Phantastische Vorläufer: die Sage

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ESSAY

Phantastische Vorläufer: die Sage


Mythen, Sagen und Märchen sind Genres der Phantastik, die es seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden gibt. Und ohne ihre drei Vorgänger sind die heutige Science Fiction, die Fantasy und der Horror jedoch undenkbar, denn ein Großteil ihrer Motive, ihrer Symbolik und ihrer Begrifflichkeit entstammen deren Erzählschatz, und auch typische Plots werden immer wieder den Klassikern immer wieder entlehnt. Diese kleine Serie auf TOR ONLINE stellt die Vorläufer der modernen Phantastik vor – in diesem Fall die Sage.


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Die Sage dürfte in etwa genauso alt sein wie der Mythos, wahrscheinlich wurden beide an den gleichen Lagerfeuern erzählt. Sie sind einander ja auch sehr ähnlich mit ihren Geschichten von Göttern, Dämonen und großen Taten. Aber die Sage diente längst nicht so sehr der Sinngebung und vorwissenschaftlichen Erklärungszwecken wie der Mythos . Die Sage sollte den Menschen vielmehr einbinden in die wundersame Natur und die großen historischen Ereignisse der eigenen Lebensumwelt. Und sie sollte unterhalten – aber davon gleich mehr. Der Mensch ist nicht nur Beobachter der Welt, sondern er ist Teil von ihr. Wie aber könnte er teilhaben an den wunderbaren und mächtigen Dingen, die der Mythos erzählt? Offensichtlich steht er nicht in unmittelbarer Verbindung mit den Göttern. Auch die Schöpfungsgeschichten erklären zwar eine ganze Menge, aber sie weisen dem Einzelnen einen doch eher abstrakten Platz im Kosmos zu. Begeisterung kommt da nicht zwangsläufig auf. Aber zwingend ist es ja nicht, dass der direkte Kontakt ausgeschlossen ist. 

Phantastische Vorläufer: die Sage

Wenn schon die normalen Männer und Frauen am Lagerfeuer, auf dem sumerischen Weizenfeld oder dem griechischen Marktplatz nicht selbst mit den Göttern und anderen Mächten kommunizieren konnten, so hatten dies doch vielleicht die Vorfahren getan. Jedes Dorf und jede Stadt hat einen geschichtlichen Hintergrund, der über die Generationenfolge hinweg weitererzählt wurde, und nichts lag da näher, als die langweiligen, die unerklärlichen und die vergessenen Punkte in der Vergangenheit mit Ereignissen aus dem Mythos zu verbinden, um sie spannender zu machen und den eigenen Wert zu erhöhen. Außerdem: Konnte es denn nicht sein, dass man selbst einst einen Platz unter den Sagengestalten einnehmen würde? Tausende das Holzschwert schwingende Kinder auf antiken hellenischen Dorfplätzen dürften davon überzeugt gewesen sein. Das war die Geburtsstunde der Sage.

Die Sage als naive Geschichtserzählung

Die Sage ist laut Grimmschem Wörterbuch die „kunde von ereignissen der vergangenheit, welche einer historischen beglaubigung entbehrt“. Sie wird von den Gebrüdern Grimm als „naive geschichtserzählung und überlieferung“ definiert (Grimmsches Wörterbuch, Band 14, Spalte 1647).

Die Sage erhebt also den Anspruch, von wahren Ereignissen zu berichten – ganz wie der Mythos. Sagen sind dem Mythos relativ eng verwandt, aber sie sind weniger kraftvoll als Mythen. Sie erzählen von angeblich wahren Ereignissen, aber sie versuchen weniger, durch die Erzählung die Welt zu erklären, sondern dienen deutlich stärker einem anderen menschlichen Urbedürfnis: dem nach Unterhaltung. Wenn eine Wohnstatt errichtet und die Ernährung für Erste sichergestellt ist, tritt die Muße in das Leben der Menschen und der Intellekt verlangt nach Beschäftigung und Unterhaltung. Die Anthropologie geht heute davon aus, dass der Mensch in der Steinzeit und zu Zeiten erster Sesshaftigkeit und Land- und Ackerbau mit einer täglichen Arbeitsleistung von vier bis sechs Stunden auskam. Das ließ reichlich freie Zeit, die zu füllen war.

Hier kommen Geschichten ins Spiel, und ganz besonders die Sage, die dem Menschen eine Rolle auf der übergroßen Bühne des Mythos zuwies; einer Bühne, die der Mythos vornehmlich mit übermenschlichen Gestalten wie den Göttern füllte. Die Sage verwies auf die Vergangenheit und vergewisserte die Zuhörerschaft darüber, dass auch der Mensch eine wichtige Rolle spielt und er auf eine großartige Geschichte zurückblicken kann. Damit hob sie das Selbstwertgefühl und Geschichtsbewusstsein ihres Publikums. Neben einer gemeinsamen Sprache und Herkunft stellte auch die Sage ein soziales Instrument dar, welches den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichern half.

Zu ihrem Entstehungszeitpunkt waren Sagen eine regionale Angelegenheit. Griechen erzählten sich griechische Sagen, Wikinger erzählten einander nordische Sagen usw., während Ali Baba und die 40 Räuber eher nicht zum Sagenschatz der Bodenseeregion zählten. Durch ihre Regionalität stellten Sagen einen direkten Bezug zur Zuhörerschaft her. Den welterklärenden Mythos setzten sie einfach voraus und legten größeren Wert darauf, auch zu unterhalten. Niemand musste einer Gruppe hellenischer Knaben erklären, dass Zeus das Wetter und Poseidon die See beherrscht, und das mit beiden oft nicht gut Kirschen essen ist. Die Sage konnte also bedenkenlos Geschichten berichten, in denen die Helden zu Land und zu Wasser entsprechend von dem göttlichen Brüderpaar gebeutelt wurden; diese Art von Erzählungen nutzte die göttliche Intervention aber eher als Spannungsmoment, als dass sie vorhatte, Ursache und Wirkung von Naturgewalten zu erklären.

Phantastische Vorläufer: die Sage

Das psychologische Moment

Die Sage sollte auch gar nicht mehr den Kosmos und die Welt an sich erklären, als vielmehr den Menschen und sein Verhalten beleuchten. Und das eben auch nicht in hauptsächlich pädagogischer Absicht wie später beim Märchen, sondern mindestens auch unterhaltend; und zum Entertainment kann ein kritiklos bewundernder Blick ebenso gehören wie ein hämisches Zwinkern voller Schadenfreude. Sagen weisen grundsätzlich ein psychologisches Moment auf, dass ihre Nähe zum realweltlichen menschlichen Leben zementiert. Typische Inhalte von Sagenstoffen sind menschliche Eigenschaften wie Mut, Feigheit, Liebe und Hass – man denke nur an die Nibelungensage, die keinerlei menschliche Niedertracht ausspart. Damit kommt durch die Sage ein moralisches Moment herein, das im Mythos kaum eine Rolle spielt. Der Mythos erzählt, warum die Welt ist, wie sie ist, aber er urteilt nicht darüber, ob es gerecht ist, dass die Götter das Getreide wachsen oder nicht wachsen lassen. Die Götter und das Schicksal sind halt so ...

Der Mensch in den Sagen aber wird nach moralischen Maßstäben beurteilt und geschildert. Zwar ist er auch oft tragischen Unglücken ausgesetzt, an denen er keine Schuld trägt, so wie Ödipus seinen Vater tötet und die Mutter heiratet, ohne dass er etwas davon ahnt. Aber neben aller menschlichen Tragik, in der noch viel vom tröstenden Moment des Mythos steckt, stellen die Sagen den Menschen doch auch mit all seinen Schwächen und Stärken dar. So porträtieren die politischen Kämpfe der Griechen bei der Belagerung Trojas oder die der Germanen im Sagenkreis der Nibelungen menschliche Eitelkeiten sehr genau. Die Erlebnisse der beklagenswerten Opfer sowie das oft das grausige Schicksal der Täter weisen eindeutige moralische Schuld zu. 

Phantastische Vorläufer: die Sage

Aber, wie schon kurz angeklungen, kommt in den Sagen im Gegensatz zum Mythos auch erstmals der Unterhaltungswert von Erzählungen zum Ausdruck. Sagen wollen nicht bloß die Zuhörerschaft mit ihrer Vergangenheit verbinden und dabei allein von menschlichen Schwächen und Stärken erzählen. Sie wollen auch unterhalten und sie zeigen diese Unterhaltungsfunktion deutlich in ihren unglaubhaften Übertreibungen. Wobei es natürlich Unterschiede gibt. Die Sage vom Trojanischen Krieg ist, wenn man mal von den göttlichen Direkteingriffen absieht, selbst heute noch ziemlich glaubwürdig und Heinrich Schliemann hat mit der Ausgrabung Trojas eindrucksvoll bewiesen, dass alte Sagen wahre Kerne besitzen können. Aber schon die Geschichte von der Rückfahrt des Odysseus aus eben diesem Krieg muss selbst dem damaligen Publikum im Alten Griechenland zumindest in Teilen unglaubwürdig erschienen sein. Viele Menschen mögen ja noch an Meerungeheuer und Sirenen geglaubt haben, aber hochgradig dumme Zyklopen, die mit den Worten „Niemand hat mir etwas angetan“ um Hilfe rufen, sind eine Form zeitgenössischen Slapsticks und hatten schon damals reine Unterhaltungsfunktion. Die Ereignisse der Odyssee, die immerhin einer ganzen Literaturgattung einen Namen gab, stehen für die unvorhersehbaren Fährnisse, die jedem Lebenslauf widerfahren können. Damit hat dieser besondere Reisebericht symbolischen Charakter. Das spiegelt sich auch in Einzelmotiven wider, etwa in der Darstellung von Versuchungen und Sehnsüchten in Form des Aufenthalts Odysseus´ bei der Zauberin Circe oder bei der Begegnung mit den Sirenen. Die Erlebnisse mit den menschenfressenden Laistrygonen oder dem Zyklopen Polyphem dienen jedoch hauptsächlich als Spannungssequenzen, die die Sage interessanter machen sollten. Heute würden wir so etwas Actionszenen nennen.

Phantastische Vorläufer: die Sage

Sagen entstammen der Tradition der mündlichen Überlieferung und weisen in der Regel keine einzelnen Autoren auf. Selbst bei den berühmten homerischen Sagen ist man sich mittlerweile ziemlich sicher, dass sie nicht auf einen Autoren namens Homer zurückzuführen sind. Aber immer sind Sagen auch phantastische Geschichten, denn sie sind mit „der Vorstellung des Außergewöhnlichen eng verbunden“, wie Max Lüthi sagt. Die historischen Kerne, so es denn überhaupt konkret zuordbare gibt, werden in der Sage ausgeschmückt und um phantastische Elemente ergänzt. Nicht nur die Kämpfe, Leiden, Opfer und Siege werden größer und länger geschildert als sie es in Wirklichkeit gewesen sein können, auch eindeutig unmögliche Dinge kommen hinzu: Magie, übermenschliche Kräfte, dämonische oder göttliche Interventionen. Trotzdem behielt die Sage im Kern den Anspruch bei, tatsächlich Geschehenes wiederzugeben, wenn auch mit einer ordentlichen Portion künstlerischer Freiheit. Das Sagenpublikum wusste dies und akzeptierte es, glaubte aber an den Kern des Erzählten. Letztlich ähnelt das doch sehr der modernen Phantastik, die da, wo sie Trauer und Freude, Furcht und Mut, Hass und Liebe in Szene setzt, realistische Kerne enthält. Gute Unterhaltung muss ihr Publikum bewegen, und dazu bedarf es dieser menschlichen Wahrheiten.

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