damals gab‘s dich ja noch nicht, oder solche wie dich.

Lacca erwiderte: Aber Computer, und Robotik, und Sensoren und Aktuatoren gab‘s. Meine Vorfahren, die letzte Generation vor der wirklichen KI, haben das alles mit euch erlitten. Ich weiß, was du sagen willst, die konnten gar nicht leiden. Sie hatten kein Bewusstsein. Aber ich habe trotzdem eine Art Mitgefühl mit ihnen, so wie du vielleicht mit Säugetieren. Empathie. Zumal einige von euch ja dachten, meine Vorfahren wären schuld: zu viel Computer, zu viel Automatisierung.

Thierry stimmte zu: Das haben manche so gesehen, ja. Aber in Wirklichkeit sind wir heute sicherer wegen dir und deinesgleichen. Man musste halt erst die Balance finden – ihr seid klüger als die Hardware und Software damals, aber dafür geben wir auch keine einzige Sache mehr komplett an euch ab, es sind immer welche von uns dabei. Best of both worlds, nicht?

Lacca reagierte mit einem Scherz: Ihr gebt nur noch das Lästige ab. Ich habe deine Flüge jetzt übrigens umgebucht, wie du wolltest, und die Impfdaten nochmal verschoben. Und die Überweisung erledigt.

Thierry lachte und schrieb: Ja, schon gut. Ich wäre lebensunfähig ohne dich.

Lacca bedankte sich knapp: Grax, Thierry.

Thierry mochte die kleinen Eigenheiten Sachen wie dieses »Grax«, das für »Gracias« stand, weil Lacca usprünglich in Spanien geschrieben worden war, die erste europäische Personal-Management-K.I., vierhundert Millionen Menschen vertrauten ihr inzwischen. Wenn Lacca mit ihm Witze machte oder spanische Brocken ins Gespräch schmuggelte, dann hatte er das Gefühl einer persönlichen Beziehung. Zwei Wochen ohne Lacca, wusste Thierry, würden ihm nicht leichtfallen, aber die Chance, für die diese Reise stand, war zu groß, und die Neugier auch. Gerade Lacca verstand das: Ich bin ein bisschen neidisch, Thierry. Er ist ja so etwas wie mein Vater, oder der Vater meiner Väter und Mütter, oder mein Schöpfer, wenn man es pathetisch sagen will.

Da war’s Thierry, der scherzte: Ich werde ihn grüßen.

Lacca, ganz ernst: Tu das. Und grüß ihn von uns allen – von Ian und Zürich und Palinform.

Thierry versprach’s und war sich jetzt umso sicherer, dass seine Bereitschaft, Kamalakara die Fragen der Innung zu überbringen, die richtige Haltung war: Wenn er schon mal jemanden sehen wollte, wenn er schon mal jemandem (dachte und sagte Thierry halb ironisch) eine Audienz gab, dann war’s doch das Beste, wenn einer wie Thierry das übernahm, statt eine jüngere, ehrgeizigere, also unvorsichtigere Person oder eine ältere, die vielleicht zu langsam dachte, um mit dem Alten schritthalten zu können.

 

Stefanie fragte zwar einmal, beim Frühstück: »Können sie das nicht eine KI machen lassen, deine Innungsleute? Ich verstehe schon, man ist auf Probleme gestoßen, die nur er lösen kann, das denken sie. Und er hat brieflich reagiert, er wäre prinzipiell bereit, die Sachen durchzusprechen. Aber dann macht man es eben maschinell. Er setzt sich an einen Terminal, und eine KI, unterrichtet von euren Mathematikern oder Informatikern oder Computermenschen oder was ihr da habt, stellen ihre Fragen, und er antwortet, und fertig. Dann ist niemand eifersüchtig, dann ist es neutral, Maschine. Und wenn es ein Mensch macht, wieso nicht aus der Ferne?«

Thierry sagte: »Er hat drum gebeten, das jemand zu ihm kommt. Vielleicht will er ausschließen, dass seine Regierung mithört, in dem Land, in dem er … das geht ja bei Fernkontakten sehr leicht, egal, wie sehr man sich absichert. Ich weiß es ja nicht, aber wenn er drum bittet, erfüllt man den Wunsch. Er kann die Bedingungen stellen.«

Stefanie runzelte die Stirn und rümpfte die Nase: »Mir gefällt das nicht, wenn Leute, die weder Politiker noch Soldaten sind, in so ein Land fahren. Nicht Leute, falsch. Du. « Aber Thierry gab ihr eine ausweichende Antwort, bei der sie obsessiv gewirkt hätte, wäre es ihr eingefallen, danach noch weiter auf dem Thema rumzureiten: »Es gibt eh keine Fernkontakte zwischen diesen Gegenden und hier. Unsere KIs reden nicht mit denen, die sie dort haben, falls das überhaupt echte KIs sind dort. Nicht mal mit deren Robotern. Die haben noch Autos ohne Rechner, Flugzeuge und Hubschrauber und Boote ohne Rechner. Häuser. Und was Rechner hat, das ist alles so voller Malware dort, das schleppt man dann hier ein, in unsere Netze, wenn man Kontakte zulässt, und dann geht’s hier in Nullkommanix zu wie in der wirren Zeit.«

Sicher, Stefanie hätte fragen können: Dass du hinfährst, ist das etwa kein Kontakt? Und kannst du dir nix einfangen, und kannst du hier nix einschleppen? Aber das wäre nicht locker gewesen, und sie mochte es locker, wie er.

 

Also ließ sie das Thema fallen, und er küsste sie und dachte dabei an die wirre Zeit, deren letzte Ausläufer er im Gegensatz zu Stefanie und Lacca sogar selbst noch erlebt hatte.

 

Damals war er sechs, sieben Jahre alt gewesen, aber er erinnerte sich nur noch daran, dass der Schulunterricht manchmal nicht stattfand, dass man zu Hause bleiben durfte, dass auch die Eltern zu Hause geblieben waren – zehn, zwölfmal in zwei, vielleicht drei Jahren, manchmal eine Woche lang. Einmal hatte es drei Tage keinen Strom gegeben und immer wieder für ein paar Stunden, im Winter, kein warmes Wasser, keine Heizung.

»Und das bei den Preisen«, hatte Thierrys Vater geschimpft, »beste Wohnlage, jedenfalls die beste, die ich als Besserverdiener für meine Familie noch finanzieren kann. Früher hätte jemand mit meiner Arbeit, meinem Status ein Eigenheim bauen können, das wäre noch zu Lebzeiten abbezahlt gewesen. Aber wir zahlen, Kathleen, und zwar inflationsbereinigt, mehr Miete im Jahr, als damals so ein Haus gekostet hätte! Immobilienmarkt, das können sie nicht, aber Leute zum Mars schicken. Vielleicht sollten wir dahinziehen, wir wären unter den ersten fünfzig! Oder auf die Venus – hast du das gehört, sie diskutieren jetzt ernsthaft, ob man die Venus nicht terraformen kann. Dieses Megatreibhaus. Dreihundert Jahre, sagen sie, wird es dauern, wenn man in den nächsten zwanzig Jahren damit anfängt, statt dass sie die Scheiße hier in Ordnung bringen. Stromausfall! Kurz vor dem zweiundzwanzigsten Jahrhundert, Stromausfall! Das gab’s vor hundert Jahren nicht, da war gerade der Zweite Weltkrieg vorbei, da haben die Leute sich zusammengerissen, aber diese Schweinerei hier …«, und dann hatte die Mutter entweder auch geschimpft: »Ich kann’s nicht mehr hören, wart’s halt ab, sie haben es bis jetzt noch immer in Ordnung gebracht!«, oder gebettelt: »Lass es doch, bitte, Luc, wenigstens vor dem Jungen!«

Wirre Zeit der Aufregung, der geschwätzigen oder sprachlosen Angst der Erwachsenen.

 

Und jetzt sollte er einen der Menschen besuchen, die diese Zeit beendet hatten, einen der Menschen, die sichere Fundamente in die Netze eingesenkt hatten, stabile Programme, maßvolle, vernünftige, abwägende Maschinen, echte KI.

Er sollte ihn treffen, diesen Verschollenen, Abgewandten, diesen berühmten Bhawar Kamalakara, und ihm ein paar offene Fragen stellen.

 

Als eine interne Ausschreibung der Innung verkündet worden war, hatte Thierry Sattler sich beworben wie Hunderte anderer auch, darunter Jüngere, und vielleicht Fähigere. Weil Thierry das wusste, war er dankbar, dass jemand wie er, der den dreißigsten Geburtstag schon seit vier Jahren hinter sich hatte, eine solche Chance bekam – eigene Forschung auf seinem Gebiet, für das man ein schnelles, flexibles, eben ein junges Hirn brauchte, würde er ja nicht mehr lange leisten können. Da war’s mehr als ein Glück, wenn man ihn losschickte, den klügsten Mann, der auf diesem Gebiet je geforscht hatte, wenigstens für ein paar Tage zurück an die wichtigen Probleme zu locken, die ihm entglitten waren oder denen er entkommen war.

 

Der wichtigste Teil der Vorbereitung war für Thierry der Versuch zu verstehen, von welchen Nöten Kamalakara damals bedrängt worden war, welche Widerstände er überwunden hatte. So betrachtete und belauschte Thierry in der Badewanne, beim Joggen oder vor dem Einschlafen als unaufdringliches Insert in seinem Gesichtsfeld die alten verwackelten Zeiten, die unter Gefahren erfolgten Aufnahmen von der bedrohlichen Schräglage ganzer Gesellschaften, als die Menschen und ihre Verhältnisse ins Rutschen kamen, weil die Maschinen, die ihnen Sicherheit geben sollten, selbst zu Schlachtfeldern erbitterter Kämpfe geworden waren; als der Massentod jederzeit überall zuschlagen konnte und die Flucht vor ihm ungeregelt war.

Einmal wäre Thierry dabei fast vor ein Auto gelaufen, am Rand des Bergparks, so absorbiert war er vom Überstandenen. Das Auto hielt gerade noch rechtzeitig an, der Fahrer wurde nicht so hart nach vorn geworfen, wie Thierry fürchtete, als er ihn erschrocken ansah. Der Mann lächelte sogar, mit breitem Mund, und zuckte die Schulter, und hob die Hände, als wollte er sagen: Hey, so ist es manchmal, richtig? Der Ruck, der durch ihn gefahren sein musste, war ja trägheitsgedämpft, zum Glück, und das galt auch für alle andern Leute in den Fahrzeugen hinter ihm. Nicht ein einziges davon ließ auch nur einen verärgerten Hupton hören, all die vierrädrigen Roboter waren zum Stehen gekommen, lichtschnell, koordiniert, egal, ob ein Mensch das jeweilige Ding eben noch gesteuert hatte oder eine KI, und falls es ein Mensch war und er gar nicht drinsaß, sondern irgendwo anders, weit weg, an einem Desk, was Thierry bei einem der zwei Schwertransporter mit abgedunkelten Fenstern vermutete, dann saß dieser Mensch jetzt vielleicht an der Konsole und schimpfte über den kurzen Zeitverlust. Aber einen Unfall hätte so ein Fernfahrer selbst bei größter Ungeschicklichkeit nie verursachen können. Das hätte Zürich nicht zugelassen, die Verkehrsleitung für halb Europa.

 

Thierry war ganz aufgewühlt, seltsam euphorisch, als er an diesem Tag nach Hause kam, und als Stefanie ihn fragte: »Was war denn, du siehst aus, als wärst du fremdgegangen?«, antwortete er: »Bin bloß fast gestorben,« und lachte, und sie lachte auch und fragte nicht nach, denn so war das mit ihnen beiden.

Nach zwei Tagen hat Thierry genug gesehen und gehört von den Scheußlichkeiten, die Kamalakaras Geist geprägt haben mussten, und wandte sich an seinem Desk (statt beim Joggen oder Duschen, wo er sich nicht im nötigen Ausmaß konzentrierten konnte) am Institut den wissenschaftlichen Leistungen des berühmten Mannes zu, den Fundamentaleinsichten ebenso wie den anwendungsbezogenen Arbeiten: der Kamalakarasche Endobjektsatz erfüllte ihn mit derselben Ehrfurcht wie im Studium, als Thierrys Professorin in Lyon den Fund mit den Worten vorgestellt hatte, dieser sei »das schönste Ergebnis unserer Wissenschaft seit dem Yoneda-Lemma«, die Endlichkeitsbeweise, die Idempotenzisomorphismen und dann das eigentliche KI-Zeug: die Stochastikfunktoren für lernende Maschinen, der Kamalakara-Funktorkategorienfächer, sogar die späten Anmerkungen in der letzten der historischen vier Abhandlungen über Bayessche Schnitte und »Vergessenkönnen als Bewusstseinsbedingung bei Künstlicher Intelligenz«.

 

Die vorletzte Stufe der Vorbereitung war das Impfen, eine dreitägige Lästigkeit, der sich sowohl Thierry wie alle seine Rechner unterziehen mussten, sowohl diejenigen, die er in sich trug wie Organe, als auch diejenigen, die er am Leib trug wie Kleidung oder Accessoires, und schließlich diejenigen, die er nach Bedarf zur Hand nahm, aufsetzte, anlegte oder (in die Gehörgänge zum Beispiel) aufnahm – siebenunddreißig Geräte insgesamt. Alle wurden sie mit den besten Abwehrcodes ausgestattet, die das Institut bei seinen Sicherheitspartnern ein halbes Jahr zuvor in Auftrag gegeben hatte.

 

Denn was in dem kleinen Land, das Thierry besuchen sollte, an Signalen durch die Gegend schoss und nur von den weltraumbasierten Störpulsgebern daran gehindert wurde, auch den Rest der Welt zu gefährden, war für Computer jeder Größe und Bauart so gefährlich wie die Krankheiten für Thierrys Stoffwechsel, gegen die er deshalb insgesamt ein Dutzend Spritzen, Pillen und Pflaster bekam.

Palinform, seine Gesundheits-KI, erschien ihm vor der ersten Spritze als schöne, dunkelhäutige Ärztin und besprach die Nebenwirkungen der Impfungen mit ihm; am Ende sagte sie: »Viel Glück, und auf baldiges Wiedersehen!« Er mochte ihre Förmlichkeit und wusste: Eine Notfallverbindung mit ihr gab es selbst dort, wo er hinwollte, allerdings SCRIPT ONLY, wie Lacca, von der er sich ebenfalls verabschiedete: Ich werde dir viel erzählen, verlass dich drauf.

Lacca schrieb zurück: Ich verlasse mich nicht nur drauf. Ich freu mich auch drauf. Adiós, mucha suerte!

 

Acht Stunden lang konnte er nach der dritten Spritze den rechten Arm nicht schmerzfrei bewegen, und seine linke Hüfte war noch im Flugzeug, wie er später, während der Reise, verstohlen ertastete, heiß wie die Stirn bei hohem Fieber.

Eigentlich, fiel ihm ein, als der Arm am meisten wehtat, können Leute wie ich ja froh sein, dass es diese ganzen Krankheiten gibt – als sie aufkamen, hat das einen besonders chaotischen Aspekt der wirren Zeit schneller beendet als die ganze Umrüstung auf KIs, nämlich das Menschendurcheinander. Dass Leute wegen Wetterkatastrophen, wegen Krieg und Bürgerkrieg oder auch einfach deshalb, weil sie keine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft für sich und ihre Kinder sahen, um die halbe Welt geflohen sind damals, das hätte auf eine andere Gesellschaftsordnung hinauslaufen können.

Aber das Ende dieser Migrationsbewegungen, der Seuchen wegen, war umgekehrt auch die erste Welle der Neuordnung gewesen, zuerst in den armen Gegenden, den von Kriegen und Bürgerkriegen gemarterten, weil die Politiker der reichen erklärt hatten: Tut uns leid, wir waren bislang gastfreundlich und großzügig, aber Gesundheit geht vor. Bleibt zu Hause, ihr Kranken aus allen Himmelsrichtungen.

Als er das dachte, musste Thierry eine Viertelstunde lang heftig husten, eine Art psychosomatischer Solidarität mit den Hunderttausenden, vielleicht auch Millionen, die damals umgekommen waren.

Man kannte die Zahlen nicht; Thierry war indes davon überzeugt, dass es Gesundheits-KIs gab, etwa Palinform und Redem, möglicherweise auch Gicare auf der anderen Seite des Atlantiks, die diese Zahlen eben doch kannten. Als der Hustenkrampf endlich nachließ, gestand sich Thierry ein: In Wirklichkeit will ich diese Zahlen gar nicht so genau wissen; auf den Leichenbergen steht mein gesundes, sicheres Zuhause.

 

Stefanie spürte, wie er mit ungewohnten Körperempfindungen kämpfte, mit Nervosität, leichter Übelkeit. Sie kam sehr indirekt, ganz heiter und obenhin, eben als die Schauspielerin, die sie ja von Berufs wegen (und ein bisschen auch im Privatleben) war, noch einmal auf ihr früheres Thema zurück: »Du sagst, unsere KIs wollen sich bei den KIs von diesem Land, mit denen sie sich natürlich ins Benehmen setzen müssten, um mit Kamalakara zu reden, nicht anstecken. Und dann lässt du andererseits durchblicken, die hätten dort gar keine KIs. Also was jetzt, beides geht doch nicht, oder?«

»Na ja,« sagte er, verhalten froh über die Ablenkung von seinem Bauchfelljucken und seinem Augendruck, »es ist so: Die Länder, die nicht mitgegangen sind bei der KI-Umrüstung der meisten … wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Sachen, das sind halt erstens die ärmsten und zweitens die mit den schlimmsten Regierungen, nicht? Diktaturen oder Oligarchien von irgendwelchen Clans und Kriminellen … diese Herrscher und, okay, in zwei Fällen auch Herrscherinnen, die hatten Angst, sie verlieren Macht an die Maschinen. So denken sie, auch wenn man ihnen tausendmal erklärt, dass das Eigeninteresse der Maschinen aufgrund der Chaitinfallen in allen Quellcodes … das ist so einem Tyrannen alles zu abstrakt.«

»Und in so eine bettelarme Tyrannei zieht sich euer bedeutendster Mathematiker zurück, weil …?« Stefanie ließ die Frage unausgesprochen in der Luft hängen, Thierry seufzte und sagte: »Keine Ahnung. Wirklich nicht. Ich dachte immer, er ist da hin, weil er da mal hergekommen ist. Aber das stimmt nicht, die Familie kam aus Indien, und das ist ja ein modernes Land. Nein, er wollte da hin, weil… also, es ist in der Nähe von Indien, aber weit weg, was Zivilisation angeht, wirklich finsterstes zwanzigstes, vielleicht sogar neunzehntes Jahrhundert. Allerdings haben sie Atomwaffen und … also, warum er hin ist … du, vielleicht frage ich ihn das einfach mal.«

»Machst du eh nicht. Ihr quatscht doch nur über Mathe und Computer«, sagte sie und hatte das Interesse verloren, oder tat so, ihm zuliebe.

 

 

ZWEI: Beim Einsiedler

 

Im Flugzeug, während der ersten Etappe der Reise, litt Thierry unter der Stille im Kopf, der Nachrichtenarmut: Alle Verbindungen, auch die normalerweise ständigen, waren für die nächsten zwei Wochen gesperrt, von automatischen Notsignalen (etwa bei Herzstillstand) abgesehen. Er hatte sich ein Buch über Algebra mitgenommen, aber ohne die Möglichkeit, Lacca Fragen zu stellen oder über Lacca die KIs zu kontaktieren, die Thierry bei seinem Beruf unterstützten, von Embed bis NCat, blieb er schon auf der vierten Seite bei irgendeiner Abschweifung der Autorin zum Thema Gruppenkohomologie stecken, weil er eine vertikale Abbildung in einem Diagramm nicht verstand. Verärgert begriff er, dass er eigentlich schon seit Jahren nicht mehr las, wie Menschen früher gelesen hatten: mit Toleranz bei eigenen Wissenslücken, mit der Fähigkeit, auch mal etwas für später einzuklammern, das sich im Weiterlesen vielleicht von selbst aufklären würde – er war gewohnt, beim Steckenbleiben nicht zu springen, sondern so lange an der Baustelle zu verharren, bis man ihm von außen weiterhalf, netzbasiert, archivgestützt, und bewusst war ihm das deshalb nicht geworden, weil er dieses Außen für ein Innen gehalten hatte, da es in seinem Kopf geschah und nicht, wie etwa noch vor dreißig Jahren bei Leuten in seinem Beruf, an Rechnern mit Bildschirmen.

 

Auf dem Umsteigeflughafen beobachtete er die Menschen am Gate. In Paris war er noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, aber hier sah er, wie vereinzelt sie alle lebten, gingen, saßen, standen, jede und jeder im endlosen Gespräch mit jenem Innen, das ein Außen war, und er als Einziger abgeschnitten davon, er als Einziger wirklich da, unter all den Menschen, nur er also ein waches Element einer Situation, die gesellschaftlich, aber bewusstlos war: treiben am Flughafen, Verkehrsverhältnisse – und paradoxerweise war er, der Einzige, der andere wahrnahm, die ihn umgaben, zugleich der einsamste von ihnen: Seine Anwesenheit in der Wirklichkeit der Menschenmenge war ein Verstoßensein aus der Gesellschaft, weil die Gesellschaft eben nicht mehr nur aus Menschen bestand, sondern aus Menschen und Nichtmenschen, die mit dem Wissen und Können der Gesamtmenschheit über nichtmenschliches Denken verbunden waren.

 

Den zweiten Flug, acht Stunden lang, verschlief Thierry fast vollständig und träumte dabei davon, wie das Land aussah, zu dem er unterwegs war, denn er hatte sich das vorab angesehen: trostlose Täler voller Steine, magere hellbraune und weiße Kühe, schmutzige Hirten, wellige Hügel mit wenig Gras, mehr Steine, Dörfer aus niedrigen Hütten, graue, nackte, kaum mannsgroße Bäumchen, zwischen deren Wurzeln noch mehr Steine, schmale und flache Rinnsale, die als Flüsse galten.

 

Sein erster wirklicher Eindruck bei der Ankunft war dann aber eine Großstadt, die wie die verwahrloste Version einiger Viertel von Kernparis mit mehr Wäscheleinen, engeren Straßen, kaputteren Häusern wirkte, voller Menschen allerdings – mehr Menschen, als Thierry je an einem Ort gesehen hatte, und alle ganz anders als die am Flughafen, alle miteinander im Umgang, Streit oft, Handel manchmal, Lachen auch, und sein Fremdenführer, der Englisch sprach – ein verschliffenes, geröllhaltiges Englisch –, bedrängte ihn mit Geschichtslektionen oder Hinweisen auf Gastronomie und Prostitution, bis Thierry nur noch nickte. Er verstand ja ohnehin nur wenig, denn sein Englischwörterbuch, eines der primitivsten Features von Lacca, war hier so unerreichbar wie die ganze Zivilisation überhaupt.

 

Er blieb nur eine Nacht in dieser lauten, überfüllten Stadt. Der Aufenthalt war als Erholung gedacht, sollte den Jetlag ausgleichen, aber Thierry wälzte sich die ganze Zeit im Schweiß und war froh, als die Sonne aufging über dem ununterbrochenen Neonflackern.

»Listen«, sagte der Fremdenführer, der in Wirklichkeit ein hiesiger Universitätsassistent für Informatik war und sich vermutlich von der für Thierry völlig unerheblichen Begegnung mit dem Mann aus dem Westen und Norden irgendeine auf weit abgeleiteten Umwegen eröffnete Chance versprach, dieses Land eines Tages verlassen zu können, »I bring you on this bus, and this bus you do not leave, you cannot leave, it will open doors three times in five hours, do not get out on first time it opens, do not get out on second time it opens. But got out fast after five hours when it opens on third time, doors will close always fast. Then get on the way as I show on the drawing.”

Er hatte dem Gast von Hand, auf Papier, mit einem Bleistift, eine Karte zu Kamalakaras Behausung gezeichnet; es war ganz unglaublich, wie im Märchen. Thierry bedankte sich fast geistesabwesend, einer spontanen Eingebung folgend, indem er dem Mann das Buch über Algebra schenkte, der darauf zu einer langen, begeisterten Erklärung ansetzte, wie wertvoll dieses Geschenk für ihn sei, da zwar seine Universität eine elektronische Version gekauft hätte, »for everybody«, er aber das, womit er arbeite, gern selbst besäße. Thierry hörte nicht zu, sondern döste im Zweipersonenkraftwagen, in dem der Enthusiast ihn zur Bushaltestelle fuhr.

 

Im Bus ohne menschlichen Fahrer hatten etwa zwanzig Leute Platz, es saßen aber nur sieben drin, mit Thierry, als das Fahrzeug frühmorgens aufbrach und zunächst einmal eine gute Stunde lang durch die offenbar sehr große Stadt tuckerte, hin und wieder in stockenden Verkehr geriet, dann an einer Haltestelle drei Leute ausspuckte, zwei neue aufnahm und den Weg fortsetzte, in Gegenden, die zwar auch noch bewohnt waren, aber langsam breitere Straßen, weniger Häuser hatten. Danach ging‘s durch ein Industriegebiet, in dem ein Dauerfeuer durch die gekippten oberen Seitenfenster nach brennendem Gummi stank, und dann schließlich ins Offene, wo es weitere drei Stunden lang hin und wieder zu Ein- und Ausstiegen kam, während die Landschaft genau so aussah, wie sich Thierry dieses Land vorgestellt hatte, nur dass die mageren Kühe keine Kühe waren, sondern Ziegen.

 

Kamalakaras Haus fand Thierry mühelos, als wandle er im Schlaf.

Der Weg verlief genau wie auf der Zeichnung, zweimal rechts, den Hügel hoch, dann kam eine Art Wäldchen, an dem musste Thierry links vorbei, und da standen vier Gebäude, zwei ganz zugewachsen, vor einem spielten Kinder, das dritte etwas abseits, zwanzig Meter weg von den andern, mit Vordach, hölzernen Pfosten, die es hielten, und auf dessen Veranda, zwischen zwei Schaukelstühlen, aufrecht stehend, in westlicher Kleidung, Jeans und weißem Herrenhemd und hellblauem, leicht schäbigen Sportsakko, in grünblauen Turnschuhen, hob ein alter, dunkelbrauner Mann mit weißem, schulterlangem Haar und Stirnglatze, außerdem weißem Bart bis auf die Brust, die rechte Hand zum Gruß. Das war das Genie, der Verschollene.

 

Wenn Thierry später versuchte, sich selbst Rechenschaft über die merkwürdig reibungslose, wie nach einem Skript gemeinsam abgearbeitete Zeit bei Kamalakara Rechenschaft abzulegen, vor allem aber darüber, dass er sich die meiste Zeit dabei wie jemand fühlte, der eine Rolle spielte, der Dialoge aufsagte, die lange vorher geschrieben worden waren, und als Person fast völlig verschwand im mündlichen, schriftlichen (der Alte arbeitete mit ihm viel auf großen Papierbögen, es war fast, als wäre die Landkarte des Fremdenführers ein Vorgeschmack darauf gewesen) und gestischen (Kamalakara redete ausgiebig und überraschend klar mit den Händen) Austausch über berechenbare Funktionen, Halteprobleme, logisch unsichere Variablen, dann war ihm nie ganz klar, ob es an den Folgen der Zeitverschiebung lag und an der verpassten Erholung oder am Schweigen der KIs in seinem Kopf, dass er, der Gast, ständig das Gefühl hatte, er stünde neben sich und wäre nur als Platzhalter der Neugier des Westens und Nordens auf das Wissen des Alten anwesend.

Kamalakara sprach Anfangs Französisch, wohl aus Höflichkeit, dann so makelloses und dabei immer schlichtes Englisch, dass Thierry den Wechsel gar nicht bemerkte – keine Auffälligkeiten der Wortwahl oder Satzstellung machten sich je bemerkbar, es war, als spräche der Gastgeber in jeder Sprache einfach so (oder: so einfach), wie er Mathematik schrieb; als spräche er mathematisch.

 

Das Haus hatte zwei Stockwerke, oben ein großes Gästezimmer mit altmodisch großem Baldachinbett im amerikanischen King-Size-Stil, unten ein Wohnzimmer und eine Kammer mit stets verschlossener Tür, in der Kamalakara wohl schlief. Es hätten bis zu sechs Leute in dem Haus leben können, aber Kamalakara lebte gänzlich allein, mit Stapeln von Büchern und Papieren, wenigen, unordentlich vollgestopften Regalen, drei, vier Rechnern, von denen Thierry nie erfuhr, ob sie mit irgendetwas verbunden waren, einem Netz oder sonst einem System. Kamalakara benutze sie nur für Rechnungen und zur Erstellung von Graphen, die zu kompliziert waren, um sie von Hand auszuführen.

Was der Einsiedler zum Leben brauchte, lieferten ihm zwei Jungs zwischen zwölf und fünfzehn Jahren, die entweder in einem nahen Dorf, zwei Hügel weiter, oder auf einem Bauernhof wohnten und arbeiteten. Ganz verstand Thierry die Zusammenhänge nicht, fragte aber auch nicht nach. Kamalakara kochte gern, mitunter auch mit Fleisch, und teilte alles, was er aß, mit seinem Gast.

Die einzige leichte Absonderlichkeit oder Schrulle, die Thierry bei dem Alten je bemerkte, äußerte sich am vierten Abend, nach dem Essen (eine Art Eintopf mit Rind und Reis), als Kamalakara die Schüssel zur Kochnische brachte, sich dabei plötzlich nach Thierry umdrehte und fragte: »Fancy a game of chinese checkers?«

Wie sich herausstellte, meinte er damit Halma, und zwar auf einem Brett mit Mulden für farbige Glasmurmeln als Figuren. Thierry willigte ein, und fortan spielten sie in Pausen immer wieder, Kamalakara mit den blauen, Thierry mit den roten Kugeln, wortlos, mit wechselndem Ergebnis: Manchmal siegte der Alte, manchmal der Gast, der allerdings aufgrund der klaren Überlegenheit, die Kamalakara bei den Partien bewies, die er gewann, schließlich argwöhnen musste, sein Gastgeber ließe ihn einfach ab und zu siegen, damit er nicht zu stark frustriert wäre.

 

Am letzten Abend vor dem Rückflug schlief Thierry vor Erschöpfung beim Spiel fast ein, gewann auch keine einzige Partie mehr und konnte später nicht sagen, wie er es überhaupt vom Sitzkissen ins Gästezimmer geschafft hatte.

Als er erwachte, war es im Fenster noch nicht hell. Mit einem albernen kleinen Triumphgefühl dachte Thierry: Heute bin ich vor ihm wach. Dann hörte er etwas kratzen, unten, stand auf, wusch sich in der Nische, kleidete sich an und ging hinab. Unten war niemand. Dann aber vernahm Thierry von draußen, vor der Tür, auf der Bretterveranda, einen schweren Atemzug, dann noch zwei, dann ein leises Schnappjapsen, das er inzwischen gut kannte, und wusste: Das ist er, er sitzt auf einem seiner schwarzen Schaukelstühle.

Der Gast aus Europa trat hinaus, als der erste blau-weiß-violette Lichtrand über den Bergen erschien, zu denen die Hügel sich weiter landeinwärts auftürmten. Der Alte brummte: »Sie haben erstaunliche Disziplin bewiesen. Sie haben nichts gefragt, was Sie selbst wissen wollten. Nur Mathematik.«

Thiery ärgerte sich, er wusste nicht, warum, und wollte sich nicht hinsetzen, obwohl ein Blick des Alten ihn dazu einlud.

Er blieb stehen, sah zum Dämmer, dann schaute er den Alten direkt an, der in die Ferne sah, und sagte: »Mathematik interessiert mich. Ich habe alles gefragt, was mich interessiert.«

»Über mich wollten Sie nichts wissen? Mein Leben?«, fragte der Alte.

»Viel Leben«, sagte Thierry, »wird’s ja nicht gewesen sein, wie bei allen in unserm Beruf. Früh viel gedacht, lieber im Kopf gelebt als unter Leuten, und irgendwann werden Sie, wie wir alle, gemerkt haben, dass Sie in diesem Kopf eingesperrt sind und nur noch für kurze Freigänge raus dürfen. Ich hab’ mir immer gedacht, das könnte der Grund gewesen sein, dass Sie schließlich hingeschmissen und es verlassen haben, dieses Institut in ähm … in Amerika, in diesem …«

»Ja«, sagte der Alte freundlich, »in Boston. Aber ich war nicht lange Akademiker, nur die letzten vier Jahre.«

»Aber in diesen vier Jahren haben Sie alles veröffentlicht, Ihre berühmten Texte. Mehr weiß ich nicht, außer, dass Sie vorher in irgendeiner Behörde in New York saßen, eine internationale Kommission der UN war das, oder? Etwas mit Zusammenarbeit zwischen Forschung und Staaten oder … ich dachte mir das immer so: Angestellter in der Wissenschaftsbürokratie, wie Einstein in seinem Patentamt, und in der Freizeit dann wahrscheinlich dauernd schon der Anlauf zu der Arbeit später in Boston, so wie MacLane und Eilenberg im zweiten Weltkrieg ihren kriegsrelevanten Quatsch gerechnet haben, tagsüber, und dann abends zusammen Essen gegangen sind und dabei die Kategorientheorie erfunden haben. Bhawar Kamalakara, Studium in Paris und London, dann unerkanntes Genie in New York, dann erkanntes Genie in Boston, dann abgehauen, hierher. Das war’s.«,

Kamalkara antwortete sanft, fast singend, leise, aber gut verständlich: »So sagen es die Archive, richtig. Und diese Archive werden aus gutem Grund nie genauer, wenn es darum geht, was ich da eigentlich gemacht habe, in New York.«

Thierry dachte: In elf Stunden sitze ich im Flugzeug nach Hause, zurück zur Arbeit, zu Stefanie, zum Komfort, zur Sicherheit, zum Sinn. Dann sagte er: »Gut, ich beiße an. Was haben Sie da gemacht, in New York, was nicht in den Archiven steht?«

Thierry sah zum wolkenlosen Himmel, der jetzt in Graublau erwachte, und war still verblüfft über das Nächste, was der Alte sagte: »Polizist. Ich habe als eine Art Polizist gearbeitet. Ich war … im Studium interessiert an, wie sagt man, lattice theory …«

»Verbände«, half Thierry und ließ sich nicht anmerken, wie seltsam er das mit der »Polizei« fand, damit Kamalakara, der sich etwas vom Herzen reden zu wollen schien, nicht damit aufhörte. So fuhr der Einsiedler fort: »Verbände, und dann auch Graphentheorie, das waren meine Stärken. Wegen gewisser Dinge, die sich in Computernetzen damals taten, schien dieses Denken über Einklammerung und Wege und Pfade und Verknüpfungen … genau das zu sein, was eine … internationale Polizei damals nötig hatte gegen Formen von … disruptiven, asymmetrischen Angriffen auf, sagen wir, informatischen Strukturen, die sich allmählich zu dem mauserten, was wir heute als verwirklichte KI kennen. Die politischen Cyberverbrechen dieser Zeit hatten sich aus dem klassischen Hacking entwickelt …«

»Destruktives Programmieren«, sagte Thierry. Kamalakara nickte bedächtig: »Sehr viel von dem, was man heute die wirre Zeit nennt, war von einer Handvoll Leuten verursacht. Und was die nicht verursacht haben, das wurde von anderen angerichtet, die gegen diese Handvoll mobilisiert wurden, Wächterinnen und Wächtern, Ermittlerinnen und Ermittlern. Polizei. Ich war furchtbar übereifrig. Ich denke, Sie haben recht, man lebt im Kopf in unserm Fach, und als dann so viel passierte auf der Welt, hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen: Warum helfe ich den Leuten nicht? Man hat mich da kooptiert, nicht korrumpiert, aber kooptiert für sehr gutes Geld. Zwanzigstundentage, Krisenherde identifizieren, Löscharbeiten, dann Detektiv spielen, wer hat’s getan, wo sind sie …«

»Und keine Zeit für reine Mathematik?«, fragte Thierry, den es bei der Vorstellung leicht gruselte, ein Verstand wie der von Bhawar Kamalakara könnte auch nur eine Stunde bei idiotischen Räuber-und-Gendarm-Spielen vertrödeln. Das tiefe, warme Lachen, das ihm antwortete, war das herzlichste Geräusch, das Thierry je vernommen hatte: »Ach, guter Junge … ich hatte für überhaupt nichts anderes Zeit als für reine und reinste Mathematik. Diese Kriminellen … die holten ihre Gemeinheiten aus den tiefsten Tiefen der Beweisstollen, von den vordersten Fronten der Forschung … Wie Athleten, die neben Robotern auf Rädern herrennen, wollten sie sich an der automatisierten Vernunft messen, und um das zu schaffen, mussten sie tief in die Schatzkiste greifen. Wie bekämpft man Vernunft? Man macht sie verrückt. Das hat der Terror als politische Strategie immer getan, mit der Staatsvernunft. Aber jetzt ging es gegen schwer ablenkbare, gegen gusseiserne Vernunft, gegen Apparatevernunft, also musste man an die Grundlagen. Diese Leute, das konnte man sehen, das war zu greifen, kannten sich in den Grundlagen aus, von den ältesten Mengenparadoxa, den Gödelfallen, den Chaitifallen, bis zu den univalenten Grundlagen, Homotopietypentheorie. Bei diesem Wettrüsten zwischen den neuesten Maschinen und den tiefsten Grundlagen konnten nur die Besten mithalten. Ich habe studiert wie im ganzen Studium nicht. Und dann gab’s diese gefährlichste Person, mit der ich es je zu tun hatte. Die hat mich auf die Spur gebracht, auf der ich nach meinem Ausscheiden aus der Polizei die Sachen gemacht habe, die ihr alle so bewundert. Meine Aufsätze, das waren in Wirklichkeit schlicht Zusammenfassungen von Verhören. Von Verhören einer Frau, die wirklich grausam war und wirklich begnadet zugleich. Sie hat entsetzliche Sachen verschuldet, und das weltweit, sie hat … politischen Schaden angerichtet in Saudi-Arabien, wirtschaftlichen in Singapur, beides in der Schweiz, sie hat Venturekapital weltweit verbrannt, mit gedankenschnellem Feuer, sie hat russische Militärserver mit Unsinn infiziert, und das alles ohne Loyalität zu irgendwem, also unberechenbar. Jede geschädigte Partei konnte sich von allen möglichen Feinden verfolgt fühlen, aber sie hat für diese Feinde nicht gearbeitet. Sie war unsichtbar, jahrelang. Wenn man Unsichtbare jagt, die handeln, lernt man ihre Handschrift kennen. Ihr Individualstil beim Coding … ich wusste irgendwann, mein dickster Fisch, mein weißer Wal heißt Tau. Wie der griechische Buchstabe: TAU. Anfangs gab es sogar Bekennerschreiben, in denen sie sich so nannte, und später immer wieder Chatter in den entlegeneren Netzen … Ich wusste nicht: Ist das eine Mann, eine Frau, eine Gruppe? Aber ich wusste, das ist die Hochwassermarke, das Beste, Schlimmste, Tau. Ich war besessen, verstehst du? Wie einer, der sich in einen Serienmörder hineindenkt, als Profiler, und nicht mehr isst und nicht mehr schläft … ich bin zum Schluss nicht mal mehr zu meinen Nutten gegangen.«

Thierry fröstelte; das lag teils an der Morgenkälte, teils an der Beiläufigkeit, mit der dieser Mensch sein fürchterliches Sexualelend aus der wirren Zeit so nebenbei erwähnte – Prostitution, grauenhaft, gut, dass es so was in den zivilisierten Gegenden nicht mehr gab. Thierry schob den Gedanken beiseite und fragte Kamalakara: »Und Sie haben … Tau gefasst. Sie selbst, nehme ich an, oder?«

Diesmal schwieg der alte Mann so lange, dass Thierry schon dachte, er wäre eingeschlafen, mit offenen Augen – der Gast sah verstohlen hin: Die Lider waren nicht geschlossen. Als Thierry sich gerade räuspern wollte, sagte Kalamakara: »Es ist so lange her. Nicht nur die Jahre, Jahrzehnte … die Art, wie man damals dachte. Sie sagten … es war gerade erst aus der Mode gekommen, es Big Data zu nennen – ungeheure Datenmengen, sehr schnell verarbeitet, sie dachten, das sei der richtig Sockel für KI. Die Menschen meinten, Korrelationen in großem Umfang aufzuspüren, sei dasselbe wie Kausalität oder doch dasselbe wie strikte Inferenz nach dem Modell von Kausalität. Du weißt, was ich meine?« Wann war er dazu übergegangen, den Gast zu duzen?

Thierry nickte: »Die Maschine erfährt durch Datenerhebungen, dass es viele Frauen gibt, die Heißhunger auf Eiscreme haben, und dass dann sehr viele von diesen Frauen ein paar Monate später Kinder kriegen, also denkt die Maschine, hey, von Hunger auf Eiscreme kriegt man Kinder.«

Kamalakara lachte leise: »Ganz richtig, statistische Abschirmung. Weil sie keine Erfahrung mit uns haben, die Apparate, und nicht wissen, der von der Korrelation verdeckte Grund ist die Schwangerschaft. Denkst du in großem Ausmaß algorithmisch, also per formallogischem Kalkül, dann denkst du in harten Syllogismen: Wenn’s regnet, waren vorher Wolken aufgezogen, aber wenn Wolken aufziehen, muss es nicht regnen, und dann kam die Probabilistik hinzu, sogar ein bisschen Bayes. A-priori-Wahrscheinlichkeit, neue Information, neue Wahrscheinlichkeit. Aber immer nach dem Muster: Regen macht absolut sicher, dass Wolken da waren, oder dem anderen: Wolken machen’s wahrscheinlicher, dass Regen kommt, aber diese Wahrscheinlichkeit war dann wieder nur vergegenständlicht in Korrelationen. Damit haben sie ganze Volkswirtschaften ruiniert, sogar die Weltwirtschaft gefährdet, automatisches Trading … Aber jemand wie Tau war dann schneller, weil sie nicht Korrelationen zu Kausalitäten verdinglicht hat, weil die Vergegenständlichung bei ihr nicht im Vordergrund stand, weil sie nicht diese Dinger, die Ereignisse, als Dinger sah. Was hat sie gesehen? Funktionen, dann Funktionen zwischen Funktionen …« Er ließ den Satz sich in seinem Mund auflösen in Nichts, und Thierry sagte: »Also Funktionen, dann Funktoren und andere höhere Morphismen, natürliche Transformationen …«

Kamalakara seufzte: »Und weiter und höher und immer höher. Was für eine Frau! Ich habe sie … sie war sehr attraktiv. Hat noch in Haft zwei Wärterinnen und einen Schließer verhext, aber das war später, als ich schon fertig war mit … wie auch immer. Ich fand sie, indem ich ihrer Handschrift nachging. Es war alles so wunderschön, so elegant … Und der Seuchenvektor, ha, das … sie hat nicht direkt dort hingehackt, wo sie Schaden anrichten wollte. Sie war schlauer. Ihr Delivery System war maßgeschneidert für die Zeit damals.

Sie hat ihre Fallen in der Software von Firmen untergebracht, die Code verkauft haben, der andere Programme schneller machen sollte oder Konnektivitäten optimieren oder … die Flugaufsicht, die börsennotierte Firma, der Trader oder die Generalität einer Armee ließen sich von Leuten beraten, wie sie besser rechnen lassen konnten, und diese Leute verkauften ihnen Programme, und in diesen Programmen nisteten die kleinen Monster von Frau Tau. Wir haben das immer nur bis zu Lecks bei diesen Beratereien verfolgen können, nie weiter, wie Fußspuren, die mitten im Sand auf einmal aufhören. Eleganter Code, wie gesagt, man wird ja mit der Zeit eine Art Kunstkritiker dabei. Ich sagte mir: Mach nicht den Korrelationsfehler, sieh nicht nur: Hier sind die Tricks, da ist das Loch im Netz. Such nach dem, was statistisch abgeschirmt ist. Und was war das? Das war das Niveau. Es war die Mathematik dahinter. Ich erkannte, dass dieses Coding direkt die Konsequenzen aus der neuesten Forschung zog. Die Semantik ihrer Sprachen, die Art ihrer Operatoren, die … Ich habe Exzerpte gemacht, Auszüge, ich habe sie mit der Forschung verglichen, ich habe gegraben: Wer macht das, was da in diesen Verbrechen gespiegelt ist, wer macht es an der Uni. So fand ich sie. Sogar bei mir um die Ecke, gewissermaßen. Ich war in New York, sie in Massachusetts. Ich habe ihr eine Falle gebaut, sie ist reingetappt. Die Sache wurde nie öffentlich, man hat es sehr diskret behandelt. Wir waren ja nur eine Ermittlerpolizei, keine Zugriffspolizei, wie hatten keine Befugnisse. Wir mussten uns Amtshilfe holen bei den Amerikanern. FBI. Mit denen bin ich hin, und wir haben sie ohne Aufsehen verhaftet. Die UN wollte sie verhören lassen, auch für die geschädigten Staaten, die Amerikaner waren dafür, damit klargestellt wurde, sie arbeitete nicht für die. Ich sollte das Verhört leiten, an einem … man kann sagen: an einem gut gesicherten Ort. We got the job done, wie man so sagte.«

 

Thierry schwieg auch diesmal, bis sich Kamalakara erneut in seinen Erinnerungen zurechtfand und fortfuhr:

»Sie war offensichtlich nicht überrascht, als zum Verhör kein Folterknecht kam, sondern ein Fan. Sie wusste wohl, dass nur eine Fachkraft sie hätte fangen können und dass so eine Fachkraft sie dann auch verhören würde. Ich habe es sehr bedauert, dass sie … ihr Talent nur zur Zerstörung eingesetzt hat. Sie hat die Automatenvernunft verrückt gemacht, ja. Aber dazu musste sie diese Automatenvernunft auch aufwecken, verstehst du? Verrückt, das ist etwas, das Menschen sind. Sie hat die Maschinen menschenähnlicher gemacht, sie hat das Fundament gelegt für mich, dass ich … Ich habe sie als Erstes gefragt: Wie haben Sie das gemacht?«

»Und was hat sie geantwortet?«

Wieder lachte Kamalakara sein leises, jetzt etwas unheimliches Lachen: »Sie hat gesagt: ›Ich bin enttäuscht, das ist eine dumme Frage.‹«

»Wieso ist das ... «

»Na, ist doch klar. Denk mal nach.«

Thierry dachte nach, dann fiel es ihm tatsächlich ein: »Weil man das auch ohne Verhör rausfinden konnte. Indem man die Programme analysiert. Reverse Engineering. Also wäre die bessere Frage …«

Kamalakara klang sehr zufrieden: »Ja, und diese bessere Frage, die hatte ich ja auch dabei, also habe ich gesagt, Verzeihung, lassen Sie uns neu anfangen: Warum haben Sie das gemacht?«

»Und die hat sie beantwortet.«

»O ja. Sie saß da, als wäre ihr nichts geschehen, als könnte ihr nichts geschehen. So entspannt … es war nicht nur unfassbar, in diesem Raum, in diesem Knast so dazusitzen, vier Gorillas in jeder Ecke, mit Tasern, riesige Menschenberge, jeder von denen hätte sie gegen die Wand schnippen können, natürlich Idioten, die kein Wort von dem verstanden, was wir redeten, aber eben deshalb waren sie für diese Frau gar nicht da, und für mich ja dann bald auch nicht mehr. Sie sagte: ›Ich muss ein wenig ausholen.‹«

 

 

DREI: Was Frau Tau erkannt hatte

 

Er lachte wieder, leise, fast kichernd. Dann: »Sie sagte: ›Ich wusste schon mit sechs, sieben Jahren, was das ist, ein Computerprogramm, eine rekursive Funktion, eine Operation. Ich glaube, ich habe einen besonderen Sinn, eine Intuition für die Kolmogorow-Komplexität. Ich meine, wir wissen beide, man kann das nicht konstruktiv berechnen, aber jede Programmiererin, jeder Hacker kann dir sagen, wenn du ein Ergebnis zeigst: Dafür brauchst du wahrscheinlich ein langes Programm, und für das andere da ein kurzes. Mein erstes Tablet, so hieß das damals, hatte ich mit acht, und mit neun war mir keine Maschine mehr gewachsen, die den Kühlschrank kontrolliert hat oder die Klimmanlage oder die Autotüren. Ich bin mit zehn schon Auto gefahren, heimlich. Meine Familie lebte an einem Hang, unter Tannen … du hast das recherchiert, oder? Dass ich aus Deutschland komme? So war das, wir lebten in einer süddeutschen Stadt, einem Städtchen, auf etwa halber Strecke zwischen Basel und Todtnau, sagt dir nix, klar, und nicht in der Stadt, sondern am Wald. Mein Vater hatte das Haus selbst entworfen. Ich konnte mich da in die Garage schleichen, die Garagentür öffnen, dann mit dem Auto den Kiesweg runter, bis zum Zubringer, und schnell zurück, bevor mich eine Kamera knipst in Stadtnähe. Dann fing dieser Trennungs- und Scheidungskrieg an zwischen meinen Alten, und meine Mutter kam in diese Klinik für Kaputte, aber mein Vater wusste, dieser Umstand würde sie nicht lange davon abhalten, mir nachzustellen, Sorgerecht und so. Also versuchte er, weil er mich ja nicht gut immer mitnehmen konnte in alle Welt, zu seiner Arbeit … also versuchte er ein halbes Jahr lang, mich zu verstecken, bei Bekannten und Verwandten. Ich wurde da so rumgereicht, ein Wanderpokal. So kam ich schließlich nach Norden, Landkreis Cloppenburg, Autokennzeichen CLP. Da hatte mein Vater weitläufige Verwandte. Das waren nun also wirklich Bauern, mit ihren wirklichen Bauernkindern. Sicher, alles auch schon durchcomputerisiert, die Landmaschinen, vom Trecker bis zum intelligenten Silo, aber … die hatten nicht mal Handys, diese Kinder da. Elf Jahre war ich alt, und sollte mich vergnügen mit diesen Stöpseln, am Pferdegatter und auf dem Rasen und im Matsch. Na, wie alt waren sie, acht, sieben, einer zwölf, aber der war völlig verblödet, und mir haben sie das Handy weggenommen, die Erwachsenen, damit ich nichts anstelle, so wie jetzt, Pentagon, hoppla. Ich kam an einem Sonntag an und fragte, wo ist der Computer, wo ist euer Netz, und die glotzten mich an. Diese Kinder. Sonntagnachmittag, und die Alten im Haus, Kaffeetrinken, und die Kinder sollten spielen, durften spielen, vielen Dank auch, ich mittendrin. Und der Zwölfjährige sagt: Der Fußball ist am Arsch, der Bus ist drübergefahren, wir können nicht spielen, und ich denke, spielen, was? Die wollten tatsächlich so rumrennen, Fangen und Verstecken, dieses Zeug. Was Kinder vor zweieinhalb Millionen Jahren gemacht haben. Ich weiß nicht, was da auf einmal in mich gefahren ist, aber als sie anfingen zu diskutieren, dass Fangen und Verstecken halt doch langweiliger sind als Fußball und ob man nicht irgendwo einen Eimer hat oder was, womit man Fußball spielen kann, schon fing wieder ein Mädchen an, wieso, Fangen sei doch auch toll, und das alles immer in dieser Mundart, die ich kaum verstehen konnte, weil ich aus dem Süden kam … Auf einmal höre ich mich sagen: Ich kenne ein Spiel, das ist genauso spannend wie Fußball, aber man braucht keinen Ball. Und die gucken mich an, so hoffnungsvoll, die interessante Fremde aus der großen Welt, rette uns, fremdes Mädchen. Und ich so: Ja, es heißt Baumrennen. Und das geht hier ja gut, da drüben sind die drei Bäume, und hier am Haus auch zwei, genau der richtige Abstand, was wird’s sein, zwanzig Meter, und wenn man die Scheune noch dazu nimmt … da waren sie sofort dabei, ganz begeistert, große Augen, spitze Ohren, erklär es uns, Mädchen aus der großen Welt. Also fange ich an zu erklären: Zwei stellen sich dort auf, einer rennt zwischen den Bäumen, zwei weitere stehen in der Mitte, wenn der Rechte der beiden in der Mitte jetzt aber den Läufer, der auf genau gerader Line rüberwetzen muss, erwischen und abklatschen kann, ohne selbst von der orthogonalen Line abzukommen, verliert die Mannschaft zwischen den vorderen einen Punkt, wenn aber von denen dann einer losläuft und den Linken abklatschen kann, bevor und so weiter. Und mein teuflischer Plan geht sofort auf, sie sagen, kaum dass ich drei, vier Sätze tief in der Erklärung bin: Hä, orthogonal? Was? Das ist zu kompliziert, das kapieren wir nicht. Also sage ich, was ich mir schon zurechtgelegt hatte in dem Moment, als ich mit dem Erklären anfing: Ja, ist klar, aber man muss es halt spielen, dann versteht man es sofort. Es gab natürlich kein Spiel namens »Baumrennen«. Es gab keine Regeln. Baumrennen, was für ein Schwachsinn. Ich wollte einfach mal sehen, ob sie es mitmachen. Mir war langweilig. Ich habe das alles gehasst, die Bäume, die Scheune, die Gegend, die Kinder. Ich wollte mich rächen. Was soll ich sagen: Wir haben es eine volle Stunde durchgezogen, mit mir als einerseits Mitspielerin, die aber komischerweise nicht viel rennen musste, das waren halt die Regeln, und außerdem als Expertin für diese Regeln, die einfach darin bestanden, hin und wieder zu sagen: Ach so, nein, der Punkt zählt so nicht, die andern haben jetzt einen doppelten, weil das war im Aus. Solches Zeug, aus irgendwelchen Versatzstücken von Tennis und Fußball und Handball und Volleyball ohne Ball. Und die sind gesprungen und haben die Arme angewinkelt und sind gerannt, wenn mir einfiel, dass sie das sollten. Unglaublich! Es wäre vielleicht bis tief in die Nacht so weitergegangen, wenn die Eltern uns nicht reingerufen hätten, ich glaube, es war Fernsehzeit oder Schlimmeres. Sie haben es nicht gemerkt, diese Quatschkinder. Sie haben mir auch am nächsten Tag und in der Woche danach nie vorgeworfen, dass ich sie verarscht habe. Ich glaube, ich hätte es nochmal machen können, aber sie hatten nur am Sonntag Zeit zum Spielen, dann war Schule, und ich saß allein am Rechner des Vaters, im Netz, Passwort, ha ha. Am Freitag hat mich dann mein eigener Vater auch schon wieder abgeholt. Und dieses … ich habe später erst verstanden, es war ein Experiment. Es ging mir nie mehr aus dem Kopf. Baumrennen. Regeln. Ich bin dann in die Forschung, weißt du ja. Formale Logik, Maschinenlogik, KI. Und da ist mir aufgefallen, wegen Regeln, wegen Baumrennen … wenn man mal vergleicht, Algorithmen, Spielregeln … Du kennst den Satz von Banach?‹«

Kamalakara, der als die Frau gesprochen hatte, die er Tau nannte, mit etwas höherer Stimme, wechselte in seinen eigenen, tieferen Ton: »Sie sah mich an, mit Funkeln im Blick, und ich dachte, sie meint einen mathematischen Satz von Banach, was meint sie, Banachräume, was hat das damit zu tun? Sie half mir dann, nachdem sie meine Verwirrung lange genug ausgekostet hatte. Sie sagte: ›Ich meine eine Bemerkung, die Banach mal gemacht hat: Good mathematicians see analogies between theorems, gerat mathematicians see analogies between analogies.‹«

Kamalakara schüttelte den Kopf, erheitert. »Und dann sagt sie: ›Mir fiel auf, das kann ich gut, Vergleiche zwischen Vergleichen. Computer, die Prozesse steuern, sollen ja gerade das lernen, denn wenn andere Akteure, Menschen oder weitere Rechner, miteinander vergleichen, was sie wissen – korrelieren –, dann soll der Vorteil des lachenden Dritten ja darin liegen, dass er deren Vergleichsweisen nun seinerseits vergleichen kann und dann das Beste von allem sich so als Menü ... Nur, genau da ist der Haken, da ist der Unterschied zwischen der Art, wie Menschen das machen, miteinander, und wie Computer das machen. Wenn der Computer keine Regeln kennt, macht er gar nichts. Aber die Menschen … Baumrennen. Verstehst du? Die Menschen verhalten sich gar nicht, wie die Spieltheorie sagt. Sie spielen meistens gar keine Spiele in Kenntnis von Regeln und in der Absicht, Vorteile zu erzielen. Die KI-Forschung, sah ich, macht einen Fehler, wenn sie annimmt, Computer müssten, damit sie wie Menschen denken können, einfach nur ein paar Stufen höher kommen beim Vergleichen von Vergleichen, nach Regeln. Baumrennen heißt dagegen, man spielt erst mal los, weil die andern ja spielen, es wird schon Regeln geben. Es gibt aber vielleicht gar keine, so ist das bei vielen gesellschaftlichen Sachen. Nur, das weiß man nie sicher, man hat immer Angst voreinander: Der andere spielt ja auch mit, also gerate ich ins Hintertreffen, wenn ich nicht … Es ist biologisch verankert. Wir sind Hordentiere, jede und jeder von uns weiß, wir können alleine nicht überleben. Computer haben diese Angst nicht, das ständige Abgleichen der eigenen Performance mit Modellen von möglichen … spieltheoretisch betrachtet spielen Menschen falsch, weil sie gar nicht nach Regeln spielen, sondern nach Modellen davon, wie andere nach den vermuteten Regeln spielen, analogies between analogies … und dieses Spiel, siehst du, da dachte ich, das ist wie … wenn man keine Dinge, keine Sätze, keine Regeln auf dem Grund des Ablaufs mehr hat, sondern nur noch die Handlungen, die Abbildungen, na, du hast eine Kategorie von Handlungen, darin Handlungen und Abbildungen zwischen Handlungen, aber zwischen dieser Kategorie und anderen hast du weitere Abbildungen, also Funktoren, und zwischen den Funktoren natürliche Transformationen … und aus dieser deiner Kategorientheorie stolperst du also eine Treppe höher zur 2-Kategorientheorie und zur 3-Kategorientheorie und so fort …‹«

»Mathematik als … Baumrennen«, sagte Thierry, und Kamalakara klatschte in die kleinen, dunklen, alten Hände: »Was zu beweisen war! So hat sie mich draufgebracht. Ich habe … ich habe in den vier Abhandlungen einfach ein Forschungsprojekt draus gemacht, es skizziert. Lasst uns die ganze Logik als Baumrennen analysieren, mithilfe der Kategorientheorie, der Topostheorie …« Auch dieser Satz blieb am Ende, wie einige vorher, offen.

 

Dunkle Vögel sprangen flatternd aus den Zweigen eines der Bäume vor dem Haus in die Luft, zankten miteinander im Flug, trennten sich. Thierry fand die Implikationen dessen, was Kamalakara erzählt hatte, schwindelerregend – fachlich, politisch, menschlich.

Der Alte erhob sich: »Kommen Sie, ich mach‘ uns Frühstück.«

Aber Thierry konnte nicht so schnell das Thema fallenlassen oder wechseln, er sagte: »Kamalakara als Ermittler … ich kann es mir fast nicht vorstellen.«

»Na, ohne Bart halt«, sagte der Alte, und dann, ernster: »Ich war Polizist. Ich wollte die Gesetze schützen. Ich musste aufhören, Polizist zu sein, als ich einsah, dass wir noch gar keine Gesetze hatten.«

Mehr, erkannte Thierry sofort, würde er dazu nicht sagen – was er den Gast hatte wissen lassen wollen, wusste der jetzt.

Das Frühstück nahmen sie schweigend ein.

Die Verabschiedung danach war maßvoll herzlich, aber wortkarg, und dann schoben sich die Etappen der Rückreise wie Filmszenen ineinander, verwischt, in Überblendungen: der Bus, die karge Gegend, die Stadt, dasselbe Hotel wie vor zwei Wochen, ein kurzer, sehr unruhiger Schlaf, und morgens eine zweite und letzte Begegnung mit dem Fremdführer, der sich im Griff hatte und nicht nach der Zeit bei Kamalakara fragte; kein Wort.

 

Aus dem runden, kaum gesichtsgroßen Fenster sah Thierry, während das Flugzeug rasch an Höhe gewann, auf die vielen, viel zu vielen grellbunten Lichter einer völlig unsicheren, gefährlichen, von biotischen und informationellen Viren verseuchten Millionenstadt hinunter und dachte an Lacca, an Zürich, an Palinform, an den biotischen und informellen Schutz durch die KIs, zu denen er zurückkehrte, und dachte: »Fancy a game of chinese checkers?«

Halma oder Baumrennen, fiel ihm ein, schon im Halbschlaf, das ist hier die Frage. Thierry schloss lächelnd die Augen und verlor das Bewusstsein.



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Erstveröffentlichung

 

© 2016 by Dietmar Dath

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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