Kurzgeschichte von Adrian Walker: Star

© Christian Michelides, CC BY-SA 4.0

FICTION

Der Stern (Adrian Walker)


Was wäre das Schlimmste daran, wenn die Welt untergehen würde? Der Verlust eines geliebten Menschen, dem man nicht erklären kann, was da eigentlich vor sich geht? Adrian J Walker, Autor des bei FISCHER Tor erschienen Romans ›Am Ende aller Zeiten‹, wirft uns mitten hinein in die dramatischen letzten Minuten vor der Katastrophe ... oder?

 

»Die Situation ist inzwischen hoffnungslos. Wir haben keine andere Wahl, als …«

Lily schnappte sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.

»Hey«, sagte ihre Tochter. Sie fuhr herum, in ihrer Engelsverkleidung, beschienen von den Lichtern des Weihnachtsbaums. Das Kostüm bestand aus Lilys ehemals besten roten Schuhen mit den abgetretenen Absätzen und zerkratzten Schnallen, einem geknickten Zauberstab, den sie in die Höhe reckte, einem Paar zerknitterter Flügel und einem Heiligenschein, der von dem spitzen Ende eines Kopfreifs aus Draht baumelte.

Das war knapp, dachte Lily. Vermassle es bloß nicht, nicht jetzt, so kurz davor. Sie pulte die Batterien aus dem abgenutzten, mit Tesafilm umwickelten Gehäuse und steckte sie in die Tasche.

»Der Fernseher ist kaputt«, sagte Lily und drückte die leere Fernbedienung an ihren Pullover. »Das hat Mummy doch schon gesagt.«

»Ist er nicht«, sagte ihre Tochter stirnrunzelnd und stemmte die Hände in die Hüften. Fast wäre sie auf den tückischen Absätzen umgeknickt. »Da war eine Frau. Sie hat gerade was erzählt.«

Lily wandte sich ab und ging zu dem Regal in der Ecke. Den vorwurfsvollen Ton ihrer Tochter konnte sie nicht länger ertragen.

»Sie hat meinen Namen gesagt, Mummy. Aber sie hat ihn falsch gesagt. Sie sagte … Ass-ter-oid.«

Lily schloss die Augen und legte die Fernbedienung und die Batterien auf eine Reihe von Büchern, der einzigen freien Fläche in dem vollgestopften Zimmer.

»Was ist ein Asteroid?«

Lily knetete ihre zitternden Hände. Sie musste ihre Fassung zurückgewinnen. Dazu brauchte sie inzwischen nicht mehr lange; sie hatte es in den letzten Wochen oft genug geübt. Ein paarmal tief einatmen, Schultern lockern, Bauch entspannen … so.

Als sich das Zittern gelegt hatte, drehte sie sich um. Lächelte. Holte Luft.

»Ein Stern, mein Schatz. Ein Asteroid ist ein Stern.«

Astrid schaute nachdenklich auf den Teppich und zog in einem plötzlichen Anflug von Traurigkeit die Mundwinkel nach unten.

»Sophie Hughes ist der Stern«, sagte sie. Ihre Augen schimmerten feucht. »Ich wollte der Stern sein, aber sie hat ihn gekriegt. Dabei wollte sie nicht mal der Stern sein. Sie wollte Maria sein, aber Eva hat Maria gekriegt, obwohl sie lieber der Esel sein wollte. Jetzt ist keiner das, was er sein will. Ich finde, wir sollten uns das aussuchen können.«

Sie sah zu ihrer Mutter hoch und ließ den Zauberstab sinken.

»Mummy, warum machen wir das Krippenspiel nicht mehr?«

Lily kniete sich hin und strich ihrer Tochter über den Kopf.

»Weil die Schule dieses Jahr früher zu Ende ging, weißt du nicht mehr? Ihr habt extra Ferien bekommen.«

Astrid spielte mit der Schnur an ihrem Zauberstab.

»Ich wollte aber keine extra Ferien. Mir hat das Krippenspiel Spaß gemacht. Ich hab mich drauf gefreut, obwohl ich bloß ein Engel war.«

»Vielleicht bist du ja nächstes Jahr der Stern.«

Astrid lächelte, ein großes, breites, keckes Lächeln.

»Also kommt heute ein Stern?«, fragte sie.

Lily stockte der Atem.

»Ja«, sagte sie.

»An Heiligabend?«

»Ja, richtig.«

»Wie in Bethlehem?«

Lilys Herz zuckte wieder. Es schien ihr bis in den Hals zu springen, wie so häufig in der vergangenen Woche.

Jetzt dauert es nicht mehr lange, dachte sie. Bestimmt nur noch … Was wohl? Eine Stunde? Zwei?

»So in der Art, ja, mein Schatz.«

Astrids Augen strahlten.

»Also haben wir doch ein Krippenspiel!«

Zu viel. Zu viel.

»Mummy … warum sind deine Augen nass?«

Lily fuhr sich schniefend über das Gesicht.

»Nichts. Alles in Ordnung. Mummy ist nur stolz auf dich.«

Sie zog sie in ihre Arme, schloss die Augen … ein paarmal tief einatmen, Schultern lockern, Bauch entspannen … so.

Astrid sprach an ihrer Schulter.

»Warum hat die Frau gesagt, dass es hoffnungslos ist?«

Lily presste die Augen zusammen.

»Weil es bewölkt ist«, sagte sie. »Man kann ihn wegen der Wolken nicht sehen.«

»Oh«, sagte Astrid. »Daddy hat gesagt, nichts ist hoffnungslos.«

Die Erwähnung ihres Mannes ließ Lilys Tränen versiegen. Sie löste die Umarmung und zwang sich zu einem Lächeln.

»Sag niemals nie«, setzte Astrid hinzu.

»Ja.«

»Reiß dich zusammen.«

»Mhm.«

»Kopf hoch, Brust raus!«

»Tja, Daddy ist aber nicht hier«, sagte Lily und stand auf. Kurz verspürte sie Gewissensbisse, dass sie so etwas sagte, aber das legte sich gleich wieder; von all den Dingen, die sie vor ihrer Tochter geheim hielt, stand die charakterliche Integrität ihres Vaters nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste.

»Mummy, was ist mit dem großen Feuerwerk?«, sagte Astrid, während sie auf und ab hüpfte. »Das können wir aber sehen, oder?«

»Ja«, sagte Lily. »Auf jeden Fall. Die Raketen sehen wir alle. Deshalb sollten wir uns jetzt auch fertig machen, Fräulein. Zuerst wird zu Abend gegessen. Was möchtest du gern? Du kannst haben, was du willst.«

Astrid grinste und entblöste dabei ihre Zahnlücken.

»Du weißt, was ich essen will«, sagte sie.

Lily lächelte und kniff ihrer Tochter in die Nase.

»Gut, also rote Suppe«, sagte sie.

 ***

Sie schaute ihrer Tochter beim Essen zu. Wie ihre Backen sich wölbten. Wie sie genüsslich schlürfend billige Tomatensuppe in sich hineinlöffelte. So lange schien es noch gar nicht her zu sein, dass sie vollgesabberte Ei- oder Käsestückchen in diesen Mund zurückgeschoben hatte und ihr die ganze Löffelportion prompt wieder ins Gesicht gespuckt wurde. Astrid war keine gute Esserin gewesen. Lily wunderte sich, wie sie überhaupt gewachsen war. Muskeln, Fett, Knochen – das musste doch von irgendwoher kommen? Aber damals hatte sie das Gefühl gehabt, die Kalorien, die es durch die Speiseröhre ihrer Tochter schafften, an einer Hand abzählen zu können.

Damals. An einem anderen Ort, in einer anderen Zeit.

Sie hatte nicht hierherziehen wollen, in diese dunkle Zwei-Zimmer-Hochhauswohnung mit den dünnen gelben Wänden und einem Teppich, der einfach nicht sauber wurde, so oft sie ihn auch saugte. Er – ihr Mann – wahrscheinlich auch nicht, und es waren harte Zeiten gewesen, das wusste sie. Aber damals hatten sie ein richtiges Zuhause gehabt. Es zu verlassen, hatte sich nicht nur traurig angefühlt, sondern fast körperlich wehgetan. Als würden ihr die Eingeweide herausgerissen.

Sie hatte das Beste daraus gemacht – die Nachbarn kennengelernt, die Möbel in unterschiedlichen Konstellationen auf dem kleinerem Raum unterzubringen versucht, ein halbwegs annehmbares Fleckchen öffentlicher Grünfläche gefunden, wo Astrid spielen konnte. Der Trick, hatte sie festgestellt, bestand darin, so viel Zeit wie möglich außerhalb der Wohnung zu verbringen. Im Erdgeschoss des Wohnblocks gab es einen Trockenraum für alle Bewohner, den niemand sonst zu benutzen schien. Nach ihrem Einzug gewöhnte sie sich an, dort mit Astrid die Vormittage zu verbringen – sie mit einer Zeitschrift, Astrid mit ihren Spielsachen, die sie um sich herum ausbreitete. Manchmal spielten sie zwischen den Tischen Verstecken.

Doch eines Morgens hatte Lily herausgefunden, warum die übrigen Mieter den Raum mieden – der Geruch von Urin schlug ihr entgegen, noch bevor ihre Finger den Lichtschalter erreichten. Dann sah sie den Mann, der zusammengesunken in der Pfütze seiner eigenen Pisse saß, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen, daneben eine leere Spritze.

Danach zogen sie auf das Dach um. Sie hatte ein Vorhängeschloss für die Tür besorgt, damit sie ungestört blieben, und an warmen Tagen sonnte sie sich dort, während Astrid mit Straßenkreide auf dem Beton malte. Es wurde ihr Reich – ein Flachdach unter dem weiten Himmel. Keine Leute, die ihnen Angst einjagten. Keine Wände, die sie einengten.

Sie hatte sich mehr gewünscht als dieses Leben. Doch Astrid schien es nichts auszumachen, Astrid mit ihren Engelsflügeln und den abgenutzten Spielsachen und ihrer Vorliebe für billige Tütensuppe.

Vielleicht, dachte Lily, vielleicht ist das ja alles, was …

Sie fuhr auf ihrem Stuhl zusammen. Von der Straße drang Lärm herauf – ein Klirren und Geschrei. Die Polizeisirenen waren schon vor ein paar Tagen verstummt; wahrscheinlich hatte man die Hoffnung, die Ordnung aufrechtzuerhalten, endgültig aufgegeben. Sie ging zum Fenster und ließ die Jalousien herunter. Sie wusste nicht, warum – selbst wenn Astrid groß genug gewesen wäre, um hinauszuschauen, hätte sie vom fünften Stock aus unmöglich sehen können, was da unten passierte. Aber sie wollte es nicht riskieren. Nicht so kurz vor dem Ende.

Wie lange noch genau?, überlegte sie. Sie sah auf die Uhr. Eine Stunde? Nein. Weniger.

»Iss auf, mein Schatz«, sagte sie. »Wir wollen doch das Feuerwerk nicht verpassen.«

»Mummy, warum gibt’s noch mal ein Feuerwerk?«

»Weil Heiligabend ist, Schatz. Iss jetzt bitte auf.«

***

Die Türklingel schrillte. Es war Mrs Keita von nebenan. Sie hatte sich Beutel voller Konserven, Bücher und Flaschen umgehängt. Neben ihr standen ihre beiden Söhne. Sie waren etwas älter als Astrid.

Mrs Keita zitterte.

»Lily«, sagte sie. Sie flüsterte, in dem Tonfall, den die Leute benutzen, wenn es gar nicht nötig ist. Ihre Augen waren weit aufgerissen und weiß. Ihre Hände krallten sich in die Schultern ihrer Söhne. »Sie haben die U-Bahn-Station geöffnet. Astrid, und Sie sollten mit uns hingehen. Nehmen Sie was zu essen mit. Es wird überfüllt sein, aber einigermaßen sicher. Zumindest sicherer als hier oben, glaube ich. Kommen Sie mit, kommen Sie.«

Astrid lugte hinter Lilys Bein hervor. Sie schleckte Joghurt von einem gelben Löffel.

»Hi Troy, hi David«, trällerte sie. »Kommt ihr das Feuerwerk gucken?«

Mrs Keita sah verwirrt drein. Dann entgeistert.

»Sie haben es ihr nicht erzählt«, sagte sie. »Sie weiß es nicht?«

Lily räusperte sich. Drehte sich zu Astrid um.

»Geh und zieh deinen Schlafanzug an, mein Schatz«, sagte sie.

»Neeeeeiiin!«, winselte Astrid. »Kann ich nicht mit Troy und David spielen?«

»Nein, Schatz. Du triffst sie später. Geh dich jetzt umziehen.«

Astrid schnaubte noch einmal und stampfte in ihr Zimmer. Lily trat auf den Gang hinaus und lehnte die Tür hinter sich an.

»Wir bleiben hier«, sagte sie.

Mrs Keita klappte die Kinnlade herunter.

»Aber … aber … Sie wissen doch sicher Bescheid? Was sie gesagt haben? Man kann nichts tun. Sie können es nicht verhindern. Es gibt keine Hoffnung, Lily. Keine Hoffnung.«

»Ich weiß. Aber wir kommen nicht mit.«

»Aber das ist Selbstmord, Lily. Selbstmord. An Ihnen und Ihrer Tochter.«

»Das ist meine Sache. Und ich habe mich entschieden.«

Mrs Keita runzelte die Stirn und rang um Worte. Schließlich ließ sie die Schultern hängen.

»Sie wird es erfahren. Bevor es zu Ende ist, meine ich. Sie wird erfahren, dass Sie sie belogen haben.«

Lily verkrampfte sich.

»Ich belüge sie nicht, ich schütze sie. Und sie wird die Wahrheit nicht erfahren. Dafür sorge ich schon. Das ist meine Sache, Mrs Keita.«

Mrs Keita legte Lily eine Hand an die Wange.

»Ach Lily.«

Eine Tür knallte, und Mrs Keitas Mann tauchte auf, schweißüberströmt und mit noch mehr Taschen behängt.

»Wir müssen los!«, brüllte er. Sein Blick wanderte von seiner Frau zu Lily. »Lily, kommen Sie?«

Lily lächelte, nahm Mrs Keitas Hand von ihrem Gesicht und drückte sie leicht.

»Viel Glück, Mrs Keita«, sagte sie und ging wieder hinein.

Als sie in Astrids Zimmer kam, trug ihre Tochter bereits Schlafanzug, Bademantel und Pantoffeln. Gerade saß sie im Lichtschein ihrer Nachtlampe und stellte Plastikfiguren im Kreis um eine Schneekugel auf. Lily blieb in der Tür stehen. Sie liebte es, ihr dabei zuzusehen. Sie liebte diese perfekte Hülle aus magischen Dingen, die ihre Tochter umgab. Sie von der Welt abschirmte. Diese Geschichten voller Einhörner, Feen, Elfen und fliegender Rentiere, die sie vor der Wahrheit schützten.

Nachts hielt sie oft die Angst wach, wann diese Hülle wohl reißen würde. Denn irgendwann ging alles in die Brüche – Kindheiten, Hoffnungen, Herzen, Ehen …

»Kommt Daddy auch zu dem Feuerwerk?«, fragte Astrid beim Spielen.

Lily fuhr zusammen. Sie hatte nicht gemerkt, dass Astrid sie gesehen hatte.

»Nein«, sagte sie. »Daddy hat Angst vor Raketen.«

»Ist er deswegen mit dem Auto weggefahren?«

»Ja.«

»Und wer war die Frau im Auto?«

Lily zögerte.

»Sie hat auch Angst vor Raketen.«

»Oh.«

Lily trat ans Bett und hob einen verschlissenen Teddybären auf. Sie seufzte.

»Ich habe keine Angst vor Raketen, Mummy.«

»Ich weiß, mein Herz.«

»Werde ich Daddy nach dem Feuerwerk wiedersehen?«

»Was glaubst du?«

Astrid schaute ihren Teddybär an, als beriete sie sich in dieser Sache mit ihm.

»Ich glaube, wir sehen ihn wieder«, sagte sie.

»Dann glaube ich das auch.«

»Aber die Frau nicht.«

»Nein. Die Frau nicht.«

Alles geht in die Brüche, dachte Lily. Aber nicht für sie. Diesmal nicht. Ich habe sie beschützt. Ich habe dafür gesorgt, dass ihre Hülle intakt bleibt. Astrid wird sterben, ohne wie ich den Glauben an all diese Dinge verloren zu haben.

Sie versuchte, in diesem Gedanken Trost zu finden. Aber das Einzige, was hängen blieb, war: Astrid wird sterben.

*** 

»Hier oben ist es aber kalt, Mummy«, sagte Astrid. Sie schmiegte sich noch enger an Lily. Lily nahm eine weitere Decke und wickelte sie beide darin ein. Komisch, dass das Wetter einfach so weitermacht, dachte sie, bei alldem, was gleich kommt. Der Dezember war grau, eine feuchte Dunkelheit hatte sich über das Wohngebiet gelegt. Das Haus war zwanzig Stockwerke hoch, und vom Dach aus wirkte alles dort unten wie unter Asche begraben. Lily sah Lichter unter der Nebeldecke blinken. Autos, Taschenlampen, Feuer.

»Du hast doch gesagt, dass es bewölkt ist«, sagte Astrid.

Der Nebel hatte den Blick auf den stillen, eisigen Himmel freigegeben.

»Das stimmt, aber Mummy hat sich geirrt. Offenbar haben wir Glück.«

Ein Gedanke ließ Astrid plötzlich nach Luft schnappen.

»Also können wir den Stern und das Feuerwerk sehen?«

»Ja«, sagte Lily. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. »Ja, wahrscheinlich schon, mein Schatz.«

Astrid zog sich die Decke über die Nase.

»Jippieee«, sagte sie. Ihre Stimme war gedämpft. »Siehst du, Daddy hatte Recht. Es ist nicht hoffnungslos.«

So saßen sie eine ganze Weile da. Lilys Hand schob sich unwillkürlich zum Ohr ihrer Tochter, damit sie nichts von der Gewalt und der Panik hörte, die unten ausgebrochen waren. Sie wurde sich auch bewusst, dass ihr Herz immer schneller schlug. Ihre Gedanken hatte sie zwar einigermaßen im Griff, aber ihr Körper schien seine eigenen Entscheidungen zu treffen – uralte Mechanismen sprangen an, um mit dem umzugehen, was da gerade auf ihn zukam.

Wie lange noch? Weniger als eine halbe Stunde. Zwanzig Minuten? Fünfzehn? Zehn?

»Wann geht das Feuerwerk los, Mummy?«

»Bald, mein Schatz.«

»Kannst du mir solange eine Geschichte erzählen?«

»Na klar.«

Lily überlegte. Sich Geschichten ausdenken, das hatte immer er übernommen.

»Es war einmal«, begann sie.

Auf einmal blitzte etwas unten auf der Straße auf, und es krachte gewaltig. Sie zuckten beide zusammen. Lily zog Astrid enger zu sich heran und stellte sich auf Schmerzen ein. Aus dem Nebel stieg eine Rauchsäule in die Höhe, und in der Ferne heulte eine Auto-Alarmanlage über Rufe und Geschrei hinweg.

»Was war das?«, fragte Astrid.

»Es … Ich …«

»Feiern die da eine Party?«

»Ja«, sagte Lily. »Eine Feuerwerksparty.«

»Sie hören sich aber wütend an.«

»Manche Leute klingen so, obwohl sie gar nicht wütend sind. Es war einmal … Es war einmal …«

»Wird es wehtun, Mummy?«

Lily erstarrte. Sie sah zu Astrid hinunter. Astrid spähte in den Nachthimmel, knetete die Ohren ihres Teddybären und kniff tapfer die Lippen aufeinander. Einen Moment lang wurde Lily vor Erleichterung ganz schwindlig – sie war die Lüge los. Sie schloss die Augen. Fragte sich, seit wann sie es wusste.

»Ach, Astrid …«

»Das Geknalle beim Feuerwerk«, sagte Astrid. »Wird mir das in den Ohren wehtun?«

Aber nein, die Lüge war noch intakt. Die Hülle war intakt. Astrid würde immer noch im seligen Glauben sterben.

Astrid würde immer noch sterben.

»Nein«, sagte Lily. »Es wird nicht wehtun, versprochen.«

Wie lange noch?

»Es war einmal …«

»Mummy, warum zitterst du so?«

Sie hatten jetzt nur noch wenige Minuten, das wusste Lilys Körper ganz genau.

»Mummy friert bloß, mein Schatz. Also, es war einmal …«

Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Nur eine Geschichte, eine kleine erfundene Geschichte, irgendwas. Mittlerweile hatte ihr Kopf jedoch ihren Körper eingeholt. Panik nahm ihr ganzes Denken ein. Was stand ihnen bevor? Zu groß, hatte sie in der Zeitung gelesen. Einfach zu groß. Wäre er nur etwas kleiner, hätten sie vielleicht eine Überlebenschance. So nicht.

Wie würde es sich anfühlen? Würde es schnell gehen? Würden sie ihn vorher erkennen? Wie würde er aussehen? In der Woche seit der ersten Livesendung hatte sie kaum Zeit gefunden, darüber nachzudenken. Ihre ganze Aufmerksamkeit hatte Astrid gegolten. Aber jetzt meldeten sich all diese Fragen und drängten auf Antworten. So geht es also zu Ende, dachte sie. Mit Fragen.

Astrid schnappte nach Luft und warf die Decke ab.

»Da!«

Sie zeigte zum Himmel hinauf.

»Da, Mummy! Der Stern! Da ist er!«

Lilys Herz sackte in den Keller. Sie blickte über Astrids aufgeregt wackelnden Finger hinweg. Am Horizont blühte ein Licht auf. Tief in der Korona glühte etwas, das wie eine helle, weiße Faust aussah, um die bunte Bänder flatterten. Das Licht stieg in einem Bogen von der Skyline der Stadt auf.

»Er ist wunderschön, Mummy! Wie eine Blume!«

»Das stimmt, mein Herz. Er ist, er ist, er ist, er ist, er ist wie … Es war einmal …«

»Mummy, deine Zähne klappern.«

Ist er groß genug? Groß genug für einen schnellen Tod?

Lilys Lungen hatten sich verselbständigt, saugten ruckartig Luft ein und stießen sie wieder aus, bevor sie bereit war.

»Es war einmal …«

»Schau! Er steigt höher!«

Er war jetzt klar und deutlich zu sehen. Der Strahlenkranz war schwächer geworden und ließ das gleißende Licht allein am Himmel erstrahlen. Dahinter kam ein dünner Schweif. Lily fiel auf, dass unten auf der Straße alles still geworden war.

»Sollen wir uns was wünschen, Mummy?«

»Ja … ja, das sollten wir … Es war einmal …«

»Verrat mir deinen nicht, dann verrat ich dir meinen auch nicht.«

Astrid vergrub den Kopf in den Händen und brabbelte etwas. Lily drehte sich der Magen um.

»Okay, ich verrate nichts, versprochen. Es war …«

Ein paarmal tief einatmen, Schultern lockern, na los, du blöde Kuh, nur eine Geschichte …

Lily hielt inne und setzte sich kerzengerade hin. Stirnrunzelnd betrachtete sie den Bogen, den der Schweif beschrieb.

»So«, sagte Astrid und hob das Gesicht. »Fertig. Hast du deinen Wunsch schon fertig, Mummy?«

Lily schüttelte ihre Decke ab und stand auf. Sie ging bis zur Dachkante und spähte in den Himmel.

»Mummy?«

Zwei Lichter. Es waren jetzt definitiv zwei Lichter, jedes auf einer anderen Bahn. Wie sonderbar. Eines wanderte nach oben. Das andere schien zu fallen, am Ende einer Spirale, die der Schweif träge in den Himmel zeichnete. Lily sah zu, wie sie sich langsam voneinander wegbewegten. Jedes war viel kleiner als das, was sie vorher gewesen waren.

Er war zerbrochen.

Als wäre es seine Entscheidung gewesen. Der Gedanke kam aus dem Nichts. Wie Hoffnung. Hoffnung ist eine Entscheidung.

Sie spürte Astrid neben sich. Sie zupfte an ihrer Jacke.

»Mummy?«

»Ja«, murmelte Lily.

»Mummy, weinst du?«

Lily senkte den Blick. Sie wischte sich über das Gesicht.

»Nein«, sagte sie. »Mummy weint nicht.«

Und das tat sie auch nicht, nicht mehr. Ihre Augen waren trocken, ihre Gedanken waren gefasst, ihr Körper war ruhig. Sie zog ihre Tochter an sich, und sie betrachteten den heller werdenden Himmel.

»Dauert es noch lang bis zum Feuerwerk, Mummy?«, fragte Astrid gähnend.

»Wir werden uns das Feuerwerk nicht anschauen.«

»Oh.«

»Nein. Wir gehen rein.«

Sie drehte sich um, sammelte schnell die Decken ein und ging zur Tür.

»Mummy holt noch ein paar Sachen. Dann gehen wir in unseren Trockenraum.«

»Warum?«

»Da schlafen wir heute Nacht. Und machen ein Picknick. Und Mummy erzählt dir ein paar Geschichten.«

»Was für Geschichten?«

»Die wirklich passiert sind, mein Herz. Ganz viele. Bleib dicht bei mir.«

Lily entfernte das Schloss und hielt ihrer Tochter die Tür auf. Mit einem letzten Blick auf die Lichter steckte sie das Vorhängeschloss ein und ließ die Tür hinter sich zufallen.

 

 

Aus dem Englischen von Nadine Püschel

 

© 2016 by Adrian J Walker
Deutsche Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The Star‹ am 21. 12. 2015 auf www.adrianjwalker.com/posts/star/

 Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

Share:   Facebook