Kurzgeschichte: Chrysalis (Becky Chambers)

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FICTION

Chrysalis (Becky Chambers)


„Wenn ich einmal groß bin, möchte ich Astronaut werden." - Kein ungewöhnlicher Wunsch aus einem Kindermund, doch was, wenn die eigene Tochter dieses Ziel nicht aus den Augen lässt, obwohl man weiß, was sie alles dafür opfern muss? Becky Chambers, Autorin von Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, schreibt mit Chrysalis eine bewegende Geschichte über das, was es wirklich bedeutet, für jemanden da zu sein.

 

 

Dienstag, 30. Dezember 2014

 

Ich nahm sie nicht weiter ernst, als sie es mir sagte. »Was willst du werden, wenn du groß bist?«, fragte ich bei Käsemakkaroni mit Brokkoli. Nur so konnte ich sie dazu bewegen, Gemüse zu essen – in so viel Soße ertränkt, dass das Grün nur noch eine vage Bedrohung darstellte.

»Ich will in den Weltraum«, antwortete sie.

»Pilotin«, sagte ich. »Cool. Deine Großtante war Pilotin, weißt du. Sie hat die Touristen rauf und runter geflogen.«

»Nein«, sagte sie. »Ich will Kundschafterin werden.«

Für einen Moment hörte ich auf zu kauen. »Ist dir denn klar, was das bedeutet?«, fragte ich. Gelassen. Ruhig.

Sie sah mich an, es war der gleiche verständige Blick wie bei unserer ersten Begegnung, während man ihre Haare von Blut und Flüssigkeit befreite. »Ja«, sagte sie.

Ich aß meinen Brokkoli. »Das ist nichts für ein Mädchen wie dich«, sagte ich. »Kundschafter sind Leute, die keine Familie haben oder mit anderen Körpern geboren wurden als wir beide.« Ich dachte, die Begriffe vorbelastet und behindert würden ihr Begriffsvermögen übersteigen, aber wie immer hatte ich sie unterschätzt.

Ein paar Stunden später kam sie mit dem Tablet in der Hand zu mir. »Du irrst dich«, sagte sie und deutete auf eine flimmernde FAQ. »Jeder kann sich da anmelden. Ich kann hin.«

 

***

 

Jahrelang versuchte ich alles. Ich wies sie auf Artikel über Dinosaurier und Vulkane und Tiefseefische hin. Ich überraschte sie mit Lernsimulationen, und wir verbrachten die Samstage mit der Erkundung von Biomen, den Kopf voller Lemuren und Kudzu, die Zehen im Wohnzimmerteppich vergraben. Danach war sie immer aufgekratzt und voller Fragen, und ein paar Stunden lang ließ meine Furcht nach.

Wenn sie im Bett war, überprüfte ich den Browserverlauf. Kometen. Sternenhaufen. Schwarze Löcher. Na gut, dann eben keine Regenwälder, dachte ich dann, aufs Geratewohl spekulierend. Vielleicht sind Wüsten besser. Probieren wir es mit Wüsten.

Wenn wir mit der Schnellbahn fuhren, zeigte ich auf alles Mögliche am Erdboden. »Schau mal, die Bäume«, sagte zum Beispiel. »Schau mal, der Fluss.« Schau dir alles an, dachte ich, solange es nur nicht der Himmel ist.

 

***

 

Als sie zum ersten – und zum letzten – Mal ihre Blutung bekam, kam sie in Tränen aufgelöst zu mir. »Das bedeutet, ich bin zu spät dran«, schluchzte sie. »Ich bin zu spät dran.«

Ich begriff nicht. »Dreizehn ist ein ganz normales Alter für …«

»Ich bin dabei, mich zu verändern, Mom. Vielleicht nehmen sie mich jetzt nicht mehr. Es ist … Es ist so viel schwerer nach …  nach …«

Ich schloss die Augen, blendete ihre Worte aus, blendete alles aus. Pubertät. Darauf wollte sie hinaus.

»Mom.«

Ich sah sie nicht an.

»Mom, bitte lass mich mit einem Anwerber reden. Bitte. Einfach nur reden. Nicht, um … Die Entscheidung treffen wir gemeinsam, ja? Lass es mich wenigstens versuchen.«

Vielleicht ist sie ja wirklich schon zu spät dran, dachte ich. Vielleicht bekommt sie eine Absage.

Doch noch während wir gemeinsam weinten, wusste ich, dass es nicht so kommen würde.

 

***

 

Die Arzttermine, die sich über Wochen und Monate und Jahre hinzogen, waren mir ein Gräuel. Ich verabscheute die freundlichen Gesichter der Ärzte, die Topfpflanzen auf ihren Schreibtischen, ihre mit Marmor ausgestatteten Praxen. Verabscheute Wörter wie Metabolismus und Reorganisation und Fortschritt. Verabscheute die Ärzte dafür, dass sie ihr neue Gene durch ihre sich verkrustende Haut gepumpt hatten, wenn ich sie in ihrem makellosen Schlafraum besuchte.

»Ich sehe so merkwürdig aus«, sagte meine Tochter, als sie sich besorgt im Spiegel betrachtete und ihre verschorften Wangen berührte. Ich hatte ihr Süßigkeiten mitgebracht, aber es ging ihr zu schlecht, um sie zu essen. Der Metabolismus, sagte sie.

»Für mich wirst du immer wunderschön sein«, sagte ich. Manchmal muss man als Mutter lügen.

 

***

 

Die Frau, die das Schiff bestieg, hatte nichts mehr mit dem Mädchen in meiner Erinnerung gemeinsam. Ein silberner Panzer überzog ihren haarlosen Körper, so dick, dass keine Strahlung ihn durchdringen konnte. Ihr Atem ging langsam und in großen Abständen – sie brauchte nicht so viel Sauerstoff wie ich. Ihre hohlen Knochen würden dort draußen nur wenig an Dichte verlieren, und Mahlzeiten würde es einmal im Monat geben. Sie war nicht länger menschlich, sondern etwas, was darüber hinausging, geschaffen für die lange Dunkelheit zwischen den Welten.

»Hast du Angst?«, fragte ich, als ich in den Stunden davor ihre Hand hielt.

Zum Weinen war sie nicht mehr imstande, sonst hätte sie es getan. Mit manchen Dingen kannte ich mich besser aus als die Ärzte. »Ja«, sagte sie. »Gott, ja.« Sie schlang die Arme um mich, und die Segmente ihrer Gelenke schabten dabei aneinander wie trockenes Laub. »Am liebsten würde ich dich mitnehmen.«

Ich hielt sie so fest, wie es mir mit meinem schwachen Körper möglich war. »Ich bin immer bei dir «, sagte ich.

Als ihr Schiff außer Sichtweite verschwand, stellte ich mir sie mir in jenem Moment vor. Ich stellte mir vor, wie ihre Augen – das einzige an ihr, das noch so aussah wie früher – den nackten Himmel in sich aufnahmen, nach dem sie sich immer gesehnt hatte. Ich stellte mir vor, wie die Sterne ihren Blick – so begierig, so bereitwillig – erwiderten. Wie hätte man eine so innige Aufrichtigkeit nicht willkommen heißen können? Wie hätte man sie nicht lieben können?

Wunderschön. Ja, wunderschön. Diesmal meinte ich es so. Ich hatte es immer so gemeint.

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