Kurzgeschichte von Wolf Welling: Die Akte PKD

FICTION

Die Akte PKD (Wolf Welling)



Die Legendenbildung um den amerikanischen SF-Autor Philip K. Dick, der auch für den Film
Bladerunner die Grundlage lieferte, setzte unmittelbar nach seinem Tod im März 1982 ein­. Mit zweifelhaften Aussagen über sich und sein Leben hat er diese angeheizt und lange wurde spekuliert, ob sein Tod nicht eigentlich vorgetäuscht war.

Wolf Welling knüpft in seiner Story »Die Akte PKD« an diesen Verschwörungstheorien an und erzählt die Geschichte rund um eine Behörde, die im Geheimen die Geschichte der Menschheit lenkt. Doch nicht immer läuft alles nach Plan - erst recht nicht als Dicks Geschichte The Adjustment Team verfilmt werden soll ...

 

Die Tiefgarage war völlig verlassen, bis auf die beiden Männer, die sich im Abstand von etwa zwanzig Metern auf alten Klappstühlen gegenüber saßen. Kaltes Neonlicht erhellte den langgestreckten Raum, eine der Neonröhren war defekt und flackerte nervös. Abfall hatte sich in den Ecken gesammelt, an einigen Stellen tropfte es von der Decke, es hatten sich glänzende Pfützen gebildet.

Die Männer trugen lange, dunkle Regenmäntel und hatten merkwürdige Hüte auf dem Kopf. Ansonsten sahen sie völlig unscheinbar aus - Typen, durch die man hindurchsah, wenn man ihnen auf der Straße begegnete. Es waren graue, unauffällige Männer, die man selbst dann kaum bemerkte, wenn man mit ihnen allein im Fahrstuhl stand, und wenn man sie doch dort sah, fragte man sich, wo sie zugestiegen waren, und wenn sie ausstiegen, fragte man sich unwillkürlich, hier war doch gerade noch wer?

Die Grauen saßen sich in der kalten, trostlosen Tiefgarage frontal gegenüber und sahen sich unverwandt an.

»Wie haben Sie mich gefunden?«, fragte der abtrünnige Agent.

»Das war nicht leicht«, antwortete der Spürhund/Killer.

»Vielleicht sollten Sie mich finden, und zwar heute«, meinte der Abtrünnige.

Sie schwiegen.

»Sie wissen, dass ich Sie töten muss«, fuhr der Spürhund/Killer nach einer Weile fort, »und zwar heute!«

»Steht das im Plan?«

»Davon geh ich aus. Es wird geschehen.«

»Können wir darüber reden?«

»Wir können über alles reden, aber nach dem Gespräch werden Sie tot sein.« Der Spürhund/Killer hob langsam seine Waffe.

»Wir werden sehen«, antwortete der abtrünnige Agent. Er beugte sich langsam nach vorne, legte die Unterarme mit gefalteten Händen auf seine Oberschenkel und senkte den Kopf. Als er wieder aufsah, war der Spürhund/Killer einen Moment irritiert. Was bedeutete dieser Gesichtsausdruck des Abtrünnigen mit dem herabgezogenen Mundwinkel und dem leicht spöttischen Blick? Die Augenlider hielt er gesenkt, seine Mine drückte so etwas wie Mitleid aus. Oder war es Trauer angesichts seines nahen Todes oder Hoffnung auf eine unerwartete Wendung oder der voraussehbare Triumph über seinen Gegner?

 *** 

»Guten Tag, Herr Vizepräsident, ich muss Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«

»Moment mal. Selbst wenn eine Angelegenheit dringend sein sollte, kann man wie üblich anklopfen. Warum hat Sie meine Sekretärin nicht angekündigt?«

»Sie ist grad nicht da. Und ich dachte, wegen der Dringlichkeit ...«

»Wegen der Dringlichkeit wollen wir doch nicht Anstand und Disziplin vergessen. Jetzt gehen Sie wieder aus dem Zimmer, schließen die Tür und klopfen an. Nein, besser noch, Sie warten, bis meine Sekretärin zurück ist und lassen sich von ihr ordnungsgemäß bei mir anmelden.«

»Aber die Dringlichkeit ...«

»Angesichts der Ewigkeit unserer Arbeit gibt es keine Dringlichkeit. Dringlichkeit ist ein kurzfristiger Effekt subjektiv verdichteter Zeit, der eine individuelle Wertung zu Grunde liegt. Ob die Angelegenheit auch objektiv dringlich ist, werde ich als Ihr Vorgesetzter entscheiden, wenn ich Sie angehört habe.«

»Aber diese Sache hier ...«

»Ich glaube, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt. Raus jetzt!«

Der Gruppenleiter zögerte noch kurz, ging dann aber zurück und schloss die Tür. Der Vizepräsident lehnte sich seufzend zurück und beugte sich dann vor, um den vor ihm liegenden Bericht erneut zu studieren. Er war aus dem Konzept gebracht worden und konnte sich nicht mehr richtig konzentrieren. Als es schließlich klopfte, rief er, entgegen seiner üblichen Zeitverzögerung, sofort »Herein!«. Seine Sekretärin öffnete leise die Tür und sagte: »Gruppenleiter Di möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.«

»Haben wir andere Termine? Wann ist das nächste Meeting?«, fragte der Vizepräsident.

»Der nächste Termin ist erst heute Nachmittag um 14:00 Uhr.«

»Dann lassen Sie den Kerl mal rein!«

Als der Gruppenleiter erneut den Raum betrat, beachtete ihn der Vizepräsident zunächst nicht, sondern gab vor, weiter den Bericht zu lesen. Sein Zimmer war riesig, etwa einhundert Quadratmeter groß, sehr hoch, mit dunkler Holzvertäfelung, endlosen Regalen mit tausenden Büchern und Akten; der Parkettboden war mit edlen, Schritte und Stimmen dämpfenden Teppichen ausgelegt. Die Beleuchtung war gedimmt, so dass der Gruppenleiter seinen Chef nur undeutlich in einer Entfernung von rund dreißig Metern erkennen konnte. Er war unsicher in der Nähe der Tür stehen geblieben und betrachtete die glänzende Glatze des Vizepräsidenten, die trotz der indirekten Beleuchtung wie von innen zu strahlen schien, mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Erstaunen. Der wuchtige Körper saß in einem strengen, aber reich verzierten Sessel, der in seiner Form an einen Thron vergangener Herrschaft erinnerte.

Der Vizepräsident war sich der Wirkung dieser Umgebung auf seine subalternden Kräfte bewusst, sah endlich gönnerhaft auf und sagte: »Na, nun kommen Sie mal näher. Was gibt es denn so Dringendes? Wieso kommen Sie zu mir und nicht einer Ihrer Vorgesetzten?«

Gruppenleiter Di, ein schlanker Mann mittlerer Größe, dunkle Hose, weißes Hemd mit blauer Krawatte und Ärmelschonern, kam näher, mit Mühe die respektheischende Distanz des ihm fremden Territoriums überwindend.

»Der Referatsleiter, der Abteilungsleiter und der Herr Hauptabteilungsleiter meinten, ich solle Ihnen die Sache besser selbst vortragen, weil ich der zuständige Gruppenleiter bin und daher am besten über die Angelegenheit Bescheid weiß.«

»Die Herren haben ein merkwürdiges Verständnis von unserer Hierarchie. Die werde ich mir demnächst mal vorknöpfen. Aber der Fall muss ja nicht nur dringlich sein, sondern auch brisant und eigenartig, wenn Sie unter Umgehung der funktionalen Ordnung unseres Hauses vorgeschickt werden. Jetzt legen Sie mal los!«

»Ja, also, ich weiß nicht, ob Sie sich an den Fall Philip K. Dick erinnern.«

»So vage«, meinte der Vize, obwohl er keinen blassen Schimmer hatte. »Erläutern Sie mir Näheres!«

Der Gruppenleiter öffnete eine seiner Akten, blätterte nervös in ihr herum, fand schließlich die Stelle, die er suchte, und begann seinen Bericht.

»Dieser Philip K. Dick war ein bekannter Science-Fiction-Schriftsteller. Die Story, in der auf unsere Behörde Bezug genommen wird, hat er im Jahre 1953 Menschenzeit unter dem Titel ›Adjustment Team‹ geschrieben, und sie wurde ein Jahr später in der Zeitschrift Orbit Science Fiction veröffentlicht. Was uns damals nervös machte, war dreierlei: Erstens gab die Kurzgeschichte ziemlich genau einen Vorfall wieder, der sich kurz zuvor ereignet hatte. Eine Schicksalsentwicklungslinie geriet in Gefahr, instabil zu werden. Es ging um den Ankauf eines großen Geländes in Kanada, in dem wir interessante Fossilien verbuddelt hatten, die bei Ausgrabungen gefunden werden sollten. Unser Schicksalsbuch sah vor, dass diese Funde so interessant waren, dass Wissenschaftler aus aller Welt zusammenströmen würden, um kooperativ die Funde zu untersuchen. Auf diese Weise sollte die internationale Zusammenarbeit intensiviert und zwischenstaatliche Spannungen abgebaut werden.«

Di legte kurz eine Pause ein und hob dabei verstohlen den Blick aus seiner Akte. Der Vizepräsident war anscheinend seinen langwierigen Ausführungen interessiert gefolgt. Di fasste neuen Mut und fuhr fort. »Also, das Problem war, dass der Immobilienmakler in New York, der den Immobilienkauf durchziehen sollte, ziemlich kränkelte - Übergewicht, Bluthochdruck, intensiver Raucher -, so dass zu befürchten war, dass er vor dem Deal das Zeitliche segnen würde. Was dann geschehen würde, wussten wir nicht, also galt es, gemäß dem Auftrag unserer Behörde, die vom Masterplan vorgesehene Entwicklungslinie zu stabilisieren. Wir tauschten also den vom Tod bedrohten Boss dieser Immobilienfirma gegen eine jüngere Version aus. Dieser Austausch sollte die gesamte soziale Umwelt, damals Sektor T 137 genannt, umfassen, also das gesamte betroffene Personal. Leider ist eine Panne passiert. Einer unserer Agenten, ein ziemlich unzuverlässiges Subjekt, hatte den Zeitpunkt verpennt, einen der Angestellten, einen gewissen Ed Fletcher, rechtzeitig vor der Umstellung ins Büro zu manövrieren. Statt zu früh kam er eine Stunde zu spät, und das Element Fletcher platzte mitten in den Anpassungsprozess, mit entsprechender Schockwirkung. Unseren vor Ort tätigen Technikern gelang es nicht, ihn einzufangen. Die ganze Sache war ein ziemliches Desaster. Ihrem Vorgänger war es unter persönlichem Einsatz mit Mühe und Not gelungen, die Sache unter der Decke zu halten.«

Der Gruppenleiter hielt inne und schaute kurz auf. Der Vizepräsident saß völlig ruhig, die Hände parallel auf den Schreibtisch gelegt, und forderte ihn endlich auf, auf dem wackligen Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

»Diese internationale Zusammenarbeit unter den Wissenschaftlern ist schließlich auch erreicht worden«, warf der Vizepräsident ein, »also weniger durch das Projekt in Kanada, ich glaube, das war dann trotz unseres Eingreifens gar nicht zustande gekommen, sondern eher durch unser weltweites Projekt Internet. Das war nun wirklich ein Erfolg! Sie sehen, das ist wieder mal ein Beweis, dass wir in Einzelfällen improvisieren können und flexibel sein müssen. Das Entscheidende ist, dass wir die strategischen Linien des im Schicksalsbuch festgelegten Masterplans einhalten. Das ist unsere große Verantwortung! Wie wir das im Kleinen regeln, ist uns überlassen, die langfristigen Linien sind entscheidend!«

»Jawohl, Herr Präsident.« Der Gruppenleiter wusste, dass es der Vizepräsident gar nicht schätzte, als Vizepräsident angeredet zu werden, da bevorzugte er doch die Abkürzungsform, die ihm eher sein Wohlwollen sicherte.

»Berichten Sie weiter!« Di schlug geflissentlich einen neuen Aktenordner auf.

»Ja, also«, begann er erneut und strich dabei nervös über die Aktenblätter. »Dieser Vorgang wurde von dem besagten Philip K. Dick, in eingeweihten Kreisen mit PKD abgekürzt, so habe ich auch die Akte bezeichnet ...« Er begann den Faden zu verlieren.

»Was ist mit diesem PKD?«, fragte ihn der Vize.

»Ach so, ja«, kam sein Gegenüber wieder ins Gleis, »also dieser PKD hat diesen Vorfall trotz schriftstellerischer Freiheit recht genau wiedergegeben. Da kommen graue zerfallende Gebäude und Menschen vor, und auch die Ehefrau dieses Elements Fletcher spielt eine Rolle, aber das ist jetzt ohne Bedeutung. Unsere Behörde wurde explizit erwähnt, weil dieser Fletcher sie gezwungenermaßen aufsuchen musste.«

Der Gruppenleiter blickte abermals auf. Die stoische Ruhe des stellvertretenden Chefs schüchterte ihn zusehends ein.

»Und das war erstens«, wandte dieser ein. »Ich gehe davon aus, es folgt noch ein zweitens!«

»Ja, sicher. Klar doch. Zweitens war entscheidend für unsere Nervosität der Umstand, dass die Geschichte genau in dem Jahr geschrieben wurde, als unser Außenmitarbeiter X 10 verschwand - wir gingen und gehen immer noch davon aus, dass er damals desertierte. Wir vermuten, dass er diesem bekannten SF-Schriftsteller von unserer Behörde erzählt hat mit der Absicht, ihn für eine Art Dokumentation, Bericht, Kampfschrift oder was auch immer zu gewinnen. Klappte aber nicht, heraus kam eine eher dünne Story, nicht besonders gut geschrieben, die wenig Beachtung fand.«

»Was wurde damals unternommen, um unsere Behörde vor einer Entdeckung zu schützen?«

Der Gruppenleiter rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

»Ja, also, da haben wir schon eine Menge gemacht. Mehrere unserer Agenten schleusten sich in Dicks Bekanntenkreis ein, versorgten ihn mit allen möglichen abstrusen Ideen, von denen er zahlreiche niederschrieb, gaben ihm alle möglichen halluzinogenen Substanzen, die er folgsam einnahm, und arrangierten Begegnungen mit einer Reihe williger Frauen, die er ohne Zögern vögelte. So ging diese für uns gefährliche Story in seinem Gesamtwerk unter. Niemand nahm den beschriebenen Vorfall für bare Münze. Sie wurde unbedeutend.«

»Ja, dann haben wir doch kein Problem mehr«, meinte der Vizepräsident und hob theatralisch seine Hände.

»Für die Vergangenheit kommt noch ein drittens dazu«, fuhr der Gruppenleiter fort. »In einem Vortrag aus dem Jahr 1978, der allerdings nie gehalten, aber gedruckt wurde, führte dieser PKD aus, ich zitiere wörtlich«, er schlug eine markierte Seite in seiner Akte auf, »denn während ein Science-Fiction- oder Drehbuchautor sein Garn spinnt, könnte er doch rein zufällig auf die Wahrheit gestoßen sein ... und dessen erst später gewahr werden. Das hatte uns erneut alarmiert. Dazu kam noch die Drohung im selben Referat: Was im Verborgenen geschieht, kommt irgendwann doch heraus. Das war zwar ein Spruch aus einem chinesischen Glückskeks, aber solchen Sachen hat der PKD gleich eine tiefere mystische Bedeutung beigemessen. Daher hatten wir damals dafür gesorgt, dass diese Rede, die er auf einem SF-Kongress halten sollte, wegen widriger Umstände abgesagt wurde. Und als sie später gedruckt erschien, hat niemand diese Äußerungen mit der besagten Story in Verbindung gebracht.«

»Wir haben noch Weiteres veranlasst«, berichtete er nach einer kurzen Pause, wobei er einen neuen Aktenordner aufnahm. »Wir haben arrangiert, dass einige Szenen, die er in seinen Romanen und Kurzgeschichten geschrieben hatte, später tatsächlich stattfanden.« Der Gruppenleiter lachte kurz hämisch auf. »Das hat ihn, labil wie er war, völlig durcheinander gebracht. Er fing an, sich mit religiösen, quasi-religiösen und obskuren Kulten zu beschäftigen, um Erklärungen für seine Halluzinationen, Rebirth-Erlebnisse und realen Wiederholungen seiner fiktiven Erlebnisschilderungen zu finden. Das Ergebnis war das von uns beabsichtigte: Er galt als genialer Wirrkopf, als Schöpfer auch der abgefahrensten Ideen. An seinem frühen Tod waren wir nicht ganz unschuldig, einfach um uns vor weiteren Nachstellungen, unsere Behörde betreffend, zu schützen. Diesem PKD war alles zuzutrauen.«

»Und was jetzt? Ist dieser abtrünnige Agent aufgetaucht?« Der Vizepräsident klopfte jetzt ungeduldig mit einem Stift auf die Schreibtischunterlage.

»Nein, das nicht. Aber diese Story ist jetzt, viele Jahre später, verfilmt worden. Damit erreicht die Information über unsere Behörde Millionen Menschen und kann für erhebliche Unruhe sorgen.«

Der Vizepräsident sprang auf und begann, nervös auf und ab zu gehen. Jetzt hat er die Dringlichkeit der Angelegenheit wohl begriffen, dachte sich der Gruppenleiter.

»Was wissen Sie Näheres?«, wollte der Vize wissen.

»Die Story wurde 2010 unter dem Titel »The Adjustment Bureau« verfilmt, in zahlreiche Sprachen übersetzt, kam bei den Kritikern gut an, ist inzwischen überall auf DVD erhältlich und wird im Fernsehen ausgestrahlt. Wie gesagt, Millionen Menschen erfahren jetzt allerlei Details über unsere Behörde. Mit der Geschichte des PKD hat der Film wenig zu tun, die Grundidee ist allerdings dieselbe: Es gibt eine Behörde, welche die Aufgabe hat, für die Einhaltung der in Büchern vorgeschriebenen Entwicklungslinien oder Schicksalsfäden zu sorgen. Das regeln Agenten - notfalls mit Gewalt. Allerdings wird im Film sehr viel mehr über unsere Behörde berichtet als in der Story. Zwar steht in der Handlung eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt, und es gibt jede Menge Action, aber diese Behörde, die der unseren verblüffend ähnelt, spielt eine zentrale Rolle. Ich kann mir nur vorstellen, dass unser abtrünniger Agent erneut versucht, die Menschen über die Existenz unserer Behörde zu informieren. Und ein Kinofilm ist ein ziemlich effektiver Weg dafür.«

»Verdammt, das darf doch nicht wahr sein! Warum erfahre ich erst jetzt davon?«

»Na ja, Sie wissen ja selbst: Personalknappheit aufgrund der zurückgefahrenen Budgets, immer öfter Ausfälle bei unseren Mitarbeitern wegen Krankheit, Faulheit und Burnout, dazu Probleme mit unqualifiziertem Nachwuchs, dazu kommen noch die permanenten Reorganisationsmaßnahmen, nach der Matrix-Organisation jetzt wieder Stab-Linien-Führung mit zeitraubendem Change Management, veraltete Geschäftsführung mit Papierakten und Karteikarten ... Ich mach schon dauernd Überstunden, habe seit zwei Jahren keinen Urlaub mehr gehab ... «

Der Vizepräsident sah ihn starr an, bis Di verzagt verstummte. Er überging diese Einwände geflissentlich und kam zur Sache. »Besorgen Sie mir umgehend diesen Film!«

Über das Telefon rief er seine Sekretärin: »Sagen Sie alle Termine für heute ab. Rufen Sie meinen Beraterstab zusammen. Melden Sie mich umgehend beim Präsidenten an und bestellen Sie schon mal sicherheitshalber eine Dringlichkeitskonferenz für alle Führungskräfte für morgen Vormittag zehn Uhr!«

 ***

Pünktlich um 15:00 Uhr desselben Tages saß die Beraterrunde des Vizepräsidenten zusammen. Sie bestand aus seinen beiden persönlichen Referenten, zwei der Hauptabteilungsleiter, dem Leiter des wissenschaftlichen Dienstes, seinem Verwaltungsleiter und dem Gruppenleiter Di. Dieser wurde vom Vize aufgefordert, seinen Bericht zu wiederholen und ausgewählte Szenen des Filmes vorzuführen.

Die Runde war entsprechend beeindruckt, und der Vorsitzende brauchte den Ernst der Lage nicht weiter zu betonen.

»Meine Herren, was schlagen Sie vor, wie wir diese unheilvolle Entwicklung stoppen oder reparieren können? Im Masterplan ist sie nicht vorgesehen, ich mache mir aber trotzdem Sorgen. Ich erinnere an unsere Ohnmacht im Falle des Aufstiegs von Adolf Hitler, von Stalin oder Mao Zedong. Das war im Plan auch nicht so vorgesehen, und wir konnten die verhängnisvollen, schrecklichen Ereignisse seinerzeit nicht verhindern, weil wir einige Entwicklungslinien übersehen oder ihre Eintrittswahrscheinlichkeit unterschätzt hatten. Und das von uns initiierte Attentat auf Hitler ist auch noch schief gegangen. Das sind ja keine Einzelfälle, solche Pannen sind uns in der Vergangenheit immer wieder passiert. Folge war, dass der Plan kalibriert beziehungsweise an entscheidenden Stellen nachjustiert werden musste. Das können wir uns im vorliegenden Fall nicht leisten.«

Sein erster persönlicher Referent zappelte schon mit Armen und Beinen, um seine Meinung, die er wie üblich als ideale Lösung verstand, loszuwerden. »Wir könnten in die Vergangenheit zurückgehen und das Element PKD sterben lassen, bevor es seine Storys schreibt.«

Der Leiter des wissenschaftlichen Dienstes sah ihn nur mitleidig an und bemerkte: »Wie Sie eigentlich wissen müssten, ist unsere Zeit mit der der Menschen parallel geschaltet, das heißt, hier wie dort gibt es nur einen Zeitpfeil, und der weist in Richtung Zukunft. Wir können zwar Distanzen über unsere Transformationsräume mühelos überwinden, aber nicht die Zeit. Das heißt, wir können Vergangenes nicht ungeschehen machen.«

Der Referent biss sich auf die Unterlippe und lehnte sich beleidigt zurück. Das würde er diesem eingebildeten Besserwisser bald heimzahlen.

»Gut, das hätten wir geklärt«, meinte der Vize. »Gibt es weitere Vorschläge?«

»Wir müssen«, meinte einer der Hauptabteilungsleiter, »die Informationen unseres abtrünnigen Agenten weiter als Fantasy versickern lassen.«

»Das ist mir zu riskant«, antwortete der Vorsitzende. »Wenn ich mich erinnere, wie viele Menschen Engel, Ufos und den Teufel für real halten, werden sie irgendwann auch mal anfangen, an die Existenz einer Behörde wie der unseren zu glauben. Das wäre unerträglich. Wir müssen verhindern, dass überhaupt irgendwelche Informationen über unsere Behörde erwähnt werden.«

»Neuer Vorschlag«, warf der andere Hauptabteilungsleiter ein, »wir sollten mit erhöhter Aufmerksamkeit alle Personen ausfindig machen, die Ideen mit einer schicksalsbeeinflussenden Institution aufschnappen und verbreiten, sie mit gezielten Maßnahmen von diesem Gedanken abbringen, in die Psychiatrie einweisen lassen oder notfalls eliminieren.«

Der Verwaltungsleiter meldete sich zu Wort: »Dazu fehlt uns das Personal, und es fehlen uns die zeitlichen Ressourcen. Außerdem würde die Konzentration auf ein solches Projekt die Kräfte schwächen, die wir für die Anpassung des Geschehens an das Schicksalsbuch benötigen. Außerdem sind viele Kräfte intern mit unseren häufigen Reorganisationsmaßnahmen befasst, mit der Umstellung auf das neue elektronische Dokumentenmanagementsystem und ...«

»Das gehört jetzt wirklich nicht hierher. Ich kann das Gejammere über meine Anweisungen zum notwendigen Organisationsumbau unserer Behörde nicht mehr hören«, unterbrach ihn der Vize. »Herr Referent, Ihre Meinung bitte.«

»Eine Häufung solcher Maßnahmen würde auch das Misstrauen von Journalisten wecken«, gab der zweite der persönlichen Referenten zu bedenken. »Wir müssen die Quelle der Information beseitigen, nämlich den abtrünnigen Agenten!«

***

Der Vizepräsident thronte am Kopf des langen Tisches, an dem seine Hauptabteilungsleiter versammelt waren. Hunderte von Abteilungsleitern waren per Video zugeschaltet, und zu jedem einzelnen auch die Gruppenleiter, die ihnen unterstellt waren. Die Gesichter waren starr, alle waren sich des Ernstes der Lage bewusst.

»Meine Herren, Sie haben den Bericht des Gruppenleiters Di gehört und Teile aus dem erwähnten Film gesehen. Ich hatte Di zur Berichterstattung aufgefordert, damit Sie alle die Informationen aus erster Hand bekommen.« Der Vize legte eine theatralische Pause ein. »Ich erinnere daran, die Hauptaufgabe unserer Behörde besteht darin, den Masterplan des Schicksalsbuches einzuhalten und seine zeitliche Entwicklung abzusichern. Natürlich ist dieser Plan nur ein Rahmen, und in ihm wird geplant ...« Er begann sich zu verheddern, brach ab und wies auf die wandfüllende Projektion hinter sich, auf der Linien, Punkte und zahlreiche Symbole ein unübersehbares, kompliziertes Muster bildeten. »Der Masterplan gibt uns die übergeordneten Ziele vor, er zeigt uns die großen Linien. Damit diese eingehalten werden, nehmen wir zwar per Zufall entstandene Abweichungen in Kauf, soweit sie marginal sind, bei gravierenden Abweichungen schreiten wir aber ein.«

»Dies alles ist Ihnen bekannt, meine Herren«, fuhr er fort, nachdem er sein Wasserglas leer getrunken hatte. »Das zweite Ziel gerät leider oftmals in Vergessenheit: Unsere Behörde muss geheim bleiben, was sage ich, ihre Existenz darf nicht einmal erahnt werden. Würden die Menschen herausfinden, dass externe Kräfte ihr Schicksal bestimmen, dass es weitgehend festgelegt ist, dass ihr so genannter freier Wille, auf den sie sich so viel einbilden, eine Illusion ist ... Die Folgen wären unabsehbar. Unsere Aktivitäten dürfen nicht nur auf die Einhaltung des Masterplans gerichtet sein, sondern immer auch unsere Camouflage garantieren.«

Er unterbrach sich, füllte erneut sein Wasserglas und trank.

»Worin besteht die Gefahr, entdeckt zu werden, meine Herren? Durch Pannen bei der Anpassung, also durch Fehlverhalten unserer Agenten, durch Unzuverlässigkeit und mangelnde Flexibilität. Pannen hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, aber: Wir haben das immer einigermaßen in den Griff bekommen, wir konnten auch grobe Fehlentwicklungen korrigieren. Und wenn alles nicht half, hat unser Großer Präsident Änderungen am Masterplan vorgenommen.«

Bei der Erwähnung des Großen Präsidenten schlossen alle für einen Moment andächtig ihre Augen.

»Nie«, betonte der Vize, »nie aber wurde in irgendeiner Weise auf die Existenz unserer Behörde hingewiesen. Sicher, es gab immer wieder religiöse oder philosophische Wirrköpfe, die davon ausgingen oder behaupteten, das Leben und das Schicksal eines Menschen sei vorherbestimmt. Das ist Unsinn, wie selbst wir wissen, denn wir greifen nur vereinzelt ein, wenn Abweichungen vom Masterplan drohen. Na ja, manchmal auch für einen Schabernack in Einzelfällen, um spannende Momente zu erzeugen.«

Er lächelte, und alle lächelten automatisch mit.

»Aber diese Dinge hatte ER ausdrücklich erlaubt, schließlich dient es der intrinsischen Motivation unserer Agenten. Wo war ich stehen geblieben? Ja, die Tarnung unserer Behörde, ihre offizielle Nichtexistenz. Gefährdet wird unsere Geheimhaltung und die unserer Tätigkeit allein durch einen Punkt: durch VERRAT!« Der Vizepräsident war aufgesprungen und hatte das letzte Wort mit hochrotem Kopf in den Saal gebrüllt. Die Anwesenden fuhren erschrocken zurück und hielten den Atem an.

Nach einer dramatischen Pause, um seine Worte Wurzeln schlagen zu lassen, setzte er sich wieder und fuhr fort: »Nachdem einer unserer Agenten verschwunden war, beschrieb dieser Philip K. Dick in einer seiner Storys so etwas wie ein Anpassungs-Büro. Die Niederschrift dieser Geschichte steht im zeitlichen Zusammenhang mit dem Verschwinden unseres Agenten X 10. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass er diesen Schriftsteller kontaktiert hat, um ihm von unserer Behörde zu erzählen. Wie Ihnen Gruppenleiter Di berichtet hat, haben wir ausreichende Maßnahmen unternommen, um diese Geschichte mit dem Anpassungs-Büro ins Reich der Fabeln zu verbannen beziehungsweise als Fantasieprodukt im Meer der Unbedeutendheit versinken zu lassen.«

Der Vize legte eine Pause ein, um seine literarische Formulierung gebührend wirken zu lassen. »Nun aber dieser Film, der noch viel deutlicher auf uns verweist und Millionen Menschen erreicht ... Ich bin sehr beunruhigt. Denn wenn die Menschheit von unserer Behörde erfährt, von unseren Aktivitäten und Möglichkeiten, können wir unser Hauptziel, die Anpassung des Weltgeschehens an den Masterplan, nicht mehr verfolgen. Wir stünden als Versager da. Ja, nicht nur das, meine Herren, auch die Abwicklung der gesamten Behörde wäre denkbar und damit unser aller Entlassung.«

Ein umfassendes Aufstöhnen durchdrang den Raum. Verängstigte Kommentare wurden ausgetauscht.

»Wir gehen davon aus, dass der abtrünnige Agent hinter dem Filmprojekt steckt. Jahrelang hatte er stillgehalten oder keinen Boden für seine Behauptungen gefunden, aber er scheint nicht aufgeben zu wollen uns zu decouvrieren. Um den Plan und unsere Existenz nicht zu gefährden, müssen wir die Ursache für diese gefährlichen Umstände beseitigen, und das heißt, meine Herren: Der abtrünnige Agent muss endlich aufgespürt und beseitigt werden!«

Die Lautstärke im Raum schwoll an – begeisterte Zurufe, Händeklatschen, zustimmendes Geraune.

»Meine Herren«, der Vizepräsident hob beschwichtigend seine Hände, um Ruhe einkehren zu lassen. »In Übereinstimmung mit dem Großen Präsidenten habe ich bereits entsprechende Schritte eingeleitet. Nein, nicht was Sie jetzt vermuten – es ist nicht die Einrichtung einer Arbeitsgruppe beabsichtigt. Der vorliegende Fall erfordert schnelles und entschlossenes Handeln. Ich habe einen Killer beauftragt, das Problem zu lösen.«

Der Beifall wurde allerdings durch skeptische Zwischenrufe und -bemerkungen überlagert. »Seit wann wird denn hier so autoritär entschieden?«, »Haben wir jetzt gar nichts mehr zu sagen?«, »Solche Schnellschüsse sind immer gefährlich.«, »Wir haben noch nicht mal eine Tischvorlage bekommen.«, »Hat man eine Kosten-Nutzen-Analyse zu diesem Vorgehen erstellt?«

»Meine Herren«, übertönte der Vize die Unruhe mit dröhnender Stimme, »die Entscheidung ist gefallen. Ich beende die Versammlung und wünsche noch einen schönen Tag. Sie werden über die aktuellen Ereignisse natürlich auf dem Laufenden gehalten.«

***

Der abtrünnige Agent schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. »Interessieren Sie die Motive für mein Handeln?«

»Welches Handeln?«

»Nun, die Gründe, warum ich desertiert bin, warum ich den Dienst bei der Behörde einseitig quittiert habe, warum ich mich ohne offizielle Kündigung von der Truppe entfernt habe?«

»Mich interessiert es nicht, aber meine Chefs vermutlich schon. Ich nehm‘ das gerne in den Bericht auf.«

»Erzählen Sie mir erst, wie Sie mich aufgespürt haben.«

»Nun, diesen Philip K. Dick konnte ich ja nicht mehr kontaktieren, und vorsichtige Nachfragen bei seinen Nachkommen waren ergebnislos. Also habe ich mich an die Macher des Films vom Adjustment Bureau gewandt, besonders an den Regisseur, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Das war ein Volltreffer. Er konnte Sie gut beschreiben, erinnerte sich an Ihren Namen, der natürlich falsch war, gab mir Ihre Adresse, die nicht existierte, aber über die E-Mail-Adresse und andere Daten hatte ich Ihre Spur, und als ich Sie telefonisch kontaktierte und mich als jemand ausgab, der mehr über dieses merkwürdige Büro erfahren wollte, wusste ich, dass Sie anbeißen würden. Am Treffpunkt konnte ich Sie dann mit einem Trick hier in den Transformationsraum bringen.«

»Und hier wollen Sie mich töten?«

»Das ist nichts Persönliches, ich folge nur meinen Anweisungen. Man hat mir gesagt, Sie seien eine extreme Gefahr für den Masterplan und die Behörde, und daher müssten Sie eliminiert werden.«

»Sieht der Masterplan meine Beseitigung vor?«

»Sie wissen, dass der Plan nur dann auf Einzelfälle eingeht, wenn die große Linie, die im Schicksalsbuch vorgegeben ist, tangiert wird.«

»Wenn Sie mich am Leben ließen, wäre die große Linie tangiert, wie Sie selbst gesagt haben. Also trifft dies auch auf meinen Tod zu.«

»Kann sein, die Einzelheiten kenne ich nicht. Sie interessieren mich auch nicht. Ich hab‘ einen Job zu erledigen.«

»Wissen Sie, wer das Schicksalsbuch verfasst?« Der Abtrünnige hatte sich etwas vorgebeugt.

»Was für eine blöde Frage. Das Schicksalsbuch ist der Masterplan. Es existiert, seit es die Menschheit gibt.«

»Und wer schreibt es gelegentlich um?«

»Der Große Präsident nach Abwägung aller Informationen, um das Endziel nicht zu gefährden.«

»Was ist das Endziel?«

»Die Erlösung. Das wissen Sie genauso gut wie ich.«

»Aber Sie müssen zugeben, dass wir durch unsere Aktivitäten in das Schicksal einzelner Menschen, von Familien, Gruppen, ja, ganzer Gesellschaften eingreifen, indem wir Anfangs- und Randbedingungen manipulieren. Die Menschen haben das als Schmetterlingseffekt bezeichnet. Die Bewegung eines Schmetterlings kann über Folgeereignisse später einen Tornado auslösen.«

»Was soll das Gequatsche? Wir tun, was der Plan verlangt.«

»Was tun wir da eigentlich genau?«, wandte der Abtrünnige ein. »Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Als ich mit diesem Philip K. Dick sprach, und wir hatten viele Gespräche, ist mir einiges klar geworden. Er erzählte mir von einem Ereignis in seiner Kindheit, das ihn sein Leben lang beschäftigt und wahrscheinlich auch seinen Hang zur Esoterik geprägt hat. Er spielte mit einigen Erwachsenen, darunter seine Mutter, an einem regnerischen Urlaubstag ein Kartenspiel, bei dem nach jedem Spiel je nach Ergebnis die Punkte aufgeschrieben und addiert werden. Er lag punktemäßig hoffnungslos zurück. Eine Regel dieses Spiels besagt, dass, wer als erster an der Reihe ist auszuspielen und alle seine Karten auslegen kann – was sehr unwahrscheinlich ist - den Anderen als Verlierern die doppelte Punktzahl angerechnet wird. PKD, wie ihn alle nennen, verlangte in der Situation, als er an der Reihe war, als erster auszuspielen, gedanklich einen Gottesbeweis: Gott, wenn Du wirklich existierst, gib mir jetzt ein Blatt, mit dem ich alle Karten auf einmal ausspielen kann. Genauso kam es. Ich glaube nicht, dass in diesem Fall die Behörde eingegriffen hatte.«

»Wir können Begegnungen herbeiführen oder verhindern, wir können Menschen austauschen, aber keine Karten mischen.«

»Wie dem auch sei. PKD grübelte sein ganzes Leben nach einer Erklärung. War es wirklich Gott gewesen, der das Schicksal zu seinen Gunsten gelenkt hatte? Oder hatte sein Wunsch nach diesem Ereignis eine Art Psi-Kraft geweckt, mit der er die Kartenmischung beeinflussen konnte? Oder war dieses Ereignis unabwendbar, wäre es also auch ohne seinen Wunsch geschehen, hatte er es nur präkognitiv erahnt? Oder war es reiner Zufall?«

»Was hat das mit unseren Aktivitäten zu tun?«, fragte der Spürhund/Killer.

»Sehr viel. Ich will an diesem Beispiel die Grenzen unserer Behörde verdeutlichen. Ich habe mit PKD das beschriebene Ereignis mehrfach analysiert, wenn auch offensichtlich mit wenig Erfolg. Wir haben zwei Ereignisse: erstens das Auslegen aller Karten vor dem Zeitpunkt des Ausspielens und zweitens das Verlangen nach einem Gottesbeweis eines religiös verunsicherten Knaben. PKD vermutete, wie wohl die meisten Menschen, eine Kausalbeziehung zwischen beiden Geschehnissen: Gott hat sich mir auf meinen Wunsch hin offenbart, indem er mich in einer entscheidenden Spielsituation alle Karten auf einmal ausspielen ließ. Die Karten konnten deswegen alle gelegt werden, weil sie in einer bestimmten, passenden Ordnung in die Hand von PKD gelangt waren. Wie aber ist diese Ordnung zustande gekommen? Üblicherweise legen zum Ende der vorhergehenden Spielrunde alle ihre Karten auf den Tisch, und sie werden durcheinander und ineinander geschoben. Sie bilden trotz unstrukturierter Vorgehensweise eine neue Ordnung. Dann nimmt der Kartengeber die Karten auf und mischt sie, es entsteht per Zufall eine neue Kartenordnung. Er lässt den Spieler linkerhand abheben, und schon wieder ändert sich die Struktur der Kartenzusammensetzung. Je nachdem, nach welchem Muster er die Karten nun verteilt - jeder erhält eine Karte in wiederholt umlaufender Runde oder zwei oder drei Karten -, ergibt sich für die Spieler eine unterschiedliche Zusammenstellung ihres Blattes. Als alle Karten verteilt waren, hatte PKD bereits ein Blatt, mit dem er als erster sofort alle Karten ausspielen konnte. Und dass er kurz vor diesem Augenblick einen Gottesbeweis verlangt hatte, hatte auf die bereits erfolgte Kartenzusammensetzung keinen Einfluss, das heißt er hätte so oder so alle Karten auslegen können, egal ob er Gott bemühte oder nicht.«

»Hm«, wandte sein Gegenüber ein, »es kann natürlich auch sein, dass ein allmächtiger Gott dem PKD bei dieser Gelegenheit die Idee zu einem Gottesbeweis eingegeben hatte.«

»Möglich. Es könnte auch sein, dass Zeit und Kausalität Illusionen sind und in Wirklichkeit alle Ereignisse gleichzeitig bestehen. Aber wer bestimmt dann ihre Verknüpfung und nach welchen Kriterien?«

»Das Schicksalsbuch! Da haben wir's!«

»Eher nicht. Denn wenn in dem Schicksalsbuch die spätere Rolle PKDs in Bezug auf unsere Behörde bekannt gewesen wäre, wäre dieses Ereignis, das ihn mental ein Leben lang begleitete, verhindert worden. Genau so etwas kann unsere Behörde aber nur in sehr begrenztem Maße. Wir können Menschen beeinflussen, ersetzen und notfalls eliminieren, aber wir können Ereignisfolgen nicht manipulieren. Wir hätten zum Beispiel sehr leicht den Tod von James Dean verhindern können ...«

»Wer ist das denn?«

»James Dean war ein bekannter Schauspieler in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und obwohl er nur in drei Filmen spielte, wurde er zum Idol der damaligen Jugend. 1955 raste er mit seinem offenen Sportwagen in einen falsch abbiegenden Lastwagen und starb mit seinem Freund noch an der Unfallstelle. Wäre dieser Schauspieler von Bedeutung für den Masterplan gewesen, hätten wir seinen Tod leicht verhindern können. Einer unserer Agenten hätte ihn zum Beispiel kurz vor seiner Abfahrt um ein Autogramm bitten können, so dass er ein paar Minuten später losgefahren wäre - der Unfall wäre nicht geschehen.«

»Der Plan sah halt was anderes vor.«

»Nein, James Dean spielte im Plan keine Rolle, PKD später aber doch. Nur bei ihm konnten wir beizeiten nicht eingreifen, sondern nur später mit erheblichem personellem Aufwand.«

»Die Ereignisse zu einem Zeitpunkt t1«, fuhr der abtrünnige Agent fort, »können als Folge der Vor-Ereignisse zum Zeitpunkt t0 sehr vielfältig sein - es tritt aber nur ein ganz bestimmtes Ereignis ein. Im Zeitpunkt t1 gibt es eine sehr große Ereignisvielfalt als Folge der Variationen in t0, aber nur ein Ereignis findet statt, findet also den Weg einer Möglichkeit in das Reale. Die entscheidende Frage lautet: Warum gerade dieses Ereignis und kein anderes? Wer steuert den Prozess von den Ereignispotenzialen zu einem singulären Geschehen? Hier kommt die Wahrscheinlichkeitsrechnung ins Spiel. Wenn es nicht Gott ist oder PKDs Wille oder das Schicksalsbuch, dann ist es der Zufall. Was die Behörde tut, ist die Reduktion von zufälligen Ereignissen auf eines, von dem wir ausgehen, dass der Plan es so will. Wir zerstören damit die Kreativität des Zufalls, wir zerstören Vielfalt, wir verhindern freie Entfaltungsmöglichkeiten. Dabei hat die Behörde oft genug Mist gebaut, weil sie Dinge im Anfangsstadium übersehen hat und Entwicklungen nicht rechtzeitig korrigieren konnte.«

»Unser System ist nicht fehlerfrei.«

»Eben. Was ich mich nach einiger Zeit als Agent gefragt habe, ist dieses: Was würde geschehen, wenn wir nicht eingreifen würden? Wäre die Entwicklung schlimmer, im Sinne von schädlicher, für die Menschheit oder besser? Diese Frage können wir nicht beantworten, weil wir kein Parallel-Szenario haben. Wir haben immer nur den einen Plan, den Masterplan, den das Schicksalsbuch vorzeichnet.«

»So ist es. Und das ist unanfechtbar.«

»Ist es nicht. Der Verzicht auf diese Vorgaben gäbe den Menschen die Chance auf Mündigkeit, mehr Selbstverantwortung, die aber nehmen wir ihnen mit unserer blinden Planverfolgung. Sehen Sie, das waren Überlegungen, die mich zweifeln ließen, die mich veranlasst haben, die Seite zu wechseln.«

»Nun gut, genug geredet«, sagte der Spürhund/Killer und hob seine Waffe.

»Ist Ihnen nie die Idee gekommen«, warf der Abtrünnige ein, »dass es noch eine andere Behörde geben könnte, die einen anderen Masterplan verfolgt?«

Der Spürhund/Killer wirkte für einen Moment verstört.

»Wir sind immer nur von einem Plan und einer Behörde ausgegangen. Die war so geheim, dass über meine Informationen nur Gerüchte in die Welt kamen. Aber es wäre ja denkbar, dass eine andere Behörde mit einem Alternativplan existiert, die genau so geheim ist wie unsere. So geheim, dass auch unsere Behörde nichts von ihr weiß, ihre Existenz nicht einmal ahnt. Das würde erklären, warum trotz des Masterplanes unserer Behörde so vieles schief läuft. Diese Behörde würde gegen uns arbeiten und unsere Pläne konterkarieren.«

Der Spürhund/Killer zog seine Augenbrauen nach oben und öffnete leicht seinen Mund. Sein rechtes Bein zuckte nach vorne, sein Oberkörper versteifte sich.

»Es geht noch weiter«, fuhr der abtrünnige Agent X 10 fort, »vielleicht gibt es sogar einen Meta-Masterplan, der den Plänen der beiden Behörden übergeordnet ist. Und dieser übergeordnete Plan sieht vor, dass ich heute nicht sterben werde.«

Der Spürhund/Killer erstarrte. Die Dimensionen der Tiefgarage verschoben sich. Decke, Seitenwände und Fußboden bildeten verschwommen überlagerte Muster, die sich langsam, aber stetig wandelten. Farbige Blitze zuckten über seine Augäpfel. Plötzlich war der abtrünnige Agent vor/neben ihm. Er spürte einen Faustschlag ins Gesicht und kippte mit seinem Stuhl hintenüber. Seine Waffe landete polternd auf dem Betonboden.

Der abtrünnige Agent hob sie auf, steckte sie in den Hosenbund unter seinen Regenmantel, lüftete zum Abschied höflich seinen Hut und verließ in aller Ruhe die Tiefgarage, um in einem nahe gelegenen Café einen Cappuccino zu trinken.

***

»Meine Herren«, hob der Vizepräsident an, »ich habe Sie zusammen rufen lassen, weil wir in einer katastrophalen Lage sind. Nicht nur, dass wir den abtrünnigen Agenten zwar ausfindig machen, ihn aber nicht eliminieren konnten, er hat auch unseren Spürhund-Agenten außer Gefecht gesetzt und angekündigt, seine Aufklärungskampagne, in Anführungszeichen, zu intensivieren. Das Schreckliche aber ist, er hat auf eine andere Behörde verwiesen, von der wir bislang keine Kenntnis hatten und die gegen uns zu arbeiten scheint.«

Die Spannung im Saal erhöhte sich schlagartig. Die Gesichter drückten Panik, Entsetzen, Ungläubigkeit und Resignation aus. Aufgeregtes Gemurmel webte einen nervösen Klangteppich über den Raum. Nach der Aufforderung durch den Vizepräsidenten erstattete der Spürhund/Killer seinen detaillierten Bericht, der die Unruhe noch steigerte.

»Meine Herren«, fuhr der Vorsitzende fort, nachdem der Berichtende geendet hatte und alle Gesichter sich ihm zugewandt hatten. »Wie Sie sehen, ist die Lage vergleichbar mit dem, was die Menschen als Super-GAU bezeichnen. Ich habe die Situation mit unserem Großen Präsidenten erörtert, und wir sehen uns gezwungen, die Option Omega einzuleiten.«

Die Anwesenden sprangen auf, laute Rufe ertönten überall: »Nein, das darf doch nicht wahr sein!«, »Unmöglich!«, »Alles, nur das nicht!«, »Der Plan erbarme sich unser!«

Inmitten der Turbulenzen erhob sich der Vizepräsident und winkte den beiden Hauptabteilungsleitern, die bereits eingeweiht waren, zu. Zu dritt schritten sie zum seitlich gelegenen Schaltpult, betätigten alle möglichen Regler und warteten ab. Eine lähmende Stille hatte sich über die Anwesenden gelegt.

Der Vizepräsident blickte rechts und links auf seine beiden Helfer, und auf seinen Befehl hin drückten alle drei gleichzeitig die rot bemalten Hebel nach unten.

***

Das Universum hielt plötzlich in seiner expansiven Ausdehnung inne. Es erzitterte, als wüsste es nicht weiter. Dann, nach einem unmessbaren Augenblick des Stillstands, setzte die Kontraktion ein und diese beschleunigte sich mit exponentieller Geschwindigkeit.

Die Zeit fing an rückwärts zu laufen. Die kosmische Inversion erfasste das gesamte Kontinuum. Philip K. Dick erhob sich aus seinem Grab, setzte sich an den Schreibtisch und begann, seine letzte Kurzgeschichte zu schreiben: The Name of the Game is Death.

 

 

 

© 2014 by Wolf Welling
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in René Moreau, Olaf Kemmler & Fabian Tomaschek (Hrsg.): Exodus 31 (2014)

Alle Rechte vorbehalten

  

Wolf Welling ist das Pseudonym für Dr. Wolfgang Pippke, der in der schönen Fachwerkstadt Soest wohnhaft ist. Studiert hat er Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln, doch seinen Hang zur Science Fiction hat ihn immer wieder dazu gebracht, selbst zu schreiben. Seine SF-Stories erschienen vor allem in den Magazinen Exodus und Nova und wurden mehrfach für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. 

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