Kurzgeschichte von Angela und Karlheinz Steinmüller: Wiedergeburt

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FICTION

Wiedergeburt (Angela und Karlheinz Steinmüller)


Angela und Karlheinz Steinmüller
22.08.2016

Ein Mann, der scheinbar sein Gedächtnis verloren hat. Eine Verschwörung, die über die Grenzen des Sonnensystems hinausreicht. Und eine Begegnung in den Tiefen des Alls, die völlig anders verläuft, als irgendjemand erwartet hat ... Angela und Karlheinz Steinmüller, mehrfach preisgekröntes Autorenpaar aus Berlin, entwerfen ein Zukunftsszenario von atemberaubend kosmischer Weite.

 

 

Bei Kartoffeln und Mondstaub

An den Wänden hingen Hologramme aus dem 21. Jahrhundert. Sie zeigten Bilder im Stile des »kosmischen Realismus«: hier die erste Mondstation im Aufbau, grelles Licht und Schatten über fragmentarischen Metallkonstruktionen, ein Stück weiter die Einöden des Sinus Sabaeus auf dem Mars, dort kahle Felsen im schwarzen Nichts – Welten im Asteroidengürtel, so wie Zangger sie aus den Medien kannte. Eben altmodisches Zeug altmodischer Leute.

»Schön, dass du gekommen bist. Ich hoffe, du hast gut hergefunden. Man weiß ja nie ...«

Die beiden Herrschaften, Phil und Baucia nach dem geradezu antik wirkenden papiernen Einladungskärtchen, das er vor drei Tagen erhalten hatte, flossen über von Freundlichkeit, doch Zangger ließ sich so leicht nicht einlullen: »Sie schreiben, Sie hätten Informationen über meinen ...« Er stockte, benutzte das Wort, das die Sache erklärte, ohne etwas zu erklären: »... meinen Unfall?«

Die Frau, schlank und unscheinbar, musterte ihn, wie man einen Freund oder Bekannten mustert, den man lange nicht gesehen hat. Wie bei so vielen älteren Personen war ihre äußere Erscheinung irgendwann in den Fünfzigern stehen geblieben, eine Andeutung von Krähenfüßen, ein leichter Schimmer von Silber im Haar. Beides wäre leicht zu korrigieren gewesen.

Der Mann, untersetzt und ebenfalls in zeitlos besten Jahren, ging voraus, nicht zur Sitzecke, wie Zangger erwartet hatte, sondern in die Küchennische. Er griff ein Messer, ein Brettchen, eine Zwiebel und begann zu schnippeln. »Meine Aufgabe« erklärte er lachend und hatte schon die ersten Tränen in den Augen, »Baucia verletzt sich zu leicht. Bei ihrem Temperament lass ich sie lieber nicht an das Messer.«

Sie lotsten ihn hierher mit großartigen Versprechungen, und nun durfte er sich ihre altmodische Küchennische anschauen ... – Doch da!

Es traf ihn wie ein Schlag: An der Seitenwand rechts neben der Arbeitsfläche hing ein weiteres Hologramm mit einer etwa dreisekündigen Videoschleife. Es zeigte eine Gruppe Jugendlicher vor einem Raumschleusentor. – Ungläubig trat Zangger näher: Kein Zweifel, das war er selbst! Jedenfalls sein jüngeres Ich aus der Zeit, bevor sich alles geändert hatte. Also wussten die beiden Alten doch etwas! Und da stand er lässig unter diesen frisch-fröhlichen Unbekannten, rempelte seinen Nachbarn freundschaftlich an, lächelte kurz ...

Erinnerungen wollten aufsteigen, Zangger spürte es. Er war ganz nah, doch das Bild, das sich hatte formen wollen, verschwand, bevor er es fassen konnte, übrig blieb nur ein unbestimmtes Gefühl von Vertrautheit – und Schmerz.

Sich auf die Unterlippe beißend, studierte Zangger die Gesichtszüge. Eine junge Frau blickte ihn ernster als die anderen an, zwinkerte kurz, so als ahnte sie, dass jede Spur von ihr aus seinem Gedächtnis gewischt würde ... Und doch, da war ein Hauch von Ahnung, sie hieß ... Und nichts.

Normalerweise hätte ihn jetzt sein Implantat mit Informationen aus dem Netz versorgt, Namen und biographische Daten, bei Bedarf mit allem, was gemeinfrei verfügbar war. Doch befand er sich bei den Alten offenbar in einer netzlosen Zone. Vielleicht sogar besser so, denn was da an vagen Erinnerungen in seinem Inneren emporsteigen wollte, das hätten die klaren Datenpakete gnadenlos zerpustet.

Nun wohl. Zangger resignierte, wie schon viele Male. Es war schon schwierig gewesen, ohne Netz überhaupt hierher zu finden – durch aufgegebene, geröllübersäte Tunnel aus der Pionierzeit. Ohne die hingekritzelte Karte auf der Einladung hätte er sich unbedingt verirrt.

»Unsere Erinnerungen sind Laub im Wind«, zitierte die Frau, die angeblich Baucia hieß, was erfunden genug klang. Sie zeigte auf das Bild: »Das ist Jiao. Wir wissen nicht, wo sie sich befindet. Keine Daten im Netz, nicht einmal im tiefen Netz. Blank selbst die Archive. Die liebe kleine Jiao ... Und hier Alex – den Daten nach tot, Skaphanderversagen, ein Blödsinn, so offensichtlich. Raúl soll sich in L4 aufhalten; wir haben ihn aber dort nicht orten können. Brenda, für uns immer noch die kleine Kalliope, reist gerade kreuz und quer durch Europa. Das mag ja stimmen, aber weshalb antwortet sie dann niemanden? Nein, wir selbst wagen es nicht, sie zu kontaktieren ... Die beiden erkennst du auch nicht? Bengt und Moisse, die Unzertrennlichen, sie haben damals das Projekt vorzeitig verlassen; Bengt ist jetzt ein ranghoher Beamter bei der terrestrischen Raumschutzbehörde – nicht unserer – und daher nicht zu sprechen. Moisse hat, scheint es, nie existiert. Jemand hat auch ihn ausradiert. Hier, bescheiden im Hintergrund, Akiko. Sie ist angeblich in der Epidemie von 2109 gestorben, kurz bevor wir an sie herankamen. Aber dass du dich nicht einmal an Sandra erinnerst ...«

»Was wissen Sie über meinen Unfall?«, bohrte Zangger. Ihm war fast schwindlig von all den Namen, die er kennen sollte und nicht kannte und die doch, je mehr er ihnen nachspürte, desto vertrauter klangen. Oder bildete er sich das nur ein? Dass er seinem Gedächtnis nicht so recht trauen durfte seit seinem ... Unfall, das klang nach einer Bagatelle. Nachher flicken sie dich zusammen, und alles ist wie vorher. Nichts, worüber es sich lohnt zu reden. Ja, denkst du! Aber jedes Mal, wenn du das Wort benutzt, stehst du wieder in dem Gleißen, zerreißt es dir wieder den Kopf, krümmt sich dein Körper – und du weißt nicht, was wirklich war. Sie sagen, du wärst mit dem Jeep gegen ein Supraleitkabel gerast, die elektromagnetische Entladung hätte dein Implantat und mit ihm ein Stück Gehirn zerstört, aber das klingt, als wäre es schlecht erfunden. Hinter dem Gleißen, das fühlst du immer wieder, da ist etwas groß und überstark und dringlich. Und vorher und nachher ist nichts als Schwärze, eine finstere Decke, die sich über die Geschehnisse legt, flankiert von Bildern, comicbunten Szenen mit weißen Stränden und weißen Segeln auf blauem Meer unter blauem Himmel. Dass er sich solchen Erdkitsch hatte ins Gehirn legen lassen! Wie verwirrt, wie verzweifelt musste er gewesen sein ... Und hinter diesen quietschbunten Bildchen da lauerte ein Abgrund. Er hatte sich die Dokumente angesehen, den Videoreport des leitenden Arztes: alles zweifelhaft, so wie sein Gedächtnis. Schöne Worte, logisch, plausibel: zerstörte Hirnsubstanz, zerstörte Erinnerungen, über die matschigen Reste waren junge Neuronen gewachsen und mit ihnen – welch tröstlicher Ersatz! – diese Bilder. Oft genug hatte er sich gefragt, ob überhaupt noch etwas stimmte in seinem Oberstübchen, ob wenigstens die Erinnerungen an die Eltern, an die Schulzeit echt waren. Die Schule freilich gab es noch, Aufzeichnungen der Abschlussprüfung, und auch das Grab auf diesem unscheinbaren Friedhof in den Alpen existierte – aber nichts hatte in ihm geklingelt, als er diese Orte besuchte.

Baucia war dabei, den Tisch zu richten. Ein Väschen mit echten organischen Blumen, die bestimmt sündhaft teuer waren.

»Also: Was wollen Sie von mir? Was wissen Sie über meine Vergangenheit? Und wie haben Sie mich gefunden?«

Beide lachten. »Drei ungeduldige Fragen auf leeren Magen.«

»Erzähl uns doch erst einmal« – Baucia drückte ihm das Besteck in die Hand, er verteilte es wie ein gehorsamer Idiot –, »wie du mit Mr. Hemingway vorankommst. Plappert er immer noch den ganzen Tag?«

Auch das noch! Woher wussten sie von seinem Raben? Nur Bekloppte hängten Berichte über ihre intelligenzverstärkten Haustiere ins Netz. Zu rabiat waren neuerdings die Tierrechtsaktivisten.

»Sie haben mich ausspioniert«, protestierte er – und setzte sich brav wie ein Flottenkadett an den Tisch. Dabei platzte er fast: vor Neugier und vor Ärger. Sie spannten ihn mutwillig auf die Folter, spielten ihm die arglosen Alten vor.

»Natürlich haben wir dein Umfeld gescreent. Dein Name, deine Identität, alles ist damals geändert worden. Da mussten wir sicher gehen. Träumst du immer noch davon, einmal zu den kleinen Planeten zu fliegen? – Aber nimm doch erst einmal einen Schluck, unser Wein wird dir munden, der 2097er ist ein guter Jahrgang, nicht Polkrater Schattenseite.«

Tatsächlich schmeckte die bernsteinfarbige Flüssigkeit angenehm leicht und würzig. Der Argwohn aber ließ sich damit nicht hinwegspülen. Erfuhr er nun etwas, oder?

»Du willst dein Gedächtnis zurück, aber was ist schon Erinnerung? Ein Schauspiel, das immer wieder neu aufgeführt wird und in dem wir unsere Rolle immer wieder neu erfinden.« Sie hielt inne. »Wer, zum Teufel, hat das gesagt? Hört sich nach Shakespeare an, oder? – Nun gut, junger Mann, vielleicht können wir doch die Tore der Erinnerung ein Stück aufstoßen. Vielleicht sogar mehr als das ...« Und wieder legte sie eine Kunstpause ein: »Marco.«

Zangger horchte in sich. Marco. Nichts. Kein Echo, keine Erinnerung. Marco. Marco. Ein Name. Sein Name? Sollte er in der fehlenden Zeit tatsächlich so geheißen haben? Wieso blieb der Resonanzboden seines Gehirns stumm? Sie hätten einen beliebigen Namen erfinden können: Marco, Jiao, Akiko, eine Sandra – das klang und passte doch irgendwie zusammen ... Durch das breite Fenster war niedrig am schwarzen Himmel eine schöne Halberde zu sehen, den dunklen Schattenbauch nach unten.

»Greif doch zu. Unsere Bouletten sind wirklich gut. Und du siehst aus, als könntest du eine Stärkung gebrauchen, Marco, wenn dir schon dein damaliger Name Hirnsausen bereitet.«

»Die Kartoffeln sind auch gut.« Phil spießte selbst gerade eine auf. »Wir haben sie von L4 einfliegen lassen. Die Leute dort im Habitat am Lagrangepunkt haben wirklich etwas drauf. Unsre Landwirtschaft ist dagegen noch etwas einseitig, sozusagen schwammig. Aber wir arbeiten dran. Il faut cultiver son jardin, auch auf Luna. Selbst mit pommes de Terre

»Nach einem Glas versteht man die Gegenwart, nach zweien kann man der Vergangenheit ins Auge blicken. Ich weiß schon gar nicht mehr, wen ich zitiere.« Baucia lachte. »Aber du hast deine zwei Gläser intus, und ich kann beginnen. – Wir waren nur kleine Lichter, Phil und ich, Techniker, damals, als Sino-Espace die Experimente durchzog. Quantenverschränkung und Neurotechnologien, eine brisante Kombination! Ihr solltet neue Wege für die Menschheit öffnen, wenn auch zuerst einmal für Sino-Espace. Wie haben wir Techniker euch bewundert! Ja, du gehörtest dazu.« Es klang, als bedauerte sie es, nicht selbst an den Versuchen teilgenommen zu haben. »Merkst du nichts mehr davon? Das kann man doch nicht total wegoperieren.«

»Durch verschränkte Gehirnwellen solltet ihr über planetarische Distanzen hinweg miteinander in Verbindung stehen, das alte Kommunikationsproblem lösen. Weg mit der Lichtgeschwindigkeit! Weg mit c! Das menschliche Gehirn, aufgerüstet mit der neusten Technologie, sollte es möglich machen. Telepathie auf Quantenbasis! Und als dann das Objekt im Kuipergürtel entdeckt wurde und plötzlich die solaren Magnetstürme zunahmen, wurden die Forschungen für Sino-Espace – und nicht nur Sino-Espace! – noch wichtiger. Aber irgendetwas lief fürchterlich schief. Wer die Geister ruft ... Und zum Schluss hat das Himmlische Königreich die Pleitefirma Sino-Espace geschluckt.«

»Bis heute ist es keinem anderen Labor gelungen, eure Ergebnisse zu wiederholen. Als ob sich ein Fenster geöffnet – und wieder geschlossen hat.« Phil strich sich Senf auf ein Stück Boulette. »Jedenfalls wart ihr Versuchskaninchen für Quanten-Neuro-Experimente, freiwillig, klar, wo die Neuroforscher selbst gar nicht mehr an den freien Willen glaubten. Und dann ...« Er hielt inne, schien zu überlegen. »So viel haben wir in Erfahrung bringen können: Einer lief Amok, dabei wurden einige Dekagramm Quantenmaschinen freigesetzt. Sie mussten den halben Krater evakuieren, doch noch bevor der Letzte geflohen war, lösten sie einen elektromagnetischen Puls aus, um die wild gewordenen Quanten, für die sie noch nicht einmal einen wissenschaftlichen Namen hatten, zu neutralisieren. Der Krater ist bis heute Sperrgebiet. – Und ihr hattet die Dinger, die plötzlich als wahnsinnig gefährlich galten, noch im Kopf. Also zuerst das Quantendingsbums hinein ins Gehirn, dann heraus mit ihm! Dass dabei ein Stück Gedächtnis gelöscht wurde, kam ihnen nur zupass. Lieber geistige Krüppel, Entschuldigung, als Mitwisser! – Aber lang doch zu, unser Salat schmeckt mit oder auch ohne freien Willen ...«

Zangger schnitt mechanisch eine Kartoffel entzwei. Die Geschichte, die der Mann, der sich Phil nannte, ihm da auftischte, klang noch unwahrscheinlicher als die von seinem Unfall. Er hieß eigentlich Marco und war – ja was? – eine Laborratte mit Gedächtnisverlust? Eine Art Telepath, nur dass er nicht einmal ins eigene Gehirn hineinschauen konnte – und was vielleicht noch? Weshalb hatte er nie Aufzeichnungen darüber gesehen?

»Weil die Sino-Espace-Bosse und die Cyborgs vom Himmlischen Königreich, die den Laden aufgekauft haben, die Blamage geheim gehalten haben. Und weil sie fürchteten, dass das Experiment eine kosmische Gefahr heraufbeschwören könnte. Alex, der bereit war auszupacken, ist wahrscheinlich tot. Im Netz ist – wie in euren Gehirnen – alles ausradiert worden. Eine beeindruckende Leistung! Und dir haben sie synthetische Erinnerungen eingepflanzt – totlangweilig wie deine Stelle in der Raumschrottverwaltung.« Phil prostete ihm zu. »Auf die künstlichen Meteoriten – mögen sie lange in ihren Bahnen bleiben!«

»Aber wir«, Baucia strahlte, »wir kleinen Fischlein sind ihnen durch die Maschen geschlüpft. Haben ja geahnt, dass etwas schiefläuft, nachdem Brenda ihren Blackout hatte, die Messtechnik fünfzig Lichtstunden Reichweite anzeigte und uns Alex von dem Druck erzählte, unter dem er stand, und die Sicherheitsroboter durch menschliches Personal ausgetauscht wurden. Uns brauchte man schon damals nicht quantenzuverschränken, wir spüren auch so, wenn sich ein Gewitter zusammenbraut.« Sie lachte selbstsicher. »Jetzt knüpfen wir die Fäden wieder zusammen. Denn da draußen in den Tiefen des Raums ist etwas, das nach uns greift, und wir müssen uns wehren ...« Plötzlich, für ein, zwei Sekunden, klang sie ernst, fast pathetisch. Dann fand sie für zwei, drei Sätze den leichten, spielerischen Ton wieder. »Nach dem dritten Gläschen darfst du auch an die Zukunft denken. Sandra hat sich rechtzeitig abgesetzt, ohne Blackout und Gehirnwäsche. Sie weiß, was war. Ein cleveres Mädchen. Du sollst sie aufspüren. Wahrscheinlich verfügt sie sogar noch über die Fähigkeit ... die die Menschheit jetzt dringend braucht. Gegen die kosmischen Handlanger von Kali, der Zerstörerin, wie unsere indischen Freunde sagen, oder gegen wen auch immer.«

Es war zu viel. Er hatte es ja schon bei der merkwürdigen Papier-Einladung geahnt. »Gegen die kosmischen Handlanger von Kali!« Worauf ließ er sich hier ein? Auf zwei verrückte alte Verschwörungstheoretiker, die ihn für ihre ominösen Zwecke einspannten? Die ihn aus einem glücklich wieder wohlgeordneten Leben herausreißen und mit ein paar sündhaft teuren Kartoffeln bestechen wollten? Um gegen irgendwelche Helfershelfer boshafter Außerirdischer vorzugehen? Nein, außerirdisch hatten sie nicht gesagt. Und woher wussten sie das alles? Sie spielten ihm hier die netten alten Privatleutchen vor ... Für wen arbeiteten sie? – Er wusste, dass er im Netz nichts darüber finden würde. Und sie würden ihm von einer verdeckten, doch einflussreichen Organisation erzählen, die für das Wohl der Menschheit an geheimen Fäden zog. Oder?

Sie starrten ihn an, warteten wohl auf die Frage – und plötzlich schwemmte eine tiefe Freude das Misstrauen hinweg. Fort mit dem wohlgeordneten Leben als gut bezahltes Unfallopfer! Nutze die Chance, dein früheres Ich zu finden! Wenn du immer nur in der Raumschrottverwaltung hockst, gelangst du nie zu dir selbst! Hinaus, egal wohin! Nein, genau zu jener Sandra, die ihn aus jener verlorenen Zeit kannte. Welche der Frauen auf dem 3-D-Foto war sie doch gleich? Die mit dem ernsten Blick? Nicht unsympathisch ... Und waren sie damals befreundet – oder mehr?

»Glaube ich nicht.« Baucia amüsierte sich. »Ich denke, ihr wart eher verfeindet, heftige Konkurrenten, gelb vor Futterneid. Seid euch im besten Fall aus dem Weg gegangen. – Aber die Kleine hatte fast dieselbe Figur wie ich in meinen besten Zeiten. Sieht sie nicht wirklich gut aus?«

Phil protestierte lauthals: Ihre besten Zeiten seien noch lange nicht vorbei – aber sie hätte vielleicht schon einmal etwas cleverer nach Komplimenten gefischt. »Als Nachtisch haben wir Tiramisu. Dazu Espresso alla terra? Oder Tee Marke zusammengekehrter Mondstaub?«

Zangger zog den zusammengekehrten Mondstaub vor, den kannte er aus der Verwaltung; dem Espresso traute er nicht. Aber wahrscheinlich wurde beides sowieso aus denselben Molekülen zusammengeschraubt. Ein nervöses Kribbeln hatte seine Arme befallen. Worauf lief das Ganze hinaus? Er ließ sich einfach so von diesem altmodischen Pärchen überrumpeln. Und er freute sich noch darüber! Es war, als hätte er schon immer auf so ein Angebot gewartet. Auf die Chance, in den tiefen, dunklen Brunnen zu schauen, in dem sich seine Vergangenheit spiegelte.

»Wenn du dich verstecken müsstest – wo im Sonnensystem würdest du dich verkriechen? Auf der Erde, weil da vier Milliarden Menschen herumwuseln? Aber Marco, man merkt, dass du noch nie ernsthaft darüber nachgedacht hast. Ab und zu abzutauchen gehört zu den ersten Überlebenskünsten.«

»Auf der Erde«, Phil stellte ihm das winzige, goldumrandete Teeglas hin, »auf der Erde wird doch jeder Quadratzentimeter von irgendwem oder von irgendwas überwacht.«

»Wenn schon Versteckspiel, dann im Belt natürlich. Millionen Klein- und Kleinstplaneten. Dazu die langen Kommunikationswege. Unvorsichtige Kameraaugen verwandeln sich da draußen rasch in Weltraumschrott. Und dort machen selbst die Roboter, was sie wollen. Dort macht das Vakuum noch frei!«

Und wie sollte er dann diese Sandra finden? Mit dem Foto in der Hand von Gesteinsbrocken zu Gesteinsbrocken springen? »Weshalb fliegt ihr dann nicht selbst zu eurem Paradies? Habt ihr Angst, dass euch die Strahlung die restliche Lebenserwartung verkürzt?«

Baucia freute sich: »Er zahlt es uns heim! Marco, so kenne ich dich.«

»Weil auch du noch einen Rest von diesem Q-Komm-Zeugs in deinem Gehirn trägst. Es muss nur reaktiviert werden. Du solltest es merken, wenn du dich ihr – oder jemand anderem aus der Gruppe – auf, schätzen wir, weniger als 100.000 km näherst. Ich weiß, der Belt ist tausendmal größer ...«

Zangger goss den letzten heißen Rest »Mondstaub« hinunter. »Und wieso glaubt ihr, dass ich mich darauf einlasse?«

»Weil es der einzige Weg zu deinem früheren Ich ist. Und weil gerade Sandra der Schlüssel ist. Und weil Marco sich darauf eingelassen hätte.«

»Freier Wille hin oder her: Du kannst dich entscheiden. Entweder das Abenteuer beginnt, oder du vergisst besser, dass du mit zwei altmodischen Freaks Kartoffeln gepellt hast.«

Phil spazierte in die Küchennische und kam mit einem Gläschen zurück, in dem ein wenig blaue Flüssigkeit schimmerte, bei den beiden hätte man sie auch für einen Verdauungsschnaps halten können. Doch Zangger begriff sofort: Trank er das Zeug, war nichts mehr wie vorher. Diese Substanz würde sich durch die Hirnblutschranke zu seinen Neuronen vorarbeiten und dort – ja was?

»Was denn, kein Spiel blaue Pille – rote Pille?« Zangger gab sich enttäuscht. »Welches Risiko gehe ich ein? Lebenslange Kopfschmerzen? Den totalen Gedächtnisverlust? Amok zu laufen? Rückt ruhig raus damit!« Er griff nach dem Gläschen. Nur ein Verrückter ließ sich darauf ein. Aber er war verrückt genug, um wenigstens ein Zipfelchen seines früheren Selbst erhaschen zu wollen.

»Du solltest unser Angebot doch lieber überschlafen.« Baucia wandte sich an Phil. »Ich will ihn nicht überrumpeln. Vielleicht wird der Reaktivator den Rest von Marco auslöschen? Und außerdem: Vielleicht sind sie ihm schon auf den Fersen? Das Himmlische Königreich schläft nicht. Und wir wissen nicht, gegen wen sonst wir noch antreten ...«

Phil zuckte die Achseln. »Das größte Risiko ist für Marco vielleicht – sich zu erinnern.«

Da gab es nichts zu überlegen! Zangger stürzte das blaue Zeug hinunter. Der Reaktivator schmeckte nach dem, was unter deutschstämmigen Lunariern immer noch Erdbeeren hieß.

 

Heftig im Geruch

Zangger saß, den Koffer neben sich, in der niedrigen Halle des noch ziemlich kahlen Erweiterungsbaus von Aristarch-Port 1 und fühlte sich beobachtet. Das konnte eine Nebenwirkung des Reaktivators sein, der tief im Inneren an seinem Gehirn herumbastelte. Noch hatte er sonst keine Veränderung bemerken können. Keine Erinnerungsfetzen, die sein Geist plötzlich ausrülpste, keine fremden Stimmen, die mit ihm sprachen, keine irrwitzigen Farbspiele. Eben nur ein bisschen ganz alltägliche Paranoia. Vielleicht würde er die Veränderung überhaupt nicht bemerken. Und vielleicht war das sogar gut so.

Der Boden vibrierte leicht: Eine Fähre wurde hoch in den Mondorbit katapultiert. Gleich darauf durchdrang das tiefe Brummen der sich erneut aufladenden Solenoide den Raumhafen. Durchsagen aus fokussiertem Schall näherten und entfernten sich wieder. Dazwischen kreischten, schwatzten, brabbelten die Reisenden. Aristarch-Port 1 machte seinem Ruf als Umschlagplatz für Sektierer alle Ehre. Im Hintergrund der großen Halle hatte sich ein Grüppchen in schwärzlich-grünen Phantasieuniformen mit Emblemen in kyrillischer Sprache versammelt. Wahrscheinlich Touristen, die die »historischen Stätten« der ersten russischen Mondlandungen besuchen wollten. Fast hundert Jahre Verspätung – trotzdem eine Großtat!

Vor ihnen schritten einige Leute mit Messgeräten, groß wie Suppenterrinen, auf und ab. Bisweilen richtete einer seine Terrine auf Zangger. Auffällig und daher harmlos. Oder eine fast perfekte Tarnung? Vermutlich zählten sie zu den Klandinisten, arme Irre, die glaubten, dass heimtückische Roboter in Menschengestalt insgeheim alles Geschehen – besonders die bescheuerte Erdpolitik und die noch bescheuertere Mondpolitik – kontrollierten. Mit ihren ebenfalls bescheuerten Messgeräten suchten sie nach Terahertzstrahlung, die, wie die Werbung der Gerätehersteller behauptete, die Roboter verraten konnte. Vielleicht waren gerade welche von der Erde angereist?

Neben einigen Leuten in schlabberigen Pullovern – Lunarier, die wohl Freunde von der Erde willkommen heißen wollten – patrouillierten die allseits beliebten »silbernen Mülleimer«, Sicherheitsautomaten des Himmlischen Königreichs. Natürlich hatten sie auch ihn, Zangger, längst mit ihren Datenbanken abgeglichen: ein Dienstreisender in offiziellem Auftrag. Die Raumschrottverwaltung schickte ihn zu einer Vor-Ort-Inspektion in den Belt. Fernsondierungen hätten ergeben, dass auch die Orbits zwischen Mars und Jupiter erste Hinweise auf Vermüllung zeigten. Und den Daten der im Belt aktiven Roboter war ja nicht mehr zu trauen. Noch vor ein paar Tagen hätte er das Ganze für einen ziemlich blödsinnigen Schabernack seiner Kollegen gehalten. Kosten, die in die Millionen gingen, zwei Jahre Flug trotz der Expresslinien und ein 500seitiger Auftrag, der sich in drei Worten zusammenfassen ließ: Schau dich um. Das war so unglaublich – dass man es einer lunaren Behörde schon wieder zutraute. Er hoffte nur, dass er den damit zusammenhängenden Formularkram bis zum Ende der Reise bewältigte ...

Zangger sog tief und kräftig Luft ein. Ein feiner Duft wehte da heran. Irgendwie bekannt. Mit einer Note von Salbei.

Am schwierigsten war es gewesen, eine Lösung für Mr. Hemingway zu finden. Der Rabe hatte gezetert und Zangger eine Szene nach der anderen gemacht: Er wolle mit in den Belt! Es sei humaner Chauvinismus, ihn auf dem Mond zurückzulassen! Schließlich sei er als ein flugfähiges Intelligenzwesen unter Null-G viel wendiger als ein ungefiederter Säuger!

Ein Medienteam, kenntlich an grauen Pullovern mit dem orangefarbenen Logo von »Luna immer dabei«, eilte an Zangger vorbei zur Ankunftsschleuse. Rasch informierte sich Zangger über sein Implantat: Sie wollten offensichtlich Al-Gaffar auflauern, einem Nobelpreisträger, der die Erde, enttäuscht über immer strengere Forschungsauflagen, verlassen hatte. Bald, so einer der Kommentatoren, war da oben wohl nichts mehr erlaubt, was nicht mehr oder weniger direkt den »Gärtnern« und ihrer Wiederbegrünungsideologie diente. Nano? Nein, danke. Neuro? Nein, danke. Quantenschaum? Nein, danke. Kein Wunder, dass Al-Gaffar das »Museum im Aufbau« verließ.

Der Duft verstärkte sich. Mit einem Mal hatte Zangger den Eindruck, nicht allein zu sein. Saß da nicht jemand hinter dem mannshohen Zierstrauch gleich zu seiner Linken? Das Gewächs, Produkt lunarer Geningenieurskunst, verdeckte mit farnartigen Wedeln den Durchblick. Aber es schützte nicht vor dem Geruch, der da herüberschwappte. Plötzlich schwand auch die Geräuschkulisse der Sektierer und Touristen, so als dränge sie jemand weit in den Hintergrund. Zangger wollte sich erheben, doch sein Körper reagierte einfach nicht.

»Na, haben die beiden Alten dich herumbekommen? Nein, reiß nicht aus. Und keine auffälligen Bewegungen! – Sie haben dich Marco genannt, nicht wahr? Wenn das keine Ironie ist. Wo du doch Marco auf dem Gewissen hast.«

So heftig, so schmerzhaft war der Geruch, dass Zangger die Augen tränten.

»Sie treiben also noch immer ihr Unwesen. Und jetzt haben sie dich aufgespürt und angeworben. Und dir ein Paket Neurozeugs ins Gehirn gesetzt. Als ob du nicht schon genug Ärger mit deinem Oberstübchen hättest.«

Zangger wollte trotz der Warnung die hellgrünen Wedel auseinanderbiegen, doch dann stellte er sich vor, dass er die Wedel zur Seite drückte – und gar niemand auf der Nachbarbank saß ... Außerdem beschwor der heftige Geruch eine Erinnerung herauf: fünf Leute in einem Muskelaufbau-Zentrum. Übungen im Zeitraffer. Wohltuender Schmerz in allen Gliedmaßen. Das Gefühl unermesslicher Kraft. Der Knall durchschnittener Luft. Verbrennungsflecken auf der Haut, die rasch verheilten. Wann und wo hatte er das erlebt? Und wer bequatschte ihn da?

»Du wirst dich den beiden doch nicht anschließen? Hast du nicht schon genug gelitten? Außerdem bringt diese Quanten-Experimentiererei die gesamte Menschheit in Gefahr, ruft Mächte auf den Plan, von denen wir nichts verstehen! Denk an das Objekt im Kuipergürtel! Keine Sonde dringt zu ihm durch. Und wir tun noch so, als wären wir allein! Schon einmal konnte die Katastrophe nur mit knapper Not abgewendet werden. – Und du lässt dich einsacken! Mit ein paar Kartoffeln! Schande, Schande über dich!«

Zangger rieb sich die Nässe aus den Augen: Wer saß da Gestank verströmend neben ihm? Ihm war, als müsste er die Stimme kennen ... Die Datenbanken in seinem Implantat und im Netz konnte er glatt vergessen!

»Dabei kann dir geholfen werden.« Die Stimme klang so ruhig, so bestimmt. Leise, wie sie war, verdrängte sie den letzten Rest äußerer Geräusche. Bis nur noch sie da war, diese klare, eindringliche Stimme. »Verschwinde ins Klo. In der zweiten Kabine findest du ein Kästchen mit einer Injektion. Sie kann die Neurobots neutralisieren, ehe sie dich völlig umprogrammiert haben. Aber die Zeit läuft. Steh auf, nimm den Koffer und verschwinde! Nutze die Minuten vor dem Start, und dann flieg in den Belt und tauch für eine Weile ab, wo dich niemand findet. Steh schon auf! Sonst ...«

Urplötzlich brach die Schallschutzaura zusammen. Lärm und Schreie brandeten heran. »Bringt den Professor in Sicherheit!« Uniformierte nicht in Schwarzgrün, sondern im Regolithgelb des Himmlischen Königreichs stürzten heran, geradewegs auf ihn und seinen unsichtbaren Nachbarn zu.

Zangger war hellwach. Ein Uniformierter stolperte auf ihn zu, begleitet nicht von einem »Mülleimer«, sondern von einem »Lucky Luke«, einem humanoiden Wachroboter, der den Oberkörper nervös hin- und herschlenkerte. »Halt! Keine Bewegung! Wer hat mit Ihnen gesprochen?«

Unwillkürlich drehte sich Zangger nach seinem Nachbarn um und bog die Pflanze zur Seite. Der Platz hinter dem Gewächs war leer bis auf ein heftig qualmendes Kästchen: ein Schallprojektor. Der Salbeigeruch wurde vom scharfen Ozon einer Stunnerladung überlagert. Der Wachroboter hatte geschossen – daneben!

An der Einreiseschleuse hatten die angeblichen Klandinisten mit ihren angeblichen Messgeräten einen Ring um einen mittelgroßen, unauffälligen Mann gebildet. Eine Durchsage forderte alle auf, Ruhe zu bewahren: Es handele sich um eine Routine-Brandschutzübung.

Der Uniformierte baute sich vor Zangger auf und bemühte sich, entschlossen zu wirken. »Sie bleiben jetzt ganz ruhig sitzen«, herrschte er Zangger an, »und machen langsam, ganz langsam Ihren Koffer auf.« Er hatte den harten Akzent der Lunarusskis.

Zangger amüsierte, wie sich der Mann ins Zeug legte, gesteuert von gefunkten Befehlen, trainiert auf entschlossenes Grimassenschneiden und sicher nur mäßig mit Kompetenzen ausgestattet. »Iwo«, meinte er kurz. »Keine Zeit. Muss in die nächste Fähre. Spar dir den Bericht. Und bring deinem dämlichen Roboter das Schießen bei.«

Erst da bemerkte er, dass die Stunnerladung ihn getroffen und einen leichten Brandfleck auf seinem Hemd hinterlassen hatte. Er war vor allem überrascht, wie wenig ihn das aufregte. Wo er eigentlich hätte bewusstlos umfallen müssen! Aber offensichtlich verkraftete sein neu konfiguriertes Nervenkostüm bereits solche Schläge. Was um Himmels willen stand ihm noch bevor! Er kramte sein rudimentäres Mondrussisch hervor und wandte sich ganz lässig an den Uniformierten: »Riechst du es auch? Der Teufel sitzt auf dem Dach.«

 

Mit oder ohne Pflaster

»Auch – Auswanderer? – Inzwischen – gibt – es – auch – auf – dem – Mond – zu – viel – Bürokratie.« Die Worte tropften durch den engen Salon des Schiffes. Eines nach dem anderen. So als müssten sie voneinander Abstand halten. »Eine – eigene – Zehn – Meilen – Welt. – Davon – habe – ich – schon – als – Kind – geträumt.«

Zangger ließ sich – sachte, sachte! – an einer der Seitenwände des achteckigen Raums nieder und schnallte sich bedächtig an. Denn für den Fall, dass die geringe künstliche Schwerkraft aussetzte, galt, wie sein Implantat informierte, ein »Gurtenobligatorium«. Allmählich hörte er sich ein. Die Frau, die neben ihm saß, bewegte den Mund, als bereite es ihr unsägliche Mühe. »Vergessen Sie Ceres und die anderen Planetoiden. Die kleinen Welten sind die interessanteren. Aber passen Sie auf, dass der Kern aus Gestein ist. Reine Eisbrocken platzen zu leicht auseinander, wenn man baut.«

Bemüht, sich durch keine schnelle Bewegung zu verraten, schaute sich Zangger um. Drei Männer und fünf Frauen befanden sich im Salon. Darunter der hochgeschätzte Nobelpreisträger Al-Gaffar, der, wie die Medien behaupteten, die Menschheit zu einer neuen Bewusstseinsstufe führen wollte. Was hatte der im Belt verloren? Hatte er nicht auf dem Mond Asyl verlangt? Aber Al-Gaffar ging Zangger nichts an. Wenn man schon jemanden auf ihn ansetzte, dann sicher nicht einen buntscheckigen Ex-Erd-Wissenschaftler. Viel wahrscheinlicher war, dass man ihm eine Laus in den Pelz gepflanzt hatte. Eine Mini-Drohne, die sich irgendwo in seiner Bekleidung festgekrallt hatte, alles aufzeichnete und still darauf wartete, dass sich in den Störungen durch die Magnetstürme ein Funkfenster öffnete. Sollte sie.

Einige Passagiere starrten wie Madame Tussauds Wachsfiguren auf die Wand. Sie betrachteten Filme oder spielten Games, die nur für sie sichtbar waren. Oder sie lasen gerade seine Akte ...

Zu gern hätte er gewusst, wer ihm die Sprachbotschaft im Astroport geschickt hatte. Natürlich hatte eine Recherche im Netz nichts ergeben. Er hatte nach Al-Gaffar gesucht und einige mehr oder weniger witzige Kommentare gefunden: »Vermeintlicher Anschlag auf Erdwissenschaftler entpuppt sich als softer Akustikfehler«, womit wohl ein Fehler in der Akustik-Software gemeint war.« »Blamage für die Sicherheitstrampel vom HK.« Auf einem der Videos sah er im Hintergrund sich selbst auf der Bank sitzen, schön unscharf, wie es sich gehörte, und selbstverständlich allein mit Zierstrauch. Was aber dennoch bedeutete, dass er zumindest kurzfristig auf den Radarschirm geraten war. Außerdem genügte es, dass irgendeine unterbeschäftigte künstliche Intelligenz eine Muster-Abweichung in den Daten der Raumschrottverwaltung entdeckte, einen viel zu exotischen Auftrag ... Ganz zu schweigen vom Himmlischen Königreich, das wahrscheinlich die Teilnehmer am Experiment immer noch überwachte – und vielleicht sogar einige von ihnen auf dem Gewissen hatte! Aber sein unsichtbarer, namenloser Gesprächspartner konnte kaum vom Himmlischen Königreich geschickt worden sein. Oder es gab da Fraktionen, die sich bekämpften? Und zu welcher gehörten dann die beiden Alten? Dass sie auf eigenen Faust handelten, war wenig wahrscheinlich. Und was sollte die Warnung vor den Handlangern Kalis? Auf welches Spiel hatte er sich in seiner Naivität eingelassen? Da drehte jemand an einem ganz großen Rad! Und er – plötzlich durchfuhr ihn ein diebisches Vergnügen – ließ sich darauf ein!

Er blickte um sich. Wurde er beobachtet? Merkwürdigerweise verspürte er nicht einen Hauch von Angst. Als ob sein Gehirn durch die Wirkung des Reaktivators angstunfähig geworden wäre. Was einem eigentlich richtig Angst bereiten sollte ... Aber er hatte noch nicht einmal Angst vor dem, was die Neurobots aus ihm machen würden. Das Gehirnzentrum, das bei anderen für Angst, Furcht, Schrecken, Horror, Panik sorgte, war bei ihm, wie es schien, einfach abgeschaltet. Bizarre Sache. Und wozu eigentlich? Er hatte verstanden, dass er eine Art Telepath werden sollte. War es so schrecklich, was er in den Köpfen anderer lesen würde? Eigentlich wollte er ja nur im eigenen lesen!

»Wieder die Hälfte Romantiker, die ihrer Enttäuschung entgegenfliegen«, wandte sich die Frau an Zangger. Sie sprach so schleppend, dass man nervös auf jedes Wort lauerte. »Ich bin Claire Carpenter von First Fungus.« Zangger bemühte sich, Zunge und Lippen ebenfalls im Einschlaftempo zu bewegen. »Zangger. – Raumschrott. – Angenehm.« Er musste an sich halten, dass er nicht mit dem Klischee herausplatzte: Sie gehören also zu denen, die aus ungenießbaren Ausgangsstoffen ungenießbare Nahrungsmittel herstellen. Dass es sich bei den Fungi nicht um erdübliche Speisepilze, sondern vorwiegend um Schleim- und Schimmelpilze handelte, hängte First Fungus, der »bedeutendste Moonburger-Produzent des Universums«, wohlweislich nicht an die große Glocke.

»Ich wusste gar nicht, dass der Belt schon verschrottet ist.«

»Man kann nie früh genug anfangen. Mit den Gegenmaßnahmen, meine ich.«

Es wurde ein banales Geplänkel in Zeitlupe, das Zangger in den Lücken genug Zeit ließ, zu belauschen, worüber man sich quer über den Salon austauschte. Ein Vertreter der Space Mining Co. unterhielt sich in gedämpftem Ton mit seinem Gegenüber. Zuerst sprangen ihm nur Wortfetzen überdeutlich und klar ins Ohr: Dezeleratoren, Evolutionsschritt. Objekt im Kuiper-Gürtel. – Sie nutzten Asterando, eine Sprache angelehnt an Latein, die unter normalen Lunarieren als Angebergeplapper galt. Es hieß, ihre überaus vertrackte Grammatik sei von einer Künstlichen Intelligenz eigens nach der Vorgabe entworfen worden, einfache Gemüter, die nicht in Schachtelsätzen denken und keine Kongruenzen über drei Minuten und fünf Nebensätze verfolgen konnten, wenn sie denn überhaupt wussten, was Kongruenzen waren, von der gehobenen Kommunikation unter Verbal-Intelligenzbestien, die sich ihr Hirn hatten aufpeppen lassen, auszuschließen. Aber heute verstand Zangger alles auf Anhieb. Das musste wohl am modus lentus, dem Langsammodus, liegen.

Es ging darum, dass der nächste Evolutionsschritt der Menschheit unmittelbar bevorstünde, dank Raumfahrt und Quantentechnologien, ein Sprung in den kognitiven Fähigkeiten, in der Beherrschung des eigenen Körpers. »So wenig wie der nicht intelligenzverstärkte Hund begreift, wie und wozu sein Herrchen mit Zahlen und Schrift hantiert, so wenig vermögen wir ...« Der Tonfall kam Zangger bekannt vor, die mäßig verwaschene Lautbildung, die leichte Hebung vor jedem Satzende. So hatte das Kästchen hinter der Zierpflanze zu ihm gesprochen, bevor es sich selbst zerstört hatte.

Nebenbei plauderte Zangger, langsam, immer hübsch langsam, von der Orbitalvermüllung, die schon den Verkehr zu den Lagrangepunkten beeinträchtigte, vom Kessler-Effekt und der kosmischen Isolation der Erde, die zu befürchten war, wenn man das Raumschrottproblem nicht energisch anging. Luna und die Habitate, auf sich allein gestellt, waren noch nicht überlebensfähig, trotz First Fungus. – Und er war dabei ganz Ohr. Was wusste ein Mineningenieur von Quantenverschränkung? Und wer war sein Gegenüber? Der Mensch, der dem Kästchen die Stimme geliehen hatte? Dieser kräftig gebaute Mann, der eher wie ein sehr gut trainierter Erdmensch und nicht wie ein schlaffer Lunarier wirkte? Allein mit Zugriff auf das Bord-Netz war sein Implantat wenig leistungsfähig – und kramte dann doch aus dem eigenen Speicher ein Bild hervor, jenes Hologramm aus der Küche der beiden Alten: Das war Raúl! Raúl, der sich in L4 aufhalten sollte, Raúl, angeblicher Kollege aus Zeiten des Experiments ... Wieso aber erkannte der ihn nicht? Oder wollte Raúl ihn nicht erkennen? Und wieso hatte sein reaktiviertes Gehirn nicht angeschlagen und ihn die Präsenz spüren lassen? Offensichtlich war in Raúls Hirnkasten nichts von dem, wie Phil gesagt hatte, »Q-Komm-Zeugs« übrig geblieben.

»Und die Handlanger Kalis wollen den Evolutionssprung verhindern? Hetzen uns irgendwelche Saboteure auf den Hals, Dezeleratoren, Entschleuniger, Entwicklungsstopper, von denen niemand weiß, wer sie sind, wie sie aussehen, ob es sich vielleicht nur um Cogno-Viren handelt, die sich in KIs oder Roboter einnisten oder in menschliche Gehirne.« Der Mann, der Raúl war, ereiferte sich. »Das sind doch alles nur Einbildungen, Mythen, Phantasmen! Der Fortschritt stockt von selbst, weil wir die Grenze erreicht haben. Einfach lächerlich, sie im Belt zu vermuten, nur weil dort ein paar Roboter defekt sind. Einfach lächerlich, die Magnetstürme mit einem Objekt weit draußen in Verbindung zu bringen. Der Homo sapiens hat einfach seine Potenziale ausgereizt. Ende der Geschichte. – Richten wir uns in unserer Mittelmäßigkeit ein!«

Zangger konnte sich des fatalen Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Gespräch für ihn inszeniert war und Raúl nur zum Schein den Skeptiker spielte. Nun mischte sich auch noch Al-Gaffar ein, der umständlich und erregt erzählte, weshalb er seine Versuche in den Belt verlagerte – um die Sicherheitsdistanz zu den dicht besiedelten Welten zu vergrößern. Die außerdem unter zu viel Ethik und Bürokratie litten. Das bremste den Fortschritt. Da brauchte man keine Dezeleratoren. Politiker und Tierschützer genügten.

»Sie – sollten – endlich – auch – ein – Pflaster – nehmen. – Das – hilft – gegen – die – Hektik.« Claire Carpenter nickte ihm fast schon in Stop-motion-Technik ermutigend zu. Er hatte wohl in den letzten Minuten zu schnell gesprochen. Peinlich, peinlich, sich so ertappen zu lassen.

Zangger hangelte sich wieder durch die knapp bemessenen Röhren des Schiffs zu seiner engen, sechseckigen Wabe durch. Immerhin fünf Kubikmeter Privatsphäre, was für ein Luxus! Als er die Wabe öffnete, schlug ihm ein leichter Duft von Salbei entgegen. Ein Warnsignal seines im Umbau befindlichen Gehirns? Vorsichtiger noch bewegte er sich. Der Geruch verstärkte sich, als er das Schächtelchen mit dem Pflaster hervorzog. »Downslower« sagte das Etikett, vereinfachte raumchinesische Schriftzeichen wiederholten das Versprechen: Ein Dosierungspflaster 1:10 auf den Arm gepatscht, und schon befällt dich eine leichte Müdigkeit, deine Gedanken drehen sich im Kreise, werden immer langsamer, du kannst stundenlang vor einem Bildschirm sitzen und beobachten, wie Mond und Erde immer kleiner werden, oder einfach auf die unbeweglichen Sterne glotzen. Ein nahezu pflanzlicher Zustand, nur unterbrochen von ein paar Muskelstimulationen, damit der Körper nicht verfällt, und einem Minimum an Nahrungsaufnahme. Glaub es nur, am besten brachte man eine Reise hinter sich, wenn man döste.

»Die sind vergiftet«, krächzte Mr. Hemingway, »das hast du davon, dass du mich nicht mitnehmen wirst.« Mr. Hemingway neigte dazu, Futur und Präteritum zu verwechseln. »Der große Vogelfänger hat dich erwischt. Morgen schon war es gestern.« Für den Bruchteil einer Sekunde poppten Netzgewebe-Sessel und Bonsai-Bäumchen vor Zanggers geistigem Auge auf, gute Greifpunkte für Rabenkrallen. Sie gehörten seiner Raumschrott-Kollegin Huan Swarupa, die sich des Vogels angenommen hatte. Dann verflog der Eindruck, Zangger blickte wieder auf die Bildschirmtapete an der Wand, die ihm vorgaukelte, ein Bullauge ins schwarze All zu sein. Am liebsten hätte er Mr. Hemingway angerufen, um sich zu vergewissern, ob er a) entweder Neuroquanten-Halluzinationen erlebte oder b) in Neuroquanten-Kommunikation mit dem fernen Rabenhirn getreten war. Zangger zog a) vor. Oder c), dass einfach seine Vorstellungskraft mit ihm durchging. Und die Verbindung zum Mond war ohnehin gestört.

Vorsichtig fingerte er ein Pflaster aus der Schachtel. Nichts deutete auf eine Manipulation hin, aber er war sich absolut gewiss, dass das Pflaster mit Neurobots oder einem Kontaktgift kontaminiert war. Es fragte sich nur, ob es sich um einen tödlichen Anschlag oder um einen Versuch handelte, die Veränderungen in seinem Gehirn rückgängig zu machen. Und ob der Mann, der sein früherer Kollege Raúl gewesen war, darin verwickelt war, oder nicht. Oder ob er sich das alles nur einbildete, so wie Mr. Hemingways Warnung. Wie dem auch war, solange man ihn verfolgte, konnte er sich keine verlangsamte Wahrnehmung leisten. Trotzdem: Er hatte nicht übel Lust, das Pflaster einfach auszuprobieren.

In endloser Folge tröpfelten die Sekunden vor sich hin. Die Zeit im Kosmos war ein zähes Medium geworden, in dem man wie die Ameise im Honig stecken blieb. Zangger schwebte ein paar Zentimeter über seiner Pritsche; ein leises Säuseln verriet den Luftstrom, der verhinderte, dass er an der eigenen Atemluft erstickte. Er hatte die Augen geschlossen und versuchte – seit Stunden oder schon seit Tagen? –, die neuen Kräfte und Fähigkeiten zu aktivieren. Wo bist du, Sandra? Hörst du mich, Sandra? Wo seid ihr alle? Doch nicht einmal Raúl konnte er erreichen, falls es tatsächlich Raúl war und ihn sein Implantat nicht getäuscht hatte. Der Gedankenraum um ihn blieb stumm und leer wie das schwarze All vor dem falschen Fenster. Da draußen, irgendwo in der Schwärze, da sind sie – oder auch nicht, jene unheimlichen Mächte ... Dann wieder versuchte er zu sortieren. Wer war er? Was geschah mit ihm? Wer war ihm auf den Fersen? Was war seine Rolle in dem Spiel? Die wenigen Puzzlesteine, die er kannte, fügten sich in kein Bild. Mit Ausnahme von dem, dass er allmählich nanoneuro-quantenmeschugge wurde. Aber auch davor hatte er keine Angst.

Wieder und wieder versuchte er, sich zu erinnern. Brenda, Sandra, Akiko und wie sie alle hießen. Ferne, schemenhafte Gestalten. Dann kam das Gleißen, die Auslöschung. Vorher aber saß er mit den anderen in einem schalltoten Raum, und er hörte sie denken, ein wirres Geplapper trotz aller Ermahnungen, die inneren Stimmen unter Kontrolle zu bringen. Dazu das Gefühl, mehr zu sein, ein Körper aus vielen Körpern. Und die plötzlich aufzuckende Todesangst, die hereinstürzende Schwärze aus eisiger Einsamkeit, die bodenlose lauernde Präsenz ...

Und wie er so liegend schwebte und schwebend lag, kehrte dieses Gefühl einer fernen, bodenlosen lauernden Präsenz zurück. Er verspürte die unendlich langsame Drehung der Galaxis, ahnte den gewaltigen Sog im Zentrum – und dann flackerte hier und da in den Randbezirken ein leichtes Grün auf, harmloses Leben, das meist bald in planetaren Zusammenstößen oder Hitzewallungen der Zentralgestirne erlosch. Hier und da aber zeigte sich einem Fieberanfall vergleichbar ein ungenügsames grünliches Getümmel, das niemals reifte und bereit war, in das große Rad zu greifen, die galaktische Harmonie zu verderben, Raum und Zeit zu zerstören. Ein Fall für die Handlanger.

Irgendwann später kehrte Zangger in den Salon zurück, um Raúl zur Rede zu stellen und auszuquetschen, wenn es sein musste, unter den Augen der anderen. Genug Versteck gespielt! Doch dort traf er nur Al-Gaffar, der recht gelangweilt gegen zwei Frauen mit den Insignien der Space Mining Co. Simultanschach nach den verschärften indischen Regeln von 2034 spielte. Raúl hatte sich offenbar in seine Wabe zurückgezogen, er reagierte auf keinen Internruf, und die Automatik verwehrte Zangger den Zutritt. Enttäuscht beobachtete er eine Weile, wie die holographischen Figuren durch den Salon schwebten. Die Damen ließen sich unendlich viel Zeit, Al-Gaffar dagegen zuckte vor Ungeduld. Die Partien verliefen absolut vorhersehbar. Zangger wusste auf Anhieb, welche Züge sich in den nächsten zwanzig Minuten ereignen würden.

»Sie sind ja auch nicht verlangsamt«, wandte sich Al-Gaffar an Zangger. Er benutzte Chenglisch, das Allerwelts-Idiom der Raumarbeiter mit seinem chinesisch vereinfachten Satzbau. »Wollen Sie mir eine Partie gönnen?«

Zangger winkte ab. Als Student hatte er bisweilen Räuberschach gespielt. Aber Al-Gaffar ließ nicht locker. »Bei mir wirkt das Pflaster nicht«, erklärte er missmutig. Aus dem Netz wusste Zangger, dass der berühmte Mann die eigene Intelligenz durch neuroplastische Tricks verstärkt hatte. Grund genug für die Konservativen der Erde, ihn zum Ziel ihrer Angriffe zu machen. Und vielleicht der Grund, weshalb das Pflaster ihn nicht heruntertunte.

Als die Frauen fast gleichzeitig mattgesetzt waren, willigte Zangger endlich ein. Al-Gaffar überließ ihm Weiß, und Zangger rückte den Damebauern nach vorn. »Ich muss Sie warnen«, erklärte Al-Gaffar nun, da die Partie schon begonnen hatte, »ich kombiniere in der Regel vier oder fünf Doppelzüge voraus. Schlage Schachprogramme bis Stufe 7. Aber ein Spiel mit Menschen ist etwas anderes.«

Zangger unterdrückte ein Lächeln. Sein Schachwissen war plötzlich wieder da – und er sah förmlich vorher, was Al-Gaffar ziehen würde. Dazu war es nicht einmal nötig, mögliche Zugfolgen zu durchdenken. Er sah es eben einfach. »Ich werde, sofern es die Umstände erlauben, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten mein Bestes geben«, erwiderte Zangger umständlich auf Asterando. Mehr als zwei Sekunden benötigte er für keinen Zug, und Al-Gaffar hatte Mühe, sich in ein Remis zu retten. Doch statt sich zu ärgern, war der berühmte Mann hochbeglückt; die buschigen Augenbrauen tanzten auf und ab, sofort verlangte er, als hätte er verloren, Revanche, die ihm Zangger gern gewährte.

»Wissen Sie, ich bin wirklich davon überzeugt, dass die Menschheit vor einem Evolutionssprung steht. Sie selbst sind vielleicht das beste Beispiel dafür. Die Nutzung der Technik hat unsere Gehirne flexibler gemacht, stimuliert Neuroplastizität, die Verschaltungsdichte nimmt zu und wir wachsen über uns hinaus. Ich will meinen Teil zu diesem Fortschritt beitragen. – Möchten Sie sich mir anschließen? Ich suche noch Mitarbeiter für mein künftiges Labor auf Eunomia. Die neue Menschheit wird im Belt geboren, nicht auf der alten Terra! Schlagen Sie ein!«

Zangger entschied sich, ihn dieses Mal gewinnen zu lassen. Sonst verlor Al-Gaffar noch das Interesse an weiteren Partien. »Im Grunde«, erwiderte er in breitem, proletenhaftem Chenglisch, »fühle ich mich beim Raumschrott recht wohl.«

Als genug Zeit vergangen war, holte sich Zangger seine Pflaster und schwebte, erfüllt von freudiger Entschlossenheit, noch einmal zu Raúls Wabe. Es war nicht einmal schwierig, die Automatik auszuschalten – man musste ihr nur einen Notfall vorgaukeln, die Perforation den Schiffs durch ein Stück Weltraumschrott oder wahlweise einen Meteoriten. Das kam im Belt angeblich sogar vor. Unter diesen Bedingungen ging das Schott in den Notverschluss-Modus über. Es ließ sich dann von Hand entriegeln.

Raúl, ausgestreckt und überhaupt nicht verlangsamt, erwartete ihn offensichtlich. Er wirkte verkrampft, unter der dünnen Bordbekleidung spielten die wohltrainierten Muskeln. Seine Hände waren leer, doch Zangger konnte sich nicht vorstellen, dass keine Waffe auf ihn gerichtet war. Und wenn schon. Er kam sich reichlich unverwundbar vor. Das Überraschungsmoment war auf jeden Fall auf seiner Seite.

In fünf Kubikmetern Raum kam man sich schnell sehr nahe. Atem floss in Atem: Raúl blies ganze Schwaden säuerlichen Brodem aus. Die strenge Fahne überdeckte sogar den Salbeigeruch.

»Wieso verfolgst du mich?« Zangger hatte Raúls angespanntes Gesicht direkt vor sich, noch nicht einmal auf Armeslänge. »Steckt das Himmlische Königreich dahinter? Oder wer sonst hat dich losgeschickt?«

Mit verzerrter Miene, doch besorgter und mitfühlender Stimme, so wie man eben mit einem alten, nicht ganz zurechnungsfähigen Kameraden spricht, setzte Raúl an. »Phil und Baucia hätten dir nicht den Reaktivator verpassen sollen. Ich jedenfalls habe damals gleich abgelehnt. Jetzt bist du eine Gefahr, Marco. Vielleicht können wir dir noch helfen. Wir haben das Gegenmittel.« Der Tonfall sollte keinen Zweifel lassen, dass er glaubte, was er da säuselte. Er gab sich auch keine Mühe, seine Identität zu verleugnen. Raúl, ehemals sein Kollege, möglicherweise Freund – und jetzt? »Du hättest die Warnung im Raumhafen ernst nehmen sollen. Hast du schon das Angstgefühl verloren?«

»Wieso hast du Alex und die anderen umgebracht? Und für wen arbeitest du?«

»Umgebracht? Wofür hältst du mich?« Der Gestank trieb Zangger fast aus der Wabe. »Wir haben sie aus dem Verkehr gezogen! Was für Märchen haben sie dir erzählt! Alex und Jiao sind psychische Wracks, paranoid und aggressiv, potenzielle Amokläufer und deshalb in Behandlung. Eine Spätfolge des Experiments, der Katastrophe am Ende, so wie bei dir jetzt. Moisse ist uns durch die Lappen gegangen. Hast du von dem Anschlag auf das Quanten-Labor in Durban gehört? Das war er. Wir hatten ihn – er ist entkommen. Also beruhige dich erst einmal. Nimm dein Pflaster, es ist in deinem eigenen Interesse.«

Der Trick war so leicht zu durchschauen, dass Zangger einen Impuls zu lachen unterdrücken musste. »Wer sind deine Auftraggeber? Das Himmlische Königreich? Die terrestrische Forschungsüberwachung, oder wer sonst?«

Raúl spannte sich und packte Zangger am Gürtel. Es war verblüffend, welche Kraft er aufbrachte. Er quetschte Zangger gegen die Wand. »Schon wegen der alten Zeiten, Marco. Ich will dich nicht verletzen. Aber wenn du nicht ...«

»Ich dich auch nicht«, erwiderte Zangger gutmütig und knallte Raúl das kontaminierte Pflaster in den Nacken. Der zuckte zusammen und übergab sich in zwei heftigen Eruptionen, die bei der reduzierten Schwere die winzige Kabine mit säuerlich stinkendem Erbrochenem überschwemmten.

Zangger brauchte in der Sanitärwabe Stunden, um erst sich und dann seine Bekleidung auch von den letzten mikroskopischen Resten zu säubern. Mit Pflaster hätte es wohl bis zum Ende der Reise gedauert. Er war ziemlich sicher, dass Raúl eine aktive Substanz auf ihn gespien hatte, eine Substanz, deren Wirkstoffe durch die Haut eindringen konnten.

Als Zangger immer noch ziemlich hektisch in seine Wabe zurückkehrte, redeten die Bordsysteme wieder auf ihn ein: »Sie sollten wirklich ihr Entschleunigungspflaster nehmen! Langsam währt am längsten.«

 

Auf eierndem Fels

»Bitte beachten Sie die Unwucht.« Zangger befand sich mit drei Mitarbeitern der Space Mining Co. und zwei Beltern noch im Schleusenbereich. Der Boden unter seinen Füßen schien sich ganz leicht zu heben und zu senken. Der Asteroid, entfernt kartoffelförmig wie viele andere Asteroiden, eierte eben etwas. Als Service der Raumlinie wurden die Neuankömmlinge außerdem über die aktuelle KRZ, die »Kommunikative Respons-Zeit« zum Erde-Mond-System, informiert. Sie betrug 48 Minuten. Schon vor einigen Stunden, als die Bordsysteme des Schiffs sich mit dem Asteroidennetz und seinen starken Sendeanlagen verlinkt hatten, hatte Zanggers Implantat Tausende unwichtiger Nachrichten abwehren müssen. Zangger selbst hatte endlich seinen Statusbericht an die Raumschrottverwaltung absetzen können – von dem er annahm, dass Phil und Baucia mitlesen würden: »Situation normal. Vermasselte Reisegesellschaft. Pflaster wirken auch nicht so wie in der Werbung.«

Nun, wenige Minuten nach dem Andocken, kam eine Kurznachricht der Priorität 1 herein, versehen mit seinem privaten Sicherheitsschlüssel. Die kleine Audiodatei entpackte sich sofort: »Marco! Etwas läuft auf fürchterliche Weise schief. Kehre sofort mit demselben Schiff zurück!« Zu Erklärungen ließ sich Baucia nicht herab.

Ein leichter Duft wehte heran. Zuerst glaubte Zangger, dass es an der Schleuse lag, in der er bald ein Stück schwebte, bald sich vorsichtig vom Boden abstieß, eine Art Duftmarke der Klimaanlage des Asteroiden. Doch dann dämmerte ihm, dass ihm sein gehirninternes Riechsystem wieder etwas vorgaukelte. Der Geruch ähnelte noch entfernt Salbei, er war aber subtiler und zugleich kräftiger; ein Geruch, bei dem man sich angenehm stark und überlegen fühlte. Die Menschen hier kamen ihm so klein und zerbrechlich vor, vor allem die Belter mit ihren ohnehin schmächtigeren Gliedmaßen. An der Längsseite der Schleuse lag befremdlicherweise das leere Gehäuse eines Wachroboters Marke »Lucky Luke«. Ausgeschlachtet und nicht weggeräumt.

Zangger glaubte der Nachricht nicht. Zwar sprach die Kürze für ihre Echtheit, doch die Künstlichen Intelligenzen des Himmlischen Königreichs waren ziemlich versiert im Knacken geheimer Botschaften – und selbstverständlich auch im Fälschen. Phil und Baucia hatten keinen Anlass, ihn zurückzubeordern, und wenn, dann hätten sie irgendeinen versteckten Hinweis auf den Grund gegeben, so wie er Andeutungen eingebaut hatte. Nein, nichts lief schief, außer dass man ihm immer noch auf den Fersen war. Er hatte Raúl ausgeschaltet, der jetzt als Raumkranker im künstlichen Tiefschlaf zurückflog. Aber das genügte offensichtlich nicht. Jemand, der Zugang zu den Datenwegen hatte, wollte verhindern, dass er seine Mission erfüllte. Jemand? Das Himmlische Königreich konnte kein Interesse daran haben, dass ein Opfer der Katastrophe enthüllte, was man damals mit Mühe vertuscht hatte ... Auch musste gerade dem größten Raumflugkonglomerat an augenblicklicher Kommunikation über interplanetarische Distanzen gelegen sein, zumal wenn die normalen Funkwege immer häufiger gestört waren. Möglicherweise hatten sie die Experimente von damals längst vollendet und insgeheim eine Quanten-Telepathen-Truppe aufgebaut, die ihnen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil einbrachte. Dann ging es darum, die Konkurrenz unwissend zu halten. Ein paar Menschenleben zählten dabei nicht. Schon gar nicht hier draußen.

Die Mitarbeiter der Space Mining Co. und auch die beiden Belter hatten die Schleuse verlassen, mit einem leisten Knirschen dockte die Fähre ab. Nun schwangen sich zwei Personen in leichten Raumanzügen mit aufgeklappten Helmvisieren und Manövrierpistolen am Gürtel aus einem seitlichen Gang heran. Die üblichen Insignien – Space Mining, Himmlisches Königreich, Selbstverwaltungsteam des Asteroiden – und auch die Namensschildchen fehlten. Zangger wusste sofort: Das gilt mir. Sie müssen nur das Außenschott öffnen, und ich stehe da ohne Raumanzug. Wenn die Luft entweicht, habe ich vielleicht dreißig, höchstens sechzig Sekunden, ehe mich das Vakuum ausknipst. Das Innenschott würde sich schlagartig automatisch schließen ...

Gerade in diesem Moment spürte er eine Präsenz, eine menschliche Präsenz, kleine, erst freudige, dann verschreckte Gedanken, die umherflatterten wie ein aufgescheuchter Schwarm Fledermäuse, diffuse Phantome von Bildern wie in einem Traum, ein Mosaik von Tönen, japsende Überraschung.

»Ich brauche ein Ersatzteil für Modul G22-8«, erklärte ein vierhändiger Roboter. Die Verkleidung an einer seitlichen Düse war geöffnet. »Im gesamten Pallas-Cluster ist keines mehr erhältlich. Und der Mond hat den Nachschub gestoppt. Können Sie mir helfen?«

Zangger sah den Roboter vor sich, ein deutliches virtuelles Bild, das sich vor die Realität schob. Um ihn herum ließ sich ein grell ausgeleuchteter Raum mit Wänden aus Stein erahnen. Mit einer Hand hielt sich der Automat an der Decke fest, sein spinnenhafter Körper pendelte hin und her. Normalerweise hätte er die Bewegung durch winzige Luftstöße aus seinen Düsen gestoppt.

Geh aus meinem Kopf!, schrie Sandra in Gedanken, das bringt nichts! Weg, weg mit dir! Was willst du von mir? Lass mich in Frieden!

Gleichzeitig fand sie die Geistesgegenwart, auf den Roboter einzugehen: »Dir fehlt nicht nur ein Ersatzteil. Mein Vorschlag: Du lässt dich ausschlachten. Bei den heutigen Preisen reicht der Erlös, um deinen Gedächtnisinhalt in den Roboterhimmel hochzuladen. Sobald sich die Ersatzteillage verbessert hat, wirst du wiederverkörpert.«

Und schon traf Zangger ihr nächster Ausbruch: Was willst du? Raus aus meinem Kopf! Weg mit dir! Sie finden mich sonst! Eine dunkle, zuckende Angst hatte sie ergriffen und drohte auf ihn überzuspringen.

Mit einem Wimpernschlag war Zangger zurück in der Schleuse, bedroht von zwei Idioten, die die Harmlosen mimten, und einem scheintoten Wachroboter Marke »Lucky Luke«, der leere Hülle spielte und dessen nicht sichtbare Waffe bestimmt nicht auf Betäubung eingestellt war. Dachten sie wirklich, sie könnten ihn abfangen, so kurz vor dem Ziel? – Es war ein Witz, ein Spaß, er hätte vor Freude singen können! Leute, kommt schon, zeigt, was ihr drauf habt, sprengt das Schott auf oder lasst den Roboter ballern! Aber sie bewegten sich so unendlich behäbig wie eben echte Belter, so betulich, dass man sich um ihre Gesundheit sorgen musste. Hatte denn hier draußen jeder ein Dauerpflaster?

Zangger übernahm die Initiative. »Ich soll euch begleiten? – Aber gern doch«, sagte er freundlich und brachte sich, die zeitlupenhafte Verblüffung der beiden nutzend, hinter dem einen Raumanzugträger aus der Schussbahn des Roboters. »Ich denke, ihr begleitet eher mich.« Er wiederholte den Satz noch einmal schön langsam auf Belter-Weise, denn er war nicht sicher, dass sie ihn verstanden hatten. Hatten sie tatsächlich geglaubt, sie könnten ihn mit ihren primitiven Manövrierpistolen überwältigen? Nun gut, es waren die einzigen Waffen, die nicht auffielen, da sie hier praktisch jedermann trug.

»Entschuldigung«, der Raumanzugträger hatte die Stimme einer Frau. »Wir sind hier, um den defekten Roboter abzutransportieren.« Das musste man ihr lassen, die Frau hatte die Situation erkannt, ihre erbärmliche Unterlegenheit, und reagierte auf beltisch-bescheidene Weise ganz schön schlagfertig.

»Na dann tun Sie dies gefälligst«, schimpfte Zangger lauthals. Tatsächlich war er nahe daran, den beiden dankbar auf die Schulter zu klopfen: klasse Action-Einlage, Freunde. Sagt dem Himmlischen Königreich, oder wer auch immer euch beauftragt hat, sie sollen einmal richtige Kämpfer schicken, keine Waschlappen! Jedenfalls jemanden, der es mit mir aufnehmen kann! Erst jetzt fiel ihm auf, dass sich der Geruch fast wie nach Salbei schon eine Weile verflüchtigt hatte. Vielleicht hatte er doch nur harmloses Wartungspersonal vor sich? – Das machte nichts. Mit ein bisschen Paranoia war er wenigstens auf der sicheren Seite.

Er sprang in den Gang. Wohlweislich achtete er darauf, sie nicht aus den Augen zu lassen – und darauf, nicht gegen eine Wand zu stoßen, wenn der Asteroid wieder eierte.

 

Bei ihr und außer sich

»Kehr um, Marco! Uns ist ein fürchterlicher Patzer unterlaufen. Es geht um Leben oder Tod!« Die gefälschten Botschaften, die Zangger in schöner Regelmäßigkeit erreichten, konnten nicht dringlicher lauten. »Das Objekt im Kuiper-Gürtel greift nach dir!« Einmal hieß es sogar: »Die Bratkartoffeln warten auf dich.« Da strengte sich jemand gewaltig an.

Sooft Zangger auch die Fähren wechselte, er hinterließ, ob er es wollte oder nicht, eine breite Datenspur. Eine Weile hatte er mit dem Gedanken gespielt, von Flugstrecke zu Flugstrecke die Identität zu wechseln. Aber das hätte ihn von seinem Konto bei der Raumschrottverwaltung abgeschnitten. Außerdem hatte das Himmlische Königreich seine Augen – und seine Drohnen! – auch hier draußen fast überall. Solange man ihm noch Botschaften zustellte, war er nicht von den Radarschirmen seiner Verfolger verschwunden.

Die größten Fähren nannten sich »Postschiff«. Meist waren es ausgemusterte Interplanetarschiffe, die Dutzenden, mitunter sogar Hunderten von Menschen Platz boten und gemächlich die weiten Strecken zwischen den größeren »Brocken« oder »Felsen«, wie man hier die Asteroiden nannte, bewältigten. Bei den kleineren handelte es sich zumeist um wild zusammengestoppelte, filigrane Gebilde, die über keinerlei künstliche Schwerkraft verfügten und oft »Splitter« anflogen, Himmelskörper, die kaum größer waren als sie selbst. Allmählich gewöhnte sich Zangger an die »Brockenhüpferei«.

Offiziell befand er sich nach wie vor auf Raumschrott-Inspektionstour, wofür man ihn, egal wohin er kam, belächelte: Raumschrott? Wir haben ärgere Probleme. Die Mikro-Splitter auf ihren irregulären Bahnen, Meteoritenstaub, abgehobene Spaziergänger, die wieder eingefangen werden wollen. Roboter mit ihren Marotten.

Manche Fähren gestatteten sogar einen Blick durch ein tatsächliches Bullauge – als ob Bildschirmtapete nicht billiger gewesen wären! Üblicherweise fläzte man in einer Hängematte oder einem Hängestuhl und wartete einfach ab. Den Beltern schien das keine Mühe zu bereiten.

Zangger selbst befand sich in einem seltsamen Zustand. Er wusste, die Neurobots wirkten. Er benötigte fast keinen Schlaf mehr, ab und zu ein Minutennickerchen, das reichte. Immer häufiger hatte er den Eindruck, weit außerhalb seines fragilen Menschenkörpers zu schweben. Die neuen Fähigkeiten bauten sich jetzt rapide auf: Kontrolle des Körpers, Kraftreserven, die er in Sekundenbruchteilen mobilisieren konnte. Warnende Gerüche hatten die Rolle der Angst übernommen. Und er brauchte sich nur ein wenig zu konzentrieren, um Sandras Präsenz zu spüren. Das genügte ihm. Er wollte nicht, dass sie ihn bemerkte und sich wieder erregte. Womöglich brachte er sie tatsächlich in Gefahr, wenn er sie aufsuchte? Wie Phil und Baucia angedeutet hatten, gab es schlimmere Gegner als ein Himmlisches Königreich, das seinen poetischen Namen dem wolkigen Chinesisch seiner Gründer verdankte und jetzt von technisch aufgerüsteten Menschen geleitet wurde, deren Beweggründe oft rätselhaft blieben. Er glaubte nicht an geheime kosmische Mächte, aber wenn er sich die unermessliche bodenlose Leere hinter den dünnen Fährenwänden vorstellte ... Er war so weit von Sonne, Erde und Mond entfernt, out in the cold, wie man bei der Space Mining Co. sagte. Bisweilen, wenn er die Augen schloss und die Leere um ihn noch tiefer wurde, glaubte er, andere Wesen zu erahnen, manche ihm ähnlich, andere unendlich fremd. Er ging vorsichtig mit diesen Momenten der Entgrenzung um, denn er fühlte, er war kurz davor, ein Tor aufzustoßen – oder eine Falltür in unendliche Tiefen. Die eigene Vergangenheit, die verlorenen Erinnerungen interessierten ihn dagegen kaum mehr. Man gewann Abstand hier draußen. Von Marco. Von Zangger. Von allem.

Dann wieder stand er in einer Schleuse und erzählte dem betulichen Personal von der spendablen Raumschrottverwaltung und dass der Schrott – ein wahrhaft universales Problem! – auch sie hier draußen einholen würde, früher oder später, aber sicher wie das Erkalten der Planeten. Noch zwei Mal hatte er den stinkenden Eindruck, dass man ihm an den Kragen wollte, und einmal verlor eine kleine Fähre, kurz nachdem er sie verlassen hatte, alle Luft. Dergleichen kam vor. Sein Spaß am Überleben hielt sich in Grenzen.

Nach Monaten erreichte er A1313a+b, meist Clarion 3 genannt, zwei umgebaute, aneinanderzementierte Alt-Asteroiden, die noch vor einem Jahrzehnt ein wichtiges Bergbauzentrum beherbergt hatten. Hinter der Schleuse wartete ein Roboter auf ihn: »Sie wollen zur Heilerin? Sie kann auch Ihnen bestimmt helfen, nicht nur uns Robotern. Ich analysiere: Sie sind ein uns verwandter Geist. Andere Menschen reagieren viel langsamer und diffuser. Ich weiß, ich rede zu viel. Das lasse ich noch korrigieren. Aber man hat hier draußen selten Gelegenheit, mit einem anderen Vertreter der Gattung Homo superior zu sprechen. Ab und zu unterhalte ich mich mit einer Fledermaus, dann aber im Ultraschall. Wir tolerieren sie hier als halbvernünftige Wesen und Boten in funktoten Zonen. Sie kennen auch die letzten Winkel.«

In den Gängen lagen zerschossene Roboter, die von anderen Robotern ausgeschlachtet wurden. Der Salbeigeruch begleitete ihn nun wieder. Schon vor Tagen hatte er Sandra, die sich hier wahlweise Tarrkis oder schlicht die Heilerin nannte, seine Ankunft angekündigt. Sie hatte nicht geantwortet. Sie war aber auch nicht geflohen. Überwog ihre Neugier die Furcht?

»Ich bringe Grüße von Phil und Baucia«, sagte er, als er ihr endlich gegenüberstand. Er hatte sie sich völlig anders vorgestellt: Schmal, ja abgehärmt wie eine Belterin. Tatsächlich war sie ein Fleischkloß, der in der geringen Schwere noch aufgegangen war. Die Heilerin der Roboter – ein wabbelnder Kloß weißes Fleisch, zusammengehalten von bunten Stoffbahnen, die hier und da aufklafften ...

Es war schwer, in ihrem aufgedunsenen Gesicht zu lesen. Zangger aber spürte, wie angespannt und nervös sie war – und wie sie versuchte, ihren Geist zu verschließen und das zu verbergen, was sie vorbereitet hatte. Sie war, darüber durfte ihr aufgequollener Leib nicht hinwegtäuschen, voller Tatkraft. Eine Person, mit der man rechnen musste. Homo superior hatte der Roboter sie genannt – und das bestimmt nicht auf das Gewicht bezogen. Was für eine Freude!

Zangger riss sich zusammen und erzählte ihr, wie froh er sei, sie endlich zu treffen, seinesgleichen, ihresgleichen. Dass sie nun den zerrissenen Faden wieder knüpfen müssten. Dass sie die anderen, die überlebt hatten, finden würden. Dass Phil und Baucia stolz auf sie sein könnten. Dass man sie brauchte, jawohl, die Menschheit oder vielmehr das, was aus ihr dereinst werden würde. Dass sie, Sandra, sich nicht mehr out in the cold als Heilerin verstecken müsse.

Ein halbes Dutzend meist defekter Roboter lauschte. Sie waren, wie er sich schnell vergewisserte, nicht bewaffnet – außer mit ihren verbliebenen, schnellen und scharfkantigen Gliedmaßen. Armselige, ungefährliche Geschöpfe von Menschenhand. Wenn Sandra ihn für eine Bedrohung hielt, dann sollte sie Wirksameres in Reserve haben! Arme, kleine Sandra!

»Du musst keine Angst haben«, redete er auf Sandra ein, deren Augen ihn unter wulstigen Lidern hervor hellwach und konzentriert beobachteten. »Raúl kann dir nichts mehr anhaben. Keiner verfolgt mich mehr. Vor Tagen habe ich die Verbindungen ins Netz gekappt, meine Spur verwischt. Gemeinsam sind wir stark. Wir stellen das Team wieder her, schlagkräftiger denn je. Wir führen zu Ende, was wir damals begonnen haben! Die Menschheit braucht uns – uns und alle anderen, die sich über planetarische Distanzen verständigen können!«

Er hörte sie zugleich denken und sprechen. »Geh weg, Marco, wenn du etwas für die Menschheit tun willst!« Es war, als spucke sie das Wort aus. »Verschwinde! Wie konnten sie gerade dich zu mir schicken!«

Zum ersten Mal seit Wochen begriff Zangger nicht, was sein Gegenüber meinte. Er hob die leeren Hände. »Wovor fürchtest du dich? Ja, das Himmlische Königreich möchte uns alle ausschalten.« Er überlegte kurz, berichtete von seinem Besuch bei Phil und Baucia, vom Reaktivator, vom Verlust jeglicher Angst, von den lächerlichen Angriffen. Welche Mühe hatte er – und vor ihm Phil und Baucia – investiert, sie aufzuspüren!

»Du warst es!« Unter den Stoffbahnen zuckte und wabbelte Sandras gewaltiger Leib. »Du hast uns damals beinahe umgebracht! Es hat uns alle berührt – das Ding weit draußen – hat nach uns gegriffen, ich spüre es noch wie heute, und dich hat es nicht mehr losgelassen!« Ein Roboter schwebte empor; zwei seiner Arme fehlten, in der verbliebenen dritten Hand hielt er ein Tuch. Er wischte Sandra den Schweiß von der Stirn.

»Du warst es«, wiederholte sie und sackte ein Stück in sich zusammen.

Zangger nahm dem Roboter das Tuch aus der Hand. Um Menschen, dachte er ganz altmodisch, sollten sich Menschen kümmern. »Man hat mir das wichtigste Stück Erinnerung herausgeschnitten.« Er wischte ihr über die wulstigen Brauen, über die nassen Tränensäcke. »Was war damals? Hat uns das Objekt versklavt? Über sieben Lichtstunden hinweg?«

Sie zuckte zusammen, presste die Lippen aufeinander, aber sie konnte nicht verhindern, dass die Bilder in ihr aufstiegen. Er sah in Sandras Erinnerung, wie er – nicht im Amok, sondern mit kalter Berechnung – das Sicherheitsgefäß entriegelte und eine Wolke militärischen Quantenkram freiließ. Er hörte mit ihren Ohren die Sirenen und dann die Stimme: Noch drei Minuten bis zum elektromagnetischen Puls, noch zwei Minuten. Rette sich, wer kann!

Unentschlossen, ja hilflos beobachtete Zangger, wie Sandra sich, gegen die Trägheit ihrer Körpermasse ankämpfend, aufraffte. »Ich habe kein Mittel gegen das Zeug in deinem Kopf«, erklärte sie. »Ich kann dich lediglich in einen künstlichen Tiefschlaf versetzen, vielleicht findet man auf Pallas oder auf Luna eine Behandlung, die nicht wieder dein Gedächtnis auslöscht.«

Ein neuer Geruch breitete sich aus, eher scharf mit einer leichten Minzenote. Gefahr signalisiert das nicht, überlegte Zangger, nein, ich vertraue ihr, das wird es sein. Wo eigentlich alle Alarmglocken schrillen sollten.

Ein drei- statt sechsarmiger Roboter, ebenfalls ein Versehrter der jüngsten Kämpfe, klappte die Türen einer Wandnische auf, die medizinisches Gerät enthielt, holte eine Hängematte und einen Satz Pflaster in rötlicher Klarsichtfolie daraus hervor.

Ich habe meinen Auftrag erfüllt, sagte sich Zangger, die verschlüsselte Botschaft an Phil und Baucia ist unterwegs. Er schloss entspannt die Augen und wartete auf die lange Ruhephase.

Mit einem Schlag kehrte das Gleißen von damals zurück. Real. Nicht in der Erinnerung. Sonnenhaft grell, sonnenhaft heiß. Man verpuffte in diesem Gleißen – und stürzte wieder zur alten Gestalt zusammen. Alle Erinnerungen waren wieder da, gleichzeitig, nebeneinander aufgereiht wie in einer Galerie: Marco auf der Schulbank und beim Lauftraining. Marco vor einem Teller Suppe und Marco beim Aufnahmetest von Sino-Espace. Marco, der nicht mehr Marco war, verbunden über kosmische Weiten. Das Tor war aufgestoßen. Er war zurück.

Er sah das innere Sonnensystem aus der Distanz des Kuiper-Gürtels vor sich, winzige Welten befallen von einer schon nicht mehr ganz harmlosen Infektion, von Intelligenzen, die keine Zeit gehabt hatten, zu reifen, und es doch nicht fertig gebracht hatten, sich umzubringen, und die nun die Galaxis bedrohten. Er hielt sie im Zaum.

Sandra näherte sich, die wässrigen Augen vor Schreck aufgerissen. Er wich ihr aus. Keine Zeit für Spielchen mit einem Kloß Fleisch und ein paar Roboter-Veteranen. Er hatte viel zu erledigen. Da war Al-Gaffar mit seinen Versuchen, die Menschen geistig aufzurüsten. Ihn würde er als Erstes stoppen. Dann zum Mond zurückkehren. Raumschrott war eine feine Sache, wenn man ihn richtig einsetzte. Ein Bruchstück, das mit anderen kollidierte, konnte in den dichten Schrottringen eine Lawine von Partikeln auslösen, die rund um die Erde jeden Raumflug in eine Todesmission verwandelten. Er würde die Menschenwelten auf Jahrhunderte voneinander isolieren. Merkwürdig, klang es in Zangger, dass der Homo sapiens es immer wieder versuchte.

 

 

© 2016 by Angela und Karlheinz Steinmüller
Mit freundlicher Genehmigung der Autoren
Erstveröffentlichung

Alle Rechte vorbehalten

 

Über ›Wiedergeburt‹ schreiben die Autoren selbst: »Eigentlich war diese Erzählung ursprünglich als Einstieg in ein Shared-World-Projekt gedacht. Entsprechend bunt und vielfältig musste der Hintergrund, die Welt am Anfang des 22. Jahrhunderts sein, und je mehr lose Enden es gab, an die andere anknüpfen konnten, desto besser. Das Projekt versandete dann, geblieben sind die Ansatzpunkte: der Dauerzoff droben auf dem Alten Planeten und drunten bei uns Mondbewohnern. Wie man dort oben die Ethik-Karte gegen Genies ausspielt, und wie man sich hier unten meist unappetitlich ernährt, aber auch weshalb der Asteroidengürtel vorwiegend von Fledermäusen erobert wird, warum Quantenkommunikation Gehirne matschig macht und wieso die Menschen zu einem Höhlendasein zurückkehren.

Viele Ideen schafften es dann gar nicht in die Story: Was es mit der »Jade-Welle« im Südchinesischen Meer auf sich hat, wer die besten Marskatzen züchtet, wieso der Weltsong-Kontest verschoben werden musste, was die Quanten-Buddhisten (nicht) planen, woher die Dunkle Drift im Sonnensystem kommt und wofür die neue Weltraumtouristen-Steuer verschwendet wird. – Vielleicht klappt es ja bei einem neuen Anlauf. Trotzdem wimmelt in der Story noch genug herum: Asterando-Sprecher und Entschleunigungspflaster, Lucky-Luke-Roboter und nicht zuletzt Zangger in Person.«

 

Angela Steinmüller, Jahrgang 1941, lebt in Berlin. Sie hat an der Humboldt-Universität Berlin Mathematik (abstrakte Automatentheorie) studiert und im EDV-Bereich gearbeitet. Seit 1980 hat sie als Schriftstellerin – meist gemeinsam mit Karlheinz Steinmüller – zahlreiche SF-Bücher, eine Biographie über Charles Darwin sowie zahlreiche Erzählungen, einige Hörspiele und Essays verfasst. Ihr besonderes Interessengebiet ist die Geschichte von Zukunftsvisionen innerhalb und außerhalb der Literatur. 1988 sind ihr zusammen mit K. Steinmüller der Prix Européen de la Science-Fiction und der »Traumkristall«-Preis verliehen worden. Mehrmals erhielten die Steinmüllers auch den Kurd-Laßwitz-Preis für Kurzgeschichten. Derzeit befindet sich der achte Band ihrer gesammelten SF-Werke in Vorbereitung.

Karlheinz Steinmüller, Jahrgang 1950, Diplomphysiker und promovierter Philosoph, ist Gründungsgesellschafter und Wissenschaftlicher Direktor der Z_punkt GmbH The Foresight Company Köln. Derzeit beschäftigt er sich, im Auftrag von namhaften deutschen und europäischen Unternehmen und von öffentlichen Auftraggebern, schwerpunktmäßig mit Zukunftsstudien. In der Regel stehen bei den Studien Zukunftstechnologien und sozio-kulturelle Umfeldtrends im Zentrum.

Seit 1979 hat sich K. Steinmüller teils haupt-, teils nebenberuflich der Science Fiction verschrieben und zumeist gemeinsam mit seiner Frau Angela zahlreiche SF-Bücher publiziert. Er hat sich daneben u. a. mit dem Nutzen der Science Fiction für die Zukunftsforschung, mit Grundlagen- und Methodenfragen der Zukunftsforschung – speziell »Wild Cards«, überraschenden Störereignissen – sowie mit der Geschichte des Zukunftsdenkens befasst. Außerdem hält er seit einigen Jahren an der Freien Universität Berlin im Rahmen des Masterkurses Zukunftsforschung Vorlesungen.

 

 

 

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