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NERD TALK

Von Negerkönigen und Sexobjekten: Wie viel Political Correctness benötigt die Fantastik?


Zwischen Zensur, Heuchelei und Notwendigkeit – wie beeinflusst Political Correctness die Fantasy- und SciFi-Kultur? Diese Frage stellt sich Stefan Servos, dem der neue Trend zur übertriebenen Korrektheit Bauchschmerzen bereitet.

Über das Thema diskutiert er mit Tommy Krappweis und Sven Vößing außerdem live am 25. April um 19:30 Uhr im nerdigen Video-Talk.  ACHTUNG, UPDATE (20.4.): TERMIN VERSCHOBEN. DATUM WIRD BEKANNT GEGEBEN.


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Die Kinderbücher hat es längst ereilt. Ob der „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf, der „Nigger“ in Die Abenteuer des Tom Sawyer oder das „Schuhe wichsen“ in Die kleine Hexe – diskriminierende oder anstößige Bezeichnungen werden nach und nach aus der Kinderliteratur getilgt. Die Vertreter der politischen Korrektheit fordern Erzählungen, die nicht mehr anecken. Eine Bewegung, die jetzt auch das Geekdom erreicht und einen regelrechten Kulturkrieg ausgelöst hat. Ein Kampf von Kunst- und Meinungsfreiheit gegen die Befindlichkeiten von Menschen ist entbrannt.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

Dass Hermine aus Harry Potter eigentlich schwarz ist, wissen wir ja spätestens seit Harry Potter and the Cursed Child. Autorin J.K. Rowling hat dies offiziell abgesegnet. Aber war diese Besetzung eine künstlerische Entscheidung, oder wollte man sich vielmehr einer Minderheit anbiedern? Und was kommt als nächstes? Wird die Hälfte der Gefährten aus Der Herr der Ringe durch weibliche, afroamerikanische Behinderte ersetzt? Und die ganzen wunderschönen, barbusigen Sexobjekte (Frauen) in den Conan-Romanen von Robert E. Howard werden in zukünftigen Ausgaben durch gleichberechtigte Alice-Schwarzer-Verschnitte ersetzt? Okay, was ich hier in absichtlich polemischem AfD-Tonfall in den Raum stelle, soll nur den Kern des Problems deutlich machen: Wann ist politische Korrektheit relevant, wann ist sie angebracht, und in welchen Fällen eher fragwürdig? Genau wie in den Geschichten von Astrid Lindgren ein gewisser rassistischer Kolonialismus mitschwingt, transportieren Fantasy-Autoren wie Howard oder Tolkien unter anderem auch ein bestimmtes Frauenbild ihrer Zeit. Die Frage ist, wie man diese Weltbilder heutzutage einordnen und ob man sie korrigieren muss. So haben die Macher des aktuellen Computerspiels Mittelerde: Schatten des Krieges beispielsweise die gondorianischen Heerscharen gleichberechtigt mit Frauen und Männern besetzt, obwohl dies den Beschreibungen von Weltkriegsveteran Tolkien klar widerspricht, der die Rolle des männlichen Soldaten in seinen Geschichten geradezu zelebriert. Die „Korrektur“ dieser fiktiven Welt hat begonnen. Mittelerde wurde zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 50er Jahren erschaffen, ist es zwingend notwendig, es jetzt einer Frischzellenkur zu unterziehen? Oder ist das schon Geschichtsrevisionismus?

Verstaubte Weltbilder im rechten Licht

Ganz klar, wenn sich ein testosterongeschwängerter Conan eine nackte, schreiende Frau schnappt, weil es ihn danach verlangt, dann hatte dies Anfang des 20. Jahrhunderts eine ganz andere Bedeutung als heutzutage. Doch auch in den Adaptionen der klassischen Werke schätzen Fans diese Ursprünglichkeit des Stoffs. Sind sie deswegen schlechtere Menschen? Ja, finden Frauenrechtlerinnen, die schon vor einigen Jahren mit Petitionen gegen die Barbusigkeit im Computerspiel Age of Conan protestierten. Und beim Conan-Brettspiel empörten sich die Gemüter über die Darstellung einer nackten gefesselten Frau auf dem ursprünglichen Cover. Ebenfalls für Unmut sorgte die Tatsache, dass die einzige weibliche Spielfigur Belit nicht gerade durch die Anwesenheit von Kleidung glänzt. Während Spielehersteller und Verlage sich damit zu rechtfertigen versuchten, die ursprüngliche Conan-Atmosphäre bewahren zu wollen, kritisierten Spieletester eine Vermittlung eines nicht mehr zeitgemäßen Frauenbildes. Aber wenn Conan-Adaptionen politisch korrekt wären, wäre es dann noch Conan? Allgemein gefragt: Ist eine vollkommen auf politisch korrekt gebügelte Welt überhaupt noch glaubwürdig? Denn ganz offenbar ist unsere Welt auch nicht so wirklich politisch korrekt. Und wäre Game of Thrones so erfolgreich gewesen, wenn George R.R. Martin sich beim Schreiben die Political Correctness zum Grundsatz gemacht hätte? Oder machen vielleicht gerade die Reibungspunkte den Reiz der Geschichte aus?

SciFi-Kulturkrieg in den USA

Der Trend zur Political Correctness ist kaum aufzuhalten, was vielen mittlerweile ein Dorn im Auge ist. Dass bei den renommierten Hugo Awards Jahr für Jahr immer mehr weibliche, transsexuelle und schwarze Autoren für ihre SciFi-Romane ausgezeichnet wurden, die sich vor allem mit genderspezifischen Themen oder der Unterdrückung von Minderheiten beschäftigten, ist einer ganzen Reihe konservierter (männlicher, weißer) SF-Autoren bitter aufgestoßen. Im Versuch ihre Domäne der „guten, alten Werte“ zu retten haben die Autoren rund um Larry Correia (Monster sehen und sterben) und John C. Wright (The Golden Age) ihre Fans aufgerufen, die Hugo Award Wahlen so zu beeinflussen, dass wieder mehr traditionelle SF-Romane für die Awards nominiert werden. Das Ergebnis war 2015 ein Eklat, durch den es in fünf Kategorien einfach gar keinen Gewinner gab. Der Hauptpreis für den besten internationalen Roman aber ging politisch ziemlich korrekt an den Roman Die drei Sonnen des chinesischen SF-Autors Liu Cixin. Und das ist nur ein Beispiel  dafür, wie aufgeladen die Situation derzeit ist.

Wo sind die Grenzen?

Eine gewisse politische Korrektheit ist ein durchaus edles Anliegen, aber wo sind die Grenzen? Müssen nicht im Prinzip alle Ethnien, alle Formen von Behinderung, homo-, bi-, trans- und intersexuelle Neigungen ebenfalls in aktuellen Erzählungen proaktiv berücksichtigt werden, um Minderheit nicht vor den Kopf zu stoßen? Oder passiert das etwa bereits? Mittlerweile schmückt sich ja so manche Erzählung schon ausdrücklich mit queeren Figuren, damit sich dann alle auf die Schulter klopfen können, wie tolerant sie sind. Dabei haben diverse Autorinnen wie etwa Lynn Flewelling in ihren Romanen (z.B. Schattengilde) schon vor vielen Jahren die typischen Geschlechterrollen durchbrochen und ganz selbstverständlich Themen wie Bisexualität oder Transsexualität behandelt. In Fiona Pattons Die Brandon-Saga wird eine Welt beschrieben, in der es außergewöhnlich viele gleichgeschlechtliche Beziehungen gibt. Das hat niemandem wehgetan und wurde auch nicht als falsche politische Correctness ausgelegt, sondern als Spielart des Genres. Wenn aber jetzt in Spielen, Büchern und Filmen krampfhaft der Fokus auf die Herkunft oder Sexualität einzelner Charaktere gelegt wird, stellt sich die Frage, ob dies nicht zum Selbstzweck verkommt und das eigentliche Anliegen dahinter zurücktritt. Spielehersteller Bioware treibt in seinem Computerspiel Dragon Age Inquisition die proaktive Political Correctness auf die Spitze, in dem die Bedeutung von Geschlechtseigenschaften und Herkunft nahezu komplett aufgelöst wird. Und die Macher von Star Trek betonen im letzten Kinofilm (Beyond) geradezu die Homosexualität von Crewmitglied Hikaru Sulu (John Cho), was sogar zu dem Protest von Classic-Darsteller George Takei führte, der im realen Leben schwul ist, die Rolle aber nie homosexuell angelegt hatte. Denn das eigentliche Problem ist nicht die Herkunft oder die Sexualität eines Charakters, sondern welche Funktion diese in der Erzählung hat. Wenn sie nur aus politisch korrekten Gründen zum Selbstzweck verkommt, führt dies das ursprüngliche Anliegen ad absurdum. Soll heißen: Wenn ich in einer von weißen Hautfarbe geprägten Geschichte aus Alibigründen einen schwarzen Charakter auftauchen lasse, ist das der eigentliche Rassismus, weil ich damit erst die Unterschiedlichkeit der Herkunft betone. Muss denn der Minderheitencharakter dem Zuschauer/Leser zwingend mit dem Zaunpfahl aufs Auge gedrückt werden oder reicht einfach eine Darstellung, die eine gewisse Selbstverständlichkeit mit sich bringt, ohne zu betonen, wie unglaublich politisch korrekt man doch ist?

Was darf Kunst und Unterhaltung?

Wir sind uns doch einig: Wir wollen alles nette Menschen sein und niemanden verletzen. Doch was, wenn Romane, Filme, Kunstwerke, die uns Freude machen, andere Menschen beleidigen, diskriminieren oder verwirren? Haben wir dann Freude an den falschen Dingen? Wie viel Political Correctness braucht die Kunst eigentlich? Inwieweit ist es für bestimmte Ethnien verletzend, dass in Der Herr der Ringe nur europäisch anmutende Figuren die Helden sein dürfen? Inwieweit ist es sexistisch, wenn in Not geraten Jungfrauen von strahlenden Helden gerettet werden müssen? Am Ende muss man sich die Frage stellen: Welche gesellschaftliche Auswirkungen haben Geschichten, die nicht politisch korrekt sind? Beeinflussen sie unser Denken und Selbstverständnis von der Welt? Werden wir durch den Genuss von politisch unkorrekter Kunst auch automatisch zu politisch unkorrekten Menschen? Und wird dies abgewendet, wenn wir die Geschichten politisch korrekt ausbügeln? Fühlt sich politische Korrektheit, trotz der Toleranz propagierenden Absicht, nicht ganz oft wie das intolerante Gegenteil an? Ist es am Ende nicht nur Zensur und Einschränkung, um ein Denken zu erzwingen, das nicht der Realität entspricht? Vielleicht ist eine krampfhafte Vermeidung von rassistischem, sexistischem oder diffamierendem Gedankengut gar der falsche Weg? Vielleicht sollten solche Gedanken viel bewusster und offener reflektiert werden, um sie als das zu sehen, was sie sind.

Gute Absichten, schlechte Umsetzung

In der sehr hehren Absicht, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen, ist da dogmatische Political Correctness der Schlüssel oder sollte man das Problem doch etwas differenzierter angehen? Vielleicht wäre eine individuelle Einordnung und Kontextualisierung manchmal der bessere Weg. Fangen wir mal bei der Kinderliteratur an: Anstatt den „Negerkönig“ aus dem ursprünglichen Pippi-Langstrumpf-Text zu löschen, wäre es doch vielleicht eine Lösung gewesen, das Wort stehen zu lassen und mit einer Fußnote zu versehen, die erklärt, dass es sich bei Entstehung des Romans um einen gebräuchlichen Begriff handelte, der nicht mehr zeitgemäß ist, weil wir es heute besser wissen. Und in der Fantasy? Bei einem sexualisierten Conan-Spiel könnte jeder nackten Frau auch ein nackter Mann entgegen gesetzt werden (wie es übrigens bei Conan Exiles auch der Fall ist).

Wie gesagt: Die Absicht, niemanden verletzten zu wollen, ist durchaus lobenswert, aber wenn sie beginnt, die Erzählungen einzuschränken oder zu beeinflussen, dann sollte sie hinterfragt werden dürfen. Die Diskussion darüber hat offenbar gerade erst begonnen. Und bis sie entschieden wird, bleiben erst einmal ganz viele Fragezeichen. Das verunsichert sogar den guten, alten Deadpool, der sich im gleichnamigen Marvelfilm die Frage stellt, ob es nun sexistisch wäre, die weiblichen Schergen des Bösewichts zu schlagen (weil frauenfeindlich) oder ob es sexistisch wäre, sie nicht zu schlagen (wegen der Gleichberechtigung).

Ich weiß es doch auch nicht Deadpool, ich weiß es doch auch nicht.

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