futuristische Kurzgeschichte von Vincent Voss: Bullet

FICTION

Bullet (Vincent Voss)


Vincent Voss
21.09.2016

In einer futuristischen Gesellschaft, die lediglich auf Profit aus ist und kaum Emotionen zulässt, war Otis ganz erfolgreich, ein Karrierehengst, der sein Geld dadurch verdiente, dass er über 500 Personas in sozialen Netzwerken anlegte und mit ihnen dealte. Dann kam sein  Absturz, und es ging ganz tief runter, das System hat ihn fallen lassen. Während er trübselig das TV-Programm durchzappt, starrt ihn plötzlich sein eigenes Gesicht an – angeblich hat er den Hauptpreis gewonnen – doch dieser ist ziemlich dubios …


Mein Name ist Otis, und ich werde meine Geschichte mit dem Ende beginnen. Wäre sowieso besser, alles mit dem Ende beginnen zu lassen. Enden sind nämlich meistens scheiße, Anfänge dagegen selten. Ist wie mit dem Leben. Hätte man mich jetzt gefragt, ob ich den ganzen Mist erleben möchte, hätte ich es mir im Bauch meiner Mutter vielleicht noch einmal überlegt und wäre dann als blutiges Gekröse auf die Welt gekommen. Ich wurde aber nicht gefragt. Also.

***

Ich sitze am Schreibtisch meines Chefs. Besser, meines Ex-Chefs. Er lebt ganz nett, ein wenig außerhalb am Rande der A-Zone in einem eigenen Reihenhaus. Von seinem Arbeitszimmer aus kann ich auf die Spielstraße sehen, wo sich sonst die ganzen, verwöhnten Bälger der Chefs und leitenden Angestellten mit ihren Emobots und Transformern tollten. Abends wird im Sommer echtes Fleisch gegrillt, man lädt die Security-Guides am Ende noch auf eine Wurst und ein Bier ein, ehe man sich nachts von seiner blondierten Frau noch einen blasen lässt. Ehrlich gesagt, so ähnlich habe ich mir das tatsächlich vorgestellt.

Jetzt besetzt die ganze Journaille mit ihren Kameras und Übertragungsdrohnen die Straße und wartet darauf, dass was passiert. Am besten ein Toter! Sie rühren so lange und kräftig im Bottich voller Scheiße, bis sie den beschissensten Brocken nach oben schwemmen, und stürzen sich dann auf ihn, zerren ihn ans Licht. Momentan bin ich dieser Brocken.

***

Auf dem Schreibtisch vor mir liegt eine Pistole, eine echt heiße Schwester. Sie glänzt verchromt und gefährlich, der Lauf beschreibt eben jene Länge, die beeindruckt, ohne lächerlich zu wirken, der massive Griff weist zwei schwarze Griffschalen aus einem Material auf, das an Elfenbein erinnert. Eine goldene Patrone befindet sich noch in ihrer Trommel. Ich kann nicht sagen, um was für ein Kaliber es sich dabei handelt, weil ich mich zu wenig mit Waffen auskenne, aber bei Gott, sie reißt fette Löcher und pulverisiert einen Schädel, wenn man aus kurzer Distanz abfeuert, das kann ich Ihnen sagen. Der Lauf der Schwester ist auf meinen Chef, Verzeihung Ex-Chef, gerichtet, sie liegt sozusagen zwischen uns, und obwohl ich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor ihm sitze, weiß ich doch genau, dass er nicht nach ihr greifen wird. Er hält sich die Hände vor sein Gesicht und heult. Ich weiß nicht, ich kann mit heulenden Männern nichts anfangen, vielleicht beneide ich sie sogar darum. In der dunkelsten Grube meines Herzens. Jedenfalls heult er, zwischen seinen Fingern quillt Rotz und Wasser hervor, und seine Tochter (Lisa oder Marie, ich weiß es nicht genau) streichelt entweder durch sein Haar oder sie schüttelt ihn und schreit ihn an. Auch damit kann ich nichts anfangen. Mit Kindern sowieso nicht und solche, die ihre heulenden Väter schütteln, spielen noch einmal in einer ganz anderen Liga. Ich gestehe, ich habe mir das Ganze anders vorgestellt. Wie? Ich geh rein, schreie ihn an, mach' ihn für mein ganzes verschissenes Leben verantwortlich, er winselt rum, sondert ein paar fadenscheinige Entschuldigungen ab, und ich jage ihm eine Kugel in den Kopf. Dann gehe ich raus, gebe den Cops meine Waffe und stelle mich den Scheiße pissenden Journalisten. Dreck, ich glaub', ich muss nachdenken, wie ich weitermache. Bis dahin erzähle ich Ihnen, wie ich eigentlich hierher gekommen bin.

***

Mir ging es verdammt gut, ich war auf dem Weg an die Spitze. Zumindest dachte ich das. Mein Job war es, für Firmen einzelne Produkte, Prominente, Politiker, Gesetze, Projekte, Meinungen zu generieren. Gute oder schlechte, das war mir egal. Ich hatte über 500 seriöse IDs oder Personas, Charaktere mit Tiefe, eingebunden und verwurzelt in soziale Netzwerke mit einer Credibility, deren Sympathiescoringwerte an jene Leader heranreichten, die ausschließlich in einem Netzwerk operierten. 500 verschiedene Lebensläufe, Neigungen und Gewohnheiten für 500 Identitäten. Verschiedene Sprachen, Ausdrucksweisen, Reaktionen auf Ereignisse für 500 Personas. Es gab keinen, der mir das Wasser reichen konnte. Wenn es sein musste, war ich 24 Stunden on, arbeitete mich je nach Wichtigkeit in die Materie ein, denn meine Akteure sollten wissen, wovon sie überzeugt waren, wenn ich sie zu Wort kommen ließ. Dezent oder gewaltig, mir lag jede Form der Kommunikation, ich beherrschte jede Strategie der Manipulation. Für mich gab es drei Leitsätze während dieser Zeit: Ich bin der Beste, es geht immer voran und ich bin der Beste. Und verdammt nochmal, ich war wirklich gut!

***

Ich hatte eine Freundin, die ich vorzeigen konnte, Cynthia! Ich mochte ihren Arsch und ihr Gesicht, sie war die versaute Natürlichkeit in Person, und unsere Beziehung fußte meinerseits auf gutem Sex und ihrerseits auf Erfolg. Sie nahm nicht an meiner Kokainsucht teil, dafür zockte sie ebenso wie ich ganz gerne. 5-O und Seven-Seven. Combating, Wetten und Pferderennen waren eher alleine mein Ding.

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Ich hatte eine großartige Appartement-Loft-Wohnung auf großzügigen 120 Quadratmetern am Rande der A-Zone. Mit Blick auf mein Ziel sozusagen, denn da wollte ich hin, am besten in einen Triple-A-Bezirk! Aber Dreck, es kam alles anders, und ich wurde von der Überholspur weggerammt.

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ASK. Sicher kennen Sie dieses Akronym, welches meinen Arbeitsplatz vollkommen sinnlos wegrationalisiert hatte. ASK. Autonome Service Knowbots. Kein Andro hätte meinen Job so gut ausführen können wie ich, und seien seine Emocodes® noch so gut entwickelt gewesen. Und dann denken sich ein paar Wichser, dass es sinnvoll wäre, an der verfickten Börse ein paar Punkte besser dazustehen, indem man gute Köpfe rollen und sie durch Programme ersetzen lässt. Ich hoffe, sie fluchen seitdem ebenfalls über die sich wiederholenden Phrasen zahlreicher User in sozialen Netzwerken. Die sind nicht echt! Das sind selbstlernende Einheiten, sich erfindende Textbausteine, die plump und billig Meinungen nachäffen, sie aber nicht generieren. Scheiße, ich werde echt wütend, also erzähle ich mal nur von meinem weiteren Absturz, von dem ich gedacht hatte, dass nur rückgratlose Penner so einen hinlegen können, aber nicht ich: der Beste!

Ich versuchte mich als Freelancer und dachte, ich würde es allen zeigen können, aber niemand wollte mich, alle gingen steil auf ASK und hielten es für den hotty shit schlechthin.

***

In dieser Zeit steigerte ich meinen Drogenkonsum. Ich hatte auf einmal durch eine nette Abfindung viel Bares zur Verfügung, und meine Pläne, es für schlechte Zeiten aufzuheben, durchkreuzte meine Sucht, und das Geld schmolz schneller dahin als ein Zäpfchen im Arsch. Das Spielen förderte meinen Absturz, der langsam einem freien Fall ins Bodenlose glich. Statt wie bisher mit Bedacht zu zocken, wurde ich immer risikofreudiger, wollte allen zeigen, dass ich, Otis, immer noch weit vorne war. Ich machte Fehler. Einer war bestimmt, um Cynthia zu zocken. Na ja, wir machten das beide in einer Runde Seven-Seven, der Einsatz war der Partner, und es kam gelegentlich zu netten Abenden mit Partnertausch. Aber ich gab in einer neuen Runde an, dass Cynthia auf Sex durch die Hintertür stehen würde, wenn Sie verstehen, was ich meine. Das war glatt gelogen, sie machte es manchmal mir zuliebe, aber nicht gerne und vor allem nicht mit Fremden. Scheiße Mann, sie verließ mich, als es aufflog, ein weiterer Stein aus meinem Fundament, der wegbrach. Danach war meine Wohnung dran, mein Glider, meine Anlage, alles, was mich bis dahin ausmachte, wurde mir genommen, weil ich den Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen konnte.

***

Jetzt. Jetzt habe ich einen Ein-Zimmer-Sarg in der Chung-King-Arkologie, einen Trid, ein Bett, einen Kochbereich und eine Dusche. Ich tue nichts und nichts dafür, der einzige Vorzug meines ehemaligen Jobs, dass ich in die soziale Hängematte gefallen bin. Jetzt geht es schon über zwei Jahre so.

***

Ich war also in meinem Sarg und tat mit zwei Kurzhanteln etwas für meine Oberarme, während der Trid stumm lief. Ich gehöre zu den Leuten, die das Quatschen nicht ertragen können, sich aber ohne bewegte Bilder einsam fühlen. Bei meinem Nachbarn ist es anders herum, deshalb höre ich auch immer, wenn er zu Hause ist. Er war nicht zu Hause. Ich legte die Hanteln nach dem dritten Satz auf den Tisch und nahm einen großen Schluck Bier aus der Dose. Meine Arme sahen echt gut aus, detaillierte Muskelpartien, allerdings wölbte sich mein Bauch zunehmend hervor. Jeder Mann an die 40 sah mir hier in der Gegend staturmäßig verdammt ähnlich. Oder vielmehr ich ihnen. Dicke Arme, dicker Bauch. Was soll's, ich hatte keinen großen Ziele mehr, und nachdem ich mir gesagt habe, dass es verdammt nochmal nicht gut tut, glücklich sein zu müssen, verläuft mein Leben und meine Gefühlswelt wie eine Sinuskurve mit geringer Amplitude. Langweilig? Ja, aber irgendwie auch sicher.

***

Bis zu jenem Augenblick, als meine Fresse links oben im Trid zu sehen war und meine Adresse eingeblendet wurde. „Gewinner“ wurde mein Konterfei etikettiert. Ich stellte das Bier auf den Tisch, verschluckte mich.

„Lauter“, hustete ich, aber der Trid reagierte nicht.

„Lauter!“, befahl ich mit klarer Stimme. Neue Meldung. Ich fluchte und zappte durch die Programme. Was hatte ich gewonnen? Ich spielte, wenn es das Geld zuließ, nur noch offizielle Lotteriespiele, aber ich wusste keines, bei dem die Gewinner im Trid veröffentlicht wurden. Doch! Scheiße! Jetzt wusste ich, was ich gewonnen hatte!

BULLeT
Geht Ihre Frau fremd? Hat Ihr Mann eine Affäre? Hassen Sie Ihren Chef? Werden Sie von Ihren Nachbarn bedroht?

BULLeT
Diese Kugeln lösen alle Ihre Probleme! Spüren Sie den Respekt, der Ihnen entgegengebracht wird! Spüren Sie die Macht, die Sie mit sich tragen:

BULLet
Kaum dass mich diese Ahnung heimsuchte, klopfte es an meine Tür. Im 29ten Stock. Ich hatte kein Namensschild, es konnte nur Daryll von nebenan sein (der nicht da war) oder irgendein Randale-Punk oder ein verirrter Junk.

„Bist du es, Daryll?“

„Ich bin der autorisierte Gewinnüberbringer der Bullet-Lotterie. Spreche ich mit Herrn …“ Ich öffnete die Tür, sah auf dem unbeleuchteten Korridor nach links und rechts und holte den Mann in mein Zimmer. Er bestand darauf, meine Personalien mit seinen Daten abgleichen zu dürfen, und ich schätze, ich stand unter Schock oder so was, sonst hätte ich diesen schmierlappigen Drecksack längst wieder vor die Tür gesetzt. Wie gesagt, mein Gewinn überraschte mich, wahrscheinlich hatte ich irgendwo ein Häkchen zu viel gesetzt oder so. Aber scharf war ich nicht darauf. Mittlerweile saß der Typ schon an meinem Tisch, schob die Büchse Bier zur Seite, legte die Hanteln neben den Tisch und stellte seinen Lederkoffer vor sich. Er reichte mir die Hand.

„Herzlichen, herzlichen Glückwunsch, Sie sind wahrlich ein Glückspilz, Otis. Ich darf Sie doch Otis nennen, oder?“ Ich schlug die Tür zu und setzte mich ihm gegenüber. Ich trank einen Schluck Bier, stieß auf, wischte mir den Schaum von der Oberlippe und stierte ihn an. Wissen Sie, dieses Anstieren lernt man hier. Das kann man hier wirklich vervollkommnen. Aggressiv muss es sein, in deinem Blick muss erkennbar sein, dass du nichts zu verlieren hast und dass du die dickeren Eier hast. Oder die dickeren Oberarme. Mein Gegenüber verunsicherte ich nur kurz, na klar, der Mann hatte Routine in seinem Job, wenn er allwöchentlich Gewinne überbrachte und Einblick in was weiß ich für Haushalte erhielt.

„Voss. Vincent Voss. Kann ich auch 'n Bier?“, fragte er und legte den Koffer vor sich, drehte ihn, sodass er ihn beizeiten öffnen konnte. Wahrscheinlich musste er vorher noch 'n Rede halten oder so.

„Is' alle“, antwortete ich. Er zuckte mit den Schultern.

„Na ja, so viel soll man ja auch gar nicht trinken. Also, ich würde mich freuen, wenn wir beginnen könnten. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, aber Sie haben ...“

„Ja, ja, ich weiß, hab' ich gerade gesehen. Weiter!“ Mit einem Klicken öffnete er den Koffer, hob den Deckel aber nicht an und ließ mich somit weiter im Ungewissen.

„Wir haben notariell die Anzahl der Kugeln gezogen, das Ergebnis befindet sich in diesem Umschlag.“ Mit der Geschwindigkeit vorschnellender Giftschlangen langte er in seinen Koffer und reichte mir ein Kuvert.

„Bitte!“ Seine Augen funkelten, er massierte sein Kinn. Ich öffnete den Umschlag und zog allem Anschein nach ein amtliches Schreiben heraus. Gold umrändert sprang mir die Zahl 3 ins Gesicht. Ich schüttelte ahnungslos mit dem Kopf, und Voss schob mir eine Schatulle zu.

„Bitte öffnen Sie sie“, forderte er mich auf. Ich hob den Deckel an. In einem samtenen Kissen lagen 3 goldene Pistolenhülsen. Scheiße, sie sahen irgendwie schlafend aus, war mein erster Gedanke. Voss klappte den Deckel seines Koffers auf, wendete ihn, so dass ich hineinsehen konnte. Und schon wieder. Erinnerte mich an eine schlafende Eisprinzessin, wie sie da so lag. Die Pistole meine ich, Sie haben es sicher schon geahnt.

„Ich ...“, mir fehlten die Worte.

„Ich weiß, ich weiß, Sie sind sprachlos vor Glück. Endlich können Sie Ihrem tristen Leben entkommen und es denjenigen heimzahlen, die Sie in der letzten Zeit so richtig drangsaliert haben“, spulte der schleimige Beamte sein Programm ab und lag mit seiner Einschätzung daneben. Ich wusste immer noch nicht, wie der Humbug funktionieren sollte, und wesentlich größer war meine Sorge, dass gleich wildfremde Leute bei mir klingelten und sonstwas von mir wollten. Am besten tauchte ich erst einmal unter. Voss setzte zu weiteren pathetischen Phrasen an, ich unterbrach ihn.

„Wie funktioniert das?“, fragte ich. Er zögerte und erklärte mir dann - wie man einem Kind etwas erklären würde, wie die Pistole zu laden sei, wie man sie abfeuerte, wie es rechtlich um mich bestellt war. Bullet garantierte mir 3 Kugeln vollständige Straffreiheit. Bullet garantierte mir, wenn es gut für mich lief, drei Morde. Voss nannte mir die Präzedenzfälle. Sollte ich illegal in eine Triple-A-Zone eindringen und dort jemanden umbringen, würde für das Eindringen ein nachträglicher Strafantrag fällig werden, der Mord bliebe ungesühnt. Würde ich eine Schwangere erschießen, galt die Straffreiheit gleichermaßen für den Tod des Ungeborenen. Ebenso, wenn mein Schuss einen Unfall mit mehreren Todesfällen zur Folge hätte.

„Ja, Mann, alles klar, hab' ich verstanden. Wenn ich einen umgebracht habe, was mache ich dann?“

„Sehr gute Frage, Otis. Wirklich eine sehr gute Frage. Nachdem du eine oder mehrere Bullets verwendet hast und Schussverletzungen mit oder ohne Todesfolge verursacht wurden, rufe bitte diese Nummer an, und der Amtsnotar wird sich an die örtlichen Einsatzkräfte richten und alles Weitere regeln. Ein Forensiker wird im Anschluss klären, ob sämtliche Schäden nur durch die beglaubigte Anzahl an Patronen bewirkt worden sind.“ Vincent Voss lächelte und sah sich um.

„Gemütlich haben Sie es hier“, ließ er mich wissen, während ich mich mit der Waffe, sie hieß bei mir die schlafende Schwester, vertraut machte.

„Typischer Singlehaushalt, was?“, versuchte Voss es mit Humor. Ich weiß nicht, ich schätze, ich kann es niemandem erklären, aber in mir brach der Wunsch durch, diesen schleimigen Systemvertreter mit der fadenscheinigen Darstellung von Recht und Ordnung loszuwerden, sich mit diesem übermächtigen Feind, der all die beklagenswerten Zustände hinnahm, ohne aufzubegehren, sie sogar förderte, anzulegen. Ihm mal richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt, und dieser Vincent Voss war ein würdiger Vertreter des maroden Systems, das an meinem Zustand schuld war. Vielleicht hätte ich noch ein paar Worte verlieren sollen und es wäre nicht so gekommen. Vielleicht, wenn ich erfahren hätte, dass er Kinder hat. Aber es ist, wie es ist. Ich nahm die schlafende Schwester in die Hand, legte auf ihn an, drückte ab und meine Welt stand still. Es dröhnte so verdammt laut in meinem Schädel und mein Arm tat weh, als hätte ich mir sämtliche Muskeln gezerrt. Was für ein Rumms! Was für ein verdammter Rückstoß! Was für eine Sauerei! Der leb- und kopflose Körper neigte sich zur Seite, rutschte und fiel vom Stuhl. In seiner letzten Absicht langte der Torso nach der Büchse Bier und nahm sie mit unter den Tisch. Ich nahm das Kärtchen und wählte die Nummer des Amtsnotars. Hoffentlich war alles so einfach, wie Voss beschrieben hatte.

***

Der Amtsnotar hätte es natürlich gerne gehabt, wenn ich am Tatort geblieben wäre. Mann, ich weiß, wie das läuft! Ich musste sofort raus hier! Ich stopfte ein paar Sachen in ein Synthbag, setzte mir ein Cappy auf und verließ meine Wohnung. Keine Sekunde zu spät, denn kaum, dass ich um die Ecke bog, hörte ich einen Tross Journalisten meine Wohnungstür suchen. Jetzt musste alles schnell gehen.

***

Jetzt, wo ich meinem Ex-Chef gegenübersitze und überlege, ist dieses Gefühl, welches mich nach meinem ersten Abschuss beflügelt hat, verschwunden. Zum Glück, echt, denn eigentlich verabscheue ich diese Mechanismen, bin mir ihrer bewusst und sah mich tatsächlich außerhalb ihrer Wirkungsmacht. Und jetzt? Scheiße! Das Gefühl, einen von ihnen abgeballert zu haben, das Gefühl, mit der schlafenden Schwester herumzulaufen, mit der metallenen Macht des Todes, das wirkte total bei mir, und ich war nicht mehr wert als irgend so ein verschissener machtgeiler Cop. Mein Ex-Chef flennte weiter und flehte mich an. Aber, und dieser Punkt ist sehr wichtig, nicht, weil er wollte, dass ich ihn verschone. Er flehte mich an, ihn zu erlösen. Seine Tochter schlug ihn, schrie ihn an, so etwas nicht zu sagen, und ich wusste nicht, wie lange ich den ganzen Dreck noch ertragen konnte. Wie sollte ich mich auch beruhigen? Da war die Nummer mit Lloyd einfach cooler.

***

Lloyd war der neue Stecher von Cynthia. Damals, als ich im heißen Aufwind nach oben segelte, waren wir Buddys. Er an der Börse, ich beim Unternehmen. Wir nahmen zusammen Drogen, zockten zusammen und blickten auf alles und jeden herab. Lloyd war cool, ich war cool, und dann ..., na ja. Lloyd war immer schon scharf auf Cynthia, scharf auf alles, was meins war, und, ich will gar keine falschen Sentimentalitäten aufkommen lassen, ich hasse ihn dafür, dass er immer noch da ist, wo er ist, immer noch Aufwind hat und immer noch mit Cynthia zusammenlebt. Ich glaube nicht, dass es ihm oder mir dabei um Cynthia geht, es geht um das Symbol. Der Typ hat meine Alte und weiß, dass ich 'nen glatten Sturzflug hingelegt habe, dass ich da irgendwo in meinem Einzimmer-Sarg sitze und mir einen Proleten-Bauch züchte. Lloyd hatte es verdient. Ich klapperte seine und meine übliche Route unserer damaligen Mittagspause ab, in der Hoffnung, ihn irgendwo anzutreffen. Obwohl ich mich auf Upper gestylt hatte, schien mir immer noch der Stallgeruch der verlorenen Seelen anzuhaften. Keine Ahnung, vor 2 ½ Jahren war ich einer von ihnen, und jetzt fühlte ich mich von ihnen angestarrt, beobachtet und vor allem unerwünscht. Noch am Grübeln, welches Accessoire oder Gebaren mich verriet, sah ich Lloyd am Fenster eines hotty Restaurants sitzen. Ziemlich mit einer brünetten Schönheit flirtend, wie ich fand. Ich blieb stehen, unsere Blicke trafen sich, und wissen Sie, was mich wirklich verletzt und wütend machte? Er hat mich wirklich nicht erkannt. Er sah mich an, Verachtung zog über seine Miene, und er wandte sich wieder seiner Gesprächspartnerin zu. Keine Spur des Erkennens. Nichts. Ehrlich, mir kam Galle der Wut hoch, ich stürmte in den Laden, zog mir vom Nachbartisch einen Stuhl heran und setzte mich zu ihm. Beide starrten mich an, bei Lloyd sah ich, dass es in ihm arbeitete. Ein Kellner schien sich wie aus dem Nichts in meinem Rücken zu materialisieren.

„Entschuldigen Sie, ich denke, die Herrschaften möchten ungestört bleiben.“

„Verpiss dich!“

„Otis?“, fragte Lloyd zögerlich. Ich nickte und sah auf der Straße ein Journalisten-Trio, die einen Passanten fragten. Verdammt, wie sind die auf meine Spur geraten?

„Ja, Mann, genau, dein guter, alter Buddy Otis. Immer noch mit Cynthia zusammen?“ Lloyds Begleitung zuckte zusammen. Mein Gott, war das alles billig, war Lloyd billig.

„Kennen Sie den Herren und wünschen Sie seine Gesellschaft?“, fragte der Kellner dezent.

„Bin gleich weg, verdammt!“, raunzte ich ihn an. Wollte ich noch etwas sagen? Nein. Unter dem Tisch zielte ich mit der schlafenden Schwester auf seinen Schritt und erweckte sie mit einem Ruck meines Zeigefingers. Was für ein Knall! Den Rückstoß fing ich dieses Mal besser ab, indem ich mit der linken meine rechte Hand gestützt hatte, aber trotzdem, wow! Es klingelte in meinem Kopf, Lloyd schrie wie am Spieß und hielt sich seinen Unterleib, alle schrien und ich rannte auf die Straße, rannte, rannte und rannte.

***

Ich reiche ihm die Waffe rüber. Seine Tochter (Marie oder Lisa) sitzt mittlerweile auf dem Boden, umklammert seine Beine, schluchzt und schaukelt mit dem Oberkörper vor und zurück. Er schüttelt mit dem Kopf.

„Ich kann das nicht, Otis. Ich kann das nicht.“ Beide inhalieren wir den Rauch unserer Zigaretten und stoßen den Qualm zur Decke, damit wir Lisa oder Marie nicht schaden. Was für ein Bullshit! Er will, dass ich ihm eine Kugel durch den Schädel jage und ihn erlöse, ich wollte ihn abknallen, und beide rauchen wir übervorsichtig aus Sorge um seine Tochter.

„Du meinst es ernst?“ Ich blicke ihn durchdringend an. Seine Geschichte hat er mir erzählt, sie ist fast deckungsgleich mit meiner, nur, und das glaube ich ihm, ist er wirklich fertig mit der Welt. Sieht man ja, wenn selbst seine Tochter ihn nicht mehr erreichen kann. Ich muss bei dem Gedanken auflachen, was für ein gefundenes Fressen ich für die Presseleute bin. Wow! Ich habe Bullet wahrscheinlich ganz weit nach vorne gebracht. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wollte ich das insgeheim? Bin ich so? Während ich die Zigarette aufrauche, beobachte ich das Treiben der Leute draußen, wie in Zeitlupe läuft es für mich ab.

„Okay“ Ich nicke meinem Ex-Chef zu, hebe die Waffe und ... BÄM!

***

Ja, ich hab' Sie angelogen. Das war noch nicht das Ende. Mittlerweile ist fast alles wieder normal. Ich lebe in meinem Sarg-Zimmer (ich habe die Wohnung, aber nicht die Arkologie gewechselt) und nur noch selten interessiert sich jemand für mich. Aber ich schwöre: Lange Zeit war ich einer der meistgehassten Männer. Ein absoluter Psychopath; die Leute sind mir aufs Dach gestiegen und wollten mich fertig machen. Ich glaube, mein Friede währte bis eben gerade. Raten Sie mal, wer in der neuesten Ziehung von Bullet gewonnen hat. Richtig. Lloyd. Und wie ich gehört habe, kann er wieder laufen. Tja, Zufälle gibt es, die gibt es gar nicht.

 

 

 

© 2014 by Vincent Voss
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in:
Sven Klöpping (Hrsg.), Bullet: Und andere Geschichten aus dem MegaFusion-Universum, p.machinery Michael Haitel, 2014

Alle Rechte vorbehalten

  

Vincent Voss mag gerne eher rote und grüne, statt gelbe Bonbons, trinkt lieber Cola Rum, statt Wein, mag 7 lieber als 5 oder 8 und findet den Witz „Mama, Mama, da liegt ein Skelett im Haifischbecken! … Mama?“ am lustigsten.

Meine drei Kugeln gehen an … das geht niemanden etwas an. Aber es könnte jeden treffen. Auch dich, lieber Leser! Auch dich …

 

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