Kurzgeschichte: Ich bin aus anderem Holz geschnitzt von Bernd Frenz

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FICTION

Ich bin aus anderem Holz geschnitzt (Bernd Frenz)


Bernd Frenz
24.10.2016

Killerclowns gehen um, Kürbisse werden geschlachtet, Kinder verwandeln sich in reißende Bestien und wer keine Süßigkeiten im Haus hat, zittert um sein Leben und verbarrikadiert die Tür: Es ist Halloween. Passend dazu bringen wir eine Halloween-Geschichte, in der eine Marionette lebendig wird und … aber lest selbst. 


***

Seit ich zurückdenken kann, bin ich anders als die anderen meiner Art. Vielleicht liegt es daran, dass jener Stamm, aus dem die Frucht meines Leibes erwuchs, seine Wurzeln in heidnischem Boden geschlagen hatte; vielleicht war es aber auch nur ein kollektiver Aufschrei von Millionen zur Leblosigkeit verdammter Körper, welcher aus verstaubten Kisten und Kartons auf vergessenen Dachböden zu mir herüberdrang. Ein Ruf nach Gerechtigkeit, für all jene Rechtlosen, die unter dem Joch der Menschheit und seiner grausamen Saat litten.

Ich weiß es nicht.

Gewiss ist nur eins – dass es kein Schicksal auf dieser Welt gibt, welches mit dem meinen vergleichbar wäre. Doch was auch immer der Grund für meine unheilige Existenz sein mag, mein Dasein war nicht von Beginn an mit Hass und dem Willen nach Rache vergiftet. Im Gegenteil. Ich kann mich bis heute gut an die Vorfreude erinnern, die mich durchströmte, als noch harte Eichenrinde meinen leblosen Leib vor dem eisigen Wind schützte. Deshalb verspürte ich den gefräßigen Schnitt der Motorsäge auch nicht wie die schmerzhafte Trennung einer Nabelschnur, sondern als einen Schritt nach vorn, hinein ins Licht.

Ich ängstigte mich nicht einmal, als das scharfe Blatt der Kreissäge an mir vorüberzog, denn ich wusste, es würde nur nutzloses Fasergeflecht ablösen, um meine gefangene Gestalt zu befreien und mich dem wahren Leben ein Stück näher zu bringen. Zu jenem Zeitpunkt konnte ich bereits denken und fühlen, doch erst als der grobe Klotz, aus dem ich entstehen sollte, durch die feinen Hände meines Schöpfers glitt, wurde mir klar, dass der wunderbare Akt der Geburt noch bevorstand.

Mein Vater war ein alter Herr, dem es bereits Mühe bereitete, die Kellerwerkstatt zu durchqueren, aber wenn er an seinem Arbeitstisch saß, fuhren die Werkzeuge in seinen kräftigen Fingern so sicher übers Holz wie eine Straßenbahn auf eingeschliffenen Schienen. Von seinen Haaren war nur noch ein aschgrauer Kranz geblieben, und irgend etwas außer dem Alter musste noch zu den bitteren Linien beigetragen haben, die um seine Augen und Mundwinkel einschnitten. Doch trotz der steten Trauer in seinem Blick sprach er mit einer festen Stimme voller Wärme, die ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte.

Er redete viel mit mir, während er ein ums andere Mal sorgfältig sein Schnitzmesser ansetzte, um die tote Späne von meinem nackten Schädel zu lösen. Millimeter für Millimeter schabte er sich an meine wahre Gestalt heran, formte meine Augen, die mich fortan die Schönheit der Welt sehen ließen und schnitt mir Ohren und Nase, damit ich dem Klang des Lebens lauschen und seinen Duft inhalieren konnte. Nur meinen Mund, dessen Lippen sich trotzig zusammenpressten, empfand ich als kleinen Makel, da er mir die Fähigkeit zu sprechen und zu schmecken verweigerte. So konnte ich nur schweigend zuhören, wenn mir der Vater von seinen Sorgen und Nöten berichtete. Wenn er etwa von der toten Frau sprach oder den beiden erwachsenen Söhnen, die ihn alle auf die eine oder andere Weise verlassen hatten. Wie gern hätte ich ihm dann mit ein paar tröstenden Worte geantwortet, doch dieses Privileg blieb mir Zeit meines Lebens versagt.

Nachdem der Vater meinen Kopf mit Haaren und Augenbrauen vervollständigt hatte, legte er ihn auf einem Regal ab. Von diesem Platz aus konnte ich die weitere Arbeit in Ruhe beobachten. Stets aufs Neue bewunderte ich seine ruhigen Hände, als er meine übrigen Glieder aus dem rohen Block formte, sie in komplizierten Arbeitsschritten immer weiter verfeinerte und schließlich mit Haken, Schrauben und Scharnieren zu einem beweglichen Körper verband.

Während der ganzen Tätigkeit unterhielt er sich mit mir, wohl ohne zu ahnen, wie aufmerksam ich ihm dabei zuhörte. So erzählte er mir von den Kindern, denen ich einst gehören, und all der Freude, die ich ihnen und ihren Spielkameraden bereiten würde. Seine ruhige und bestimmte Stimme schien die eines Propheten zu sein, und nicht eines Wirren, sodass ich all diesen Schilderungen Glauben schenkte. Nachdem er meinen Kopf mit dem Rumpf verbunden und mich eingekleidet hatte, fühlte ich mich wie ein Mann, der bereit war, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen.

Selbst als mein Schöpfer mir schmerzlich die Freiheit nahm, indem er mir Ösen in Hände, Knie und Füße trieb, um mich in die Fessel des Marionettenkreuzes zu schlagen, haderte ich nicht. War ihr hölzerner Gott mit der Dornenkrone nicht ebenfalls zur Bewegungslosigkeit am Kreuz verdammt? War ich vielleicht sogar nach dessen Abbild geschaffen worden, auf das mich die Menschen ehren sollten?

Unter diesen Umständen nahm ich das Joch der Sklaverei gerne in Kauf. Ja, ich war so voller Zuversicht für die Zukunft, dass ich den Versprechungen auf ein fröhliches Leben im Kreise der Menschenkinder blindlings vertraute. Bis heute erinnere ich mich gerne an jene glücklichen Tage meiner Jugend, da ich friedlich in der Werkstätte saß, um dem Vater bei der Schöpfung meiner Geschwister zu beobachten.

Die Tage verflogen so rasch wie der Dunst des Holzleims, der unsere Glieder zusammen hielt, während der dicke Volker entstand, dessen Ruhe nur von seiner Gutmütigkeit übertroffen wurde. Ihm folgte die schöne Isabell, deren elegante Anmut uns alle in Liebe entflammen ließ, und der kleine Andi, der mit seiner glänzenden Krone trotz seines Zwergwuchses bereits ein Kaiser war. Als letztes entstand der lange Erich, dessen Uniform ihn zum stolzen Soldaten machte.

Erst jetzt, da ich die Gemeinschaft meiner Geschwister genoss, wurde mir bewusst, wie einsam ich zuvor gewesen war.

Wir alle liebten einander, denn wir waren aus dem selben Holz geschnitzt. Trotzdem blickten die anderen zu mir auf, mit dem Respekt, der einem Erstgeborenen nun einmal gebührt; und ich blickte auf sie herab. Nicht nur, weil ich ein Regalbrett über ihnen saß, sondern auch wegen des unausgesprochen Wissens, dass ich von allen am höchsten entwickelt war. Ich ließ sie meine Überlegenheit jedoch niemals spüren, wenn wir uns des Nachts stumm und starr gegenüber saßen und ich uns allen ausmalte, wie es sein würde, wenn wir erst unsere vergnügte Zeit im Kreise der Kinder verbrachten.

Wir waren eine glückliche Familie, deren Mitglieder sich ohne Gier, Neid oder Zwietracht verstanden, eine Lebensweise, die den Menschen völlig fremd zu sein scheint. Gemeinsam erwarteten wir klopfenden Herzens jenen großen Tag, an dem es zum Markt gehen würde, wo uns der Vater an die neuen Besitzer verkaufen wollte. Oh, wir Narren, die wir die Lüge und die Niedertracht der Menschheit noch nicht ahnten – mit welcher Inbrunst wir jene Stunde herbeisehnten; und wie wir sie später verfluchten, als wir erkannten, was uns wirklich erwartete.

 

Das Unglück begann an einem jener klaren Oktobertage, an denen die Sonne trotz ihrer morgendlichen Schwäche zynisch vom Himmel lacht, um Kreaturen wie uns für ihr dunkles Schicksal zu verhöhnen. Wir verließen zum ersten Mal die Werkstatt, die nicht nur unser Kreissaal gewesen war, in dem wir das Licht der Welt erblickten, sondern auch ein warme Hort, in dem sich ein behütetes Leben vollzogen hatte.

Wie neu, wie fremd und wie berauschend doch all diese neuen Eindrücke waren, und wie bedrohlich sie gleichzeitig wirkten. Und ach, wie tat es uns im Herzen weh, die Allmacht des Vaters schwinden zu sehen. Wie demütigend es doch war, als er uns mit flehender Stimme den dahin hastenden Passanten anpries, von denen sich die meisten nicht einmal zu ihm umdrehten. Wie erniedrigt wir uns fühlten, so lange Zeit unbeachtet in der kalten Morgenluft zu sitzen, Geächteten gleich, die keines guten Wortes würdig schienen.

Nur von Zeit zu Zeit gelang es ihm, die eine oder andere Mutter an den Stand zu bitten, um die Qualität seiner Schöpfungen zu demonstrieren. Mögen sich auch gute Herzen darunter befunden haben, die spöttischen Blicke ihrer Kinder ließen sie umgehend vom Kauf zurückschrecken. Voller Verachtung spien die kleinen Tyrannen vor uns aus, um dann quengelnd nach Anderem, Besserem und Neuerem zu verlangen. Dem, was auch die Freunde ihr eigen nannten, und nicht so altem Gerümpel, wie wir es waren. Hätten wir die Bitternis erkannt, die in diesen neuen, für uns so fremden Worten lag, wären sicher dicke Tränen über unsere unbefleckten Gesichter gelaufen.

Es ist kein schönes Gefühl im eigenen Vater einen Heuchler zu erkennen, doch es sollte noch schlimmer kommen. Gegen Mittag, als die lauen Sonnenstrahlen endlich den Frost aus unseren Gliedern vertrieben, nahm das Schicksal seinen unabdingbaren Lauf.

Es war der kleine Andi, der an jenem Tag als erstes von uns ging – direkt in die Fänge eines pickeligen Jungen, der ihn nur auf Ermahnung seiner gestrengen Mutter entgegen nahm. Wir alle erhielten einen Stich ins Herz, als man den Jüngsten so jäh aus unserer Mitte riss. Erstmals wurde uns in unserer Naivität bewusst, dass wir die Zukunft nicht gemeinsam verleben, sondern in verschiedene Hände geraten würden. Wir wollten schreien vor Pein, doch die Furcht vor der Allmacht der Menschen schnürte unser Kehlen zu. Bevor auch nur ein Laut des Protestes die hölzernen Lippen verlassen konnte, war es schon zu spät. Wir schwiegen, als sie Andi von uns nahmen, und haben ihn danach nie wieder gesehen.

Als zweites traf es Erich, den großen Soldaten, dessen Uniform uns stets ein Gefühl der Sicherheit gegeben hatte. Trotz seiner Kraft stand ihm ein schwerer Weg bevor, denn sein neuer Spielkamerad weigerte sich, ihn überhaupt in Empfang zu nehmen. So verschwand er mit verrenkten Gliedern in den Tiefen einer großen Tasche, achtlos hineingestopft und mit der den Menschen eigenen Gleichgültigkeit misshandelt.

Ich kann bis heute nicht die Angst in seinen Augen vergessen, als sie ihn  verschleppten. Doch was sollten wir tun, wenn selbst ein Soldat vor solcher Übermacht kapitulieren musste? So haben wir erneut geschwiegen – und auch ihn nie wieder gesehen.

Im Bewusstsein unserer Hilflosigkeit verrann der Nachmittag in quälender Länge. Alles, was wir noch besaßen, war die Hoffnung, dass man uns Verbliebene vielleicht schonen würde. So ersehnten wir nichts weiter, als die schützende Dunkelheit, um uns die Gnade einer weiteren gemeinsamen Nacht zu gewähren. Vielleicht behielt uns der Vater ja, wenn er sah, dass die Kinder uns nicht wollten?

Wie demütigend dieser aus Angst geborener Gedanke doch war, wo wir doch längst wussten, dass wir einzig zum Zwecke des Verkaufes erschaffen wurden. Jede Selbstachtung verlierend, klammerte ich mich an dieses letzte Fünkchen Hoffnung, welches durch die ersten Vorboten der hereinbrechenden Dämmerung weiter Nahrung erhielt. Ich betete voller Inbrunst, dass die Dunkelheit den Markt beenden möge; dass nicht geschehe, was für mich schlimmer als der eigene Tod erschien! Es muss wohl ein gar zynischer Gott sein, dem die Menschen huldigen, denn ich wurde nicht erhört.

So brachen mir die grausamen Menschen das Herz, indem sie mir die Allerliebste nahmen. Bis heute sehe ich Isabells flehende Blicke vor mir, als ein blasiertes Mädchen nach ihr griff, um sie nie wieder herzugeben. Ich konnte die stumme Bitte hören, die sie an mich, ihren erstgeborenen Bruder, richtete, dem sie so sehr vertraut hatte, und der sie nun so schmählich im Stich ließ.

Ach hätte ich doch die Fesseln gesprengt und Widerstand geleistet, allein, die nackte Angst lähmte meine Glieder. So blieb ich stumm und starr, als sie mir die Schwester und Geliebte raubten. Feige schwieg ich; und sah sie zum letzten Mal in meinem Leben.

Dies war der Moment, in dem sich meine Angst erstmals in echte Wut verwandelte. Beinahe so, als ob es erst dieses größtmöglichen Verlustes bedurft hätte, um einen Prozess in Gang zu setzen, der sich bald darauf nicht mehr aufhalten ließ. Endlich erkannte ich die Hinterlist dessen, den ich für unseren Vater gehalten hatte. Zusammen mit dieser Erkenntnis durchströmte mich ein flammender Zorn, der meine Glieder so stark erhitzte, dass sie knirschend aneinander rieben. Doch ehe ich den Blick heben konnte, um ihm die Verachtung des verstoßenen Sohnes entgegenzuschleudern, ereilte Volker und mich überraschend das gemeinsame Schicksal.

Ja, Volker und mir war das einzige Glück jenes kalten Tages vergönnt, denn unsere Zeit der Sklaverei begann unter der Knute zweier grausamer Freunde, deren Mütter es für eine gute Idee hielten, ihren missratenen Söhnen das gleiche Geschenk zu machen. So besaßen wir, als man uns trennte, wenigstens den schwachen Hoffnungsschimmer, uns noch einmal wiederzusehen.

 

Brutal in das dunkle Gefängnis einer Einkaufstasche gequetscht, musste ich in der Gesellschaft von Kaffeefiltern, getragenen Damenstrümpfen und einer halbvollen Tüte Mentholbonbons den unwürdigen Transport in die Gefangenschaft antreten.

Einem Stück Vieh gleich, das man zur Schlachtbank führte, wurde ich in der erstickenden Enge durchgeschüttelt, bis sich meine verrenkten Glieder schmerzhaft um den eigenen Körper wickelten. Selbst nach Abschluss der unbequeme Reise wurde mir keine Linderung zuteil. Nachdem meine Käuferin die Kaffeefilter entnommen hatte, erleuchtete zwar ein halboffener Reißverschluss mein beklagenswertes Schicksal, doch die Arme blieben weiterhin so verknotet, wie die Fäden, an denen mein Leben hing.

Die Achtlosigkeit, mit der ich behandelt wurde, sollte jedoch erst der Beginn meines Martyriums sein. Als mich die Mutter nach Stunden des offensichtlichen Vergessens endlich aus dem Verließ befreite, wurde ich sofort den Klauen des kleinen Folterknechtes übergegeben, der mich ohne ein Wort des Dankes am linken Bein in die Höhe riss und in dieser schmerzhaften Position davon zerrte. Mein Führungskreuz an den verworrenen Fäden hinter sich her schleifend, verließ er den Raum, die nachgerufene Warnung, mich gut zu behandeln, nur mit einem verächtlichen Schnauben kommentierend.

Kaum hatte er die Schwelle zu seinem Zimmer übertreten, warf er mich auch schon mit einer beiläufigen Bewegung durch die Luft, sodass ich auf einen Ecktisch zuflog, dessen stählerne Beinkante meinen Sturz abrupt bremste. Bei diesem Zusammenstoß prallte ich so unglücklich auf, dass mein linkes Ohr zerbrach.

Seit jener Zeit bin ich auf dieser Seite taub.

Noch ehe ich die Zeit erhielt, den Verlust zu beklagen, prallte ich bereits so hart auf den Fußboden, dass die aufbrandende Schmerzwelle mir kurzfristig das Bewusstsein raubte. Nach einem weiteren Überschlag blieb ich mit verdrehtem Kopf liegen, während mein abgesplittertes Ohr ein Stück entfernt auf dem Teppich landete.

Ich wünsche mir noch heute, der Verlust hätte lieber meine Augen betroffen, dann wäre mir der Anblick erspart geblieben, der sich aus der Perspektive des Besiegten bot. Erst weigerte sich mein Verstand, das Schlachtfeld, auf dem ich mich wiederfand, richtig wahrzunehmen, doch die Fähigkeit, meine Lider zu schließen, ist mir leider nicht vergönnt. So blieb mir nichts anderes übrig, als zu sehen, was mein Geist nicht erfassen wollte.

Um mich herum sah es aus, wie in einer riesigen Grabkammer, in der ein Heer aus barbarischen Schwertkämpfern, mutierten Ninja-Schildkröten, Piraten, Feuerwehrmänner und Indianer den Boden bedeckte. Nicht wenige dieser plastikglänzenden Persönlichkeiten wiesen furchtbare Verstümmelungen auf. Manchen fehlte nur der Kopf oder einzelne Gliedmaßen, andere waren unter den Füßen der achtlosen Menschheit regelrecht zertreten worden. Obwohl viele dieser Geschundenen eine furchteinflößende Gestalt besaßen, empfand ich doch Mitleid mit ihrem Schicksal.

Wie gering war dagegen mein eigener Verlust, schließlich besaß ich noch ein zweites Ohr. Bald wurde mir jedoch mit eisigem Schaudern bewusst, dass mich, langfristig gesehen, kein besseres Ende erwartete.

Als das Deckenlicht erlosch, blieb die erwartete Dunkelheit aus. Statt dessen erhellte rhythmisches Flackern den Raum. Furchtsam blickte ich über den Friedhof aus verkeilten Körpern hinweg, aus dem ausgestreckte Arme und Beine wie Grabsteine in die Höhe ragten. In dem nun vorherrschenden blauen Schein wirkten die matt glänzenden Plastikkörper wie ein erstarrtes Gemenge, aus dem es kein Entrinnen gab. Trotz der Furcht in meinen Gliedern suchte mein Blick jenen Serienmörder, der die Zeugnisse seiner Taten so offen präsentierte.

Völlig gebannt starrte der Junge auf einen Bildschirm, dessen Flimmern den Raum gespenstisch erfüllte. Mit der Faszination eines Süchtigen verfolgte er gebannt die Bewegungen auf dem Monitor, die er auf geheimnisvolle Weise mit seinen Händen zu beeinflussen schien. Hin und wieder erklangen spitze Schreie und andere unheimliche Geräusche, die mich, verängstigt wie ich zu diesem Zeitpunkt war, stets zusammenfahren ließen. Zum ersten Mal seit Beginn meiner Existenz wünschte ich mir die Stille herbei, die des Nachts herrscht, wenn sich die Menschen zur Ruhe begeben.  

 

Als die Mutter am folgenden Morgen das Zimmer betrat, um ihren missratenen Sprössling für den Schulbesuch zu wecken, schöpfte ich erstmals Hoffnung, dass mein Schicksal nicht unabwendbar sei. Wie sie meinem bedauernswerten Zustand erblickte, begann sie ihren Sohn zu schelten und verbat ihm unter Androhung schwerster Strafen, mich noch einmal so zu misshandeln. Immerhin wäre ich teuer gewesen! Danach trug sie mich in die Küche, wo sie mit Hilfe einer klebrigen Substanz mein abgetrenntes Ohr notdürftig an seinem alten Platz befestigte.

Dabei stellte sie sich leider recht ungeschickt an, doch in Zeiten wie diesen ist man für jede gute Tat dankbar. Trotzdem blieb ich auf der linken Seite taub, sodass das angefügte Körperteil lediglich als hölzerne Prothese taugte, um das begangene Unrecht notdürftig zu kaschieren.

Als mein neuer Besitzer am Nachmittag aus der Schule kam, musste ich mich erneut in seine Hände begeben. Die demütigende Angst vor den Misshandlungen kehrte zurück, doch die Ermahnung der Mutter schien gefruchtet zu haben. Diesmal begnügte er sich damit, mich auf ein vor Büchern überquellendes Regal zu setzen und mit Gleichgültigkeit zu strafen. Das ich neu war, schützte mich vor seinen Nachstellungen, doch wie lange mochte dieser Zustand andauern? Wann geriet ich bei der Mutter soweit in Vergessenheit, dass der Schutz verwirkte?

Erstmals begann mich die Gedankenlosigkeit, mit der uns die Menschen gegenüberstanden, zu erzürnen. Dieses neue Gefühl hatte sich kaum in mir ausgebreitet, als sich der Junge anschickte, einen Spielkameraden zu besuchen. Die Jacke bereits übergezogen, wollte er aus dem Zimmer stürmen, doch seine Mutter hielt ihn mit der Forderung zurück, mich, sein neues Spielzeug, gefälligst mitzunehmen. Seine finsteren Blicke bewusst ignorierend, hielt sie ihm eine Tragetasche entgegen. Zwischen den beiden entstand ein Disput, der erkennen ließ, dass sich diese Art der Machtprobe des öfteren zwischen ihnen abspielte. Ich selbst war dabei nur ein Gegenstand, der als Mittel zum Zweck diente.

Schließlich setzte die Mutter ihre Autorität durch und zwang ihren Sohn, mich an sich zu nehmen.

In das stickige Verließ der Tüte gezwängt, ging ich mit auf die unerwünschte Reise. Unterwegs erhielt ich zahlreiche Stöße und Knüffe, weil die dünne Plastikhülle gegen die Wade des Kindes schleuderte, das in seiner Wut wie ein dem Zoo entflohener Elefant durch die Straßen trampelte. Am Ziel angekommen, schwanden meine Schmerzen jedoch rasch, denn als ich aus der Umklammerung des Beutels befreit wurde, sah ich zu meiner großen Freude den dicken Volker vor mir auf dem Boden sitzen.

Außer einem verrenkten Arm schien ihm nichts zu fehlen, doch wenn ich deshalb dachte, dass mein Bruder ein leichteres Los gezogen hätte, wurde ich bald darauf eines Besseren belehrt. Zunächst wurden wir von den Kindern mit üblen Schimpfworten belegt, die ich hier nicht wiedergeben möchte, doch Volker und ich ließen den Spott widerspruchslos über uns ergehen. Nicht nur, weil wir nicht sprechen konnten, sondern auch, weil uns die unverhoffte Wiedersehensfreude übermannte.

Nachdem die beiden Jungen ihrer Beleidigungen müde geworden waren, berieten sie eine Weile, wie sie den Nachmittag verbringen könnten. Es muss wohl die Langeweile gewesen sein, die sie auf die Idee brachte, Volker und mich in einem Boxkampf gegeneinander antreten zu lassen. Ehe wir uns versahen, standen wir uns bereits, Gladiatoren gleich, auf dem Teppichboden gegenüber.

Mit Hilfe der seidenen Fäden, an denen unser Leben hing, wurden wir sodann gezwungen, uns gegenseitig ins Gesicht zu schlagen.

Ohne Gewalt über den eigenen Körper, waren wir den Befehlen der Führungskreuze hilflos ausgeliefert, wie Soldaten, die einem Kommandeur blinden Gehorsam schuldeten. Anfänglich verlief die Auseinandersetzung noch zögerlich, doch mit der Zeit agierten unsere Peiniger immer hitziger, bis sie Volker und mich, jede Regel der Fairness missachtend, mit Schlägen, Tritten und Kopfstößen aufeinander hetzten.

Schon bald konnte ich nicht mehr unterscheiden, was mich mehr schmerzte – die Schläge meines Bruders oder die unkontrollierten Züge an den Führungsschnüren, die mir beinahe die Glieder aus den Gelenken rissen. Unter den Anfeuerungsrufen der beiden Spieler geriet die Konfrontation zusehends außer Kontrolle, sodass Volker und ich mehrmals mit dem gesamten Körper kollidierten. An dieser Stelle brach mein Besitzer den Kampf ab, da er zu Recht um die Unversehrtheit meines Leibes fürchtete.

Als er seinem Freund berichtete, welche Sanktionen ihn erwarteten, wenn mir ein ernsthaftes Leid zugefügt wurde, brach dieser in Hohngelächter aus und brüstete sich damit, dass er mit Volker alles machen könnte, was ihm beliebte. Wütend zog mein Herr diese Prahlerei in Zweifel, während in seinen Augen gleichzeitig die Lust an der Qual eines Hilflosen aufblitzte. Sein Freund, dem die Zerstörungsfreude ebenfalls anzusehen war, holte daraufhin ein Feuerzeug hervor.

Dieses feuerspeiende Ungetüm schien eine geradezu faszinierende Wirkung auf die Jungen auszuüben, wohl, weil ihnen der Gebrauch verboten war. Mein Herr, der natürlich nicht zurückstehen wollte, zog ein ebenso gefährliches Gerät aus der Hosentasche. Nachdem sie sich gegenseitig der Feigheit bezichtigt hatten, beugten sich beide Kinder mit offener Flamme zu Volker herab, um ihn zu quälen.

Seit unser Kampf so abrupt beendet wurde, konnte ich meinen Bruder nicht mehr sehen, da mein Kopf in unnatürlicher Weise verdreht war. Trotzdem blieben mir die Schandtaten der Kinder nicht verborgen. Ich konnte ihre kaum unterdrückten Freudenschreie ebenso hören, wie die erregten Kommentare, die den Fortschritt ihrer Untaten untermalten. Kaum hatte ich vernommen, dass Volkers strahlende Augen das erste Ziel ihrer Attacke sein sollten, roch ich bereits den Gestank angesengten Holzes.

Volkers stumme Schreie gellten in meinem gesunden Ohr, als sie ihn blendeten. Danach waren sein Gesicht, die Arme und der Schritt das Ziel ihrer üblen Launen. Mit jedem Quadratzentimeter, den sie Volker stärker entstellten, brodelte der Zorn so heiß in mir empor, dass sich meine hölzernen Glieder unter der aufkommenden Hitze verzogen. Erneut durchströmte mich ein hasserfülltes Prickeln, wie einige Tage zuvor, als Isabell von meiner Seite gerissen wurde.

Mein Körper begann innerlich zu vibrieren. Pure Verachtung pumpte durch unsichtbare Blutbahnen. Plötzlich schien alles möglich zu sein.

Wenn der Wille groß genug ist, vermag der Geist über das Fleisch zu triumphieren, so viel ist gewiss. Denn kaum dass die ersten Rauchschwaden an mir vorüberzogen, eroberte ich erstmals einen Anflug von Herrschaft über meinen Leib.

Zuerst war es nur ein Kribbeln im Nacken, in dem sich die Zornesglut so sehr angestaut hatte, dass sich das Holz unter der Hitze zu dehnen begann. Mit Hilfe meines eisernen Willens bewegte ich den starren Kopf in Richtung der unheilvollen Tat. Zuerst nur mühsam, unter lautem Knacken, dann immer leichter, als ob jemand ein verrostetes Gelenk geölt hätte.

Ich wandte meinen Kopf, nur, um etwas zu sehen, was gesunde Augen besser nie erblicken sollten. Damals eröffnete sich mir ein Bild der grausamen Menschheit, das sich bis heute in mein Gedächtnis gebrannt hat. Mit höhnischem Grinsen auf den Lippen standen die beiden Jungen über Volker gebeugt, um ihn mit ihren lodernden Flammenwerfern zu bestreichen. Wo immer mein Bruder von den Glutlanzen gestreift wurde, fraßen sie sich knisternd in sein schutzloses Fleisch, bis die fein polierte Oberfläche zu schwarzem Schmirgelpapier verkohlte.

Volkers Gesicht war bald zu einer undefinierbaren Masse geschmolzen, die jede Spur seiner ursprünglichen Identität verleugnete. Und als ob das nicht genügen würde, um die Verdorbenheit der beiden Kinder zu dokumentieren, verbrannten sie auch noch seine Arme, Beine und große Teile des Oberkörpers.

Trotz der hohen Konzentration, mit der die Übeltäter vorgingen, fiel meinem Besitzer irgendwann auf, dass in mir ein Augenzeuge ihrer Untaten erwachsen war. Seine junge Stirn legte sich in Falten, während er darüber nachgrübelte, wann sich mein Kopf in seine Richtung gedreht haben mochte. Mein Zorn war so groß, dass ich ihm die volle Verachtung ins Gesicht schleudern wollte. Ehe ich mir selbst darüber klar wurde, setzte ich den Gedanken bereits in Bewegung um. Knirschend schnellte mein Kopf in die Höhe, sodass wir uns plötzlich Auge in Auge anstarrten.

Mit einem Satz sprang der Junge zurück und ließ sein Folterinstrument fallen. Gleichzeitig zerrte er am Ärmel seines Freundes, um dessen Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Obwohl der andere die Bewegung nicht wahrgenommen hatte, blickte er ebenfalls ängstlich zu mir herab. Offensichtlich konnte sich beide daran erinnern, dass ich zuvor in eine andere Richtung gesehen hatte.

Schlagartig wich die Mordlust aus den jungen Gesichtern, die plötzlich zwei ängstlichen Kindern gehörten, die vor dem Unerklärlichen erzitterten. Obwohl beide nach rationalen Erklärungen suchten (und dabei auch nicht vor gegenseitigen Beschuldigungen zurückschreckten) ließen sie doch furchtsam von Volker und mir ab. Besonders mein Besitzer, der die Kopfbewegung mit eigenen Augen gesehen hatte, traute sich kaum noch näher.

In diesem Moment spürte ich erstmals ein Gefühl von Macht, die mir die Kraft zum Widerstand gab. Wenn ein einziger Blick genügte, um die vermeintlichen Herrscher in ihre Schranken zu weisen, was mochte dann erst geschehen, wenn ich mich richtig bewegen konnte?

Stolz fixierte ich meine Widersacher und weidete mich an ihrer Unsicherheit. Ich gefiel mir in der Phantasie, sie für ihre Taten leiden zu lassen, begnügte mich jedoch vorerst damit, sie den Rest des Nachmittags beim Spiel zu beobachten. Ein unschuldiges Treiben, das nun gänzlich ohne Misshandlungen des ihnen anvertrauten Lebens auskam.

Volker saß während der ganzen Zeit neben mir. Zerschunden und von brennenden Schmerzen geplagt, aber dankbar für meine Hilfe und meinem stummen Versprechen, sobald wie möglich für die Heilung seiner Wunden zu sorgen. Der spätere Heimweg gestaltete sich wesentlich ruhiger als meine Anreise.

Offensichtlich hielt der Schock vom Nachmittag lange an.

 

Die kommende Nacht verbrachte ich auf einem Regal, das sich in der am weitesten vom Bett entfernten Ecke des Zimmers befand. Die Unsicherheit des Jungen wurde fortan zur Quell der Freude für mich, welche mir die Mühen versüßte, meine Bewegungsfreiheit weiter auszubauen. Bei Anbruch der Morgendämmerung wurde meine Anstrengung belohnt, als es mir erstmals gelang, die linke Hand im Gelenk zu drehen. Obwohl ich mir einen schnelleren Fortschritt erhofft hatte, ließ ich mich nicht entmutigen. Meine Rasse erduldete seit Jahrhunderten das Joch der Menschheit, da kam es auf einige Tage mehr oder weniger nicht an.

Zumindest dachte ich das, ohne zu ahnen, wie sehr ich mich damit irrte.

In der folgenden Woche blieb ich unbeachtet auf meinem Platz sitzen und wurde auch zu keinen weiteren Besuchen mitgeführt. In dieser Zeit dachte ich viel über meinen bevorstehenden Freiheitskampf nach, und mir wurde klar, wie verletzlich ich doch letztlich war. Neben meiner Kraft würde ich auch die List in Anspruch nehmen müssen, deshalb verbarg ich meine Übungen geschickt im Dunkel der Nacht. Trotz aller Mühen ging es nur langsam voran, und ich würde bis heute nur Kopf und Hände bewegen können, wenn mich der Junge nicht – auf Druck seiner Mutter – erneut zu einem Besuch mitgenommen hätte.

Was mir zu jener Zeit noch fehlte, war der letzte Anstoß, der meine natürliche Gutmütigkeit verdrängte und die gewalttätige Seite, die in uns allen steckt, zum Vorschein brachte. Meine Wiedersehensfreude wurde bereits getrübt, als man mich in der fremden Wohnung achtlos auf einen Sessel legte. Nachdem ich mich vorsichtig aus der Tüte befreit hatte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass mein Bruder nirgendwo zu sehen war. Sosehr ich meinen Hals auch in den unmöglichsten Positionen verrenkte – im ganzen Zimmer gab es keine Spur von ihm.

Verwirrt blickte ich hin und her, selbst auf die Gefahr hin, meine neuen Fähigkeiten an die Jungen zu verraten. Zum Glück waren sie damit beschäftigt, sich mit einigen anderen Kindern zu verkleiden, um etwas zu feiern, das sich Halloween-Party nannte. Schreiend und lärmend ging es dabei zu, beinahe so, als ob die bizarren Kostüme ihre negativsten Eigenschaften nach außen kehren würden.

Irgendwann brach ich meine Suche schließlich enttäuscht ab. Nur die wage Hoffnung, dass man Volker zur Genesung in einen anderen Raum gebracht hatte, hielt mich ein wenig aufrecht. Als mein Besitzer schließlich den Heimweg antrat, bohrte ich mit beiden Händen ein Loch in die Plastiktüte, um vielleicht doch noch ein Lebenszeichen meines Bruders zu erhaschen. Aber weder im Flur noch im Vorbau war etwas zu entdecken, was auf Volkers Existenz hingewiesen hätte. Als wir den Garten erreichten, hatte ich die Hoffnung auf ein Wiedersehen bereits aufgegeben, bis ich durch Zufall einen Blick auf die Mülltonne warf. Mein Atem stockte, als ich ein hölzernes Bein sah, das, brutal vom Deckel eingeklemmt, über den Tonnenrand hinaus ragte.

Zuerst wollte ich es nicht glauben.

Jede Holzfaser meines Körpers wehrte sich gegen den Gedanken, aber es bestand kein Zweifel! Statt ihre missratene Brut zu strafen, hatten sich diese Menschen einfach Volkers entledigt. Erst geschändet und entstellt, dann weggeworfen! Wenn ich wenige Minuten zuvor noch gedacht hatte, jede menschliche Grausamkeit ertragen zu können, so ging dieses abstoßende Verhalten weit über mein damaliges Vorstellungsvermögen hinaus.

Nur zu gern hätte ich meine Fesseln gesprengt, um Volker aus diesem unwürdigen Grab zu befreien, doch der Schock raubt mir alle Kräfte, sodass ich ermattet zurück sank, unfähig, auch nur ein hölzernen Glied meines Körpers zu bewegen. Zwei Tränen aus Harz quollen aus meinen Augenwinkeln, um auf halben Weg über die Wangen zu erstarren und dort für alle Zeiten haften zu bleiben. Diese beiden Tränen sind für dich, mein geliebter Bruder, und all die anderen unserer Art, die auf so unwürdige Weise von uns gingen.

 

Obwohl ich mich wegen der Einsamkeit heftig nach dem Tode sehnte, ließ mein neu entfachter Zorn nicht zu, den Menschen kampflos das Feld zu räumen. So saß ich später dumpf brütend auf meinem Regal und beschloss, dass das Böse von nun an Gut für mich sein sollte. Die Ohnmacht des Tages war längst dem Dunkel einer unheiligen Nacht gewichen, deren zornige Magie von Minute zu Minute stärker hinter meiner Stirn pochte. Etwas Finstereres als Rachsucht schlich sich in mein Gehirn und harrte dort seines Ausbruchs. Etwas, das meine Glieder vibrieren ließ und mich mit Leben infizierte.

Spastische Zuckungen durchliefen meinen zitternden Körper.

Die Anfälle wurden immer heftiger, bis der Druck, der sich in meinem Inneren aufbaute, kurz vor der Eruption stand. Punkt Mitternacht brach ein starkes Unwetter aus, wie als äußerer Beweis der Entladungen, die in meinem flach auf dem Regal liegenden Körper vor sich gingen. Je mehr sich mein Geist auf den Hass gegenüber der Menschheit konzentrierte, um so größere Kräfte durchströmen mich, bis sich ein anfängliches Zittern meiner Glieder soweit verstärkte, dass ich wie eine auspendelnde Geldmünze auf dem Holzbrett klappernd auf und nieder sprang. Nur der Donnerhall eines nahen Gewitters übertönte die Wehen meiner zweiten Geburt, als sich die Schüttelkrämpfe in koordinierte Bewegungen verwandelten. Mit einem befreienden Aufschrei stemmte ich mich in die Höhe und stand das erste Mal in meinem Leben auf eigenen Füßen.

Plötzlich waren die Fäden des Führungskreuzes nur noch eine hinderliche Fessel, die mich an die Knechtung durch die Menschen erinnerte. Ich ging daran, dieses Zeichen der Leibeigenschaft abzustreifen, indem ich die Ösen aus meinem Fleisch riss. Ein schmerzhafter Vorgang, der mich trotzdem mit Freude erfüllte, da er die Freiheit bedeutete.

Als die letzten Ösen aus den Handflächen verschwanden, sah ich, dass die verbleibenden Wunden einem Stigma glichen. Ekstase brandete durch meinen kleinen Körper. Ich breitete die Arme aus, wie ihr hölzerner Gott, den sie ebenfalls zur Bewegungslosigkeit am Kreuz verdammt hatten, und begrüßte meine neu gewonnene Freiheit.

Nun wollte ich tun, was getan werden musste.

Ich knotete eines der nutzlos gewordenen Führungsseile ans Regal und ließ mich zum Boden herab. Stolz schritt ich an den Legionen geschundener Leidensgenossen vorbei, die nun all ihre Hoffnungen auf mich setzten. Mit Schwung enterte ich das Bett des Jungen und verharrte einen Moment an seinem Fußende.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, blickte ich noch einmal auf die im Zimmer versammelte Gefolgschaft aus verstümmelten Barbaren, Ninja-Schildkröten und Feuerwehrmännern, die stumm huldigend zu mir empor sah. Ich grüßte sie mit erhobenem Arm, wie ein römischer Imperator, bevor ich mich abwandte, um meiner von göttlicher Vorsehung gestellten Aufgabe zu folgen.

Leise schlich ich zum Kopfende des schlafenden Jungen und schlang ihm einen der verbliebenen Nylonfäden um den Hals. Es war nicht weiter schwer, denn sein Schlaf war tief und fest. Selbst als das dünne Seil tief in sein Fleisch schnitt, schlummerte er sanft weiter. Die feine Wunde, die bald um seinen ganzen Hals lief, benetzte das Kopfkissen bereits mit Blut, als er endlich Atemnot verspürt.

Von instinktiver Panik erfüllt, riss er die Augen auf, um voller Unverständnis in mein Gesicht zu schauen. Nie werde ich diesen Augenblick höchsten Triumphes vergessen. Sein unterdrückter Schrei war kaum mehr als ein Rasseln in der Kehle, das im Knirschen des Kehlkopf unterging. Sicherlich hätte er gerne mit seinen Händen nach mir gegriffen, um mich fortzuschleudern, doch da ich ihm die Hände zuvor ans Bett gefesselt hatte, war er mir hilflos ausgeliefert.

Sosehr er auch mit seinen Füßen strampelte und den Oberkörper aufbäumte – ich zog an der Schlinge, bis sein Hals einer gestopften Wurst ähnelte. Ich zog und zog, bis seine kleine Zunge hervortrat und sich schwärzlich färbte, und er wie ein Spielzeug zwischen meinen Händen erschlaffte.

Ich versuchte zu lächeln, aber meine Mundwinkel verweigerten jede Regung. Nach seinem Tod nahm ich die Nylonfäden an mich, zertrümmerte die Fensterscheibe und verschwand für immer aus dem Haus meiner Peiniger.

 

Seit jenen Tagen bin ich auf der Wanderschaft. Von Stadt zu Stadt, stets auf der Suche nach meiner geliebten Isabell und den anderen unserer Familie. Bisher konnte ich noch keinen von ihnen aufspüren, dafür fand ich ein ums andere Mal tiefe Rache, an diesem oder jenem kleinen Tyrannen, in dessen Haus ich mich schlich. Denn die Nacht ist von nun an mein Freund und ich selbst bin der schnelle Tod in der Dunkelheit. Drum achte auf dich, kleines Menschenkind, wenn du nach heiterem Spiel in Richtung Heimat eilst. Ich warte auf dich! Auf einer Parkbank, an einer Sandkiste oder einem anderen Ort der menschlichen Vergesslichkeit. In harmloser Maske lauere ich auf dich oder deinen leichtsinnigen Vater, der mich einsam sitzen sieht und mit nach Hause nimmt, um dir eine Freude zu bereiten. Ja, hüte dich kleines Menschenkind, wenn du des abends in dein Zimmer kommst.

Vielleicht bin ich bereits in deiner Nähe; und nichts hält mich auf.

 

Ende

 

 

© 1994/2016 by Bernd Frenz
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in: Glasnost Wave Magazin Nr. 43, September/Oktober 1994 mit Illustrationen von Andreas Keiser
Erstveröffentlichung der Halloween-Version in: Stefan Bauer/Marco Schneiders (Hrsg.), Die Nacht der Masken – Neue Halloween Geschichten, Bastei Lübbe, 2003

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Bernd Frenz (*1964) schreibt schon seit vielen Jahren Fantasy- und Science-Fiction-Romane. Er gehörte zu den Hauptautoren der Endzeitserie ›Maddrax‹, schrieb für den ›Perry Rhodan‹-Kosmos und verfasste drei ›S.T.A.L.K.E.R.‹-Romane. Mit seiner Trilogie über die ›Blutorks‹ hat er sich einen festen Platz in der deutschen Fantasy-Landschaft erobert.

Im Januar 2017 startet seine neue Trilogie ›Die Völkerkriege‹ bei FISCHER Tor.

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